Novemberfragen

Der folgende Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Berliner Debatte Initial 30 (2019 – 1)

Heiner Karuscheit

Die Publizistik zum 100. Jahrestag der Novemberrevolution: Inhalt und Grenzen

In der Feierstunde des Bundestags am 9.November 2018 zum 100.Jahrestag der Novemberrevolution bemerkte Bundespräsident Steinmeier als Festredner, dass diese Revolution „bis heute kaum Spuren im Gedächtnis unserer Nation hinterlassen“ hat („Das Parlament“ Nr.46-47 vom 12.November 2018). Dem ist nicht zu widersprechen, denn während andere Nationen mit Stolz ihre Revolutionen feiern, führt der Novemberumsturz in Deutschland ein Schattendasein.

Der Grund dafür erschließt sich beim Blick auf den historischen Kontext. Siebzig Jahre vor dem November 1918 war die bürgerliche Revolution von 1848/49 fehlgeschlagen, aber in ihrem Gefolge hatte Bismarck zwei Jahrzehnte später durch die Gründung des Nationalstaats die nationale Aufgabenstellung dieser Revolution verwirklicht – und die demokratische zurückgeworfen. Dagegen folgte nach der scheinbar geglückten Revolution von 1918/19 vierzehn Jahre später der tiefe Fall in den Nationalsozialismus. Außerdem stellte sich die Mehrheit des Bürgertums, als dessen Vertreter Steinmeier sprach, vor hundert Jahren gegen die Republik, lediglich die linksliberale, im Kleinbürgertum verankerte Deutsche Demokratische Partei begrüßte sie als Vollendung der 48er Revolution. Und schließlich gilt die SPD zwar als Schöpferin der Republik, aber ihre Führung hatte die Monarchie beibehalten wollen und verhinderte, dass der neue Staat ein hinreichendes gesellschaftliches Fundament erhielt.

Angesichts dieses historischen Minenfelds wies ein Kommentator gleich zu Beginn des Jahrhundertjahres auf die Schwierigkeiten hin, die ein Festtagsredner haben würde, den Gedenktag angemessen zu würdigen (Alexander Gallus, FAZ vom 2.2.2018, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/buecher-zur-novemberrevolution-haette-besser-laufen-koennen-15413456.html). Die Rede Steinmeiers stellte dies schlagend unter Beweis. Der Redner umschiffte alle heiklen Fragen und wiederholte, was seit geraumer Zeit ein Mantra der Geschichtsschreibung ist: die Weimarer Demokratie habe zwar eine schwierige Geburt gehabt, sei aber durchaus lebensfähig gewesen. Dazu gehörte, dass er ihren Untergang dem deutschen Volk anlastete, das „in demokratischen Wahlen den Demokratiefeinden zur Mehrheit verhalf“, anstatt die Frage aufzuwerfen, ob dies nicht vielleicht daran lag, dass der neue Staat nicht aus der Novemberrevolution, sondern aus deren Niederschlagung, d.h. einer Konterrevolution hervorgegangen war.

Der eben erwähnte Kommentator bedauerte nicht nur die Festredner des Jahrestags, sondern erhoffte sich gleichzeitig eine „wachgerüttelte Revolutionsforschung, die nicht gleich im ersten Jahr nach dem runden Geburtstag wieder entschlummern möge. Schließlich hat sie noch viele neue Wege zu erkunden.“ (ebd.) Diese Aussage kann nur unterstrichen werden. Sobald man sich intensiver mit den Novemberereignissen beschäftigt und den richtigen Zugang findet, öffnet sich hinter einer scheinbar stabilen Mauer aus gesicherten Erkenntnissen ein weites Feld offener Fragen, das von der Rolle der Sozialdemokratie und der revolutionären Linken bis zur bürgerlichen Revolution in Deutschland und dem Zusammenhang mit der Herrschaft des Nationalsozialismus reicht.

Um die Tragweite dieser Fragen nachvollziehen zu können, ist es unumgänglich, die eigenen, beim Betreten dieses Feldes bislang gewonnenen Erkenntnisse umfänglicher darzustellen als bei einer einfachen Publikationsübersicht angebracht. Zu diesem Zweck werfen wir vorab einen Rückblick auf die Geschichtsschreibung zur Novemberrevolution nach dem 2. Weltkrieg, um von dort aus die weitergehenden Fragen zu entwickeln.

Die bisherige Geschichtsschreibung

Im Westen herrschte zunächst eine strikte Entweder-Oder-These vor, die von einer drohenden Umsturzgefahr durch die Spartakusgruppe/KPD ausging und die Führung der (Mehrheits-) SPD deshalb vor einer einfachen Alternative sah: entweder überließ sie den bolschewistischen Kräften das Feld und ließ eine proletarische Diktatur zu – oder sie musste mit der alten Militärführung zusammenarbeiten, um die Demokratie vor dem Bolschewismus zu retten. Letzteres war die Rechtfertigung, die die SPD selber für ihr Vorgehen angeführt hatte und die im Zeichen des Antikommunismus und des Kalten Kriegs als Erkenntnis der Historiographie fortgesetzt wurde. Ihr Gegenstück fand diese Position in der Geschichtsschreibung der DDR, die Stärke und Einfluss der Spartakusgruppe/KPD maßlos überzeichnete und daraus schlussfolgerte, dass der Sieg des Sozialismus nur durch den Verrat der SPD-Führung verhindert worden sei.

Beginnend mit den 60er Jahren setzte dann in der BRD eine vertiefte Revolutionsforschung zum November ein, die unter Einbeziehung von Regional- und Lokalstudien vor allem die Rätebewegung, ihre Zusammensetzung, Aktivitäten und Ziele untersuchte (zusammenfassender Überblick in: Kolb; Schumann: 170ff). Quellenmäßig breit abgesichert, revidierten die in ihrem Verlauf erschienenen Studien das bis dahin vorherrschende Geschichtsbild gründlich, indem sie zweierlei belegten: erstens, dass die Revolutionsräte weder von Spartakus unterwandert waren noch mehrheitlich sozialistische Ziele verfochten, sondern wesentlich die Beseitigung des preußisch-deutschen Militär- und Obrigkeitsstaats zum Ziel hatten, also Träger nicht eines revolutionär-sozialistischen, sondern eines revolutionär-demokratischen Umsturzes waren. Zweitens wiesen sie nach, dass die Spartakusgruppe/KPD sowohl aufgrund der geringen Zahl ihrer Anhänger als auch wegen ihrer inneren Gegensätze zu keinem Zeitpunkt eine ernsthafte Herausforderung für den Staat darstellte.

Als Konsequenz daraus war die bis dahin behauptete Alternativlosigkeit der SPD-Politik nicht mehr zu halten. Man musste akzeptieren, dass die Parteiführung genügend Spielraum für eine andere Politik gehabt und ihre Zusammenarbeit mit den alten Machteliten die Demokratie geschwächt hatte. Der Nestor der deutschen Historiographie, Heinrich August Winkler, brachte dies auf den Nenner, dass die SPD-Führung zu wenig Veränderungen bewirkt hätte, so dass „ein Übermaß an gesellschaftlicher Kontinuität zwischen kaiserlichem Obrigkeitsstaat und demokratischer Republik“ die Folge war (Winkler: 952). Aus Anlass des jetzigen 100.Jahrestags der Novemberrevolution wiederholte Winkler seine damalige Schlussfolgerung in der Frankfurter Allgemeinen: „Die Handlungsspielräume der Volksbeauftragten waren … nicht so eng, wie Friedrich Ebert und seine politischen Freunde meinten: Sie hätten bei stärkerem Gestaltungswillen mehr verändern können und weniger bewahren müssen.“ (FAZ vom 5.11.2018: 8) In seiner Gedenkrede griff Steinmeier diese Formulierung fast wörtlich auf: „Und doch hätten die Verantwortlichen wohl mehr Veränderung wagen müssen, als sie aus ihrer damaligen Sicht für verantwortbar hielten“. Das dokumentiert, in welchem Maße die skizzierten Einsichten der Revolutionsforschung inzwischen anerkannt sind, wenn auch nicht von allen Historikern.

Die bürgerliche Publizistik

Dieser Erkenntnisstand spiegelt sich auch in dem Echo wider, das der 100.Jahrestag in der Öffentlichkeit gefunden hat, in Radio- und TV-Sendungen, regionalen und überregionalen Zeitungen, in Sonderheften und Veranstaltungen. Soweit zu übersehen, überwog eine kritische Haltung zur damaligen Politik der SPD, während die Bolschewismusgefahr nur noch ausnahmsweise zu deren Rechtfertigung herhalten musste.

