Fritz Gött

Über das Scheitern des maoistischen
Entwicklungsweges in China: 1949 – 1978

Eine Gefahr, vielleicht sogar die größte für einen Revolutionär ist, Revolution mit einem großen R zu schreiben und dabei die gesellschaftlichen Realitäten aus den Augen zu verlieren. Der vorliegende Beitrag nun versucht zu ergründen, ob auch die KPCh unter Mao Tse-tung nach 1949 dieser Gefahr erlegen ist. Dabei kann der Autor nur einige Fragen und Probleme anreißen. Das offensichtliche Scheitern der Maoistischen Linken nach 1949 jedenfalls verlangt nach einer Erklärung. Dazu will der Autor beitragen. Eine weiter führende Diskussion über meinen Beitrag hinaus – ob im Rahmen der AzD oder woanders – wäre wünschenswert.

China 1949

1949 war die KPCh mit einer bäuerlich dominierten Volksbefreiungsarmee Herr über Festlandchina geworden (F. Gött, 2012). Nur ‚wenige‘ Schritte waren noch zu gehen um die Einheit und Souveränität des Landes wieder herzustellen: so die Rückeroberung der Insel Hainan; die Invasion in die Inselprovinz Taiwan, in der die bedeutendsten militärischen Reste der GMD standen; das Ausräuchern der letzten Widerstandsnester der einstigen Staatspartei GMD; die Klärung der Tibet-Frage, dessen einseitige ‚staatliche‘ Loslösung von China (1913) weder KPCh noch GMD je akzeptiert hatten usw. Innenpolitisch war zu klären, wie die demokratische Volksrevolution unter Führung der KPCh zu Ende geführt werden konnte, wann (und wie) Schritte in Richtung Sozialismus zu gehen seien, dem erklärten Ziel der KPCh. Mammut -Aufgaben für eine Partei und Bewegung, die jahrzehntelang im Kriegszustand verharren musste und der wenig Zeit zur theoretischen Diskussion geblieben war. Allerdings trat die „Volksrepublik China“ am 1.Okt. 1949 nicht als sozialistischer Staat, sondern als „Neue Demokratie“ in die Geschichte ein, gegründet auf einem Klassenbündnis zwischen Arbeitern und Bauern, Kleinbürgertum und der Nationalen Bourgeoisie, unter Führung der KPCh: Ein Umstand, der uns noch mehrfach beschäftigen wird. Den konkreten Fahrplan in die Zukunft Chinas hatte die KPCh zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht. Einerseits begann man sich beim Aufbau des befreiten Landes am sowjetischen Modell zu orientieren (was einem politischen Bündnis mit der Sowjetunion entsprach), andererseits ging man pragmatische Schritte, um das Erkämpfte und Erträumte zu konsolidieren und zu durchdringen.

Nichts ist voraussetzungslos

Auch Chinas Kommunisten agierten auf historischem Boden. Wie in Russland vollzog sich die chinesische Umwälzung von 1911 bis 1949 in einem zurückgebliebenen Land, zumindest wenn man den Maßstab Westeuropas oder den der USA anlegt. Doch anders als in Westeuropa gab es in „Alt-China“ nie einen Feudalismus (mit Leibeigenen und Hörigen) oder eigene kapitalistische Keime. China war seit dem 4. Jh. v.u.Z. das, was man mit dem Begriff „Vorkapitalistische Gesellschaftsformation “ umschrieben hat, mit einem kaiserlichen Regime an der Spitze. Seit dem 19. Jh. unserer Zeit war diese Gesellschaft der Aggression und den kolonialen Ambitionen westlicher und östlicher Imperialisten ausgesetzt. Sie implantierten hier aber auch eigene städtische Konzessionen, Werkstätten und Industrien, Bergwerke und Eisenbahnlinien usw., ohne dass diese kapitalistischen oder ausländischen ‚Inseln‘ prägend und ökonomisch bestimmend für das erwachende China wurden.

Allerdings wirkten diese Implantate als Gärstoff in einer verfallenden Gesellschaft. Die gesellschaftlichen Widersprüche des „Alten China“ entluden sich im Sturz des Kaiserreiches 1911. Doch nicht alle Probleme der alten Gesellschaft wurden so gelöst. China blieb eine „Halbkoloniale Gesellschaft“, in der der ausländische Imperialismus als Blutsauger wirkte. An die Stelle der kaiserlichen Macht traten dann die Warlords mit ihren „Generalskriegen“ sowie das Regime der GMD unter Chang Kai-shek. Ungelöst blieb für die armen Bauern und Arbeiter die soziale Frage. Die japanische Invasion Chinas trieb die Widersprüche des „Neuen China“ dann auf eine demokratische Volksrevolution zu. Ihr Führer wurde die KPCh (vergleiche: F. Gött, 2012).

Wie eine Monstranz führte die KPCh im Befreiungskrieg, ja auch später beim Staatsaufbau des Freien China, die Formel von der Führung der Arbeiterklasse im Volkskampf mit sich. Die Realität war eine andere. Erinnern wir uns: 1921 wurde die KPCh von einer Handvoll marxistischer Intellektueller gegründet. Durch die Initiative dieser winzigen, von Moskau unterstützten Truppe entstand über die Jahre eine kleine, rührige, revolutionäre Arbeiterpartei auf chinesischem Boden, die stolz auf ihre Verankerung in der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung Chinas verweisen konnte. Auch gab es erste Verbindungen zur chinesischen Bauernbewegung. Das Bündnis der KPCh mit der ‚bürgerlichen‘ GMD wurde dann 1927 durch den Militärputsch der GMD unter Chiang Kai-shek gesprengt. Die organisierte Arbeiterbewegung in China wurde durch die folgende Repressionswelle weitgehend vernichtet, viele Arbeiterkader ermordet. Die KPCh war gezwungen, nach einem schmerzhaften Lernprozess die Städte zu verlassen und sich ins chinesische Hinterland zurückzuziehen. Ihre Verbindung zu den Arbeitermassen riss damit fast vollständig ab. Im Hinterland baute sie dann eine bäuerlich dominierte Rote Armee auf. Sie organisierte vom Land aus in wechselnden Bündniskonstellationen den nationalen und sozialen Befreiungskampf des chinesischen Volkes: gegen die GMD, gegen die japanische Invasion und die imperialistische Bevormundung des chinesischen Volkes. Der Bauernkrieg mit seiner Landumverteilung war die entscheidende soziale Waffe im nationalen und sozialen Befreiungskrieg. Erst nach der Niederlage der japanischen Okkupanten und mitten im chinesischen Bürgerkrieg (nach 1945) konnte sich die KPCh erneut dem Aufbau der Gewerkschaftsbewegung in ganz China widmen (also ab 1947/48). Westliche Beobachter gestehen zu, dass die 3 Mill. Arbeiter Chinas am Ende des chinesischen Bürgerkrieges mit der KPCh und ihrem Konzept der „Neuen Demokratie“ sympathisierten. Doch zu einem Arbeiteraufstand in den Städten gegen die GMD kam es nicht.

Nach marxistischer Auffassung sind gewerkschaftliches und sozialistisches Bewusstsein nicht identisch. So heißt es etwa bei W.I. Lenin: „Die (marxistische d.V.) Sozialdemokratie reduziert sich nicht auf einfachen Dienst an der Arbeiterbewegung: sie ist die „Vereinigung von Sozialismus und Arbeiterbewegung“ (um die Definition K. Kautskys zu gebrauchen, die die Hauptideen des „Kommunistischen Manifests“ wiedergibt); es ist ihre Aufgabe, in die spontane Arbeiterbewegung bestimmte sozialistische Ideale hineinzutragen, sie mit sozialistischen Überzeugungen, die auf dem Niveau der modernen Wissenschaft stehen müssen, zu verbinden, sie mit dem systematischen politischen Kampf für die Demokratie als ein Mittel zur Verwirklichung des Sozialismus zu verbinden, mit einem Wort, diese spontane Bewegung mit der Tätigkeit der revolutionären Partei zu einem unauflöslichen Ganzen zu verschmelzen.“ Und an anderer Stelle heißt es: „Wir haben gesagt, dass die Arbeiter ein sozialdemokratisches Bewusstsein gar nicht haben konnten. Dieses konnte ihnen nur von außen gebracht werden. Die Geschichte aller Länder zeugt davon, dass die Arbeiterklasse ausschließlich aus eigener Kraft nur ein trade-unionistisches Bewusstsein hervorzubringen vermag, d.h. die Überzeugung von der Notwendigkeit, sich in Verbänden zusammenzuschließen, einen Kampf gegen die Unternehmer zu führen, der Regierung diese oder jene für die Arbeiter notwendigen Gesetze abzutrotzen u.a.m. Die Lehre des Sozialismus ist hingegen aus den philosophischen, historischen und ökonomischen Theorien hervorgegangen, die von gebildeten Vertretern der besitzenden Klassen, der Intelligenz, ausgearbeitet wurden.“ (W.I. Lenin, 1960, S. 75-76/ 158-159)

Diese erstmalig von K. Kautsky und W.I. Lenin ausformulierten Tatsachen sollten zu denken geben: Weder unter der japanischen Besetzung des Vaterlandes noch unter dem Regime der GMD war die KPCh massenwirksam in der Lage, sozialistisches Bewusstsein in die Arbeiterklasse und die Werktätigen Chinas zu tragen (zumal ihr eigenes Verständnis des Marxismus auch noch beschränkt war). Von einer Anleitung der Arbeiterklasse im Klassenkampf sowie in der Politik konnte keine Rede sein. Hier gab es enge Grenzen. Die Arbeiterklasse Chinas blieb unter diesen Umständen eine gesellschaftliche Klasse an sich, nicht für sich. Die Schicht ihrer Arbeiterintelligenz und ihrer klassenbewussten Kader blieben schmal. 1949 jedenfalls war die KPCh als kommunistische Partei bestenfalls die Vorhut der Arbeiterklasse in China. (Ob sich dieser Zustand im weiteren Geschichtsverlauf änderte, weiß ich nicht. Ebenso wenig, ob die chinesische Arbeiterklasse dann im weiteren historischen Verlauf politisch zu sich selber fand, d.h. ob sie sich als eigenständige, selbstbewusste und gemeinschaftlich handelnde Klasse formierte. Da ist Skepsis (und Forschungsbedarf) angebracht. Der KPCh aber fehlte das Fundament einer revolutionären Arbeiterklasse – als Motor, Inspiration, Korrektiv und Erdung.) Maos Formel von der Führung der Arbeiterklasse im Volkskampf nach 1927 war pure Ideologie, selbst geglaubt und geschaffen, um den Führungsanspruch der KPCh in China zu legitimieren.

Im Klassengefüge Chinas bildeten die Werktätigen und die Arbeiterklasse nur eine kleine zahlenmäßige Minderheit, während die Bauern die überwiegende Masse der Bevölkerung stellten (ca. 70-80%). Bedingungen für einen Sozialismus marxistischer Prägung in China waren 1949 nicht gegeben. Dagegen sprachen nicht nur der unterentwickelte Zustand der Produktivkräfte und das wenig ausgeprägte politische Niveau der chinesischen Arbeiterklasse. Gegen einen sofortigen sozialistischen Weg sprachen weitere gewichtige Faktoren: Zwar hatte die Kommunistische Partei Chinas 1949 in einem langandauernden Volkskrieg über die antikommunistische und nationalistische GMD triumphiert, doch siegte die Bewegung nicht unter dem Banner des Sozialismus, sondern unter dem Slogan der „Neuen Demokratie“ im Volkskrieg.

Folgerichtig fehlten damit im weiteren Aktionsprogramm der Partei nach 1949 kommunistische Parolen wie die nach der (langfristigen) „Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln“ oder die Losung „Nieder mit dem Lohnsystem“. Bereits in den 40ern hatte die KPCh ihr Programm zur nationalen und sozialen Befreiung Chinas unter dem Titel „Über die Neue Demokratie“ formuliert, in der die Wünsche und Hoffnungen von vier mehr oder weniger progressiven Schichten und Klassen der chinesischen Gesellschaft aufgehoben schienen ( die des Proletariats, der Bauernschaft, der Intelligenz und der anderen Schichten des Kleinbürgertums). In dieser programmatischen Schrift wurde das langfristige Ziel der KPCh, der Sozialismus und Kommunismus, nicht verleugnet. Gerichtet war das Programm propagandistisch an das Volk und gegen die japanischen Besatzer und sonstigen Imperialisten sowie gegen die GMD-Reaktionäre.

In diesem Programm unterschied die KP zwei Phasen der Revolution in China: 1) eine Volksrevolution unter Führung des Proletariats mit dem Ziel einer sozialen (Volks-)Republik, frei von Fremdherrschaft und Einheit im Territorium; und 2) den Sozialismus. Beide Etappen wurden getrennt aufgeführt, aber nicht geschieden durch eine Chinesische Mauer. Offen blieben in diesem schematischen und überzeitlichen Konzept jedoch die Frage nach der Lebensdauer der „Neuen Demokratie“ bei einem militärischen Sieg der Volksbefreiungsarmee im Reich sowie die nach dem konkreten Weg zum Aufbau des Sozialismus. Wann und unter welchen Umständen sollte zum Sozialismus chinesischer Prägung übergegangen werden? Was war die „Neue Demokratie“ als Staatsform? War sie eine Taktik gegenüber den neuen nichtkommunistischen Bündnispartnern der KPCh um sie einzukaufen und zu täuschen, oder war sie doch eine strategische Festlegung der Kommunisten auf längere Zeit, um an die sozialen und ökonomischen Bedingungen für den erwünschten Sozialismus heranzukommen? Hier gab es Unklarheiten und Widersprüche in der Partei.

Was aber wollten die tragenden sozialen Kräfte des Bündnisses zu diesem Zeitpunkt (1949) selber:

– Die armen Bauern wollten national frei und sozial abgesichert sein , mit Landbesitz, niedriger Pacht und niedrigen Steuern. Sie befürworteten, ja wünschten in ihrer Mehrzahl die Zerschlagung der chinesischen Grundherrenklasse, um deren Landmasse an sich zu bringen. Nur weil sich die KPCh die Wünsche dieser bäuerlichen Kleinproduzenten nach einem eigenen Stück Acker und einem erträglichen Leben zu eigen machte, konnte sie zum Führer und Vollstrecker der „Neudemokratischen Revolution“ aufsteigen und dieser Bewegung ihren Stempel aufdrücken.

– Die national gesinnte (‚demokratische‘) Bourgeoisie wollte die Bevormundung und Unterdrückung des ausländischen Imperialismus über China beseitigen, die sie stützenden oder tolerierenden chinesischen „Kompradoren“ und „Bürokratischen Kapitalisten“ ausschalten sowie das lästige GMD-Regime abschalten, um ein unbeschwertes Leben zu führen. Ein Mitgestalten, ja Mitwirken an diesem Leben schien ihr unter der „Neuen Demokratie“ der KPCh eher möglich als unter dem Regime der GMD. Zwar war diese Nationale Bourgeoisie Chinas eine Klasse an sich. Doch ihr fehlte es an Masse, an Einheit, und ihren politischen Köpfen fehlte es an einem eigenen hegemonialen Programm für China.

– Die Werktätigen und Proletarier Chinas wollten endlich ein freies und gutes Leben in China. Die wenigsten dachten dabei vor 1949 an eine kommunistische oder sozialistische Gesellschaftsordnung. Da weder die geschlagenen japanischen Besatzer noch das GMD-Regime ihnen dieses erhoffte gute Leben schenken wollten, blieb für sie nur die KPCh mit ihrer sozialrevolutionären Bauernbewegung als Hoffungsträger über.

Der militärische Sieg der revolutionären Volksfront gegen das GMD-Regime 1949 änderte alles. Kernprogramm des neuen Staates und seiner „Neuen Demokratie“ war nun erst einmal die Durchsetzung der staatlichen Souveränität und Einheit sowie die demokratische Neuordnung im ‚Reich‘, einschließlich der Konfiszierung des grundherrlichen Bodens und der angekündigten Verstaatlichung der großen Banken sowie der großen Industrie und der Handelsunternehmungen. Die generelle Aufhebung des Privateigentums, des Besitzes an den Produktionsmitteln stand dabei nicht zur Debatte. Im Gegenteil, mit der Zerschlagung der Grundherrschaft und der Verteilung ihrer Ländereien an die armen Bauern entstanden immer neue, freie und besitzende bäuerliche und handwerkliche Kleinproduzenten (Stichwort Familienökonomie). Wer in dieser Lage versuchen wollte, diese erneut zu enteignen, hätte politischen Selbstmord begangen. Kurz, die Stoßrichtung der anstehenden Revolutionsetappe, d.h. der nationalen Konsolidierung und des sozialen und demokratischen Wandels war nicht sozialistisch, ja sie konnte es nicht sein. Ihre Stoßrichtung wurde mit dem Begriff der „Neudemokratischen Volksrevolution und Ordnung“ richtig umschrieben. Der Sozialismus der KPCh war eine Zukunftsvision.

– Eines aber war in China neu: Die alten Machteliten im Reich waren im Zuge des nationalen und sozialen Befreiungskrieges hinweggefegt worden. Die KPCh wurde Herr des Landes und des revolutionären Staatsapparates. Die Partei konnte sich bei ihrer Herrschaftsausübung im ‚Reich‘ auf eine politisierte Rote Armee aus Bauern und Arbeitern stützen. Der historische Verlauf nach 1949 gab der kommunistischen Partei damit die Möglichkeit, nicht nur die „Neudemokratische Revolution“ zu vollenden, sondern auch die Chance, Schritt für Schritt darüber hinauszugehen. Bekanntlich ergriff die Partei die Möglichkeiten der Zeit, an der Seite der Sowjetunion. Ob sie dann die Optionen der Zeit klug nutzte, sie verschenkte oder gar verspielte, wird bei uns, in der heutigen Linken, kontrovers beurteilt. Allerdings sind linke Analysen dazu rar und uneinheitlich. Hier meine eigene Einschätzung:

II. Strategische Entscheidungen (Drei chinesische Wege)

Drei Linien der chinesischen Partei- und Staatspolitik im Inland 1949 – 1976/78 sollen im Folgenden dargestellt und kommentiert werden. Anschließend werde ich sie noch einmal aufgreifen und im historischen Zusammenhang politisch bewerten.

1) Industriepolitik

Wie jedes Land der Dritten Welt, so stand auch China 1949 vor dem Problem einer nachholenden Industrialisierung und Entwicklung, zumal das vorhandene moderne Industriepotenzial der chinesischen Mandschurei im Zuge der sowjetischen Reparationspolitik gegen Japan 1945/46 auch noch verringert und teilweise abtransportiert worden war.

