{"id":99,"date":"2016-09-10T18:22:57","date_gmt":"2016-09-10T16:22:57","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=99"},"modified":"2017-12-19T18:03:12","modified_gmt":"2017-12-19T17:03:12","slug":"99-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=99","title":{"rendered":"2. Vom Land die Stadt einnehmen"},"content":{"rendered":"<h3>Landvolk, Blut und Boden<\/h3>\n<p>Die Geschichtsschreibung hat sich ausf\u00fchrlich mit dem Aufstieg der NSDAP in Deutschland befa\u00dft. Viele Autoren neigen dazu, schwerpunktm\u00e4\u00dfig Hitlers pers\u00f6nliche Karriere und damit seine Beziehungen zu den Eliten der Republik und die Politik hinter den Kulissen zu beleuchten. Gerade die Historiker der DDR stellten den Siegeszug der NSDAP als geplante Inszenierung des Kapitals aus dem Hinterzimmer dar. Vergessen sollte man aber nicht, da\u00df die NSDAP auf legalem Weg an die Macht kam. Eine Macht\u00fcbertragung war in einem parlamentarischen System nur mit Unterst\u00fctzung der Massen m\u00f6glich. Wie gelang es aber der NSDAP, Millionen Deutsche f\u00fcr ihr Programm zu gewinnen und zur w\u00e4hlerst\u00e4rksten Partei zu werden?<\/p>\n<p>Der Wandel der NSDAP von einer kleinen Sekte zur Massenpartei bei den Septemberwahlen 1930 erfolgte relativ schlagartig, aber regional sehr unterschiedlich. Von 2,6\u00a0% bei den Wahlen 1928 folgte der riesige Zuwachs auf 18,3\u00a0% zwei Jahre sp\u00e4ter. Die Grundlage f\u00fcr den Erfolg bildete im wesentlichen die Gewinnung der nord- und westdeutschen Klein- und Mittelbauern sowie von Teilen des st\u00e4dtischen Kleinb\u00fcrgertums.<\/p>\n<p>Die Agrarkrise, die schlie\u00dflich die Existenz der Bauernschaft bedrohte, war der Grund f\u00fcr ihre Radikalisierung nach rechts. Das b\u00e4uerliche Einkommen ging 1929 sogar um 40\u00a0% zur\u00fcck und schon vor der gro\u00dfen Krise wurden von 1924 bis 1928 800.000 ha zwangsversteigert. [1] Die SA und andere Parteieinheiten schickte die F\u00fchrung schwerpunktm\u00e4\u00dfig zur Agitation auf das Land. [2] Der Erfolg blieb nicht aus. Vom Land aus trat die NSDAP ihren Siegeszug an. Bei den besagten Wahlen 1930 erhielt die Partei auf dem Land 23\u00a0% mehr Stimmen als im Reichsdurchschnitt. 1932 waren es sogar 28\u00a0%. [3] Der Schwerpunkt des Erfolges lag n\u00f6rdlich des Mains. In Preu\u00dfen hatte der von den Junkern gef\u00fchrte Reichslandbund und die DNVP 1930 den alten Mittelstand noch fest in der Hand. Auch in Bayern, Hessen und Baden-W\u00fcrttemberg sahen diese Schichten noch in der Bayerischen Volkspartei oder im Zentrum ihre Vertretung. Nur in Franken mit seiner \u00e4rmeren Landbev\u00f6lkerung konnten die Nazis Erfolge verbuchen. [4] Anders sah es in den protestantischen Regionen Norddeutschlands aus, die besonders von der Agrarkrise betroffen waren. &#8222;In Schleswig-Holstein und in einigen Gegenden Niedersachsens vermochte sie sich seit 1929 auf dem flachen Land eine monopolartige Stellung aufzubauen, so da\u00df alsbald in d\u00f6rflichen und in gro\u00dfen Teilen der kleinst\u00e4dtischen Kommunalverwaltungen die Vertreter der NSDAP \u00fcber erdr\u00fcckende Mehrheiten verf\u00fcgten.