G.T., Martin Schlegel
Martin Schlegel
Eine Kritik von G.T. am Chinaartikel der AzD 99 und meine Antwort darauf
In diesem Beitrag wird eine von meinem Chinaartikel in der AzD 99 angeregte Kritik G.T.s und meine Antwort darauf dokumentiert. Ich habe diese Kritik herausgegriffen, weil sie zu einer Diskussion über die Triebkräfte einer sozialen Revolution und die Gestaltungsmöglichkeiten nach ihrer erfolgreichen Durchführung führt. Die angesprochenen Fragen erfordern eine Weiterführung der Auseinandersetzung über den hier dokumentierten Schlagabtausch hinaus. Denn es handelt sich um Fragen, die spätestens seit der russischen Revolution 1917 unter Kommunisten kontrovers diskutiert wurden, wie etwa: Ist eine Revolution mit dem Ziel des Sozialismus in einem ökonomisch rückständigen Land erfolgreich durchführbar, muss es vor Errichtung des Sozialismus eine kapitalistisch dominierte Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung geben und ein Strauß damit zusammenhängender Themen.
Die zweite Kritik G.T.s an meinem Chinaartikel ist auf der Seite https://kommunistische-debatte.de/?page_id=3237 einsehbar. Inzwischen hat G.T. eine Stellungnahme zu meiner Antwort an seiner Kritik geschrieben. Die Auseinandersetzung damit wird in die weitere Diskussion einfließen.
Kritik von G.T. am Chinaartikel in der AzD 99
Lieber Genosse Schlegel,
mit großem Interesse las ich deine Ausführungen zu China. Gerade erst hatte ich eine Auseinandersetzung mit Genossen Spanidis über die gleiche Thematik abgeschlossen und ging nun davon aus, eine meiner nicht unähnlichen Position zu dieser Thematik in der AzD wieder zu finden. Doch weit gefehlt. Deine Position ist der des Genossen Spanidis so ähnlich, dass man zuweilen den Eindruck hat, es handele sich um den gleichen Autor. In der Technik würde man von einem redundanten System sprechen. Sicherlich hast du weit tiefere Einsichten in das Wesen der politischen Ökonomie, doch er wie auch du geht von einer Vorgeschichte des chinesischen Kapitalismus aus, über deren Beharrungsvermögen ich mich immer noch wundere. Insofern werde ich meine seinerzeitige Kritik hier nochmals äußern. Ich werde sie etwas knapper gestalten, da ich der AzD unterstelle, bestimmte grundsätzliche Positionen speziell zur russischen Revolution von 1918, vgl. Alfreds und Heiners Ausführungen aus dem Jahr 2018, nicht noch einmal wiederholen zu müssen.
Sowohl bei der russischen als auch bei der chinesischen „sozialistischen Revolution“ handelt es sich nicht proletarische Revolutionen. Dies schon einfach aus dem Grund des Mangels an selbigem. Dies trifft selbstverständlich auch auf den Befreiungskrieg des VIETCONG, als auch auf die Erhebung des 26 July oder ähnliche Aktionen zu, die von den kleinbürgerlichen Sozialisten als sozialistische Revolutionen abgefeiert wurden. Erst letztlich wurde ich mit der These konfrontiert, dass die Palästinenser eine Vorhut des nahöstlichen Proletariats seien. Ich widerspreche nicht deinem Fazit, dass der chinesische Nationalstaat der Staat einer kapitalistischen Nation ist. Was soll er denn auch anderes sein?
