veröffentlicht im Theoretischen Organ „Klassenkampf & Wissenschaft“ Nr. 1/06.11.2024[1]
Manfred Englisch – Bremen im Oktober 2025
„Wenn Sozialismus und Arbeiterbewegung nicht verschmelzen, was bleibt uns dann? Sektierertum und Reformismus. Die isolierten Intellektuellen sagen, wir sollten diese oder jene wunderbare Welt haben, und die isolierten Arbeiter versuchen, bessere Bedingungen für ihre Familien zu erreichen.“ Lars T. Lih[i]
Auch wenn die aus der Spaltung der Kommunistischen Organisation hervorgegangene Kommunistische Partei nicht als wahrnehmbare Kraft im Klassenkampf der deutschen Arbeiterklasse aufgefallen ist, verdient ihr Programmentwurf eine kritische Würdigung, gerade in den AzD/Kommunistische Debatte[2], deren Autoren seit Jahrzehnten an den analytischen Grundlagen für Programm und Organisation der Kommunisten arbeiten. Der Programmentwurf der KP soll „ihre revolutionäre Strategie und ihre Standpunkte zu Grundsatzfragen“ vorlegen.
„Die KO wie auch die KP wurden gegründet aus der Notwendigkeit heraus, verschiedene falsche und schädliche Vorstellungen in der kommunistischen Bewegung zu bekämpfen und durch einen Klärungsprozess zu einer revolutionären Strategie der Arbeiterklasse zu gelangen. Mit diesem Programm legt die KP nun ihre revolutionäre Strategie und ihre Standpunkte zu anderen Grundsatzfragen vor, an deren Weiterentwicklung und Aktualisierung sie ständig arbeiten wird. Der Existenzgrund der KP besteht darin, zur Vorhut der Kämpfe der Arbeiterklasse zu werden und sich selbst in die Lage zu versetzen, die Arbeiterklasse in der sozialistischen Revolution in Deutschland zum Sieg zu führen.“ (aus dem Vorwort des Programmentwurfs)
Damit erhebt ein relativ kleiner Zirkel mit lokalen Basisgruppen einen großen Anspruch. Der Parteiaufbau wird als Prozess verstanden, dessen „Grundvoraussetzungen – demokratisch-zentralistische Organisationsstruktur[3] und programmatische Grundlage“ bereits vorliegen. Kann dies ausreichen für den traditionsreichen Namen „Kommunistische Partei“?

„Im Juni 2024 sind wir in eine neue Phase übergegangen: Mit der Umbenennung in “Kommunistische Partei” starten wir in einen zweijährigen Gründungsprozess, der Nägel mit Köpfen machen soll. In dieser Zeit erarbeiten wir das Parteiprogramm, das uns in jeder Situation des Klassenkampfes ein Kompass sein muss. Dafür werden wir uns mit der Klassenanalyse, der revolutionären Strategie, der Fragen nach der Unterdrückung der Frau und des sozialistischen Aufbaus in Deutschland auseinandersetzen. Geplant ist außerdem der Ausbau unserer Strukturen: Wir wollen eine Jugendorganisation aufbauen, ein theoretisches Organ etablieren, eine Zeitung in die Wege leiten, erste Versuche mit Betriebszellen unternehmen und unsere Massenarbeit verstärken. Ihr seht, es gibt viel zu tun!“[4]
In der ersten Ausgabe ihres Theorieorgans „Kommunismus & Wissenschaft“, das den Programmentwurf vorstellt, wird im Editorial angekündigt:
„Sich den Fehlern der Vergangenheit zu stellen und an ihrer Überwindung zu arbeiten heißt heute, eine genaue Kenntnis zu folgenden Punkten zu entwickeln:
-
- zum Imperialismus und seinen ökonomischen Grundlagen, zur Entwicklung und den Fehlern der Strategie und Taktik der kommunistischen Parteien, insbesondere in der Zeit der Kommunistischen Internationale
- zum Zusammenhang der Gesetzmäßigkeiten des Imperialismus mit der Strategie der Kommunisten
- zu den Gesetzmäßigkeiten des Sozialismus und den Fehlern und Errungenschaften des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion, der DDR und den weiteren sozialistischen Staaten
- zum Wesen von Revisionismus und Opportunismus und ihren historischen und aktuellen Erscheinungsformen.“[5]
Gelingt diesem neuen Ansatz zum Parteiaufbau die theoretische Wende aus der Sackgasse, in die seit den 1980ern alle marxistischen Strömungen geraten sind, die sich an Sowjetunion, DDR, China, Albanien, Kuba orientierten? Was bleibt übrig von den emblematischen Köpfen der proletarischen Weltrevolution: Marx, Engels, Lenin, Luxemburg, Trotzki, Stalin, Tito, Mao, Ho Chi Min, Fidel Castro, Che Guevara, Enver Hoxha, Abimael Guzmán (Gonzalo)?
Historische Wurzeln der KP
Der Entwurf stellt die KP auf das Fundament des Marxismus-Leninismus[6], den dialektischen und historischen Materialismus und die Kritik der politischen Ökonomie.
In ehrfürchtiger Weihe wird historisch schräg geraunt: „die deutsche Arbeiterbewegung brachte im 19. Jahrhundert großartige Kämpfer wie Marx und Engels hervor.“[7] Dies erweckt den Anschein, als hätte sich schon vor 1848 eine Arbeiterbewegung entwickelt, zu deren Aktivisten ein junger Philosoph aus Trier und ein Fabrikantensohn aus Barmen zählten. Tatsächlich entwickelten Marx und Engels erst nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1948 das Konzept von Klassenkampf und historischer Funktion des Proletariats als revolutionärer Klasse. Revolutionäre Intelligenz bürgerlicher Herkunft und Arbeiterbewegung entwickelten sich durchaus getrennt.