&#8220; [5]<\/p>\n<p>Die Eroberung der Landvolkbewegung Schleswig-Holsteins durch die Nationalsozialisten soll hier als exemplarisches Beispiel gelten: Schleswig-Holstein war sehr landwirtschaftlich gepr\u00e4gt und die Klein- und Mittelbauern stellten die Mehrheit der Bauernschaft. Urspr\u00fcnglich tendierten diese Bauern keinesfalls nach rechts. Die Deutsche Demokratische Partei (DDP) geno\u00df gro\u00dfe Unterst\u00fctzung nach der Novemberrevolution. In den l\u00e4ndlichen Gemeinden erhielt sie 1919 25,8\u00a0% der Stimmen. [6] Auch die SPD schnitt durch die Unterst\u00fctzung der St\u00e4dte und Landarbeiter bei den Wahlen gut ab. Das Bild \u00e4nderte sich mit der Agrarkrise, der die Bauernschaft hier ohne jede staatlichen Subventionen ausgeliefert war. In Folge dessen formierte sich spontan und ohne parteilichen Einflu\u00df die Landvolkbewegung. Unter dem Symbol der schwarzen Fahne mit silbernem Pflug und rotem Schwert mobilisierte der &#8222;Bauernf\u00fchrer&#8220; Claus Heim \u00fcber Hunderttausend Bauern zu Demonstrationen. Es folgten Bombenanschl\u00e4ge auf Finanz\u00e4mter und Verwaltungsgeb\u00e4ude, sowie ein Steuerboykott, den viele unterst\u00fctzten. Die Landvolkbewegung forderte z.\u00a0B. &#8222;Nahrungsmittelfreiheit vom Ausland&#8220;, sofortige \u00dcbernahme aller Schuldzinsen durch das Reich, Zinssenkungen und h\u00f6here Agrarz\u00f6lle und Preise. [7]<\/p>\n<p>Zuerst stand die Parteif\u00fchrung der NSDAP dieser Bewegung feindlich gegen\u00fcber. Eine parteiamtliche Ver\u00f6ffentlichung drohte allen Parteimitgliedern den Ausschlu\u00df an, die Verbindungen zur Landvolkbewegung unterhielten. [8] Walter Darr\u00e9, Blut- und Boden-Fanatiker der NSDAP, leitete 1930 die Wende ein. Die Forderungen des &#8222;Landvolks&#8220; \u00fcbernahm man einfach und die Partei konzentrierte die Agitation auf die Hauptunruhegebiete. [9] Die NSDAP eroberte in Folge ein Dorf nach dem anderen und drang sogar in die sozialdemokratische Landarbeiterschaft ein. Im September 1930 erhielt die NSDAP in Schleswig-Holstein 27\u00a0% und lag hier 9\u00a0% \u00fcber dem Reichsdurchschnitt. 1932 bekam die Partei mit 52\u00a0% die absolute Mehrheit und steigerte sich 1933 noch auf 53,9\u00a0%.<\/p>\n<p>Bei den Parteimitgliedern spiegelte sich der l\u00e4ndliche Schwerpunkt wieder. Von den Mitgliedern, die der Partei von 1925 bis 1929 beitraten, wohnten 42,6\u00a0% auf dem Land, 28,4\u00a0% in Klein- und 28,9\u00a0% in Gro\u00dfst\u00e4dten. [10] Die NSDAP blieb bis zur Macht\u00fcbernahme im wesentlichen eine Partei der Bauernschaft und des st\u00e4dtischen Mittelstandes. Die Anziehungskraft auf die Arbeiterklasse war anf\u00e4nglich sehr gering. &#8222;Vor dem politischen Durchbruch der NSDAP am 14. September 1930 gab es in der NSDAP 33.944 Arbeiter und 3586 Freiberufler, aber 52.044 Angeh\u00f6rige des alten und neuen Mittelstandes (Handwerker, kleine Gewerbetreibende, Angestellte). Rechnet man Bauern und Beamte hinzu, steigt dessen Zahl auf 79.240 oder 61,0\u00a0% &#8211; gegen\u00fcber 26,3\u00a0% Arbeitern und 2,8\u00a0% freien Berufen (&#8230;) Ber\u00fccksichtigt man noch die vor 1930 in der NSDAP aktiven politischen Leiter (Funktion\u00e4re), nahm der Mittelstand 73,0\u00a0% ein, gegen\u00fcber 18,5\u00a0% Arbeitern und 2,3\u00a0% freiberuflich T\u00e4tigen.