„Die unübersehbaren Erfolge der chinesischen Wirtschaft sind nicht Ergebnis eines Wettbewerbs zwischen Sozialismus und Kapitalismus, sondern zwischen unterschiedlichen Ausprägungen des Kapitalismus.“ (S.46) Meine Kritik betrifft einzig deine Vorstellung, er könne etwas anders sein, oder sei gar schon einmal eine Gesellschaft gewesen, die kapitalistische Verhältnisse überwunden gehabt habe. „In China entstand der heutige Kapitalismus aus einer sozialistischen Gesellschaft mit einem Staat, der die Produktionsverhältnisse bestimmte.“ (S. 42) Diese „sozialistischen Gesellschaften“ geistern ja nun schon seit mehr als hundert Jahre durch die Diskussion, ohne dass jemals so recht klar geworden ist, worum es sich politökonomisch dabei wirklich handelt. In ihrer letzten Form, dem „realem Sozialismus“, der von der eigenen Bevölkerung recht schnell nach seiner Postulierung reales Dingsbums genannt wurde, war sie ja auch schon einmal auf deutschem Boden zu Hause. Es war eine Gesellschaft, in der neben Privateigentum, Warenproduktion, Lohnarbeit vor allem Planwirtschaft, das Staatseigentum an Grund und Boden sowie der Produktionsmittel bestimmende Momente waren. Vor allen die beiden letzteren Momente sollten ihn vom anarchischen Kapitalismus, oder wie du ihn euphemistisch nennst, liberalem Kapitalismus grundsätzlich unterscheiden. Diese „Unterscheidungsmerkmale“ halten jedoch einer näheren Betrachtung nicht stand. Eine geplante Produktion und Produktionsausweitung ist ein originäres Moment jedes kapitalistischen Großbetriebes. Deren Pläne überstiegen oftmals bezüglich ihrer Wertbestandteile und ihrer Effizienz das, was in der DDR geplant wurde, um einiges. Ebenso planen diese durchaus eine ausreichend bezahlte Arbeiterschaft und deren Ausbildung mit ein. Dies geht so weit, dass einzelne Werke ihre Betriebskantinen den Familien der Beschäftigten öffnen, weil die Versorgung vor Ort den Anforderungen nicht genügen würde.
Zum Zweiten, das Staatseigentum an Grund und Boden, welches allerdings beispielsweise auch in der DDR nie wirklich konsequent durchgesetzt wurde, ist etwas, was der kapitalistischen Gesellschaft nicht widerspricht sondern umgekehrt seine Effizienz steigert. Die in vielen kapitalistischen Gesellschaften noch immer existierende Grundbesitzerklasse ist für das Kapital nicht nur Kost, sondern ein Faktor, der immer wieder zu Verwerfungen führt und die Ausbeutung behindert. Es ist vor allem ein Relikt, welches viele kapitalistischen Gesellschaften, ob ihrer Geburt aus dem Feudalismus, noch heute als Fremdkörper mit sich herumschleppen. Bliebe das Staatseigentum an Produktionsmitteln. Oftmals wurde aus diesem Staatseigentum propagandistisch unter der Hand ein Volkseigentum konstruiert, also Staat und Volk begrifflich gleichgesetzt. Dies führte dann später zu der bekannten Parole: „Das Volk sind wir“. Eine Parole, die diesen Idealismus, ohne es selbst zu bemerken, endgültig ins Absurde transformierte. Dass es sich bei dem Begriff Volk um eine leere Abstraktion handelt, fiel all den kleinbürgerlichen Sozialisten schon deshalb nicht auf, weil sie gar nicht wissen was eine Abstraktion ist.
Der Staat allerdings ist eine Institution, oder genauer eine bürgerliche Institution, die im Sinne der herrschenden Klasse zwischen den Klassen vermittelt. Seine Existenz setzt also notwendig das Vorhandensein verschiedener Klassen voraus. Nun könnte man allerdings anführen, im „Sozialismus“ sei das Proletariat die herrschende Klasse und würde insofern den Staatsapparat beherrschen, dies bricht sich allerdings an der beobachtbaren Realität. Nicht nur, dass ein Begründungszusammenhang fehlt, der die Fortexistenz eines entmachteten Bürgertums über mehr als ein halbes Jahrhundert erklären müsste, es müsste auch erklärt werden, warum das real existierende Proletariat wenig bis keinen Einfluss auf die Staatsgeschäfte hatte, sowie dass die weit überwiegende Anzahl der Regierungsmitglieder „sozialistischer Staaten“ dem Kleinbürgertum entstammten, selbst die, die eine kurze Zeit dem Proletariat zugerechnet werden könnten, hatten sich als sie dem Staatsapparat durch jahrelange Arbeit in Parteiapparaten der Klasse soweit entfremdet, dass sie vor diesen vor allen Dingen Angst hatten. Dies hier nur, um noch einmal kurz zu umreißen, worüber wir hier konkret eigentlich reden.
