{"id":682,"date":"2017-08-08T11:58:30","date_gmt":"2017-08-08T09:58:30","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=682"},"modified":"2017-08-08T12:31:17","modified_gmt":"2017-08-08T10:31:17","slug":"die-unerwartete-revolution","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=682","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<h2 style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-family: times new roman,times,serif; font-size: 24pt;\"><b>Die unerwartete Revolution<\/b><\/span><\/h2>\n<h2 class=\"western\" style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>aus Suchanow: Tagebuch der russischen Revolution<\/b><\/span><\/span><\/h2>\n<p class=\"western\" align=\"left\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Zwischen\u00fcberschriften (au\u00dfer Datumsangaben) und Fu\u00dfnoten von mir; A.S.<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<ul>\n<li>\n<p class=\"western\">Der Beginn<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"western\">Der erste Tag der Revolution<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"western\">Das Dilemma der russischen Bourgeoisie<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"western\">Die Gr\u00fcndung des Sowjets<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"western\">Miljukow und die Doppelherrschaft<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"western\">Ausklammerung der Kriegsfrage<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"western\">Wer hat die Macht?<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"western\">Der Befehl Nr. 1<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"western\"><a name=\"_GoBack\"><\/a>Miljukows Kampf zur Erhaltung des Zarismus<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"western\">Schlussresumee (A.Schr\u00f6der)<\/p>\n<h3 class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\"><b>21-24. Februar\/ 6.-9. M\u00e4rz <\/b><\/span><\/h3>\n<p class=\"western\">&#8222;Schon am 10. Mai 1914 war ein Aufenthaltsverbot f\u00fcr Petersburg \u00fcber mich verh\u00e4ngt worden. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">Trotz des Aufenthaltsverbots lebte ich bis zum Ausbruch der Revolution die meiste Zeit illegal in der Hauptstadt. Entweder besa\u00df ich einen fremden Pass, wechselte h\u00e4ufig die Schlafstelle oder huschte wie ein Schatten am Pf\u00f6rtner und am Hausmeister vorbei, als \u00bbh\u00e4ufiger Besucher\u00ab der eigenen Wohnung, in der meine Familie lebte. <\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Ab November 1916 war ich Redaktionsmitglied und praktisch gesch\u00e4ftsf\u00fchrender Redakteur der <\/span><\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Letopis<\/i><\/span><\/span> <span style=\"font-family: Liberation Serif;\"><span style=\"font-size: large;\">(Chronik) und hielt dadurch Maxim Gorkijs Zeitschrift unter dem drohenden Damoklesschwert einer Polizeirazzia.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\">Doch nicht genug damit: Meine illegale Situation hinderte mich nicht, unter meinem wirklichen Namen als Wirtschaftsfachmann bei einer staatlichen Beh\u00f6rde zu arbeiten, die sich mit der Bew\u00e4sserung Turkestans befasste. Das waren also meine Situation, mein Rang und meine W\u00fcrde, als mich die Revolution von 1917 \u00fcberraschte. \u2026<\/p>\n<h3 class=\"western\">Dienstag, 21. Februar\/6. M\u00e4rz.<\/h3>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">In dieser Zeit der Agonie des<\/span> Zarismus konzentrierte sich die Aufmerksamkeit der russischen \u2014 auf jeden Fall der Petersburger \u2014 \u00d6ffentlichkeit und der politischen Gruppen in der Hauptstadt \u00fcberwiegend auf die f\u00fcr den 14.\/27.\u00a0Februar einberufene Reichsduma. Manche Gruppen, und zwar die mehr rechtsstehenden unter den linksgerichteten (sozialistischen), machten diesen Tag zum Anlass einer Stra\u00dfendemonstration der Arbeiter, die sie unter den Parolen \u00bbBrot!\u00ab und \u00bbNieder mit dem Absolutismus!\u00ab durchf\u00fchren wollten. Die weiter linksstehenden Kreise, darunter auch ich, sprachen sich auf den verschiedenen Parteiversammlungen <i>gegen<\/i> eine Verbindung der Arbeiterbewegung mit der Reichsduma aus. Die b\u00fcrgerlichen Dumakreise hatten in der Tat gen\u00fcgend Beweise geliefert, dass sie \u2026 keine gemeinsame Sache mit dem Proletariat machen konnten. Sie scheuten schon den blo\u00dfen Versuch, die Kr\u00e4fte des Proletariats f\u00fcr den Kampf um ein \u00bbkonstitutionelles Regime\u00ab und den \u00bbKrieg bis zum vollen Sieg\u00ab zu benutzen.<\/p>\n<p class=\"western\">Diese Furcht war durchaus begr\u00fcndet. Selbstverst\u00e4ndlich war es m\u00f6glich, den \u00bbGeist aus der Flasche\u00ab zu f\u00f6rdern und herbeizurufen; ihn sich aber dienstbar zu machen &#8211; niemals. Der \u00bbProgressive Block\u00ab der Duma, der die Haltung unserer gesamten Gro\u00dfbourgeoisie verk\u00f6rperte, hielt es denn auch f\u00fcr den einzig richtigen Weg, die Waffen gegen die proletarische Bewegung zu sch\u00e4rfen. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Miljukow, der Anf\u00fchrer des \u00bbProgressiven Blocks\u00ab, hatte fr\u00fcher erkl\u00e4rt, er werde auf seinen \u00bbvollen Sieg\u00ab und selbst auf die Dardanellen verzichten, ja nicht einmal mehr darauf bestehen, die tapferen Alliierten l\u00e4nger zu unterst\u00fctzen, wenn dies alles nur um den Preis einer Revolution zu haben sei. Nun ver\u00f6ffentlichte derselbe Miljukow aus Anlass der Ger\u00fcchte \u00fcber die bevorstehende Arbeiterdemonstration seinen denkw\u00fcrdigen Appell an die Arbeiter, in dem er verk\u00fcndete, jede ihrer Bewegungen, die sie w\u00e4hrend der Kriegszeit gegen die Regierung richteten, m\u00fcsse man als eine von der Ochrana inspirierte Provokation betrachten. Der damalige Oberbefehlshaber von Petersburg, General Chabalow, wiederholte diese erleuchteten Gedanken des Hauptes des russischen Nationalliberalismus in toto in seinem l\u00e4cherlichen Aufruf, den er zwei Tage vor der Revolution erlie\u00df.<\/p>\n<p class=\"western\">Ein anderes Vorkommnis, das damals die Aufmerksamkeit der politischen Gruppen auf sich zog, war die Verhaftung der Mitglieder der sogenannten \u00bbArbeitergruppe beim Zentralen Kriegsindustrie-Komitee\u00ab. Diese Gruppe war unter den Arbeitermassen nicht popul\u00e4r. Die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit des klassenbewussten Proletariats der Hauptstadt, aber auch der Provinz, verurteilte die \u00bbVaterlandsverteidigung\u00ab entschieden. Sie lehnte eine Zusammenarbeit mit der Plutokratie, wie sie die kleine, von <span lang=\"fr-FR\">K.<\/span>A.\u00a0Gwosdew gef\u00fchrte Gruppe von Sozialdemokraten praktizierte, strikt ab. Diese Zusammenarbeit der Arbeiter mit den Gutschkows und den Rjabuschinskijs<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a> auf der Ebene der \u00bbOrganisation der Vaterlandsverteidigung\u00ab war ja in Wirklichkeit eine Zusammenarbeit, die Staatsauftr\u00e4ge sichern sollte, und ein Mittel, um das Klassenbewusstsein des Proletariats zu umnebeln. Umso emp\u00f6render war darum die Verhaftung der \u00bbArbeitergruppe\u00ab durch den wackeren Protopopow \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Schlie\u00dflich geh\u00f6rte noch die Frage der \u00dcbertragung der Versorgungsangelegenheiten der Hauptstadt in die H\u00e4nde der Stadtduma zum Tagesgespr\u00e4ch der Petersburger Politiker. Es war das neueste Schlagwort der Petersburger Liberalen und der demokratischen Kreise. Die Versorgungspolitik der Regierung und ihre kl\u00e4glichen Ergebnisse, die Kannegie\u00dferei der naiv-heuchlerischen Gruppen der Duma und die versch\u00e4rfte Verfolgung der Arbeiterorganisationen &#8211; das waren also die markantesten Punkte, um die die Gedanken \u00fcber die \u00bbpolitische Gegenwart\u00ab und die bevorstehenden, unvermeidlichen Ereignisse kreisten.<\/p>\n<p class=\"western\">Keine einzige Partei bereitete sich auf den gro\u00dfen Umsturz vor. Alle tr\u00e4umten nur, hatten Vorahnungen, \u00bbsp\u00fcrten\u00ab. \u2026 &#8222;<\/p>\n<h3 class=\"western\">Der Beginn<\/h3>\n<p class=\"western\">&#8222;In den folgenden Tagen, Mittwoch, den 22., und Donnerstag, den 23.\u00a0Februar\/ 7.\u00a0und 8.\u00a0M\u00e4rz, zeichnete sich auf den Stra\u00dfen bereits deutlich eine Bewegung ab, die den Rahmen der \u00fcblichen Arbeiterdemonstrationen sprengte. Zugleich offenbarte sich auch die Schw\u00e4che der Obrigkeit. Es gelang ganz offensichtlich nicht mehr, die Bewegung durch den Druck des seit Jahrzehnten eingespielten Apparates im Keime zu ersticken. Die Stadt war voller Ger\u00fcchte und von einer Vorahnung von \u00bbUnruhen\u00ab erf\u00fcllt. Unruhen dieses Ausma\u00dfes hatten sich unter den Augen der Zeitgenossen bereits einige dutzend Male abgespielt. \u2026 Doch es waren \u00bbUnruhen\u00ab, aber noch keine Revolution. Ein gl\u00fccklicher Ausgang war nicht in Sicht. \u00dcberdies steuerte auch keine der Parteien auf einen solchen Ausgang zu. Alle versuchten nur, die Bewegung f\u00fcr ihre Agitation auszuschlachten.<\/p>\n<p class=\"western\">Am Freitag, dem 24. Februar\/ 9.\u00a0M\u00e4rz, breitete sich die Bewegung bereits wie ein m\u00e4chtiger Strom in Petersburg aus. Dichte Arbeitermassen dr\u00e4ngten sich auf dem Newskij Prospekt und auf zahlreichen Pl\u00e4tzen im Zentrum der Stadt. In den Hauptstra\u00dfen fanden fliegende Kundgebungen statt, die die berittene Polizei und die Kosaken zwar auseinandertrieben, aber ohne jeden Eifer, lau und mit gro\u00dfer Versp\u00e4tung. General Chabalow erlie\u00df den erw\u00e4hnten Aufruf, in dem er im Grunde bereits die Ohnmacht der Obrigkeit bescheinigte und darauf hinwies, dass die mehrfachen Warnungen kein Ergebnis gezeitigt h\u00e4tten. F\u00fcr die Zukunft drohte er, mit aller Entschiedenheit durchzugreifen. Die Wirkung blieb nat\u00fcrlich aus. Man sah darin nur einen weiteren Beweis der Machtlosigkeit. Die Bewegung war den Beh\u00f6rden offenkundig aus den H\u00e4nden geglitten. F\u00fcr jeden aufmerksamen Beobachter lag der Unterschied zwischen der neuen Lage und den fr\u00fcheren Unruhen klar auf der Hand. Darum begann ich bereits am Freitag kategorisch zu behaupten, man habe es mit der Revolution als einem bereits ablaufenden Vorgang zu tun. Allein, man hielt mich f\u00fcr einen Optimisten und winkte ab.&#8220; \u2026<\/p>\n<h3 class=\"western\">Der Umsturz und die Bourgeoisie<\/h3>\n<p class=\"western\">&#8222;Es war das Gebot der Stunde, eine radikale politische Umw\u00e4lzung anzustreben. So viel stand fest. Aber welche Form sollte der Umsturz annehmen, in welcher Richtung sich entwickeln? Wer sollte die Nachfolge der zaristischen Selbstherrschaft antreten?<\/p>\n<p class=\"western\">Und so kam es, dass ich an diesem Freitag, dem 24. Februar\/ 9.\u00a0M\u00e4rz, als die Bewegung auf den Stra\u00dfen von Petersburg ein immer gr\u00f6\u00dferes Ausma\u00df annahm, als die Revolution bereits zur objektiven Tatsache geworden war und lediglich ihr Ausgang noch nicht feststand, auf die ununterbrochen eintreffenden Mitteilungen \u00fcber die Vorg\u00e4nge auf den Stra\u00dfen fast nicht mehr achtete. Meine ganze Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, zu erfahren, was in den sozialistischen Zentren einerseits und den bourgeoisen Kreisen, namentlich den Fraktionen der Duma, andererseits geschah.<\/p>\n<p class=\"western\">Am Freitagabend rief ich eine solche Zentrale an, in der die Stimmungen sowohl der bourgeoisen als auch der f\u00fchrenden demokratischen Gruppen zusammenliefen und die deren Pl\u00e4ne also erhellen konnte. Es war der ber\u00fchmte Petersburger politische Advokat <span lang=\"fr-FR\">N.<\/span>D.\u00a0Sokolow, der gew\u00f6hnlich sogar als Bolschewik galt, aber doch mehr mit den radikalen Gruppen Petersburgs verbunden war. Er verkehrte in allen Kreisen, wusste alles und war eine der wichtigsten Pers\u00f6nlichkeiten der ersten Phase der Revolution. Wir kamen \u00fcberein, Vertreter verschiedener Gruppen zu versammeln und uns am n\u00e4chsten Tag nachmittags um 15:00 Uhr in seiner Wohnung \u2026 zu einem Meinungsaustausch zu treffen.<\/p>\n<p class=\"western\">In breiten Kreisen der Duma wurde das Problem einer revolution\u00e4ren Staatsgewalt \u00fcberhaupt noch nicht aufgeworfen. Aus meiner Sicht konnte ich keinerlei Anzeichen daf\u00fcr erblicken, dass sich die Parteien und ihre F\u00fchrer der Tatsache bewusst gewesen w\u00e4ren, die Bewegung k\u00f6nnte mit einem radikalen Umsturz enden. Ich sah lediglich Furcht vor der \u00bbprovokatorischen\u00ab Bewegung und bemerkte das Bestreben, dem Zarismus zu Hilfe zu eilen und mit der ganzen Autorit\u00e4t\u00ab der Reichsduma die \u00bbUnruhen\u00ab zu stoppen. Zugleich registrierte ich freilich auch einen Versuch der bourgeoisen Gruppen, sich die Bewegung zunutze zu machen und sich mit dem Zarismus \u00fcber einen gemeinsamen Kampf zu einigen, wenn nur einige Almosen auf politischem Gebiet und auf dem der Organisation der Staatsgewalt daf\u00fcr abfielen. Die Bourgeoisie war von der Bewegung aufs h\u00f6chste erschreckt worden. Sie war nicht f\u00fcr die Bewegung und darum <i>gegen<\/i> diese. Aber weder konnte sie die Bewegung ignorieren, noch konnte sie es sich leisten, diese nicht auszun\u00fctzen. Die politische Forderung der Bourgeoisie, der sich auch die gesamte radikale Intelligenzija anschloss, lautete in diesen Tagen: \u00bbEin der Duma verantwortliches Kabinett\u00ab. Der \u00bbProgressive Block\u00ab f\u00fchrte diesbez\u00fcglich Verhandlungen hinter den Kulissen, w\u00e4hrend die demokratische Intelligenz die Forderung offen verk\u00fcndete. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Insgesamt gesehen, war an diesem Freitag auf der Seite der Bourgeoisie noch fast alles unklar, und wo Klarheit herrschte, sah es wenig g\u00fcnstig aus. F\u00fcr den darauffolgenden Vormittag war eine Sitzung des \u00bbSeniorenkonvents\u00ab der Duma anberaumt worden, der man gro\u00dfe Bedeutung beima\u00df. Ich rechnete damit, bei Sokolow \u00fcber deren Ergebnisse zu h\u00f6ren.&#8220;<\/p>\n<h3 class=\"western\">Der Umsturz und die Sozialisten<\/h3>\n<p class=\"western\">&#8222;Im anderen Lager musste ich einige Vertreter der Bolschewiken und der Sozialrevolution\u00e4re von Zimmerwalder Pr\u00e4gung sehen. Der Eindruck, den diese Gespr\u00e4che bei mir hinterlie\u00dfen, war aber ebenso ung\u00fcnstig. Zun\u00e4chst best\u00e4tigte sich mir die totale Verzettelung der Bewegung und das Fehlen fester, tats\u00e4chlich f\u00fchrender Zentren. Sodann stellte ich eine vollkommene Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber den Problemen fest, die mich besch\u00e4ftigten. Die Aufmerksamkeit richtete sich ausschlie\u00dflich darauf, mit allgemeinen Forderungen zu agitieren und die Bewegung unmittelbar voranzutreiben. Schlie\u00dflich musste ich feststellen, dass meine Versuche, die Gedanken meiner Gespr\u00e4chspartner auf ein konkretes Programm hinzulenken, noch mehr aber meine Bem\u00fchungen, sie f\u00fcr die Bildung einer revolution\u00e4ren Staatsgewalt zu gewinnen, auf \u00e4u\u00dferste Skepsis und sogar Feindseligkeit stie\u00dfen. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Tscheidse war, wie zuverl\u00e4ssige Leute berichteten, eine Verk\u00f6rperung des Zweifels gewesen und hatte dazu aufgerufen, sich nach der Reichsduma zu richten. Er vertrat den rechten Fl\u00fcgel der Versammlung und glaubte nicht an eine breite Entfaltung der Bewegung. Die Linke dagegen gab sich den Vorfreuden der Revolution hin, die sie forderte, und hielt es f\u00fcr unerl\u00e4sslich, in der Hauptstadt so schnell wie m\u00f6glich Kampforganisationen der Arbeiterschaft zu gr\u00fcnden. Diese Linke wurde auf der Versammlung von dem alten Liquidator und \u00bbVaterlandsverteidiger\u00ab <span lang=\"fr-FR\">F.<\/span>A.\u00a0Tscherewanin<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote2sym\" name=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a> vertreten. Von ihm, hie\u00df es, habe auch der Gedanke einer unverz\u00fcglichen Wahl eines Sowjets von Arbeiterdeputierten in den Petersburger Industriebetrieben gestammt. Auf jeden Fall ging die Direktive f\u00fcr die Wahlen von dieser Initiativversammlung von Pers\u00f6nlichkeiten der Arbeiterbewegung aus. Sie wurde von den Parteiorganisationen sofort aufgegriffen und, wie man wei\u00df, in jenen Tagen in den Betrieben der Hauptstadt mit Erfolg durchgef\u00fchrt. \u00dcber den Ablauf dieser Versammlungen ist mir bekannt, dass das politische Problem dabei weder gel\u00f6st noch offiziell aufgeworfen wurde. Den Versammlungen kommt gr\u00f6\u00dftes historisches Verdienst zu, jedoch lediglich auf dem Gebiet der technischen Vorbereitung der Revolution und der Organisation ihrer Kr\u00e4fte. Was den politischen Standort ihrer Teilnehmer anbelangt, so herrschte der f\u00fcr die \u00bbVaterlandsverteidigung\u00ab eintretende Menschewismus vor. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">In der Zwischenzeit weitete sich die Bewegung immer mehr aus. Die Machtlosigkeit des Polizeiapparates wurde von Stunde zu Stunde offensichtlicher. Die politischen Versammlungen verliefen fast schon so, als seien sie legal; die F\u00fchrer der Milit\u00e4reinheiten wagten nicht, gegen die Volksmassen, die die Hauptstra\u00dfen immer mehr f\u00fcllten, aktiv einzuschreiten. Eine besondere und unerwartete Loyalit\u00e4t zeigten die Kosakeneinheiten, die hier und da im direkten Gespr\u00e4ch ihre Neutralit\u00e4t unterstrichen, in manchen F\u00e4llen sogar eine unverbl\u00fcmte Neigung zur Verbr\u00fcderung an den Tag legten. Am Abend des Freitags sprach man in der Stadt davon, dass in den Industriebetrieben Wahlen zum Sowjet der Arbeiterdeputierten stattf\u00e4nden.<\/p>\n<h3 class=\"western\">25-26. Februar\/10.