&#8220; [11]<\/p>\n<p>Mit der Agrarkrise 1928 versch\u00e4rfte sich auch der Gegensatz zwischen den Kleinbauern und den Gro\u00dfgrundbesitzern. Die staatlichen Subventionen in Form der Osthilfe kamen dem von Gro\u00dfbetrieben gepr\u00e4gten Preu\u00dfen zu Gute, w\u00e4hrend die anderen Gegenden leer ausgingen. Der &#8222;Agrarpolitische Apparat&#8220; der NSDAP unter Leitung von Walter Darr\u00e9 begann diesen Unmut aufzugreifen und unterwanderte die Bauernverb\u00e4nde. Schon 1931 \u00fcbernahmen die Nazis den von den Junkern gef\u00fchrten Reichslandbund, der dann 1932 eine Wahlempfehlung f\u00fcr Hitler anstatt f\u00fcr Hindenburg zum Reichspr\u00e4sidenten ausgab.<\/p>\n<p>Die regionalen Hochburgen der Partei ver\u00e4nderten sich in der ersten Zeit nach der Macht\u00fcbertragung nicht. Im M\u00e4rz 1933 gelang es der NSDAP nur in l\u00e4ndlichen Gebieten, die absolute Mehrheit zu bekommen. Die st\u00e4dtische Arbeiterschaft blieb ihren Parteien treu, w\u00e4hrend die meisten Katholiken noch Zentrum w\u00e4hlten. Zum Beispiel im katholischen Eichsfeld kam die NSDAP nur auf 24\u00a0%. Wie war dieser Hang der Kleinunternehmer und Bauern zum Nationalsozialismus zu erkl\u00e4ren?<\/p>\n<h3>Blut und Boden &#8211; die nationalsozialistische Programmatik<\/h3>\n<p>Die nationalsozialistische Programmatik richtete sich gegen die Erscheinungen der modernen Industriegesellschaft. Die Industrialisierung hatte die Verringerung des Kleinb\u00fcrgertums in Stadt und Land eingeleitet. Gerade die Wirtschaftskrisen trafen die Kleinunternehmer hart. Die Bauern, Handwerker und Kleinh\u00e4ndler litten zum einem unter dem Klassenkampf des industriellen Proletariats. Auf Grund ihrer geringen wirtschaftlichen Spielr\u00e4ume setzten sie den Lohn- und Arbeitszeitforderungen der Arbeiterbewegung Widerstand entgegen. Bei einer sozialistischen Macht\u00fcbernahme f\u00fcrchteten sie ihre Enteignung. Der Antimarxismus bildete ein wichtiges Element der nationalsozialistischen Propaganda.<\/p>\n<p>Die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich f\u00fcr das Kleinb\u00fcrgertum durch die m\u00e4chtige Konkurrenz der Warenh\u00e4user und Gro\u00dfkonzerne. Wie die Kleinbauern gerieten auch die Handwerker oft in Abh\u00e4ngigkeit zu ihren Schuldnern, den Banken. Somit richtete sich die nationalsozialistische Bewegung sowohl gegen die organisierte Arbeiterbewegung als auch gegen den Liberalismus des Gro\u00dfkapitals. Mit beiden Erscheinungen der Moderne verbanden die Nazis das Judentum.<\/p>\n<p>Hitler wollte nicht durch die Verstaatlichung der Gro\u00dfindustrie und Banken den Mittelstand retten, sondern das Rad der Geschichte zur\u00fcckdrehen. Durch einen Krieg zur &#8222;Schaffung von neuem Lebensraum&#8220; im Osten sollte sich die Bedeutung der modernen Industrie im Verh\u00e4ltnis zur Landwirtschaft verringern und Bauernschaft und Mittelstand die Grundlage der Wirtschaft bilden. Durch diesen Siedlungskrieg sollte die &#8222;Erhaltung eines gesunden Bauernstandes als Fundament der gesamten