Der eigentliche Punkt allerdings ist: Die gedankliche Konstruktion einer „sozialistischen Gesellschaft“ unterstellt, dass Menschen qua (bewusster) Willensentscheidungen eine komplette Entwicklungsperiode der Menschheit überspringen können. Dies ist Idealismus in Reinform und fällt sogar noch hinter den letzten großen Idealisten Hegel zurück. Der hatte zumindest eine Korrelation, der zu sich selbst kommenden Idee, mit sich entwickelnden geschichtlichen Epochen konstatiert. Selbst davon hier keine Spur. Hier als Grundlage die Idee, die Menschen entwickeln eine ihnen wünschenswerte Gesellschaft einzig, weil sie dies wollen, oder auch einige ihrer begabtesten „Führer“ die Eingebung hatten, dass dies der Schritt ist, den die Gesellschaft zu gehen habe. Dass diese begnadeten Führer nicht begriffen, nicht aus göttlicher Eingebung, oder ob eines über den Dingen stehenden Intellektes, auf den Gedanken gekommen zu sein, sondern dass diese, ihre Gedanken, nur der Reflex der sie bestimmenden materiellen Verhältnisse sind, ist ja durchaus noch verzeihlich, dass dies aber noch hundert Jahre später, von Leuten, die sich ernsthaft für „Marxisten“ halten, nachgeplappert wird, ist erschreckend.
Damit will ich nicht die Dialektik zwischen Sein und Bewusstsein leugnen, „Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muss gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem |am Menschen| demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikalsein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst“, doch ist eben zu beachten: wer waren diese Massen seinerzeit. Es handelte sich um Bauern, die schwerlich von einer Kritik der Lohnarbeit ergriffen sein konnten, da ihnen diese noch unbekannt war.
Nein lieber Genosse Schlegel, geschichtliche Epochen sind nicht von der Willensentscheidung einzelner Menschen, oder auch Menschengruppen (KP), bestimmbar. Es sind umgekehrt die geschichtlichen materiellen Verhältnisse, die die Gedanken und Ideen der Menschen bestimmen. Damit will ich nicht die großartigen Leistungen schmälern, die die russische und auch chinesische Revolution für die Menschheit erbracht haben, doch es war immer klar, dass aus einer vorkapitalistischen Gesellschaft notwendig eine warenproduzierende Gesellschaft erwachsen muss. Dass heute eine Kritik dieser nun entstandenen Gesellschaften und ihrer Protagonisten ausgerechnet von Leuten kommt, die es nicht einmal fertig gebracht haben, 1989 auch nur das Bodenrecht der DDR in die kapitalistische BRD zu überführen, macht diese Angelegenheit noch besonders peinlich. Zuweilen liest sich deine Kritik an der KPCh dann auch wie die Anklage eines Mannes, der jäh aus seinen Träumen erwacht und nun der bösen Wirklichkeit vorwirft, ihn enttäuscht zu haben.
Selbst wenn Kommunisten heute, gleichgültig ob in Europa, China, Russland, Amerika oder Afrika die nächsten Schritte der Menschheit, ihre Entwicklung, bestimmen wollen, kann dies einzig in der Form der Negation des Bestehenden erfolgen. Jedoch, um die Lohnarbeit auch nur gedanklich zu negieren, muss sie zumindest vorhanden sein. Wenn Marx konstatiert, dass einzig der Lohnarbeiter das Eigentum gesamtgesellschaftlich negieren kann, so ist dies eben dem Umstand geschuldet, dass er, der Lohnarbeiter, es für seine Person schon negiert hat. Dazu muss natürlich auch begriffen werden, dass Eigentum eine negative Bestimmung ist. Der Privateigentümer verfügt nicht primär über etwas, sondern er schließt andere von der Verfügung aus. Die doppelte Freiheit des Arbeiters ist andererseits entgegen landläufiger Meinung eine positive Bestimmung. Erst die Freiheit von Eigentum macht mich wirklich frei. Dabei ist durchaus klar, dass der Bürger und auch der Kleinbürger, dessen Existenz sich einzig darüber konstituiert, Eigentümer zu sein, dies nur begreifen kann, indem er seine Position, die des Kleinbürgers, negiert und eben die Position des Proletariats einnimmt.