Leider wird dann wieder die idealistische These des Verrats bemüht, um die Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten im preußisch dominierten 2. Kaiserreich von 1914 weniger zu erklären als zu verdammen. Heiner Karuscheit[ii] untersucht in zahlreichen Beiträgen in AzD und mehreren Büchern die Verpreußung der SPD, das Fehlen eines demokratischen Revolutionskonzepts und die Kollaboration ihrer Führung mit der OHL im 1. Weltkrieg und der Reichswehrführung in der Weimarer Republik. Für die KP stand 1918/19 der „revolutionäre Kampf um den Sozialismus“ in Deutschland auf der Tagesordnung. Hier fehlen wichtige Untersuchungsergebnisse zur tatsächlichen Klassen-konstellation in Deutschland vor und nach dem 1. Weltkrieg.
Weitere Niederlagen der Kommunisten in der Weimarer Republik erklärt der Programmentwurf mit linken und rechten Abweichungen von der „korrekten revolutionären Linie“, die erst ab 1925 unter der Führung von Ernst Thälmann durchgesetzt worden sei. Für die schwere Niederlage von Arbeiterbewegung und KPD im Kampf gegen kapitalistische Krise und NS-Diktatur zwischen 1929 – 34 findet sich im Programmentwurf weder eine plausible Erklärung noch eine Selbstkritik. Dagegen wird das Konzept der Komintern zur Bildung antifaschistischer Volksfronten ab 1935 abgelehnt: „Nach einer Periode von einigen Jahren, in der die Kommunistische Internationale die Sozialdemokratie offen bekämpft hatte, wurden unter dem Druck der Expansion des Faschismus auf dem 7. Weltkongress der Komintern im Jahr 1935 die Weichen in die entgegengesetzte Richtung gestellt. Die Rolle der Sozialdemokratie wurde in problematischer Weise neu bewertet und die offensive Haltung der Kommunisten ihr gegenüber wurde durch ein Streben nach Einheit mit ihr ersetzt.“[8] Implizit hält der Programmentwurf also daran fest, die Reformisten als Sozialfaschisten zu bekämpfen. Daraus folgt die Ablehnung neudemokratischer Etappenziele ebenso wie der Taktik der „Arbeiterregierung“ als Aktionseinheit von oben und der antifaschistischen Arbeitereinheit nach 1945 in der SED. Ist das nun sektiererisch-dogmatisch oder orthodox-puristisch?
Die eher gleichgültig behandelte Rückschau auf die Flucht der SED nach vorne (Beschluss der II. Parteikonferenz zum Aufbau des Sozialismus in der DDR, 1952), die zur Spaltung der deutschen Nation in zwei Staaten beitrug, lässt vieles vermissen, auch die Vorgänge in der DDR um die Normenerhöhungen für die Arbeiterschaft, die zu den Streiks und Massenprotesten am 17. Juni 1953 führten. Karuscheit nennt den SED-Beschluss „Eine weitreichende Fehlentscheidung (…) weder in Deutschland noch erst recht (nicht) in dem kleineren Teilstaat DDR stand nach der NS-Herrschaft und dem 2. Weltkrieg der Sozialismus an.“ [9]
Schließlich bricht die sozialistische Hegemonie nicht nur 1989 in der DDR zusammen, sondern auch im „Vaterland der Werktätigen“: Die UdSSR, der Warschauer Pakt und der RGW sind 1991 Geschichte. Wie bei allen Neo-ML-Organisationen stellt der XX. Parteitag der KPdSU 1956 den revisionistischen Sündenfall dar, die opportunistische Kehrtwende zur schrittweisen Restauration des Kapitalismus, die Gorbatschow und Jelzin schließlich vollenden. Allerdings weist der Programmentwurf die chinesische Brandmarkung der Sowjetunion als „sozialimperialistisch“ entschieden zurück.
Der Programmentwurf erklärt den Untergang von Sowjetunion und DDR mit revisionistischen Fehlern in den KPs, Relativierung des Klassenkampfs im Sozialismus und Anerkennung des Wertgesetzes in der sozialistischen Ökonomie. Probleme der Produktivität, der Effizienz und der Modernisierung der Produktionsmittel seien verlagert worden in eine informelle Ökonomie, den Schwarzmarkt und die Korruption. Die Einführung von Marktelementen habe die Planwirtschaft ausgehöhlt. Ebenso sei die sozialistische Demokratie „zum leeren Ritual“ verkommen. Eine andere Aufbauorganisation, der Kommunistische Aufbau (KA), versucht die Ursachen der Restauration des Kapitalismus in der UdSSR historisch in einem Text nachzuzeichnen, der in sich plausibler erscheint.[10]
Aus meiner Sicht tadelt die episodische Kritik des Programmentwurfs die Fehlentwicklungen in der Sowjetunion und ihren Partnerländern nur an der Oberfläche. Die Botschaft lautet: Zurück zu Lenin und Stalin, zurück zum Marxismus-Leninismus an der Macht: Zurück zur Diktatur des Politbüros!
Der politische Staatsmonopolismus in der Sowjetunion und die ökonomisch begründete Monopoltheorie als höheres Stadium des Wirtschaftsaufbaus führte zur einseitigen Fokussierung auf Schwerindustrie, Rüstung und Raumfahrt. Er förderte auch eine tendenziell koloniale Arbeitsteilung der Sowjetrepubliken mit gigantischen Wasserbauprojekten und Monokulturen, die sich verheerend auf die Ökologie auswirkten – Bsp.: Baumwolle in Usbekistan.[11] Die Degneration der revolutionären Sowjetdemokratie degradierte die unmittelbaren Produzenten zu Objekten von Partei, Bürokratie und Staatssicherheit. War die administrative Planwirtschaft jemals auf die Bedürfnisse der breiten Volksmassen ausgerichtet? Die Breschnew-Ära (1964 – 1982) hinterließ jedenfalls einen Sumpf von persönlicher Bereicherung und Korruption, von dem der Historiker Roy Medwedew berichtet.[12] Die Rechenschaftslegung der 5-Jahrespläne war gefüllt mit „Potemkinschen Dörfern“.