Nation&#8220; geschaffen werden. Hitler entwarf eine reaktion\u00e4re Agrarutopie: &#8222;Viele unserer heutigen Leiden sind nur die Folge des ungesunden Verh\u00e4ltnisses zwischen Land- und Stadtvolk. Ein fester Stock kleinerer und mittlerer Bauern war noch zu allen Zeiten der beste Schutz gegen soziale Erkrankungen, wie wir sie heute besitzen&#8230; Industrie und Handel treten von ihrer ungesunden f\u00fchrenden Stellung zur\u00fcck und gliedern sich in den allgemeinen Rahmen einer nationalen Bedarfs- und Ausgleichswirtschaft ein. Beide sind nicht mehr Grundlage der Ern\u00e4hrung der Nation, sondern ein Hilfsmittel derselben.&#8220; [12] Dieses Konzept hatte auch eine rassenpolitische Komponente. Nur durch die &#8222;Verwurzelung in Blut und Boden&#8220; sahen die Nazis die Reinheit der arischen Rasse gesichert, da die Gro\u00dfst\u00e4dte in ihren Augen den Hort allen \u00dcbels darstellten.<\/p>\n<p>Auch wenn solche reaktion\u00e4ren Mittelstandsutopien in Deutschland der 20er Jahre verankert waren, so reichten sie doch nicht aus, die Massen zu gewinnen. Nur durch ein Ankn\u00fcpfen an ihre konkreten sozialen Interessen konnten die Nazis Millionen in ihren Bann ziehen. Das Programm von 1920 spielte dabei eine geringe Rolle. Zur Agrarfrage forderte das 25-Punkte-Programm eine den &#8222;nationalen Bed\u00fcrfnissen angepa\u00dfte Bodenreform, Schaffung eines Gesetzes zur unentgeltlichen Enteignung von Boden f\u00fcr gemeinn\u00fctzige Zwecke, Abschaffung des Bodenzinses und Verhinderung jeder Bodenspekulation&#8220;. [13] Hitler revidierte diesen Punkt 1927. Die unentgeltliche Enteignung richte sich &#8222;in erster Linie gegen die j\u00fcdischen Grundspekulationsgesellschaften&#8220;. [14] Die Nazis hatten, wie gesagt, ja auch gar nicht vor, die sozialen Probleme \u00fcber die Eigentumsfrage zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Das eigentliche Agrarprogramm war die &#8222;Parteiamtliche Kundgebung \u00fcber die Stellung der NSDAP zum Landvolk und zur Landwirtschaft&#8220; von 1930 und stellte konkrete Forderungen auf. Die Bedeutung der Bauernschaft als &#8222;Haupttr\u00e4ger v\u00f6lkischer Erbgesundheit, den Jungbrunnen des Volkes und R\u00fcckgrat der Wehrkraft&#8220; unterstrich man erneut. [15] Bei der Eigentumsfrage legte man sich nicht genau fest: &#8222;Bez\u00fcglich der Gr\u00f6\u00dfe der landwirtschaftlichen Betriebe kann es keine schematische Regelung geben. (&#8230;) Daneben erf\u00fcllt auch der Gro\u00dfbetrieb seine besondere Notwendigkeit und ist im gesunden Verh\u00e4ltnis zum Mittel- und Kleinbetrieb berechtigt.&#8220; [16] Statt der Bodenreform wurde, wie in &#8222;Mein Kampf&#8220;, zur L\u00f6sung der Agrarfrage die Siedlung im Osten vorgeschlagen. &#8222;Ern\u00e4hrungs- und Siedlungsraum im gro\u00dfen f\u00fcr das wachsende deutsche Volk zu schaffen, ist Aufgabe der deutschen Au\u00dfenpolitik.&#8220; [17] Als konkrete Forderung wurde ein Verbot der Verpf\u00e4ndung an private Kreditgeber verlangt. Den landwirtschaftlichen Kreditverkehr sollte an deren Stelle der Staat regeln. Das Programm kn\u00fcpfte auch an die alten Forderungen nach einem Ahnenrecht an, die der Bauernt\u00fcmler und Nationalist Ernst Moritz Arndt schon im 19. Jahrhundert aufstellte. [18] &#8222;Das Erbrecht an Grund und Boden ist durch ein Ahnenerbrecht so zu regeln, da\u00df eine Zersplitterung des Landbesitzes und eine Schuldenbelastung des Betriebes vermieden wird.