In weit höherem Ausmaß spielt sich dies auf der Ebene der Nationalökonomie ab. Die Idee des „Sozialismus in einer Nation“ unterstellt von vornherein eine Paradoxie, sofern „Sozialismus“ als eine über der Warenproduktion stehende Ökonomie definiert ist. Eine Nation ist ein Gebilde, welches notwendig in Kontakt zu anderen Nationen steht. Eine Nation, die reine Subsistenz betreibt, also nur für sich und nur aus sich heraus produziert, ist schon in der Antike eine Unmöglichkeit und begrifflich ein Widerspruch in sich. Eine Nation und damit der diese repräsentierende Nationalstaat, befindet sich in ökonomischem Kontakt mit anderen Nationen. Dieser Kontakt hat ebenso notwendig die Form der Konkurrenz. Oder auch anders ausgedrückt, die Nation, der Nationalstaat, ist die Form, in der sich die Konkurrenz der einzelnen Produzenten auf internationaler Ebene manifestiert. Diese Konkurrenz vermittelt sich kapitalistisch in „Friedenszeiten“ über den Warenaustausch. Wenn auch im RGW dies immer wieder durch abstruse „Theorien“ verbrämt wurde, konnte dies leider, wie im Nachhinein deutlich zu erkennen ist, an dieser grundlegenden Wahrheit nichts ändern. Dabei ist durchaus und weiß Gott nicht nur im RGW, dieser Austausch nicht notwendig zu jeder Zeit ein Austausch zu realen Werten. Die Dominanz der einen oder anderen Nation kann den Warenverkehr mehr oder minder stark beeinflussen. Ein aktuelles Beispiel ist etwa der Kauf überteuerten Erdgases durch die BRD. Somit kommt aber eben und dies ist hier der eigentliche Punkt, eine „sozialistische“ Nation nicht umhin Warenverkehr zu betreiben. Jetzt kann man natürlich der naiven Vorstellung anheimfallen, dass ein Produkt, welches nicht als Ware produziert wurde, durch wundersame Wandlung in dem Moment, wo es die Grenze überschreitet, erst zu einer solchen wird, umgekehrt würde dann eben auch die Gegenleistung, oft in der Form von Geld, auf dem Rückweg über diese geografische Grenze, dann natürlich auf ebenso wundersame Weise zu einer „Verrechnungseinheit“ mutieren. Dies ist, das musst du zugestehen, für jeden, der sich auch nur ansatzweise mit Ökonomie beschäftigt hat schon schwer verdaulicher Stoff. Auch in einem Fall, in dem offiziell nur „Produkte“ getauscht werden, etwa Röhren gegen Gas, handelt es sich beide Male um Waren, selbst dem deutschen Finanzamt ist der Begriff des „geldwerten Vorteils“ bekannt.
Die hinter diesen Verbrämungen stehenden Vorstellungen, die ein uns bekannter Schriftsteller schon vor 150 Jahren an so vielen Stellen zerpflückt hat, ob in seiner Kritik an Proudhon oder im Kapital, sind so frei von jedem Verständnis der politischen Ökonomie, dass ich es wirklich für müßig halte, hier einzelne Zitate anzuführen. Was da im internationalen Verkehr als Ware erscheint, ist in der Regel auch als Ware produziert, auch wenn kleinbürgerliche Sozialisten jedweder Couleur dies durch akrobatisch anmutende Gehirnverrenkungen immer wieder versuchen zu leugnen. Damit will ich nicht sagen, dass durchaus mehr oder minder große Teile der chinesischen Gesellschaft die Warenproduktion, zu Zeiten Maos, noch gar nicht erreicht hatten, doch auch in Brasilien oder Namibia gibt es Bevölkerungsgruppen die noch weit vor der Warenproduktion stehen, dies sagt aber nichts über die ökonomische Verfassung der namibischen oder brasilianischen Nation. Nur weil hierzulande noch immer kleinbürgerliche Theoretiker die Hoffnung haben, irgendwelche vorkapitalistischen Gesellschaften würden sie vom bösen, menschenverachtenden Kapitalismus befreien, wenn es denn die heimischen Arbeiter nicht so recht tuen wollen, können solche Theorien doch unter erwachsenen Menschen nicht mehr Gegenstand der Diskussion sein.
