Lieber Genosse Schlegel,
mit Freude danke ich für deine Antwort. So versuche ich denn, meine Position etwas konkreter darzustellen.
Ich möchte durch meine Kritik deinen umfangreichen Beitrag zum aktuellen China nicht schmälern. Viele Genossen mögen meine Kritik auch als verspätete Haarspalterei abtun, da sich dieses Thema, auch angesichts deines Beitrags, erledigt zu haben scheint. Angesichts der sich hier perspektivisch zuspitzenden Auseinandersetzungen zwischen Lohnarbeit und Kapital halte ich es allerdings für notwendig, in unseren Kämpfen klare und vor allem erstrebenswerte Ziele definieren zu können.
Ich möchte mit der zentralen Fragestellung beginnen, die du an meine Kritik richtest: „Du schließt aus der Tatsache, dass es sich weder bei der russischen wie der chinesischen Revolution um eine proletarische Revolution entsprechend Lehrbuch gehandelt hat, dass die aus diesen Revolutionen resultierende Gesellschaft eine kapitalistische Gesellschaft sein muss.“
Es ist mir dabei nicht wichtig, ob diese Revolutionen entsprechend eines Lehrbuches stattfanden, zumal ein solches meines Wissens nicht existiert. Wesentlich vielmehr ist, auf welcher ökonomischen Basis und aus welcher Klassenkonstellation heraus diese Revolutionen stattfanden. Einzig damit ist eingegrenzt, welches Ergebnis derartige Bewegungen haben konnten. Dieses Ergebnis ist nicht abhängig von dem jeweiligen „Bewusstsein“ einzelner Protagonisten, schon allein deshalb, weil auch deren Bewusstsein notwendig aus ihrer aktuellen gesellschaftlichen politischen Praxis erwächst. Es ist dem Menschen leider unmöglich, sich außerhalb einer materiell historisch bedingten Gesellschaft aufzuhalten. Das jeweilige Bewusstsein, welches uns umtreibt, ist immer das Ensemble der materiellen gesellschaftlichen Verhältnisse, innerhalb derer wir existieren.
Es hat sich im 20. Jahrhundert in der Theorie ein Gesellschaftsmodell etabliert, welches gemeinhin Sozialismus genannt wird. Dieses, welches weder eine bürgerliche Gesellschaft, noch eine proletarische (Diktatur des Proletariats) Gesellschaft sei, wurde verklärt zu einer Vorstufe des Kommunismus. Ich halte dieses Modell, wie in meiner vorangegangenen Kritik schon beschrieben, für praktisch nicht tragfähig und theoretisch falsch. Dies ist eine durchaus grundsätzliche Kritik kleinbürgerlicher Politikvorstellungen, die das, was sich die Protagonisten selber dünken, für die Wirklichkeit nimmt.
Dem Motto der AzD entsprechend, unsere Fehler der Vergangenheit schonungslos aufzuzeigen, um aus diesen lernen zu können, charakterisiere ich dieses Modell und die dahinterstehende Theorie als philosophischen Idealismus.
Es gab Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, eine weit gefächerte Diskussion über den Weg zum Kommunismus. Diese Diskussion baute auf einer stark verkürzten, rein formalen Definition der Vorstufe des Kommunismus bzw. der Diktatur des Proletariats auf.
Während Marx in der „Kritik des Gothaer Programms“ diese Diktatur noch aus einer klassenmäßigen und ökonomischen Position herleitete: „Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andre. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts andres sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats.“ MEW Bd. 19, S. 28
„Womit wir es hier zu tun haben, ist eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer eignen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt. Demgemäß erhält der einzelne Produzent – nach den Abzügen – exakt zurück, was er ihr gibt. Was er ihr gegeben hat, ist sein individuelles Arbeitsquantum. Z.B. der gesellschaftliche Arbeitstag besteht aus der Summe der individuellen Arbeitsstunden. Die individuelle Arbeitszeit des einzelnen Produzenten ist der von ihm gelieferte Teil des gesellschaftlichen Arbeitstags, sein Anteil daran. Er erhält von der Gesellschaft einen Schein, dass er soundso viel Arbeit geliefert (nach Abzug seiner Arbeit für die gemeinschaftlichen Fonds), und zieht mit diesem Schein aus dem gesellschaftlichen Vorrat von Konsumtionsmitteln so viel heraus, als gleich viel Arbeit kostet. Dasselbe Quantum Arbeit, das er der Gesellschaft in einer Form gegeben hat, erhält er in der andern zurück.