Stellvertretend für die Bandbreite dieser Reaktionen wollen wir uns mit vier Büchern beschäftigen, die auf bürgerlicher Seite aus Anlass des Jahrhunderttags erschienen sind:
Joachim
Käppner: 1918 – Aufstand für die Freiheit. Die Revolution der Besonnenen: Piper 2017, 528 Seiten, 28 €
Wolfgang Niess: Die Revolution von 1918/19. Der wahre Beginn unserer Demokratie: Europa-Verlag, Berlin-München-Zürich-Wien 2017; 464 Seiten, 24,90
Mark
Jones: Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik: Propyläen, Berlin 2017, 432 Seiten, 26,00 € (auch erschienen als Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2017)
Robert
Gerwarth: Die größte aller Revolutionen. November 1918 und der Aufbruch in eine neue Zeit: Siedler Verlag, München 2018, 383 Seiten, 28,00 €

Revolution der Besonnenen (Käppner) und Beginn unserer Demokratie (Niess)

Die zuerst genannten Autoren – Käppner und Niess – knüpfen erklärtermaßen an die vorgestellte Revolutionsforschung an. Beide sind promovierte Historiker und Journalisten – Käppner bei der Süddeutschen Zeitung, Niess als Leitender Redakteur beim SWR. Ihre faktengesättigten Bücher verstehen sich nicht als neue Forschungsbeiträge, sie wollen den heutigen Forschungsstand einem breiteren Lesepublikum nahebringen. Niess, der erst vor wenigen Jahren eine Dissertation über: „Die Revolution von 1918/19 in der deutschen Geschichtsschreibung: Deutungen von der Weimarer Republik bis ins 21. Jahrhundert“ geschrieben hat und tief im Thema steckt, verzichtet sogar ganz auf Anmerkungen bzw. Zitatnachweise und legt nur eine Literaturliste vor. Inhaltlich weisen die Werke wenig Unterschiede auf, sie setzen nur unterschiedliche Schwerpunkte; außerdem endet Käppners Buch mit der Zerschlagung der Münchener Räterepublik, während Niess noch den Kapp-Putsch 1920 behandelt.

Beide Autoren würdigen die zentrale Rolle der Arbeiter- und Soldatenräte, die als Träger der Revolutionsbewegung innerhalb weniger Tage die Macht in Deutschland übernahmen. Sie wurden von Arbeitern dominiert, umfassten aber auch zahlreiche Angehörige des Kleinbürgertums. Über ihre politische Stellung schreibt Niess: „In den Räten herrscht … eine massive Abneigung gegen den Militarismus, gegen die überkommene autoritär-bürokratische Verwaltung, gegen die Vorrechte der Unternehmer und gegen jede Unterdrückung oder Entrechtung der Arbeiter. Spontan, ungeordnet, nicht völlig zu Ende gedacht, wird in den Räten der Wunsch großer Teile des Volkes sichtbar, nicht mehr länger kommandiert zu werden, sondern die Dinge irgendwie selber in die Hand zu nehmen. Es geht der Revolutionsbewegung neben der schnellen Beendigung des Krieges auch um eine umfassende ‚Demokratisierung‘ der Gesellschaft. Der alte Obrigkeitsstaat soll von Grund auf verändert werden. Demokratischer Geist soll in die Armee, die Verwaltung, die Justiz, die Schulen und Fabriken, schlicht in die ganze Gesellschaft einziehen. Der Untertan und der Untertanengeist haben ausgedient.“ (Niess: 166)

Im Dezember 1918 beschloss der zentrale Reichsrätekongress gegen den Widerstand Eberts, der um das Bündnis mit der alten Militärführung fürchtete, u.a. die „Zertrümmerung des Militarismus“ und die Auflösung des stehenden Heeres. „Die Macht des preußischen Militarismus soll durch die Revolution dauerhaft gebrochen werden.“ (Niess: 239)

Außerdem verlangte der Kongress die Sozialisierung der Schwerindustrie, was auch „von großen Teilen des Bürgertums mindestens in den Wirtschaftsbereichen erwartet (wird), in denen seit Langem monopolähnliche Strukturen herrschen, im Bergbau und in der Schwerindustrie.“ (Niess: 183) Dasselbe gilt für den Großgrundbesitz, der zerschlagen und an Kleinbauern und Landarbeiter verteilt werden sollte, wodurch die ökonomische Basis des ostelbischen Junkertums beseitigt worden wäre. Die zahlenmäßig stärkste Partei des (Klein-)Bürgertums, die frisch gegründete DDP, forderte dies sogar in ihrem Gründungsprogramm. Mit der Umsetzung dieser Forderungen wären die sozialökonomischen Grundlagen der alten Ordnung beseitigt worden, um an ihre Stelle das Fundament für eine neue Ordnung zu legen.

Für eine revolutionäre Demokratie

Eine Räteherrschaft nach russischem Vorbild wurde von der großen Mehrheit der Räte abgelehnt. „Betrachtet man die realen politischen Kräfteverhältnisse, hat die Forderung >Alle Macht den Räten< keinerlei Chancen, realisiert zu werden. Für eine deutsche Räterepublik kämpft nur eine Minderheit innerhalb der USPD, die Anhängerschaft einer parlamentarischen Demokratie reicht dagegen von der Mehrheit der USPD über die SPD bis hin zum Wählerpotenzial der bürgerlichen Parteien“. (Niess: 169) Auf dem Rätekongress entschieden sich die Vertreter der Arbeiter- und Soldatenräte für Wahlen zu einer verfassunggebenden Versammlung, also für eine parlamentarische Demokratie.

Bei allen Unterschieden, die eine so gewaltige spontane Massenbewegung aufweisen musste, ist ihre übergreifende Stoßrichtung bemerkenswert. Sie richtete sich gegen den preußisch-deutschen Militär-und Obrigkeitsstaat des Kaiserreichs und zielte darauf, die vorbürgerlichen Staatsstrukturen zu zerschlagen, durch die Demokratisierung von Justiz, Verwaltung, Schule und Universität die Wurzeln des wilhelminischen Ungeistes auszureißen und einen neuen revolutionär-demokratischen Staat auf Basis des Parlamentarismus zu errichten.

Die nicht sozialistische, sondern demokratische Zielsetzung der Revolutionsbewegung entsprach dem Stand der gesellschaftlichen Entwicklung, denn damit wäre endlich die bürgerlich-demokratische Revolution verwirklicht worden, die seit 1848/49 überfällig war. Das heißt, die spontane Bewegung stellte sich die Aufgabe, die historisch auf der Tagesordnung stand – allerdings jetzt unter Führung der Arbeiterbewegung, nachdem die Bourgeoisie sich davon zugunsten des Bündnisses mit Bismarck und dem Junkertum verabschiedet hatte. Und nur, wenn diese Aufgabe bewältigt war, die der Entwicklung der deutschen Nation als Ganzes im Weg stand, war der Weg nach vorne, zum Sozialismus, frei. Wenn nicht, wenn die demokratische Revolution erneut scheiterte, bestand die Gefahr, dass der weitere Weg der Nation stattdessen nach hinten führte, in die Barbarei.

Die Linke

Übereinstimmend arbeiten die Autoren heraus, dass die Spartakusgruppe sowie später die KPD in den Arbeiter- und Soldatenräten wenig Resonanz fand. Die große Mehrheit, „vor allem bei den Soldaten, will Frieden und Freiheit, hat aber mit der lautstarken extremen Linken wenig zu tun oder misstraut ihr offen heraus.“ (Käppner: 454) Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den spontan entstehenden bewaffneten Einheiten, etwa der Volksmarinedivision oder den diversen Soldatenwehren, die sich den Schutz der Revolution und die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung zur Aufgabe machten. Bei ihnen war „kaum spartakistischer oder bolschewistischer Geist zu finden. Diese Männer haben sich als Soldaten der Revolution betrachtet, einer Revolution, die von der Einigkeit der Arbeiterbewegung, von MSPD und USPD im Rat der Volksbeauftragten, getragen wird.“ (Käppner: 457)

Als die Spartakusgruppe die USPD verließ und sich an Neujahr 1918/19 mit den Bremer Linksradikalen und anderen Kräften zur Kommunistischen Partei Deutschlands zusammenschloss, waren sich die Gründungsdelegierten in der Überzeugung einig, dass der Sozialismus unmittelbar bevorstand und der nächste Schritt die Errichtung der Diktatur des Proletariats in Gestalt einer Räteherrschaft sein musste. Über das sozialistische Wunschziel hinaus reichte die Einigkeit jedoch nicht; sie endete bei der ersten praktisch-politischen Frage, ob man sich an der Wahl zur Nationalversammlung am 19.Januar beteiligen sollte oder nicht. Während Rosa Luxemburg sich für eine Wahlbeteiligung aussprach, war die Mehrheit, darunter auch Liebknecht, dagegen, weil man bei dieser Irreführung der Massen nicht mitmachen wollte.