Drei Optionen in der Industriepolitik standen dem Land und der KPCh dabei Anfang der fünfziger Jahre zur Auswahl: Priorität der Landwirtschaft, Priorität der (Schwer-)Industrie oder die Gleichrangigkeit von Landwirtschaft und Industrie. ‚China‘ entschied sich für Option Zwei, obwohl die landwirtschaftliche Struktur Chinas eigentlich Option Drei nahegelegt hätte. Doch die Würfel fielen anders: „Ganz oben stand der Aufbau von 694 Großindustrieprojekten, von denen 156 mit Hilfe der Sowjetunion errichtet oder aber modernisiert werden sollten, vor allem die Eisen- und Stahlkombinate von Anshan, Baotou und Wuhan, ein KFZ-Werk in Changchun und ein Traktorenwerk in Luoyang. Mehr als 80% der Gesamtinvestitionen des Industriesektors wurden für den Schwerbereich abgezweigt und davon wiederum 20% für den Maschinenbau und für die Metallindustrie. Das Verhältnis Schwerindustrie : Leichtindustrie sollte bei sage und schreibe 7 : 1 liegen! Besonderes Augenmerk schenkten die Planer einer weiten Streuung der neuen Projekte – weg von der Küste und hinein ins Hinterland. Hauptgesichtspunkt für diese Regionalisierung der Standortverteilung war das Bemühen, die Produktionsorte möglichst nahe an die Rohstofflager heranzurücken und überall im Land Arbeitsplätze zu schaffen. Trotz dieser Streuung aber sollte die Lenkung streng zentralisiert, d.h. von den Beijinger Ministerien her erfolgen.“ (O. Weggel, 1989, S. 176).

Es wäre jedoch falsch, für den eingeschlagenen Weg in der Industriepolitik nur ideologisch-politische Vorlieben der chinesischen Kommunisten verantwortlich zu machen (die es natürlich auch gab), oder die mit Sicherheit nicht vorhandenen eigenen Erfahrungen Chinas beim Industrieaufbau zu bemühen. Mutmaßlich gab es noch weitere ergänzende Faktoren, die das Bedürfnis der KPCh und ihres Staates stimuliert haben dürften, ihre eigene starke Schwer- und Rüstungsindustrie aufzubauen:

1) Nach wie vor waren die GMD und die USA eine Bedrohung für das Freie China. Militärisch bedeutende Bestände der GMD standen nach ihrer Flucht weiter auf der Insel Taiwan, stets auf dem Sprung, das chinesische Festland zu betreten und die Revolution niederzuschlagen. Abgeschirmt wurde diese unsinkbare Militärbasis von der 7. US-Flotte, die eine Invasion der Insel durch die Volksbefreiungsarmee unmöglich machte. Weitere Restbestände der GMD-Armee operierten an den Rändern Chinas, so im „Goldenen Dreieck“ von Laos, Birma und Thailand. Zudem: „Die Volksrepublik konnte Taiwan nicht nur nicht zurückerobern, sondern musste im Gegenteil bis 1954 Blockaden der taiwanesischen Marine entlang der südostchinesischen Küste in einer Länge von fast 1000 km über sich ergehen lassen – eine Situation, die erst durch Errichtung eines neuen Hafens in Südostchina, Zhanjiang, abgemildert werden konnte.“ (O. Weggel, 1989, S. 169)

Auf dem diplomatischen Parkett verweigerten die USA der VR China die staatliche Anerkennung und in der UNO den Sitz (T. Klein, 2007, S. 335). Die Unterstützung der GMD und Taiwans blieben für die USA Staatsräson. Dem Koreakrieg folgten dann im Zuge der antikommunistischen Eindämmungsstrategie der USA offizielle bilaterale Bündnisverträge mit Japan und Taiwan. In Tibet begann der amerikanische Geheimdienst CIA, gesellschaftliche und soziale Widersprüche im Land ausnutzend, zudem „von etwa 1955 bis Anfang der siebzieger Jahre“ einen geheimen Krieg gegen die chinesische Armee und Herrschaft, wohl unter Duldung des Dalai Lama. Selbstbenanntes Ziel war es, „das politische Konzept eines autonomen Tibets am Leben zu erhalten“ sowie ein „Potenzial für Widerstand gegen mögliche politische Entwicklungen innerhalb des kommunistischen China“ aufzubauen (siehe: J. Goetz u.a., 2012, S. 3).

2) Die KP-Führung ging nach 1949 lange von einem bevorstehenden Weltkrieg des „Imperialistischen Lagers“ gegen das „Sozialistische“ aus; dann avancierten mehr und mehr die USA zum Hauptbrandstifter in der Welt. Später übertrug die KPCh in ihrer Polemik gegen die „Neuen Zaren“ in Moskau diesen Titel auf den „Sozialimperialismus“ der Sowjetunion. Real war nur, dass der „Kalte Krieg“ leicht in einen heißen Krieg umschlagen konnte. Dass die aktuelle Weltkriegsgefahr nach dem Koreakrieg langsam abflaute, die Weltlage sich stabilisierte und sich die Auseinandersetzung zwischen den politischen ‚Blöcken‘ auf Stellvertreterkriege in die 3.Welt verlagerte, wurde in Peking spät und dann nur unzureichend registriert. Aber man wollte für alle Fälle gewappnet sein.

3) An den Staatsgrenzen Chinas tobte der antikoloniale Befreiungskrieg der Völker, dem sich China nicht nur verbunden, sondern auch verpflichtet fühlte. Bekanntlich stellte China dann 1 Mil. „Volksfreiwillige“, also Kämpfer im Korea-Krieg (1950 – 1953) an der Seite des Nordens, dessen Agieren sie als direkte Fortsetzung ihres eigenen Kampfes um nationale Einheit und Souveränität sahen. Gerade die Erfahrungen im Koreakrieg, d.h. jene mit der konzentrierten Feuerkraft der US-Armee, zeigten der Regierung in Peking, dass zukünftige Verteidigungskriege nicht nur mit „Hirse und Gewehr“ geführt werden konnten. Zudem hatten die USA auch mehrfach mit einem Atomkrieg gedroht. Darüberhinaus: 1950 begannen die USA -vor der Haustür Chinas- , Frankreichs Kolonialkriege in Indochina mitzufinanzieren. Bis 1954 stellten die USA 80 % der Gesamtkosten des Indochinakrieges. (W. Loth, 1983, S. 268) Auch nach der Niederlage der Franzosen bei Dien Bien Phu 1954 brach das reaktionäre Engagement der USA in dieser Region nicht ab. – Nach dem direkten Eingreifen der USA in den Vietnamkrieg 1965 ließ China dann in der Provinz Yunnan eine komplette Industrie entstehen, „um die nordvietnamesische Armee mit Waffen und Logistik zu versorgen.“ (F. Wemheuer, 2010, S. 106) China blieb in der ganzen Mao-Ära seiner Unterstützerrolle im nationalen und sozialen Befreiungskampf der Völker treu. (O. Weggel, 1989, S. 292)

4) Schon im chinesischen Befreiungskrieg reagierten die Maoisten ausgesprochen allergisch gegen alle allzu aufdringlichen Ratschläge und die Bevormundung aus Moskau. Man wollte nach leidvollen Erfahrungen auf den eigenen Füßen stehen. Dies galt auch nach 1949 für den Staats- und Gesellschaftsaufbau, eben ohne Abhängigkeiten.

Mitte der 50er Jahre begann Mao Tse-tung, die eigene politische Schwerpunktsetzung auf die Schwerindustrie kritischer zu sehen. Zu offensichtlich waren die volkswirtschaftlichen Ungleichgewichte in China sowie die horrenden Kosten für die Projekte, die ja letztlich von den Bauern aufzubringen waren. Nun kritisierte Mao den ‚russischen Weg’ in der chinesischen Industriepolitik, dem er selbst das Wort geredet hatte. Jetzt sollte China auf „zwei Beinen“ gehen, dem der Landwirtschaft und der Industrie (also Schwer- und Leichtindustrie). – Doch ob es wirklich zu einem ausgewogenen Verhältnis der volkswirtschaftlichen ‚Abteilungen‘ unter Mao kam, ist unter Historikern umstritten und unwahrscheinlich. Zudem, so Mao, habe man beim Aufbau des Sozialismus in der UdSSR viel zu sehr auf die Maschinen geschielt, statt dem Faktor Mensch sowie der Masseninitiative unter Leitung der Partei (gestützt auf deren politisch-ideologische Arbeit) Raum zu geben. Das werde man in China anders machen.

Trotz der hier angerissenen Schwierigkeiten konnte sich die langsam voranschreitende Industrialisierung in China sehen lassen. Dazu trugen die Hilfen der Sowjetunion bei der chinesischen Industrialisierung 1950 bis 1960 nicht unwesentlich bei. Immerhin lieferte die SU in den 50er Jahren ganze Fabriken samt Technikern und Betriebsanleitungen sowie Blaupausen, sie stellte Experten, bildete chinesische Lehrlinge und Studenten in der Sowjetunion aus. Die „Hilfen für China versiebenfachten sich zwischen 1953 und 1960 auf sieben Prozent des sowjetischen Nationaleinkommens“. (W. Zeiler, 2013, S. 230) Allerdings musste diese ‚Bruderhilfe‘ mit Agrarprodukten nach Russland bezahlt werden. (Die Lieferungen gingen auch dann noch weiter, als der Große Hunger im „Großen Sprung nach vorne“ in China Einzug hielt).

Mit dem eskalierenden Streit um die „Stalinfrage“ sowie um die „Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung“ und dem Führungsstreit im sozialistischen Lager verschlechterten sich die Beziehungen von SU und Rot-China zusehends. Mit Folgen: Bereits von 1958 an „verlangsamte die sowjetische Regierung den Transfer nuklearer Technologie – ein Bruch bereits gemachter Zusagen. China baute schließlich (mit hohem finanziellen Aufwand, d. V.) in den 1960er Jahren ohne sowjetische Hilfe eine zwar begrenzte, aber doch ernst zu nehmende Atomstreitmacht auf.“ (T. Klein, 2007, S. 340) Im Sommer 1960 zog die SU dann ihre Experten auf allen Ebenen aus China ab. 150 Großprojekte kamen damit vorerst zum Stillstand. – Jetzt musste China auf die eigenen Kräfte setzen.

Dies waren jedoch nicht die letzten politisch bedingten Schwierigkeiten und Kurswechsel in der Industriepolitik Chinas: Ab 1964 wurde „mit dem Programm der sogenannten Dritten Front … der vor allem sicherheitspolitisch motivierte Versuch unternommen, im vergleichsweise unzugänglichen Hinterland Südwest- und Nordwestchinas eine autarke und vor feindlichen Angriffen sichere industrielle Basis zu schaffen. Das zentral gesteuerte Programm absorbierte den Großteil der industriellen Investitionen; lediglich der gleichzeitig erfolgte Ausbau der Ölförderung sowie der petrochemischen Industrie bewegte sich nicht in diesem Rahmen. Als erfolgreich erwies sich insbesondere der Anschluss der entlegenen Hinterlandprovinzen an das nationale Eisenbahnnetz. Dagegen verursachte die Einrichtung von Fabriken an unzugänglichen Orten enorme Kosten, während die überhastete Planung und mangelhafte Ausführung der Bauarbeiten die Betriebe ineffizient und unrentabel machte. Nach 1971 wurde das Programm so abrupt zurückgefahren wie es begonnen wurde. 1977 entfielen rund 37 Prozent des staatlichen Industriekapitals auf Betriebe aus der Zeit der Dritten Front, die jedoch nur 23 Prozent der gesamten Industrieerzeugung leisteten. In der Reformära wurden dann viele Fabriken geschlossen oder in Städte mittlerer Größe verlegt.“ (T. Klein, 2007, S. 239/40)

2) Schlachten wir das Goldene Kalb. Politik gegen die Nationale chinesische Bourgeoisie

Mit der Flucht der GMD-Führung 1949 nach Taiwan setzten sich wichtige Stützen und Träger des GMD-Regimes aus China ab, mit oder ohne Entnahme ihres Besitzes: Große Teile der „Kompradoren“, also jener Personen aus der Gruppe der chinesischen Ex- und Importhändler mit einer Verbindung zum imperialistischen Ausland sowie die so genannten „Bürokratischen Kapitalisten“, jene Personen, die in Verbindung mit der GMD gleichzeitig hohe politische und einflussreiche wirtschaftliche Positionen innegehabt hatten. Ihr Besitz in China wurde beschlagnahmt. Aber auch die anderen GMD-Funktionäre vor Ort wurden als Konterrevolutionäre zur Verantwortung gezogen und belangt. – Bis 1951/52 jedenfalls hatte der chinesische Staat seine Ankündigung wahr gemacht, die meisten Großbetriebe, Banken und Handelsgesellschaften, die vormals in ausländischer oder „Kompradoren“-Hand waren, zu verstaatlichen.

Als die KPCh 1949 wieder in die Städte einrückte, traf sie hier erneut auf die Nationale Bourgeoisie, die sie in ihrer Schrift „Über die Neue Demokratie“ (1940) zu den vier revolutionären Klassen Chinas und in ihrer Konzeption „Über die Koalitionsregierung“ (1945) immerhin zu den vier Säulen der Neuen Ordnung Chinas gezählt hatte. Dieser Bourgeoisie hatte die KPCh im Befreiungskrieg das Existenzrecht garantiert, sofern sie sich dem demokratischen Neuaufbau Chinas verschrieb und dem Gemeinwohl diente. Dem politischen Bündnis nach 1949 entsprach somit auch das juristische Recht der Unternehmer und Kapitalisten, private Arbeitskraft zwecks Nutzung und Ausbeutung zu kaufen – im Rahmen staatlicher Gesetze (d.h. unter politischer „Regulierung des Kapitals“) und unter Anwendung entsprechender Schutzvorschriften für die Ware Arbeitskraft (über die der Verfasser leider zu wenig weiß). 1949 war nicht absehbar, wie lange dieser Zustand halten würde. Die Bourgeoise jedenfalls hoffte auf ein langes Leben. Eine Bestandsgarantie auf Ewigkeit gab ihr die KPCh allerdings nicht, da ihr angestrebter Sozialismus (ab 1953) ja auf eine (einst versprochene langsame) Vergesellschaftung der Produktionsmittel und des Lebens zielte.

– Im Dez. 1951 wurde die Kampagnenbewegung gegen die „Drei Übel“: Korruption, Verschwendung und Bürokratismus initiiert („Drei-Anti-Bewegung“). Sie richtete sich wohl vorrangig gegen unwürdige Kader in den eigenen Reihen, d.h. bei Staat und Partei. Dann: „Im März 1952 lief, parallel zur Drei-Anti- eine sogenannte „Fünf-Anti-Bewegung“ (Wu fan: gegen Bestechung, Steuerhinterziehung, Veruntreuung von Staatseigentum, Betrug und Verrat von Staatsgeheimnissen) an, die wegen der plakativen und ähnlich klingenden Wortwahl mit der Drei-Anti-Bewegung häufig in einen Topf geworfen wird, in Wirklichkeit aber auf ganz andere „Kampfobjekte“ gerichtet war, nämlich auf „Kapitalisten sowie auf die nichtkapitalistischen Handwerker und Kaufleute mit Familienbetrieben“. Hauptziel der Kampagne war es, den Privathandel und die Privatindustrie soweit wie möglich zu sozialisieren und die bisherigen Unternehmer an die Kandare zu nehmen. In Shanghai wurden bis September 1952 160.000 Kaufleute auf die „Fünf Verbrechen“ hin überprüft und durch tagelange Dauerverhöre zu „Geständnissen“ genötigt. 500 wurden exekutiert, 4.000 zu langjährigen Freiheitsstrafen und 30.000 zu Gefängnisstrafen von bis zu zehn Jahren verurteilt. Außerdem hatten sie Bargeld in Höhe von 1,25 Mrd. US -Dollar abzuliefern. Die Zahl der Selbstmorde stieg während der beiden Kampagnen in ganz China auf fast 200.000. / Mit der Fünf-Anti-Kampagne begann übrigens auch die Demontage der „Viererkoalition“ und damit der „Neuen Demokratie“.“ (O. Weggel, 1989, S.163) Ökonomisch betrachtet war die „Fünf-Anti-Bewegung“ jedoch ein Erfolg, denn sie spülte erhebliche Mittel in die Fonds staatlicher Entwicklungsgelder.

– 1952 betrug der Anteil des staatlichen Sektors der Industrie bereits 48,7%.

– 1954 – 1956 begann der Staat die Reste der nationalen Bourgeoisie „auszukaufen“. Statt in einer schlagartigen Enteignung vollzog sich die Abtrennung der Genannten von den Produktionsmitteln schleichend und in Stufen: „1954 setzte sich die politische Linie der Einrichtung von gemischt staatlich-privaten Industriebetrieben durch, d.h. der Staat investierte in Privatunternehmen, die Leitung wurde gemeinsam von den früheren Besitzern und den von staatlicher Seite entsandten Kadern durchgeführt, wobei ein bestimmter Teil des Gewinns den früheren Besitzern garantiert war. Weitere Einschränkungen des Privatkapitals geschahen durch die Einführung der Gewerbesteuer für den privaten Großhandel, die staatliche Zentralisierung des An- und Verkaufs der rationierten Güter Getreide, Speiseöl und Baumwollstoffe und anderer wichtiger Rohstoffe. Entsprechend sank bis 1957 der Anteil des kapitalistischen Wirtschaftssektors am Nationaleinkommen auf unter 0,1 %.“ (M. Leutner, 1999, S. 114)

Der zweite Teil des Plans allerdings erbrachte nicht den erwünschten Effekt. Denn nunmehr sollte der Sachverstand und die Initiative der vom Eigentum abgetrennten Unternehmer als Lohnarbeit eingekauft werden. Doch die Umworbenen reagierten in ihrer Mehrzahl – ob als neue Werktätige oder Privatiers – mit Desinteresse, Gleichgültigkeit oder Selbstmord. Als Stigmatisierte blieben die Überlebenden der faktischen Enteignung zurück.

Doch nicht nur unter den kapitalistischen Betrieben wurde ‚aufgeräumt‘: „Auch das Kleinunternehmertum mit seinem breitgefächerten Dienstleistungsangebot, das ehemals für kleine Annehmlichkeiten im täglichen Leben gesorgt hatte, wurde dem Siechtum preisgegeben. Von den 14.000 Gaststätten beispielsweise, die es noch 1953 in Beijing gegeben hatte, konnten am Ende nur kümmerliche 600 Betriebe überleben. Auch das Privathandwerk wurde auf dem Altar des Dogmas geopfert.“ (O. Weggel, 1989,S. 200/1) Das ökonomische ‚Ende‘ der alten Bourgeoisie war zugleich das politische Ende der „Neuen Demokratie“ in China: Ein voreiliger, von mir negativ beurteilter Schritt.

Doch wie sinnvoll waren die oben skizierten Schritte gegen die chinesische Bourgeoisie für den inzwischen beschlossenen Aufbau des Sozialismus? Darüber lässt sich trefflich streiten: Ökonomisch gesehen waren die neuen (voll ‚sozialisierten‘) Betriebe keineswegs produktiver als die herkömmlichen (Autoren wie O. Weggel sagen sogar schlechter); politisch gesehen war die nationale Bourgeoisie keineswegs dabei, ausgehend von ihrer ökonomischen Basis, die gesellschaftliche Ordnung Chinas zu destabilisieren (wie bei Mao selber nachzulesen ist); kaderpolitisch betrachtet wurden durch diesen Schritt viele Parteimitglieder in die Wirtschaftsführung der Betriebe geschleudert, in eine Position, von der sie oftmals keine Ahnung hatten. Diese Fähigkeiten mussten erst noch erworben und erarbeitet werden. Als politische Kader fehlten die Aktivisten dann bei der Erziehung und Anleitung des Volkes. Eine Arbeiterselbstverwaltung im Betrieb war dieses ‚Modell‘ sowieso nicht.