Es herrscht hier offenbar dasselbe Prinzip, das den Warenaustausch regelt, soweit er Austausch Gleichwertiger ist. Inhalt und Form sind verändert, weil unter den veränderten Umständen niemand etwas geben kann außer seiner Arbeit und weil andrerseits nichts in das Eigentum der einzelnen übergehn kann außer individuellen Konsumtionsmitteln. Was aber die Verteilung der letzteren unter die einzelnen Produzenten betrifft, herrscht dasselbe Prinzip wie beim Austausch von Warenäquivalenten, es wird gleich viel Arbeit in einer Form gegen gleich viel Arbeit in einer andern ausgetauscht.“ MEW Bd.19, S. 20
Marx skizziert hier eine Gesellschaft, wie sie direkt aus einer proletarischen Revolution hervorgegangen sei. In der das Kapital politisch und militärisch entmachtet ist, in der das Wertgesetz aber durchaus noch gilt. In der aber, und dies ist der wesentliche Aspekt, das Proletariat, ob seiner Stellung als einziger Wertproduzent und damit als direkter und alleiniger Produzent der Gesellschaft, vor allem die ökonomische Macht innehat. Wenn die/der jeweils Arbeitende der Gesellschaft den Wert, den er produzierte, diesen nach Abzug der notwendigen Kosten wieder entnimmt, bleiben außerhalb des Proletariats nur noch Personen übrig, die von diesem nach Gutdünken alimentiert werden.
Ein Verständnis von Diktatur, welches sich mit der Einschätzung auch der bürgerlichen Diktatur oder Diktatur des Kapitals deckte, deren Herrschaft sich nicht primär als Gewaltherrschaft, sondern als „stummer Zwang der Verhältnisse“ postuliert. Dass eine derartige Gesellschaft über entsprechend entwickelte Produktivkräfte verfügen muss, ist evident. Solange das Kapital noch wesentlich die Produktivkraftentwicklung vorantreibt, fehlt dieser Gesellschaft die ökonomische und bewußtseinsmäßige Basis.
„17. Frage: Wird die Abschaffung des Privateigentums mit Einem Schlage möglich sein?
Antwort: Nein, ebenso wenig wie sich mit einem Schlage die schon bestehenden Produktivkräfte soweit werden vervielfältigen lassen, als zur Herstellung der Gemeinschaft nötig ist. Die aller Wahrscheinlichkeit nach eintretende Revolution des Proletariats wird also nur allmählich die jetzige Gesellschaft umgestalten und erst dann das Privateigentum abschaffen können, wenn die dazu nötige Masse von Produktionsmitteln geschaffen ist.“ Engels: Grundsätze des Kommunismus, (MEW Bd. 4, Seite 372)
Insbesondere in ‚Staat und Revolution‘ lehnt sich Lenin, wenn auch schon mit einem wesentlichen Unterschied, noch stark an die oben zitierte marxsche Skizze an: „Die Produktionsmittel sind (in der ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft, Anm. GT) schon nicht mehr Privateigentum einzelner Personen. Die Produktionsmittel gehören der ganzen Gesellschaft. Jedes Mitglied der Gesellschaft leistet einen gewissen Teil gesellschaftlich notwendiger Arbeit und erhält von der Gesellschaft einen Schein darüber, dass es ein gewisses Quantum Arbeit geliefert hat. Auf diesen Schein erhält es ein entsprechendes Quantum Produkte aus den gesellschaftlichen Vorräten an Konsumtionsmitteln. Nach Abzug des Arbeitsquantums, das für die gemeinschaftlichen Fonds bestimmt ist, erhält jeder Arbeiter also von der Gesellschaft so viel zurück wie er ihr gegeben hat. Es herrscht gewissermaßen ‚Gleichheit‘. […] Indes sind die einzelnen Menschen nicht gleich: Der eine ist stärker, der andere schwächer; der eine ist verheiratet, der andere nicht; der eine hat mehr Kinder als der andere usw.“ Lenin, Staat und Revolution, Lenin Werke Bd. 25, S. 479/480.