Die revolutionären Obleute, welche die Antikriegsstreiks der letzten Jahre im Wesentlichen organisiert hatten und vor allem in Berlin in der Arbeiterschaft verwurzelt waren, sympathisierten zwar mit der KPD, hielten den Boykott der Nationalversammlungswahl aber für sektiererisch und sahen deshalb von einem Anschluss ab. Mit der von Lenin geführten bolschewistischen Partei Russlands wies die neue Partei wenig Gemeinsamkeiten auf. Weder war sie im Proletariat verankert noch verfügte sie über ein revolutionstaugliches Programm, sie war eine „vollkommen nicht-leninistische Partei, die überhaupt nicht in der Lage wäre, einen Staatsstreich zu organisieren.“ (Niess: 288)

Sozialdemokratische „Fehlentscheidungen“

Niess und Käppner weisen darauf hin, dass die sozialdemokratische Führung sich vom ersten Tag an gegen die Revolutionsbewegung stellte, obwohl die eigenen Parteimitglieder in den Räten engagiert waren, dort meist die Mehrheit bildeten und den zentralen Rätekongress im Dezember 1918 dominierten. Aber der Parteiführung „fehlt von vornherein der Wille, das gewaltige demokratische Potenzial der Revolution zum Aufbau der Demokratie zu nutzen.“ (Käppner: 258) Formal erkannten die sozialdemokratischen Volksbeauftragten die Beschlüsse des Rätekongresses an, real machten sie sich vom ersten Tag an daran, die Räte zurückzudrängen und zu entmachten.

Am Abend des 10.November traf Friedrich Ebert als Vertreter des Rats der Volksbeauftragten mit OHL-General Groener ein Abkommen zur Herstellung von Ruhe und Ordnung im Reich. Auf Basis dieses Bündnisses ging das preußisch-deutsche Offizierskorps ungebrochen in den neuen Staat über, und während die SPD-Führung die Rätebewegung nach und nach mit politischen Mitteln aus dem Weg räumte, schlugen Freikorps und neu aufgestellte Reichswehreinheiten den aufflackernden bewaffneten Widerstand gegen die Wiederherstellung der alten Ordnung in den nächsten Monaten nieder. Ohne eine Partei, die theoretisch und politisch auf der Höhe der gestellten Aufgaben war, hatte die spontane, unkoordinierte Revolutionsbewegung gegen diese Gegner keine Chance.

Um die „epochale Fehlentscheidung“ (Käppner: 454) des Bündnisses mit dem Militäradel zu begründen, griff der Journalist Sebastian Haffner eine Parole aus der Revolutionszeit auf und erklärte das Geschehen in seinem 1969 erschienenen Buch „Die verratene Revolution“ (das bis heute meistverkaufte Werk zur Novemberrevolution) als „Verrat“ der sozialdemokratischen Parteiführung. Indessen war bzw. ist der Verrats-Vorwurf zwar moralisch vernichtend, wissenschaftlich jedoch wenig tragfähig. Mit dem Voranschreiten der Revolutionsforschung seit den 60er Jahren suchte die westdeutsche Geschichtsschreibung deshalb nach einer überzeugenderen Erklärung.

Das 1978 erschienene Werk der sozialdemokratischen Historikerin Susanne Miller deutete die gefundene Lösung schon im Titel an: „Die Bürde der Macht – Die deutsche Sozialdemokratie 1918-1920“. Den Gedanken einer (zu) schweren Machtbürde übernahm H.A.Winkler wenig später in seinem 1984-1987 erschienenen dreibändigen Werk über Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik, indem er im Fazit seines Werks die gemachten Fehler zurückführte auf die „Machtscheu“ der Parteiführung (Winkler: 952). Jahrzehntelang von der Regierungsbeteiligung ferngehalten, sollten Ebert und Co. vor der Alleinverantwortung zurückgeschreckt sein und sich zu weitgehend auf das Zusammengehen mit den machtgewohnten Kräften der alten Ordnung eingelassen haben. Diesem Erklärungsmuster folgen auch Käppner und Niess. Die sozialdemokratischen Spitzenpolitiker haben „kein realistisches Verhältnis zum Umgang mit staatlicher Macht gelernt“ (Niess: 190), mit der Folge: Sie „haben die Macht, aber fürchten sie zugleich so sehr, dass sie Hilfe bei den alten Gewalten suchen“ (Käppner: 455).

Aber ist die Machtscheu-Begründung plausibler als der Verrats-Vorwurf? Zum einen ließ Ebert sich nicht zur Macht drängen, sondern forderte am 9.November die Regierungsübernahme vom noch amtierenden Kanzler Max von Baden. Außerdem hatte die SPD-Spitze keinerlei Scheu, die ihr zugefallene Macht ohne Schwankungen und mit aller Brutalität gegen die Revolutionsbewegung zu gebrauchen. Nicht nur der „Verrats“-Begriff, sondern auch der Begriff der „Machtscheu“ verschiebt die notwendige Begründung für das Vorgehen der Sozialdemokratie auf eine subjektive Ebene, anstatt sie in der Politik zu suchen.

Spartakistenphobie (Jones) und Ereignisgeschichte (Gerwarth)

Auch der irische Historiker Mark Jones sieht den Grund für die sozialdemokratische Politik nicht in „Machtscheu“. Sein aus einer Dissertation hervorgegangenes Buch „Am Anfang war Gewalt“ gibt die Entstehungsphase der Republik als Gewalterzählung wieder. Die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Rätebewegung und das Ringen zwischen alter und neuer Ordnung spielen darin keine Rolle.

Die ausufernde Gewaltpolitik der SPD-Führung führt er zurück auf unüberprüfbare Gerüchte und politisch geschürte Ängste vor drohenden Exzessen der Revolutionäre. Von der bisherigen Geschichtsschreibung vernachlässigt, seien diese subjektiven Eindrücke entscheidend gewesen für die „Angst Eberts, Deutschland stehe an der Schwelle zu Chaos und einem Bürgerkrieg“ (Jones: 86), weshalb dieser sich zu dem kritisierten Vorgehen genötigt sah. Als „Mentalitätsgeschichte“ verfasst (Wernecke: Gewalt von oben und Gewalt von unten; in: Karuscheit u.a. 2018: 70), verpflanzt das Werk die von der Geschichtsschreibung widerlegte Bolschewismusgefahr aus der objektiven Realität in die Köpfe der SPD-Führer, mit dem Ergebnis, dass nicht die wirkliche, sondern die eingebildete Gefahr ursächlich für ihr Handeln gewesen sein soll.

Doch warum sollten nüchtern denkende Politiker, die über Massenanhang in der Arbeiterschaft verfügten, die wussten, dass die USPD und die Spartakusgruppe/KPD zerrissen waren und die durch ein ausgebautes Spitzelwesen jederzeit über die Handlungen der Gegenseite informiert waren – warum sollten sie an eine Umsturzgefahr glauben, die von ihnen selber wider besseren Wissens im Parteiorgan Vorwärts hochgespielt wurde? Jones‘ These einer Spartakistenphobie erscheint nach der Verrats-These und der Machtscheu-These als weiterer Versuch, das Geschehen durch subjektive Beweggründe zu erklären, anstatt die dahinter stehenden politischen Triebkräfte und Konzepte zu entschlüsseln.

Das nächste Buch über die angeblich „größte aller Revolutionen“ von Robert Gerwarth gibt für unsere Fragestellung ebenfalls wenig her. Es stammt aus der Feder eines deutschen Historikers, der an der Universität Dublin lehrt, wo auch Mark Jones studiert hat, der Gerwarth seinen „Mentor“ nennt. Gerwarth folgt wie Jones einer positivistischen Methode der Geschichtsschreibung und erzählt die Novemberrevolution als reinen Ereignisablauf unter konsequenter Außerachtlassung der wilhelminischen Ordnung und der vorhandenen gesellschaftspolitischen Konfliktlinien. Eine Antwort auf die Frage nach den Gründen des Geschehens ist von ihm nicht zu bekommen – die Frage als solche liegt außerhalb seines Horizonts.