Der Programmentwurf legt keine ernsthafte Untersuchung zur Analyse der historischen Niederlagen von Sozialisten und Kommunisten in Europa vor. Er verharrt wesentlich in kritiklosem Antritt des ML-Erbes ohne brutale Konsequenzen aus den Fehlern für Weg, Ziel und Form als Kern eines revolutionären Programms von heute.
Marxismus-Leninismus – Stalins Theorie vom Imperialismus als Weltsystem
Es war Stalin als Nachfolger Lenins in der Sowjetunion, der Lenins theoretische Konzepte 1924 zum Leninismus als „Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution“[13] verdichtete. Marx und Engels waren für ihn vorrevolutionäre Klassiker. Daraus folgten falsche Ableitungen für die Praxis der Kommunisten: Monopol der Machtausübung beim Politbüro; Personenkult; Staatsmonopolistische Bürokratisierung; Kaderdelegierung von oben statt echter Wahl in Sowjets; Verstöße gegen Lenins Nationalitätenpolitik; Enteignung der Arbeiter, Bauern, Handwerker, Händler; Zentralisierung der Verfügung über alle Ressourcen in Staatsorganen, inkl. Aneignung des gesellschaftlichen Mehrprodukts; Ersetzung der Macht des Arguments in der Debatte über den Weg durch die Macht der Staatspolizei („Genosse Mauser“).
Die KP verteidigt heute in allen Punkten Stalins Politik, ohne die personelle Kontinuität in der Führung der KPdSU einzuordnen.
Der Programmentwurf der KP ersetzt die Marxsche Konzeption vom gesellschaftlichen Gesamtkapital durch Gruppen konzentrierter Einzelkapitale, die nach dem sozialdemokratischen Politiker Hilferding als Finanz- und Monopolkapital den Kapitalismus der freien Konkurrenz ablösen und sich den Staat unterwerfen. Daraus folgt eine ökonomistische Determinationstheorie für den Übergang vom Monopolkapitalismus zum Sozialismus.
Programmentwurf: „Imperialismus ist für den Marxismus nicht einfach eine bestimmte Form der Außenpolitik, sondern diejenige Entwicklungsstufe der kapitalistischen Produktionsweise, in der das Monopolkapital zum beherrschenden gesellschaftlichen Verhältnis geworden ist.“[14]
Dazu aus einem Beitrag griechischer Wissenschaftlicher zur Imperialismusdebatte und zu Lenins Revolutionstheorie:
„Auch wenn Hilferdings Buch ‚Das Finanzkapital‘ über fast acht Jahrzehnte als Ausdruck ‚marxistischer Orthodoxie’ galt, ist es eine Interpretation der Marxschen Theorie mit eher ‚revisionistischem’ Charakter. Im Grunde war Hilferding der Erste, der bei der Untersuchung des Imperialismus und der kapitalistischen Krisen die Marxsche Konzeption des gesellschaftlichen Gesamtkapitals negierte. Mit der These von der ‘Aufhebung der freien Konkurrenz des Einzelkapitalisten durch die großen monopolistischen Vereinigungen’ geht Hilferding im Grunde von einem ‚mikroökonomischen’ Ansatz aus. Wenn er behauptet, dass die Merkmale des ‚Monopols‘ als der ‚vorherrschenden Form‘ des Unternehmens das gesamte kapitalistische System strukturieren und dessen Entwicklungs- und Veränderungsmuster festlegen, dann behauptet er nichts anderes, als dass die Merkmale der individuellen Kapitale das Gesamtkapital bestimmen.“[15]
Ein weiteres Missverständnis besteht darin, dass unterlegene Länder infolge Waren- und Kapitalimport zu Halbkolonien der imperialistischen Länder degradiert werden. Der internationale Kapitalexport in Form von Investments oder Finanzbeteiligungen schafft in anderen Ländern produktives Einzelkapital, das aber als solches primär-stofflich dem gesellschaftliches Gesamtkapital des jeweiligen Nationalstaats zuzurechnen ist. Damit bekommt Lenins Konzept der imperialistischen Kettenglieder seine vom Monopolismus unabhängige Bedeutung, auch für das Selbstbestimmungsrecht der Nationen und die Eroberung der Staatsmacht durch die Arbeiterklasse im Bündnis mit anderen werktätigen Schichten.
„Dem vorherrschenden Standpunkt, dass es eine einheitliche kapitalistische ökonomische Struktur auf Weltebene gibt (d.h. ein ‚globales Gesamtkapital‘), stellt er [Lenin] die imperialistische Kette entgegen, deren Glieder nicht einfach Nationalökonomien, sondern Staaten sind. (…) Die sozialistische Revolution finde nicht in dem kapitalistischen Land mit dem höchsten Entwicklungsstand statt, sondern in dem Land, welches das schwächste Glied in der imperialistischen Kette ist.“[16] Das erklärt gut den bisherigen Verlauf von Revolutionen rund um den Globus.