-11. M\u00e4rz<\/h3>\n<p class=\"western\">Am Samstag, dem 25. Februar\/10. M\u00e4rz, war Petersburg seit den fr\u00fchen Stunden von der Vorahnung au\u00dferordentlicher Ereignisse durchtr\u00e4nkt. Selbst dort, wo sich keine Menschenansammlungen bildeten, boten die Stra\u00dfen das Bild einer ungew\u00f6hnlichen Erregung. Ich musste an die Stimmung w\u00e4hrend des Moskauer Aufstandes von 1905 zur\u00fcckdenken. Die gesamte \u00bbzivile\u00ab Bev\u00f6lkerung f\u00fchlte sich geschlossen einem zum milit\u00e4risch-polizeilichen Feind in Opposition stehenden Lager zugeh\u00f6rig. Unbekannte begannen miteinander Gespr\u00e4che auf der Stra\u00dfe, fragten sich aus nach Neuigkeiten, nach den Zusammenst\u00f6\u00dfen, nach den Diversionen des Gegners. Man konnte aber auch etwas beobachten, was es w\u00e4hrend des Moskauer Aufstandes nicht gegeben hatte: Die Mauer zwischen den beiden Lagern, der Bev\u00f6lkerung und der Obrigkeit, erschien nicht so undurchdringlich wie damals; man sp\u00fcrte zwischen beiden eine Diffusion. Das steigerte die Erregung und fl\u00f6\u00dfte den Massen so etwas wie Enthusiasmus ein. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Kurz nach 13 Uhr, nachdem ich telefonisch noch einen Vertreter einer der Linksorganisationen eingeladen hatte, machte ich mich auf den Weg \u2026 zu jener Wohnung, die allen radikalen und demokratischen Kreisen Petersburgs ebenso vertraut war wie der gesamten Polizei der Hauptstadt. \u2026 Bei <span lang=\"fr-FR\">N.<\/span>D.\u00a0Sokolow erwartete mich eine Entt\u00e4uschung. Die Versammlung repr\u00e4sentierte in keiner Weise die verschiedenen organisierten Gruppen. Nicht einmal die demokratischen Richtungen waren einigerma\u00dfen vollst\u00e4ndig vertreten. \u2026 Stattdessen erschien Kerenski, der direkt von der Sitzung des Seniorenkonvents der Duma kam und somit zweifellos eine unersetzliche Informationsquelle \u00fcber die Stimmungen und Pl\u00e4ne der f\u00fchrenden politischen Gruppen der Bourgeoisie darstellte.<\/p>\n<p class=\"western\">Die wie immer erregte, etwas pathetische und leicht theatralische Erz\u00e4hlung Kerenskis verriet vor allem die Panik und die Verwirrung, die breiteste Kreise der b\u00fcrgerlichen Abgeordneten erfasst hatten. Die Gedanken und M\u00fchen ihrer f\u00fchrenden Schicht waren s\u00e4mtlich darauf gerichtet, die Revolution zu vermeiden. Es fehlte nicht an Versuchen, mit dem Zarismus Abmachungen zu treffen und Kombinationen auszuhecken. Das Spiel der Politikaster lief auf vollen Touren. Das Ganze vollzog sich jedoch nicht nur au\u00dferhalb der Volksbewegung; es lief ihr offenkundig zuwider und konnte ihr sichtlich nur schaden.<\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">Immer neue Menschen trafen in der Wohnung <\/span><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"fr-FR\">N.<\/span><\/span><span style=\"font-size: large;\">D.\u00a0Sokolows ein und brachten \u00fcbereinstimmende Nachrichten \u00fcber eine grandiose, in diesem Ausma\u00df noch nie dagewesene Bewegung auf den Stra\u00dfen. Das Stadtzentrum war eine einzige politische Versammlung, wobei es das Volk anscheinend besonders zum Snamenskij-Platz zog. Dort, vom Postament des Denkmals Alexanders III. herab, sprachen ununterbrochen und g\u00e4nzlich ungehindert Redner der linken Parteien. Die Hauptlosung lautete wie bisher: \u00bbNieder mit dem Krieg\u00ab. Der Krieg galt neben der zaristischen Selbstherrschaft als Ursprung aller \u00dcbel, vor allem des Zusammenbruchs der Versorgung. \u2026&#8220;<\/span><\/p>\n<h3 class=\"western\">Die Crux mit der &#8222;Vaterlandsverteidigung&#8220;<\/h3>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;Unsere Versammlung nahm endg\u00fcltig den Charakter einer ungez\u00fcgelten Privatunterhaltung an. Ich entsinne mich, dass <\/span><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"fr-FR\">N.<\/span><\/span><span style=\"font-size: large;\">D.\u00a0Sokolow mich unter anderem auf einen Punkt hin ansprach, dessen Bedeutung ich erst sp\u00e4ter richtig einzusch\u00e4tzen verstand. Als Anh\u00e4nger der \u00bbVaterlandsverteidigung\u00ab wies er auf die Gef\u00e4hrlichkeit jener Antikriegsparolen hin, die zum Kern der Entwicklung der Volksbewegung wurden und auf die die Parteiredner die Aufmerksamkeit der Massen vor allem bannten. Die Seite der Angelegenheit, die mich vor allem interessierte, hob Sokolow dabei nicht hervor: dass n\u00e4mlich die Bourgeoisie sich unter solchen Bedingungen unvermeidlich weigern werde, sich der Revolution anzuschlie\u00dfen. Er betonte vielmehr, dass sich an derartigen Parolen die Demokratie und sogar das Proletariat selbst unweigerlich spalten m\u00fcssten.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\">Ich ma\u00df damals dieser Seite der Angelegenheit keine Bedeutung bei, weil ich &#8211; vielleicht \u00fcbertrieben optimistisch &#8211; glaubte, die Massen w\u00fcrden ausschlie\u00dflich von den Parteien und Str\u00f6mungen beherrscht, die auch in Deutschland oder in Frankreich die sozialistische Minderheit vertraten. Hinzu trat noch, dass der Charakter der beginnenden Revolution noch v\u00f6llig unklar war. Insbesondere konnte niemand voraussehen, welche Rolle die bis auf die Offiziere rein b\u00e4uerliche Armee spielen w\u00fcrde. In der Tat erwies sich die Spaltung unter den revolution\u00e4r aktiven proletarischen Kadern in der Armee bald als ein Faktor, der gr\u00f6\u00dfte Bedeutung f\u00fcr die gesamte \u00bbKriegs\u00ab-Politik der revolution\u00e4ren Demokratie gewann. Doch damals besch\u00e4ftigte mich diese Seite der Angelegenheit nicht. Meine Hauptaufmerksamkeit galt der Stellung der gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Kreise und ihrer Haltung zur Revolution.<\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">In den praktischen Folgerungen jedoch stimmten <\/span><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"fr-FR\">N.\u00a0<\/span><\/span><span style=\"font-size: large;\">D.\u00a0Sokolow und ich so oder so v\u00f6llig \u00fcberein. Sokolow versuchte, mich, der ich mehr und deutlicher als andere gegen den Krieg aufgetreten war, der als Literat im Ruf eines ziemlich eisernen Def\u00e4tisten, Internationalisten und \u00bbPatriotismus-Hassers\u00ab stand, davon zu \u00fcberzeugen, dass man jetzt so entschlossen wie m\u00f6glich der Ausbreitung der Antikriegs-Parolen entgegentreten und dazu helfen m\u00fcsse, dass die Bewegung nicht unter der Losung \u00bbNieder mit dem Krieg\u00ab ablaufe. Aus meinem Munde, sagte er, w\u00fcrden die entsprechenden Argumente bar jedes b\u00f6sartigen konterrevolution\u00e4ren Charakters sein und f\u00fcr die F\u00fchrer der Bewegung \u00fcberzeugender klingen. Sollte dagegen die Revolution als eine Bewegung gegen den Krieg beginnen, so werde sie unverz\u00fcglich an inneren Zwistigkeiten scheitern.<\/span> <span style=\"font-size: large;\">Wie ich zu einer solchen Argumentation auch stehen mochte, mit den Schlussfolgerungen sympathisierte ich voll und ganz. So versprach ich den \u00bbVaterlandsverteidigern\u00ab und den radikalen Gruppen meine volle Unterst\u00fctzung gegen die konsequent internationalistischen Klassenprinzipien &#8211; gegen meine eigenen Prinzipien \u2026&#8220;<\/span><\/p>\n<h3 class=\"western\">Volksbewegung, Duma und Bolschewiki<\/h3>\n<p class=\"western\">&#8222;Die Anwesenden begannen auseinanderzugehen. \u2026 Nach einer halben Stunde weiterer Gespr\u00e4che \u00fcber verschiedene Themen bei Sokolow machte ich mich \u2026 auf den Weg zu Kerenski &#8230; Doch die Gegend \u2026 um den Taurischen Garten war still und leer. Diese Tatsache verdient festgehalten zu werden, denn sie zeigt, dass es das Volk nicht zur Reichsduma zog und dass es nicht daran dachte, die Duma politisch oder technisch zum Zentrum der Bewegung zu machen. Unsere liberalen Politiker hatten die Volksbewegung, die sich an die Einberufung der Duma am Februar kn\u00fcpfte, f\u00fcr provokatorisch erkl\u00e4rt. Sp\u00e4ter machten sie alle erdenklichen Anstrengungen, um die Duma zum Bannertr\u00e4ger der Bewegung und das Schicksal der Duma zum Anlass und Grund der Revolution zu erheben. In diesen Bem\u00fchungen steckt nicht ein Gran Wahrheit. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">Bei Gorkij trafen ununterbrochen Leute ein, die mir und ihm teils bekannt, teil unbekannt waren. Sie kamen, um Rat zu holen, Eindr\u00fccke auszutauschen, zu fragen und zu erfahren, was in den einzelnen Kreisen vor sich ging. Gorkij hatte nat\u00fcrlich Verbindungen zu ganz Petersburg, von den obersten bis zu den untersten Schichten. Diskussionen entbrannten, und wir, d. h. die Redaktion der <\/span><span style=\"font-size: large;\"><i>Letopis<\/i><\/span><span style=\"font-size: large;\">,<\/span> <span style=\"font-size: large;\">bildeten bald eine geschlossene Front gegen die Vertreter der Linken, gegen die internationalistischen Vertreter unserer eigenen Ansichten, die im entscheidenden Moment nichts von einem Verrat an ihren alten Parolen h\u00f6ren wollten.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\">Zwischendurch kamen auch mehr oder minder verantwortliche F\u00fchrer der Bolschewiken. Ihre Geradlinigkeit oder, richtiger ausgedr\u00fcckt, ihre Unf\u00e4higkeit, sich in das politische Problem hineinzudenken und es zu formulieren, machte auf uns einen deprimierenden Eindruck. Ich muss allerdings sagen, dass unsere Argumente auf diese Leute, die direkt von den Fabrikkesseln und Parteikomitees gekommen waren, nicht ohne Einfluss blieben. Diese Menschen verrichteten in jenen Tagen eine g\u00e4nzlich andere Arbeit: Sie handhabten die Technik der Bewegung, erzwangen die entscheidende Auseinandersetzung mit dem Zarismus und organisierten Agitation und die illegale Presse. Unsere Argumentation zwang sie schon durch die Neuheit der gewaltigen Aufgaben, die zum ersten Mal vor ihrem Bewusstsein auftauchten, zum Nachdenken.<\/p>\n<p class=\"western\">Am n\u00e4chsten Tag, am Sonntag, dem 26. Februar\/ 11.\u00a0M\u00e4rz, machte ich mich wieder auf den Weg zu Gorkij. An den Hausw\u00e4nden hingen neue Proklamationen General Chabalows, die aber teilweise schon abgerissen und zerkn\u00fcllt auf dem Boden lagen. Sich selbst vor aller Welt seine Machtlosigkeit bescheinigend und darauf hinweisend, dass seine fr\u00fcheren Warnungen keinen Erfolg gehabt h\u00e4tten, drohte er erneut mit \u00bbentschlossenen\u00ab Ma\u00dfnahmen und \u00bbWaffenanwendung\u00ab gegen \u00bbUnruhen\u00ab und \u00bbMenschenansammlungen\u00ab. Und in der Tat verging dieser Tag unter dem Zeichen von Waffenanwendung und entschlossenen Ma\u00dfnahmen. Der letzte verzweifelte Versuch wurde unternommen. Auf dem Spiel stand ein jahrhundertealtes Regime, das nicht nur die \u00dcberreste der alten Privilegien verk\u00f6rperte, sondern auch die Hoffnungen der Bourgeoisie, die einen noch gef\u00e4hrlicheren Gegner gesp\u00fcrt hatte.<\/p>\n<p class=\"western\">Der Tag war ausgef\u00fcllt vom letzten Zusammensto\u00df, vom Geklirr der Waffen und von Pulvergeruch. Am Abend war das Spiel verloren.&#8220;<\/p>\n<h3 class=\"western\"><a name=\"bookmark0\"><\/a>Resumee:<\/h3>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Die sozialistischen Parteien wurden von der Volksbewegung nicht nur \u00fcberrascht, sondern standen ihr politisch orientierungslos gegen\u00fcber. Bei ihnen beginnt aber sogleich eine Bewegung nach rechts, die Parole &#8222;Nieder mit dem Krieg&#8220; m\u00fcsse verschwinden um die Bourgeoisie nicht zu verschrecken. Die Bourgeoisie dagegen stand der gesamten Bewegung ablehnend gegen\u00fcber und suchte das B\u00fcndnis mit dem Zarismus. &#8222;Ich sah lediglich Furcht vor der \u00bbprovokatorischen\u00ab Bewegung und bemerkte das Bestreben, dem Zarismus zu Hilfe zu eilen und mit der ganzen Autorit\u00e4t\u00ab der Reichsduma die \u00bbUnruhen\u00ab zu stoppen&#8220;, schreibt Suchanow.<\/i><\/span><\/p>\n<h2 class=\"western\">Der erste Tag der Revolution<\/h2>\n<h3 class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\"><b>27. Februar\/ 12. M\u00e4rz<\/b><\/span><\/h3>\n<p class=\"western\">&#8222;Es begann der 27. Februar\/ 12.\u00a0M\u00e4rz ewigen Angedenkens. \u2026 Schon auf meinem kurzen St\u00fcck Weg \u2026 konnte ich beobachten, dass die unschl\u00fcssige Stimmung der Truppeneinheiten sich der Krise n\u00e4herte. Der Zusammenbruch der Disziplin strebte seinem Kulminationspunkt zu.<\/p>\n<p class=\"western\">Offiziere sah man in den Patrouillen und Einheiten \u00fcberhaupt nicht. Jeder konnte sehen, dass die Streifen und Einheiten, die die Kampftruppen des Zarismus bildeten, in v\u00f6lliger Aufl\u00f6sung begriffen waren. Es waren unordentliche Haufen in grauen Milit\u00e4rm\u00e4nteln, die sich mit dem Volk und den Arbeitermassen vermengten und offen verbr\u00fcderten. Man sah eine Menge Soldaten, die sich von ihren Einheiten getrennt hatten und nun allein oder zu zweit ohne Waffen durch die Stra\u00dfen schlenderten. Viele von ihnen waren m\u00f6glicherweise als Posten eingesetzt worden. Die Passanten erz\u00e4hlten, dass diese Soldaten gerne ihre Waffen abg\u00e4ben und dass in den Arbeiterzentren bereits eine gro\u00dfe Menge Waffen gesammelt worden sei.&#8220;<\/p>\n<h3 class=\"western\">Die Aufl\u00f6sung der Duma \u2026<\/h3>\n<p class=\"western\">&#8222;Ich griff zum Telefon und rief ein Dutzend Nummern an, um die Lage zu erkunden. Es war ganz klar, dass die entscheidende Stunde geschlagen hatte, von der Generationen getr\u00e4umt und auf die Generationen hingearbeitet hatten. Wir standen unmittelbar an der Schwelle hinrei\u00dfender Ereignisse. Meine Ungeduld verwandelte sich in Raserei, wenn mir das gleichg\u00fcltige \u00bbBesetzt\u00ab einer tr\u00e4gen Telefonistin in den Ohren klang. Doch recht bald &#8211; ich wei\u00df nicht mehr genau, von wem &#8211; erfuhr ich die entscheidende politische Neuigkeit dieser Morgenstunden des unvergesslichen Tages: Das Dekret \u00fcber die Aufl\u00f6sung der Reichsduma war verk\u00fcndet worden, und die Duma hatte darauf mit der Weigerung auseinanderzugehen geantwortet. Anschlie\u00dfend hatte sie aus Vertretern aller Fraktionen (au\u00dfer der rechten) ein \u00bbProvisorisches Komitee der Reichsduma\u00ab gew\u00e4hlt.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote3sym\" name=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">Gleich an dieser Stelle sei betont, dass es dem am Morgen des 27. Februar\/ 12.\u00a0M\u00e4rz gew\u00e4hlten Provisorischen Komitee der Reichsduma g\u00e4nzlich fernlag, an die Stelle der Staatsmacht zu treten und sich der Bev\u00f6lkerung und den Tr\u00fcmmern der zaristischen Selbstherrschaft gegen\u00fcber als solche auszugeben. Dieses Dumakomitee mit Rodsjanko<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote4sym\" name=\"sdfootnote4anc\"><sup>4<\/sup><\/a> an der Spitze hatte sich zu einem besonderen Zweck formiert, den es auch offiziell erkl\u00e4rte: \u00bbZur Wiederherstellung der Ordnung in der Hauptstadt und zur Verbindung mit den \u00f6ffentlichen Organisationen und Institutionen &#8230;\u00ab<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">Dieses Verhalten des Provisorischen Komitees der Reichsduma war fraglos ein <\/span><span style=\"font-size: large;\"><i>revolution\u00e4rer Akt<\/i><\/span> <span style=\"font-size: large;\">des progressiven Blocks. Es widersprach sowohl den Traditionen, die Gehorsam vor den Gesetzen verlangten, als auch den elementaren Rechten und Pflichten der Reichsduma. Bedeutete er aber, dass sich die Reichsduma der Revolution anschloss? Bedeutete dieser Schritt, dass es in dem Bestreben, die Selbstherrschaft zu st\u00fcrzen und eine Umw\u00e4lzung herbeizuf\u00fchren, irgendeine Form der Solidarit\u00e4t zwischen der Demokratie und der Bourgeoisie gab?&#8220;<\/span><\/p>\n<h3 class=\"western\">\u2026 und ihr Kampf f\u00fcr die Erhaltung des Zarismus<\/h3>\n<p class=\"western\">&#8222;Der Leser, der die Ereignisse dieser Tage richtig verstehen will, muss sich stets eines ganz klar vor Augen halten: Der revolution\u00e4re Akt der durch den progressiven Block und die Duma-Mehrheit vertretenen Bourgeoisie war darauf gerichtet, die Dynastie und die plutokratische Diktatur mit Hilfe unwesentlicher Korrekturen an der alten Ordnung vor der demokratischen Revolution zu retten. In diesen Stunden war die Hoffnung auf eine Rettung des Romanow-Regimes keineswegs geschwunden: Der Aufstand der Petersburger Garnison war noch nicht Tatsache geworden.<\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">Immerhin &#8211; ein revolution\u00e4rer Akt war vollzogen. In das Provisorische Komitee traten als wichtigste Mitglieder au\u00dfer Rodsjanko, Miljukow, Konowalow, Jefremow, W. N. Lwow, Schulgin, Adshemow u.a. ein. Der linke Fl\u00fcgel der Duma war durch Kerenski und <\/span><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"fr-FR\">Tscheidse <\/span><\/span><span style=\"font-size: large;\">vertreten.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\">Nachdem das Provisorische Komitee seine bescheidene technische Aufgabe offiziell verk\u00fcndet hatte, nahm es sich sofort der \u00bbgro\u00dfen Politik\u00ab in dem soeben beschriebenen Sinne an. Rodsjanko erhob ehrerbietigst Vorstellungen beim Hauptquartier des Zaren und setzte sich auch \u00fcber direkte Leitungen mit den wichtigsten Befehlshabern an den verschiedenen Fronten in Verbindung. Dabei bat er sie, die Reichsduma gegen\u00fcber dem Zaren zu unterst\u00fctzen. Nach Absicht der Sch\u00f6pfer dieses Planes sollten die f\u00fchrenden Generale zusammen mit dem \u00bbprogressiven\u00ab Block der Bourgeoisie und des Gro\u00dfgrundbesitzes den \u00bbSelbstherrscher\u00ab unter Druck setzen und ihm klarmachen, dass nur Konzessionen an die nationalliberale Plutokratie die Dynastie noch zu retten verm\u00f6chten. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Zum Gl\u00fcck warteten die Ereignisse nicht auf die Kombinationen, die die M\u00e4chtigen dieser Welt hinter den Kulissen ausheckten. Die Volksrevolution ging mit Volldampf ihren eigenen Weg und ver\u00e4nderte st\u00fcndlich die gesamte politische Konjunktur. Sie stie\u00df die \u00bbKombinationen\u00ab der Liberalen, der Generale und der Plutokraten um und schleppte die Reichsduma, diese politische Zentrale der Bourgeoisie, hinter sich an der Leine. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Ich will nicht versuchen, ein zusammenh\u00e4ngendes Bild der Ereignisse und des Aufstandes der Garnison am 27.\u00a0Februar zu geben, denn ich war kein Augenzeuge der entscheidenden Szenen dieses Aufstandes. Viel betr\u00fcblicher f\u00fcr mich ist, dass ich zur Aufkl\u00e4rung der Interna dieser ersten \u00dcberg\u00e4nge von Truppen auf die Seite der Revolution oder, richtiger gesagt, der \u00dcberl\u00e4ufe der Soldaten nichts beitragen kann. Unzweifelhaft ist nur eines: In allen Truppenteilen der Petersburger Garnison gab es in gro\u00dfer Zahl klassenbewusste und parteigebundene Elemente. Sie waren nicht nur in der Lage, die Bewegung aufzugreifen, sich selbst zu ihrem Zentrum zu machen und sie durch allgemeine politische Parolen zu beseelen, sondern sie mussten dies einfach tun.<\/p>\n<p class=\"western\">Das Wolhynische und das Litauische Regiment hatten sich, wie erw\u00e4hnt, zur Reichsduma begeben. Das konnte die verschiedensten Ziele und Bedeutungen haben. Es mochte ein nat\u00fcrlicher Drang sein, aber auch ein bewusstes Bestreben der Anf\u00fchrer, die b\u00fcrgerlich-\u00bbpatriotische\u00ab Duma zum politischen Zentrum der Bewegung und der weiteren Ereignisse zu machen. Es konnte sich allerdings auch ganz einfach um eine Solidarit\u00e4tskundgebung mit dem vom Zaren soeben aufgel\u00f6sten, \u00bbrevolution\u00e4ren\u00ab Parlament handeln. Ich wei\u00df nichts dar\u00fcber.&#8220;<\/p>\n<h3 class=\"western\">Die Sozialisten f\u00fchren die Massen zur Duma<\/h3>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;Von <\/span><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"fr-FR\">N.<\/span><\/span><span style=\"font-size: large;\">D.\u00a0Sokolow h\u00f6rte ich sp\u00e4ter wiederholt, er sei es gewesen, der die ersten aufst\u00e4ndischen Regimenter gerade zur Reichsduma gef\u00fchrt habe. Das ist m\u00f6glich. Es wirft aber keinerlei Licht auf die wichtige Tatsache, dass die Reichsduma, die bisher von der Volksbewegung ganz offensichtlich ignoriert worden war, nunmehr nicht nur die Bedeutung eines territorialen, sondern auch den Anschein eines politischen Mittelpunktes dieser Bewegung erhielt.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">Die Spitzen der Gesellschaft, die die Reichsduma darstellte, strebten nicht zur Revolution. Es war die Revolution, die so oder so zu ihnen kam. Ich muss auf diesen Punkt, der von grunds\u00e4tzlicher Bedeutung ist, noch zur\u00fcckkommen, denn er wurde von einem Mann, der danach zum Haupt der gesamten bourgeoisen Bewegung in Russland wurde und ihre gesamte Politik bestimmte, <\/span><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"fr-FR\">P.<\/span><\/span><span style=\"font-size: large;\">N.\u00a0Miljukow, sehr gut ausgenutzt.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">Die Vertreter der Linken in der Duma &#8211; Kerenskij, <\/span><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"fr-FR\">Tscheidse <\/span><\/span><span style=\"font-size: large;\">und Skobelew &#8211; empfingen die ersten Soldaten der Revolution mit Gru\u00dfworten und Reden. Die Soldaten antworteten mit milit\u00e4rischen Ehrenbezeigungen. Die Revolution entfaltete sich nicht nur in voller Breite, auch ihr Charakter hatte sich schon pr\u00e4zisiert: Sie schloss die wichtigste St\u00fctze des alten Regimes mit ein und wurde zu einer Revolution des ganzen Volkes, zu einer gesamtdemokratischen Revolution. Ihr Ausgang war allerdings noch bei weitem nicht entschieden. Fatale interne Machtk\u00e4mpfe konnten jede Minute ausbrechen und waren bei der noch bevorstehenden endg\u00fcltigen Liquidierung des Zarismus mehr als wahrscheinlich. Doch ihr gesamtdemokratischer Charakter war bereits pr\u00e4judiziert. Welche Ignoranz bewiesen doch die wohlmeinenden Tr\u00f6pfe aus der \u00bbDemokratie\u00ab, wie tausendfach verachtungsw\u00fcrdig sind doch die b\u00f6swilligen Heuchler aus der Bourgeoisie, die sich nicht davor ekelten, der gro\u00dfen Sache der gesamten Demokratie den Stempel einer Milit\u00e4rmeuterei aufzudr\u00fccken&#8230;!<\/span><sup> <a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote5sym\" name=\"sdfootnote5anc\">5<\/a><\/sup><\/p>\n<p class=\"western\">Was die zaristische F\u00fchrung in diesen Stunden tat, welche \u00bbMa\u00dfnahmen\u00ab sie ins Auge fasste und verwirklichte, um gegen die Revolution zu k\u00e4mpfen &#8211; dass alles wei\u00df ich ebenfalls nicht oder kann mich nicht daran erinnern. Wen interessiert es auch? In Petersburg konnte niemand mehr daran zweifeln, dass die zaristischen Beh\u00f6rden keine M\u00f6glichkeit mehr besa\u00dfen, auf den Lauf der Ereignisse einzuwirken. Wahrscheinlich begriffen sie in jenen Stunden auch selbst, dass es jetzt nur noch ein Mittel des Kampfes gegen die Revolution gab, n\u00e4mlich eine unverz\u00fcgliche \u00dcbereinkunft mit der Bourgeoisie und den \u00bb\u00f6ffentlichen Kreisen\u00ab.<\/p>\n<p class=\"western\">Es darf als sicher unterstellt werden, dass eben hierauf, auf politikasternde Versuche also, die Aufmerksamkeit jener leitenden Knechte des Zarismus gerichtet war, die nicht mit Polizeiaufgaben besch\u00e4ftigt waren oder diese bereits als sinnlos aufgegeben hatten. Auf der anderen Seite ist es ebenfalls unzweifelhaft, dass auch die bourgeoisen Duma-Anf\u00fchrer aus dem \u00bbProgressiven Block\u00ab ihre Bem\u00fchungen in Richtung auf \u00bbVorstellungen\u00ab, \u00bbDruckaus\u00fcbung\u00ab und Abmachungen mit den Resten der einstigen Gr\u00f6\u00dfen des Zarismus verzehnfachten.<\/p>\n<p class=\"western\">Diese Gruppen weigerten sich auch weiterhin hartn\u00e4ckig, sich der Revolution anzuschlie\u00dfen, sich an ihre Spitze zu setzen und sie als vollendete Tatsache zu akzeptieren. Doch wei\u00df ich nicht, was f\u00fcr \u00bbKombinationen\u00ab die f\u00fchrenden Gruppen der Bourgeoisie, des \u00bbProgressiven Blocks\u00ab und des Provisorischen Komitees der Reichsduma in diesen Stunden im Einzelnen auszukl\u00fcgeln versuchten. Ich habe mich auch nie bem\u00fcht, es zu erfahren.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote6sym\" name=\"sdfootnote6anc\"><sup>6<\/sup><\/a> Das lag bereits au\u00dferhalb des Laufes der Ereignisse. Das konnte an ihnen absolut nichts mehr \u00e4ndern. Diese \u00bbKombinationen\u00ab waren au\u00dferdem nur die Frucht von Ratlosigkeit und Blindheit &#8230; Es war bereits zu sp\u00e4t.&#8220;<\/p>\n<h3 class=\"western\">Die Einberufung des Sowjets durch das provisorische Exekutivkomitee<\/h3>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;Auf der Szene trat ein neuer Faktor in Erscheinung, den es bis dahin nicht gab: eine bevollm\u00e4chtigte Organisation der gesamten Demokratie des revolution\u00e4ren Petersburg &#8211; f\u00fcr Kampfhandlungen gewappnet, durch glorreiche Traditionen geheiligt, bereit, die Sache der Revolution &#8211; <\/span><span style=\"font-size: large;\"><i>ihre<\/i><\/span> <span style=\"font-size: large;\">Sache &#8211; in <\/span><span style=\"font-size: large;\"><i>ihre<\/i><\/span> <span style=\"font-size: large;\">H\u00e4nde zu nehmen. Es war der Sowjet der Arbeiterdeputierten.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">Die aufst\u00e4ndischen Truppenteile hatten im Verein mit den Volksmassen eine gro\u00dfe Anzahl von sozialistischen Funktion\u00e4ren aus den Petersburger Gef\u00e4ngnissen befreit, unter anderem die Arbeitergruppe beim Zentralen Kriegsindustrie-Komitee samt ihrem Leiter <\/span><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"fr-FR\">K. <\/span><\/span><span style=\"font-size: large;\">A. Gwosdew. Die f\u00fchrenden Funktion\u00e4re dieser Gruppe begaben sich unmittelbar aus dem Gef\u00e4ngnis zusammen mit den Truppen und dem Volk ins Taurische Palais, wohin bereits eine gro\u00dfe Zahl von Petersburger Pers\u00f6nlichkeiten aller Richtungen und R\u00e4nge, aller Kaliber und Fakult\u00e4ten str\u00f6mte. Gegen 14:00 Uhr stellte sich heraus, dass dort auf einem Platz recht bedeutende Vertreter der gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen Bewegung anwesend waren, insbesondere die ehemaligen Teilnehmer an den oben beschriebenen Beratungen. Daraufhin bildeten die F\u00fchrer der Arbeitergruppe mit diesen Vertretern und mit Abgeordneten der Linken das \u00bbProvisorische Exekutivkomitee des Sowjets der Arbeiterdeputierten\u00ab. Dieses Exekutivkomitee hatte im Grunde nur eine Aufgabe: Es sollte als Organisationsinstanz den Sowjet der Arbeiterdeputierten von Petersburg einberufen. Diesen Auftrag erf\u00fcllte es auch vorz\u00fcglich. Im Handumdrehen erlie\u00df und verteilte es in der Hauptstadt an die Arbeiter entsprechende Aufrufe, in denen die erste Sitzung des Sowjets auf 19:00 Uhr des gleichen Tages im Taurischen Palais anberaumt wurde.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\">Wie ich schon erw\u00e4hnte, fanden bereits fr\u00fcher Wahlen in den Sowjet statt, aber sie erfolgten illegal, zuf\u00e4llig, ohne konkretes Ziel und mehr f\u00fcr alle F\u00e4lle. Nun sollte innerhalb weniger Stunden das gesamte werkt\u00e4tige Petersburg mobilisiert und seine bevollm\u00e4chtigte Vertretung geschaffen werden, der es obgelegen h\u00e4tte, das Schicksal der Revolution in die Hand zu nehmen.<\/p>\n<p class=\"western\">Das \u00bbProvisorische Exekutivkomitee\u00ab beschr\u00e4nkte sich jedoch nicht auf die Einberufung des Sowjets. Es nahm eine weitere dr\u00e4ngende Aufgabe in Angriff und traf Sonderma\u00dfnahmen f\u00fcr die Organisation der Verpflegung der von ihren Kasernen getrennten, verzettelten und obdachlosen aufst\u00e4ndischen Truppenteile. Dazu w\u00e4hlte es unverz\u00fcglich eine \u00bbProvisorische Versorgungskommission\u00ab, die im Taurischen Palais eine Verpflegungsstelle f\u00fcr Soldaten einrichtete und die Bev\u00f6lkerung aufrief, bei der Verpflegung der Soldaten zu helfen. Das \u00bbProvisorische Exekutivkomitee\u00ab ging dabei sozusagen von technischen \u00dcberlegungen und von den technischen Notwendigkeiten des Augenblicks aus. Doch im Grunde l\u00f6ste es durch seine Ma\u00dfnahmen auf dem Versorgungsgebiet zugleich die wichtigste politische Aufgabe. Denn die hungrigen, heimatlosen und terrorisierten Massen bewaffneter Soldaten, die von keinem politischen Bewusstsein getragen waren, stellten jetzt f\u00fcr die Revolution keine geringere Gefahr dar als die organisierten Kr\u00e4fte des Zarismus. An der Existenz der letzteren konnte man sogar zweifeln. Die ersteren aber waren da, f\u00fcr jeden sichtbar.&#8220; \u2026<\/p>\n<h3 class=\"western\">Wie &#8222;die konservativ-reaktion\u00e4ren Kreise \u2026 die Macht an sich rissen&#8220; (Bollinger)<\/h3>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;Im Katharina-Saal wandelte ein Mann einsam hin und her. Es war <\/span><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"fr-FR\">P.<\/span><\/span><span style=\"font-size: large;\">N.\u00a0Miljukow, eine zentrale Figur des bourgeoisen Russlands, Haupt des in jenem Augenblick einzigen offiziellen Machtorgans in Petersburg und de facto Oberhaupt der ersten Revolutionsregierung. Auch er war besch\u00e4ftigungslos. Seine ganze Gestalt verriet, dass er nichts zu tun hatte, dass er \u00fcberhaupt nicht wusste, was zu tun sei. Menschen gingen auf ihn zu, begannen ein Gespr\u00e4ch, stellten Fragen oder teilten etwas mit. Er antwortete zwar, doch offenbar ungern und unbestimmt. Die Menschen gingen weg, und er marschierte allein weiter. \u2026<\/span><\/p>\n<p class=\"western\">Tats\u00e4chlich kamen im Palais aber immer mehr Soldaten zusammen. Sie sammelten sich zu Gruppen, schlichen durch die S\u00e4le, waren wie Schafe ohne ihren Hirten. Das Palais f\u00fcllte sich allm\u00e4hlich mit ihnen. Die Hirten fehlten. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Doch ich wollte unbedingt noch vor der Er\u00f6ffnung der Sitzung des Sowjets die Stimmung in den bourgeoisen Kreisen erkunden und durch direkte Gespr\u00e4che kl\u00e4ren, wie die F\u00fchrer dieser Kreise zur Frage der revolution\u00e4ren Macht standen. Aus dem Katharina-Saal begab ich mich durch die von Menschen wimmelnde Vorhalle in den rechten, noch menschenleeren Fl\u00fcgel des Taurischen Palais, um irgendeinen mir bekannten und m\u00f6glichst prominenten b\u00fcrgerlich-liberalen Abgeordneten ausfindig zu machen. Dieser rechte Fl\u00fcgel war w\u00e4hrend der ersten Periode der Revolution Sitz des Provisorischen Komitees der Reichsduma und \u00fcberhaupt der Kreise und Beh\u00f6rden, die sich um die Provisorische Regierung gruppierten. Die Mitglieder der Reichsduma, die w\u00e4hrend dieser Periode ihr Mandat (und ihre Bez\u00fcge) formell behielten, betrachteten diesen rechten Fl\u00fcgel des Palais als ihre Dom\u00e4ne.<\/p>\n<p class=\"western\">Der linke Fl\u00fcgel des Palais geriet dagegen von Anfang an in den Besitz der Demokratie, die der Sowjet der Arbeiterdeputierten und seine Dienststellen vertraten. Die k\u00fcnftigen Beziehungen und der k\u00fcnftige Kampf zwischen der Demokratie und der Bourgeoisie, also zwischen dem Sowjet der Arbeiterdeputierten einerseits und der Provisorischen Regierung mit dem Provisorischen Komitee der Reichsduma andererseits, waren in der ersten Zeit im Kampf zwischen dem linken und dem rechten Fl\u00fcgel des Taurischen Palais verk\u00f6rpert. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">Unzufrieden und ohne Material f\u00fcr praktische R\u00fcckschl\u00fcsse gesammelt zu haben, die die Linie h\u00e4tten beleuchten k\u00f6nnen, die die Demokratie in den n\u00e4chsten entscheidenden Stunden einzuhalten h\u00e4tte, wollte ich mich schon in die linke H\u00e4lfte des Palais begeben, in der sich bereits dichte Scharen von Arbeiterdeputierten dr\u00e4ngten, deren Mandate mit Hochdruck gepr\u00fcft wurden. Die Versammlung musste von einer Minute zur anderen er\u00f6ffnet werden. Als ich jedoch Rodsjankos Arbeitszimmer verlie\u00df, stie\u00df ich im Nebenzimmer zuf\u00e4llig auf den stellvertretenden Pr\u00e4sidenten der Reichsduma, A.I.\u00a0Konowalow, der mit I.N.\u00a0Jefremow sprach. Diese recht wichtigen und offiziellen Pers\u00f6nlichkeiten der linken Bourgeoisie aus der gleichen Partei der \u00bbProgressisten\u00ab waren mir ebenfalls hinreichend bekannt, um mit ihnen ein privates Gespr\u00e4ch anzufangen. Beide waren dar\u00fcber hinaus Mitglieder des Provisorischen Komitees der Reichsduma (sie wurden in der Folge Minister). Die Zeit war knapp, und ich fragte sie ohne jede Einf\u00fchrung, eben wie pers\u00f6nliche Bekannte, nach den Absichten und Pl\u00e4nen der von ihnen gef\u00fchrten Kreise und nach ihrer Ansicht hinsichtlich der Bildung einer revolution\u00e4ren Staatsmacht. Aber auch hier kam ich zu keinem Ergebnis. Meine Gespr\u00e4chspartner verloren den Kopf und wussten einfach nicht, was sie auf meine frei heraus gestellte Frage antworten sollten. Oder vielleicht wussten sie es, wollten aber nicht antworten? Kaum.&#8220;<\/span><\/p>\n<h3 class=\"western\">Das Dilemma der russischen Bourgeoisie<\/h3>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;In diesem Augenblick betrat Miljukow das Zimmer, und es war offensichtlich, dass meine Gespr\u00e4chspartner in ihm einen Ausweg aus ihrem Dilemma erblickten. Erfreut \u00fcber sein Erscheinen, zeigten mir die F\u00fchrer der \u00bbProgressisten\u00ab-Partei den F\u00fchrer einer anderen Partei &#8211; der Kadetten &#8211; und rieten mir unisono, mit <\/span><span style=\"font-size: large;\"><i>ihm<\/i><\/span> <span style=\"font-size: large;\">\u00fcber das Thema zu sprechen, das mich interessierte. Diese Handlungsweise war nicht nur eine naive Demonstration ihrer Hilflosigkeit, sondern bezeugte ebenso naiv, woran es im \u00dcbrigen auch schon fr\u00fcher nie einen Zweifel gab: Miljukow war damals die zentrale Gestalt, die Seele und der Kopf s\u00e4mtlicher politischer Kreise der Bourgeoisie. Er war es, der die Politik des gesamten \u00bbProgressiven Blocks\u00ab bestimmte, in dem er offiziell auf dem linken Fl\u00fcgel stand. Ohne ihn w\u00e4ren alle bourgeoisen- und Dumakreise in jenem Augenblick eine zusammenhanglose Masse gewesen. Ohne ihn h\u00e4tte es in der ersten Periode der Revolution keinerlei bourgeoise Politik geben k\u00f6nnen. So beurteilten die ihn Umgebenden, unabh\u00e4ngig von ihrer Parteizugeh\u00f6rigkeit, seine Rolle. Auch er selbst sch\u00e4tzte sie so ein.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">Mit Miljukow war ich &#8211; im Gegensatz zu Kerenski, Konowalow und anderen &#8211; bis dahin \u00fcberhaupt nicht bekannt. Es w\u00fcrde den Rahmen pers\u00f6nlicher Erinnerungen sprengen, wollte ich hier versuchen, diesen Mann ausf\u00fchrlicher zu beschreiben. Ich kann jedoch nicht umhin, zu bemerken, dass ich diesen fatalen Mann immer um einen Kopf h\u00f6her stehend als seine politischen Freunde im \u00bbProgressiven Block\u00ab einsch\u00e4tzte, das hei\u00dft, einen ganzen Kopf h\u00f6her als alle S\u00e4ulen, als die ganze Bl\u00fcte, <\/span><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"fr-FR\">Cr\u00e8me, <\/span><\/span><span style=\"font-size: large;\">Zierde und als den ganzen Stolz unserer Bourgeoisie. Die Politik, die dieser fatale Mann durchf\u00fchrte, war ebenfalls fatal, und zwar nicht nur f\u00fcr die Demokratie und die Revolution, sondern auch f\u00fcr das Land, f\u00fcr seine eigenen Ideen und seine eigene Person. Er, der dem Prinzip der \u00bbGro\u00dfmacht Russland\u00ab huldigte, brachte es fertig, sich selbst und dem Prinzip mit voller Wucht, grob und dumm, den Sch\u00e4del einzurennen. Er konnte von den hehren H\u00f6hen seiner abstrakten Schemata und \u00bbKombinationen\u00ab zu den Untiefen der primitivsten politischen Vulgarit\u00e4t herabsinken &#8230; Und dennoch gab es f\u00fcr mich nicht den geringsten Zweifel: Nur dieser fatale Mann war imstande, vor dem Antlitz Europas die neue, auf den Ruinen des Regimes der Rasputin und Gro\u00dfgrundbesitzer entstehende Bourgeoisie Russlands zu verk\u00f6rpern.