3) Bauernpolitik und der aufkommende Wind des Kommunismus

Bekanntlich waren die armen Bauern die wichtigsten, militärisch und sozial tragenden Kräfte im nationalen und sozialrevolutionären Volkskrieg in China. Dieser Volkskrieg unter Führung der KPCh mündete 1949 in die Gründung der Volksrepublik China ein. Einigkeit in der KPCh bestand nach der Machtergreifung nun darin, die bereits laufende Agrarrevolution zu Ende zu führen, d.h. weiter die Reste der chinesischen Grundherrenklasse von den Böden und Produktionsmitteln zu trennen und ihre politische oder soziale Herrschaft in den Dörfern zu brechen. Im Ergebnis der Umwälzungen wurden dabei nicht wenige Großgrundbesitzer von der Dorfarmut, der Armee oder der Partei auch physisch liquidiert. Die reichen Mittelbauern allerdings wurden von den Maßnahmen aus taktischen Gründen ausgenommen. Ihre ‚Schicksalsstunde‘ schlug später. Zeitgleich enteignete der Staat Ländereien, die zu Ahnenschreinen, Tempeln, Klöstern, Kirchen, Schulen und anderen nicht landwirtschaftlichen Organisationen gehört hatten. Die nun insgesamt frei gewordene Agrarfläche sollte dann möglichst einheitlich, gleich und rational an die bisher landlosen Bauern verteilt werden. So erhielten bis ins Frühjahr 1953 rund 300 Millionen ehemals landlose oder arme Bauern in ganz China 700 Mio. Mu Land (47 Mil. ha) zu Besitz und Bearbeitung zugeteilt (d.h. es „wurden 43 % der kultivierten Fläche an 60 % der Landbevölkerung umverteilt“). Dieser Akt sicherte der KPCh endgültig die Herrschaft über China und ihre Verankerung im Volk.

Seit Jahrtausenden waren die chinesischen Kleinbauern daran gewöhnt, dass ein starker, zentralisierter, jedoch autokratisch geführter Staat über ihr Schicksal bestimmte und wachte, ja, nicht nur einmal hatten arme Bauernmassen selber eine solche ‚Staatsdynastie‘ auf den Drachenthron gesetzt. Nun, als (Neu-) Besitzer einer kleinen Parzelle waren die Kleinbauern des 20. Jh. auch bereit, der KPCh und ihrem Staat (weiter) zu folgen, sei es aus Überzeugung, Tradition oder Opportunismus.

Die KPCh war jedoch keine kaiserliche Macht (das heißt der Schutzherr der kleinen privaten Parzellenbauern und des Landbesitzes) noch war der KP-Vorsitzende Mao Tse-tung ein Bauernkaiser – trotz vermeintlicher Analogien. Zwar war die KPCh auch mit Hilfe eines Bauernkrieges zur Macht gelangt, doch im Kern eine kommunistische Partei, die sich die Vergesellschaftung der Produktion und die Abschaffung der Klassen, das heißt, den Sozialismus und Kommunismus auf ihre Fahne geschrieben hatte. Ihr Eingehen auf die Wünsche des Bauern war politisch kalkuliert, kein Herzenswunsch. Wie also sollte sie mit den neu auferstandenen Kleinproduzenten verfahren? Wie und in welcher Geschwindigkeit ihren Traum von der sozialistischen Ökonomie und Gesellschaft verwirklichen? Dazu waren die Vorstellungen in der Partei keineswegs einheitlich. Politische Widersprüche in Partei und Gesellschaft entstanden.

Schon im Sept. 1951 erging die ZK-Resolution über „Gegenseitige Hilfe und genossenschaftlichen Zusammenschluss“, mit der die erneute Umwälzung der Agrarverhältnisse eingeleitet wurde.1952 waren bereits 40%, 1954 etwa 58% der von der Bodenreform begünstigten Bauern in „Gruppen zur Gegenseitigen Hilfe“ organisiert (bestehend aus jeweils 10 bis 20 Bauernfamilien), wobei hier an ältere Formen bäuerlicher Selbsthilfe und Zusammenarbeit angeknüpft wurde.
Die nun folgenden, von der Partei angestrebten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs) waren an und für sich kein sozialistisches Instrument (auch wenn es manch einer in der Partei so sah). In China war der Genossenschaftsgedanke jedoch geeignet, dem Individualismus des (neuen) Einzelbauern Kooperation und Gemeinschaft zur Seite zu stellen und die Umerziehung des Kleinproduzenten zum Gemeinwesen voranzutreiben. Zudem sollte mit den neuen Kooperativen die Ernährung der Städte sichergestellt und die Finanzierung des industriellen Aufbaus im Reich über die fiskalische Abschöpfung der Landwirtschaft ermöglicht werden.

Realistischerweise schwebte der Partei damals noch bezüglich der LPGs ein Zwei -Stufen -Modell in Phasen vor, dessen Ergebnisse langfristig einander ablösen bzw. ineinander übergehen sollten: Den „Gruppen zur Gegenseitigen Hilfe“ „folgten die „Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften niederen Typs“ … die durchschnittlich 60 -80 Haushalte zusammenschließen und sich von den „Gruppen der gegenseitigen Hilfe“ dadurch unterscheiden sollten, dass die Mitglieder hier nicht mehr nur ad hoc, sondern vielmehr planmäßig zusammenarbeiteten. Die Produktionsmittel (Boden, Zugtiere, Geräte) sollten zwar noch Individualeigentum bleiben, inzwischen aber systematisch bei der Kollektivarbeit eingesetzt werden, wobei die Genossen bei der Gewinnaufteilung eine Art Dividende für die von ihnen eingebrachten Investitionsgüter erhielten. Seit Frühjahr 1955 kam es dann zur Gründung der „Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften höheren Typs“ … und damit zur Entprivatisierung und Kollektivierung sämtlicher Produktionsmittel. Die Gewinnaufteilung erfolgte jetzt nur noch nach Arbeitsleistung.“ (O. Weggel, 1989, S. 187). Das alles sollte nach Versprechen der Partei auf Basis der Freiwilligkeit erfolgen; selbst das Austrittsrecht aus der LPG wurde garantiert (von dem auch Gebrauch gemacht wurde). Doch bei der Freiwilligkeit sollte es nicht bleiben.

Am 31. Juli 1955 polemisierte Mao Tse-tung auf einer vom ZK der Partei einberufenen Konferenz für anleitende Kader: „Ein Aufschwung der neuen sozialistischen Massenbewegung auf dem Lande steht in ganz China bevor. Doch manche Genossen tippeln wie eine Frau mit eingebundenen Füßen schwankend einher und beschweren sich in einem fort bei anderen Leuten: „Ihr geht zu rasch!“ Ständiges Nörgeln, unangemessene Vorwürfe, endlose Befürchtungen und zahllose Vorschriften und Verbote – , sie glauben, das wäre der richtige Kurs für die Anleitung der sozialistischen Massenbewegung im Dorf.“ (A. Werke V., S. 203)

Das ZK der Partei hatte im Frühjahr (1955) beschlossen, die Zahl der LPGen um 50 Prozent auf 1 Million zu erhöhen. Mao hielt das nicht für ausreichend (seine Rede vom 31. Juli 1955, d.V.): „Mir scheint der Zuwachs etwas zu gering“. Er will die Zahl der LPGen auf rd. 1,3 Millionen erhöhen. Sein Ausspruch hatte Weisungscharakter. Unmittelbar danach erhöhte sich das Tempo der Massenbewegung zur Schaffung von LPGen niederer Stufe im „Kampf gegen Rechts“ in bislang nicht gekanntem Maße. In den wenigen Monaten von Ende Juni bis Ende Dezember 1955 hatte sich der Anteil der Bauernhöfe, die in LPGen niederer Stufe organisiert waren, von 14,2 auf 59,7 Prozent erhöht. Daneben gab es bereits 17 000 LPGen höherer Stufe, denen 4 Prozent aller Bauernhöfe angehörten. Obwohl die LPGen niederer Stufe noch nicht gefestigt waren, wurde die Kampagne für den Übergang zu LPGen höherer Stufe mit Beginn des Jahres 1956 weiter geführt. Ende Juni 1956 gab es bereits 31 200 Genossenschaften höherer Stufe mit einem Anteil der Bauernhöfe von 63,2 Prozent. Bis Ende Dezember stieg die Zahl der LPGen höherer Stufe auf 540000 und einem Anteil Bauernhöfe von 78 Prozent an. Statt in vorgesehenen drei Fünfjahresplänen war die sozialistische Umgestaltung in der Landwirtschaft in nicht einmal drei Jahren durchgezogen worden.“ (H. Peters, 2009, S. 181/82) Nach J. Spence betrug die „Beteiligung bäuerlicher Haushalte an verschiedenen Arten von Besitzeinheiten“ 1957: Gruppen für gegenseitige Hilfe: – ; LPG niederen Typs: unerheblich ; LPG höheren Typs: 93,5 % . (J.D. Spence, 1995, S. 650). (Anmerkung des d. V.: Vergleicht man, bezogen auf die Fragestellung nach der forcierten Kollektivierung in der Landwirtschaft, die Arbeiten der Historiker Leutner, Peters, Spence, Weggel, so findet man in ihrer kritischen Spiegelung viele sachliche Gemeinsamkeiten, nicht jedoch beim verwendeten oder angenommenen Zahlenmaterial, das den Wertungen und Schlussfolgerungen zugrunde liegt. Da ich keinen Zugang zu den chinesischen Originaldokumenten habe, kann einem dieser Zahlensalat schon auf die Nerven gehen. Ich verwende obige Zitate daher nur als erste Orientierungshilfen für den Leser im Datendschungel.)

Nicht überall wurde bei den LPGs der niederen oder höheren „sozialistischen Stufe“ das Prinzip der Freiwilligkeit beachtet und eingehalten, wie auch Mao in seinen zeitgenössischen Schriften eingestand (und zeitweilig auch kritisierte). Nun also hatten die ‚frisch‘ gekürten Bodeneigner ihren Besitz erneut abzugeben – an die LPGs „sozialistischen Typs“. Obwohl ihr Besitz formal gesehen kein Privateigentum an der Agrarfläche war (sondern Obereigentum des Staates), sahen nicht wenige Kleinproduzenten diesen Transfer des Bodens und der Produktionsmittel an die ‚sozialistische‘ Genossenschaft als Enteignung an. Statt den Mustergenossenschaften Zeit zu geben, ihre Vorzüge den Bauernmassen zu demonstrieren und so neue soziale Bewusstseinsinhalte und Handlungen zu kreieren, drückten die Maoisten bei der Umwandlung und Kollektivierung der Landwirtschaft aufs Tempo, mitunter unter Missachtung von Überzeugung und Freiwilligkeit. Damit waren offene und versteckte Auseinandersetzungen in Gesellschaft und Partei vorprogrammiert. Ja, in der Partei gab es zwischenzeitlich eine Gruppe oder Strömung einflussreicher Persönlichkeiten (H. Martin spricht gar von „Fraktion“), die beim Kollektivierungstempo von „Abenteurertum“ sprach. Zu ihnen gehörte zeitweise auch der Staatspräsident Gen. Chou En-lai, der dann aber wieder auf die Linie von Mao Tse-tung einschwenkte.

Der 8. Parteitag der KPCh vom Sept. 1956 „revidierte jedoch die Politik der beschleunigten Kollektivierung und Verstaatlichung“ (M. Leutner, siehe unten). Zu auffällig waren die Widersprüche in der Gesellschaft.
Doch der ‚Konsens‘ des Parteitages sollte nicht lange halten. In der Partei arbeiteten die Maoisten auf eine Revision der Beschlüsse und auf den „Großen Sprung nach vorne“ hin, der dann auch offiziell in der Partei gebilligt wurde (2. Plenum des VIII. ZK, Mai 1958), dabei noch mit gestützt und getragen von den späteren Kritikern der Linie wie Liu Shaoqi und Deng Xiaoping.

Der „Große Sprung“ (1958 – 1961/2) das waren die „Drei Roten Banner“:
1) die Neue Generallinie der Partei: „Unter Anstrengung aller Kräfte – immer vorwärtsstrebend – den Sozialismus nach dem Prinzip ‘mehr, schneller, besser und wirtschaftlicher‘ aufbauen“.

2) die sog. Stahlkampagne.

3) das Kommune-Projekt.

Obwohl inhaltlich verwoben, lassen sich einzelne Stränge des „Großen Sprungs“ auch getrennt betrachten. Hier einige Schlaglichter:

– Die sog. Stahl- Kampagne: Ihr lag das Motiv zugrunde, die Stahlproduktion sowie die Industrialisierung Chinas schneller voranzutreiben; ja auch auf dem ‚flachen‘ Land sollte der Keim einer eigenständigen lokalen Industrie gelegt und die politisch anprojektierte Mechanisierung der Landwirtschaft vorbereitet und unterstützt werden. Als Mittel in der Stahlkampagne dienten die Massenmobilisierung und die sog. Hinterhof-Schmelzöfen. Doch schon bald zeigten sich die Fallstricke der Kampagne, ohne dass die Partei darauf adäquat reagierte, z.B.:

– Ende der 50er Jahre hatte China weder die erforderlichen Devisen noch die Technologie, neue moderne Stahlwerke zu bauen oder zu erwerben. Auch deshalb setzte man auf die „Einheimischen Öfen“ auf dem Hinterhof, statt die Zahl und Kapazitäten der vorhandenen „Ausländischen Öfen“, d.h. die vorhandenen 750.000 Konverter- und Elektroöfen weiter auszubauen, was auch möglich gewesen wäre. Allein 1958 entstanden 1,215 Millionen ‚Hochöfen auf dem Hinterhof‘ – sowohl auf dem Land, wie in der Stadt. Rund 90 Mill. Menschen wird die Partei in die „Stahlschlacht“ führen. Im Ergebnis hieß das: „Tags hingen die Rauchschwaden über Städten und Dörfern, nachts war der Himmel gerötet.“ Doch diese Massenmobilisierung der „Stahlschmelzerei“ auf dem Lande hatte auch eine Kehrseite: Auf dem Acker und den Reisfeldern wurden trotz Frauen- und Kinderarbeit die Arbeitskräfte rar. „Die Herbsternte 1958 blieb zu etwa 10 Prozent auf den Feldern liegen, und die Arbeiten für die Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktion 1959 konnte nicht in der notwendigen Qualität und im erforderlichen Ausmaß durchgeführt werden.“ (H. Peters, 2009, S. 229/30)

– Um die Schmelze zu füttern, führten viele Parteisekretäre die Massen in die Berge „um nach Erz zu schürfen“. Doch nicht nur diese Materialien wurden aufbereitet und eingeschmolzen: Um die viel zu hohen Planziffern des Staates zu erfüllen oder um die eigene private Selbstverpflichtung und die oft übertriebenen Versprechungen einzulösen, landeten auch eiserne Fensterrahmen, Nägel und Kochtöpfe, ja selbst Maschinen und Produktionsmittel in der Schmelze. Nicht wenige Häuser wurden abgerissen, um Rohstoffe oder Brennstoff zu gewinnen. Übereifrige Kader requirierten dazu in den Privathaushalten, auch mittels Zwang.

– „Eine solche (oben angerissene d.V.) Art der Stahlherstellung war naturgemäß energetisch extrem ineffizient und belastete die Umwelt in erheblichem Maße. In den kohlereichen Provinzen Chinas verschwendete die Stahlerzeugung im Hinterhof lediglich Kohle, in anderen Landesteilen führte die Dezentralisierung dazu, dass Kohle- und Erztransporte die Schienenstrecken verstopften und alles erdenkliche Holz verwendet wurde, um daraus Holzkohle für die Befeuerung der Hochöfen zu gewinnen. In Yunnan, Sichuan und möglicherweise in ganz China verschwanden dadurch binnen eines Jahres zehn Prozent der Waldfläche.“ (Mc Neill u.a., 2013, S. 503/4) Das war auch ökologisch ein Desaster.

– „Am 31.12.1958 wurde offiziell verlautbart, dass 1958 11,08 Millionen (t) Stahl erzeugt worden wären. Heutigen chinesischen Einschätzungen zufolge waren davon 3 Millionen t ob ihrer unzureichenden Qualität nicht zu gebrauchen.“ (H. Peters, 2009, S. 229) Erst Anfang 1961 wurden die kleinen Schmelzöfen abgeschafft.

Die Landkommunen: Am Anfang der Entwicklung standen Wasserbauprojekte zur agrarischen Neulandgewinnung in einigen Provinzen. Um die notwendigen Arbeitermassen dafür freizustellen, wurden hier mehrere LPGs zu einem Großverbund zusammengefasst. Da durch die provinzielle Bautätigkeit dann vor Ort die Arbeitskräfte knapp wurden, sollten die Frauen die Lücke füllen. Um sie von Herd und Kindern zu entlasten, wurden soziale Gemeinschaftseinrichtungen geschaffen. Das noch regionale und provinzielle Kommune- Projekt entwickelte Gestalt.

Die KPCh nahm die Initiative im ‚Reich‘ als politisches Modell auf – mit einer unzeitgemäßen, utopischen Stoßrichtung. Im entsprechenden ZK-Beschluss vom 29.8. 1958 hieß es u.a.: „Die Bildung von Volkskommunen ist eine natürliche Entwicklungstendenz auf dem Lande.“, eine Behauptung, die nicht ganz den Tatsachen entsprach. Die Volkskommunen waren ein Projekt der Partei. Des Weiteren hieß es im Beschluss: „Unsere Aufgabe im gegenwärtigen Stadium ist der Aufbau des Sozialismus. Die Gründung der Volkskommunen soll in erster Linie das Tempo des sozialistischen Aufbaus beschleunigen. Der Aufbau des Sozialismus soll den Übergang zum Kommunismus aktiv vorbereiten. Die Verwirklichung des Kommunismus in China scheint keine Frage der fernen Zukunft mehr zu sein. Wir sollten die Form der Volkskommunen aktiv dazu benutzen, einen konkreten Weg für den Übergang zum Kommunismus zu erproben.“ (GNN, Okt. 1988, S. 29 – 32)

In den Händen der Maoisten entwickelte sich das ‚Experiment‘ dann schnell zum Standardmodell auf dem Lande (dem irgendwann auch später städtische Kommunen folgen sollten; real dekretiert ab Sommer 1960, dann wieder aufgegeben). Vor allem arme LPGs auf dem Land begrüßten den Schritt zur Volkskommune, erhofften sie sich doch Hilfen vom Staat und Hilfen durch reichere Kommunen. Doch gab es auch verdeckten Widerspruch unter den Bauern, der hätte hellhörig machen müssen. Innerhalb von nur wenigen Monaten wurden (auf Initiative der Partei) 740 000 Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften in 26 578 Volkskommunen umgewandelt. „ Sie zählten über 120 Millionen Haushalte und damit mehr als 99 Prozent aller Bauernfamilien.“ (H. Peters, 2009, S. 232)

Doch worin lagen die Tücken des Projekts, die letztlich auch zu ihrem Scheitern beitrugen? Dazu nur einige Anmerkungen:

– Die Volkskommunen waren viel zu groß dimensioniert. Sie konnten real 2.000, aber auch 29.000 Haushalte umfassen. „ Die ehemaligen LPG zählte im Schnitt 170 Haushalte, besaßen etwas über 2.000 Mu (etwa 134 ha) Ackerland und 350 Arbeitskräfte, die Volkskommune hingegen 5.000 Haushalte, über 60.000 Mu (4.000ha) und 10.000 Arbeitskräfte.“ (H. Peters, 2009, S. 236) Bei diesen (durchaus variablen) Größen war ein Verwaltungschaos in Produktion und Leben eigentlich vorprogrammiert, zumal es an ausgebildeten und innovativen Verwaltern und Planern vor Ort mangelte. Das Kollektiv war vielerorts überfordert.