Aufbau und Ende des Sozialismus in der Sowjetunion
Daraus folgt für den Aufbau des Sozialismus in einem zurückgebliebenen Agrarland die Problematik, dass es im Modernisierungsprozess seine Wirtschaft nicht autark isolieren kann vom globalen Warenaustausch und damit dem internationalen Wettbewerb als Produktivitätspeitsche ausgesetzt ist. Das trifft und traf auf alle nominell sozialistischen Staaten zu. Das Wertgesetz bestimmt rein ökonomisch die Allokation der Ressourcen und damit auch den technischen Fortschritt in der Entwicklung der Produktivkräfte. In der UdSSR galt aber der Primat der Politik über die Ökonomie, insbesondere war der Einsatz außerökonomischen Zwangs ein probates Mittel der herrschenden Politik von Partei, Staat und Gewaltapparat (vgl. Kollektivierung, Industrialisierung, Disziplinarstrafen, Zwangsarbeit, Versklavung im Gulagsystem). Mit diesen Instrumenten kann ein System eine Zeitlang dem Wertgesetz, d. h. auch der Marxschen Arbeitswertlehre, ein Schnippchen schlagen, weil die Arbeitsorganisation des Zwangsarbeiters sich nicht an der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit zur Herstellung eines Produkts bzw. Werks orientiert.
In gewissen historischen Abschnitten hatte die zentrale Planwirtschaft in der UdSSR durchaus ihre Vorteile: „Eine zentralisierte Koordination der Ressourcenverteilung und -nutzung erleichterte den Aufbau einer Schwerindustrie in den 1930er-Jahren, die Umstellung auf eine Kriegswirtschaft in den Jahren 1941 bis 1945 sowie den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete nach der deutschen Invasion.“[17]
Nach Stalins Tod wurden die Zwangsarbeitslager aufgelöst, das Arbeitsrecht entschärft und bis 1955 wurden auch die deutschen Kriegsgefangenen nach Hause entlassen. Die offene Grenze der DDR war für die Arbeiter in der DDR eine Möglichkeit zum individuellen Systemwechsel, also Republikflucht. Auch daraus resultierten Diskussionen sozialistischer Wirtschaftsexperten über die Notwendigkeit der wirtschaftlichen Rechnungsführung in Betrieben und Branchen nach Maßstäben von Rationalisierung und Rentabilität. Der Aufstieg der „Tigerstaaten“ in Südostasien löste nicht nur im Westen eine Strukturkrise der Industrie aus. Eine neue internationale Arbeitsteilung führte im Westen zum Abbau industrieller Fertigungskapazitäten ( Kohle, Stahl, Schiffbau, Energie, Textilien) und im Osten zu einer permanenten Angebotsdefizitkrise. Starre Planmodelle erwiesen sich als unflexibel für eine kontinuierliche Innovation und Produktivitätssteigerung.
„Die auffällige Inflexibilität der Planwirtschaft hatte ihre Ursache in der extremen Zentralisierung der Ökonomie. Folglich war es der Mangel an demokratischer Partizipation auf allen Ebenen der „Entscheidungsfindung, der die Entwicklung der staatssozialistischen Planwirtschaft zunehmend behinderte.“ [18]
Wenn der administrativ sanktionierte Plan zentral die Produktion und Produkte determiniert, dann werden diese nicht zu selbstbestimmten Ressourcen der Arbeiter, Bauern und Handwerker. Das Programm der Bolschewiki und die Dekrete des Rates der Volkskommissare nach der Oktoberrevolution versprachen den Arbeitern die Kontrolle ihrer Betriebe: „Am 16. November (1917) wurde der 8-Stundentag eingeführt und die Jugendarbeit verboten. Am 29. November trat das wichtige Dekret ‚Über die Arbeiterkontrolle‘ in Kraft, das in allen Wirtschaftszweigen, die Lohnarbeiter beschäftigen‚ die Arbeiterkontrolle über Produktion, Kauf und Verkauf von Erzeugnissen und Rohmaterialien, über ihre Aufbewahrung sowie über die finanzielle Seite des Unternehmens‘ einführte. Die Arbeiterkontrolle wird ausgeübt von allen Arbeitern des betreffenden Unternehmens durch ihre gewählten Organe.“[19] 1921 mussten Fabrikräte und Gewerkschaften die Kontrolle in den Betrieben an vom Staat ernannte Direktoren abgeben. Die „Arbeiteropposition“ in der KPR(b) wurde gemaßregelt wegen „Fraktionstätigkeit“. Sie war die letzte Gruppierung, die festhielt an der revolutionären Produzentendemokratie, die Lenin noch in „Staat und Revolution“ (1917) vor dem Oktober skizziert hatte.[20] Welches Interesse sollten die unmittelbaren Produzenten dann an der Qualitätssteigerung der Gebrauchswertseite ihrer Produkte entwickeln? Stattdessen dominierte die Tonnenideologie der Plan(über)erfüllung.
Der Programmentwurf der KP krankt für mich an dogmatischen Glaubensbekenntnissen zum M-L der 1930er und 1940er Jahre als Weltanschauung – hier zu Monopolkapitalismus, Imperialismus und zentraler Planwirtschaft. Er fußt nicht auf systematischer Untersuchung zur Verifizierung oder Falsifizierung der Lehrsätze aus Stalins „Kurzem Lehrgang (B)“ – hinter allem vermute ich die Furcht vor dem modernem Revisionismus, die ein Lernen ausschließt. Vor der Prüfung der Tatsachen schirmt man sich und seine Anhänger ab durch Teilung der Welt in wahrhaft proletarisch-revolutionäre Klassiker und bürgerliche Wissenschaft. Zum Stichwort „Arbeiterkontrolle“ fällt auf, dass der Programmentwurf zwar eine Reihe guter Sofortmaßnahmen nach der Revolution auflistet, aber zur Betriebsverfassung und der konkreten Produktionskontrolle durch Betriebsräte, Gewerkschaften, Regionalräte kein Wort verliert. Ist dies die Angst der MLer vor dem Syndikalismus? Oder fehlen in der KP einfach die Arbeiter, deren Leben mit der materiellen Produktionssphäre verknüpft ist?