 

Die Frage nach den Gründen

Damit sind wir wieder bei der Fragestellung nach den Gründen für die antirevolutionäre Politik der SPD-Führung angelangt. Anders als Jones und Gerwarth versuchen sowohl Käppner (48-121) als auch Niess (51-89), dieses Problem durch einen Rückblick auf die Vorkriegsgeschichte die SPD zu lösen, kommen aber über bekannte Formeln von der schleichenden Durchsetzung des Reformismus und vom Hineinstolpern in eine ungewollte Machtstellung nicht hinaus.

Legt das stringente Vorgehen der SPD-Führung nicht den Gedanken nahe, dass diese einem Machtprogramm folgte, das sich bereits vor der Revolution herausgebildet hatte und von ihr im November umgesetzt wurde? Eine mögliche Erklärung dafür findet sich an prominenter Stelle in den Ausführungen des Parteivorsitzenden August Bebels auf dem SPD-Parteitag 1910. Darin bemerkte er, dass der preußisch-deutsche Staat, der „Junkerstaat“, wie er ihn nannte, in seiner Art einzig in der Welt sei: „Es gibt keinen zweiten, dem preußischen ähnlichen Staat, aber wenn wir einmal diesen Staat in der Gewalt haben, haben wir alles.“ (Protokoll des Magdeburger Parteitags der SPD 1910: 250) Obwohl er selber bemerkte, dass er ähnliche Aussagen schon öfter getätigt hätte, könnte seine Äußerung als einmaliger Ausrutscher betrachtet werden. Aber verfolgte die SPD-Führung in der Novemberrevolution nicht exakt das von Bebel genannte Ziel, den junkerlich-preußischen Staat des Kaiserreichs in die Hand zu bekommen? (hierzu Karuscheit: Für Preußen-Deutschland und die Macht; in: Berliner Debatte Initial 3/2018: 105ff; ders: Die SPD und der Junkerstaat, in: Karuscheit u.a. 2018)

Seit der Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 war die Arbeiterpartei auf dem Boden einer „Integrationstaktik“ (Käppner: 57) Schritt für Schritt in den Staat hineingewachsen – sie war zu einer staatstragenden Partei geworden. Diese Tatsache als solche ist seit langem anerkannt. Dabei wird jedoch regelmäßig übersehen, dass der deutsche Staat kein bürgerlicher Staat wie Frankreich oder Großbritannien war, sondern ein von dem junkerlichen Preußen beherrschter, halbfeudaler Militär- und Obrigkeitsstaat. Während die sozialistischen Parteien in Frankeich und England orientiert waren „an den Traditionen der erfolgreichen demokratischen Revolutionen in ihren Ländern“ (Grebing: 140f), bedeutete das Hineinwachsen der deutschen Arbeiterbewegung in die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung die Identifikation mit einem vorbürgerlichen Staatswesen.

Nicht von der Bourgeoisie beherrscht, war dieser Staat gegenüber den bürgerlichen Staaten in Europa in der Tat „einzigartig“, wie Bebel gesagt hatte. Er konnte zu einem Zeitpunkt, als in anderen Staaten noch nicht daran zu denken war, gesetzliche Arbeiterversicherungen einführen, die nach dem Willen Bismarcks die Arbeiter an den monarchischen Staat heranführen sollten. Sie trugen dazu bei, dass die Arbeiterbewegung bei ihrer Integration in das Kaiserreich keiner Verbürgerlichung unterlag, sondern nach den Worten Arno Klönnes einer „Verpreußung“.

Gegensätze des Reformismus

Im Zusammenhang damit bemerkt Niess, dass Friedrich Ebert, der Nachfolger Bebels, „eindeutig dem reformorientierten Parteiflügel zuzurechnen“ war (Niess: 65). Das trifft zweifelsohne zu, aber das Lager des Reformismus umfasste unterschiedliche, um nicht zu sagen gegensätzliche Richtungen. So verfocht Eduard Bernstein, der als Oberhaupt und Synonym des Reformismus gilt, eine bürgerliche Spielart des Reformismus, indem er eine friedliche Reformpolitik zur Demokratisierung des Kaiserreichs ins Zentrum des politischen Kampfs rücken wollte. Diese Richtung erlitt im sog. Revisionismusstreit gegen das Parteizentrum und die von Luxemburg vertretene Parteilinke 1903 eine vernichtende Niederlage und gewann auch später keine Mehrheiten; Bernstein spielte weder im Krieg noch in der Novemberrevolution eine besondere Rolle. Eine ganz andere Richtung des Reformismus verfochten dagegen die Gewerkschaften, aus deren Reihen Ebert kam. Sie traten in erster Linie nicht für politische Reformen ein, sondern für Sozialreformen. Derselbe junkerlich-preußische Staat, den Bernstein durch politische Reformen demokratisieren wollte, war für die Gewerkschaften ein möglicher Bündnispartner gegen das Kapital.

In der durch die russische Februarrevolution von Anfang 1905 beförderten Massenstreikdebatte prallten die Gegensätze zwischen den Richtungen aufeinander. Während die Gewerkschaften politische Massenstreiks rigoros ablehnten, befürwortete sie Bernstein genauso wie Luxemburg, um das preußische Dreiklassenwahlrecht als Eckpfeiler der Machtstellung des junkerlichen Preußens zu Fall zu bringen. Der SPD-Parteitag 1905 sprach sich ebenfalls für politische Streiks aus, doch handelte Bebel anschließend eine Vereinbarung mit der Gewerkschaftsführung aus, worin die Ausrufung eines solchen Streiks an deren Zustimmung gekoppelt wurde, und damit war dieses Kampfmittel gestorben.

Sozialdemokratische Militärpolitik

Wenn man dem hier dargelegten Gedankengang folgt, stellt sich auch die Kriegspolitik der SPD in neuem Licht dar.

Bebel trat bis zu seinem Tod 1913 für die Vaterlandsverteidigung in einem Krieg mit Russland ein. Ein solcher Krieg wurde von ihm und vielen anderen Sozialdemokraten nicht als „imperialistischer“ Krieg begriffen (wie etwa gegen Großbritannien), sondern als ein gerechtfertigter Krieg zur Verteidigung der Errungenschaften der deutschen Arbeiterbewegung gegen den barbarischen Zarismus (hierzu Karuscheit: „Bebel als Vaterlandsverteidiger“; in: AzD 88: 23ff; https://kommunistische-debatte.de/ Rubrik: Beiträge zum Ersten Weltkrieg). Als die SPD-Reichstagsabgeordneten daher im August 1914 den Kriegskrediten zustimmten, nachdem Russland die Generalmobilmachung erklärt hatte, war dies weder ein Umfallen noch ein Verrat, sondern folgten sie der von Bebel vorgegebenen Linie.

Klassenpolitisch trat die Arbeiterpartei damit an die Seite des preußischen Militäradels, des Hauptträgers dieses Kriegs, und im Laufe des Kriegs näherten sich beide Seiten über verschiedene Stationen immer weiter an. So gab es vom ersten Tag an eine Zusammenarbeit zwischen SPD/Gewerkschaften und Behörden gegen die Antikriegsopposition. So berichtet Volker Ullrich, dass etwa das Hamburger Gewerkschaftshaus als Informationszentrale für Polizei und Generalkommando diente und die Polizei jederzeit Auskunft über bevorstehende Streiks der Werft- und Metallarbeiter erhielt. Im Gegenzug wurden Parteiangestellte und Gewerkschaftsbeamte vom Heeresdienst freigestellt. (Ullrich 1982; Wernecke: Gewalt von oben und Gewalt von unten; in: Karuscheit u.a. 2018: 50f)

1916 verabschiedete der Reichstag das mit den Gewerkschaften ausgehandelte Vaterländische Hilfsdienstgesetz, das die Verfügbarkeit aller männlichen Arbeitskräfte für die Kriegsproduktion sicherstellte. Gegen den erbitterten Widerstand der Schwerindustrie war es verbunden mit der Einführung von Arbeiterausschüssen in allen Großbetrieben und diente den Sozialdemokraten als Beweis, dass der „Junkerstaat“ zur Zähmung des Kapitals tauglich war – erst recht, wenn man ihn selber in die Hand bekam. Für die Zentralisierung der Kriegswirtschaft wurde ein Kriegsamt gegründet, in dem Militär und Gewerkschaften zusammenarbeiteten, um die Arbeitskräfteverteilung zu organisieren. Dessen erster Leiter war General Groener, der später zum Stellvertreter Hindenburgs in der OHL aufstieg und im November 1918 das Bündnis mit der SPD-Führung schloss.