Dass diese Ausführungen neben einem entsprechenden Bewusstsein (das Proletariat erkennt sich als Klasse für sich), eine entwickelte Industrie und auch eine industrialisierte Landwirtschaft nahelegen, ist offensichtlich. Bemerkenswert allerdings hier schon, dass der/die Arbeitende ihren Anteil nicht mehr entnimmt, sondern von der Gesellschaft zugewiesen bekommt.
Dies wurde im Verlauf des 20. Jahrhunderts nun allerdings in immer stärkerem Maße verwässert. Es wurde gar kein Bezug mehr genommen auf die klassenmäßige und ökonomische Verfassung der Gesellschaft. Unter Diktatur konnten sich die seinerzeitigen Rezipienten scheinbar einzig eine Form der griechischen Tyrannis oder die ihnen bekannte Militärdiktatur vorstellen. Also die Durchsetzung politischer Ziele über den Weg der politischen und militärischen Macht.
Für dieses verkürzte Verständnis hat zwar schon Engels das Fenster aufgestoßen, doch war ihm noch der Unterschied zwischen Proletariat und Gesellschaft klar, eine Klarheit die im Folgenden leider verloren geht.
„Mit der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist die Warenproduktion beseitigt und damit die Herrschaft des Produkts über die Produzenten. Die Anarchie innerhalb der gesellschaftlichen Produktion wird ersetzt durch planmäßige, bewußte Organisation. Der Kampf ums Einzeldasein hört auf. […] Die Gesetze ihres eignen gesellschaftlichen Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie beherrschende Naturgesetze gegenüberstanden, werden dann von den Menschen in voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht. Die eigene Vergesellschaftung der Menschen, die ihnen bisher als von Natur und Geschichte aufgenötigt gegenüberstand, wird jetzt ihre freie Tat.“ Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, MEW Bd. 19, S. 226.
Endgültig verwässert wurde dies aber aus politischen Gründen. So schreibt Lenin zwar: „Diktatur des Proletariats bedeutet Leitung der Politik durch das Proletariat. Das Proletariat als führende, als herrschende Klasse muß es verstehen, die Politik so zu lenken, daß in erster Linie das dringendste, das ‚wundeste‘ Problem gelöst wird.“ Lenin, Über die Naturalsteuer, Lenin Werke Bd. 32, S. 354
Unter der Hand vollzieht er aber, so er es abstrakter fasst, eine kaum merkbare aber wesentliche Wendung: „Der wissenschaftliche Begriff Diktatur bedeutet nichts anderes als eine durch nichts beschränkte, durch keine Gesetze und absolut keine Regeln eingeengte, sich unmittelbar auf Gewalt stützende Macht. Nichts anderes als das bedeutet der Begriff Diktatur […]. Weiter, in dem von uns angeführten Beispiel sehen wir die Diktatur eben des Volkes, denn das Volk, die formlose Masse der Bevölkerung, die sich an der betreffenden Stelle ,zufällig‘ versammelt hat, tritt selber und unmittelbar auf den Schauplatz, hält selber Gericht, wendet die Macht an und schafft ein neues revolutionäres Recht. Schließlich ist das die Diktatur eben des revolutionären Volkes.“ Lenin, Geschichtliches zur Frage der Diktatur, Lenin Werke Bd. 31, S. 345.