„Im Staatssozialismus erfolgte die soziale Differenzierung – anders als im Kapitalismus – weniger über Privateigentum (Produktionsmittel, Einkommen, Grundbesitz) als über die Stellung im gesellschaftlichen System. Diese bestimmte maßgeblich den Zugang zu ökonomischen und sozialen Ressourcen, aber auch das Maß an politischem Einfluss, sodass es durchaus zulässig ist, von einer staatssozialistischen Klassengesellschaft zu sprechen. Die herrschende Klasse oder »Top-Nomenklatura« bestand aus den Mitgliedern des Politbüros und des Zentralkomitees der KPdSU. Sie besaß das Entscheidungsmonopol auf alle wichtigen Ressourcen des Staates und der Gesellschaft.“[21] Zwischen werktätigen Klassen und den Herrschenden vermittelte eine bürokratische Dienstklasse, die den sozialistischen Mittelstand bildete.
Manche Genossen ohne Kenntnisse der sowjetischen Frühgeschichte muss man darauf stoßen, dass die bolschewistische Führung schon 1922 die zentrale Zensurbehörde GlawLit schuf, die das Volkskommissariat für Kultur zum Wahrheitsministerium und Sprachpolizei machte. GlawLit verfügte über alle Papiervorräte der Sowjetunion und traf alle Entscheidungen über Druckwerke. „Zum Entsetzen Maxim Gorkis, der damals noch im Exil am Fuß des Vesuvs lebte, ergänzte Lenins Witwe 1926 diese [Tabu-] Liste um rund einhundert Bücher, die angeblich ‚triebhafte oder antisoziale Gefühle‘ hervorrufen – darunter der Koran, die Bibel und das Gesamtwerk Dostojewskis. GlawLit musste diese Bücher tatsächlich aus den Bibliotheken entfernen und sie als Altpapier der Wiederverwertung zuführen.“[22] GlawLit schönte alle Statistiken, retuschierte das öffentliche Bild von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, frei von Katastrophen und negativen Erscheinungen. In den Postämtern saßen Zensoren von GlawLit, um die Post zu kontrollieren. Bereits freigegebene Druckwerke wurden später eingezogen oder mussten umgeschrieben werden, wenn sie Texte oder Bilder von „Volksfeinden“ enthielten, die aus dem kollektiven Gedächtnis entfernt werden sollten.
Vor der Oktoberrevolution erarbeitete Lenin Grundlagen der marxistischen Staatstheorie in seiner Schrift „Staat und Revolution“. Die siegreiche proletarische Revolution könne nicht einfach den bürgerlichen Staat, sein stehendes Heer und die Beamtenschaft übernehmen, sondern müsse die Staatsmaschinerie zerbrechen und eine Rätedemokratie (Sowjets) nach dem Vorbild der Pariser Kommune aufbauen.
Lenin: „Alle früheren Revolutionen haben die Staatsmaschinerie vervollkommnet, man muss sie aber zerschlagen, zerbrechen.“[23] Kurz nach Gründung der UdSSR befiel ihn Ende 1922 die große Sorge, dass der großrussische Chauvinismus die peripheren Sowjetrepubliken hegemonial unterdrücken könnte. In der Nationalitätenfrage war er gegen Stalins Autonomisierung und für die Gleichberechtigung und Selbstbestimmung aller Sowjetvölker, inkl. des Rechts auf Unabhängigkeit.
„Offenbar war dieses ganze Unterfangen mit der ‚Autonomisierung‘ von Grund aus falsch und unzeitgemäß. Man sagt, die Einheit des Apparats sei nötig gewesen. Woher stammten diese Behauptungen? Doch wohl von demselben russischen Apparat, den wir (…) vom Zarismus übernommen und nur ganz leicht mit Sowjetöl gesalbt haben. Zweifellos hätte man mit dieser Maßnahme so lange warten sollen, bis wir sagen konnten, dass wir uns für unseren Apparat wirklich wie für den eigenen verbürgen. Jetzt aber müssen wir, wenn wir ehrlich sein wollen, umgekehrt sagen, dass wir einen Apparat als eigenen bezeichnen, der uns in Wirklichkeit noch durch und durch fremd ist und ein bürgerlich-zaristisches Gemisch darstellt, das wir beim besten Willen in den fünf Jahren nicht überwinden konnten …“[24]
„Unter diesen Umständen ist es ganz natürlich, dass sich die ‚Freiheit des Austritts aus der Union‘, mit der wir uns rechtfertigen, als ein wertloser Fetzen Papier herausstellen wird, der völlig ungeeignet ist, die nichtrussischen Einwohner Russlands vor der Invasion jenes echten Russen zu schützen, des großrussischen Chauvinisten, ja im Grunde Schurken und Gewalttäters, wie es der typische russische Bürokrat ist. Kein Zweifel, dass der verschwindende Prozentsatz sowjetischer und sowjetisierter Arbeiter in diesem Meer des chauvinistischen großrussischen Packs ertrinken wird wie die Fliege in der Milch. (…) Mir scheint, hier haben Stalins Eilfertigkeit und sein Hang zum Administrieren wie auch seine Wut auf den ominösen ‚Sozialnationalismus‘ eine verhängnisvolle Rolle gespielt. Wut ist in der Politik gewöhnlich überhaupt von größtem Übel.“[25]
Lenin kritisiert explizit Verstöße Stalins gegen den proletarischen Internationalismus: „Ein Georgier, der sich geringschätzig zu dieser Seite der Sache verhält, der leichtfertig mit Beschuldigungen des ‚Sozialnationalismus‘ um sich wirft (während er selbst ein wahrer und echter ‚Sozialnationalist‘, ja mehr noch, ein brutaler großrussischer Dershimorda* ist), ein solcher Georgier verletzt im Grunde genommen die Interessen der proletarischen Klassensolidarität, weil nichts die Entwicklung und Festigung der proletarischen Klassensolidarität so sehr hemmt wie die nationale Ungerechtigkeit und weil die ‚gekränkten‘ nationalen Minderheiten für nichts ein so feines Gefühl haben wie für die Gleichheit und für die Verletzung dieser Gleichheit …“[26]
Lenin war ein vielseitiger Denker und Revolutionär, aber auch nicht frei von Fehlern und theoretischer Mehrdeutigkeit; in „Staat und Revolution“ hat er aber das Erbe der Pariser Commune wie Karl Marx zum revolutionären Programm einer neuen Demokratie des siegreichen Proletariats erhoben.