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\">Insbesondere hatte ich nicht den geringsten Zweifel, dass Miljukow, im Gegensatz zu meinen bisherigen Gespr\u00e4chspartnern, sich sehr wohl \u00fcber die Entwicklung Rechenschaft ablegte, dass das Problem der Macht von ihm in jenen Tagen auf das sorgf\u00e4ltigste untersucht und abgewogen wurde &#8211; zumindest in jenen Stunden &#8211; dass er, Miljukow, schon bei der ersten Andeutung verstehen werde, was ich wollte. Die andere Frage war freilich, was er antworten werde, wie er sich die L\u00f6sung des Problems dachte.<\/p>\n<p class=\"western\">In der Tat standen in diesem Augenblick Miljukow &#8211; und mit ihm das gesamte wohlhabende Russland &#8211; vor einem wahrhaft tragischen Zwiespalt, den damals nur einzelne aus der Masse der liberalen Bourgeoisie \u2026 in seiner ganzen Tragweite zu erfassen vermochten. \u2026 Solange der Zarismus noch nicht endg\u00fcltig beseitigt war, musste man sich an ihn klammern, man musste auf seiner Grundlage das gesamte innere und \u00e4u\u00dfere Programm des Nationalliberalismus aufbauen. Das begriff in der Bourgeoisie jeder einigerma\u00dfen Erfahrene. Dieser Weg bedeutete das absolute Wohl und auf jeden Fall offenkundig das geringste \u00dcbel.<\/p>\n<p class=\"western\">Was sollte man aber tun, wenn der Zarismus unter dem Druck der Volksbewegung fast beseitigt war, sein endg\u00fcltiges Schicksal aber noch nicht feststand? Der nat\u00fcrliche Ausweg bestand selbstverst\u00e4ndlich darin, bis zur letzten Minute Neutralit\u00e4t zu wahren, keine Br\u00fccken abzubrechen, die Neutralit\u00e4t weder in der einen noch in der anderen Richtung zu verletzen. Das war jedoch nur Theorie. In der Praxis war es klar, dass die Neutralit\u00e4t gewisse Grenzen haben musste, jenseits deren die Neutralit\u00e4t selbst die Br\u00fccken in die eine oder andere oder sogar in beide Richtungen zum Einsturz bringen konnte. Hier bedurfte es besonderer Wachsamkeit, Elastizit\u00e4t und Beweglichkeit.<\/p>\n<p class=\"western\">Das war aber nur der Anfang. Die wahre Trag\u00f6die begann danach. Was sollte man tun, wenn die Volksrevolution den Zarismus von der Erdoberfl\u00e4che ganz weggefegt hatte? Die Macht aus den H\u00e4nden des Zarismus zu \u00fcbernehmen, war das Nat\u00fcrliche. Sich mit dem Zarismus auf die Revolution zu st\u00fcrzen, falls diese versuchen sollte, in einem Streich zugleich mit dem Zarismus auch die Macht der Bourgeoisie hinwegzufegen &#8211; das war noch nat\u00fcrlicher und absolut notwendig. Hier\u00fcber konnte es keinen Zweifel geben. Was aber tun, wenn die Lage des Zarismus zwar hoffnungslos war, es auf der anderen Seite jedoch nicht ausgeschlossen erschien, sich an die Spitze dieser Revolution setzen zu k\u00f6nnen? Sollte man dann die Macht aus den H\u00e4nden der Revolution und der Demokratie \u00fcbernehmen, wenn diese Herrinnen der Lage geworden w\u00e4ren?<\/p>\n<p class=\"western\">Man muss sich alle hieraus resultierenden Perspektiven einmal vergegenw\u00e4rtigen und das ungeheure Risiko verstehen. Denn gerade auf diesem Weg verbargen sich f\u00fcr den Nationalliberalismus, falls die Demokratie ihre Rolle in der Revolution richtig erf\u00fcllte, die Hauptgefahren. Gerade er, der Bannertr\u00e4ger aller Zukunftshoffnungen, konnte sich pl\u00f6tzlich in der Gegenwart mit leeren H\u00e4nden vorfinden und gezwungen sein, auf die \u00bbGro\u00dfmacht Russland\u00ab ein Kreuz setzen zu m\u00fcssen. War es unter diesen Umst\u00e4nden nicht besser, einem so riskanten Versuch, diesem Abenteuer, auszuweichen? War es nicht besser, auf alle M\u00f6glichkeiten der \u00bbAusn\u00fctzung\u00ab, der \u00bbAnf\u00fchrung\u00ab der Revolution zu verzichten, sich von ihr abzugrenzen und sich gemeinsam mit den noch vorhandenen Resten des Zarismus mit aller Macht auf sie zu st\u00fcrzen? Darin lag zwar auch ein Risiko, aber vielleicht war es geringer? Und war es nicht \u00fcberhaupt besser, rascher einen Entschluss zu fassen, rascher die zur Schau getragene Neutralit\u00e4t zu beenden?<\/p>\n<p class=\"western\">Ich zweifelte nicht daran, dass Miljukow (und vielleicht er allein) sich \u00fcber alle diese Argumente des \u00bbPro\u00ab und \u00bbKontra\u00ab Rechenschaft ablegte. Und von ihm hing mehr als von jedem anderen die praktische L\u00f6sung dieser verw\u00fcnschten Fragen ab. Wie sollte Miljukow diese Probleme l\u00f6sen, und wie w\u00fcrden sie folglich in praxi in den kommenden Stunden gel\u00f6st werden? \u2026 Es ist verst\u00e4ndlich, dass ein Gespr\u00e4ch mit Miljukow f\u00fcr mich von ganz au\u00dferordentlichem Interesse sein musste.&#8220;<\/p>\n<h3 class=\"western\">Miljukows Stellung zur Revolution<\/h3>\n<p class=\"western\">Allerdings stand ein solches Gespr\u00e4ch keineswegs in meiner Absicht. Ich konnte mit Miljukow nicht wie mit einem pers\u00f6nlichen Bekannten sprechen &#8230; Die Unterredung war aber schon unabh\u00e4ngig von meinem Willen durch Jefremow und Konowalow eingeleitet worden, und es war mein Los, sie fortzusetzen. Ich stellte mich dem herangetretenen Miljukow vor. \u00bbIhr \u00e4rgster Feind\u00ab, f\u00fcgte ich scherzhaft hinzu in dem Wunsch, unserem Gespr\u00e4ch von Anfang an einen v\u00f6llig privaten Charakter zu geben.<\/p>\n<p class=\"western\">\u00bbSehr angenehm\u00ab, antwortete Miljukow in irgendwie unangemessen ernstem Ton. Nachdem ich den Vorbehalt angemeldet und unterstrichen hatte, dass der Anlass zu diesem \u00bbInterview\u00ab meine pers\u00f6nliche Neugier war, sagte ich zu Miljukow dem Inhalt nach Folgendes: In diesem Augenblick versammelt sich einige R\u00e4ume weiter der Sowjet der Arbeiterdeputierten. Der Erfolg des Volksaufstandes bedeutet, dass in einigen Stunden in seinen H\u00e4nden, wenn nicht die offizielle, so doch die tats\u00e4chliche Gewalt im Staate oder zumindest in Petersburg liegen wird. Bei der Kapitulation des Zarismus wird dieser Sowjet Herr der Lage sein. Es wird bei dieser Sachlage nicht zu vermeiden sein, dass die Forderungen des Volkes extreme Ausma\u00dfe annehmen werden. Es liegt zurzeit in keines Manns Interesse, die Bewegung zu forcieren, sie klettert ohnehin schon zu schnell bergauf. Es w\u00fcrde aber ungeheure Anstrengungen erfordern, sie in bestimmten Grenzen zu halten. Dar\u00fcber hinaus muss ein Versuch, die Forderungen des Volkes zu bremsen, eine ziemlich riskante Angelegenheit sein, denn das k\u00f6nnte die leitenden Gruppen der Demokratie in den Augen des Volkes diskreditieren. Die Bewegung kann jeden organisierten Rahmen sprengen und sich zu einer nicht mehr zu beherrschenden Naturgewalt entwickeln. Auf jeden Fall m\u00fcssen sorgf\u00e4ltig die Grenzen abgesteckt werden, innerhalb deren es vern\u00fcnftig ist zu versuchen, die Bewegung zu lenken. Dazu ist es aber erforderlich, zu wissen, was durch diese riskanten Versuche konkret erreicht werden kann. Hat es einen Sinn, diese Versuche zu unternehmen, und, wenn ja, welchen? Kann man durch solche Versuche die Mitwirkung der von Ihnen hier vertretenen Kreise bei der Liquidierung des Zarismus erkaufen? Und kann man damit rechnen, dass diese Kreise unter diesen Bedingungen bereit sein werden, eine revolution\u00e4re Macht zu bilden, die imstande ist, das neue Regime zu festigen &#8211; vorausgesetzt, dass diese Macht gewisse Forderungen, die sich aus dem elementaren Programm der Demokratie ergeben, erf\u00fcllt? \u2026 \u00bbWelche Haltung nehmen Ihre Kreise &#8211; die des Progressiven Blocks und die des Provisorischen Komitees der Reichsduma &#8211; ein?\u00ab fragte ich weiter. \u00bbHaben Sie die Absicht, jetzt, da wir uns in einem Zustand der Revolution befinden, die Staatsmacht in Ihre H\u00e4nde zu nehmen?\u00ab<\/p>\n<p class=\"western\">Vielleicht sagte ich mehr, als man dem \u00bb\u00e4rgsten Feind\u00ab sagen sollte. \u2026 Auf jeden Fall konnte man meinen Worten entnehmen, dass es in der demokratischen Welt &#8211; und sogar in der \u00bblinken\u00ab demokratischen Welt &#8211; Kreise gab, die, wenn vielleicht auch nicht einflussreich, so doch an der Bildung einer b\u00fcrgerlichen Gewalt Interesse hatten, diesen Vorgang f\u00fcr die Festigung der Revolution als notwendig betrachteten und sogar bereit waren, dieses Zieles wegen f\u00fcr diesen oder jenen Kompromiss einzutreten. \u2026 Umso interessanter und charakteristischer war die Antwort Miljukows, deren Wortlaut ich zwar nicht beschw\u00f6ren kann, f\u00fcr deren genauen Sinn ich mich aber voll und ganz verb\u00fcrge:<\/p>\n<p class=\"western\">\u00bbZun\u00e4chst einmal geh\u00f6re ich einer Partei an, die in ihren Handlungen an die Entscheidungen eines gr\u00f6\u00dferen Kollektivs, n\u00e4mlich des Progressiven Blocks, gebunden ist. Ohne diesen, mit dem sie ein Ganzes bildet, kann sie nichts unternehmen und nichts entscheiden. Ferner haben wir als verantwortungsbewusste Opposition zweifellos die Macht angestrebt und sind den Weg zur Macht gegangen, aber wir strebten nicht auf dem Weg \u00fcber die Revolution zur Macht. Wir haben diesen Weg abgelehnt, es war nicht unser Weg. \u2026\u00ab<\/p>\n<p class=\"western\">Es reichte mir. In dieser Antwort spiegelte sich wie in einem Wassertropfen der ganze Charakter unseres Liberalismus mit seinem Fuchsschwanz und seinen Wolfsz\u00e4hnen, seiner Feigheit, Schw\u00e4che und reaktion\u00e4ren Einstellung. \u2026 In der entscheidenden Stunde, angesichts der von mir vorgetragenen elementaren \u00dcberlegungen wusste der monopolistische Vertreter der progressiven Bourgeoisie nichts Anderes zu sagen, als \u00fcber den \u00bbProgressiven Block\u00ab zu lallen, und keine andere Entscheidung zu treffen, als im Augenblick der Revolution genauso zu handeln, wie er vor der Revolution ohne die Revolution gehandelt hatte!<\/p>\n<p class=\"western\">Die Situation war jedenfalls klar. Es war unm\u00f6glich, darauf zu bauen, dass die Bourgeoisie, vertreten durch den Progressiven Block und das Dumakomitee, die Revolution aufgreifen und unterst\u00fctzen, sich ihr anschlie\u00dfen werde, und sei es auch nur zeitweilig und formell. Es musste davon ausgegangen werden, dass, wenn die Revolution weiter und zu Ende gef\u00fchrt und dann gefestigt werden sollte, die Demokratie bereit sein musste, die ganze Last dieser Heldentat gegen die vereinten Kr\u00e4fte des Zarismus und aller besitzenden Klassen allein auf sich zu nehmen.<\/p>\n<p class=\"western\">Miljukow wollte fortfahren, seine Gedanken im gleichen Stile fortzuspinnen. Ich aber hatte genug. Ich bedankte mich f\u00fcr seine Liebensw\u00fcrdigkeit und eilte in die Versammlung des Sowjets der Arbeiterdeputierten. \u2026&#8220;<\/p>\n<h3 class=\"western\">Die Gr\u00fcndung des Sowjets<\/h3>\n<p class=\"western\">&#8222;Zehntausende von Menschen aller Altersstufen und St\u00e4nde waren gekommen, um die Geburt der Revolution unmittelbar am Ursprung zu erleben. \u2026 In den S\u00e4len dr\u00e4ngte sich schon so viel Volk, wie das Palais \u00fcberhaupt fassen konnte. Es hie\u00df aber, dass auf der Stra\u00dfe noch mehr st\u00fcnden und dass die Wachen der Milit\u00e4rkommission das Volk kaum noch zu z\u00fcgeln verm\u00f6chten. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Als die Sitzung er\u00f6ffnet wurde, hatten sich etwa 250 Abgeordnete zusammengefunden. Doch immer neue Gruppen von Menschen trafen ein, Gott allein wei\u00df, mit welchen Mandaten, Vollmachten und Zielen \u2026 Wie sollte in dieser entscheidenden Stunde der Revolution die Tagesordnung f\u00fcr diese bevollm\u00e4chtigte Versammlung der Vertreter der Demokratie aussehen? Es war klar, dass das politische Problem jetzt auf keinen Fall in den Vordergrund geschoben werden durfte. Dagegen gab es Angelegenheiten auf der technischen Seite der Revolution, die durch den Druck der Ereignisse v\u00f6llig unaufschiebbar geworden waren.<\/p>\n<p class=\"western\">Meine zuf\u00e4lligen Gespr\u00e4chspartner \u00fcber die Tagesordnung hatten zweifellos Recht: Die Bewegung w\u00fcrde unterdr\u00fcckt werden, wenn nicht Sofortma\u00dfnahmen auf dem Gebiet der Wirtschaft, also der Organisation der Versorgung der Hauptstadt, ferner zum Schutz der Stadt und zur Unterbindung der Anarchie sowie schlie\u00dflich zur Mobilisierung der Kr\u00e4fte der \u00f6rtlichen Garnison und der arbeitenden Bev\u00f6lkerung f\u00fcr das Zur\u00fcckwerfen eines m\u00f6glichen Angriffs auf Petersburg \u2026 Diese technischen Aspekte der Revolution konnte niemand au\u00dfer dem Sowjet der Arbeiterdeputierten wahrnehmen. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Der spontan eingebrachte Vorschlag, die Revolutionsarmee und das Proletariat der Hauptstadt zu vereinigen und eine einheitliche Organisation zu bilden, die fortan Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten hei\u00dfen sollte, wurde unter st\u00fcrmischen Applaus angenommen. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Im Katharina-Saal und in der Vorhalle standen mit Gewehren bewaffnete Soldaten, die jemand zur Aufrechterhaltung der Ordnung aufgestellt haben musste, in Gruppen oder in Ketten, die jedoch leicht durchbrochen wurden. Andere Soldaten sa\u00dfen auf dem Fu\u00dfboden; sie hatten ihre Gewehre zu Pyramiden zusammengestellt und a\u00dfen ihre Abendmahlzeit, Brot, Heringe und Tee. Andere wiederum hatten sich auf dem Boden ausgestreckt und schliefen bereits. &#8230; W\u00e4hrend der ganzen Revolution sollte das Taurische Palais des \u00d6fteren dieses Bild bieten. \u2026&#8220;<\/p>\n<h3 class=\"western\">Die Situation in Petrograd<\/h3>\n<p class=\"western\">&#8222;Es interessierte mich mehr, die letzten objektiven Nachrichten aus der Stadt zu sammeln. Es gab sie, und sie waren keineswegs unwichtig. Die Peter-und-Paul-Festung war gefallen, das war das erste. Die Kapitulation dieser jahrhundertealten Zitadelle der Zaren vollzog sich bekanntlich als eine \u00bbfriedliche Eroberung\u00ab der Revolution: Die Festung kapitulierte ohne einen einzigen Schuss und mit dem gesamten Offizierskorps. Doch in dem Augenblick, in dem ich diese Nachricht erfuhr, war sie noch verfr\u00fcht. Die Festung fiel erst, nachdem sich das Provisorische Komitee der Duma der Revolution angeschlossen und mit dem Festungskommandanten Verhandlungen gef\u00fchrt hatte.<\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">Dann gab es eine zweite Neuigkeit: Die zaristische Regierung hatte sich in der Admiralit\u00e4t eingeschlossen, die von regierungstreuen Truppen und Artillerie verteidigt wurde. Die Revolutionstruppen, hie\u00df es, st\u00fcrmten die Admiralit\u00e4t, ebenfalls mit Artillerieunterst\u00fctzung auf Befehl der Milit\u00e4rkommission. Dieser \u00bbSturm\u00ab fand bekanntlich auch nie statt. In Wirklichkeit liefen die \u00bbtreuen\u00ab Truppen am n\u00e4chsten Tag davon, und die zaristischen Minister versteckten sich f\u00fcr kurze Zeit in anderen Asylen. &#8230; Immerhin war diese Meldung ziemlich beunruhigend, weil sie den Beweis f\u00fcr eine Aktivit\u00e4t zaristischer Truppen lieferte.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\">Daf\u00fcr machte die dritte Neuigkeit alles wett: Kronstadt hatte sich vollz\u00e4hlig der Revolution angeschlossen. \u2026 Diese Meldung anzuzweifeln bestand kein Anlass. Der Ruf Kronstadts war zu eindeutig und zu sehr verdient. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Sp\u00e4ter konnten wir uns davon \u00fcberzeugen, dass alle Versuche, Truppen zur Unterwerfung Petersburgs zu schicken, ergebnislos verliefen. Der Marsch \u00bbJudas\u00ab Iwanows<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote7sym\" name=\"sdfootnote7anc\"><sup>7<\/sup><\/a> und anderer Generale endete in Schande. Alle \u00bbtreuen\u00ab Einheiten blieben treu und gehorchten ihren Vorgesetzten nur bis zu den Bahnh\u00f6fen, dann gingen sie sofort auf die Seite der Revolution \u00fcber, gefolgt von den Vorgesetzten. In den Tagen der Kornilow-Offensive sollte ich noch Dutzende von Malen meine Umgebung an diese Tatsache erinnern, weil ich keine Sekunde glaubte, Kornilow k\u00f6nnte bis Petersburg kommen und die Stadt \u00bbz\u00e4hmen\u00ab. Damals freilich, in jenen kritischen Minuten, erschien alles in einem ganz anderen Licht. \u2026&#8220;<\/p>\n<h3 class=\"western\">Das Duma-Komitee \u00fcbernimmt die Regierung<\/h3>\n<p class=\"western\">&#8222;Alle geschilderten Meldungen \u00fcber die laufenden Ereignisse betrafen die Technik, die Strategie der Revolution. Was geschah aber in dieser Zeit im Bereich der \u00bbgro\u00dfen Politik\u00ab?<\/p>\n<p class=\"western\"><a name=\"_Hlk485035912\"><\/a>Nach meiner R\u00fcckkehr in das Zimmer des Vizepr\u00e4sidenten konnte ich lediglich erfahren, dass Rodsjanko schon seit geraumer Zeit und durchaus wohlbehalten von der Exkursion heimgekehrt war, die er unternommen hatte, um \u00bbletzte Warnungen\u00ab auszusprechen und einen letzten Versuch zu machen, aus dem Zarismus und der Bourgeoisie eine \u00bbEinheitsfront\u00ab gegen die Volksrevolution zu schmieden. Damit kam er allerdings zu sp\u00e4t. Erstens war die Volksrevolution nicht gewillt zu warten, bis sich die feindlichen Kr\u00e4fte mobilisierten. Sie war schon so weit fortgeschritten, dass sogar Blinde erkennen konnten, wie fruchtlos das Aust\u00fcfteln konterrevolution\u00e4rer \u00bbKombinationen\u00ab in den Kreisen des Kabinetts sein musste. Zweitens konnte das letzte zaristische \u00bbMinisterkabinett\u00ab Rodsjanko nicht f\u00fcr Verhandlungen zur Verf\u00fcgung stehen: Es sa\u00df fest in der Admiralit\u00e4t und war nicht mit \u00bbKombinationen\u00ab besch\u00e4ftigt, sondern mit der eigenen Sicherheit. Ich wei\u00df nicht, wen Rodsjanko gefunden hatte und mit wem er im Namen der Reichsduma und aller besitzenden Klassen verhandelte. Aber es war im Verlauf dieser Stunden klargeworden, dass die Taktik, die darin bestand, die Revolution durch eine \u00bbEinheitsfront\u00ab mit den Kr\u00e4ften des Zarismus zu \u00fcberwinden, sicherlich schon riskanter geworden war als die andere Taktik, n\u00e4mlich die der \u00dcberwindung der Demokratie durch den Versuch, die Revolution auszun\u00fctzen und zu z\u00fcgeln, indem man sich ihr anschloss und sich an ihre Spitze stellte. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Unser Aufruf<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote8sym\" name=\"sdfootnote8anc\"><sup>8<\/sup><\/a> konnte nicht warten, und wir arbeiteten eifrig. &#8230; Die Arbeit kam ziemlich z\u00e4h voran. Ich sa\u00df am Schreibtisch, um den unsere \u00bbKommission\u00ab Platz genommen hatte, und notierte die einzelnen S\u00e4tze, die meine Kollegen gemeinsam diktierten. Wir beschlossen, jedwede Politik aus dem Aufruf zu verbannen und darin lediglich eine ganz knappe Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Ereignisse zu geben, die Bildung einer Zentrale der revolution\u00e4ren Demokratie in Gestalt des Sowjets der Arbeiterdeputierten mitzuteilen und die Bev\u00f6lkerung aufzurufen, f\u00fcr die Organisation und Aufrechterhaltung der Ordnung zu sorgen. Nur am Ende wurde die Konstituierende Versammlung als eine Verk\u00f6rperung des demokratischen Regimes erw\u00e4hnt, das als Ziel der Revolution verk\u00fcndet wurde.<\/p>\n<p class=\"western\">Wir arbeiteten seit etwa 15 Minuten. Es war gegen Mitternacht. In diesem Augenblick trat Miljukow aus dem Arbeitszimmer von Rodsjanko. Als er unsere Gruppe sah, kam er direkt auf uns zu. Er machte einen feierlichen Eindruck, und ein gepresstes L\u00e4cheln spielte auf seinen Lippen: \u00bbEs ist beschlossen\u00ab, sagte er. \u00bbWir \u00fcbernehmen die Macht. \u00ab \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Ich fragte nicht, wer unter \u00bbwir\u00ab zu verstehen sei. Ich fragte \u00fcberhaupt nichts mehr. Ich f\u00fchlte jedoch, wie man so sagt, mit meinem ganzen Wesen die neue Lage, die neue, g\u00fcnstige Konjunktur f\u00fcr die Revolution und die neuen Aufgaben der Demokratie, die ihr von diesem Moment an erwuchsen. Ich f\u00fchlte, wie das Schiff der Revolution, das alle diese Stunden vom Sturm herrenlos hin- und hergeworfen worden war, nun die Segel gesetzt hatte, wie seine Bewegungen inmitten des f\u00fcrchterlichen Sturmes und Schaukelns Stetigkeit und Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit angenommen hatten und wie es durch die Untiefen und Riffe hindurch festen Kurs auf einen fernen, im Nebel noch unerkennbaren, aber wohlbekannten Punkt genommen hatte. Jetzt war die Takelung in Ordnung, die Maschine lief, es ging nur noch darum, das Schiff geschickt durch die Hindernisse zu man\u00f6vrieren.<\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">In meinen Augen war die Festigung des Umsturzes jetzt gesichert und die ununterbrochene Arbeit des gesamten Staatsapparates voll gew\u00e4hrleistet: Der Umsturz konnte nicht mehr durch Hunger und Zerfall abgew\u00fcrgt werden. Doch jetzt tauchte eine neue Aufgabe f\u00fcr die Demokratie auf:<\/span> <span style=\"font-size: large;\">Sie durfte nicht zulassen, dass der vollzogene Umsturz zur Grundlage einer bourgeoisen Diktatur werden k\u00f6nne, sondern musste sicherstellen, dass er zum Ausgangspunkt eines echten Sieges der Demokratie werde. \u2026&#8220;<\/span><\/p>\n<h3 class=\"western\">Resumee<\/h3>\n<p class=\"western\"><i>Wie erkl\u00e4rt sich die auf den ersten Blick befremdlich erscheinende Erleichterung und Begeisterung Suchanows \u00fcber die Bereitschaft der Bourgeoisie, die Regierung zu bilden? Warum sah er in dieser Bereitschaft die Chance, dass das &#8222;Schiff der Revolution \u2026 (nun) einen festen Kurs bekommen w\u00fcrde&#8220;?<\/i><\/p>\n<p class=\"western\"><i>Der neue Sowjet von 1917 hatte nicht nur eine andere Genesis, sondern auch eine andere soziale Basis als der Sowjet von 1905. Er war kein Sowjet des Petrograder Proletariats mit intellektueller F\u00fchrung mehr, sondern ein Sowjet, in dem die Delegierten des Proletariats eine Minderheit bildeten. Das von ihm gebildete Exekutivkomitee ging dementsprechend nicht wie in der ersten Revolution 1905 aus der Streikbewegung der Arbeiterschaft hervor, sondern konstituierte sich aus den Kadern der \u00bbsozialistischen und radikalen Intelligenzija\u00ab, den Vertretern der aufst\u00e4ndischen Regimenter sowie den Mitgliedern der Zentralen Arbeitergruppe des Kriegsindustriekomitees, die von der Revolution aus dem Gef\u00e4ngnis befreit worden waren, d.h. aus patriotischen Vaterlandsverteidigern der Menschewiki. Zu erg\u00e4nzen ist, dass dieses Exekutivkomitee anschlie\u00dfend nicht nur von den Soldatendelegierten, sondern auch von den Arbeiterdelegierten des Sowjets best\u00e4tigt wurde.<\/i><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Faktisch hatte damit die radikale Intelligenz der Hauptstadt die F\u00fchrung des Sowjets \u00fcbernommen, parteipolitisch repr\u00e4sentiert durch das B\u00fcndnis von Sozialrevolution\u00e4ren und Menschewiki. Diese F\u00fchrung verdeckte die soziale und politische Basis des Sowjets, die mehrheitlich aus der parteipolitisch nicht organisierten Bauernschaft im Soldatenrock bestand. Die daraus resultierenden Konsequenzen schildert Suchanow sp\u00e4ter in seinem Tagebuch mit beeindruckenden S\u00e4tzen: \u00bbDie unmittelbare Beteiligung der Armee an der Revolution war nichts anderes als eine Form der Einmischung der Bauernschaft in den revolution\u00e4ren Prozess gewesen. (&#8230;) Jetzt war die Bauernschaft in graue Milit\u00e4rm\u00e4ntel gekleidet. Das war der erste Punkt. Au\u00dferdem f\u00fchlte sie sich als Hauptheld der Revolution. Sie stand \u2026 nicht abseits, sondern beugte sich hier mit dem vollen Gewicht ihrer Masse und dazu noch mit dem Gewehr in der Hand \u00fcber die Wiege der Revolution. Und sie erkl\u00e4rte: Ich bin der Herr nicht nur des Landes, nicht nur des russischen Staates, nicht nur der n\u00e4chsten Periode der russischen Geschichte, ich bin der Herr der Revolution, die ohne mich nicht h\u00e4tte vollzogen werden k\u00f6nnen.\u00ab (Suchanow, S. 204\u00a0f)<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Die den Sieg der Februarrevolution sichernde b\u00e4uerliche Armee<\/i><\/span><\/span> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>bestimmte letztendlich den politischen Kurs des Sowjets. Ihr Programm war die baldige Beendigung des Krieges und die Verteilung des Landes an die Bauern. Wie aber sollte dieses Programm umgesetzt werden? Wie konnte man den Krieg beenden und wie das Land verteilen, solange der Krieg noch andauerte? Dar\u00fcber hatte die Bauernschaft keine Vorstellungen. In dieses Vakuum stie\u00df die sozialrevolution\u00e4r-menschewistische Sowjetf\u00fchrung mit ihrer Parole: \u00bbDie Februarrevolution ist eine b\u00fcrgerliche Revolution, deshalb muss die Bourgeoisie die Regierung \u00fcbernehmen.\u00ab<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><i>Eingedenk der Differenzen in den Reihen der Sowjetf\u00fchrung zu den genannten Fragen war es deutlich kl\u00fcger, die Regierungsbildung \u00bbder Bourgeoisie\u00ab zu \u00fcberlassen und den Sowjet als Kontrollorgan der Regierung zu etablieren. Auf diese Weise war es m\u00f6glich, den Sowjet ohne ein gemeinsames politisches Programm zu f\u00fchren und alle Verfehlungen der b\u00fcrgerlichen Regierung anzulasten. Die Politik der sozialrevolution\u00e4r-menschewistischen Sowjetf\u00fchrung reduzierte sich deshalb auf den fortgesetzten Versuch, die b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4fte in die Regierung zu bringen bzw. dort zu halten und sie durch eine Vereinbarung mit dem Sowjet an die Ergebnisse der Februarrevolution zu fesseln, um so ein vermeintliches B\u00fcndnis der Bourgeoisie mit der Konterrevolution gegen den Sowjet zu verhindern. Diese Politik der Sowjetmehrheit wurde in den ersten Monaten auch von der bolschewistischen Parteif\u00fchrung mitgetragen.<\/i><\/p>\n<h2 class=\"western\">Miljukow und die Doppelherrschaft<\/h2>\n<p class=\"western\">&#8222;Die gro\u00dfe Uhr \u00fcber dem Haupteingang zum Saal zeigte halb acht. Es war Zeit, den zweiten Tag der Revolution zu beginnen. Ich begab mich zur Milit\u00e4rkommission, die sich f\u00fcr die Mitglieder des Exekutivkomitees als nat\u00fcrlicher Sammelpunkt anbot. Im Katharina-Saal standen wieder Soldatenketten, von denen niemand wusste, wof\u00fcr sie hier aufgestellt worden waren und was sie bewachten. Soldaten wimmelten hier zu Tausenden. Doch von der Galerie herab konnte ich ein neues Bild sehen. Innerhalb der Kette standen die Soldaten in geordneten Gruppen, es fand irgendeine Ausbildung statt. Die Offiziere stie\u00dfen die gew\u00f6hnlichen Kommandos aus, die Soldaten f\u00fchrten ihre Bewegungen durch, stellten sich in Doppelreihen auf usw. Es sah aus, als werde wenigstens auf einem Gebiet eine gewisse Ordnung geschaffen. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Das Provisorische Komitee der Reichsduma war bestrebt, die neuen Beziehungen zwischen Offizieren und Soldaten in genau der gleichen Form zu gestalten, wie sie schon unter dem Zarismus bestanden hatten. Es hoffte &#8211; und hatte allen Anlass dazu -, dass das Offizierskorps, wenn es sich der Revolution anschl\u00f6sse und sich der Reichsduma zur Verf\u00fcgung stellte, zu einem treuen Diener der Bourgeoisie werde. Naturgem\u00e4\u00df strebte das Provisorische Komitee auch danach, die \u00bbniederen R\u00e4nge\u00ab in den H\u00e4nden dieses Offizierskorps zu dem fr\u00fcheren willenlosen Werkzeug werden zu lassen. Die gesamte Armee, die auf diese Weise unver\u00e4ndert aus den H\u00e4nden des Zaren in die H\u00e4nde der sich selbst verwaltenden Plutokratie \u00fcbergetreten w\u00e4re, h\u00e4tte damit die Basis f\u00fcr eine Diktatur dieser Plutokratie und f\u00fcr ihren Kampf gegen die Demokratie abgegeben.<\/p>\n<p class=\"western\">Auch das Exekutivkomitee des Sowjets traf eilig Ma\u00dfnahmen zur Wiederherstellung der Verbindungen zwischen den verschiedenen Elementen der Armee. Es konnte jedoch nicht zulassen, dass diese Verbindungen die fr\u00fchere Form der mechanischen Unterordnung und des blinden Gehorsams der demokratischen Masse der Soldaten ihren b\u00fcrgerlichen Offizieren gegen\u00fcber annehmen werde. Man war dabei, unser Staatsleben auf neue Grundlagen zu stellen. F\u00fcr die Demokratie setzte das unbedingt neue Verh\u00e4ltnisse innerhalb der Armee voraus, die es auf alle F\u00e4lle unm\u00f6glich machten, dass die Armee f\u00fcr einen Umsturz gegen das Volk im alleinigen Klasseninteresse der Plutokratie eingesetzt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p class=\"western\">In der Milit\u00e4rkommission h\u00f6rte ich, der Anf\u00fchrer der neuen Staatsgewalt habe sich trotz der fr\u00fchen Stunde \u2026 in ein Reserveregiment begeben, um dort auf Ersuchen des Offizierskorps einen Vortrag zu halten. Das offizielle Haupt der neuen Macht sollte an diesem Tage mehr als einmal vor Regimentern sprechen, die von den Offizieren zum Taurischen Palais gef\u00fchrt wurden, um sie der Reichsduma \u00bbvorzustellen\u00ab.<\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">In der Offiziersversammlung des ersten Reserveregiments, wo Miljukow vom gesamten Offizierskorps mit dem Kommandeur an der Spitze erwartet wurde, sagte der neue Minister folgendes: \u00bbDie Aufgabe des Komitees besteht darin, die Ordnung wiederherzustellen und die Staatsgewalt zu organisieren. Daf\u00fcr braucht das Provisorische Komitee unbedingt die Mitwirkung der Milit\u00e4rmacht, die organisiert auftreten soll. Die einzige Gewalt, auf die heute alle h\u00f6ren m\u00fcssen, ist das Provisorische Komitee der Reichsduma. Es darf keine Doppelgewalt geben&#8230;\u00ab Doch in seiner Ansprache an die Soldaten unterstrich der Redner, wie wichtig es f\u00fcr diese sei, mit den der Duma ergebenen Offizieren zusammenzustehen.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\">Den Leibgrenadieren h\u00e4mmerte Miljukow ein: \u00bbWir m\u00fcssen organisiert, eins und einer einzigen Gewalt untertan sein. Diese Gewalt ist das Provisorische Komitee der Reichsduma. Diesem muss man sich unterstellen und keiner anderen Gewalt, denn eine doppelte Gewalt<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote9sym\" name=\"sdfootnote9anc\"><sup>9<\/sup><\/a> ist gef\u00e4hrlich. Suchen Sie Ihre Offiziere, die unter dem Kommando der Reichsduma stehen, und unterstellen Sie sich selbst ihrem Befehl. Das ist heute die wichtigste Tagesaufgabe\u00ab.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Die Ausklammerung der Kriegsfrage<\/h3>\n<p class=\"western\">Miljukow begriff ausgezeichnet, welche Frage als wichtigste auf der Tagesordnung stand. Er war intelligent genug, schon im ersten Augenblick der Revolution, noch ehe gekl\u00e4rt war, wo der Sowjet stand, die sp\u00e4tere Schicksalsfrage &#8211; die der Doppelgewalt &#8211; als ausschlaggebend zu erkennen.<\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">Es ist interessant und verdient an dieser Stelle vermerkt zu werden, dass das Dumakomitee vorsichtig genug war, in seiner damaligen Agitation die Probleme des Krieges und des Friedens nicht allzu deutlich aufzuwerfen. Der Anf\u00fchrer und Spiritus rector unseres Imperialismus, f\u00fcr den das Problem des Umsturzes g\u00e4nzlich ein Problem des \u00bbKrieges bis zum Ende\u00ab, des Krieges f\u00fcr Konstantinopel, f\u00fcr die Dardanellen und f\u00fcr wei\u00df der Teufel noch was war, war sich durchaus bewusst, dass das Herausstellen der Kriegsfrage eine sofortige Reaktion bei der Demokratie hervorrufen musste, und zwar eine so heftige und so eindeutige Reaktion, dass die \u00bbKombination\u00ab mit der Dumagewalt dadurch platzen musste.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\">Der Sowjet seinerseits hat nicht nur darauf verzichtet, die Kriegsfrage hochzuspielen, sondern er hat die zu Beginn der Bewegung verk\u00fcndeten Antikriegsparolen, deren Forcierung im gegebenen Augenblick unweigerlich zu einem Zusammenbruch der Regierungskombination gef\u00fchrt h\u00e4tte, von der Tagesordnung gestrichen. Die Anf\u00fchrer des Dumablocks begriffen wohl, dass darauf mit Gegenseitigkeit geantwortet werden musste. Miljukow zog darum vor, sein au\u00dfenpolitisches Programm (das alte zaristische Programm) zwar unab\u00e4nderlich, aber allm\u00e4hlich zu verwirklichen. Der Sowjet hatte allerdings auch im Auge, sein Friedensprogramm \u00bballm\u00e4hlich, aber unab\u00e4nderlich zu verwirklichen\u00ab.<\/p>\n<p class=\"western\">So trat der rechte Fl\u00fcgel schon am Morgen des 28. Februar auf der gesamten Front zum Angriff auf die Garnison mit dem Ruf an: \u00bbKehrt in Ruhe zur\u00fcck in die Kasernen, gehorcht den Offizieren, die der Reichsduma unterstellt sind, und h\u00f6rt auf niemand sonst wegen der Gefahr der Entstehung einer Doppelgewalt!\u00ab<\/p>\n<p class=\"western\">Es leuchtet ein, dass unser Exekutivkomitee neben den unaufschiebbaren Aufgaben des inneren Aufbaus unverz\u00fcglich Ma\u00dfnahmen zur Organisation der Agitation ergreifen musste, namentlich unter der Garnison. Ebenso dringend waren Wahlen zum Sowjet in allen Truppenteilen.&#8220;<\/p>\n<h3 class=\"western\">Das Exekutivkomitee nimmt Gestalt an<\/h3>\n<p class=\"western\">&#8222;Langsam trafen die Mitglieder des Exekutivkomitees im Sitzungssaal des Sowjets ein. Es musste unbedingt eine bequeme oder zumindest abgeschiedene Stelle f\u00fcr die Arbeit des Exekutivkomitees gefunden werden. Ich sah daf\u00fcr das Zimmer 13 vor &#8211; das ehemalige Arbeitszimmer des Vorsitzenden der Budgetkommission -, schrieb einen entsprechenden Zettel und machte ihn an der T\u00fcr zwischen dem Sitzungssaal des Sowjets und Zimmer 13 fest. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Die Sitzung des Exekutivkomitees konnte nun er\u00f6ffnet werden. Es waren nicht nur alle gew\u00e4hlten Mitglieder versammelt, sondern auch die Vertreter der Parteien, die in das Exekutivkomitee mit Stimmrecht zugelassen werden sollten.<\/p>\n<p class=\"western\">Ich muss mich jetzt etwas \u00fcber die Zusammensetzung dieses ersten Exekutivkomitees verbreiten, das die Grundlage der Revolution schuf. Dies erscheint mir umso erforderlicher, als die Zusammensetzung, die Haltung und die Rolle dieses ersten leitenden Organs der Politik der revolution\u00e4ren Demokratie selbst von denen, die es wissen m\u00fcssten, v\u00f6llig falsch beschrieben und noch irriger gedeutet wird. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Demgegen\u00fcber kann schon die Zusammensetzung dieser Einrichtung \u00fcber ihre Physiognomie Aufschluss geben. Der Sowjet hatte in das Exekutivkomitee, wie wir gesehen haben, als Pr\u00e4sidiumsmitglieder die Duma-Abgeordneten Kerenski, Skobelew und Tscheidse, als Sekret\u00e4re Gwosdew, Grinewitsch-Schechter, Pankow und Sokolow und als Mitglieder schlie\u00dflich die nachfolgenden acht Personen (alphabetisch) gew\u00e4hlt: Alexandrowitsch-Dmitrewskij, Belenin-Schljapnikow, Kapelin- skij, Pawlowitsch-Krassikow, Petrow-Salutzkij, Schatrow-Sokolowskij, Steklow-Nachamkes und Suchanow-Himmer. An erster Stelle in dieser Liste ist das Pseudonym angegeben, unter dem der Tr\u00e4ger des Namens \u00f6ffentlich oder literarisch bekannt war und unter dem er in das Exekutivkomitee gew\u00e4hlt wurde. Diese \u00bbPseudonyme\u00ab und \u00bbAnonyme\u00ab erwiesen sich bald als dankbare Quelle f\u00fcr eine Hetze gegen die f\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeiten des Sowjets. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">An dem erw\u00e4hnten Morgen kamen zu den oben angef\u00fchrten, gew\u00e4hlten Mitgliedern des Exekutivkomitees noch die Vertreter der Parteien hinzu. Sie erschienen nicht alle auf einmal; einige nahmen erst am n\u00e4chsten Tag an den Sitzungen teil, andere noch einige Tage sp\u00e4ter. Doch die Mehrzahl war schon am 28. Februar\/13. M\u00e4rz anwesend. Es waren von den Bolschewiken: Molotow-Skrjabin, sp\u00e4ter Stalin-Dshugaschwili, von den Bundisten: Ehrlich und Rafes, der einige Tage sp\u00e4ter durch Lieber ersetzt wurde, von den Menschewiken: Bogdanow und Baturskij, von den Trudowiki: Bramson und Tschajkowskij (der durch Stankewitsch ersetzt wurde), von den SR: <\/span><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"fr-FR\">N. <\/span><\/span><span style=\"font-size: large;\">S. Russanow und W. M. Sensinow, von den Volkssozialisten: A. W. Peschechonow und Tschernolusskij, von den Sozialdemokraten: der \u00bbMeshrajonez\u00ab I. Jurenew, von den lettischen Sozialdemokraten: die unzertrennlichen Stutschka und Koslowski. Es mag sein, dass ich den einen oder anderen Namen vergessen oder dadurch einige zu viel erw\u00e4hnt habe, weil die Vertreter der Parteien der Narodniki-Richtung sich \u00e4u\u00dferst selten bei den Sitzungen vollz\u00e4hlig einfanden und der rechte Fl\u00fcgel des Exekutivkomitees nicht so stark war, wie es die blo\u00dfe Aufz\u00e4hlung der angef\u00fchrten Namen erscheinen lassen k\u00f6nnte.