– Bisher hatte es z.B. Produktions-, Kredit- oder Absatzgenossenschaften gegeben. Der Zuständigkeitsbereich der Volkskommune war hingegen immens: Sie sollte Lokalindustrie, Handel, Erziehung, Miliz, Sozialpolitik, Gesundheitsvorsorge und Administration zu einer eigenständigen – zudem politischen – Verwaltungs-Einheit in einer ‚Hand‘ bündeln und sie entwickeln. Doch konnten weder der Staat noch die einzelnen Volkskommunen die immensen Anfangsinvestitionen ad hoc bereitstellen: Ein Projekt aus dem leeren Bauch. Hier sollte der politische Wille Berge versetzen. Natürlich waren und blieben die ‚sozialistischen LPGs‘ oder die „Volkskommunen“ weiter Teil der Staats- und Parteipolitik: Unsinnig war hier z.B. die ‚Empfehlung‘ der Partei, den Acker einen halben Meter tief umzupflügen oder die ‚Empfehlung‘, durch dichteres Säen und Anpflanzen bei Getreide und Reis die Produktion zu steigern: Empfehlungen ohne wissenschaftliche Überprüfung und Nutzen, verschwendete Arbeitskraft und Arbeitszeit. Unsinnig war auch die ‚Empfehlung‘ Maos, Millionen von Sperlingen und Spatzen im Masseneinsatz zu killen. Zwar fraßen die Viecher Körner von den Feldern, aber eben auch Schädlinge. Das millionenfache Abschlachten aber zerrüttete das ökologische Gleichgewicht und zog eine Raupen- und Schädlingsplage in einigen Provinzen nach sich: ein verfehlter Aktionismus der Partei.

– In der Volkskommune kam es zur weiteren Eigentumsumgestaltung, nicht immer ganz freiwillig und voll individueller Überzeugung. „In der bisherigen LPG-Praxis war den einzelnen Haushalten ein Anteil von rund 7% eines Mu (15 Mu = 1 ha) als Hofland zugebilligt worden, auf dem Gemüse und Obst angebaut und Schweine sowie Hühner und Enten für den eigenen Bedarf gehalten werden konnten. Diese „Privatparzellen“ fielen nunmehr dem revolutionären Rotstift zum Opfer. Obendrein wurde beschlossen, dass das Produktionseigentum der Volkskommune nach drei bis sechs Jahren zu Volkseigentum „aufgewertet“ werden sollte.“ (O. Weggel, 1989, S.216) Als es in der weiteren Entwicklung zu gesellschaftlichen Widersprüchen in China und zum „Großen Hunger“ kam, fehlten dann vor Ort die privaten Versorgungsebenen und das persönliche Engagement auf dem nicht mehr existierenden privaten Hofland.

– In der Volkskommune begann man vielerorts die Verteilungsmechanismen auf den Kopf zu stellen, obwohl für eine Verteilung nach dem kommunistischen Grundsatz „Jedem nach seinen Bedürfnissen“, die gesellschaftlichen Voraussetzungen fehlten. Leider fehlen mir zu dieser zumeist örtlichen Kader-Politik die statistischen Daten. In der Literatur finden sich aber Beispiele: „Hatte in der LPG noch weitgehend das Leistungsprinzip gegolten, so erfolgte die Verteilung in der Volkskommune tendenziell nach Bedürfnissen. Überall begann der „Wind des Kommunismus“ (gongchan feng) zu wehen. In den „Volksküchen“ gab es „Reis ohne Bezahlung“. Mehrere Provinzen praktizierten bereits 1958 das System „Zur Hälfte löhnen, zur Hälfte frei verteilen“. In einigen Kommunen kam es zur Einführung des berüchtigten „Yi ping erh diao“ (eine Egalisierung, zwei Ausgleiche). Die „Egalisierung“ lief hierbei auf leistungsunabhängige Entlohnung, der „doppelte Transfer“ dagegen darauf hinaus, dass den wohlhabenderen Dörfern innerhalb einer Volkskommune Überschussprodukte und Arbeitskräfte einfach weggenommen und ohne Entschädigung auf die ärmeren Dörfer transferiert wurden.“ (O. Weggel, 1989, S. 216/7)

– In der Volkskommune sollte sich eine Kollektivierung des Alltagslebens abspielen. Anprojektiert waren Gemeinschaftskantinen, Wäschereien, Kindergärten, Schneiderateliers, Altersheime, selbst gemeinsame Schlafsäle usw. Auch Formen militarisierter Gemeinschaftarbeit wurden praktiziert. Neben der Freisetzung von weiblicher Arbeitskraft war bei all diesen Maßnahmen wohl auch eine Auflösung der tradierten chinesischen Familienbindungen und der Familienökonomie beabsichtigt. „In den ersten Monaten der Durchführung der Politik des GS konnten durch die extensive Mobilisierung aller Arbeitskräfte und durch Ausnutzung aller verfügbaren Reserven relativ hohe wirtschaftliche Wachstumsraten erzielt werden. In einer „Atmosphäre der Euphorie“ bemühte sich jeder nach Kräften, seinen Beitrag für den Übergang zum Kommunismus, der ja in greifbare Nähe gerückt zu sein schien, zu leisten.
Doch mehr und mehr Konflikte traten auf, nicht nur bei den sehr weitgehenden Änderungen des Sozialgefüges. Die schnelle Gründung kollektiver Einrichtungen war material- wie bewusstseinsmäßig nicht vorbereitet worden. Es fehlte an Räumlichkeiten und die Ausstattung der Gemeinschaftsräume war meist behelfsmäßig. Die in den kollektiven Einrichtungen Beschäftigten zeigten kein ausreichendes kollektives Verantwortungsgefühl z. B. gegenüber Kindern anderer Kommunemitglieder oder beim Umgang mit Gemeinschaftseigentum. So führten die kollektive Nutzung und der kollektive Verbrauch von Gütern, die es in den ersten Monaten des Großen Sprungs reichlicher als in den vergangenen Jahren gab, zunächst zu einer gewissen Güterverschwendung, die jedoch in der Folge wiederum eine Güterknappheit bedingte.“ (M. Leutner, 1999, S. 119)
Auch die Form der von Mao propagierten „Volksküchen“ trug zur Güterknappheit bei. Gegründet um die Frauen von der Hausarbeit zu entlasten und es ihnen zu ermöglichen, in den kollektiven Arbeitsprozess einzutreten, gingen viele (wie viele?) Einrichtungen schon bald dazu über, die Mahlzeiten kostenlos abzugeben. Hier essen war Pflicht. Vorräte, ja selbst Saatgut wurden gedankenlos konsumiert und verschwendet. Zwar hob auch Mao, nach anfänglicher Begeisterung ob des Kollektivismus der Gemeinschaftsküchen, einige Male mahnend den Finger, man möge heute weniger konsumieren, um morgen mehr zu haben. Doch ein wirkliches Stoppzeichen setzte auch er nicht. Bereits Ende 1958 waren die Volksküchen gezwungen, das Essen zu rationieren. „Die Suppen wurden immer dünner“, bis auch sie nicht mehr da waren. Erst 1961 wurden die Volksküchen und der Zwang, hier zu essen, offiziell abgeschafft. Jetzt durfte man wieder zu Hause kochen und in der Familie essen.

Alle Initiativen des „Großen Sprungs“, die Wasserbau-, Stahl- und Kommune- Kampagne, liefen fast gleichzeitig ab und verstärkten so wechselseitig ihre Negativseiten.
Die Lebensmittelproduktion im ‚Reich‘ brach großflächig ein – meiner Ansicht nach als Folge und Reaktion auf den „Großen Sprung nach vorne“. Die Versorgung der Bevölkerung versagte. In China begannen die „drei bitteren Jahre.“
Verschärft wurde die Lage noch 1959 – 1961 durch diverse Naturkatastrophen und eine zögerliche Bitte von Staat und Partei um Lebensmittel-Hilfe aus dem Ausland, um die Bevölkerung zu ernähren sowie durch den verzögerten Ankauf von Fremdgetreide zum selben Zweck. Schätzungsweise 15 bis 46 Mill. Menschen (Zahlen je nach Autor) sind im Verlauf der Ereignisse verhungert (Literatur u.a.: Yang Jisheng, 2012).

Erst nach den bitteren Ergebnissen und innerparteilichen Kämpfen (und als die Speicher in den großen Städten fast leer waren) hat man die Kampagnen des „Großen Sprungs “ zwischen 1960 und 1962 – schrittweise und in Zickzackbewegungen – abgebrochen und einzelne zwischenzeitlich eingeleitete Reformen verstärkt oder realisiert. (Zur Periodisierung des „Großen Sprungs nach vorne“ siehe u.a.: F. Wemheuer, 2004.)
Erst diese sich weiter entwickelnden Reformen leiteten den erneuten ökonomischen Aufschwung 1962 – 1965 ein. Bis zum nächsten politischen Crash – der „Kulturrevolution“.

Revolutionäre Ungeduld

Sieht man die vielfältigen (hier oben nur auswahlweise angesprochenen) ökonomischen und politischen Kampagnen der KPCh nach 1949 im Zusammenhang, so wird deutlich, dass sich das Karussell der politischen und sozialistischen Maßnahmen, ja auch dasjenige der Repressionen immer schneller drehte, auch um die Hemmnisse und Wiederstände zu brechen. Treibende Kräfte dazu waren in der Partei ihr Vorsitzender Mao Tse-tung und die Maoisten.
Skizzieren wir einige
Geschichtsetappen:

1) China: 1949 – 1953

– Am 1. Okt. 1949, mitten im Bürgerkrieg, gab (in Personalunion) der Sprecher des Oberkommandos der Volksbefreiungsarmee und Parteivorsitzender der KPCh, Mao Tse-tung in Peking die Gründung der „Volksrepublik China“ bekannt. Acht revolutionäre, nichtkommunistische Organisationen und Parteien applaudierten und unterstützten den Akt, so die „Demokratische Liga“ und das „Revolutionäre Komitee der Guomindang“ usw. (Organisationen, die in der Neuen „Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes“ organisiert waren und die dann über dessen Plenum an der Regierungsbildung mitwirkten). Definiert wurde der neue Staat durch die KPCh und obige Unterstützer als „demokratische Diktatur des Volkes“ unter Führung der Arbeiterklasse, deren Staatsapparat nach dem Modell der „Neuen Demokratie“ (der KPCh) agieren sollte, gestützt auf ein politisches Bündnis der Arbeiterklasse, der Bauernschaft und des städtischen Kleinbürgertums. Das höchste Staatsorgan bildete nun der eingesetzte „Rat der Zentralen Volksregierung“ (mit ihrem Vorsitzenden (Parteigenosse) Zhou Enlai , der zugleich als Außenminister der VR. China fungierte). Der Oberbefehl über die Volksbefreiungsarmee lag weiterhin (bis zu seinem Tode im Sep. 1976) beim Parteivorsitzenden der KPCh, Mao Tse-tung. Die KPCh war der faktische Herrscher Chinas. Diese Konstellation konnte sich Anfang der 50er auf eine breite Zustimmung in der ländlichen und städtischen Bevölkerung Chinas stützen.
Vom Sozialismus war damals allerdings noch nicht die Rede. In den Schriften Maos vom März 1950 hieß es dazu lapidar: „Die Ansicht einiger Leute, es sei schon zu einem früheren Zeitpunkt möglich, den Kapitalismus zu beseitigen und den Sozialismus einzuführen, ist falsch, stimmt mit den Bedingungen in unserem Land nicht überein.“ (A. Werke V., S. 27) Wer wollte dem widersprechen.

– Bereits im Juni 1952 erklärte Mao Tse-tung in der Partei: „Mit dem Sturz der Grundherrenklasse und der Klasse der bürokratischen Kapitalisten ist der Widerspruch zwischen der Arbeiterklasse und der nationalen Bourgeoisie der Hauptwiderspruch in China geworden; deshalb soll die nationale Bourgeoisie nicht weiter als Zwischenklasse definiert werden.“ (A. Werke V., S. 83).
Im Sept. 1952 begann Mao das Thema der Einleitung des Übergangs zum Sozialismus im Führungskreis der KPCh zu thematisieren. Zentral war dabei
für ihn (so H. Peters) der erreichte Grad und das Wachstum im staatlichen Sektor der Volkswirtschaft. – Mao Tse-tung fand für seinen Vorschlag, zum Aufbau des Sozialismus überzugehen, sowohl Unterstützung in der Partei wie mäßigen Widerspruch bei Liu Shaoqi, der länger an der „Neudemokratischen Gesellschaftsordnung“ festhalten wollte. Letztlich wurde die „Generallinie für den Übergang“ (d.h. die Parteilinie bei der Industriealisierung und die der sozialistischen Umgestaltung) in den Führungsgremien der Partei auf ca. drei Fünfjahrespläne festgelegt. (Das wäre von 1952/53 an gerechnet eine Zeitspanne bis ins Jahr 1967/68). Schon diese Plandaten waren eine bürokratische Festlegung.
„Um sicher zu sein, wurde Stalin zu diesen Überlegungen konsultiert. Das geschah in einem Brief, den Liu Shaoqi im Auftrage Maos schrieb, als er die chinesische Delegation zum XIX. Parteitag der KPdSU(B) leitete. Stalin stimmte diesen Überlegungen zu, meinte jedoch, der Übergang solle allmählich erfolgen.“ (H. Peters, 2009, S. 158) Also nach Stalins Vorstellung „allmählich“ und nicht sprunghaft oder galoppierend.

2) China : 1953 – 1956

Mao Tse-tung selber schrieb dann im Juni 1953, gegen „rechtsopportunistische“ Strömungen in der Partei gewandt: „Die Generallinie oder allgemeine Aufgabe der Partei in der Übergangsperiode ist es, in zehn bis fünfzehn oder noch etwas mehr Jahren die Industrialisierung des Landes und die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft, des Handwerks, der kapitalistischen Industrie und des kapitalistischen Handels im wesentlichen zu verwirklichen. Diese Generallinie ist der Leitstern für all unsere Arbeit. Wir dürfen von dieser Generallinie nicht abgehen, sonst werden wir „linke“ oder rechte Fehler begehen.“ (A. Werke V., S. 101)
Doch bereits zwei Monate später, im Aug. 1953, datierte Mao selber (in einer Weisung an Tschou En-lai) den Beginn der „Übergangsperiode“ auf das Jahr 1949 vor, und verkürzte das ‚Modell‘ damit erstmalig um 4 Jahre. (A. Werke V., S. 112) – Es war nicht die letzte Abkürzung der Wegstrecke zum ‚Sozialismus‘.

– Im Sept. 1954 verabschiedete der aus allgemeinen Wahlen hervorgegangene „1. Nationale Volkskongress“ die „Verfassung der Volksrepublik China“. (F. Farner, 1964, darin Schriftauszüge, S. 280 -289) Der Text definierte den gegenwärtigen Gesellschaftszustand Chinas als „Übergangsperiode“. Die Hauptaufgabe des Staates bestände darin „die allmähliche sozialistische Industrialisierung des Landes durchzuführen und allmählich die sozialistische Umgestaltung in der Landwirtschaft und im Handwerk wie auch in der kapitalistischen Industrie zu vollenden.“ Die Volksrepublik sei ein „volksdemokratischer Staat, der von der Arbeiterklasse geführt wird und seine Grundlage in dem Bündnis der Arbeiter und Bauern hat.“ Zentrales Machtorgan sei „der Nationale Volkskongress und die Örtlichen Volkskongresse“ (Wunschtraum, nicht Realität, d. V.).
Vier Eigentumsformen wurden im Verfassungstext benannt: Staatseigentum, das heißt Volkseigentum; genossenschaftliches Eigentum, das heißt kollektives Eigentum der Werktätigen; Eigentum der individuellen produzierenden Werktätigen; Eigentum der Kapitalisten. Das Grundgesetz garantierte im Rahmen der Rechtsprechung all diese Eigentumsformen. Allerding hieß es bezogen auf das Eigentumsrecht der Kapitalisten an den Produktionsmitteln: „Gegenüber der kapitalistischen Industrie und dem kapitalistischen Handel betreibt der Staat eine Politik der Ausnutzung, der Einschränkung und der Umwandlung“. Er „ersetzt allmählich das kapitalistische Eigentum durch Volkseigentum“.
Im April 1956 wird Mao zu den „Nichtkommunistischen Parteien“ rückblickend ausführen: Sie wollten „keine Verfassung vom sozialistischen Typ. Doch als der Verfassungsentwurf herauskam, haben sie zustimmend die Hand gehoben.“ (A. Werke V., S. 334/35) In der Tat, die Bürger, die Linksliberalen usw. im Volkskongress unterschrieben ihr eigenes politisches Todesurteil, sei es aus Einsicht, Unkenntnis oder Opportunismus.
Dabei bleibt noch anzumerken, dass die auch von Mao mitgestaltete ‚sozialistische‘ Staats-Verfassung von 1954 dem angeblichen Führer der Gesellschaft, der Arbeiterklasse, aber auch dem individuellen Arbeiter (und den Gewerkschaften) im Text nicht einmal das formale Streikrecht zubilligte.
1954 jedenfalls begann das politische und ökonomische Ende der alten Bourgeoisie in China – auf Beschluss der Partei.