In der Julikrise 1917 beteiligte sich die SPD-Spitze zusammen mit der Zentrumspartei im geheimen Zusammenwirken mit der OHL am Sturz des zu einem Remisfrieden entschlossenen Kanzlers Bethmann Hollweg, um den Krieg mit einem neuen Kanzler (Michaelis) fortzusetzen. Die Kanzlerstürzer gingen davon aus, dass Deutschland nach der russischen Februarrevolution und dem erwarteten Ausscheiden Russlands aus dem Krieg den Sieg über die westlichen Alliierten davontragen würde (Karuscheit 1917: 61ff).1

Eine fortgesetzte Bundesgenossenschaft

Ein Jahr später stellte sich zwar heraus, dass der Krieg verloren gehen würde, aber gleichzeitig öffnete die nahende Niederlage des preußisch-deutschen Heeres der (M)SPD die Tür zur Macht, denn als das Reich im Oktober 1918 auf Anforderung der OHL parlamentarisiert wurde, um den US-Präsidenten Wilson als Friedensvermittler zu gewinnen, konnte sie als stärkste parlamentarische Partei sicher sein, in nächster Zeit die Regierung des Kaiserreichs zu stellen. Die anrollende Revolution war aus dieser Sicht ein Übel, denn sie drohte die Staatsmaschinerie zu zerstören, vor deren Übernahme man gerade stand. „Die Führer der Mehrheitssozialdemokratie hatten sich mit der Oktoberreform am Ziel ihrer Wünsche gesehen. In ihren Augen war der Novemberumsturz ebenso überflüssig wie schädlich“ (Kolb; Schumann: 11).

Dass Ebert in dieser Situation, nachdem die Revolution gesiegt und Scheidemann gegen den Willen der Parteiführung die Republik ausgerufen hatte, ohne Zögern auf das Angebot General Groeners zur Zusammenarbeit einging, betrachten Käppner und Niess mit Unverständnis; sie sehen darin „atemberaubende Naivität und politische Blindheit“ am Werk (Käppner: 250) bzw. eine „fast naive(r) Vertrauensseligkeit gegenüber der überkommenen Bürokratie und Militärführung.“ (Niess: 188) Aber was ist daran so überraschend? Muss die Frage nicht anders herum gestellt werden? Warum sollte die SPD-Führung nicht auf die Offerte Groeners eingehen? Im gemeinsamen Interesse, den Krieg zu gewinnen, hatte sie die Zusammenarbeit mit dem Militär seit dem August 1914 Schritt für Schritt vertieft, hatte seit Ende 1916 für die Umsetzung des Vaterländischen Hilfsdienstgesetzes gesorgt und sich 1917 am Sturz Bethmanns durch die OHL beteiligt. Jetzt war der Sieg zwar ausgeblieben, aber dafür standen beide Seiten angesichts der Rätebewegung vor einer neuen gemeinsamen Herausforderung, nämlich die bestehenden Staatsstrukturen vor der Revolution zu retten.

In seinen Erinnerungen gibt der letzte vom Kaiser ernannte Reichskanzler, Max von Baden, den Bericht über ein Treffen am 6.November 1918 zwischen den Spitzen von SPD (David, Ebert, Scheidemann) und Gewerkschaften (Bauer, Legien, R.Schmidt, Südekum) mit General Groener in der Reichskanzlei wieder. In dem Bericht heißt es: „Vom ersten Augenblick … war das alte Vertrauen da. Es war, als wollten die Herren sagen: Wir, die Arbeiterführer und der General, haben schon einmal im Interesse des Landes unsere Bundesgenossenschaft bewährt. Wir sind gekommen, um sie in dieser Stunde zu erneuern.“ (Baden: 591) Bis dahin hatte die Bundesgenossenschaft dem Krieg gegen den äußeren Feind gedient, jetzt fand sie ihre Fortsetzung im Kampf gegen den gemeinsamen inneren Feind – die Novemberrevolution.

Das Bündnis kam also nicht aus der Novembersituation 1918 heraus zustande, sondern führte den Kriegspakt von 1914 unter veränderten Bedingungen fort. Das Vorgehen der politisch mit allen Wassern gewaschenen SPD-Führung hatte nichts mit Fehlentscheidungen aus Verratsgründen, Naivität oder Machtscheu zu tun, sondern diente der Realisierung ihres Machtkonzepts, der Inbesitznahme eines intakten Staatswesens, indem sie sich dazu des Militäradels bediente.2 Da sich das frühere Kräfteverhältnis zwischen beiden Seiten infolge der Kriegsniederlage und der Revolutionsereignisse umgekehrt hatte, war sie überzeugt, dass die bewaffnete Macht auf dem Boden des Parlamentarismus dauerhaft zu beherrschen war. Dass es dem Militäradel in Zusammenarbeit mit der Schwerindustrie gelingen könnte, die parlamentarische Demokratie auf legal-politischem Wege wieder zu beseitigen, konnte sie sich nicht vorstellen.

 

Die Publikationen der Linken

Wie sahen die Reaktionen auf den 100.Jahrestag der Novemberrevolution nun auf Seiten der Linken aus? Hier sind als erstes drei Bücher zu nennen:

Stefan Bollinger: „November ‘18. Als die Revolution nach Deutschland kam“: edition ost, Berlin 2018, 252 Seiten, Preis 14,99 €;
Klaus
Gietinger: „November 1918. Der verpasste Frühling des 20.Jahrhunderts“; mit einem Vorwort von Karl-Heinz Roth, edition nautilus: Hamburg 2018, 272 Seiten, 18 €;
Gerrit
Brüning und Kurt Baumann (Hrsg): Novemberrevolution 1918/19. Ereignis – Deutung – Bedeutung“, hrsg. in der Edition Marxistische Blätter von der Marx-Engels-Stiftung, Neue Impulse Verlag: Essen 2018, 295 Seiten, 19,80 €.

Als die Revolution nach Deutschland kam (Bollinger)

Stefan Bollinger legte als promovierter Historiker und Mitglied der Historikerkommission der Linkspartei sein Buch als erster vor. Bedauerlicherweise sind ihm bei dem Versuch, „neue Impulse“ zu geben, „wie die Lehren aus der Novemberrevolution uns heute voranbringen können“ (Vorblatt), eine Reihe von Ungenauigkeiten, Halbheiten oder schlichten Fehlern unterlaufen (hierzu eine ausführliche Kritik des Autors in: Marxistische Blätter 1/2019). Als deren Quintessenz vertritt er, die SPD „steht für eine bürgerlich-demokratische Revolution“. (Bollinger: 148) Was soll man dazu sagen? Eine bürgerliche Revolution hätte den junkerlichen Großgrundbesitz zerschlagen, den Militarismus ausgerottet, die Trennung von Staat und Kirche durchgesetzt, den Obrigkeitsstaat beseitigt und Verwaltung, Justiz und Universität demokratisiert. Das waren die Ziele, die bereits 1848/49 verfolgt wurden, und das waren auch die Ziele der Revolutionsbewegung von 1918/19, diesmal ergänzt durch die Sozialisierung der Schwerindustrie. Doch was davon ist Wirklichkeit geworden? Wenn wir diese Frage beantworten, haben wir nicht nur einen Maßstab für die Beurteilung von Bollingers Werk, sondern auch die Antwort auf die Frage nach der Politik der SPD: sie „steht“ für das Gegenteil einer demokratisch-bürgerlichen Revolution – sie steht für eine Konterrevolution.

Der verpasste Frühling des 20.Jahrhunderts

Klaus Gietinger hat vor seiner jetzigen Veröffentlichung über die Novemberrevolution das Buch „Der Konterrevolutionär. Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere“ geschrieben. In diesem Buch über den Befehlsgeber des Mordes an Liebknecht und Luxemburg belegt er anhand von zahlreichen, teils bisher unveröffentlichten Dokumenten dessen umfangreiche Zusammenarbeit mit der Führungsriege der SPD und deren Verstrickung in die Ermordung der beiden Revolutionsführer.