&#8220;<\/span><\/p>\n<h3 class=\"western\">Das politische Gesicht des Exekutivkomitees<\/h3>\n<p class=\"western\">&#8222;An dieser Stelle muss ich noch auf einen wesentlichen Punkt eingehen, n\u00e4mlich auf das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis der verschiedenen Str\u00f6mungen innerhalb des ersten Exekutivkomitees. Obgleich bei der Wahl seiner Mitglieder auf der ersten Sitzung des Sowjets unbestreitbar eine starke Portion Zufall mitspielte, muss doch folgender Umstand hervorgehoben werden: Der \u00bbgew\u00e4hlte\u00ab Teil des Exekutivkomitees war sehr weit linksstehend und bestand \u00fcberwiegend aus Vertretern der Zimmerwald- Richtung. Den rechten Fl\u00fcgel, den der \u00bbVaterlandsverteidiger\u00ab, die zun\u00e4chst kein besonderes Gewicht hatten, aber sp\u00e4ter eine f\u00fchrende Rolle in der Revolution spielten, bildeten die Vertreter der Parteien, die von ihren Zentralen in das Exekutivkomitee abgestellt worden waren.<\/p>\n<p class=\"western\">Was das Pr\u00e4sidium anbelangt (soweit es in das Exekutivkomitee delegiert worden war), so l\u00f6ste sich Kerenski sofort vom Sowjet, entschwand in den rechten Fl\u00fcgel des Palais und vertauschte anschlie\u00dfend das Taurische Palais gegen das Marien- und das Winterpalais; er tauchte im Exekutivkomitee nur bei besonderen Anl\u00e4ssen auf (insgesamt zwei oder dreimal) und nahm an dessen Arbeit \u00fcberhaupt nicht teil. Die in das Pr\u00e4sidium gew\u00e4hlten Mitglieder der sozialdemokratischen Fraktion der Duma Skobelew und Tscheidse verharrten in der ersten Periode der Revolution hartn\u00e4ckig in der Rolle des typischsten und undurchdringlichsten \u00bbSumpfes\u00ab; sp\u00e4ter, nach der Bildung einer festen sozialrevolution\u00e4r-opportunistischen, b\u00e4uerlich-soldatischen Mehrheit, lie\u00dfen sie sich von deren tats\u00e4chlichen F\u00fchrern am Z\u00fcgel f\u00fchren. Davon wird noch sp\u00e4ter die Rede sein. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Den rechten Fl\u00fcgel des \u00bbgew\u00e4hlten\u00ab Exekutivkomitees stellte ganz allein der Erz-\u00bbVaterlandsverteidiger\u00ab Gwosdew dar. Somit h\u00e4tte die Zimmerwalder Richtung im ersten Exekutivkomitee eine ganz sichere und stabile Mehrheit bilden k\u00f6nnen. Doch am n\u00e4chsten Tag, dem 1.\/14.\u00a0M\u00e4rz, wurde das Exekutivkomitee durch neun Vertreter einer neugebildeten \u00bbSoldatensektion\u00ab des Sowjets verw\u00e4ssert. In ihrer \u00fcberw\u00e4ltigenden Mehrheit hatten diese Leute kein klares politisches Gesicht und bildeten bei den ersten Schritten der Revolution einen Sumpf. Als sich die SR-Mehrheit heraussch\u00e4lte, schloss sich der gr\u00f6\u00dfte Teil von ihnen dieser an, weil er zur \u00bbBauernpartei\u00ab strebte. \u2026 Am Anfang machten diese neun Soldaten den Boden unter der linken Mehrheit unsicher, doch sie verschoben den Schwerpunkt des Exekutivkomitees nicht und ver\u00e4nderten auch nicht sein Gesicht.<\/p>\n<p class=\"western\">Noch eine andere Eigenschaft des ersten Exekutivkomitees f\u00e4llt auf: Es war in seiner Zusammensetzung ziemlich kl\u00e4glich. In den ersten Wochen der Revolution fand man darin keinen der anerkannten F\u00fchrer der sozialistischen Parteien und keine der k\u00fcnftigen zentralen Gestalten der Revolution. Einige von ihnen sa\u00dfen in der Verbannung, andere waren im Ausland.<\/p>\n<p class=\"western\">Im \u00dcbrigen fanden sich die Leiter des Exekutivkomitees, die die Revolution begonnen hatten, bald danach in der Minderheit und mussten in die Opposition gehen. Die Spitzenrollen \u00fcbernahmen die alten und bew\u00e4hrten Parteif\u00fchrer. Jedoch vertraten diese schon andere Str\u00f6mungen, und sie gaben der Politik des Sowjets ihren eigenen Impuls. Es ist indessen zweifelhaft, ob die Revolution dadurch etwas gewonnen hat, dass sie die bescheidenen Kuckucke gegen die gl\u00e4nzenden Habichte vertauschte.<\/p>\n<p class=\"western\">Die Sitzung des Exekutivkomitees begann schon gegen 11\u00a0Uhr. Es scheint mir heute, als habe das Komitee in den ersten Tagen vierundzwanzig Stunden am Tage ununterbrochen gearbeitet. Aber was war das f\u00fcr eine Arbeit! &#8211; ein wilder und ermattender Hindernislauf. \u2026&#8220;<\/p>\n<h3 class=\"western\">Wer hat die Macht?<\/h3>\n<p class=\"western\">&#8222;Zur Popularisierung des Sowjets trug nat\u00fcrlich auch die Tatsache bei, dass die faktische Gewalt oder, richtiger ausgedr\u00fcckt, die reale Macht &#8211; soweit damals \u00fcberhaupt von einer Macht gesprochen werden konnte &#8211; in seinen H\u00e4nden lag. Das wusste jeder B\u00fcrger. Formell lag die Macht zwar beim Dumakomitee, das eine durchaus rege T\u00e4tigkeit entfaltete, rasch die Posten und Funktionen unter den Abgeordneten des \u00bbProgressiven Blocks\u00ab, der \u00bbProgressisten\u00ab sowie &#8211; was sehr bezeichnend ist &#8211; der Trudowiki, verteilte und dar\u00fcber hinaus in der Nacht vor dem 28. Februar\/ \u00a013. M\u00e4rz und an diesem Tage selbst noch Zeit fand, einen ganzen Sto\u00df von Erlassen, Ernennungen, Verf\u00fcgungen und Aufrufen herauszugeben. Doch es war eine papierne oder, wenn man will, eine \u00bbmoralische\u00ab Gewalt; insbesondere besa\u00df sie keine reale Macht zur Durchf\u00fchrung der n\u00e4chstliegenden \u00bbtechnischen\u00ab Aufgabe, der Wiederherstellung der Ordnung und des normalen Lebens in der Stadt. Wenn jemand \u00fcber Mittel dazu verf\u00fcgte, so war es der Sowjet, der die Massen der Arbeiter und Soldaten in seinen Griff zu bekommen begann und dar\u00fcber verf\u00fcgen konnte. Es war jedem klar, dass dem Sowjet alle vorhandenen Arbeiterorganisationen zur Verf\u00fcgung standen, dass es von ihm abhing, die stillstehenden Stra\u00dfenbahnen, Fabriken, Zeitungen wieder in Gang zu bringen und sogar die Ordnung wiederherzustellen. \u2026&#8220;<\/p>\n<h3 class=\"western\">Resumee<\/h3>\n<p class=\"western\"><i>Scheinbar hatte Russland ab M\u00e4rz 1917 mit dem Sowjet und der Provisorischen Regierung zwei Machtzentren. Existierte damit eine &#8222;Doppelherrschaft&#8220;, wie es die bis heute g\u00e4ngige Erkl\u00e4rung dieser Erscheinung ist? Keineswegs. Den Akteuren in der Provisorischen Regierung und der Sowjetf\u00fchrung war die reale Machtverteilung v\u00f6llig klar, wie es Suchanow beschreibt. Die Macht der Regierung war eine &#8222;papierene&#8220;, die reale Macht lag beim Sowjet.<\/i><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Die Provisorische Regierung musste versuchen, dem Sowjet die reale Macht zu entwinden, wenn sie nicht nur eine Regierung von seinen Gnaden f\u00fchren wollte. Dies erkl\u00e4rt den roten Faden, der die Politik aller provisorischen Regierungen des Revolutionsjahres durchzieht. Sie mussten die Macht des Sowjets entweder zerschlagen (Miljukow, Gutschkow, Kornilow) oder ihn eingrenzen bzw. absterben lassen (Kerenski). Beides scheiterte, denn der Sowjet blieb das gesamte Revolutionsjahr die bestimmende politische und milit\u00e4rische Macht und lie\u00df im Oktober die Provisorische Regierung verhaften.<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<h2 class=\"western\">Das Exekutivkomitee ber\u00e4t \u00fcber die Regierungsbildung<\/h2>\n<p class=\"western\">&#8222;Die Beratung begann. Die Wachen und das neue Personal b\u00e4ndigten mit M\u00fche den Andrang von Leuten, die mit \u00bbau\u00dferordentlichen\u00ab und \u00bbunaufschiebbaren\u00ab Angelegenheiten zum Komitee vorzudringen suchten.<\/p>\n<p class=\"western\">Der Beginn der Sitzung verlief ziemlich freundschaftlich und sinnvoll. Sehr schnell stellte sich die allgemeine Tendenz heraus, sich an der Regierung nicht zu beteiligen. Niemand trat damals stark, grunds\u00e4tzlich und konsequent f\u00fcr die Koalition ein. Allerdings nahmen die interessantesten Verfechter der Koalition an dieser Sitzung nicht teil. Jedenfalls verlagerte sich das Schwergewicht der Debatten auf die Ausarbeitung von Bedingungen f\u00fcr die \u00dcbergabe der Macht an die Provisorische Regierung, die vom Dumakomitee gebildet werden sollte. Die Tatsache selbst, dass eine gro\u00dfb\u00fcrgerliche Regierung gebildet werden sollte, wurde als etwas bereits Beschlossenes akzeptiert, und soweit ich mich erinnern kann, gab es damals keine einzige Stimme, die sich dagegen und f\u00fcr eine demokratische Regierung ausgesprochen h\u00e4tte. Dabei nahmen an der Sitzung von Anfang an der offizielle Bolschewik Salutzkij und der nicht offizielle Krassikow teil, w\u00e4hrend Schljapnikow dem Exekutivkomitee einige Zeit sp\u00e4ter den neuen bolschewistischen Vertreter, Molotow, vorstellte. Ein Protokoll wurde auch jetzt nicht gef\u00fchrt.<\/p>\n<p class=\"western\">Aus Kronstadt kam die Nachricht von Offiziersmisshandlungen; Admiral Wiren und andere, hie\u00df es, seien ermordet worden. Das war ein au\u00dferordentliches Ereignis, das den krankhaft nerv\u00f6sen Massen zum Signal dienen konnte, unter dem verhassten Offizierskorps ein riesiges Blutbad anzurichten. Diese Neigung musste im Keime erstickt werden. Jemand wurde darum schleunigst nach Kronstadt abgeordnet &#8230; Aber es gab noch andere Meldungen \u00fcber Gewaltakte gegen\u00fcber Offizieren. Man beschloss darum, unverz\u00fcglich einen Aufruf an die Soldaten zu erlassen, in dem die Lynchjustiz verurteilt und darauf hingewiesen wurde, dass die Masse der Offiziere sich der Revolution angeschlossen habe. Es d\u00fcrfe darum keine wahllose Massenrache ge\u00fcbt, sondern nur die Schuldigen d\u00fcrften zur Rechenschaft gezogen werden. Ich entwarf inmitten des L\u00e4rmes und der Unordnung eine kurze Proklamation in diesem Sinne, die aber nicht sonderlich gut ausfiel. Steklow \u00fcbernahm es, sie neu zu redigieren. Dann wurde sie eilig durchgelesen und in die Druckerei geschickt, um abends oder in der Nacht in der Stadt ausgeh\u00e4ngt zu werden.<\/p>\n<p class=\"western\">Gegen 18:00 Uhr abends nahm das Komitee seine Sitzung wieder auf und setzte die Beratung \u00fcber die Frage der Staatsgewalt fort. Diesmal war das Exekutivkomitee &#8211; insgesamt \u00fcber zwanzig Personen &#8211; vollz\u00e4hlig anwesend.<\/p>\n<p class=\"western\">Die Diskussionsordnung war folgenderma\u00dfen festgelegt worden: Zun\u00e4chst sollten der Charakter und die Klassenzusammensetzung der ersten revolution\u00e4ren Regierung festgelegt werden, also ob sie b\u00fcrgerlich, demokratisch oder eine Koalitionsregierung sein sollte; dann wollte man \u00fcber die Forderungen sprechen, die der neuen Regierung vorzulegen waren; schlie\u00dflich stand die personelle Zusammensetzung der Regierung zur Debatte. Bei dem ersten Punkt gab es die meisten Schwierigkeiten und Meinungsverschiedenheiten. Zwar redete niemand auch nur andeutungsweise von einer sowjetisch-demokratischen Regierung, \u2026 daf\u00fcr lieferten die Anh\u00e4nger einer Koalition, die gegen\u00fcber dem Vormittag eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von Vertretern mobilisiert hatten, eine gr\u00fcndliche Schlacht.<\/p>\n<p class=\"western\">Schlie\u00dflich wurde mit dreizehn Stimmen gegen sieben oder acht beschlossen, keine Vertreter der Demokratie in das Miljukow-Ministerium zu entsenden und keine Teilnahme an dieser Regierung zu fordern. Dieser Punkt ist wesentlich, denn er ist nicht ohne Bedeutung f\u00fcr die Beurteilung der Meinungsverschiedenheiten mit Kerenski, von denen sp\u00e4ter die Rede sein wird.<\/p>\n<p class=\"western\">Bei der Diskussion \u00fcber den zweiten Punkt gab es, soweit ich mich entsinne, fast keine Meinungsverschiedenheiten. Es wurde vorgeschlagen und beschlossen, den Punkt \u00fcber die politischen Freiheiten durch einen Abschnitt zu erweitern, der die neu erk\u00e4mpften b\u00fcrgerlichen Rechte auch auf die Soldaten ausdehnte, die au\u00dferhalb des Dienstes einen b\u00fcrgerlichen Status erhalten sollten. Die ungeheure Bedeutung dieses Punktes d\u00fcrfte kaum bestritten werden k\u00f6nnen. Der Kampf der Demokratie um die Armee wurde durch die besondere Herausstellung dieser Bedingung erheblich erleichtert. Dank dieser Tatsache bekam der Sowjet die Armee sehr viel schneller und schmerzloser in seine Gewalt.<\/p>\n<p class=\"western\">Eine weitere Seite derselben Angelegenheit, n\u00e4mlich der Entwicklung und Sicherstellung der Freiheiten, war die Forderung nach Beseitigung der Polizei und ihre Ersetzung durch eine Volksmiliz, die nicht mehr der Zentralgewalt unterstellt werden sollte. Auch diese Erg\u00e4nzung hatte eine ungeheure und offensichtliche Tragweite. Man kann sich nur dar\u00fcber wundern, dass die bewussten proletarischen Elemente in Deutschland, trotz der Lehre der russischen Revolution, anderthalb Jahre sp\u00e4ter diese unabdingbare und elementare Forderung missachten und die kaiserliche Polizei unangetastet in den H\u00e4nden der plutokratischen Gegenrevolution Scheidemanns lassen konnten.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote10sym\" name=\"sdfootnote10anc\"><sup>10<\/sup><\/a> Wie Scheidemann sich in den Januartagen dieses unersetzlichen Werkzeugs unverz\u00fcglich bediente, h\u00e4tte auch Miljukow in den Apriltagen davon Gebrauch gemacht, wenn die Demokratie sie ihm nicht gleich zu Beginn aus den H\u00e4nden gerissen h\u00e4tte. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Zu den Fragen der Einberufung einer konstituierenden Versammlung und der Volksherrschaft wurde vorgeschlagen und beschlossen, erstens m\u00f6glichst bald und auf m\u00f6glichst demokratischer Grundlage Gemeindewahlen in den St\u00e4dten und auf dem Lande durchzuf\u00fchren und zweitens zu fordern, dass die Regierung keinerlei Schritte unternehme, die die k\u00fcnftige Form der Staatsgewalt pr\u00e4judizieren k\u00f6nnten &#8211; letzteres, damit die konstituierende Versammlung die Frage nach Republik oder Monarchie v\u00f6llig frei entscheiden k\u00f6nne.<\/p>\n<p class=\"western\">Der letzte Punkt &#8211; die personelle Zusammensetzung der Regierung &#8211; wurde ohne jegliche Schwierigkeit entschieden. Es wurde beschlossen, sich in diese Angelegenheit nicht einzumischen und es der Bourgeoisie zu \u00fcberlassen, die Regierung nach Gutd\u00fcnken zu bilden. \u2026 Die Beratung war abgeschlossen, nun mussten diese Beschl\u00fcsse des Exekutivkomitees noch von dem Sowjet gebilligt werden.&#8220;<\/p>\n<h3 class=\"western\">Der Befehl Nr. 1<\/h3>\n<p class=\"western\">&#8222;Es muss schon gegen 20 Uhr gewesen sein. Die Sitzung des Sowjets dauerte noch an, n\u00e4herte sich jedoch ihrem Ende. Die Zahl der Anwesenden schmolz bereits ebenso wie die der Teilnehmer an den politischen Versammlungen und die des Volkes in den \u00fcbrigen S\u00e4len des Palais dahin. Der Sowjet beendete gerade die Behandlung von Soldatenfragen und traf praktische Ma\u00dfnahmen f\u00fcr das Leben der Garnison. Es wurde beschlossen, im Sowjet eine Soldatensektion zu bilden und daf\u00fcr Wahlen durchzuf\u00fchren. Jede Kompanie sollte einen Abgeordneten w\u00e4hlen. Dann wurde verordnet, in allen politischen Angelegenheiten nur die Weisungen des Sowjets auszuf\u00fchren, Weisungen der Milit\u00e4rkommission dagegen nur insoweit, als sie denen des Sowjets nicht widersprachen. Dar\u00fcber hinaus wurde beschlossen, Richtlinien f\u00fcr die Wahl von Kompanie- und Bataillonskomitees zu erlassen, die f\u00fcr die gesamte innere F\u00fchrung der Regimenter und Kasernen verantwortlich sein sollten. Das Exekutivkomitee hatte am Zustandekommen dieser Beschl\u00fcsse keinen Anteil und leitete auch die Sitzung nicht. Alle Beschl\u00fcsse waren buchst\u00e4blich die Stimme der Soldatenmassen selbst.<\/p>\n<p class=\"western\">Der Sowjet, der mehrere Stunden ohne Pause intensiv gearbeitet hatte, ging bereits auseinander. Er musste sich aber noch den Bericht des Exekutivkomitees \u00fcber die Staatsgewalt anh\u00f6ren und das vom Exekutivkomitee vorgesehene Aktionsprogramm billigen. Von einer sorgf\u00e4ltigen Beratung dieses Berichtes konnte jetzt nat\u00fcrlich keine Rede mehr sein. Die Kr\u00e4fte der in einer solchen Arbeit unge\u00fcbten Abgeordneten waren ersch\u00f6pft. Aber wenigstens die allgemeinen Grunds\u00e4tze mussten vorab gebilligt werden. Steklow begab sich darum zum Sowjet, um ihm Bericht zu erstatten. &#8230;<\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Als ich etwas sp\u00e4ter in das Zimmer 13 zur\u00fcckkehrte, in dem vor kurzem das Exekutivkomitee getagt hatte, bot sich mir folgende Szene: Am Schreibtisch sa\u00df <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"fr-FR\">N.<\/span><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">D.\u00a0Sokolow und schrieb. Er war von allen Seiten von sitzenden, stehenden und sich \u00fcber ihn h\u00e4ngenden Soldaten umringt, die ihm entweder etwas diktierten oder ihm suggerierten, was er schreiben sollte. Es stellte sich heraus, dass es sich um die Kommission handelte, die vom Sowjet den Auftrag erhalten hatte, den \u00bbSoldatenbefehl\u00ab zu entwerfen. Es gab weder Ordnung noch irgendeine Beratung; alle sprachen auf einmal, alle waren zutiefst in ihre Arbeit versunken und formulierten ihre kollektive Meinung ohne jede Abstimmung. Ich blieb stehen und h\u00f6rte h\u00f6chst interessiert zu. Als die Arbeit beendet war, setzte man an den Kopf des Blattes die \u00dcberschrift: \u00bbBefehl Nr.1\u00ab. Das ist die Geschichte dieses Dokumentes, das so bekannt werden sollte. Der Befehl war in jeder Hinsicht eine \u00bbVolkssch\u00f6pfung\u00ab und in keiner Weise das b\u00f6swillige Produkt einer Einzelperson oder einer leitenden Gruppe.