So wird aus der Diktatur des Proletariats eine Diktatur des revolutionären Volkes, wer auch immer dies sein könnte. Damit findet sich dann auch der Übergang zu Stalin: „Die Diktatur des Proletariats hat ihre Perioden, ihre besonderen Formen, ihre verschiedenartigen Arbeitsmethoden. In der Periode des Bürgerkrieges ist besonders augenfällig die gewaltsame Seite der Diktatur. Aber daraus folgt keineswegs, daß in der Periode des Bürgerkriegs keine Aufbauarbeit stattfindet. Ohne Aufbauarbeit ist es unmöglich den Bürgerkrieg zu führen. In der Periode des Aufbaus des Sozialismus ist umgekehrt die friedliche, organisatorische, kulturelle Arbeit der Diktatur, die revolutionäre Gesetzlichkeit usw. besonders augenfällig. Aber daraus folgt wiederum keineswegs, daß das Merkmal der Gewalt in der Diktatur während der Periode des Aufbaus wegfällt oder wegfallen kann. Die Organe der Unterdrückung, die Armee und andere Organisationen sind jetzt, in der Zeit des Aufbaus, nicht minder notwendig als in der Zeit des Bürgerkrieges. Ohne das Vorhandensein dieser Organe ist keine einigermaßen gesicherte Aufbauarbeit der Diktatur möglich. Man darf nicht vergessen, daß die Revolution vorläufig nur in einem Lande gesiegt hat. Man darf nicht vergessen, daß, solange es eine kapitalistische Umwelt gibt, auch die Gefahr der Intervention mit allen sich aus dieser Gefahr ergebenden Folgen bestehen wird.“ Stalin: Die proletarische Revolution und die Diktatur des Proletariats. In: Fragen des Leninismus. Verlag für Fremdsprachige Literatur, Moskau 1947, S. 147
Aber auch die aktuelle Diskussion ist von dieser Verwässerung geprägt, exemplarisch hier die Position der KO: „Diktatur des Proletariats bedeutet, dass die Arbeiterklasse sich gemeinsam mit den ihr verbündeten Schichten, z. B. Kleinbauern und kleine Selbstständige, Organe der politischen Herrschaft, der Verwaltung der Produktion und des gesellschaftlichen Lebens und schließlich auch Organe der politischen und militärischen Verteidigung der Revolution schafft. Während sie eine Diktatur gegen die Feinde der neuen Ordnung ist und alle Versuche zur Wiedererrichtung der Ausbeuterordnung konsequent bekämpft und unterdrückt, stellt sie für die breiten Volksmassen die umfassendste Demokratie dar. Denn auch wenn die kommunistische Partei auch im Sozialismus noch ihre ideologisch und politisch führende Rolle wahrnehmen und erkämpfen muss, liegt die Machtausübung in den Händen der Massen.“ Programmatische Thesen KO
So wurde nach und nach die Definition einer Diktatur des Proletariats ihres proletarischen und damit revolutionären Inhalts beraubt und damit entsorgt. Erst damit stellte sich das Problem ein Gesellschaftsmodell zu konstruieren, dass als Vorstufe einer kommunistischen Gesellschaft gelten konnte. Dies Modell fand sich im „Sozialismus“.
Eine Gesellschaft die Lenin folgendermaßen umreißt: „Gerechtigkeit und Gleichheit kann also die erste Phase des Kommunismus noch nicht bringen: Unterschiede im Reichtum, und zwar ungerechte Unterschiede bleiben bestehen, unmöglich aber wird die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen sein, denn es wird nicht mehr möglich sein, die Produktionsmittel, die Fabriken, Maschinen, den Grund und Boden usw., als Privateigentum an sich zu reißen.“ Lenin, Staat und Revolution, Lenin Werke Bd. 25, S. 480.