Diese Erkenntnisse fließen in seine Darstellung der Novemberrevolution ein, der ein ausführliches Vorwort von Karl Heinz Roth vorangestellt ist. Das Buch schildert detailreich die Zusammenarbeit von SPD- und Gewerkschaftsführung mit dem Militär zur Niederwerfung der Revolutionsbewegung und weist nach, dass Gustav Noske beim Einsatz der Freikorps und deren schrankenloser Gewaltanwendung mit Rückendeckung seiner Parteiführung handelte. Dem Vorgehen der Freikorps bescheinigt Giesinger „frühfaschistische Qualitäten“ und zeigt auf, in welchem Umfang ihre Mitglieder später zur NSDAP stießen und dort führende Positionen einnahmen. Alles in allem ist das Werk eine kompromisslose Abrechnung mit der Führung von SPD und Gewerkschaften.

Der Autor übersieht allerdings, dass die Sozialdemokratie sich nicht erst im November 1918 „auf Gedeih und Verderb mit den Kriegsverbrechern des Ersten Weltkrieges“ verbündete (Gietinger: 73), sondern die Ursprünge dieses Bündnisses in den gemeinsam geführten Krieg zurück reichen. Außerdem schreibt er zu den Beweggründen der sozialdemokratischen Politik, dass es eine „dogmatische SPD-Führung“ war, welche „die Zerschlagung der OHL und eine Demokratisierung des Militärs“ verhinderte (ebd.: 203). Diese Begründung macht einigermaßen ratlos, denn welchen „Dogmatismus“ meint der Autor?

Ereignis – Deutung – Bedeutung der Novemberrevolution

Die letzte Buchveröffentlichung, ein von Brüning und Baumann herausgegebener Sammelband über den Novemberumsturz, enthält die Beiträge von neun Autoren zu unterschiedlichen Themen, von denen nur einige für unsere Fragestellung von Interesse sind.

Der erste, von dem Historiker Gerhard Engel verfasste Beitrag über den „Platz der Revolution 1918/19 in der deutschen Geschichte und im Geschichtsbild der Deutschen“ beginnt mit einer Überraschung. Der Autor, ehemaliges SED-Mitglied, ist einer der Wenigen, der die Revolution von 1918/19 in Beziehung setzt mit 1848/49 und als ihre Aufgabenstellung die Errichtung einer bürgerlich-demokratischen Republik bezeichnet, „mit einer antiimperialistischen und antimilitaristischen Option, die auf die Veränderung der Gesellschafts- und Staatsverhältnisse abzielte“. Im Umkehrschluss ist für ihn klar: „Von einer realen sozialistischen Möglichkeit kann für 1918 nicht gesprochen werden.“ (Brüning u. Baumann: 36)

Mit seinem Befund bezieht er sich auf die Revolutionsforschung der 60er und 70er Jahre sowie die Darstellungen von Käppner und Niess (ebd.: 19, 41f), deren Position, dass die Revolutionsbewegung wesentlich demokratischen und keinen sozialistischen Charakter trug, er teilt. Obwohl das inhaltlich nahegelegen hätte, stellt er keinen Bezug zu dem SED-Beschluss von 1958 her, der ebenfalls besagte, dass die Novemberrevolution keine sozialistische, sondern eine (unvollendete) bürgerliche Revolution war.

Was die Sozialdemokratie anbelangt, spricht er von „folgenschweren Fehlentscheidungen“ (ebd.: 27) und folgt damit dem historiographischen Mainstream, der nur Fehler aufgrund von Naivität oder Machtscheu sieht, anstatt die Frage zu stellen, ob nicht dahinter ein politisches Konzept stand, dessen Wurzeln vor und im Krieg zu suchen sind.

Zur Gründung und Strategieentwicklung der KPD

In einem weiteren Beitrag referiert Heinz Karl über Die Gründung der KPD und ihre Wirkung (ebd.: 65ff), die er bis zur SED-Gründung 1946 verfolgt. Dasselbe Thema behandelt Raimund Ernst unter der Überschrift Revolutionäres Erbe und Strategieentwicklung in der Politik der KPD (ebd.: 183ff). Da beide Artikel das Wirken der KPD im selben Zeitraum behandeln und inhaltlich keine besonderen Unterschiede aufweisen, ist der Sinn der Verdoppelung nicht ersichtlich.

Nachdem Engel den Charakter der Revolution ohne Wenn und Aber als bürgerlich-demokratisch herausgearbeitet hatte, hätte man erwarten können, dass Karl und Ernst daraus Schlussfolgerungen für die Beurteilung der KPD-Gründung ziehen, denn wenn 1918/19 eine bürgerliche Revolution anstand, dann musste man mit einem revolutionär-demokratischen Programm in den Kampf gehen. Tatsächlich propagierte das Gründungsprogramm der KPD jedoch den Sozialismus mit der Errichtung einer Diktatur des Proletariats als Ziel. Ein solches Programm musste sich nicht nur die Masse des Kleinbürgertums zum Feind machen, sondern fand auch im Proletariat keine Mehrheit, weshalb Spartakus/KPD zu keinem Zeitpunkt in der Lage waren, die Revolutionsbewegung zu führen.

Um die Gründe für das Scheitern zu verstehen, hätte es nahegelegen, sich näher mit den Positionen Luxemburgs zu beschäftigen. Schließlich fällt auf, dass sie vor dem Krieg zwar eine ausführliche Auseinandersetzung mit Bernstein geführt hatte, aber nicht mit Bebel und dem Parteizentrum – obwohl das die Parteiströmung war, welche die sozialdemokratische Politik in Krieg und Novemberrevolution bestimmte, geführt von Friedrich Ebert in der Nachfolge Bebels:
Sie wandte sich nicht gegen die von Bebel durchgängig propagierte Vaterlandsverteidigung gegen Russland, obwohl spätestens nach der russischen Revolution von 1905 klar sein musste, dass Russland nicht mehr der „Gendarm Europas“ war und eine Politik der Vaterlandsverteidigung keine Rechtfertigung hatte.

Sie sagte nichts zum Vorgehen des Parteivorsitzenden in der Massenstreikdebatte 1905/06, obwohl der von Bebel ausgehandelte Kuhhandel mit den Gewerkschaften einen Parteitagsbeschluss aushebelte und einen politischen Streik zur Beseitigung des preußischen Dreiklassenwahlrechts in unerreichbare Ferne rückte.

Ebenso schwieg sie, als Bebel 1910 in aller Öffentlichkeit seine Überzeugung bekundete, dass das Ziel der Sozialdemokratie die Übernahme des einzigartigen „Junkerstaats“ sei, obwohl das eine klare Zurückweisung der Positionen von Marx und Engels zur Staatsfrage bedeutete.
Gleichzeitig verstieg sie sich in ihrer Kritik an Bernstein dazu, den Kampf um Demokratie als Hindernis für den sozialistischen Kampf zu bezeichnen.

Es gibt also mehr als genug Gründe, sich damit auseinanderzusetzen, um eine Antwort auf die Frage zu finden, warum die revolutionäre Linke im entscheidenden Moment nicht nur ohne taugliches Programm, sondern auch ohne taugliche Organisation dastand. Doch die angesprochenen Beiträge schweigen dazu.

Die Fehlerhaftigkeit dieses Herangehens wird augenfällig, wenn es um die Politik nach dem 2.Weltkrieg geht, die beide Autoren kurz beschreiben (ebd.: 85, 209ff). Nach Kriegsende sprach sich die KPD/SED explizit gegen die Errichtung des Sozialismus aus („keine Einführung des Sowjetsystems“) und propagierte den Aufbau einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung „mit allen demokratischen Rechten und Freiheiten für das Volk“, wie es in einem KPD-Aufruf hieß. Inkl. der Verteilung des junkerlichen Großgrundbesitzes an Landarbeiter und Kleinbauern war dies das Programm einer bürgerlichen Revolution und somit das Gegenteil der von Spartakus/KPD dreißig Jahre zuvor betriebenen Sozialismuspolitik.

Gegen Ende erwähnt Heinz Karl beiläufig, dass die KPD 1945 zu der Erkenntnis gelangt war, dass der Sozialismus „nicht in einem Sprung, sondern nur etappenweise“ zu erreichen war (ebd.: 85); ähnlich drückt sich Raimund Ernst aus (ebd.: 210). Angesichts dieser Einsicht fragt man sich perplex, warum die beiden dann vorher eine vollkommen kritiklose Darstellung der KPD-Gründung abgegeben haben?