&#8220; [19] Nur ein Sohn sollte als Erbe in Frage kommen. Au\u00dferdem forderte man staatlichen Schutz gegen\u00fcber dem Gro\u00dfhandel: &#8222;Der Staat hat durch seine Wirtschaftspolitik daf\u00fcr zu sorgen, da\u00df die landwirtschaftliche Erzeugung sich wieder lohnt. Die Preisgestaltung f\u00fcr die landwirtschaftlichen Erzeugnisse mu\u00df der b\u00f6rsenm\u00e4\u00dfigen Spekulation entzogen und die Ausbeutung der Landwirte durch den Gro\u00dfhandel unterbunden werden.&#8220; [20] Diese Forderungen waren in der Bauernschaft popul\u00e4r. Sie liefen im Kern auf einen Punkt hinaus: Wider allen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der industriellen Entwicklung die Kleinproduktion in m\u00f6glichst gro\u00dfem Umfang am Leben zu erhalten. Das Programm der Nazis stellte also ein reaktion\u00e4res Bauernschutzprogramm dar. An die Macht gelangt, f\u00fchrten sie ihre Forderungen von 1930 fast buchstabengetreu durch.<\/p>\n<p>Neben tagespolitischen Forderungen entwickelte Walter Darr\u00e9 schon fr\u00fch die Blut- und Bodenkonzeption. Aus der Bauernschaft wollte er die neue F\u00fchrungselite Deutschlands bilden. In seinem Buch 1930 &#8222;Neuadel aus Blut und Boden&#8220; richtete er sich gegen die alte Elite, die versagt habe und rassisch &#8222;verseucht&#8220; w\u00e4re. Die antijunkerliche Sto\u00dfrichtung Darr\u00e9s wurde deutlich. &#8222;Soviel ist sicher: Adel in dem Sinn, wie ihn die Zeit des kaiserlichen Deutschlands vor 1918 kannte, wird im Dritten Reich keinen Platz finden.&#8220; [21] Der neue Adel sollte aus einer rassischen und politischen Auslese der Bauernschaft entstehen. Auch Hitler verfa\u00dfte in &#8222;Mein Kampf&#8220; \u00e4hnliche Thesen. [22] Mit der Gr\u00fcndung der SS als Eliteorganisation des &#8222;Dritten Reiches&#8220; sollte sp\u00e4ter dieses Projekt in Angriff genommen werden.<\/p>\n<h3>Die SA und NSBO<\/h3>\n<p>Das deutsche Handwerk war in der Weimarer Republik noch fest in vorindustrielle Strukturen eingebunden. Die Zwangsinnungen dominierten, der freie Markt war noch weit entfernt. Noch 1926 geh\u00f6rten 4 von 5 Innungsmitgliedern der Zwangsinnung an. [23] Eine politische Interessenvertretung suchte der st\u00e4dtische Mittelstand vom Beginn der Weimarer Republik vergeblich. Der &#8222;Stinnes-Legien-Pakt&#8220;, die Zusammenarbeit der Schwerindustrie und des ADGB, hatte den Spielraum f\u00fcr eine mittelstandsfreundliche Politik enorm eingeschr\u00e4nkt. Mit dem &#8222;Mittelstandsprotektionismus&#8220; des Kaiserreiches war nun Schlu\u00df. Auf der Suche nach Rettung wanderte die Mehrheit des Mittelstandes immer weiter nach rechts. Von der DDP zur DVP und schlie\u00dflich zur DNVP ging die W\u00e4hlerwanderung, doch keine dieser Parteien konnte diese Massen lange binden. Die Arbeiterparteien, SPD und KPD, schenkten dem Kleinb\u00fcrgertum keine gro\u00dfe Aufmerksamkeit und hatten deshalb programmatisch nichts zu bieten.