Mit der Verfestigung dieses Modells fallen dann aber doch Widersprüche auf die einer näheren Untersuchung bedurft hätten: “Das Wertgesetz ist kein Gesetz des Kapitalismus, sondern ein Gesetz aller Warenproduktion, einschließlich der geplanten Warenproduktion im Sozialismus”. Jewsej Liberman 1965
Eine Position wie sie seit Kossygin zu einem Allgemeinplatz wurde. Zwar wurde der Schritt hin zu einer sozialistischen Markwirtschaft theoretisch noch abgelehnt, “Marktsozialismus bedeutet die Niederlage des Sozialismus zu verewigen. Aus den Gründen für seine Niederlage wird nicht auf die Verhinderung der Ursachen der Fehlentwicklung geschlossen, sondern an den Symptomen laboriert.“ Und: „Mit der Aufhebung des Eigentums an den Produktionsmitteln wird die Warenproduktion aufgehoben. Die Güter müssen die in ihnen vergegenständlichte Arbeit nicht erst über einen Umweg ausdrücken, der Wert fällt, die in die Produktion der Güter eingegangene Arbeitszeit kann direkt in Zeiteinheiten gemessen werden […]“. Gerfried Tschinkel 2017, S. 79, S. 83
Doch in der gesellschaftlichen Praxis war/ist dies kaum noch zu leugnen. Es etablierte sich damit im Folgenden ein Gesellschaftsmodell „Sozialismus“, das je nach geografischer Lage oder kurzfristiger politischer Ausrichtung verschieden gefüllt wurde. Dies geschah, ohne dass jemals eine der Gesellschaften auf denen er aufbaute, konkret analysiert und theoretisch in ein Konzept des Histomat eingebettet wurde. In der SU galt zwar das Wertgesetz, es fand aber keine Warenproduktion statt, im Unterschied zu China, wo weiterhin die Warenproduktion gefördert wurde, in Cuba wurde die „Wirtschaft“ in verschiedene Bereiche unterteilt, die ganz unterschiedlichen Prämissen unterlagen, in Jugoslawien war auch die Marktwirtschaft kein Tabu, in Vietnam ist man mittlerweile soweit Arbeitskräfte auf dem Weltmarkt feilzubieten, die SED kaprizierte sich auf einen „realen Sozialismus“ um sich von anderen abzugrenzen, die Venezolaner nannte ihr Modell dann gleich Chavismus und so weiter und so fort. Das Verbindende all dieser Modelle ist 1. die „Führungsrolle“ einer „kommunistischen“ oder sozialistischen Partei und 2. eine Gesellschaft unter nationalstaatlichen Prämissen zu errichten. Insofern halte ich es für fragwürdig, sich ohne weitere konkrete Analysen auf ein Gesellschaftsmodell „Sozialismus“, in welchem Zusammenhang auch immer, zu beziehen.
Ich spreche insofern von warenproduzierenden Gesellschaften, als die Nichtexistenz eines Bürgertums eine Charakterisierung als bürgerliche Gesellschaft scheinbar verbietet. Dieser „Sozialismus“ hat jedoch in den meisten seiner Ausprägungen mit der bürgerlichen Gesellschaft weit mehr gemein als mit der Kritik an selbiger.
Antiimperialistische Befreiungskriege, Bauernerhebungen, Sklavenbefreiungen, Volksaufstände und ähnliches gibt es, seit die ersten beiden kapitalistischen Nationen NL und GB die Bühne der Weltpolitik betreten haben. All diese Bewegungen hatten die Gemeinsamkeit, dass sie von einem indifferenten Klassengemisch getragen wurden. In einigen Fällen, insbesondere den westlich geprägten Gesellschaften, konnte sich, über mehrere Etappen hinweg, das Bürgertum als die bestimmende Klasse bzw. konnte das Bürgertum von Beginn an seine politischen Vorstellungen als die maßgeblichen durchsetzen. Insofern bezeichnen wir diese als bürgerliche Revolutionen.
Doch auch diese politischen Vorstellungen waren und konnten nichts anderes sein, als die theoretische Negation der bestehenden Verhältnisse. Der feudale Landbesitz, die Leibeigenschaft oder auch die Sklaverei der bäuerlichen Massen war eine Fessel der Kapitalverwertung und wurde deshalb vom Bürger kritisiert. Dass dies von Geschichten über gleiche Rechte aller Menschen, Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit etc. verbrämt wurde, ist in dem Zusammenhang keine wesentliche Bestimmung.