Darin findet sich auch ein Modell für erfolgreiche Bündnispolitik, das in jedes Programm der Kommunisten gehört – heute mit den drei Bannerlosungen großer Volksrevolutionen:
-
- Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! (Frankreich)
- Alle Macht den Räten! (Russland)
- Dem Volke dienen! (China)
Ziele der Kommunisten:
-
- Aufhebung der Lohnknechtschaft und der Klassenspaltung
- Gleichheit ohne Gleichmacherei, echte Leistungsgesellschaft
- Entfesselung der Produktivkräfte (Gebrauchswert-/Bedürfnisorientierung)
- Arbeiterkontrolle über Produktion, Drittel-Parität aus Fabrikrat, Unternehmer, Kommune
- Zerbrechen der Staatsmaschinerie, Abschaffung der Schmarotzerbürokratie
- Revolutionäre Demokratie – Freiheit durch Sozialismus, Gegenseitige Hilfe
- Die Befreiung der Arbeiter kann nur das Werk der Arbeiter selbst sein
Marx: „Die Kommunalverfassung würde im Gegenteil dem gesellschaftlichen Körper alle die Kräfte zurückgegeben haben, die bisher der Schmarotzerauswuchs .Staat‘, der von der Gesellschaft sich nährt und ihre freie Bewegung hemmt, aufgezehrt hat …“[27]
In einer revolutionären Situation bilden sich neue Organe der demokratischen Macht des Volkes, in die Vertreter verschiedener Organisationen, Schichten und Klassen gewählt werden. So war es in der Pariser Kommune, in den russischen Revolutionen von 1905 und 1917, auch in den Räterepubliken von München / Bremen sowie in der Spanischen Republik. Kein Organ wurde von einer kommunistischen Parteifraktion beherrscht. Es muss ausgeschlossen werden, dass eine KP ihre Geheimpolizei oder Parteimiliz gegen Repräsentanten anderer Organisationen einsetzt oder diese zerschlägt, wie die POUM (Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit) in Spanien, inkl. Ermordung ihres Führers Andreu Nin durch Agenten des NKWD.
Der Demokratische Zentralismus der KP ist nicht übertragbar auf die Organisation der sozialistischen Demokratie. Im übrigen rate ich den Genossen, noch einmal nachzudenken über Lenins Nationalitätenpolitik und Fragen der Autonomie, des Föderalismus und der Konföderation. Darin finden sich Elemente einer Lösung für unterdrückte Völker, z. B. Palästinenser, Kurden, Sahauris, russische Minderheiten.
Lenin: „Ich habe bereits in meinen Schriften über die nationale Frage geschrieben, dass es nicht angeht, abstrakt die Frage des Nationalismus im allgemeinen zu stellen. Man muss unterscheiden zwischen dem Nationalismus einer unterdrückenden Nation und dem Nationalismus einer unterdrückten Nation, zwischen dem Nationalismus einer großen Nation und dem Nationalismus einer kleinen Nation.“[28]
Die absolute Zentralisierung der Wirtschaft halte ich für eine reaktionäre Utopie, einen Rückfall auf den Merkantilismus von Colbert, Finanzminister von König Ludwig XIV in Frankreich. Dieser Kontrollwahn erzeugt eine riesige parasitäre Bürokratie, Korruption und chronische Lügenreports. Der damit verbundene Staatsmonopolismus fesselt die Produzenten, damit die Produktivkräfte, die sich nicht frei entfalten können.
„Die Arbeiterklasse und die Volksschichten in Deutschland“[29]
Im Programmentwurf finden sich weder Forderungen zur Einführung einer revolutionären direkten Demokratie noch eine substanzielle Untersuchung der Klassenverhältnisse in Deutschland, die den Namen verdient. Hätten die Genossen sich intensiver mit der Sozialstruktur gemäß Stellung im Produktionsprozess bzw. in der Arbeitswelt beschäftigt, dann würden sie die Verbindung von Sozialismus mit revolutionärer Demokratie als ein unbedingtes Junktim zum Programm erheben. Taktische Fragen, wie Aktionseinheit/Einheitsfront von unten/oben oder Volksfront sind da eher von untergeordneter Bedeutung.

Die Grafik bildet den unaufhaltsamen Trend unter den abhängig Beschäftigten zum Pauschalgehalt im Angestelltenstatus mit 70 % ab, während die Zeit-/Stücklohnarbeiter nur noch 10 % der Erwerbstätigen ausmachen. Dieser Entwicklung entspricht auch die Reduktion der Industriearbeiter im verarbeitenden und Baugewerbe auf rd. 10 Mio., während der Dienstleistungssektor auf rd. 32 Mio. Erwerbstätige aller Status gewachsen ist, darunter sicher auch viele Scheinselbstständige.
Aus dieser Sozialschichtung ergibt sich eigentlich eine erdrückende Volksmacht gegenüber Kapitalisten und ihrem Staatsapparat. Warum wird aber die Lohnarbeit als individuelles Schicksal so widerstandslos ertragen?