DDR-Historiographie

Ein weiterer Beitrag „Die Novemberrevolution im Spiegel der marxistischen Historiographie der DDR“, stammt von Ralf Riedl, der im Gegensatz zu den beiden vorherigen Autoren weder ehemaliges SED-Mitglied noch emeritierter Professor ist, sondern Student. Ein Großteil seines Beitrags befasst sich mit der lebhaften Diskussion, die im Vorfeld des 40.Jahrestags der Novemberrevolution über deren Charakter geführt wurde und grob gesehen zwei Lager gegeneinanderstellte. Während die Anhänger Rosa Luxemburgs in der SED an der Lesart als sozialistisch-proletarischer Revolution festhielten, konnte das andere Lager sich auf die sowjetischen Kommunisten berufen, die 1938 den Umsturz als eine bürgerliche Revolution eingestuft hatten.

Die Auseinandersetzung wurde 1958 durch einen Formelkompromiss der SED-Führung beendet, der die Novemberrevolution als unvollendete bürgerliche Revolution definierte, die in gewissem Umfang mit proletarischen Mitteln durchgeführt worden sei. Aufgrund der „Deutungshoheit der Partei“ war nach dieser Festlegung, so Riedl, „das abrupte Ende der Debatten“ erreicht. (ebd.: 256, 258). Welche Themen er selber sich für die Fortführung der Debatte gewünscht hätte, offenbart er nicht.

 

Marxistische Zeitschriften und Zeitungen

Nach den genannten Büchern sei noch eine Auswahl von linken Zeitschriften bzw. Zeitungen erwähnt:
Die
Marxistischen Blätter brachten den soeben vorgestellten Sammelband über „Ereignis-Deutung-Bedeutung“ der Novemberrevolution heraus, außerdem in der Ausgabe 5/2018 den Aufsatz von Engel über den „Platz der Revolution in der deutschen Geschichte“ aus diesem Sammelband.

Die Zeitschrift Marxistische Erneuerung „Z“ druckte in ihrer Nr.115 vom September 2018 einen Beitrag ihres Mitherausgebers Stefan Bollinger ab: „Vom Schicksal der >wunderlichsten aller Revolutionen<“ (Z 115: 8ff), worin der Autor auf sein Buch Bezug nahm. Als entscheidenden Fehler der damaligen Zeit hob er hervor, dass die diversen Gruppierungen der Linken von der MSPD über die USPD bis zu Spartakus und den Anarchisten es nicht verstanden, „als geeinte Linke zu agieren.“ (ebd.: 12) Die auf Befehl der MSPD-Führung ermordeten Arbeiterrevolutionäre im Nachhinein mit dieser MSPD zum Wunschbild einer „geeinten Linken“ zu vereinen, ist, gelinde gesagt, ein seltsamer Gedanke. Für welche gemeinsame Zielsetzung sollte eine geeinte Linke denn agieren? Für die Erhaltung der alten Staatsstruktur? Für eine revolutionäre Demokratie? Für die Diktatur des Proletariats? Das erfahren wir nicht.

In derselben Ausgabe der Zeitschrift fasste Klaus Gietinger (der nicht zum Herausgeberkreis der „Z“ gehört) sein oben besprochenes Buch zusammen: „Bekanntes und Unbekanntes aus der Novemberrevolution 1918/19“ (ebd.: 22ff). Dabei hob er als entscheidende Ursache für die Politik der MSPD deren „Verbürgerlichung“ hervor (ebd.: 23). Das sei ihm nicht zum Vorwurf gemacht, denn ihm sind keinerlei Sympathien für die Sozialdemokratie zu unterstellen. Es belegt nur, wie eingefressen die traditionelle Sichtweise ist, dass die Politik der SPD-Führung auf ihre „Verbürgerlichung“ im Sinne Bernsteins zurück zu führen ist. Zu dieser Sichtweise passt, dass er Bernstein als „Feind von Massenstreikaktionen“ bezeichnet (ebd.: 22), während dieser in Wirklichkeit für politische Massenstreiks eintrat und deshalb von den Gewerkschaften bekämpft wurde.

Von einer Zeitschrift, die sich die Erneuerung des Marxismus auf die Fahnen geschrieben hat, hätte man erwarten können, dass sie die Herausforderung des 100.Jahrestags der Novemberrevolution annimmt, um sich mit dem aktuellen Forschungsstand auseinander zu setzen und zu prüfen, ob sich daraus neue Einsichten zum Charakter der Revolutionsbewegung und zur Niederlage der revolutionären Linken gewinnen lassen. Aber während ein Bürgerlicher wie Gallus voller Optimismus auf neue Forschungsergebnisse hofft, scheint die „Z“ zu hoffen, dass die versprochene „marxistische Erneuerung“ an ihr vorbei geht, ohne sie zu belästigen.

junge welt

Mehr als die „Z“ beschäftigte sich die Tageszeitung junge welt mit dem Thema Novemberrevolution und druckte vom 7.-17.11.2018 in ihrem Feuilleton eine zehnteilige Serie von Leo Schwarz dazu ab. Darin konstatierte Schwarz u.a., dass die Weimarer Republik „nicht das Ergebnis der >Revolution<, sondern ihrer Niederschlagung“ war. (jw 14.11.2018) Damit benannte er als einziger (!) unter allen genannten Autoren – Bürgerliche wie Linke – das Geheimnis des Novembers, dass der daraus hervorgehende neue Staat nicht das Produkt der Revolution, sondern einer Konterrevolution war.

Ansonsten wies er die Forschungsergebnisse zum revolutionär-demokratischen Charakter der Rätebewegung kurzerhand zurück und behauptete, dass der Umsturz keine demokratische, sondern eine sozialistische Revolution war, wofür er als Begründung eine „sozialistische Massenbewegung“ im Jahr 1919 anführte (jw vom 8. und 14.11.2018). In der Tat kam es in der ersten Jahreshälfte aus Protest gegen die Politik der Regierung im Ruhrgebiet, in Mitteldeutschland und Berlin zu Massenstreiks Hunderttausender von Arbeitern, in denen über die Umsetzung der Sozialisierung hinaus die Forderung nach einer Räteherrschaft erhoben wurde, ohne dass dies jedoch Allgemeingut wurde, geschweige denn die Forderung nach dem Sturz der gerade gewählten Nationalversammlung.

Arbeiterpolitik und Arbeiterstimme, Rotfuchs und MLPD

Die Zeitschrift „Arbeiterpolitik“ der gleichnamigen Gruppe publizierte in ihrer Nr.4-2018 den Artikel „100 Jahre unvollendete Revolution“, der in einem mehrseitigen Überblick über die Geschichte der vergangenen 100 Jahre der Novemberrevolution eine halbe Seite einräumte und sie als „eine unvollendete Revolution“ definierte, ohne zu sagen, ob dies eine unvollendete demokratische oder eine unvollendete sozialistische Revolution war. Dieser Artikel wurde von der Gruppe „Arbeiterstimme“ in ihrem Organ Nr. 202 ohne Kommentar nachgedruckt.

In der folgenden „Arbeiterpolitik“ Nr. 5/6-2018 erschien dann ein Artikel: „Proletarische Revolution – bürgerliche Konterrevolution“, der den Novemberumsturz unter Bezug auf die „Illustrierte Geschichte der deutschen Revolution“ von 1929 als proletarische Revolution definierte, die durch eine bürgerliche Konterrevolution ausgehebelt wurde, mit dem Ergebnis der „Schaffung und Festigung der bürgerlichen Republik.“ (ebd.: 10)

Die revolutionstheoretisch bestimmende Frage, ob das Proletariat dabei war, eine bürgerlich-demokratische oder eine sozialistische Revolution durchzuführen, wurde in dem Artikel so wenig beantwortet wie eine Nummer davor. Vor allem aber fragt sich, woher die Einschätzung kommt, dass die zu Recht konstatierte Konterrevolution bürgerlichen Charakter trug. Weder wurden die großen Adelsgüter und der preußische Militarismus zerschlagen noch andere Maßnahmen realisiert, die seit der 48er Revolution auf der Tagesordnung der Geschichte standen. Wäre die SPD zu einer bürgerlich-reformistischen Arbeiterpartei geworden, was Bernstein vergeblich intendiert hatte, hätte sie wenigstens einen Teil dieser Forderungen umgesetzt. Doch „bürgerlich“ war 1918/19 lediglich die Einführung des Parlamentarismus, und die war bereits im Oktober vor der Revolution erfolgt. Deshalb negiert der Artikel das Entscheidende, nämlich dass die von der SPD organisierte Konterrevolution keine bürgerlichen Zustände zum Ergebnis hatte, sondern die Restauration der alten, vorbürgerlichen Ordnung in republikanischer Verkleidung.