<\/p>\n<p>In der Wirtschaftskrise drohte diesen Schichten die &#8222;Proletarisierung&#8220;. Tausende von ihnen mu\u00dften ihren Betrieb aufgeben. Auch hier erhoben die Nazis ein Programm zum Schutz der Kleinproduktion gegen die Gro\u00dfen und die Arbeiterbewegung und konnten die politisch &#8222;heimatlosen&#8220; Massen gewinnen. Dieses kleinb\u00fcrgerliche Programm konstruierte den Gegensatz zwischen &#8222;schaffendem und raffendem Kapital&#8220;. Unter dem ersten verstand man die &#8222;flei\u00dfig arbeitenden&#8220; Eigent\u00fcmer der Produktion, w\u00e4hrend unter den zweiten Begriff die Unternehmer aus dem Spekulations- und Finanzsektor fielen. Das Privateigentum als solches stand damit nicht zur Disposition.<\/p>\n<p>Die beiden nationalsozialistischen Organisationen &#8222;Kampfbund gegen Warenh\u00e4user und Konsumvereine&#8220; und &#8222;Kampfbund f\u00fcr den gewerblichen Mittelstand&#8220; machten Front gegen die angeblich j\u00fcdischen Gro\u00dfketten und die Arbeiterparteien. F\u00fcr Mitglieder erlie\u00df die NSDAP sogar ein Verbot, in Warenh\u00e4usern zu kaufen.<\/p>\n<p>Die SA entwickelte sich zum Sturmtrupp des Kleinb\u00fcrgertums. Sie war ein &#8222;Zusammenschlu\u00df von vorwiegend Jugendlichen und j\u00fcngeren M\u00e4nnern, die zum geringeren Teil aus der Arbeiterschaft stammten und zum gr\u00f6\u00dferen Teil der Proletarisierung zusteuernde Angeh\u00f6rige der Mittelschichten waren&#8220;. [24] Die St\u00e4rke der &#8222;Sturmabteilung&#8220; schnellte von 118.982 Mann im April 1931 auf 445.000 im Sommer des n\u00e4chsten Jahres. Zum Zeitpunkt der Macht\u00fcbernahme waren es schon 700.000. [25] Interessant war dabei die Tatsache, da\u00df nur ein Viertel der SA-Mitglieder auch die Mitgliedschaft in der NSDAP innehatten. [26] In immer mehr St\u00e4dten eroberte die braune Massenarmee mit brutaler Gewalt die Hegemonie \u00fcber die Stra\u00dfe und verdr\u00e4ngte die politischen Gegner von der Bildfl\u00e4che.<\/p>\n<p>Erst einige Jahre nach der Macht\u00fcbernahme gelang es der NSDAP, die Mehrheit der deutschen Arbeiterklasse zu erobern. Gerade die Industriearbeiterschaft folgte zum Ende der 20er Jahre noch ihren Parteien, der SPD und KPD. Beide Arbeiterparteien standen den Nazis feindlich gegen\u00fcber und sahen sie als Pr\u00fcgeltruppe des Kapitals. Um diesen Zustand zu \u00fcberwinden, gr\u00fcndete die Parteif\u00fchrung die Nationalsozialistische Betriebsorganisation (NSBO). Urspr\u00fcnglich sollte die NSBO nur als agitatorischer Sto\u00dftrupp auftreten, sich aber nicht an Streiks beteiligen. In der Praxis stellte sich dieser Vorsatz als unhaltbar heraus. Wie die anderen Gewerkschaften nahm Anfang der 30er Jahre auch die NSBO an Arbeitsk\u00e4mpfen teil. So nutzte z.