– 1954 – 1956 wurde die restliche nationale Bourgeoisie Chinas ‚ausgekauft‘. Es war (wie oben aufgezeigt) eine schleichende Enteignung und politische Marginalisierung der Bourgeoisie, die als Klasse (langsam) aufhörte zu existieren. Im Zuge der Entwicklung verloren auch die parteilosen Mitglieder im Staatsrat ihren Posten. Wer das als Parteimitglied innerhalb und außerhalb der KPCh kritisierte, verlor als „Rechtsabweichler“ seine Position. (Dok. bei G. Hillmann, 1967, S. 203 -207)
Beide Maßnahmen, die ökonomische und politische Ausschaltung der Nationalen Bourgeoisie
als Klasse bedeutete letztlich das Ende der politischen „Neuen Demokratie“ in China: für das Land ein bedeutender Einschnitt.
Meiner Ansicht nach war dieser
vorzeitig, ja voreilig vollzogene Akt ein politischer Fehler mit Langzeitfolgen. Warum? Natürlich lag Mao gegenüber seinen Kritikern mit der Auffassung richtig, dass es selbst noch im Sozialismus Klassen, Klassenwidersprüche und Klassenkampf gibt und geben wird. Doch war der Umkehrschluss keineswegs zwingend, diese Nationale Bourgeoisie Chinas als Klasse zeitnah ökonomisch wie politisch zu eliminieren.
Zum Einen war die chinesische Bourgeoisie damals keineswegs durchgängig kapitalistisch, zum Anderen war sie (als nichtkapitalistische Unternehmer und Händler oder als Kapitalisten) zu diesem Zeitpunkt weder willens noch in der Lage, die bestehende Ordnung Chinas zu stürzen (was Mao damals auch selber formulierte. Erst in der „Kulturrevolution“ wurde das Gegenteil pauschal behauptet). Die Volksbefreiungsarmee stand ja ebenfalls fest zur KPCh und ihrem Staat. Statt Tabula rasa zu machen, hätte die KPCh unter Wahrung ihrer Führung und Hegemonie dafür sorgen müssen, diese Nationale Bourgeoisie politisch reguliert und kontrolliert in den Dienst der Gesellschaft zu stellen; das Proletariat war zudem in seiner Substanz auszubauen und als Klasse in die wirkliche Lage zu versetzen, die
politische Anleitung der Gesellschaft und die der Produktion zu leisten;
weiterhin war das Kulturniveau des Volkes zu heben z.B. durch den weiteren Ausbau des Bildungssystems und der Alphabetisierung (denn 1949 waren 80% der Chinesen Analphabeten) usw. Anders gesagt: die Notwendigkeit, aber auch die Möglichkeiten der „Neuen Demokratie“ für China, ja für die Sache des Sozialismus, waren noch keineswegs erschöpft. Man hätte an der „Neuen Demokratie“, d. h. an dem politischen Bündnis mit der Nationalen Bourgeoisie (also auch an ihrer Existenz) in einer
demokratisch verfassten Republik noch eine ganze Weile festhalten müssen. – Doch die Parteiführung entschied (flügelübergreifend!) anders.

– Zwischen 1951 bis 1956 wurde (wie oben beschrieben) die Genossenschaftsbewegung in China vorangetrieben, anfänglich durchaus im verhaltenen Konsens von Partei und Bauernschaft. Erst als man daranging, die LPGs der höheren „sozialistischen Stufe“ 1955 – 1957 auf Biegen und Brechen durchzudrücken, entwickelten sich dazu weitere Widersprüche in Gesellschaft und Partei.
Die Beschlüsse des 8. Parteitags der KPCh vom Sept. 1956 bremsten dann die Mao-Fraktion in ihrem Bestreben nach einer allzu raschen Kollektivierung ab: Die „erste Periode der politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Stabilisierung und des Beginns sozialistischer Umgestaltung fand ihren Abschluss am 8. Parteitag der KPCh. Zu diesem Parteitag – der 7. hatte 11 Jahre zuvor stattgefunden – hatten die inzwischen 10,3 Millionen Mitglieder der KPCh 1.026 Delegierte entsandt, die erstmals in der Geschichte der Partei gewählt worden waren. Der Parteitag zog insgesamt eine erfolgreiche Bilanz, revidierte jedoch die Politik der beschleunigten Kollektivierung und Verstaatlichung und kehrte damit zur Generallinie von 1952, nämlich einer schrittweisen sozialistischen Umgestaltung zurück. Als Hauptaufgabe wurde die Entwicklung der nach wie vor rückständigen Produktivkräfte, eben die Entwicklung Chinas zu einem fortgeschrittenen Industrieland, festgehalten. Der Parteitag kritisierte sog. Linke Abweichungen und setzte sich für Maßnahmen zur Stärkung innerparteilicher Demokratie, zum Schutz bürgerlicher Rechte und zur Festigung der Gesetzlichkeit ein und lehnte Erscheinungen des Personenkultes – das bezog sich auf Mao Zedong – ab. So wurden im Parteistatut auch nicht mehr wie 1945 die Mao-Zedong-Ideen, sondern der Marxismus-Leninismus als ideologisch-theoretische Grundlage der KPCh bezeichnet. Alte Gegner Mao Zedongs …. kehrten ins Zentralkomitee (ZK) zurück. Mao Zedong blieb jedoch Vorsitzender des ZK.“ (M. Leutner, 1999, S.116)
Doch für Mao und Gefolgschaft waren die Kritiker und Bremser
in der Partei schon bald nicht nur Rechtsopportunisten, sondern Feinde des sozialistischen Aufbaus.

3) China: 1957 – 1962

– „Nach dem 8. Parteitag setzten in der Diskussion um den zweiten Fünfjahresplan in der Spitze der KPCh Debatten um die weitere Ausgestaltung des sozialistischen Entwicklungsweges Chinas ein. Während die Wirtschaftsfachleute entsprechend den Beschlüssen des Parteitages eine stetige Fortsetzung bisheriger Planpolitik, weitgehend orientiert am sowjetischen Modell, befürworteten, trat Mao Zedong und seine Anhänger für eine stärkere Intensivierung des Entwicklungstempos zum Sozialismus ein; dabei sollte an die Erfahrung angeknüpft werden, die in den von der KPCh in den vierziger Jahren kontrollierten Gebieten gemacht waren: Mobilisierung der Massen, Betonung von Ideologie und Propaganda, Orientierung an der bäuerlichen Bevölkerung als Hauptträger der Entwicklung. In den folgenden Jahren kristallisierten sich in der politischen Praxis zwei unterschiedliche Entwicklungsmodelle heraus: das Modell Mao Zedongs, das mit dem Großen Sprung …, den Volkskommunen …, der Massenmobilisierung und nicht zuletzt mit der Idee der permanenten Revolution und des Klassenkampfes verbunden werden kann, und das Modell seiner Gegenspieler, nämlich zunächst Peng Dehuais, später Liu Shaoqis und Deng Xiaopings, welches Kontinuität der Entwicklung, LPGs und Beibehaltung kleiner Privatzellen der Bauern, Parteiorganisation und -beschlüsse, materielle Anreize und wirtschaftlichen Aufbau in den Vordergrund stellte. In der politischen Praxis setzte sich zunächst Maos Programm durch, wurde jedoch aufgrund des sich daraus entwickelnden volkswirtschaftlichen und politischen Desasters immer wieder in Richtung der Gegenlinie modifiziert, bis zum Ende der Periode beide Linien sich die Waage hielten, ehe Mao Zedong mit der Kulturrevolution seinen konsequentesten Versuch zur Umsetzung seiner Entwicklungskonzeption machen sollte.“ (M. Leutner, 1999, S.116-7)

Anfang 1957 sagte Mao: „In unserem Lande ist, was das Eigentum betrifft, die sozialistische Umgestaltung im wesentlichen vollzogen und sind die für die Periode der Revolution charakteristischen umfassenden und stürmischen Klassenkämpfe der Massen im wesentlichen beendet; Überreste der gestürzten Klassen der Grundherren und Kompradoren sind aber noch vorhanden, die Bourgeoisie besteht noch, und das Kleinbürgertum ist gerade erst im Begriff, sich umzuerziehen. Der Klassenkampf ist noch nicht zu Ende.“
Mitte 1957 hieß es bei Mao: „Für sich allein genommen war die sozialistische Revolution von 1956 an der wirtschaftlichen Front (bezüglich des Eigentums an den Produktionsmitteln) noch nicht ausreichend, sie ist auch nicht abgesichert. … Auch an der politischen und ideologischen Front muss es noch eine durchgreifende sozialistische Revolution geben.“ (A. Werke V., S. 462 / 542)

– Zugleich reagierte Mao Tse-tung mit einer Reihe bemerkenswerter Schriften und Reden auf einige Probleme und Ereignisse im Ostblock und in China, darunter die Arbeit „Über die richtige Behandlung der Widersprüche im Volk“. Darin erklärte Mao u.a.: In unserem Land gehört der Widerspruch zwischen der Arbeiterklasse und der nationalen Bourgeoisie zu den Widersprüchen im Volk. Der Klassenkampf zwischen der Arbeiterklasse und der nationalen Bourgeoisie gehört im allgemeinen zum Klassenkampf innerhalb des Volkes, da der Charakter der nationalen Bourgeoisie in unserem Land zwiespältig ist. In der Periode der sozialistischen Revolution beutet sie einerseits die Arbeiterklasse des Profits wegen aus, aber gleichzeitig unterstützt sie die Verfassung und ist bereit, die sozialistische Umgestaltung zu akzeptieren. Der Widerspruch zwischen der nationalen Bourgeoisie und der Arbeiterklasse, ein Widerspruch zwischen Ausbeuter und Ausgebeuteten, ist an und für sich ein antagonistischer. Aber unter den konkreten Bedingungen unseres Landes kann dieser antagonistische Klassenwiderspruch, wenn er richtig behandelt wird, in einen nichtantagonistischen umgewandelt und auf friedlichem Wege gelöst werden. Wenn wir ihn jedoch nicht richtig behandeln und uns gegenüber der nationalen Bourgeoisie nicht der Politik des Zusammenschlusses, der Kritik und der Erziehung bedienen, oder wenn die nationale Bourgeoisie diese Politik nicht akzeptiert, kann sich der Widerspruch zwischen der Arbeiterklasse und der nationalen Bourgeoisie in einen Widerspruch zwischen uns und dem Feind verwandeln. / Weiter hieß es: Die Widersprüche zwischen uns und dem Feind sind antagonistische Widersprüche. Was die Widersprüche im Volk betrifft, sind die unter den Werktätigen nicht antagonistisch, während die Widersprüche zwischen den Klassen der Ausgebeuteten und Ausbeuter neben ihrem antagonistischen auch einen nichtantagonistischen Aspekt haben. Zu den Widersprüchen im Volk gehören unter den gegenwärtig in China bestehenden Verhältnissen: Widersprüche innerhalb der Arbeiterklasse, Widersprüche innerhalb der Intelligenz, Widersprüche der Arbeiterklasse und der Bauernschaft, Widersprüche … usw., usw. Unsere Volksregierung ist eine Regierung, die wirklich die Interessen des Volkes vertritt und dem Volk dient, doch bestehen auch gewisse Widersprüche zwischen der Regierung und den Volksmassen. Zu diesen Widersprüchen gehören wechselseitige Widersprüche zwischen den Interessen des Staates, der Kollektive und der Einzelpersonen, Widersprüche zwischen Demokratie und Zentralismus, zwischen Führenden und Geführten sowie Widersprüche zwischen gewissen Funktionären des Staates mit bürokratischem Arbeitsstil und den Massen. All das sind auch Widersprüche im Volke. Allgemein gesagt, sind die Widersprüche in Volke Widersprüche auf dem Boden der grundlegenden Einheit der Interessen des Volkes. (siehe: Mao Tse-tung, A. Werke V.)

Die Intellektuellen und Kritiker in China wurden folglich aufgefordert, ihre Meinung und Kritik frei zu äußern (allerdings auch animiert, Selbstkritik zu üben), um den Sozialismus in China besser zu machen und seine Entwicklung voranzutreiben. Nicht alle Parteigrößen waren mit dieser anvisierten, begrenzten Freigabe der Kritik einverstanden, befürchteten sie doch Turbulenzen in der Gesellschaft. Mao jedoch setzte die Veröffentlichung seiner Rede vom Feb. 1957 (allerdings in entschärfter Form) im Juni 1957 in schriftlicher Fassung durch, sowohl innerhalb wie außerhalb der Partei. Mao polemisierte dabei gegen jene Gen., die nur eine „ganz kleine Demokratie“ wagen wollten. Not täte jedoch die „ganz große Demokratie“. Kein Marxist bräuchte die Wahrheit zu fürchten. Nur Giftkräuter seien auszureißen. Nun nahmen viele Diskutanten den Ausspruch wörtlich „Lasst hundert Blumen blühen, lasst hundert Schulen miteinander wetteifern.“

Die Partei hatte eine Reflexion und Kritik zu Themen der Kunst und Wissenschaft erwartet, ja erhofft. Kritisiert wurden öffentlich jedoch die gesellschaftlichen Missstände der Zeit, aber auch der politische Führungsanspruch der KPCh wurde von nicht wenigen in Frage gestellt. Für Mao (aber auch für die sog. ‚Partei-Leninisten‘) schlug damit die Aussprache zur Verbesserung des Sozialismus in ihr Gegenteil um. Im Sommer 1957 wurde die durchaus ernst gemeinte Debatte ergänzt und in eine Ausrichtungsbewegung umgekehrt, in eine Kampagne gegen die sog. „Bürgerliche Rechte“. Nun hatte man aber, ob bewusst oder unbewusst geplant, die ‚Schlange‘ aus der Höhle gelockt. Wessen politische Meinung für zu leicht oder für falsch befunden wurde, unterlag nunmehr der ‚Umerziehung‘. Daneben hagelte es Repressionen gegen die angeblichen oder echten Feinde des Sozialismus. 2. Mill. Menschen wurden überprüft, 300.000 – 550.000 Intellektuelle und Parteimitglieder als „rechte Elemente“ angegriffen und verfolgt, gemaßregelt. Sie verloren ihre staatsbürgerlichen Rechte, ihren Arbeitsplatz, ihre Position, landeten im Arbeitslager oder in der Verbannung. Über einzelne Hinrichtungen wird berichtet. Diese letztlich janusköpfige Kampagne zerrüttete das Verhältnis von Partei und Intelligenz nachdrücklich. In der Partei aber ging fortan die Furcht um (z.B. in den sogenannten „Kampfversammlungen“), den „Rechten Hut“ aufgesetzt zu bekommen. Misstrauen, Denunziation, Leisetreterei, aber auch vorrauseilender Gehorsam in Sache ‚Linkswendung‘ haben sich in der Partei verstärkt und ausgebreitet.

– 1958 begann in China der „Große Sprung nach vorne“; der beschleunigte Aufbau des Sozialismus einschließlich der darin enthaltenen Stahl- und Kommune-Kampagne. (siehe oben) Über die Beweggründe zu diesem Schritt gibt es viele Theorien, die hier nicht aufgeschlüsselt und bewertet werden können. (Übersicht u.a. bei Felix Wemheuer, 2004)

F. Wemheuer selber favorisierte folgende Erklärung: „Viele Autoren haben sich darüber den Kopf zerbrochen, warum Mao die angeblich erfolgreiche Politik von 1956/57 durch den irrationalen >Großen Sprung nach vorn< ersetzte. Ich betrachte hingegen den >Großen Sprung< als Flucht nach vorn aus einer politischen und sozialen Krise der chinesischen Gesellschaft.“ (F. Wemheuer, 2010, S.87) Der Autor verweist in diesem Zusammenhang auf einige Tatsachen: 1957 erlebte China die größte Streikwelle seiner jüngeren Geschichte; der „zivilgesellschaftliche Protest“ nahm zu; unter den Bauern gab es eine große Austrittswelle aus den neu gegründeten genossenschaftlichen Kollektiven; vielerorts hielten die Bauern Teile ihre Ernteerträge zurück, da sie mit den niedrigen Ankaufspreisen des Staates nicht einverstanden waren; die Agrarproduktion stagnierte; Spannungen zwischen den mit Lebensmitteln bevorzugten Städten und den Bauern traten auf; usw. (Alles das sind Tatsachen. Ob der Autor mit dieser Aufzählung aber auch subtil auf die russische Geschichte -Stichwort Geschichte der Zwangskollektivierung unter Stalin – anspielen möchte, weiß ich nicht. Ein solcher ahistorischer Analogieschluss auf die sowjetischen Entscheidungen wäre jedoch falsch; d. V.).

Bei H. Peters heißt es hingegen bezogen auf die Volkskommunen: „In der Bildung von Volkskommunen sehe ich eine logische Fortsetzung der Politik Mao Zedongs seit 1953, beginnend mit dem Dorf auf der Grundlage einer immer weiter greifenden Abschaffung des Privateigentums (zunächst noch begrenzt auf Produktionsmittel) ständig größere Produktionseinheiten zu schaffen und ihre Entwicklung der zentralstaatlichen Leitung zu unterwerfen. Es war deshalb auch kein Zufall, dass die engere Parteiführung in der ersten Hälfte 1958 nach der Bildung von Großgenossenschaften auf dem Lande diese Politik weiter voranzutreiben begann.“ (H. Peters, 2009, S. 231) Auch für diese Mutmaßung spricht einiges.

In einer Fußnote reflektierte der Autor H. Peters außerdem die grundsätzlichen Weichenstellungen der Politik in China hin zum „ Abschluss des Sozialismus und Übergang zum Kommunismus“ : „Ich schließe nicht aus, dass die damit einsetzende Forcierung des Übergangs Chinas zum Kommunismus gewissermaßen in Konkurrenz mit den Überlegungen Chruschtschows stand, in der UdSSR zum Aufbau des Kommunismus überzugehen.“ (ebenda S. 231)
F. Wemheuer meint hingegen: „ Die Entwicklung in der Sowjetunion nach dem 20.Parteitag spielte bei dieser Wende (von 1956/57 zum „Großen Sprung“ d.V.) nur eine untergeordnete Rolle.“ Allerdings lässt der Autor dann den Leser im Unklaren, worin die „untergeordnete Rolle“ der SU beim Kurswechsel in China, die er ja selber anspricht, bestehen könnte.

Ich sehe durchaus einen indirekten Einfluss Chruschtschows (und der SU) auf die Ereignisse in China. Es fällt schwer, diesen Einfluss zu gewichten und eindeutig fest zu machen. Doch es gab ihn: Sowohl der sowjetische Politiker Chruschtschow wie sein chinesisches Gegenstück Mao Tse-tung waren nach 1950 Vertreter einer linken „kommunismuspolitischen Linie“. Beide Persönlichkeiten konkurrierten um den ‚richtigen Weg‘ zum Kommunismus in kürzester Zeit, ja um die Führung im Lager des Weltkommunismus. Ihre Ideologien, Mittel und Wege aber unterschieden sich. Dennoch trieben sie sich bei ihren Ankündigungen und im Maßnahmenkatalog voran – bei gegenseitiger Abneigung im privaten und politischen.