Sozial- und Klassenstruktur der BRD 2024/25
Quote der Erwerbstätigen: 77,5 % (15-65J.), 82,8 Mio. Gesamtbevölkerung
Erwerbstätige: 46 Mio. davon Beschäftigte: 42 Mio.[30]
Sozialversicherungspflichtige Erwerbstätige (BA) 35 Mio.
Erwerbslose: 3 Mio.[31] + Stille Reserve: 3,1 Mio. = 6,1 Mio.
Selbstständige u. mithelfende Familienangehörige: 3,7 Mio.
Land-/Forstwirtschaft, Fischerei 570 Tsd.
Arbeiter / Angestellte
Produzierendes Gewerbe (inkl. Bau) 10 Mio.[32]
Dienstleistungsbereich (alle Erwerbstätigen): 32 Mio.
– Öffentl. Dienste, private Dienstleister 14 Mio.
– Handel, Verkehr, Gastronomie 9,3 Mio.
– Unternehmensdienstleister 5,4 Mio.
– Information und Kommunikation 1,4 Mio.
– Finanz- und Versicherungswirtschaft 1 Mio.
– Grundstücks- und Wohnwesen 0,5 Mio.
Beschäftigte des öffentlichen Dienstes 5,4 Mio.
Beamte, Richter 1,8 Mio.
Angestellte, Arbeiter 3,4 Mio.
Berufs-/Zeitsoldaten 170 Tsd.
Die Veränderung der Sozialstruktur lässt sich zusammen mit anderen Fakten so interpretieren, dass die objektive Möglichkeit zur Bildung solidarischer Massen durch kollektive Arbeitsformen der industriellen Großproduktion abnimmt, sondern diese zunehmend als Individualisierung der Arbeits- und Lebenswelten die Entwicklung von Klassenbewusstsein verhindert.
In den Großstädten lebt in über 40 % der Haushalte nur noch eine Person. Hinzu kommt die kulturelle Fragmentierung infolge Migration. Das Angestelltenmilieu der Neuen Mittelklassen wird atomisiert durch kulturelle Distinktion und Selbstoptimierung (mentale Ich-AG). Laut Berliner Zeitung vom 23.10.25 arbeitet jeder dritte Berliner mindestens an einem Wochentag im Home Office, in Hamburg sind es sogar 35 %.[33]
Stamokap-Organisationen versuchten die Klassentheorie zu retten, indem sie den Begriff der Lohnarbeiter ausdehnten auf alle abhängig Beschäftigten, inkl. der kapitalistischen Funktionsschicht der Manager. In der Hochschulpolitik von SHB & MSB Spartakus wurden Studierende so auf „gewerkschaftliche Orientierung“ hin agitiert. In der antirevisionistischen Marxismusströmung wurde die Marxsche Werttheorie, bezogen auf Wissenschaftspraxis, neue Arbeitsformen und Solo-Selbstständige, in Frage gestellt (Robert Kurz u. a.).
In einer individualistisch geprägten Angestelltenwelt erzeugen aber Widersprüche und Konflikte mit undemokratischer Herrschaftspraxis des bürgerlichen Staates und seiner Bürokratie auch Empörungs- und Bewegungsmomente, die aber nicht unmittelbar in dauerhafte Organisationsformen münden. Hier kann ein revolutionär-demokratisches Programm mit dezentralen Initiativen zukünftige Aktivisten gewinnen.
Die Bindungs- und Organisationskraft der bürgerlich-parlamentarischen Parteien nimmt aktuell stark ab, leider auch der Gewerkschaften, die zudem von falschen Konzepten und Funktionären geführt werden. Der Rechts- und Linkspopulismus lenkt den sozialen Protest wieder in parlamentarische Bahnen. Oppositionsparteien konnten zuletzt sogar relative Mitgliederzuwächse erreichen (Grüne, Linke). Absehbar sind zukünftige Koalitionen von AfD und CDU, die insbesondere der migrantischen Bevölkerung mit verschärfter Gängelung und rassistischer Schikane begegnen werden.
Die Unterdrückung von Presse- und Meinungsfreiheit wie auch des Versammlungsrechts nimmt in den Krisen zu: Kriegspolitik (Gaza, Ukraine), Waffenlieferungen, Kontrolle und Zensur in Telekommunikation und sozialen Netzwerken, Hausdurchsuchungen, Kriminalisierung von Meinung als Hassrede, Denunziation des Protests als antisemitisch im Konflikt mit der Staatsräson unverbrüchlicher Kumpanei mit dem Zionismus, Polizeigewalt gegen Demos.
Die Veränderungen der Sozialstruktur und des Widerstands gegen staatliche Unterdrückungspraxis im öffentlichen Raum werden im Programmentwurf nicht korrekt reflektiert.
Allgemeine Feststellungen zum Programmentwurf
Muss ein Programm zur neuen Einheit der deutschen Kommunisten in der Kommunistischen Partei 83 Seiten lang sein? Ich finde darin viel verzichtbare Prosa, die aber mit jedem Nebensatz Bedingung sein soll für eine Mitgliedschaft. Selbst die 21 Bedingungen für die Mitgliedschaft von Parteien in der 3. Internationale waren da kompakter.[34]
Was sollte ein Programm der Kommunisten unbedingt enthalten?
-
- Präambel
- Kapitalismus in Deutschland
- Klassenanalyse
- Kampf für revolutionäre Demokratie und Sozialismus-Kommunismus
- Nächste Aufgaben der Kommunisten
- Internationalismus
- Einheit der Kommunisten und Parteiaufbau
- Statuten
Nun ist mein Text auch schon wieder lang geworden. Ich bitte um Nachsicht. Auch wenn wir aus verschiedenen Strömungen, Generationen und Traditionen kommen, sollte es für Marxisten möglich sein, aus dem Glashaus theoretischer Selbstbezüglichkeit auszubrechen und aufeinander einzugehen. Darauf schaue ich mit Vorfreude und gespannter Erwartung.