Vielleicht abschließend noch ein Wort zu den „Praktikern“. Wenn Marx einst formulierte: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt jedoch darauf an sie zu verändern.“, so war dies, was sich aus dem Zusammenhang (Feuerbach Thesen) ergibt, keine Aufforderung zum Aktionismus, sondern ein erkenntnistheoretisches Postulat. Die Wahrheit ist stets Praxis wie umgekehrt die Praxis stets die Wahrheit ist. Viele chinesische Sozialisten betrachten den Sozialismus als etwas noch zu Erreichendes. Vielleicht manchmal son bisschen Eurozentrismus rausnehmen und sich überlegen, dass die Mädels und Jungens im Osten, nur weil sie kleinere Augen haben, nicht unbedingt auf den Kopf gefallen sind. Es spielt wirklich keine Rolle, welche Farbe die Katze hat.
Solidarische Grüße
GT, November 2025
Antwort von Martin Schlegel auf die Kritik G.T.s
Lieber Genosse G.T.,
Du hast zwei Kritiken zu meinem Chinaartikel in der AzD 99 geschrieben, die zwar so gut wie nicht auf seinen Inhalt eingehen, aber von ihm angeregt wurden. Ich werde auf ein Thema deiner ersten Kritik eingehen, das Fragen der Revolutionstheorie anspricht. Du schreibst unter anderem: „Meine Kritik betrifft einzig deine Vorstellung er [gemeint ist die heutige chinesische Gesellschaftsform; Anmerkung des Verfassers] könne etwas anderes sein, oder sei gar schon einmal eine Gesellschaft gewesen, die kapitalistische Verhältnisse überwunden gehabt habe.“ Auf eine weitere Bemerkung dieser Kritik werde ich ebenfalls eingehen. Du schreibst: „Sowohl bei der russischen als auch bei der chinesischen ‚sozialistischen‘ Revolution handelt es sich nicht um [um, Ergänzung des Verfassers] proletarische Revolutionen. Dies schon einfach aus dem Grund des Mangels an selbigem.“
Ich möchte mit einem grundlegenden Thema beginnen. Jannis Milios hat in seinem Buch ‘Ein zufällige Begegnung in Venedig. Die Entstehung des kapitalistischen Gesellschaftssystems.‘[1] darauf aufmerksam gemacht, dass Marx zwei unterschiedliche Thesen für die Triebkräfte eines Übergangs zu neuen gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen genannt hat. Milios führt aus[2]: „Was die Frage des <<Übergangs>> von einer historischen Gesellschaftsform zu einer anderen anbelangt, so hat Marx in seinen Schriften dazu zwei Antworten gegeben. Nach seinem ersten Erklärungsansatz, der sich auch in der Einleitung <<Zur Kritik der politischen Ökonomie>> findet, gerät die <<Entwicklung der Produktivkräfte>> in Konflikt <<mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen>>, die sich in ihre Fesseln verwandeln. Diese Situation führe unweigerlich zu einem <<revolutionären Wandel>> der Produktionsverhältnisse. […] Marx schreibt <<Auf einer gewissen Stufe der Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch zu den Produktionsverhältnissen oder […] mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein […]. Eine Gesellschaftsform geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet sind>>.“ Der zweite Ansatz von Marx betont, dass der Klassenkampf die Triebkraft der Geschichte ist. Milios zitiert dazu in einer Fußnote auf Seite 40 Marx und Engels: „Wir haben seit fast 40 Jahren den Klassenkampf als nächste treibende Macht der Geschichte, und speziell den Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat als großen Hebel der modernen sozialen Umwälzung hervorgehoben.“[3]
Die erstgenannte These von Marx vertritt auch Stalin, wenn er schreibt: „Zuerst verändern und entwickeln sich die Produktivkräfte der Gesellschaft und dann, in Abhängigkeit von diesen Veränderungen und in Übereinstimmung mit ihnen, verändern sich die Produktionsverhältnisse der Menschen, ihre ökonomischen Beziehungen.“[4] Stalin vertritt also die Auffassung, dass die Produktivkräfte die treibenden Kräfte der Geschichte sind, die Klassenkämpfe nur eine Folge davon. Damit hat er eine der Thesen von Marx verabsolutiert, deren Richtigkeit entsprechend dem Lauf der Geschichte neu zu bewerten wäre. Diese Vorstellung findet sich in verschiedenen Abwandlungen und Vorstellungen der Linken. Ich habe das am Beispiel von Jürgen Kuczynski in einem Kapitel des Aufsatzes „Industrie 4.0“ in der AzD 87 behandelt.