Die Monatsschrift Rotfuchs gab eine Beilage zur Novemberrevolution heraus (zur Ausgabe 250 vom November 2018), die u.a. Auszüge aus Gietingers Buch enthielt. Im einleitenden Beitrag gab Rainer Zilkenat einen Überblick über die Ereignisse, worin er in einem Nebensatz behauptete, dass es 1918/19 um „die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft“ ging (ebd.: 3). Warum das so war, begründete er nicht.

Die Position der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands findet sich in der Roten Fahne Nr. 22/2018 in dem Artikel: „100 Jahre Novemberrevolution – 50 Jahre Parteiaufbau der MLPD“ (www.rf-news.de/rote-fahne/2018/nr22/100-jahre-novemberrevolution-50-jahre-parteiaufbau-der-mlpd). Dort heißt es zum Novemberumsturz, dass „die revolutionären Arbeiter … die proletarische Räterepublik nach Vorbild des sozialistischen Russlands“ wollten – was auch Schwarz und Zilkenat meinen. Der Zentralkongress der Arbeiter- und Soldatenräte hatte sich gegen die Errichtung einer Räterepublik ausgesprochen, die Forschung hat herausgearbeitet, dass eine Räteherrschaft zu keinem Zeitpunkt von einer Mehrheit der Arbeiter getragen wurde, Spartakus/KPD blieben mit ihrer Sozialismusstrategie isoliert – aber gemäß dem Pippi-Langstrumpf-Motto „Ich mach mir die Welt so wie sie mir gefällt“ zieht man das eigene Wunschbild der Realität vor.

Schluss: Novemberfragen

Der 100.Jahrestag der Novemberrevolution gab allen interessierten Kräften die Gelegenheit, sich zu diesem elementaren Ereignis in der Geschichte Deutschlands und der deutschen Arbeiterbewegung zu stellen. Auf Seiten der Bürgerlichen wurden im Großen und Ganzen die Erkenntnisse der in der Vergangenheit erfolgten Revolutionsforschung aufgearbeitet und weitergegeben, wofür in erster Linie die Veröffentlichungen von Käppner und Niess stehen. Bemerkenswert ist, dass mittlerweile bis hin zur Rede des Bundespräsidenten weitgehend anerkannt ist, dass die SPD-Führung bei der Republikgründung Fehler begangen hat, die der Demokratie geschadet haben. Allerdings sind die Erklärungen für den Ursprung dieser Fehler – vom Verrat über Machtscheu bis zur Spartakistenphobie – wenig überzeugend. Darüber hinaus erbrachten die Publikationen nichts wesentlich Neues.

Auf Seiten der Linken war der Umgang mit der Novemberrevolution ernüchternd. Zum guten Teil nahm man nicht einmal den gegebenen Forschungsstand zur Kenntnis, sei es, weil man dafür zu bequem oder zu sehr in überkommenen Denkschemata gefangen war. Erst recht nutzte man nicht die Gelegenheit, die damit verknüpften weitergehenden Themen aufs Tapet zu bringen, die hier noch einmal skizziert werden sollen:

1. Der Charakter der Novemberrevolution: War sie nun eine bürgerliche (gescheiterte, unvollendete?) oder eine (gescheiterte) sozialistische Revolution? Und was folgt daraus für die Republik von Weimar? War sie ein Kind der Novemberrevolution oder wesentlich das Produkt ihrer Niederwerfung, also einer Konterrevolution?

2. Die Politik der SPD-Führung: will man sie nicht nur verurteilen, sondern erklären können, ist es unumgänglich, die Vorkriegsgeschichte der Arbeiterpartei einer neuen Prüfung zu unterziehen: Welche Rolle spielten Bebel und das sog. Parteizentrum bei der Entwicklung zu einer staatstragenden Partei? Und wie ist damit im Zusammenhang die Rolle Bernsteins und Luxemburgs zu beurteilen?

3. Die Rolle der Bourgeoisie: alle Darstellungen der Revolutionsereignisse kommen ohne die Bourgeoisie aus (vom Stinnes-Legien-Abkommen abgesehen), was den meisten Autoren der Linken offenbar nicht einmal bewusst ist. Wenn man die preußisch-deutsche Militärkaste nicht als bürgerliche Institution unter dem Kommando der Bourgeoisie verstehen will (was einigermaßen schwer fällt) – was bedeutet das für die Herrschaftsverhältnisse?

4. Als letztes schließlich: Wenn man davon ausgeht, dass anstelle der überfälligen demokratisch-bürgerlichen Revolution erneut eine Konterrevolution siegte – was folgt daraus für das Aufkommen des Nationalsozialismus sowie den Charakter seiner zwölfjährigen Herrschaft?

Wie auch immer man zu den hier aufgeworfenen Fragen steht – es stünde den Marxisten gut zu Gesicht, wenn sie nicht den Bürgerlichen das Feld überlassen, sondern sich selber auf neue Wege begeben würden, um Klarheit über ein Ereignis zu gewinnen, das für die Arbeiterbewegung und die ganze Nation von größter Tragweite war.

 

 

 

 

 

Literatur

Baden, Max von (1928): Erinnerungen und Dokumente. DVA: Stuttgart-Berlin-Leipzig

Bollinger, Stefan (2018): November ‘18. Als die Revolution nach Deutschland kam. edition ost: Berlin

Brüning, Gerrit und Baumann, Kurt (Hrsg) (2018): Novemberrevolution 1918/19. Ereignis – Deutung – Bedeutung. Neue Impulse Verlag: Essen

Gerwarth, Robert (2018): Die größte aller Revolutionen. November 1918 und der Aufbruch in eine neue Zeit. Siedler: München

Gietinger, Klaus (2018): November 1918. Der verpasste Frühling des 20.Jahrhunderts. edition nautilus: Hamburg

Grebing, Helga (1970): Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Ein Überblick. Dtv: München

Jones, Mark (2017): Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik. Propyläen: Berlin

Käppner, Joachim (201): 1918 – Aufstand für die Freiheit. Die Revolution der Besonnenen: Piper: München

Karuscheit, Heiner (2017): Die verlorene Demokratie. Der Krieg und die Republik von Weimar. VSA: Hamburg

Karuscheit, Heiner; Sauer, Bernhard; Wernecke, Klaus (2018): Vom „Kriegssozialismus“ zur Novemberrevolution. VSA: Hamburg

Kolb, Eberhard; Schumann, Dirk (2013): Die Weimarer Republik. Oldenbourg Grundriss der Geschichte Band 16: München

Miller, Susanne (1978): Die Bürde der Macht. Die deutsche Sozialdemokratie 1918-1920. Droste: Düsseldorf

Niess, Wolfgang (2017): Die Revolution von 1918/19. Der wahre Beginn unserer Demokratie. Europa-Verlag: Berlin-München-Zürich-Wien

Ullrich, Volker (1982): Kriegsalltag. Hamburg im ersten Weltkrieg. Prometh: Köln

Winkler, Heinrich August (1987): Der Weg in die Katastrophe. Dietz Nachf.: Berlin und Bonn

1 Um die Fortsetzung des Kriegs im Innern abzusichern, verabschiedete eine Reichstags-mehrheit parallel dazu eine Friedensresolution, die alle kriegführenden Länder nach dem Vorbild des Petersburger Sowjets zu einem Frieden „ohne Annexionen und Kontribu-tionen“ aufrief. Bethmann-Hollweg war davon ausgegangen, dass die Alliierten angesichts der russischen Unwägbarkeiten und zunehmender Antikriegsproteste in ihren Ländern einem Remisfrieden nicht abgeneigt waren. Doch da der neue deutsche Kriegskanzler die zuvor von Bethmann mit Vermittlung des Vatikans geführten Friedensgespräche abbrach und den Krieg unvermindert fortführte, reagierten sie nicht auf die Resolution. So konnte man die kriegs-müden Massen für ein weiteres Jahr zum Durchhalten bewegen, weil der Gegner ja die zum Friedensschluss ausgestreckte Hand zurückgewiesen hatte.

2 Nach Überzeugung des Autors verfolgte die SPD-Führung mit dem Bündnis neben innen- auch militärpolitische Ziele, nämlich mit Hilfe des kriegserfahrenen Offizierskorps die deutsche Militärmacht wieder aufzubauen, damit Deutschland sobald wie möglich wieder Großmachtpolitik betreiben konnte.