&#8220;<\/span><\/span><\/p>\n<h3 class=\"western\">Resumee<\/h3>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Da der Sieg der Revolution auf das \u00dcberlaufen der Armee zur\u00fcckzuf\u00fchren war, spielten die b\u00e4uerlichen Soldaten die entscheidende Rolle in dem Sowjet. Dies wurde sowohl in den ersten Ma\u00dfregeln des Sowjets als auch in seinem Wahlverfahren deutlich. Der Petersburger Sowjet glich in den ersten Wochen seines Bestehens einer riesigen permanenten Arbeiter- und Soldatenversammlung. wobei die Soldatendelegierten die der Arbeiter um das Zwei- bis Dreifache \u00fcberstieg.<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Die Dominanz der Soldaten spiegelt sich auch in den Beschl\u00fcssen des Sowjets wider. Mit seinem \u00bbBefehl Nr. 1\u00ab verf\u00fcgte er die Bildung von gew\u00e4hlten Soldatenkomitees in allen milit\u00e4rischen Einheiten von der Kompanie aufw\u00e4rts, die Unterstellung der Truppenteile in allen politischen Angelegenheiten unter den Sowjet und die Gew\u00e4hrung aller b\u00fcrgerlichen Freiheitsrechte f\u00fcr die Soldaten. Die Befehle der vom Duma-Komitee eingesetzten milit\u00e4rischen Kommission, die das Oberkommando \u00fcber die Garnison beanspruchte, sollten nur dann befolgt werden, wenn sie zu den Befehlen und Beschl\u00fcssen des Sowjets nicht im Widerspruch standen. Damit besa\u00df der Petersburger Arbeiter- und Soldatenrat die faktische Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber die Garnison. Da mit dem Sturz des Zaren bis auf die Armee alle St\u00fctzen des alten Regimes von Polizei und Geheimdienst bis zur Beamtenschaft<\/i><\/span><\/span> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>verschwunden waren, um sich dem Volkszorn zu entziehen, gab es keinen Staatapparat mehr, den die Revolution h\u00e4tte zerschlagen k\u00f6nnen, und damit verf\u00fcgte der Sowjet \u00fcber die Macht im Staat.<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<h2 class=\"western\">Die Verhandlung mit der Provisorischen Regierung<\/h2>\n<p class=\"western\">&#8222;Es war an der Zeit, eine gemeinsame Sitzung mit dem Dumakomitee zu organisieren, um eine provisorische Regierung zu gr\u00fcnden und ihr Programm festzulegen. Doch die Mitglieder des Exekutivkomitees hatten sich schon in alle Winde zerstreut, ohne dieser \u00bbgro\u00dfen Politik\u00ab gen\u00fcgend Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. So begab ich mich auf eigenes Risiko in den rechten Fl\u00fcgel, um ein Treffen zu vereinbaren. \u2026 Ich bat irgendein Mitglied des Dumakomitees herbeizurufen. Es kam Nekrassow.&#8220;<\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Liberation Serif;\"><span style=\"font-size: large;\">\u00abUnd was m\u00f6chten Sie eigentlich besprechen\u00ab fragte er nach meiner Erkl\u00e4rung. Aus seiner Haltung gewann ich den Eindruck, dass man in seinem Komitee unsere entscheidende Begegnung ebenfalls als unausweichlich betrachtete. Weil man sich dort aber \u00fcber die Stimmungen im sowjetischen Lager keine genaue Rechenschaft ablegte, zog man es offensichtlich vor, eine abwartende Haltung einzunehmen. Vielleicht glaubte man im Dumakomitee, dass man nach der ungehinderten \u00dcbernahme der formellen Macht ohne St\u00f6rung und Einmischung auch die tats\u00e4chliche Macht werde erobern und mit eigenen Kr\u00e4ften klammheimlich in der gew\u00fcnschten Form und in den gew\u00fcnschten Grenzen festigen k\u00f6nnen. Vielleicht hatte man dort angenommen, dass die Fragen der allgemeinen Politik zwischen uns &#8211; wie bisher &#8211; \u00fcberhaupt nicht aufgeworfen w\u00fcrden. In einem Punkt kann es jedoch keinen Zweifel geben: Das Dumakomitee war tats\u00e4chlich bestrebt, sich mit den Vertretern der Demokratie \u00fcber die \u00bbAnarchie\u00ab und den \u00bbZerfall der Armee\u00ab zu \u00bbunterhalten\u00ab. Es ist sicher, dass es zu diesem Zweck um unsere \u00bbHilfe\u00ab ersuchen wollte, im Bestreben, mit unseren H\u00e4nden die revolution\u00e4re Armee und das Proletariat <\/span><span style=\"font-size: large;\"><i><b>sich<\/b><\/i><\/span> <span style=\"font-size: large;\">h\u00f6rig zu machen. Insofern vermag ich nicht zu sagen, in welchem Ma\u00dfe ich Nekrassow verwunderte oder \u00e4rgerte, als ich auf seine Frage antwortete: \u00bbWir werden nicht umhink\u00f6nnen, \u00fcber die allgemeine Lage zu sprechen. Nekrassow \u00fcberbrachte diese Mitteilung dem Provisorischen Komitee und kehrte zur\u00fcck mit der Antwort: \u00bbDie Vertreter des Sowjets der Arbeiterdeputierten werden um 24 Uhr erwartet\u00ab.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\">Bis Mitternacht war es noch eine knappe halbe Stunde. Bis dahin sollte auch Kerenski zur\u00fcck sein, und wir &#8211; das hei\u00dft das Exekutivkomitee &#8211; mussten unverz\u00fcglich unsere Vertretung zusammenstellen. Doch das Exekutivkomitee war zu dieser Stunde auseinandergegangen und konnte an der Besprechung nicht vollz\u00e4hlig teilnehmen. Dazu bestand aber auch keine Notwendigkeit. Viel schlimmer war, dass es keine formell bevollm\u00e4chtigte Delegation gab und wir keine Zeit mehr hatten, eine solche zu w\u00e4hlen. Es blieb nichts anderes \u00fcbrig, als mit den wenigen noch vorhandenen Mitgliedern privat zu sprechen, was zu dem Ergebnis f\u00fchrte, dass die F\u00fchrung der Verhandlungen vier Personen \u00fcbertragen wurde: Tscheidse, Sokolow, Steklow und mir.<\/p>\n<p class=\"western\">Kurz nach Mitternacht versammelten wir uns vor der T\u00fcr des Dumakomitees. \u2026 Wir wurden aufgefordert, in das Beratungszimmer des Dumakomitees zu treten. Es war offensichtlich eine ehemalige Kanzlei mit einer ganzen Reihe von Schreibtischen und gew\u00f6hnlichen St\u00fchlen in Beh\u00f6rdenanordnung. Hier und da standen noch zwei oder drei verschiedenartige Sessel, aber es gab keinen gro\u00dfen Tisch, an den man sich f\u00fcr eine anst\u00e4ndige und korrekte Sitzung h\u00e4tte setzen k\u00f6nnen. Hier herrschten nicht das Chaos und die Verwirrung, die man bei uns antraf, dennoch machte das Zimmer einen unordentlichen Eindruck. Es war verraucht, schmutzig, man sah \u00fcberall Zigarettenreste, Flaschen, unaufger\u00e4umte Gl\u00e4ser, zahlreiche Teller, die einen leer, die anderen noch mit allen m\u00f6glichen Speisen darauf, bei deren Anblick unsere Augen von Begierde gepackt wurden.<\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Links vom Eingang, im entferntesten Teil des Zimmers, sa\u00df Rodsjanko an einem Tisch und trank Mineralwasser. An einem anderen Tisch ihm gegen\u00fcber sa\u00df Miljukow \u00fcber einem Stapel von Akten, Notizen und Telegrammen. Am n\u00e4chsten Tisch, nahe dem Eingang, sa\u00df Nekrassow. Hinter ihm, schon gegen\u00fcber der T\u00fcr, setzten sich drei oder f\u00fcnf unbekannte und wenig markante Abgeordnete, die eine reine Zuschauerrolle spielten. In der Mitte des Zimmers, zwischen den Tischen Rodsjankos und Nekrassows, setzten sich auf Sessel und St\u00fchle der zuk\u00fcnftige Ministerpr\u00e4sident <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"fr-FR\">G.<\/span><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">E.\u00a0Lwow, Godnew, Adshemow, Schidlowskij und der andere Lwow, der Prokurator des Heiligen Synods,<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote11sym\" name=\"sdfootnote11anc\"><sup>11<\/sup><\/a> derselbe, der sp\u00e4ter als Abgesandter Kornilows zu Kerenskij fahren sollte. Hinter ihnen hielt sich, meistens stehend oder wandelnd, Schulgin.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\">Ob noch jemand anwesend war, wei\u00df ich nicht mehr, kenne auf jeden Fall die Namen nicht. W\u00e4hrend der Sitzung bewahrten jedoch nicht nur diese anderen, sondern auch die Mehrzahl der Genannten v\u00f6lliges Stillschweigen. Insbesondere der k\u00fcnftige Regierungschef, F\u00fcrst Lwow, sagte w\u00e4hrend der ganzen Nacht kein einziges Wort \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Einen formell gew\u00e4hlten Vorsitzenden gab es nicht; wer das Wort haben wollte, bat Rodsjanko darum. Es gab auch keine offizielle Konstituierung, Er\u00f6ffnung und F\u00fchrung der Sitzung. Das Gespr\u00e4ch trug am Anfang einen eher famili\u00e4ren Charakter. Recht lange wollte es auch nicht die Form einer sachlichen und \u00e4u\u00dferst verantwortungsvollen Beratung annehmen, und es dauerte noch l\u00e4nger, bis es in der Sache selbst auf das richtige Gleis kam.<\/p>\n<p class=\"western\">Das bedeutet allerdings nicht, dass die Herren Mitglieder des Dumakomitees ihre kostbare Zeit vergeudet h\u00e4tten. Sie hatten ja keine rechte Vorstellung von dem, was wir von ihnen wollten, und wussten darum auch nicht, was sie mit uns anfangen und wie sie sich uns gegen\u00fcber am \u00bbtaktvollsten\u00ab verhalten sollten. Sie wussten aber sehr wohl, was sie von uns wollten, und bereiteten in halbprivaten Repliken und in kurzen Reden energisch den Boden f\u00fcr eine \u00bbAusn\u00fctzung\u00ab des Sowjets f\u00fcr die eigenen Ziele vor. Vielleicht hofften sie, die Sache werde bei dieser \u00bbtaktvollen\u00ab Behandlung ihr Bewenden haben.<\/p>\n<p class=\"western\">Es ist verst\u00e4ndlich, dass das Gespr\u00e4ch mit der \u00bbAnarchie\u00ab begann, die in der Hauptstadt \u00bbherrschte\u00ab. Rodsjanko, Miljukow und Nekrassow ergriffen das Wort, um ihr Entsetzen \u00fcber die Vorg\u00e4nge zum Ausdruck zu bringen und langatmig einzelne Ausschreitungen zu beschreiben &#8230; Sie erz\u00e4hlten Dinge, die uns hinreichend bekannt waren: die Zersetzung der Regimenter, die Gewaltakte gegen Offiziere, Pogrome jeder Art, Zusammenst\u00f6\u00dfe usw. Man war offenbar bestrebt, uns zu \u00bbagitieren\u00ab, um uns f\u00fcr die Wiederherstellung der \u00bbOrdnung\u00ab ben\u00fctzen zu k\u00f6nnen. &#8230; Doch die Agitatoren merkten schon nach kurzer Zeit, dass sie offene T\u00fcren einrannten. Sie erkannten, dass wir ihnen nicht widersprachen, sondern im Gegenteil ihre Meinung sowohl hinsichtlich der Tatsachen selbst als auch hinsichtlich der Gefahr, die diese f\u00fcr die Revolution darstellten, vollkommen teilten. Daraufhin machten die Anf\u00fchrer des Dumakomitees allm\u00e4hlich direkte Vorschl\u00e4ge f\u00fcr \u00bbKontakte\u00ab und f\u00fcr eine Zusammenarbeit und gegenseitige Unterst\u00fctzung&#8230;&#8220;<\/p>\n<h3 class=\"western\">Der Sowjet diktiert dem Dumakomitee sein Programm \u2026<\/h3>\n<p class=\"western\">&#8222;Mir schien, dass man schon genug um die zentrale Frage, um die Situation und um die gegenseitigen Beziehungen, herumredete &#8230; Ich ergriff nun zum ersten Mal das Wort und wies darauf hin, dass der Sowjet seine augenblickliche \u00bbtechnische\u00ab Hauptaufgabe gerade im Kampf gegen die Anarchie erblicke; dieser Kampf l\u00e4ge nicht minder im Interesse des Sowjets als des Dumakomitees. Doch alle diese Probleme seien, sagte ich, nicht das wesentliche Ziel der laufenden Besprechung. Das Provisorische Komitee der Reichsduma, das die Exekutivgewalt ergriffen habe, sei noch keine Regierung, nicht einmal eine \u00bbprovisorische\u00ab. Diese Regierung sei noch zu bilden, und dar\u00fcber best\u00fcnden bei den leitenden Gruppen der Reichsduma zweifellos ganz bestimmte Absichten und Pl\u00e4ne. Der Sowjet \u00fcberlasse den gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Elementen die Bildung der provisorischen Regierung, weil er der Ansicht sei, dass es der augenblicklichen allgemeinen Konjunktur und den Interessen der Revolution entspr\u00e4che. Doch als das organisatorische und ideelle Zentrum der Volksbewegung, als das einzige Organ, das zur Zeit f\u00e4hig sei, diese Bewegung in die eine oder andere Richtung zu f\u00fchren, als das einzige Organ, das zur Zeit in der Hauptstadt eine reelle Macht besitze, w\u00fcnsche er seine Einstellung zu der im rechten Fl\u00fcgel zu bildenden Staatsgewalt darzulegen, klarzustellen, wie er sich deren Aufgaben vorstelle, und zur Vermeidung von Komplikationen die Forderungen anzumelden, die er im Namen der gesamten Demokratie an die von der Revolution gebildete Regierung richte.<\/p>\n<p class=\"western\">Unsere Gespr\u00e4chspartner konnten gegen eine solche \u00bbTagesordnung\u00ab nichts einwenden und bereiteten sich vor, uns anzuh\u00f6ren. Den Bericht erstattete unserer Vereinbarung gem\u00e4\u00df Steklow, der sich mit seinem Blatt Papier in der Hand feierlich erhob. \u2026 Steklow versuchte unsere Forderungen zu einem Ganzen zusammenzufassen, zu \u00fcberzeugen, dass sie vern\u00fcnftig und annehmbar waren, machte hierzu historische Exkurse und beleuchtete sie mit Beispielen aus der europ\u00e4ischen Praxis. Er verweilte besonders auf der Frage der \u00bb\u00dcberleitung der Armee auf eine allgemeine b\u00fcrgerliche Basis\u00ab, weil er der Ansicht war, dieser Punkt m\u00fcsse unweigerlich Widerspruch ausl\u00f6sen, und versuchte zu beweisen, dass die Forderung mit der Aufrechterhaltung der Kampff\u00e4higkeit der Armee durchaus vereinbar sei.&#8220;<\/p>\n<h3 class=\"western\">\u2026 und l\u00e4sst die entscheidenden Fragen offen<\/h3>\n<p class=\"western\">&#8222;Die Gesichter vieler der anwesenden \u00bbGro\u00dfb\u00fcrger\u00ab spiegelten Unruhe und Ratlosigkeit wider. Nekrassow jedoch blieb nach meiner Erinnerung v\u00f6llig ruhig, und von Miljukows Gesicht konnte man sogar Anzeichen einer vollen Zufriedenheit ablesen. Demjenigen, der nicht so sehr der Rede gefolgt als vielmehr das Auditorium beobachtet und versucht hatte, sich in der Gesamtheit der Verh\u00e4ltnisse m\u00f6glichst richtig zu orientieren, musste diese Tatsache verst\u00e4ndlich sein: Miljukow hatte zweifellos au\u00dfenpolitische Forderungen erwartet; er hatte bef\u00fcrchtet, dass man versuchen werde, ihn an die Verpflichtung zu binden, eine Friedenspolitik durchzuf\u00fchren. Das war nicht eingetreten, und die Lage des damaligen F\u00fchrers des gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Russlands, der schon von der Macht gekostet hatte, war dadurch nicht nur \u00e4u\u00dferst erleichtert worden, sondern ihm waren Minuten seelischer Befriedigung und ein Gef\u00fchl des Sieges auf diesem \u00bbhistorischen Treffen\u00ab gew\u00e4hrt worden.<\/p>\n<p class=\"western\">Steklow schloss mit der Hoffnung, dass wir uns verst\u00e4ndigen k\u00f6nnten und dass das Kabinett unsere Forderungen annehmen und als sein eigenes Programm in die Deklaration aufnehmen werde, die dem Volke die Bildung der neuen, ersten Regierung der Revolution verk\u00fcnden sollte.<\/p>\n<p class=\"western\">Die Antwort gab Miljukow. Er sprach im Namen des gesamten Dumakomitees, was jeder als selbstverst\u00e4ndlich hinnahm. Man sah, dass Miljukow im rechten Fl\u00fcgel nicht nur der Anf\u00fchrer, sondern der Hausherr war. Sp\u00e4ter \u00e4u\u00dferten sich auch andere \u00fcber einzelne Punkte des Programms, doch tats\u00e4chlich hatte Miljukow ihre Antwort vorweggenommen.<\/p>\n<p class=\"western\">\u00bbDie Bedingungen des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten\u00ab, sagte er, \u00bbsind im Allgemeinen annehmbar und k\u00f6nnen im Gro\u00dfen und Ganzen einem Abkommen zwischen dem Sowjet und dem Komitee der Reichsduma zugrunde gelegt werden. Es gibt jedoch Punkte, die das Komitee entschieden ablehnen muss\u00ab.<\/p>\n<p class=\"western\">Miljukow erbat sich das Blatt, auf dem unser Programm niedergeschrieben war, und w\u00e4hrend er es abschrieb, gab er dazu seine Kommentare &#8230; Die Amnestie verstand sich von selbst. Miljukow, der selbst keinen aktiven Schritt machte und nur nachgab, hielt es nicht f\u00fcr geh\u00f6rig, gegen die Amnestie zu sprechen; er duldete sie bis zum Schluss, w\u00e4hrend er, zwar nicht gerade gern, aber doch durchaus gehorsam, niederschrieb: \u00bballe Kategorien von Verbrechen: die agrarischen, milit\u00e4rischen, terroristischen\u00ab. Das gleiche geschah mit dem zweiten Punkt, der von den politischen Freiheiten, der Aufhebung der religi\u00f6sen und Standesbeschr\u00e4nkungen handelte usw&#8230;. Von Miljukow wurde gefordert, und er gab nach.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Miljukows Kampf zur Erhaltung des Zarismus<\/h3>\n<p class=\"western\">Doch der dritte Punkt rief den entschiedenen Widerstand des F\u00fchrers der k\u00fcnftigen Regierung hervor. Dieser Punkt 3 lautete: \u00bbDie Provisorische Regierung soll keine Schritte unternehmen, die die k\u00fcnftige Staatsform pr\u00e4judizieren w\u00fcrden\u00ab. Miljukow aber verteidigte die Monarchie und die Dynastie der Romanows mit Alexej als Zaren und Michail als Regenten.<\/p>\n<p class=\"western\">F\u00fcr mich pers\u00f6nlich war nicht die Tatsache \u00fcberraschend, dass Miljukow die Romanow-Monarchie verteidigte, sondern dass er von allen unseren Bedingungen gerade diesen Punkt zum Hauptstreitobjekt erhob. Jetzt verstehe ich ihn allerdings gut und finde, dass er, von seinem Standpunkt aus gesehen, viel Scharfsinn bewies. Er kalkulierte, dass er unter einem Zaren aus dem Hause der Romanows, vielleicht \u00fcberhaupt nur unter diesem, die bevorstehende Schlacht gewinnen und das ungeheure Risiko rechtfertigen k\u00f6nne, das die gesamte Bourgeoisie als herrschende Klasse durch seine Person einging. Er rechnete damit, dass unter einem Romanow sich das \u00fcbrige auf irgendeine Weise geben werde. Die Freiheiten f\u00fcr die Armeeangeh\u00f6rigen, \u00bbirgendeine\u00ab konstituierende Versammlung f\u00fcrchtete er darum vergleichsweise weniger und hielt sie f\u00fcr annehmbare und \u00fcberwindbare Hindernisse.<\/p>\n<p class=\"western\">Seine Mitstreiter, in ihrer Mehrzahl im Vergleich zu ihm einfache B\u00fcrger, die damals noch dazu von einem \u00bbrevolution\u00e4ren Enthusiasmus\u00ab erfasst waren, verstanden von dieser Angelegenheit und ihren m\u00f6glichen Folgen ziemlich wenig. Die \u00fcbrigen Dumamitglieder, und zwar fast bis zu Rodsjanko aufw\u00e4rts, krallten sich keineswegs so fest an die Monarchie und an die Romanows. So glitt Miljukow von der Stellung eines F\u00fchrers der Opposition unversehens auf den \u00e4u\u00dfersten rechten Fl\u00fcgel ab. Er erlitt Schiffbruch, aber er wusste, was er tat.