Eine Gegenposition zu Stalins Auffassung nimmt Mao ein, wie Milios darstellt: „In einem in den Jahren 1961/62 entstandenen Text kehrt Mao die Kausalbeziehung zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen um. Er schreibt: >>Zunächst muss man die Produktionsverhältnisse ändern, danach erst ergibt sich die Möglichkeit, die gesellschaftlichen Produktivkräfte in großem Maßstab zu ändern. Dies ist ein allgemeines Gesetz […]. Die alten Produktionsverhältnisse werden beseitigt und neue aufgebaut, wodurch der Entwicklung neuer gesellschaftlicher Produktivkräfte ein Weg gebahnt wird […]>>“[5] Mao widerspricht damit der einen These von Marx, dass die Existenzbedingungen der neuen Gesellschaft schon im Schoß der alten Gesellschaft ausgebrütet und in Widerspruch zu den Produktionsverhältnissen getreten sein müssen. Die Mao-Zitate entstammen dem von Helmut Martin herausgegebenen Buch: ‘Das machen wir anders als Moskau‘[6]. In dem Buch sind Maos Anmerkungen und Kritikpunkte am sowjetischen Lehrbuch der Ökonomie (Fassung von 1959) wiedergegeben. Milios schreibt weiter: „Im staatlichen Nachrichtenmagazin Peking Rundschau (Nr. 38 vom 19. September 1969), in der der 20. Gründungstag der Volksrepublik China gefeiert wurde, erschienen zwei Polemiken, die sich gegen die <<Theorie der Produktivkräfte>> richteten, wie damals Überlegungen bezeichnet wurden, die der Entwicklung der Produktivkräfte Priorität einräumen.“[7] Maos Charakterisierung des Verhältnisses von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen beschreibt sein praktisches Vorgehen bei der chinesischen Revolution. Maos Aussage gilt auch für ein höher entwickeltes Land, auch dort muss das Proletariat erst die Macht erringen, um danach die Produktionsverhältnisse umzugestalten. Die Voraussetzung für die Erringung der Macht in China war der breite Aufstand der chinesischen Massen unter Führung der KPCh gegen die Besetzung des Landes und die Unzufriedenheit mit den herrschenden ökonomischen und politischen Verhältnissen, die von der Kuomintang repräsentiert wurden.
Es gibt ein gemeinsames Element beider Positionen: Es muss ein revolutionäres Potential vorhanden sein. Im Fall der These des Primats der Produktivkräfte entsteht dieses Potential notwendigerweise mit der Entwicklung ökonomischen Verhältnisse, da impliziert wird, dass die soziale Lage der Bevölkerung mit der Entwicklung der Produktivkräfte durch Arbeitslosigkeit und Lohnabbau immer schlechter wird. Die These vom Klassenkampf als Triebkraft der Geschichte lässt die Ursachen für die Entwicklung einer revolutionären Situation offen. Marx und Engels wussten, dass die Gründe für einen revolutionären Aufschwung durchaus vielfältig sein können. Für die russische wie die chinesische Revolution gab es jeweils eine Gemengelage unterschiedlicher Ursachen, wobei die Unzufriedenheit mit der sozialen und politischen Lage sicher die ausschlaggebenden waren, aber nicht infolge einer Rebellion der Produktivkräfte gegen die Produktionsverhältnisse. Der revolutionäre Kampf hat in beiden Thesen von Marx das Ziel, die herrschende Macht und Produktionsverhältnisse zu stürzen. Und sicher ist der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft leichter, wenn die Produktivkräfte höher entwickelt sind.
Für Russland wie China stand ebenso wie für andere Schwellenländer entwicklungsgeschichtlich der Übergang von einer agrarisch geprägten Gesellschaft zu einer industriellen an. Dieser Übergang kann, wie etwa die Beispiele China, Taiwan oder Südkorea zeigen, die einen vergleichbaren Entwicklungsstand besaßen, sowohl mit kapitalistischen wie sozialistischen Zielsetzungen durchgeführt werden. Warum das sozialistische chinesische Modell irgendwann weniger erfolgreich als das der kapitalistisch orientierten Nachbarländer war, müsste genauer untersucht werden. Einen Grund habe ich in meinem Artikel genannt: die Exportorientierung, die wie in Südkorea und Taiwan schon früh den Zugang zu der führenden westlichen Technologie mit sich brachte und das erforderliche Kapital für die Erweiterung und Höherentwicklung der Industrie erwirtschaftete – ein Modell, das China in der Reformperiode nachahmte.