Dazu einige Beispiele:
– 1951 scheiterte Chruschtschow in der Sowjetunion mit seinem „Agrostadt-Projekt“ am Einspruch Stalins und G.M. Malenkows. Der von Chruschtschow bereits in seiner Ukraine-Zeit entwickelte Plan sah vor, etwa 4 (verstreute) Kolchosen zu einem Großbetrieb zu vereinigen. Mit ihren 10.000 – 12.000 Menschen wäre, so die Idee, eine „Agrostadt“ (mit entsprechenden Einrichtungen) im Entstehen begriffen. Eigene Baubrigaden der Kolchosen sollten hier mit Hilfe des Staates die Infrastruktur der Kleinstädte erstellen. Was in der Ukraine angetestet worden war, sollte nun, so der Vorschlag, auf die armen Gebiete um Moskau übertragen werden. Der Plan scheiterte am entschiedenen Widerstand Stalins. (R. Medwedjew, 1984, S. 81 – 83)
Nach dem Tode Stalins 1953 forcierte Chruschtschow die Neulandgewinnung in Sibirien und in Kasachstan im großen Stil, gestützt auf den Enthusiasmus der sowjetischen Jugend. Hier installierte er die großen Staatsgüter, die Sowchosen als politische Alternative zum Kolchos auf dem „Altland“.
– „Im November 1957 nahm Mao Zedong an der Spitze einer Delegation an der Konferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien aller Länder in Moskau teil. Auf dieser Konferenz ist er vom Sekretär des ZK der sowjetischen Kommunisten Chruschtschow inspiriert worden, auf die Frage einer Überflügelung Englands und einer Einholung Amerikas zu sprechen zu kommen. Am 6.November hatte Chruschtschow auf der Versammlung des Obersten Sowjets bekanntgegeben, die Sowjetunion werde binnen 15 Jahren auf den wichtigsten Produktionsgebieten Amerika nicht nur einholen, sondern übertreffen.
Am 18. November sagte Mao auf der Konferenz in Moskau: „Genosse Chruschtschow hat uns gesagt, die Sowjetunion könne binnen 15 Jahren Amerika überholen. Auch wir können sagen, dass wir binnen 15 Jahren England ein- oder überholen können.“ “ (Yang Jisheng, 2012, S. 374/75)
– Mitte 1957 erklärte Chruschtschow, „ dass die Sowjetunion innerhalb von drei oder vier Jahren ebensoviel Fleisch, Milch und Butter pro Kopf der Bevölkerung produzieren werde wie die Vereinigten Staaten“. (R. Medwedjew, 1984, S. 160) Dies war eine der vielen vollmundigen Ankündigungen Chruschtschows ohne reales Fundament. Weitere Versprechungen ohne Erfolgsaussichten folgten.
– Am Ende der zweiten Hälfte der 50er Jahre war Mao davon überzeugt, dass China schneller zum Sozialismus gelangen könnte als die Sowjetunion, ja dass auch die soz. Aufbaugeschwindigkeit in China höher sein könnte als in der SU. Nur die Begründungen dafür wechselten. So hieß es bei Mao: „Trotz aller Mühen und Anstrengungen gibt es ohne genossenschaftlichen Zusammenschluss keinen Ausweg für die Bauern. Die chinesischen Bauern sind noch besser als die Arbeiter Englands und Amerikas, deshalb kann man noch mehr, noch besser, noch schneller in den Sozialismus eintreten und braucht nicht ständig die Sowjetunion zum Maßstab nehmen.“ (F. Wemheuer, 2010, S. 83/4) Am 17. Mai 1958, auf der zweiten Sitzung des VIII. Parteitages der chinesischen KP, die den Weg zum „Großen Sprung“ und zu den „Volkskommunen“ freimachte, erklärte Mao u.a.: „Nehmen wir zum Beispiel den Klassenkampf, da haben wir Lenins Konzept verwendet und nicht Stalins. Stalin sagte in seinen „Ökonomischen Problemen des Sozialismus (in der UdSSR)“ (1952, d.V.), Reformen nach der Revolution seien von oben nach unten gesteuerte friedliche Reformen. Stalin hat keinen Klassenkampf von unten nach oben betrieben, in Osteuropa und Nordkorea ließ er eine friedliche Bodenreform durchführen, da wurden keine Grundbesitzer bekämpft und keine Anti-Rechtskampagne zugelassen, lediglich von oben nach unten gegen die Kapitalisten gekämpft. Wir haben von oben nach unten und zusätzlich noch von unten nach oben >Wurzeln geschlagen und Verbindungen hergestellt< sowie den Klassenkampf durchgeführt. … Warum ist die Geschwindigkeit unseres Aufbaus noch schneller als in der Sowjetunion? … Weil unsere Voraussetzungen verschieden sind: Ein Volk von 600 Millionen, der Weg den die Sowjetunion gegangen ist, die sowjetische technische Hilfe. Da müssen wir uns doch um einiges schneller entwickeln als die Sowjetunion. Wir werden die Tradition der Oktoberrevolution und die Massenlinie Lenins weiter entwickeln, wir stützen uns auf die Massen und auf dem Lande auf die armen Bauern, dieses Wort hat er allerdings nicht gesagt.“ (H. Martin, 1977, S. 123/4)
Chruschtschow griff am 18. Juni 1959 die „Volkskommunen“ öffentlich an und bezeichnete sie als linksradikal.
– „Auf dem 21.Parteitag Anfang 1959 propagierte Chruschtschow die Entstehung neuer Agrostädte, verkündete die absehbare Umwandlung des Kolchos in allgemeines Volkseigentum und schlussfolgerte, dass die UdSSR in die neue Periode des umfassenden kommunistischen Aufbaus eingetreten sei. Als Richtschnur für die neue Etappe sollte ein neues Parteiprogramm erstellt werden, im Oktober 1961 verabschiedete der 22. Parteitag das Programm zum Aufbau des Kommunismus. In den nächsten zehn Jahren sollten die USA in der Produktion pro Kopf der Bevölkerung überflügelt werden und im darauffolgenden Jahrzehnt der Übergang zur Verteilung der Güter nach Bedürfnissen erfolgen. In diesem Zeitraum würde das Wohnungsproblem gelöst sein, könnten die Mieten wegfallen sowie Gas, Heizung, Verkehrsmittel und andere öffentliche Leistungen kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Bis 1980 war der Kommunismus erreicht – so die Ankündigung des neuen Parteiprogramms.“ (H. Karuscheit, 1999, S. 45/6)

Die Parallelität gewisser Entwicklungen und Propagandaschlachten in der Sowjetunion und in China geben mir zu denken und verweisen, wie oben aufgelistet, auf eine gegenseitige Beeinflussung, trotz der tiefen politischen Differenzen. Der „Große Sprung“ in China hatte mithin viele politische und sachliche Ursachen. Es dürfte jedoch schwerfallen, statt einer Aufzählung einen entscheidenden Punkt zu benennen.

– April 1956 finden sich bei Mao folgende Zeilen: „Unsere zwei Schwächen sind zugleich Stärken. Wie ich schon anderswo gesagt habe, sind wir erstens „arm“ und zweitens „blank“. Mit „arm“ meine ich, dass wir nicht viel Industrie haben und dass unsere Landwirtschaft unterentwickelt ist. Unter „blank“ verstehe ich, dass wir wie ein unbeschriebenes Blatt sind. Unser kulturelles und wissenschaftliches Niveau ist nicht hoch. Vom Gesichtspunkt der Entwicklung aus betrachtet ist das keine schlechte Sache. Die Armen wollen Revolution, während es den Reichen schwerfällt, Revolution zu machen. Länder mit hohem wissenschaftlich-technischem Niveau sind höchst arrogant. Wir aber sind wie ein unbeschriebenes Blatt, auf dem man gut schreiben kann.“ (A. Werke V., S. 344/45) In einer ähnlichen Wortwahl wird Mao auch 1958 (sowie im späteren „Roten Buch“ der Kulturrevolution, also nach 1965) zitiert.

Ein Marxist wird diese Ansichten nicht teilen: Zum einen war China, mit seiner vieltausendjährigen Geschichte und gesellschaftlichen Entwicklung zu keiner Zeit ein unbeschriebenes Blatt, was im Übrigen auch für das entsprechende kulturhistorische Bewusstsein seiner Individuen, Schichten und Klassen gilt. Zudem: Die Gleichsetzung von arm und revolutionär versimpelt das Problem des individuellen Bewusstseins (in China und anderswo), da es die soziale Geschichte, die gesellschaftlich-historische Entwicklung des gesellschaftlichen agierenden Menschen ausblendet. – Diese oben zitierte ideologische Bilderwelt Maos sagt nichts über China, aber viel über das theoretische Niveau jener, die vorgaben, den historischen Materialismus verstanden zu haben. – Während Mao (und die Maoisten) sich also in der ersten Hälfte des 20. Jh. durchaus ein Gefühl für die Machbarkeit von Politik unter wechselnden, ja widersprüchlichen Verhältnissen erarbeitet hatten, so wich bei ihnen dieser ‚Instinkt‘ in der zweiten Hälfte des 20. Jh. zunehmend ideologischen Erwägungen und Handlungen, mit einer gehörigen Portion an Allmachtfantasien gegenüber der gesellschaftlichen Wirklichkeit.

– Wie immer man die Gründe für den „Großen Sprung nach vorne“ (1958 – 1961/62) in China sehen mag, im Ergebnis landete der „Große Sprung“ mit seiner ‚Kommunismus‘-, Stahl- und Kommune-Kampagne (wie oben dargestellt) im Desaster, da zu dieser Zeit weder die mentalen noch die sachlichen Voraussetzungen für einen solchen Massenschritt und deren Konsolidierung gegeben waren. Obwohl bereits 1959 die Negativsignale und Ergebnisse dieser Massenkampagnen unübersehbar waren, degradierte Mao seinen Kritiker General Peng Dehuais auf der Konferenz von Lushan (2. Juli – 16. Aug. 1959) und verbannte ihn in die letzte Reihe. Danach erfolgte eine Parteisäuberung und -Ausrichtung gegen die vielen „Kleinen Peng Dehuais“, die als Nebenwirkung auch noch das ehrliche Berichtswesen und die ‚freie‘ Aussprache in der Partei abwürgte oder beschädigte. Dabei war die parteiinterne Kritik Peng Dehuais über die Auswirkungen des „Großen Sprungs“ noch moderat gewesen. (Text-Dok.: GNN, 1988, S. 40 – 42)

Die danach noch von Mao und Gefolgsleuten gesteigerte, dann aber abflauende Kampagne des „Großen Sprungs“ schleppte sich weiter bis 1961/62. Bis dahin waren (je nach Statistik und Autor) 15 – 46 Mill. Menschen verhungert. Westliche Gräuelpropaganda? Wohl kaum, dafür sind zu viele Tatsachen durchgesickert. Zumindest 1959 – mitten in der Kampagne – war Mao noch zu einer begrenzten, wenngleich oberflächlichen Selbstkritik bereit. (Dok. in: H. Martin, März 1977) Dann ging der ‚Zirkus‘ unter seinem Patronat (erst noch gesteigert, dann durch das ZK korrigiert, modifiziert und sich langsam abschwächend) weiter. Im Scheitern – sowohl im Lauf wie im Abbruch – schob Mao dann den Basis- Kadern den Schwarzen Peter für die ‚Hauptfehler‘ zu. Frei nach der Melodie: Wenn die Linie richtig ist, entscheiden die Kader alles. Dass die eigene politische Linie des „Großen Sprungs“ falsch war, kam ihm nicht in den Sinn.

4) China: 1962 – 1965/66

– In der wiss. Literatur wird die folgende historische Periode zwischen 1962 und 1965 als (schrittweise) Phase der wirtschaftlichen Konsolidierung und Erholung in China gesehen, die maßgeblich von der sog. Parteirechten um Liu Shaoqi und Deng Xiaoping gestaltet wurde. Diese Kader wurden von der Partei selbst vor den Karren gespannt. Ihr Maßnahmenkatalog soll hier nur mit einem Beispiel aus dem Jahre 1962 illustriert werden: „Im September 1962 stand auf dem 10. Erweiterten Plenum des 8. ZK der KPCh die grundlegende Revision der GS-Politik zu Debatte. Die sich nun um Liu Shaoqi und Deng Xiaoping gruppierenden Pragmatiker setzten in wesentlichen Punkten eine Bestätigung der bereits eingeleiteten Politik der Revision des GS durch. Das bedeutete planmäßige Entwicklung der Volkswirtschaft, Produktionssteigerung mittels materieller Anreize, Akzeptanz des privaten Hoflandes der Bauern und Dezentralisierung der Aufgaben in der VK (Volkskommune). Die Kollektiveinrichtungen wurden geschlossen. Die VK sollte in Zukunft lediglich Aufgaben der öffentlichen Sicherheit, der Koordinierung und der Organisation öffentlicher Arbeiten übernehmen. Die PB (Produktionsbrigade), und nicht wie von den Pragmatikern gefordert der einzelne Haushalt, wurde zur Grundeinheit wirtschaftlicher Rechnungsführung. In der Industrie wurde die Schließung kleiner unrentabler Betriebe, die überstürzt in der sog. Stahlkampagne gegründet worden waren, und die Rückkehr zur leistungsbezogenen Entlohnung veranlasst.“ (M. Leutner, 1999, S. 121/22)
In den Augen der Maoisten aber mutierten diese „rechten“ Akteure im Laufe der Ereignisse zunehmend zu „Machthabern in der Partei, die den kapitalistischen Weg gehen wollten“ und die es galt, (bis aufs ‚Messer‘) zu bekämpfen.

– Mao und die Maoisten nutzten die Zeiten der ökonomischen ‚Entspannung‘ dann zur Vorbereitung der „Großen Proletarischen Kulturrevolution“ (1965/66 -1976/78), die letztlich weder etwas Proletarisches noch etwas Großartiges an sich hatte. Sie war dann der erneute Versuch, das maoistische Entwicklungskonzept in China auf Biegen und Brechen durchzusetzen. In ihrem Verlauf entmachtete man die sog. Parteirechte.

5) China: 1965/66 – 1976/78

– Konzipiert und organisiert wurde die „Kulturrevolution“ von den Maoisten als politische Revolution, als Überbaurevolution, d.h. als „ideologische Revolutionierung des chinesischen Volkes“, kurz als Umerziehung des Volkes zu einem neuen, wachen, klassenkämpferischen Bewusstsein, das der Notwendigkeit der ununterbrochenen Revolution entsprechen sollte. Gestützt wurde die „Kulturrevolution“ auf dem Papier vom Proletariat, real aber getragen von anderen sozialen Kräften: „Die chinesische Gesellschaft war Mitte der sechziger Jahre von tiefen Brüchen und Konflikten gekennzeichnet. An dieses Pulverfass legte Mao mit seiner radikalsten Massenbewegung die Lunte an. Neben der alten intellektuellen Elite, deren Kinder immer noch die Mehrheit der Studenten an den Elite-Hochschulen wie der Qinghua-Universität ausmachte, war eine neue Elite der Kaderkinder entstanden. Außerdem drängten die Nachkommen der Arbeiter und Bauern an die Universitäten und stellten das Privileg von Kindern aus dem Bildungsbürgertum und von Revolutionsveteranen in Frage. Besonders der Nachwuchs aus Familien mit schlechtem Klassenstatus fühlte sich ausgeschlossen und wollte beweisen, dass auch er zu den roten Kindern Maos gehörte. Durch die Verschickung von zwanzig Millionen Menschen aufs Land war der privilegierte Teil der industriellen Kernbelegschaften nach 1962 verkleinert worden. Millionen Arbeiter wurden nur noch als Kontraktarbeiter angestellt, die etwa 30 bis 40 Prozent der Belegschaften in der Industrie ausmachten. Viele von ihnen waren hellauf begeistert, als die Parteilinke das Kontraktsystem als >kapitalistische Ausbeutung< geißelte. Durch den Kurs von Liu shaoqi und Deng Xiaoping war die Macht der Betriebsleiter außerdem enorm gestärkt worden, was zu Unmut unter den Arbeitern führte.“ (F. Wemheuer, 2010, S. 110/11)

Dieses unruhige Potenzial bildete neben der sich fraktionierenden Armee und Partei dann die enthusiastische Manövriermasse auf dem politischen Schachbrett der Maoisten. Vorangetrieben wurde die Kampagne der „Kulturrevolution“ aber nicht vom Land, sondern von der Stadt (unter weitgehender Ausklammerung der Landwirtschaft und Schonung der industriellen Produktion). Doch schon bald lief die politische Massen-Bewegung aus dem Ruder. Der Verlauf soll uns hier im Detail nicht beschäftigen. Ihre Entwicklung aber und das angerichtete Chaos mündeten in bürgerkriegsähnliche Zustände ein, die die Substanz und die Existenz der VR. China, aber auch die der KPCh bedrohten. Nur mit Hilfe der Armee und mit der Zwangsverschickung der rebellischen Jugend aufs Dorf konnten die Auseinandersetzungen und das politische Klima in China abgekühlt werden. Mit dem Tod Mao Tse-tungs im Sept. 1976 (einschließlich der kurzen Zwischenperiode um die „Viererbande“ und mit dem folgenden, später entmachteten neuen ZK Vorsitzenden Hua Guofeng) endeten die Tage der „Kulturrevolution“ im Dez. 1978 – aber auch die des organisierten Maoismus.

IV. Meine Zwischenbilanz

Wenn man den Anspruch des Revolutionärs Mao Tse-tung ernst nimmt, dass sein Konzept des Klassenkampfes in den 50/6oern und das der „permanenten Revolution“ die Produktivkräfte in China frei machen würde, so fällt die historische Bilanz desaströs aus: Setzt man nämlich, wie dies J.Noth bereits Anfang der 80er tat, die politischen Kämpfe der Maoisten und die wirtschaftliche Entwicklung Chinas ins Verhältnis, so zeigt sich, „eine verblüffende Parallelität“, nämlich dass mit jeder politischen Kampagne der Maoisten ab Ende der 50er die Wirtschaftsleistungen im Lande einbrachen. (J.Noth, 1983) Dann holte man die zuvor disziplinierten ‚Parteirechten‘ mit ihren Rezepten zurück, um nach einem erneuten wirtschaftlichen Aufschwung wieder zur ‚hergebrachten‘ linksradikalen Politik zurückzukehren. Mit den bekannten Ergebnissen. Die Bilanz aber lautete kurz: Menschenmassen wurden in der maoistischen Sprung- und Beschleunigungspolitik zerstört, die materiellen Produktivkräfte keineswegs in die erhoffte Höhe getrieben, dem sozialistischen und kommunistischen Gedanken eher geschadet als genützt.

Ich betrachte Mao Tse-tung trotz aller notwendigen Kritik als Revolutionär und Kommunisten, der Weltgeschichte mitgestaltet hat. Doch im Herbst seines Lebens fielen bei ihm Absicht und Ergebnis auseinander. Mao Tse-tung hätte eine Maxime seiner ‚Vorbilder‘ berücksichtigen müssen: „Nichts Großes wird ohne Leidenschaft vollbracht, aber keine Leidenschaft, kein Enthusiasmus kann etwas ins Leben rufen, dessen Zeit noch nicht gekommen ist.“ (frei nach G.W.F. Hegel). Mao Tse-tung trieb Ende der 50/60er Jahre, ja bis zu seinem Lebensende nicht das gesellschaftlich Mögliche voran, er wollte der ‚Geschichte‘ mit Wille und Entschlossenheit das zeitlich Unmögliche, den Einstieg in den (Voll-) Kommunismus abtrotzen. Er setzte dabei auf seine Sprung- und Tempokonzeption, auf ‚Masseninitiativen‘ und das Kampagnengewitter im „Klassenkampf“. Mao verwirklichte letztlich eine linksradikale Linie, die sich bereits in der Yan‘an-Periode der KPCh (und davor) aus den eigenen Erfahrungen und den ideologischen Kontroversen der Zeit herausgebildet hatte, später aber weiterentwickelt worden war, gegen die ‚Leninisten‘ und ‚Parteirechten‘. Als Mao Tse-tung und die Maoisten dieses Konzept dann in den 50-70er Jahren auf die veränderten Bedingungen und Bedürfnisse in China anwenden wollten, trafen sie auf eine andere Realität im Staatsgebiet. Sie reagierten mithin politisch falsch und führten China so ins Chaos und in die Beschädigung.