[1] https://kommunistischepartei.de/geschichte-theorie/die-erste-ausgabe-des-neuen-theorieorgans/
[2] https://kommunistische-debatte.de/?page_id=851
[3] Hier fehlt ein Hinweis auf die Statuten der KP, wenn es sie denn gibt. Vermutlich sind Parteitage noch Generalversammlungen aller Parteimitglieder.
[4] https://kommunistischepartei.de/ueber-uns/mitmachen/
[5] https://kommunistischepartei.de/geschichte-theorie/die-erste-ausgabe-des-neuen-theorieorgans/
[6] Michael Vogt, Über den Begriff des „Marxismus-Leninismus“, Aufsätze zur Diskussion Nr. 47, April 1989, https://kommunistische-debatte.de/?page_id=2478
[7] Programmentwurf, Abschnitt „Der historische Hintergrund unserer Partei“ [8] Programmentwurf, Abschnitt „Der Reformismus – eine tödliche Illusion“
[9] Heiner Karuscheit, Ideologische Geschichtsschreibung – SED und junge welt zum 17. Juni 1953, AzD 2023, https://kommunistische-debatte.de/?page_id=2737
[10] Über die Zerstörung des Sozialismus und die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion, November 25, 2016 https://komaufbau.org/restaurationdeskapitalismus/
[11] https://novastan.org/de/panorama/die-baumwollaffaere-wie-der-staatliche-plan-zur-steigerung-der-baumwollproduktion-zu-einer-landesweiten-korruptionsaffaere-fuehrte/
[12] Roy Medwedew, Die Brillianten der Madame Galina Breschnewa, DER SPIEGEL 5/1988 https://www.spiegel.de/politik/die-brillanten-der-madame-galina-breschnewa-a-5c4e84ed-0002-0001-0000-000013526455?sara_ref=re-xx-cp-sh
[13] Stalin Werke Bd. 6, Über die Grundlagen des Leninismus, Einleitung, Vorlesungen April/Mai 1924 https://web.archive.org/web/20050504032502/http://stalinwerke.de/band06/b06-010.html
[14] Programmentwurf, Abschnitt „Der Imperialismus als Entwicklungsstadium des Kapitalismus“
[15] Jannis Milios, Dimitris P. Sotiropoulos: Marxsche Theorie und Imperialismus, PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Heft 159, 40. Jg., 2010, Nr. 2, 259-275 https://pure.mpg.de/rest/items/item_1232117_2/component/file_2395262/content
[16] Ebenda S. 271
[17] Felix Jaitner, Russland: Ende einer Weltmacht, VSA Hamburg 2023, S. 34
[18] Jaitner, ebenda, S. 37
[19] https://www.bpb.de/system/files/apuz_files/1957-43-/APuZ_1957_43.pdf
[20] Maurice Brinton, Die Bolschewiki und die Arbeiterkontrolle, Verlag ASSOCIATION, Hamburg 1976 https://anarchistischebibliothek.org/library/maurice-brinton-die-bolschewiki-und-die-arbeiterkontrolle
[21] Jaitner, ebenda, S. 37f
[22] Frank Westermann: Ingenieure der Seele, Schriftsteller unter Stalin, Berlin 2005 BvT, Erstausgabe: Atlas Verlag Amsterdam/Antwerpen 2002, S. 154f
[23] LW 25, Dietz Verlag Berlin 1974, S. 418
[24] LW36, Brief Zur Frage der Nationalitäten oder „Autonomisierung“, Dietz Verlag Berlin 1962, S.590f
[25] Ebenda, S. 591
* Polizist in Gogols „Revisor“. Zu deutsch: Halt-die-Schnauze.
[26] Ebenda, S. 594
[27] Karl Marx, „Der Bürgerkrieg in Frankreich“, in Marx/Engels, Werke, Bd.17. S. 336-339, zit. nach LW25, S.444
[28] LW36, Brief Zur Frage der Nationalitäten oder „Autonomisierung“, Dietz Verlag Berlin 1962, S.592f
[29] Abschnitt im Programmentwurf zur Klassenanalyse https://kommunistischepartei.de/geschichte-theorie/die-erste-ausgabe-des-neuen-theorieorgans/#__RefHeading___Toc1664_1229745062
[30] https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Erwerbstaetigkeit/_inhalt.html
[31] https://www.arbeitsagentur.de/news/arbeitsmarkt Juli 2025
[32] https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Erwerbstaetigkeit/Tabellen/eckwerttabelle.html
[33] Yoko Rödel, Arbeitsmarkt – Homeoffice-Boom in Berlin, Berliner Zeitung, 23.10.2025 https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/heute-bleibe-ich-zuhause-berlin-hat-die-zweithoechste-homeoffice-quote-li.10002151
[34] https://sozialistischeklassiker2punkt0.de/sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/komintern-1/2-weltkongress/5-leitsaetze-ueber-die-bedingungen-der-aufnahme-in-die-ki.html
[i] E. Carlebach und D. L. Jacobs: Interview mit Lars T. Lih über Kautsky, Lenin u Trotzki, Platypus Review 160 | October 2023
[ii] Heiner Karuscheit: »Deutschland 1914. Vom Klassenkompromiss zum Krieg« (2014); »Die verlorene Demokratie. Der Krieg und die Republik von Weimar« (2017); Vom »Kriegssozialismus« zur Novemberrevolution – SPD und »Junkerstaat« (2018); Der deutsche Rassenstaat – Volksgemeinschaft & Siedlungskrieg, NS-Deutschland 1933–1945 (2025); Sozialismus ohne Basis, Arbeiterschaft und Sozialismus in der DDR (2021)