Im Hinblick auf China sind daher auch Auffassungen zu hinterfragen, denen Du anzuhängen scheinst, ohne sie klar zu benennen. So etwa die angeblich notwendige stufenweise Abfolge von Gesellschaftsformationen, wonach vor der sozialistischen Phase erst eine kapitalistische stattfinden müsse. Die KPCh hat sich nicht darum geschert und versucht, ausgehend von den vorhandenen Verhältnissen Elemente einer sozialistischen Gesellschaft aufzubauen, indem sie schrittweise den Privatbesitz an Produktionsmitteln, die private Aneignung des Mehrwerts und damit die Ausbreitung von Lohnarbeit unterband. Wenn man China heute für kapitalistisch hält, könnte man natürlich folgern, es wäre damit evident, dass die kapitalistische Phase nicht übersprungen werden kann. Das müsste aber durch eine konkrete Untersuchung belegt werden.
Auch eine weitere Frage, die Du ansprichst, muss unter den heutigen Gegebenheiten neu diskutiert werden: In China wie Russland war das Proletariat gegenüber der Bauernschaft in der Minderheit. Die Revolution mit dem Ziel, den Sozialismus aufzubauen, war also eine Minderheitenrevolution, was Konsequenzen vor und nach der Revolution hatte. Heute ist das Proletariat in den höher entwickelten kapitalistischen Ländern zwar schon länger zahlenmäßig deutlich stärker als die Bauern, aber inzwischen schwächer als die Zahl der Beschäftigten im Dienstleistungsbereich (Zahlen für Deutschland siehe z.B.[8]). Auch in den höher entwickelten kapitalistischen Ländern würde eine proletarische Revolution zahlenmäßig eine Minderheitenrevolution sein. Für mich ist auch der Begriff ‚sozialistische Revolution‘ passender als der Begriff ‚proletarische Revolution‘, da er auf das Ziel des Sozialismus, der im Interesse der Mehrheit der Werktätigen ist, und nicht auf die zahlenmäßige Ebene verweist. Jedenfalls scheint mir, dass Du es Dir sehr einfach machst, wenn Du meinst, allein aus zahlenmäßigen Verhältnissen Aussagen über den Charakter einer Revolution ableiten zu können.
Zum Abschluss möchte ich noch auf einen Aspekt eingehen, der mir beim Abfassen des Chinaartikels deutlich geworden ist. Marx schreibt (siehe oben): „Eine Gesellschaftsform geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet sind.“ Im Chinaartikel der AzD 99 habe ich dargestellt, dass der chinesische Kapitalismus mit seinem neuen Typ von Planwirtschaft manche Probleme zu lösen imstande ist, zu denen der liberale Kapitalismus nicht in der Lage zu sein scheint. Mir scheint keine absolute Grenze erkennbar, an der der Kapitalismus als System an seinen inneren Widersprüchen zugrunde gehen muss. Insgesamt möchte ich zu Deinen Kritiken anmerken, dass es für mich einfacher gewesen wäre, wenn Du weniger Punkte, diese aber konkreter und gründlicher behandelt hättest. Oft habe ich erraten müssen, was Du gemeint haben könntest und bin mir nicht sicher, ob ich immer richtig geraten habe.
Solidarische Grüße
Martin Schlegel, März 2026
[1] Jannis Milios: Eine zufällige Begegnung in Venedig Die Entstehung des Kapitalismus als Gesellschaftssystems, Dietz Verlag, Berlin, 2021.
[2] Milios, Seite 35
[3] Das Zitat entstammt aus einem Zirkularbrief von Marx und Engels an Bebel, Liebknecht, Bracke u.a., MEW 19, Seite 165.
[4] Milios, Seite 36, kursiv durch Milios
[5] Milios, Seite 36,37.
[6] Mao Tse-Tung: Das machen wir anders als Moskau! Kritik an der sowjetischen Politökonomie, Herausgegeben von Helmut Martin, Rowohlt Taschenbuch Verlag, August 1975, Seiten 29, 42.
[7] Milios, Seite 37,38.
[8] Destatis: https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Erwerbstaetigkeit/Tabellen/arbeitnehmer-wirtschaftsbereiche.html-