Schlußbemerkung

In theoretischer Hinsicht besteht der zentrale Punkt der hier vorgetragenen Kritik darin, dass die Konzeption eines monopolkapitalistischen Stadiums auf einem fehlerhaften Verständnis der freien Konkurrenz beruht. Diesem zufolge besteht die freie Konkurrenz in der Abstraktion von Hindernissen, speziell von Monopolen, deren Fehlen als selbständige Voraussetzung für die Durchsetzung der ökonomischen Gesetze aufgefasst wird und deren Auftreten dementsprechend der Verwirklichung der Gesetze zunehmend Schranken setzt. Wesentliche Züge des monopolkapitalistischen Stadiums – Allmacht der Monopole, Beschneidung der objektiven Gesetze, bewusste Regelung der Produktion trotz privater Aneignung – sind die Kehrseite dieser inhaltslosen, nur negativen Auffassung der freien Konkurrenz. Im Begriff des Finanzkapitals – der Banken, die zu allmächtigen Monopolinhabern angewachsen sind und über die gesamtgesellschaftliche Produktion in zunehmenden Maße verfügen – gewinnt dieses fehlerhafte Verständnis seinen zusammenfassenden Ausdruck. Es ist darin offensichtlich eingeschlossen, dass diese „Art neue Gesellschaftsordnung“ kein Kapitalismus mehr ist. Ebenso offensichtlich ist es, dass Lenin damit in zentralen Punkten die Theorie Hilferdings in eigenen Worten wiedergibt.

Man mag dem entgegenhalten, dass sich die historische Realität um die Jahrhundertwende tatsächlich in der von Lenin beschriebenen Weise gewandelt hatte; dass die ökonomische Theorie von Marx auf das 19. Jahrhundert, auf das 20. Jahrhundert dagegen die Theorie Lenins – bzw. Hilferdings – zutrifft. Umso dringlicher wäre dann eine konkrete historische Untersuchung, die diesen Wandel belegt.

Tatsächlich war es Lenins eigene Zielsetzung, anhand möglichst vieler Äußerungen bürgerlicher Ökonomen die „neueste Ökonomik“ des Kapitalismus darzustellen.1 Der damit verbundene empirische Charakter der Schrift hat aber nicht nur den Nachteil, dass die grundsätzlichen Behauptungen über die neuen ökonomischen Verhältnisse des monopolistischen Stadiums nicht in ihrer theoretischen Problematik erfasst und diskutiert werden, sondern weist selbst in zweifacher Hinsicht enge Grenzen auf. Einerseits führt die Übernahme zentraler Auffassungen Hilferdings dazu, dass Auswahl und Interpretation der Zitate bürgerlicher Autoren durch dessen theoretisches Verständnis vorgeprägt und begrenzt sind; anderseits ist die empirische Darstellung im Großen und Ganzen auf Deutschland beschränkt.

Selbst ein oberflächlicher Blick auf die ersten Kapitel der Imperialismusschrift zeigt, dass ein „Gesamtbild der kapitalistischen Weltwirtschaft“, das zu zeichnen Lenin als Hauptaufgabe seines Werkes angegeben hatte,2 gerade für die tragenden Begriffe dieser Theorie auch nicht annähernd erkennbar ist. Über England wird im ersten Kapitel nur die theoretische Ansicht von H. Levy vorgestellt, im zweiten Kapitel wird nur eine Zahlenangabe über Niederlassungen und Filialen englischer Banken gemacht, die in einem falschen Zusammenhang erscheint, im dritten Kapitel wird England praktisch nicht erwähnt – aber im vierten Kapitel wird der britische Kapitalexport als Betätigung des britischen Finanzkapitals verstanden.

Zu Frankreichs Monopolkapitalismus findet sich im ersten Kapitel keine einzige Aussage, im zweiten Kapitel werden die französischen Depositenbanken fälschlich als Finanzkapital aufgefasst, die Ausführungen im dritten Kapitel – unter Bezug auf Lysis – gehören dem Inhalt nach bereits vollständig zum vierten Kapitel, mit dem wiederum die Darstellung der internationalen Tätigkeit des französischen Finanzkapitals aufgenommen wird.

Es gibt nur ein einziges Land, mit dessen Darstellung Lenin alle Themen – vom Kartell bis zum Kapitalexport – abdecken konnte: Deutschland. Das hat in der Hauptsache objektive Gründe. Wenn auch in theoretisch verquerer Form, hatte Hilferding deutsche Verhältnisse (obwohl auch in einigen anderen kontinentaleuropäischen Ländern und in den USA Universalbanken entstanden) unzulässig verallgemeinert.

Kestner und Jeidels kommt in diesem Zusammenhang insofern eine wichtige Rolle zu, als Lenin zentrale theoretische Aussagen auf deren Arbeiten stützen will. Nimmt man deren Werke in ihrem ganzen Umfang und in ihrem eigenen Zusammenhang zur Kenntnis, so muss man feststellen, dass sie der Theorie eines neuen monopolistischen Stadium grundsätzlich widersprechen, vielmehr eine empirische Stütze für die Richtigkeit des Marxschen „Kapitals“ darstellen, von dessen Boden aus sie durchaus nachvollziehbar und begreifbar sind. Zu einem ähnlichen Befund führt die Lektüre der „deutschen Kreditbank“ von Schulze-Gävernitz, von dem Lenin weniger die Darstellung des Kreditwesens selbst, als vielmehr die mit Hilferdings Theorie übereinstimmende Interpretation der Bankenkonzentration übernimmt, wie auch die Lektüre von Lysis, dessen „Finanzoligarchie“ in Wirklichkeit nicht Ausdruck der von Lenin behaupteten „Verschmelzung“ von Banken und Industrie ist.

Die Leninsche Theorie des Monopolkapitalismus ist nicht nur mit der Marxschen ökonomischen Theorie nicht vereinbar, ihr liegt auch keine hinreichende Untersuchung der Realität zugrunde. Man wird bei der notwendigen Untersuchung der ökonomischen Verhältnisse des 19./20. Jahrhunderts – speziell des Imperialismus – genau das tun müssen, was Lenin nicht gelungen ist. Man wird vom Marxschen „Kapital“ ausgehen und auf diesem Boden eine konkrete Untersuchung der historischen Wirklichkeit vornehmen müssen, die die Besonderheiten der verschiedenen kapitalistischen Länder berücksichtigt.

1 LW 22, S. 271

2 LW 22, S. 193