Unsere Aufgabe bestand und besteht darin eben zu klären, welches die wirklichen, materiellen Beweggründe derartiger Revolutionen waren und sind. Diese Gründe lassen sich weniger den Äußerungen der Protagonisten, als vielmehr einer Analyse der materiellen Verhältnisse entnehmen.
Wesentlich ist, welche Positionen, als Negation der bestehenden Verhältnisse, formuliert werden konnten. Eine Kritik der Lohnarbeit oder gar des Eigentums konnte im 19. Jahrhundert zwar schon formuliert werden (siehe 1. Internationale), hatte aber keine Möglichkeit die Massen zu ergreifen, da diese derartigen Verhältnissen oftmals noch gar nicht in ihrer entwickelten Form unterworfen waren. Ob in Deutschland, Spanien, Italien, Frankreich, Irland oder den USA, waren derartige Forderungen weder massentauglich noch im aufkommenden Proletariat verankert. Es waren jeweils nur kleine überschaubare Gruppen, die sich derartiger Forderungen bemächtigten. Das deutsche Proletariat zum Beispiel sah mehrheitlich seinen Weg, auch nach dem Tod Lasalles, nicht im radikalen Bruch mit allen vorhergegangenen Eigentumsformen, sondern in einer Annäherung an den Feudalismus. Dass sich auch dadurch die bürgerliche Revolution in Deutschland gut 100 Jahre hinzog, ist heute noch, trotz der Arbeiten von Karuscheit und Schröder, vielen „Linken“ kaum begreiflich zu machen.
Dabei spielt mit Sicherheit auch eine Rolle, dass die Vorstellung von Revolution, einer grundsätzlichen gesellschaftlichen Umgestaltung, bei Linken hierzulande auch eher Abenteuerromanen entsprungen zu sein scheint, wo in Tagen, Wochen, oder auch einzelnen Monaten gerechnet wird, als ginge es wirklich nur darum, eine jeweilige Regierungsmannschaft auszuwechseln.
Dass eine Revolution, auch eine bürgerliche, weit tiefer in die gesellschaftlichen Verkehrsformen eingreift, z.B. in ihrem Verlauf eben auch das subjektive Bewusstsein der einzelnen Gesellschaftsmitglieder revolutioniert, sollte uns als Kommunisten aber doch klar sein.
Im 20en Jahrhundert hat sich dies auch nicht grundsätzlich geändert. Ob in Russland, Indien, China, Vietnam, Cuba, Mosambik, notwendig formulierten progressive gesellschaftliche Gruppen eine Kritik an den dort zu der Zeit bestehenden gesellschaftlichen Verkehrsformen. Zum Teil speiste sich diese aus einer Kritik der gewachsenen überkommenen nationalen Herrschaft, zum anderen Teil aus einer Kritik an den kolonialen Strukturen, mit denen diese Gesellschaften konfrontiert waren. Da diese Gruppen oftmals nicht dem Bürgertum entstammten und keine rein bürgerliche Agenda betrieben, da sie ja als Feind auch immer das Kolonialkapital hatten, ließ sie als antibürgerlich erscheinen.
Auch der russischen Revolution war durchaus anzumerken, dass der Impetus der Revolution zu nicht unmaßgeblichem Teil, aber auch der vieler Revolutionäre, selbst nationalen Befreiungsbewegungen entsprungen war. In diesem Zusammenhang auch interessant das Vorwort zur russischen Ausgabe Kapital Bd. 1, was sich über weite Strecken wie eine Kritik an Bakunin oder Kropotkin liest.
Maßgeblich sind erst durch Plechanow in diese Bewegung Gedanken des historisch-dialektischen Materialismus hineingetragen worden. Auch Lenin bezieht sich immer wieder positiv auf die Narodniki, z.B. in seiner Schrift „Was tun“, nicht etwa ironisch auf das gleichnamige Buch von Tschernyschewski. Dass damit Gedanken über das Selbstbestimmungsrecht der Völker etc. eine Bedeutung erlangten, die in keinem Verhältnis zu den grundlegenden Erkenntnissen des Histomat stehen, ist vor allem daraus zu erklären.