Der gescheiterte Maoistische Weg in China in der 2. Hälfte des 20. Jh. war dann die Voraussetzung für den (Wieder-) Aufstieg der sog. Parteirechten in China um Deng Xiaoping, deren (damalige und zukünftige) Partei- und Staatspolitik der Verfasser nicht weniger kritisch sieht als die der Maoisten selbst. Doch das ist eine andere Frage, die weiter zu untersuchen bleibt.

August 2013

Literaturhinweise und Quellenangabe:

Bergmann, Th. /Menzel, U. /Menzel-Fischer, U. (Hrsg.): LIU SHAOQI. Ausgewählte Schriften und Materialien. Band 2. Stuttgart: edition cordeliers, 1982
– Farner, Konrad u. Theodor Pinkus: Der Weg des Sozialismus. Quellen und Dokumente 1891 – 1962. Reinbek bei Hamburg: rowohlts deutsche enzyklopädie, 1964
– GNN (Gesellschaft für Nachrichtenerfassung und Nachrichtenverbreitung) (Hrsg.): Antiimperialismus, Sozialismus, Kulturrevolution. Ausgewählte Dokumente. Köln: Okt. 1988
– Goetz, John . Hans Leyendecker u. Bastian Obermayer: Heiliger Schein. Der Dalai Lama, höchster Repräsentant des reinen Pazifismus, wusste wohl doch mehr vom Treiben der CIA in Tibet, als er bisher zugegeben hat. Nun fallen gewaltige Schatten auf den Gottkönig. in: SZ, 8. Juni 2012, S. 3

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Anhang Gött: Aus einer ersten Diskussion zum Text

Lieber Gen.

ich habe inzwischen den Wikipedia-Artikel zum „Großen Sprung nach vorn“ in China durchgesehen, den Du mir als Kontrast und Spiegel zu meiner eigenen Analyse empfohlen hast. Man kann diesen Lexikon-Artikel (dein Zugriff Nov. 2013) durchaus als Bezugspunkt einer Diskussion heranziehen, stehenbleiben sollte man bei ihm nicht. Vor allem sollte man nicht jede seiner Aussagen für bare Münze nehmen.
Einige Fragen zum „ Großen Sprung“ usw., die Du aufwirfst, habe ich mir auch gestellt und danach den Textinhalt meines Artikels so formuliert wie er nun einmal dasteht. Da wir bei der Sichtung der Literatur zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen sind, sollten wir den Widerspruch für eine erste Runde der Diskussion nutzen.

Streitpunkte

Sieht man davon ab, dass Du meinen Text für „schwer lesbar“ hältst „weil die Darstellung zwischen verschiedenen Zeitebenen pendelt“ und Du „Schwierigkeiten mit dem Verständnis“ angibst , geht unsere Kontroverse im Kern wohl um die Frage, wie man die Politik Mao Tse-tungs und die seiner Anhänger nach 1950 einzuschätzen hat; speziell wirfst Du die Fragen nach Ursprung und Untergang des „Großen Sprungs nach vorne“ (1957 – 1962) und die nach der „Kulturrevolution“ (1966 – 1976/78) in China auf. Da suchst Du nach alternativen Antworten, durch Rückgriff auf einen Wikipedia-Text und jenseits der bürgerlichen Geschichtsschreibung, die Maos Politik unter dem Begriff einer „linksradikalen menschenfeindlichen Politik“ zusammenfasse.

Der von Dir ins Spiel gebrachte Wikipedia-Text zum „Großen Sprung“ war mir in der Tat bis dato nicht bekannt, die darin enthaltenen Argumentationslinien in weiten Strecken schon. Aber hält der Text auch was er verspricht?
Der Wiki-Text dürfte mehrere Autoren haben, darauf verweist die uneinheitliche Rechercheliteratur und die darauf fußende Argumentation. Die dabei verwerteten Arbeiten sind, wie Du richtig anmerkst, sowohl alt wie neu. Die Neuen stammen vor allem aus dem englisch sprachigen Raum. Chinesische Neuerscheinungen (auf die sich z.B. H. Peters, 2009 stützt) werden bei Wikipedia im Literaturverzeichnis nicht aufgeführt, und wenn zitiert, dann aus zweiter Hand und mit der angloamerikanischen Brille gelesen. Nicht alle Arbeiten, die beim Portal angegeben werden, gelten auch unter Sinologen als seriös. So die Mao-Biographie von J. Chang / J. Holliday (München, 2005). Ihr wurden inzwischen einige Verdrehungen und Verfälschungen nachgewiesen. Doch das sagt natürlich nichts über die anderen neu bei Wikipedia angeführten Arbeiten. – Der Wikipedia-Text enthält zudem eine beeindruckende Fülle an Daten, Fakten und Argumenten; ja Du hältst die Darstellung im Artikel für „detaillierter und klarer“ als die meine (wobei ich anmerke, dass ich das Thema des „Großen Sprungs“ nur gestreift habe). Doch nicht alles am Wiki-Artikel kann stimmen, was darzulegen einer eigenen Abhandlung bedürfte.
Letztlich, so meine Meinung, müssten alle Fakten, Mutmaßungen und Hypothesen, sei es die von mir, sei es die aus anderer Feder auf den Prüfstand, was weder ich noch irgendjemand aus unserem Kreis leisten kann. Da sind wir auf Hilfe von außen angewiesen.

Anders als einige bürgerliche Geschichtsschreiber spreche ich mich im eigenen Artikel weder gegen die Vollendung der „Neudemokratischen Revolution“ in China aus noch verdamme ich das Wollen der chin. Kommunisten, zur sozialistischen Gesellschaftsordnung zu gelangen. Ich kritisiere, dass in der Politik der KPCh dem Sozialismus damals zu wenig Vorlauf und seiner Installierung zu wenig Anlauf eingeräumt wurde. Einige Schritte und Mittel im Kampf um den Sozialismus waren unzeitgemäß, falsch oder überzogen. Konkret dazu: ich halte die vorzeitige Aufkündigung der „Neuen Demokratie“ und die damit verknüpfte Liquidierung der Nationalen Bourgeoisie als Klasse vor und zwischen 1954 – 56 in China für kontraproduktiv (zumal diese chinesische Bourgeoisie damals weder in der Lage noch kräftig genug war, die Neue Chinesische Ordnung zu stürzen. Erst später wird ihr z.B. von den Vertretern der Kulturrevolution eine allzeit restaurative und konterrevolutionäre Handlung unterstellt.); auch halte ich den Kurs des „Großen Sprungs nach vorn“ (wie später die „Kulturrevolution“) für unzeitgemäß und falsch. Sie haben dem sozialistischen Weg in China nicht genützt.

Dazu noch mal einige Gedanken:

Die Auseinandersetzung um den chinesischen Weg zum Sozialismus begann früh, viel früher als 1957/58. 1953 war, folgt man der wiss. Literatur, die Konsolidierungsphase im Neuen China weitgehend abgeschlossen. Okt. 1952 stimmten Mao und Stalin darin überein, den Übergang zum Sozialismus in China auf ca. 15 Jahre zu projektieren. Dabei vertrat Stalin die Auffassung, „der Übergang solle allmählich erfolgen“. (H. Peters, 2009, S. 158) Doch Mao begann bereits wenige Monate nach der Aussprache (Stalin war inzwischen verstorben) und gegen sie mit seiner Politik der Beschleunigung – hin zum Sozialismus, mehr oder weniger gestützt auf die sogenannte Masseninitiative unter Leitung der Partei. (Neue Dok. zur Stalin/Mao Kontroverse sowie zur Parteiinternen Auseinandersetzung um die „Neue Demokratie“ und den anvisierten Weg zum Sozialismus, in deutscher Übersetzung, bei A.V. Pantsov / St.I. Levine, Frankfurt/M., 2013/14.) Maos Beschleunigungspolitik blieb, wenngleich ohne konkrete Planung und durch innere (ideologische) und äußere (gesellschaftspolitische) Anlässe vorwärtsgetrieben, eine Grundkonstante seines Handelns (Pragmatismus im Einzelnen inklusive). Im ‚Gegensatz‘ dazu stand Liu Shaoqi, der wohl eher den tradierten sowjetischen Vorstellungen einer schrittweisen Annäherung an den Sozialismus von oben anhing, ein Denken, das aber auch starken linken Schwenks unterlag (was alles näher zu untersuchen wäre). Diese Auseinandersetzung zwischen zeitweilig aber nicht immer entgegengesetzten Konzepten wird die weitere Geschichte Chinas begleiten.

Du äußerst dich nicht dazu, warum man in China 1957/58 zum „Großen Sprung nach vorne“, d. h. zum beschleunigten Aufbau des Sozialismus überging (einschließlich der damit verknüpften Kommune- und Stahlkampagne). Ich selber kann in dieser Zeit dafür keinen zwingenden und gesellschaftlich erforderlichen Grund erkennen (wer da bessere oder anders lautende Informationen hat, soll mich überzeugen). Hatte man bereits Mitte der 50er die nationale chinesische Bourgeoisie als Klasse beseitigt, so ging es beim „Großen Sprung“ in der Landwirtschaft nunmehr darum, den Privatbesitz an Land und den Besitz privater Produktionsmittel aus der ländlichen Bevölkerung zu vergesellschaften sowie den Umbau Chinas zu einer Industriegesellschaft einzuleiten. Nicht erste Schritte zum Sozialismus, sondern der beschleunigte Aufbau war im Visier. Der konkrete Beschluss zum „Großen Sprung“ jedenfalls war eine politische Entscheidung ohne zwingende Notwendigkeit. Die Gründe bleiben dunkel. Die damals existierenden gesellschaftlichen Widersprüche in China hätten meiner Meinung nach auch anders behandelt werden können, ja müssen, z.B. nach den anders lautenden Vorgaben des 8. Parteitages der KPCh (Sept. 1956). Bekanntlich wurden die Ergebnisse dieses Parteitages (wohl durch dieselben Delegierten) auf dem 2.Plenum des VIII. ZK (Mai 1958) dann offiziell umgestoßen.

Zum schrittweisen Abbruch des „Großen Sprungs“ und zu den mutmaßlichen Gründen des Scheiterns jedenfalls hast Du Dir eine Meinung gebildet. Du schreibst: „Zur Erklärung des Scheiterns gibt es offenkundig unterschiedliche Erklärungsansätze: erstens: Naturkatastrophen, zweitens: linke Fehler bei der Umsetzung, oder drittens: eine grundsätzlich falsche Politik. Nach flüchtiger Durchsicht des Wiki-Artikels neige ich zur ersten und zweiten Variante, während du die dritte Antwort favorisierst. / Wenn man den dritten Ansatz für richtig hält, ist der Weg offenkundig, dann ist die Kulturrevolution nur die Fortsetzung einer menschenverachtenden linksradikalen Politik.“ – Dein Erklärungsansatz beim Scheitern des „Großen Sprungs“ ähnelt damit der Rechtfertigungslinie Mao Tse-tungs.
Nun ja, auch ich sehe weiteren Forschungsbedarf zum „Großen Sprung“, folge aber nicht Deinen Arbeitshypothesen.

Warum scheiterte der „Große Sprung nach vorn“? Einige Argumente auf dem Prüfstand

Zur Erinnerung: 1954 sprachen die chin. Verfassung und der Volkskongress von einer „Übergangsperiode“ in China , bei dem der Staat die Hauptaufgabe habe, die sozialistische Industrialisierung des Landes durchzuführen und allmählich, sprich schrittweise die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft, des Handwerks sowie der kapitalistischen Industrie und des Handels zu bewerkstelligen bzw. sie langfristig zu vollenden.
Was konnte das für die Landwirtschaft bedeuten? Zum Beispiel: 1) die Industrialisierung des Landes durchführen, um dann die Kollektivierung des Landes und des Besitzes vorzunehmen. Diese Variante wurde in der Partei allerdings früh verworfen; oder 2) die schrittweise Verwandlung des nunmehr existierenden kleinbesitzenden landwirtschaftlich tätigen Bauern in Angriff nehmen : a) zuerst seine Mauserung in einen Genossenschaftler (und zwar so, dass sich das Genossenschaftswesen nicht gegenüber dem Gesamtinteresse einer geplanten Gesellschaftsentwicklung durch den Staat verselbständigt); b) dann die langsame Verwandlung des gemauserten Genossenschaftlers in einen Staatsangestellten, d.h. die Überführung seiner Produktionsmittel und seiner Landfläche in Volkseigentum. Damit wäre man dem Idealbild einer „freien Assoziation der Produzenten“ auf dem Lande, von dem Marx bezüglich des Sozialismus für Westeuropa und den USA sprach, ein Stück nähergekommen. Erreicht hätte man diesen Idealzustand noch lange nicht, worüber man sich in China auch ein Stück bewusst war. Dieser Weg wurde angestrebt, aber dann zugunsten einer radikaleren Politik verlassen.

Nach der Revolution 1949 war die Ernährungslage in China immer noch prekär, in einigen Lagen ausreichend, in anderen kritisch bis katastrophal. Ein Indikator dafür war der schwächelnde Getreideanbau.
Getreide war das Hauptnahrungsmittel in China. Die Ernteergebnisse lagen 1953-57 bei durchschnittlich 181,6 Mill. t jährlich. (M. Leutner, 1999, S. 120) 1958 war ein vergleichsweise gutes Jahr für die Lebensmittelproduktion. Statt 195 Mill. t wie 1957 konnten 200 Millionen t Getreide eingefahren werden. Ein Erfolg des Genossenschaftswesens, günstiger Naturumstände, oder von beidem etwas? Viele Parteimitglieder jedenfalls sahen schon so etwas wie eine Trendwende.

Allerdings verließen zu diesem Zeitpunkt bereits wieder Teile der Genossenschaftler die Kooperativen. Für diese Personen waren die staatlichen Ankaufpreise für das Überschussgetreide zu niedrig angesetzt und die Quoten für die Pflichtabgaben an den Staat zu hoch geschraubt. Zudem hatte der (gesetzwidrige) Druck den ‚sozialistischen‘ Genossenschaften beizutreten seine negativen Spuren im Bewusstsein dieser Personengruppe hinterlassen. Sie wiedersetzten sich der Parteilinie. War dies also ein guter Zeitpunkt für das politische Kommune- Projekt? Konnte man über das Projekt die Produktivkräfte entfesseln und die renitenten Teile der Bauernschaft in die Knie zwingen? Diese Vorstellungen gab es wohl in den Reihen der Maoisten.
Freiwillig sollte der Schritt in die landwirtschaftlichen Kommunen erfolgen, hieß es im entsprechenden ZK-Beschluss vom 29.8. 1958. In der Wirklichkeit aber vollzog sich die Umwandlung des noch keineswegs konsolidierten Genossenschaftswesens in die Kommune in rasenden Schritten, und örtlich keineswegs immer aus Einsicht und ohne Zwang.
So wurde das Kommune- Projekt der Kollektivierung einschließlich der darin vollzogenen weitgehenden Abschaffung des privaten Hoflandes, inklusive der Widersprüche innerhalb der Kommunen ein Va-banque-Spiel, das letztlich scheiterte. Noch dazu war parallel die Stahl- und Wasserbau-Kampagne angesetzt. Zu früh, zu überhastet, zu wenig durchdacht … politisch verfehlt.

War die Getreideproduktion 1959 schon um 30 Millionen t gegenüber 1958 auf 170 Millionen t abgesunken, so wurden 1960 nur noch 143,5 Millionen t eingebracht. Die Getreideproduktion lag damit noch unter dem Limit des Jahres 1951. Mit dem Jahr 1959 begannen die „drei schwierigen Jahre“ für China.“ (H. Peters, 2009, S. 246) Doch nicht nur die Getreideproduktion brach ein: Die Zuckerproduktion ging von 1958 – 1962 von ursprünglich „0,90 Mio. t auf 0,34 Mio. , Ölpflanzen von 4,77 Mio. t auf 2 Mio. , Schweine von 138 Mio. Stck auf 100 Mio.“, usw. zurück. (O. Weggel, 1989, S. 238) Die Lebensmittelrationen in China gingen Zug um Zug in den ‚Keller‘. Die administrativ festgesetzten Abgabequoten der Bauern z.B. beim Getreide blieben jedoch hoch. „1958 hatte der Staat bei einer guten Ernte 29,4 Prozent der Produktion aufgekauft, 1959 stieg die Quote auf 39,7 Prozent, was am Rückgang der Produktion lag, aber auch daran, dass die Industrieprojekte nicht genügend reduziert wurden. 1960, im Jahr des schlimmsten Massensterbens, mussten die Bauern 35,6 Prozent ihrer Ernte an den Staat abgeben.“ (F. Wemheuer, 2012, S. 192) Die industriellen Zentren und die Städte hingegen blieben lange weitgehend geschützt. Die Landflucht und der Zuzug in die Städte wurden nicht wirklich abgebremst, der Geburtenzuwachs nicht reguliert. China aber hungerte, vor allem auf dem Land. Die Hungertoten gingen in die Millionen. (u.a.: Yang Jisheng, 2012 / F. Wemheuer, 2012) Die politischen Korrekturen der Partei erfolgten viel zu spät oder zu zögerlich, die ausländischen Hilfsangebote wurden nur langsam akzeptiert, Getreide aus dem Ausland zu spät eingekauft. Einheimisches Getreide wurde selbst dann noch exportiert, als die Hungersnot am größten war, 1960, um weiter Maschinen einzuführen oder Verpflichtungen zu erfüllen – hier hätte man reduzieren müssen. Vieles hätte verhindert oder abgemildert werden können. …

Zeitgleich zur obigen Entwicklung ereigneten sich in China Naturkatastrophen großen Ausmaßes, die Jahre anhielten; entweder flächenmäßige Dürre oder Überschwemmungen. Wie schlimm das alles war, wird in der Literatur unterschiedlich beurteilt.
Da beide Ereignisse, der „Große Sprung“ und die Naturunbilden, zusammenfielen, lassen sich aus der Gemengelage und der galoppierenden Hungerkatastrophe auch unterschiedliche Schlussfolgerungen ableiten. – Während Du das Scheitern des „Großen Sprungs“ auf den Erklärungsansatz Naturkatastrophen und auf linke Fehler bei der Umsetzung der Neuen Generallinie zurückführst, sehe ich das Grundproblem des Scheiterns in der Generallinie des „Großen Sprungs“ selbst, deren Effekte durch die Naturkatastrophen weiter verschlimmert wurden.