\u00a0B. Goebbels beim Berliner Verkehrsarbeiter-Streik 1932 geschickt das Einknicken der sozialdemokratischen Gewerkschaftsf\u00fchrung aus und lie\u00df die NSBO gemeinsam mit den Kommunisten weiter streiken, um sich als wahrer Vertreter der Interessen der Arbeiterklasse aufspielen zu k\u00f6nnen. Auch in der Propaganda gab sich die NSBO radikal. Neben den \u00fcblichen Forderungen nach h\u00f6heren L\u00f6hnen verlangte sie die Verstaatlichung der Grundstoffindustrien und Gewinnbeteiligungen der Arbeiter in den Betrieben. [27]<\/p>\n<p>Bei den m\u00e4nnlichen Arbeitern aus der Gro\u00dfindustrie stie\u00df man mit dieser Propaganda zun\u00e4chst auf wenig Gegenliebe. Die radikalen antikapitalistischen Parolen standen im Widerspruch zur Parteipolitik und erschienen vielen unglaubw\u00fcrdig. Auch die Parole des &#8222;nationalen Sozialismus&#8220; fruchtete zun\u00e4chst nicht besonders. Die Betriebsratswahlen f\u00fchrten der NSDAP ihre mangelnde Verankerung in den Gro\u00dfbetrieben wiederholt vor Augen. &#8222;1930 wurde nicht ein einziger Nationalsozialist gew\u00e4hlt, und noch 1931 waren es nur 710 von 138.000 Betriebsr\u00e4ten (&#8230;).&#8220; [28] Die meisten Anh\u00e4nger in der Arbeiterklasse gewannen die Nazis in den Schichten, in denen die Arbeiterbewegung keinen gro\u00dfen Anhang hatte. Die Partei rekrutierte ihre Anh\u00e4nger vor allem aus Arbeitern vom Land, aus Kleinst\u00e4dten und Heimarbeitern, die von den gewerkschaftlichen Organisationen nicht erfa\u00dft waren, also aus den Schichten der Arbeiterklasse ohne Anbindung an die moderne Gro\u00dfindustrie. [29]<\/p>\n<p>Gegen Ende der Weimarer Republik geriet auch die traditionelle Anh\u00e4ngerschaft der beiden Arbeiterparteien in Bewegung. Die st\u00e4ndig wechselnden Notstandskabinette machten das kl\u00e4gliche Scheitern der Republik auch den Anh\u00e4ngern der SPD deutlich. Die anhaltende Arbeitslosigkeit und Verelendung f\u00f6rderte die Radikalisierung. Viele Sozialdemokraten liefen zur KPD \u00fcber. Die SPD bekam bei den Novemberwahlen 1932 nur noch 3,5\u00a0% der Stimmen mehr als die Kommunisten. Die Radikalisierung und Abwendung von der tragenden Kraft der Republik nutzte auch den Nazis. Im Zuge der Macht\u00fcbernahme kam die NSBO Ende 1933 auf 300.000 Mitglieder. Der Anfang bei der Gewinnung der deutschen Arbeiter war damit gemacht.<\/p>\n<div align=\"right\">\n<p><a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=113\">[Weiter]<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Landvolk, Blut und Boden Die Geschichtsschreibung hat sich ausf\u00fchrlich mit dem Aufstieg der NSDAP in Deutschland befa\u00dft. Viele Autoren neigen dazu, schwerpunktm\u00e4\u00dfig Hitlers pers\u00f6nliche Karriere und damit seine Beziehungen zu den Eliten der Republik und die Politik hinter den Kulissen zu beleuchten. Gerade die Historiker der DDR stellten den Siegeszug der NSDAP als geplante Inszenierung &hellip; <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=99\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">2. Vom Land die Stadt einnehmen<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-99","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/99","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=99"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/99\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":795,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/99\/revisions\/795"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=99"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}