Eine grundsätzliche Kritik des Eigentums oder der Lohnarbeit lag den Revolutionären weit ferner als dieses Selbstbestimmungsrecht und hätte aber auch unter den bäuerlichen Massen nicht verfangen. Weiterreichende Forderungen, die von einem kleinen, wenn auch zugegeben hoch entwickelten russischen Proletariat, gestellt wurden, mussten vom sowjetischen Staat alsbald wieder zurückgenommen werden, wie wir wissen. Damit will ich nicht dem Trotzkismus das Wort reden, der obige Protagonisten in Sachen Idealismus noch weit in den Schatten stellt, indem er die „Bürokratie“ zu einer Klasse erklärt.
Russische, georgische und ukrainische kleinbürgerliche Sozialisten hatten es geschafft, unter der Parole „Elektrifizierung und Sowjetmacht“ ein ganzes Volk dazu zu bringen, ihre überkommenen feudalen Fesseln abzustreifen. Das war eine großartige Leistung, keine Frage. Doch, dies frag ich nun Dich, was konnte das Ergebnis einer solchen Bewegung sein? Welche ökonomische Form konnte eine Gesellschaft annehmen, die von bäuerlichen Massen, die von der Idee ergriffen waren, die feudalen Fesseln, auch ihres Bewusstseins, abzustreifen, erschaffen wurde?
Auch wenn Marx, siehe besagtes Vorwort, durchaus in Betracht zieht, dass das russische Gemeinwesen eine dortige proletarische Revolution befördern könne, setzt er doch eine proletarische Revolution voraus, die sich die Diktatur des Proletariats auf die Fahne geschrieben hat. Industrialisierung ist ja der Inbegriff der oben genannten bolschewistischen Forderung. Dies wurde erreicht, keine Frage, das heutige Russland ist ein entwickeltes Industrieland mit einer weitgehend industrialisierten Landwirtschaft. Ein erster wesentlicher Schritt ist getan. Dieses, allerdings, setzte notwendig ein Proletariat voraus. Industrie aufbauen kann leider nur ein Proletariat, es wäre kontraproduktiv, es gleichzeitig abschaffen zu wollen. Auch ein Proletariat als Klasse für sich, also sozusagen ein Staat im Staat, ist ein Spagat, den sich kein Nationalstaat im Zuge einer beginnenden Industrialisierung leisten kann. Insofern war es nur folgerichtig, das gerade erst geschaffene Proletariat, Proletariat sein zu lassen und das Bürgertum aus der Nomenklatura zu entwickeln.
Diese Kritik der „sozialistischen Gesellschaft“ betrifft allerdings nicht nur die UdSSR sondern annähernd alle Revolutionen des 20. Jahrhunderts. Nein, nicht alle progressiven Gesellschaftsbewegungen haben ihren Aufbruch in die Moderne mit Anleihen oder Versatzstücken aus dem historisch-dialektischen Materialismus garniert, Gandhi z. B. hatte da ein etwas verspanntes Verhältnis, auch andere taten sich da schwer, doch viele weitere derartige Bewegungen machten diese Anleihen. Selbst die ‚Bewegung des 26. Juli‘ hat sich drei Jahre nach dem Sturz Batistas zur marxistisch-leninistischen Partei erklärt.
Damit zu deiner Frage, wie ich dies denn in Bezug auf China sehen würde. Sicherlich, deine konkreten Kenntnisse der chinesischen Geschichte und Gesellschaft stellen meine weit in den Schatten, doch erlaube mir trotzdem, einige Stichpunkte zu formulieren.
Die Zeit Maos würde ich, einschließlich der Kulturrevolution, als eine Zeit des Bürgerkrieges bezeichnen. Wie gesagt, meiner Ansicht nach ist Revolution nicht etwas. was man auf ein oder drei Jahre begrenzen kann.
Gerade Mao Tse Dong setzte sich seinerzeit gegen eine Mehrheit in der KPCh mit der Strategie einer Bauernrevolution gegenüber einer proletarischen Revolution durch. Soweit mir bekannt, war ihm dabei durchaus bewusst, dass es sich damit eben um eine bürgerliche Revolution handelt. Diese Strategie sah vor, nach der Befreiung der Bauern vom Land aus die Städte zu umzingeln, um dadurch das Proletariat für die Revolution zu gewinnen.
