Vorbemerkung

Die vorliegenden Artikel setzen sich mit Hilferdings Theorie des „Finanzkapitals“ sowie mit Lenins Auffassung der „Epoche des Finanzkapitals“ bzw. des „monopolistischen Stadiums“ des Kapitalismus auseinander. Ausgangspunkt für die ökonomischen Ausführungen in Lenins Imperialismus-Schrift und Hilferdings Buch „Das Finanzkapital“ war nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung der Jahrzehnte vor dem ersten Weltkrieg. Bei dem Versuch, diese begrifflich zu erfassen, ging Hilferding von einem fehlerhaften Verständnis der Marxschen Politischen Ökonomie aus, das eine spezifische Interpretation der realen Verhältnisse nahelegte.

In seiner Wert- und Geldtheorie ist – wie F. Kaminski darlegt – die Auffassung bereits angelegt, dass die Konzentrationsprozesse in Industrie und Bankwesen als Tendenz zur Herstellung eines „Generalkartells“ zu verstehen seien. Sie tendieren nach Hilferding zur Verwirklichung der „geregelten Gesellschaft in antagonistischer Form“, die durch Aufhebung der Anarchie gekennzeichnet sei. Dem entspricht auf der Seite der industriellen Konzentration die Vorstellung einer unbegrenzten Ausbreitung des Monopols, d.h. zunehmender Aufhebung der kapitalistischen Konkurrenz, also der Form, in der sich inmitten der Anarchie kapitalistischer Privatproduktion die inneren Gesetze des Kapitals durchsetzen.

Das hinter diesen Ansichten verborgene Verständnis Hilferdings vom Kapital und seinen Gesetzmäßigkeiten sowie vom Verhältnis von Monopol und Konkurrenz steht im Mittelpunkt des Artikels von H. Karuscheit. Mit Lenins Auffassungen zum Monopol und Finanzkapital, der in diesen Punkten an Hilferding anknüpft, setzt sich anschliessend K. Winter auseinander. Dabei wird gleichzeitig versucht, anhand wesentlicher, von Lenin benutzter Quellen der Frage näherzukommen, wie und in welchem Maße Lenins Auffassung die historische Realität der damaligen Zeit widerspiegelt.

Die vertiefte Kritik an Hilferding, dem für Lenins ökonomische Auffassungen zentralen sozialdemokratischen Autor, sowie die nähere Beschäftigung mit einigen der bürgerlichen Autoren, auf die Lenin sich in seiner Imperialismusschrift beruft, markieren die Stellen, an denen versucht wird, über bislang vorliegende Auseinandersetzungen mit Lenins Monopoltheorie hinauszugehen. Wenn auch auf diese Weise ein erster Schritt zur Konfrontation dieser Theorie mit der realen ökonomischen Entwicklung erfolgt, so trägt die vorliegende Auseinandersetzung dennoch insgesamt einen theoretisch-prinzipiellen Charakter. Hilferdings und Lenins theoretische Anschauungen werden der ökonomischen Theorie von Marx gegenübergestellt, mit der sie sich in wesentlichen Punkten als unvereinbar erweisen. So weitreichend ein solches Ergebnis ist, so wenig kann es als Abschluß der Auseinandersetzung mit der Monopoltheorie angesehen werden. Die Grenzen einer bloßen Prinzipienkritik müssen in verschiedener Richtung überschritten werden. So verweisen die hier kritisierten Theorien auf vorangegangene Debatten in der bürgerlichen Ökonomie wie auch auf das allgemeine theoretische Milieu der deutschen Sozialdemokratie bzw. der II.Internationale, aus dem sie erwachsen sind. Auch der Zusammenhang mit Hobsons Imperialismustheorie wäre hier zu nennen. Vor allem aber muß natürlich die reale ökonomische Entwicklung Gegenstand weiterer Untersuchungen werden, wobei auch den unterschiedlichen Entwicklungen der verschiedenen kapitalistischen Länder besondere Aufmerksamkeit zu widmen ist.

Die Artikel sind im Rahmen der Arbeit der Pol-Ök-AG der AzD-Redaktion entstanden (siehe dazu den Bericht in AzD 37, S. 56). Sie geben die persönlichen Auffassungen der Autoren wieder. In der Weiterführung ihres Ansatzes bzw. in der Kritik daran muss sich zeigen, inwieweit ihnen zu folgen ist oder nicht.