Welche Gegenargumente zur ‚reinen‘ naturbedingten Katastrophe in China finden sich in der Sinologischen Literatur (F. Wemheuer, 2004/2010/2012). Dazu einige Textauszüge:
– „Heute gibt es weder in China noch im Westen einen ernst zu nehmenden Wissenschaftler, der Naturkatastrophen als Hauptgrund für die Hungersnot von 1959 bis 1961 sieht.“
– „Deutlich wird … durch alle Statistiken, dass das Ausmaß der Naturkatastrophen zwischen 1959 und 1961 keinesfalls einzigartig war. Dürren richten größeren Schaden als Überschwemmungen an. Die von Dürren betroffenen und zerstörte Fläche war 1978 größer als 1960. 1978 kam es deswegen aber nicht zum Massensterben. … Auch 1962 / 1963 litt China noch unter schweren Überschwemmungen und Dürre. Die Hungersnot war aber beendet, weil die Regierung eine neue Politik betrieb. Die Ursachen für das Massensterben müssen nicht in den natürlichen, sondern den politischen Faktoren gesucht werden.“
„Die Todesrate ging im Jahr 1961 zurück, und schon 1962 erlebte China einen Geburtenboom. Mit Ausnahme der Provinz Sichuan war in diesem Jahr das Schlimmste überstanden. Die Steigerung der Agrarproduktion kann das Ende der Hungersnot aber nicht vollständig erklären. Die Getreideproduktion stieg 1961 um 2,8 Prozent und 1962, dem Jahr der Erholung um 8,5 Prozent. Sie war 1962 jedoch immer noch niedriger als 1959, dem ersten Jahr der Hungersnot, oder in irgendeinem Jahr zwischen 1952 und 1958. Der Grund dafür, dass das Massensterben auf den Dörfern aufhörte, bestand auch darin, dass die Bauern wieder mehr Getreide zur Verfügung hatten. Außerdem wurden Teile der Stadtbevölkerung durch Importe ernährt. Die 20 Millionen Menschen, die auf das Land zurückgeschickt wurden, konnten sich nach einiger Zeit auch mit den Parzellen zur privaten Nutzung teilweise selbst versorgen, anstatt in den Städten die höheren Rationen zu konsumieren. Jeder Stadtbewohner, der wieder Bauer wurde, entlastete das staatliche Versorgungssystem. Außerdem war die Regierung bereit, weiter Getreide zu importieren.“
– „Naturkatastrophen waren nicht der entscheidende Auslöser der Hungersnot und wurden erst später als Entschuldigung vorgeschoben.“
Diese Einschätzung teile ich, bin aber dafür, das weiter zu untersuchen.

Neben der Naturkatastrophen-Theorie werden bei Dir für das Scheitern des „Großen Sprungs“ noch „linke Fehler“ bei der Umsetzung der neuen Generallinie angeführt. Welche das waren, sagst Du nicht.
Ich stimme mit Dir wohl darin überein, dass es eine linksradikale Strömung oder auch Gruppenbildung im Funktionärskörper der KPCh zu dieser Zeit gab. Differenzen ergeben sich da, wo Du Mao Tse-tung von dieser Strömung abgrenzt, ihn fast in die Position eines Zentristen versetzt. Meiner Meinung nach war Mao aber der intellektuelle Kopf dieser linksradikalen Strömung am Ende der 50er Jahre in der KPCh, einer, der Initiativen aus diesem Kreis aufnahm oder in sie einbrachte, der Noten verteilte und im Zweifelsfall auch Stoppzeichen setzte, wenn eine Kampagne aus dem Ruder zu laufen schien. Er war, wie man damals zu Recht sagte, der „Große Steuermann“. Mao war ein maßgeblicher Architekt des „Großen Sprungs nach vorne“, wie dann später auch der „Kulturrevolution“.
Tatsache ist jedoch auch, dass die Anfänge und Verläufe des „Großen Sprungs“ von den späteren Kritikern wie Liu Shaoqi und Deng Xiaoping mitgetragen wurden. Erst relativ spät schwenkten diese führenden Kader um. Linksradikale Positionen waren in der Partei zeitweilig ansteckend oder trafen auf einen Resonanzboden.

Ich nehme Deinen Hinweis dabei durchaus ernst, dass die Kampagnen innerhalb des „Großen Sprungs“ regional unterschiedlich ausgeprägt waren, je nachdem wer die politische Führung ‚vor Ort‘ innehatte usw. Das ist Konsens. Umgekehrt solltest Du aber auch zur Kenntnis nehmen, dass es selbst bei Wikipedia heißt, dass die besonders radikal auftretenden Provinzsekretäre der Partei zu den „eifrigsten Anhänger(n)“ Mao Tse-tungs zählten.

Natürlich habe ich mir ebenfalls die Frage gestellt, ob politische Bewegungen von unten, also aus der Arbeiterklasse oder aus der armen Bauernschaft in Richtung des „Großen Sprung nach vorne“ drängten, also Bewegungen, die nicht aus dem Funktionärskörper der KPCh entsprangen. Überzeugende Hinweise darauf habe ich nicht gefunden, was nicht heißen muss, das es sie nicht gab (Wer da meint, besser informiert zu sein, möge mich belehren).
Es scheint doch wohl so, dass die Entscheidungen und Fraktionskämpfe in der KPCh-Spitze eine stärkere Bedeutung für China hatten, während in der UdSSR für die russische KP die Klassenkämpfe ein größeres Gewicht hatten. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass nach dem chin. Bürgerkrieg 1945 – 1949 mit seinen sozialen Umwälzungen und den anschließenden politischen Umbrüchen nur die KPCh mit ihren Massenorganisationen als relevante organisatorisch-politische Kraft in der Fläche des Landes übrig blieb: Die Grundherrenklasse war liquidiert; die Bauernschaft wurde durch die Agrarrevolution mit ihrer Landumverteilung stark sozial homogenisiert und politisch deaktiviert, die traditionellen bäuerlichen Geheimgesellschaften wurden zerschlagen oder verboten, die kommunistische Partei war hingegen flächendeckend im Land vertreten und verankert; die ehemals herrschende Klasse Chinas, organisiert in der GMD war ökonomisch und politisch enthauptet und die Führung im Ausland; die Nationale Bourgeoisie, demokratisch gewendet, war politisch aufgesplittert und in der Bedeutung marginalisiert, dann Mitte der fünfziger Jahre als Klasse gar beseitigt; Widerstände wurden gebrochen; die Arbeiterbewegung spielte in diesem Zeitabschnitt wohl keine Rolle, obwohl die KPCh in ihrem Namen operierte. Nur die KPCh beherrschte das politische Tableau der Zeit, sie war der entscheidende Austragungsort der politischen Richtungsentscheidungen, der Führungszirkel der KPCh mit seinen politischen Strömungen war darin zentral.

Mit der politischen Vereinzelung des Land besitzenden Bauern verschwanden natürlich nicht seine sozialen Interessen und Bedürfnisse, sie erschwerten aber dessen Durchsetzung. Der Partei erwuchs damit ein großer politischer Handlungsspielraum. Diese Konstellation dürfte auch die Vorstellungen Maos unterstützt haben, China sei „wie ein unbeschriebenes Blatt, auf dem man gut schreiben kann.“ Doch war dieser Spielraum nicht grenzenlos.

In der „Dialektik“ Maos gibt es des Weiteren folgende Gedanken: „Wenn sich ohne eine Änderung der Produktionsverhältnisse die Produktivkräfte nicht weiterentwickeln können, dann spielt die Änderung der Produktionsverhältnisse die hauptsächliche, entscheidende Rolle …. Wenn der Überbau (Politik, Kultur usw.) die Entwicklung der ökonomischen Basis behindert, dann werden politische und kulturelle Umgestaltung zum Hauptsächlichen, Entscheidenden.“ (siehe: „Über den Widerspruch“, 1937/68, Kapitel IV.) In diesem Text findet sich im Weiteren eine einfache, zu einfache ‚Gleichung‘: Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein und das gesellschaftliche Bewusstsein bestimmt das Sein. Formal erkennt Mao an, „dass im Gesamtverlauf der historischen Entwicklung das Geistige vom Materiellen, das gesellschaftliche Bewusstsein vom gesellschaftlichen Sein bestimmt wird “, um dann fortzufahren: „doch gleichzeitig erkennen wir an und müssen wir anerkennen, dass das Geistige auf das Materielle, das gesellschaftliche Bewusstsein auf das gesellschaftliche Sein, der Überbau auf die ökonomische Basis zurückwirkt.“ Wer also diese Rückwirkung des Geistes leugne und nicht akzeptiere, der sei nur ein Vertreter des mechanischen Materialismus. – Das ist zwar nicht falsch, es kann aber die Idee, unser Bewusstsein nur zu bestimmten Zeiten und materiellen Bedingungen Wirkungskraft entfalten. Sonst erhält die ‚Formel‘ den Charakter von Beliebigkeit; und es liegt die linke Versuchung nahe, mit dem menschlichen Willen „die Höhen zu erklimmen“. – Was ist aber, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse für einen solchen Schritt und Maßnahmenkatalog noch gar nicht reif sind? Dann haben wir eine schiefe Bahn abwärts, und Jene, die zu früh oder zu radikal aufbrachen, bestraft das Leben.

Tatsache ist, Teile der Bauernschaft verstanden die Idee der „permanenten Revolution“ Maos nicht. Denn sie hatten mit dem neuen Landbesitz durch die revolutionären Landreformen auch das, wovon sie immer geträumt hatten: eigenes Land zur Bewirtschaftung, Besitztitel, die man nicht einfach aufzugeben gedachte. Einer mutmaßlichen Enteignung oder großen Abschöpfung wie im „Großen Sprung“ setzten diese Teile der Landbevölkerung deshalb (einen zumeist passiven) Widerstand entgegen.

Doch die bäuerlichen Miniparzellen, die dem armen Bauern, ja selbst dem einfachen Mittelbauern nur ein kärgliches Leben erlaubten, boten der Partei und dem Staat natürlich auch neue Ansätze zur individuellen und sozialen Bewusstseinserweiterung: So konnten sie die erreichten oder traditionell vorhandenen kooperativen Strukturen und Bewegungen in der Gesellschaft verstärken und mit Hilfe des Staates ausbauen. Der Staat konnte das kulturelle Niveau der Gesellschaft heben. Die Industrialisierung Chinas und die Mechanisierung der Landwirtschaft waren weitere langfristig wirksame Hebel, die gesellschaftlichen Strukturen und das Denken umzuwälzen. Alles war angedacht und eingeleitet, doch notwendiger Weise nur in Schritten zu realisieren. Eine schnelle und auf Zwang gegründete Veränderung des sozialen Lebens und Bewusstseins war nicht möglich ohne Schäden zu setzen. Das geschah aber meinem Eindruck nach im „Großen Sprung“ und in der „Kulturrevolution“ unter der Flagge des ‚Klassenkampfes‘. Die Geschichte hat ihre Rechnung dafür präsentiert.

Wie passen zu dieser Diagnose folgende Erscheinungen:
– In den Schriften Maos gibt es immer wieder Passagen, wonach so und soviele Prozent der Bevölkerung für oder gegen die neue Politik der Partei seien. Stets war es hier die übergroße Masse, die hinter der Partei oder der Linken stand. Doch blieb dabei stets unklar, wer diesen Zahlenspiegel erfragt hatte. Die Partei, der Geheimdienst oder wer? Wurden die Zahlen gegengecheckt oder sind sie doch nur ein Fantasieprodukt des Autors, um die eigene politische Linie zu legitimieren?
– Skeptisch, ja kritisch, sollte man auch an jene Broschüren und künstlerischen Erzeugnisse aus dem „Großen Sprung“ oder aus der „Kulturrevolution“ herangehen, die uns stets lächelnde Menschen bei schwerem Arbeitseinsatz im Kampagnengewitter der Partei vorführen. Was war hier Propaganda, was Realität? Arbeit unter wehenden roten Fahnen sagt ja noch nichts über die Motivation der Schaffenden aus. Rot galt in China seit altersher als „lebensspendende Farbe“ oder als der „virtuelle Beginn einer Epoche“, während man sie im Westen stets als politisches Symbol begriff. Was waren diese Arbeitseinsätze also, echte Begeisterung für den Aufbau des Sozialismus oder doch ‚nur‘ die Ableistung von Arbeitspflichten gegenüber dem Staat, so wie dies schon Generationen Werktätiger vor ihnen in China taten? Aufbauwille oder Zwangsarbeit? Auf wie viel Zuspruch konnte sich die KPCh also wirklich stützen? Und reagierte sie auf die Widersprüche im Volk immer richtig?
So oder so, zu all diesen Fragen besteht Forschungsbedarf.

Wer untersucht, kann der irren?

Du schreibst: „Darüber hinaus: Wenn man davon ausgeht, dass die chinesische Revolution kein Zufall ist, muss man feststellen, dass Mao und die „Maoisten“ einen jahrzehntelangen erfolgreichen Bürgerkrieg führen, also offensichtlich keine Idioten sind, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse einzuschätzen wissen und darauf die richtigen strategischen Antworten geben (unabhängig davon, dass sie dabei Fehler machen und die theoretische Begrifflichkeit vielleicht zu hinterfragen ist). Dagegen entpuppen sich die Gegner Maos bzw. die alternativen Strategien als Irrweg.
Wenn das aber so ist, heißt das nicht, dass Mao ein realistisch denkender Politiker war, der die vorhandenen Klassenkräfte richtig einschätzte und – im Gegensatz zu anderen Revolutionsführern – ein offenkundig realitätstaugliches politisches Programm vertreten und durchgesetzt hat (oder meinst du, dass die Revolution auch mit einem anderen Konzept und einer anderen Führung gesiegt hätte?)
Wie kommt es dann, dass derselbe Mao sich bald darauf von einem nüchternen Strategen zu einem linksradikalen, realitätsverweigernden Abenteurer entwickelt, der die ganze Gesellschaft unter Inkaufnahme von Millionen Toten an die Wand fährt?“

Zugegeben, diese Argumentationskette ist in sich logisch, aber sie geht von falschen Vorstellungen aus:
Zunächst, ich betrachte Mao und die Maoisten keineswegs als „Idioten“. Auch verneine ich nicht, dass die KPCh Untersuchungen zur den „gesellschaftlichen Verhältnissen“ vorgenommen hat. Ich stelle aber Fragen nach der Qualität dieser Untersuchungen im Einzelnen und nach den daran geknüpften Schlussfolgerungen. Da überzeugt nicht alles. Ich verweise hier z. B. auf Maos Untersuchung über „Die (Alt) Chinesische Gesellschaft“ von 1939 (A. Werke Band II, S. 353 – 364), eine Analyse, die über weite Strecken falsch, dürftig und schablonenhaft ist; oder, auf seine ‚Zwei Spatzen Theorie‘ von 1956 (A. Werke Band V, S. 365 – 371), also seine Anregungen an „Vertreter einiger komm. Parteien“ Lateinamerikas, um an die zukünftige Revolution dieses Kontinents heranzukommen; eine Arbeitsanleitung, die fast ganz ohne Analyse
der Geschichte der Bauernfrage in so unterschiedlichen Ländern und Kontinenten wie China und Südamerika auskommt. – Ich könnte die Negativliste hier weiter verlängern. Dein ‚Urvertrauen‘ in die Untersuchungstätigkeit der Alten KPCh und ihrer Köpfe kann ich nicht nachvollziehen. Man sollte die Ergebnisse ihrer Anstrengungen einzeln prüfen, die Schlussfolgerungen allemal.

Im Text verknüpfst Du nun den Sieg der KPCh im chinesischen Bürgerkrieg, mit ihrer Fähigkeit „die gesellschaftlichen Verhältnisse einzuschätzen“. Zwar gestehst du auch einzelne Fehler zu. Doch ist mir die Bilderfolge zu glatt.
Wir beide gehen davon aus, dass die „chinesische Revolution kein Zufall war“. War der Sieg der Revolution von 1949 damit vorgezeichnet? Nein, war er nicht. Es gab innere und äußere Faktoren und Umstände, die es der KPCh ermöglichten zu siegen. Doch war der Weg, die Widersprüche richtig zu behandeln, steinig. Nicht immer fanden die diversen Führer der Partei die richtigen Antworten zur Lösung der Aufgaben. Überspitzt gesagt: Die KPCh siegte trotz ihrer Fehler und Irrtümer, weil sie als einzige Kraft die Brisanz der Bauernfrage für den sozialrevolutionären Befreiungskrieg in China erkannte. Letztlich eine Gesamtleistung der Partei (und nicht nur Maos) nach langem Ringen mit sich selbst. Der japanische Überfall auf China gab der KPCh zudem die Möglichkeit, die soziale Frage mit dem nationalen Befreiungskrieg zur demokratischen Volksrevolution zu verknüpfen. Die Unfähigkeit der GMD (der „Nationalen Volkspartei“ unter dem Militärmachthaber Chiang Kai-shek), das eigene reaktionäre Korsett im Bürgerkrieg abzulegen (Ausdruck ihrer inneren Konstellation als Organ der herrschenden Klasse) tat ein Übriges.

Weil die KPCh letztlich im Volkskrieg über die GMD militärisch siegte, soll sie später nicht mehr geirrt haben? Doch sie konnte im Konkreten auch irren. Auffällig an Deinem ‚Zirkelschluss‘ ist, dass Du nur das ‚äußere‘ Agieren der KPCh im Befreiungskrieg in den Blick nimmst. Doch gab es auch ein Innenleben der Partei und ein ‚Binnenverhältnis‘ in den Befreiten Gebieten, in der nicht alles so glatt, korrekt und richtig lief wie die Parteioffizielle Geschichtsschreibung suggeriert; Tatsachen, über die wir auch forschen und streiten sollten. Ich meine hier das Agieren der Partei und ihrer Köpfe in der Ersten Chinesischen Sowjetrepublik in Jiangxi, zur Politik in Yan’an und in den Linienkämpfe nach 1949.

1949 und später gab es zudem keine Blaupause für den Weg in den chin. Sozialismus. Es gab nur einige Erfahrungen aus der Sowjetunion. Eigene Fehler der Partei und ihrer Köpfe in gänzlich anderem Umfeld waren daher unvermeidlich. Sie jedoch nachträglich zu adeln, wäre sträflich. Vielmehr gilt es aus ihnen zu lernen.

Unsere Diskussion muss weitergeführt werden

Ich denke, wir stehen erst am Anfang weiterer Diskussionen und Untersuchungen zur chinesischen Geschichte. Wir sollten dabei keine Scheu haben, unsere tastenden Schritte vorzuzeigen. Dass dabei linke Wadenbeißer auftreten werden, die schon immer meinten, alles richtig zu sehen, nehme ich bewusst in Kauf. Zumal ich den Widerspruch als Erkenntnismittel akzeptiere.
Zudem erinnere ich daran, dass die obigen Problemstellungen nur eine Etappe auf unserem selbst gestecktem Ziel darstellen, die weitergehenden Fragen zu klären: Sucht die heutige Staats- und Parteiführung in China noch nach der Furt zum Sozialismus oder ist sie längst im Kapitalismus angekommen? Herrscht die Kapitalistische Produktionsweise bereits im heutigen China, wie so viele Linke mutmaßen, ohne den wissenschaftlichen Beweis dafür anzutreten, oder herrscht sie nicht? Hierzu eine Diskussion loszutreten ist sinnvoll.

Fritz Gött