Die Gesellschaft auf die seinerzeit „der lange Marsch“ traf war, wie schon geschrieben, eine vorkapitalistische Gesellschaft. Freiheit bedeutete für Mao primär „Freiheit von Hunger“, der doppelt freie Lohnarbeiter war da noch ganz weit weg. Interessant wäre in diesem Zusammenhang zu analysieren, ob diese Bewegung mit der Umzingelung der Städte wirklich eine neue Richtung eingeschlagen hat und wie sich dies etwa in Forderungen niedergeschlagen hat.
Diese Gesellschaft musste sich zum einen von kolonialen Fesseln, aber auch von einer fast fünfhundertjährigen gesellschaftlichen Stagnation befreien. Du schreibst: „Diese beiden Revolutionen wurden erfolgreich von kommunistischen Führern angeführt…“ Dies als korrekt unterstellt, macht allerdings nicht automatisch aus einer Bewegung gegen Kolonialismus eine Bewegung zum Kommunismus.
Wenn wir als Kommunisten in einem Betrieb einen Betriebsrat aufbauen, liegt dies in der Natur der Sache, weil wir als Kommunisten immer Teil des progressiven Proletariats sind, dadurch wird aber ein Betriebsrat keine revolutionäre Bastion, sondern bleibt auch nach Betriebsverfassungsgesetz ein Betriebsrat.
Wir sind oftmals, auch auf internationaler Ebene, gezwungen Bewegungen zu unterstützen, denen unser Etappenziel, Diktatur des Proletariats, doch noch sehr fern ist, wenn sie ihm nicht gar feindlich gegenüberstehen. Dennoch unterstützen wir nationale Bewegungen, die die Potenz haben, sich aus vorkapitalistischen Verhältnissen zu befreien und damit das Weltproletariat zu vergrößern.
Auch der damaligen chinesischen Bewegung waren weder die Kritik der politischen Ökonomie, noch gar eine Diktatur des Proletariats, ernsthaft zu vermitteln. Auch dort musste ein Proletariat erst einmal konstituiert werden. Es galt also erst einmal eine Gesellschaft aufzubauen, welche über ein nennenswertes Proletariat verfügt. Entgegen vieler „Bewegungssozialisten“ ist dies noch immer die Grundbedingung einer modernen Gesellschaft. Dies haben die chinesischen Kommunisten über mehrere Rückschläge erreicht. Sie haben neben dem bewiesen, dass ein geplanter Kapitalismus seinem anarchischen Pendant, wie du ja auch schreibst, in allen Bereichen weit überlegen ist.
Es bliebe nun zu diskutieren, ob die Existenz eines nennenswerten Proletariats ein Bürgertum notwendig macht. Ob die Existenz einer derartigen Gesellschaft automatisch den „kapitalistischen Egoismus“ aller befördert, oder wie Handlungsoptionen von Kommunisten, die Machtpositionen innerhalb einer solchen Gesellschaft innehaben, definiert werden können, etc.
Damit könnte man sich der aktuellen chinesischen Diskussion eher annähern. Das Auftauchen eines Bürgertums und dessen Tolerierung durch die KPCh zu kritisieren läuft aber Gefahr, wieder in jenen Idealismus abzudriften, der den „Sozialismus“ als materiell ökonomisch eigenständige Gesellschaft charakterisiert, weil ihm im Unterschied zur anarchisch-kapitalistischen Gesellschaft, eine Planungsbehörde vorsteht.
In dem Zusammenhang, wenn wir ihn mal etwas weiterdenken, ist auch interessant, wie sich ein Proletariat überhaupt ohne seinen antagonistischen Widerspruch zu einer Klasse für sich entwickeln kann.
Insofern nochmals besten Dank für deinen Artikel, der beim zweiten Lesen durchaus die Perspektive einer derartigen Diskussion projiziert.
Mit solidarischem Gruß
GT