<\/p>\n<p class=\"western\">Allerdings war seine Situation \u00e4u\u00dferst schwierig. In unserer Gegenwart konnte er seine Argumente nat\u00fcrlich nicht offen darlegen, ja nicht einmal andeuten. Seine Position hinsichtlich des \u00bb3. Punktes\u00ab war darum \u00e4u\u00dferst schwach, wenn nicht sogar unartikuliert, was jedoch seiner Hartn\u00e4ckigkeit keinen Abbruch tat. Er unterbreitete uns \u00bbliberale Angebote\u00ab und wies darauf hin, dass die Romanows jetzt nicht mehr gef\u00e4hrlich sein k\u00f6nnten. Nikolaus, sagte er, sei auch f\u00fcr ihn unannehmbar und m\u00fcsse beseitigt werden. Mit gespielter Naivit\u00e4t versuchte er, uns zu \u00fcberzeugen, dass seine \u00bbKombination\u00ab f\u00fcr die Demokratie annehmbar sei, und sagte von seinen Kandidaten: \u00bbDer eine ist ein krankes Kind, der andere ein g\u00e4nzlich dummer Mensch. &#8230;\u00ab<\/p>\n<p class=\"western\">Tscheidse und Sokolow unterstrichen demgegen\u00fcber in ihren Repliken nicht nur die Unannehmbarkeit, sondern sogar den utopischen Charakter des Planes von Miljukow und verwiesen auf den allgemeinen Hass gegen die Monarchie. Ein Versuch, mit unserer Sanktionierung die Romanows zu st\u00fctzen, sagten sie, sei undenkbar und v\u00f6llig absurd. Doch der Anf\u00fchrer der Bourgeoisie blieb unbeugsam, und als er die Fruchtlosigkeit eines weiteren Streites einsah, widmete er sich den \u00fcbrigen Punkten.<\/p>\n<p class=\"western\">Als n\u00e4chster sprach Rodsjanko. Soweit ich mich erinnern kann, behandelte er vorwiegend die Frage der Frist f\u00fcr die Einberufung der Konstituierenden Versammlung und der Wahlen dazu. Wir verlangten, dass die vorbereitenden Arbeiten f\u00fcr die Organisation und die Wahlen unverz\u00fcglich eingeleitet und die Wahlen selbst so schnell wie m\u00f6glich durchgef\u00fchrt w\u00fcrden, ohne R\u00fccksicht auf irgendwelche Umst\u00e4nde. Rodsjanko verwies auf die Unm\u00f6glichkeit, diesen Plan w\u00e4hrend des Krieges zu verwirklichen, insbesondere f\u00fcr die Armee. Seine Ausf\u00fchrungen waren jedoch keineswegs kategorisch, eher sprach er Zweifel aus. Ich kann mich nicht entsinnen, dass er Miljukow in der Frage der Monarchie und der Regentschaft unterst\u00fctzt h\u00e4tte. Als n\u00e4chster sprach Schulgin, der das Schwergewicht auf die Angelegenheiten der Armee legte. Er redete vom Krieg, von dem Sieg, vom Patriotismus und von der au\u00dferordentlichen Gefahr, die unser \u00bbKriegsprogramm\u00ab in sich berge. Aber auch aus seiner Rede ist mir kein ultimativer Zug in Erinnerung, und hinsichtlich der Monarchie war er &#8211; obwohl er sich als Monarchist bekannte &#8211; konzilianter als Miljukow. \u2026<\/p>\n<p class=\"western\">Dann war die Reihe an mir. Ich verwies in wenigen Worten darauf, dass die vorgelegten Forderungen erstens ein Minimum und zweitens als absolut kategorisch und endg\u00fcltig zu betrachten seien. Ich stellte ferner fest, dass unter den Massen jeden Tag und jede Stunde ein unvergleichlich weitgehenderes Programm verbreitet werde, dem die Massen folgen und auch in Zukunft folgen w\u00fcrden. Die f\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeiten untern\u00e4hmen alle Anstrengungen, um die Bewegung in ein bestimmtes Bett zu lenken und in einem rationalen Rahmen zu halten. Werde dieser Rahmen jedoch unter den gegebenen Bedingungen unvern\u00fcnftig abgesteckt, entspreche er nicht dem Umfang der Bewegung, dann w\u00fcrde er samt allen von der Regierung projektierten \u00bbKombinationen\u00ab von einer elementaren Gewalt hinweggefegt werden. Nur wir seien imstande, diese elementare Gewalt zu z\u00e4hmen. Folglich liege die tats\u00e4chliche Macht bei uns und bei sonst niemandem.<\/p>\n<p class=\"western\">Der Meinungsaustausch \u00fcber die Kerns\u00e4tze unserer Forderungen war abgeschlossen, Miljukow ergriff erneut das Wort. \u00bbDas waren\u00ab, sagte er, \u00bbIhre Forderungen an uns. Wir haben aber auch Forderungen an Sie&#8230;\u00ab<\/p>\n<p class=\"western\">Jetzt geht es los! dachte ich, denn ich zweifelte nicht, dass nun der Versuch folgen werde, den Sowjet durch die Verpflichtung zu binden, die Regierung zu unterst\u00fctzen. Aber merkw\u00fcrdigerweise blieb ein solcher Versuch aus, zumindest nahm er keine klaren Umrisse und keine konkrete Form an. Miljukow begann von etwas ganz anderem zu reden, und zwar von unverz\u00fcglichen Ma\u00dfnahmen des Exekutivkomitees bei der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung und insbesondere bei der Anbahnung von Kontakten zwischen Soldaten und Offizieren. Er forderte von uns, dass wir eine Erkl\u00e4rung abg\u00e4ben, in der wir darauf hinwiesen, dass die zustande gekommene Regierung aufgrund eines \u00dcbereinkommens mit dem Sowjet gebildet werde; denn die Regierung musste in den Augen der breiten Massen als legitim erscheinen und ihr Vertrauen genie\u00dfen. Vor allen Dingen aber forderte er, dass in dieser Deklaration die Soldaten aufgefordert w\u00fcrden, die Offiziere anzuerkennen und ihnen Vertrauen entgegenzubringen.&#8220; &#8230;<\/p>\n<p class=\"western\">&#8222;Miljukow \u00fcbersah die tats\u00e4chliche Situation sehr gut. Er begriff, dass keine Regierung ohne \u00bb\u00dcbereinkunft\u00ab mit dem Sowjet entstehen und existieren konnte. Er begriff, dass es in der Macht des Exekutivkomitees lag, der b\u00fcrgerlichen Regierung die Gewalt zu \u00fcbertragen oder zu verweigern. Miljukow sah, dass er die Regierungsgewalt nicht aus den H\u00e4nden des Monarchen \u00fcbernahm, wie er es im Verlauf des ganzen vorangegangenen Dezenniums gew\u00fcnscht hatte, sondern aus den H\u00e4nden des siegreichen revolution\u00e4ren Volkes. Wie gut er das begriff und welche Bedeutung er diesem Umstand beima\u00df, geht schon allein daraus hervor, dass er uns eindringlich bat, unsere Erkl\u00e4rung m\u00f6glichst zusammen mit der der Regierung zu drucken und anzuschlagen, und zwar m\u00f6glichst \u00fcbereinander auf demselben Blatt.&#8220;<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/span><\/span><\/p>\n<h2 class=\"western\">Schlussresumee<\/h2>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Liberation Serif;\"><i><span style=\"font-size: large;\">Ziehen wir zum Schluss das Gesamtresumee<\/span> <span style=\"font-size: large;\">der bisherigen Darstellung: Suchanow wie alle anderen Akteure der damaligen Geschehnisse, ob zaristischer Minister oder bolschewistischer Berufsrevolution\u00e4r, betrachteten die Vorg\u00e4nge durch die einzige ihnen historisch vorliegende Brille, die der politischen Revolutionen im Westen Europas. Ihr Blick war nach Westen und nicht nach Russland gerichtet. Dies erschwerte ein Begreifen der historischen Besonderheiten der russischen Entwicklung.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote12sym\" name=\"sdfootnote12anc\"><sup>12<\/sup><\/a> Russland aber hatte mit seiner durch die Armee organisierten Obscina-Bauernschaft ein anderes soziales und politisches Gesicht als die L\u00e4nder Westeuropas. Und dieses andere Gesicht trat in der Februarrevolution 1917 deutlich hervor.<\/span><\/i><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Liberation Serif;\"><i><span style=\"font-size: large;\">Die Revolution siegte durch das \u00dcberlaufen der b\u00e4uerlich gepr\u00e4gten Armee zu den streikenden und demonstrierenden Arbeitern. Und damit wurde die Bauernschaft und nicht das Proletariat oder die Bourgeoisie zum Hegemon der Revolution im Februar 1917. Das Proletariat organisierte sich als <\/span><span style=\"font-size: large;\"><b>Minderheit<\/b><\/span> <span style=\"font-size: large;\">in den Sowjets, und die Regierungsbildung durch die Bourgeoisie bedurfte letztendlich der Legitimierung durch den kleinb\u00fcrgerlich-b\u00e4uerlich gepr\u00e4gten Sowjet, der ihr auch das Regierungsprogramm vorgab.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote13sym\" name=\"sdfootnote13anc\"><sup>13<\/sup><\/a> Diese Entwicklung der Revolution war g\u00e4nzlich unvorhergesehen und erkl\u00e4rt die Orientierungslosigkeit der politischen Akteure.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote14sym\" name=\"sdfootnote14anc\"><sup>14<\/sup><\/a><\/span><\/i><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Liberation Serif;\"><i><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: large;\">Kommen wir damit noch einmal auf die anfangs zitierte Darstellung der Februarrevolution durch S.\u00a0Bollinger<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote15sym\" name=\"sdfootnote15anc\"><sup>15<\/sup><\/a> zur\u00fcck: <\/span><\/span><span style=\"font-size: large;\">&#8222;All dies \u00e4ndert nichts an der Tatsache, dass es konservativ-reaktion\u00e4re Kreise waren, die in der Revolution zun\u00e4chst die Macht an sich rissen, den Zaren zur Abdankung dr\u00e4ngten und dem Volk nicht einhaltbare Versprechungen machten.&#8220;<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote16sym\" name=\"sdfootnote16anc\"><sup>16<\/sup><\/a> Dass die Geschichte der Februarrevolution und die Bildung der ersten Provisorischen Regierung komplexer ablief, als Bollinger es wiedergibt, d\u00fcrfte dem Leser nach Suchanows Ausf\u00fchrungen klar sein.<\/span><\/i><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Liberation Serif;\"><i>Ausgesprochen oder nicht, behandeln gerade die Autoren der Z die russische Revolution mit der Frage nach dem Scheitern der Sowjetunion im Hinterkopf. Diese Fragestellung ist zweifelsohne wesentlich. Doch wenn man auf diesem Weg weiterkommen will, muss man als erstes die Ereignisgeschichte anhand des heute vorliegenden Materials einer neuerlichen \u00dcberpr\u00fcfung unterziehen, anstatt scheinbar unumst\u00f6\u00dfliche Gewissheiten wiederzuk\u00e4uen oder die Tatsachen schlicht zu ignorieren. Bei der Auftaktrevolution des Revolutionsjahres haben wir gesehen, dass eine solche \u00dcberpr\u00fcfung zu einer anderen Bewertung des Revolutionsprozesses f\u00fchren muss als bislang im Marxismus \u00fcblich. Wenn in K\u00fcrze die Frage der Oktoberrevolution auf die Tageordnung tritt, wird sich erweisen, inwieweit die Antworten der Linken tauglicher sind.<\/i><\/span><\/p>\n<h1><\/h1>\n<div id=\"sdfootnote1\">\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1<\/a><sup>\u0002<\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Bankier und Industrieller<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote2\">\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote2anc\" name=\"sdfootnote2sym\">2<\/a><sup>\u0002<\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Tscherewanin<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">= F.A.\u00a0Lipkin<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><b>. <\/b><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Liquidatoren verfochten legale Organisationsformen der Arbeiterbewegung unter dem Zarismus und forderten die Aufl\u00f6sung der illegalen Parteiorganisation.<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote3\">\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote3anc\" name=\"sdfootnote3sym\">3<\/a><sup>\u0002<\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Miljukow schildert diesen Vorgang folgenderma\u00dfen: \u201eIn dem Augenblick, als die Revolution ausbrach, an demselben Tag des 11. M\u00e4rz, wurde die Duma auf Grund eines kaiserlichen Erlasses vertagt. \u2026 <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i><b>Sie gehorchte dem ergangenen Befehl.<\/b><\/i><\/span><\/span> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Der Duma Ausschuss der an jenem Tage gebildet wurde \u2026 war nicht in einer formellen Versammlung der als staatliche Institution handelnden Duma gew\u00e4hlt. Die Wahl fand in einer nicht formellen Versammlung statt, die in privater Weise in einem Nebenraum \u2026 abgehalten wurde. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i><b>Die Duma selbst hatte vom Augenblick ihrer Vertagung an aufgeh\u00f6rt als politischer Faktor zu existieren.<\/b><\/i><\/span><\/span>\u201c <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">(P.\u00a0Miljukow: Ru\u00dflands Zusammenbruch, Erster Band, Berlin 1925, S.\u00a028)<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote4\">\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote4anc\" name=\"sdfootnote4sym\">4<\/a><sup>\u0002<\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Vorsitzender der Duma, ukrainischer Gro\u00dfgrundbesitzer, Oktobrist und Kammerherr des Zaren.<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote5\">\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote5anc\" name=\"sdfootnote5sym\">5<\/a><sup>\u0002<\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Gemeint ist u.a. Miljukow: &#8222;Das war es auch, was die Duma mit ihrer ausgesprochenen konservativen Mehrheit dazu bewogen hatte, die Petersburger milit\u00e4rische Erhebung vom 11. M\u00e4rz bereitwillig mit ihrer Autorit\u00e4t zu decken. Die Zustimmung der Duma in jenem Augenblick war f\u00fcr den Ersterfolg der Revolution von ausschlaggebender Bedeutung. H\u00e4tte sich die Duma nicht an die Spitze der Bewegung gestellt, so w\u00e4ren die verantwortlichen F\u00fchrer der Armee, wie die Gener\u00e4le Alexejew oder Russkij, nimmer auf die Seite der Revolution getreten. \u2026\u201c (P. Miljukow: Ru\u00dflands Zusammenbruch, Erster Band, Berlin 1925, S. 22-23)<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote6\">\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote6anc\" name=\"sdfootnote6sym\">6<\/a><sup>\u0002<\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Zu den &#8222;Kombinationen&#8220; der b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4fte: Schr\u00f6der\/Karuscheit, S.\u00a038-40<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote7\">\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote7anc\" name=\"sdfootnote7sym\">7<\/a><sup>\u0002<\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">General Iwanow war vom Zaren beauftragt worden, die Revolution mit vermeintlich zarentreuen Fronttruppen niederzuwerfen.<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote8\">\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote8anc\" name=\"sdfootnote8sym\">8<\/a><sup>\u0002<\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Suchanow war auf der Sitzung des Sowjets in die &#8222;Literarische Kommission&#8220; gew\u00e4hlt worden und hatte den Auftrag erhalten, mit anderen Mitgliedern des Komitees einen Aufruf an die Bev\u00f6lkerung zu verfassen.<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote9\">\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote9anc\" name=\"sdfootnote9sym\">9<\/a><sup>\u0002<\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Wie zu sehen ist, war es Miljukow, der die Theorie der &#8222;Doppelherrschaft&#8220; aufgebracht hat. Er nutzte diesen Begriff, um gegen die bestehende Macht des Sowjets eine neue Macht, die der Provisorischen Regierung, zu begr\u00fcnden. Allein dieses Bem\u00fchen kennzeichnet, wer die tats\u00e4chliche Macht besa\u00df.<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote10\">\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote10anc\" name=\"sdfootnote10sym\">10<\/a><sup>\u0002<\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Warum dies bei der deutschen Sozialdemokratie nicht verwunderlich, sondern Absicht war, siehe: H.\u00a0Karuscheit: Die verlorene Demokratie, Hamburg 2017, S. 106 ff<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote11\">\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote11anc\" name=\"sdfootnote11sym\">11<\/a><sup>\u0002<\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Staatliche Kirchenverwaltung<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote12\">\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote12anc\" name=\"sdfootnote12sym\">12<\/a><sup>\u0002<\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Siehe dazu die Vorbemerkung von Schr\u00f6der\/Karuscheit in: Das Revolutionsjahr 1917<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote13\">\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote13anc\" name=\"sdfootnote13sym\">13<\/a><sup>\u0002<\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">In einer im Februar 1918 von Trotzki verfassten Schrift, die noch ganz von den Ereignissen des Revolutionsjahres gepr\u00e4gt ist, arbeitet der Autor deutlich die bestimmende Rolle der Bauernschaft f\u00fcr die Vorherrschaft des Kleinb\u00fcrgertums in den Sowjets heraus. &#8222;Die Hegemonie der kleinb\u00fcrgerlichen Intelligenz (im Sowjet M\u00e4rz 1917; A.S.) bedeutete im Grunde genommen die Tatsache, dass das Bauerntum \u2013 durch Vermittlung des Kriegsapparates pl\u00f6tzlich zur organisierten Teilnahme am politischen Leben berufen \u2013 die Arbeiterklasse numerisch erdr\u00fcckte und sie vor\u00fcbergehend verdr\u00e4ngte. Weit mehr noch! Insofern die kleinb\u00fcrgerlichen F\u00fchrer durch die Massenarmee zu dieser schwindelnden H\u00f6he erhoben waren, konnte das Proletariat selbst, mit Ausnahme seiner f\u00fchrenden Minderheit, ihnen eine gewisse politische Achtung nicht versagen, konnte nicht unterlassen, ein politisches B\u00fcndnis mit ihnen zu suchen, &#8211; da dem Proletariat sonst die Gefahr drohte, von dem Bauerntum abgeschnitten zu sein. \u2026 Aus diesem Grunde waren auch die proletarischen Massen in der ersten Revolutionsperiode so sehr f\u00fcr die politische Ideologie der Sozialisten-Revolution\u00e4re (gemeint sind die Sozialrevolution\u00e4re; A.S.) und der Menschewiki empf\u00e4nglich. \u2026 Die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten bedeuteten unter diesen Umst\u00e4nden die Herrschaft der b\u00e4uerlichen Formlosigkeit \u00fcber den proletarischen Sozialismus.&#8220; (Leo Trotzki: Von der Oktoberrevolution bis zum Brester Friedensvertrag; Berlin o.J., Hoffmann\u00b4s Verlag, S.\u00a08\u00a0f)<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote14\">\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote14anc\" name=\"sdfootnote14sym\">14<\/a><sup>\u0002<\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">So wird z. B., ohne dass es ihm bewusst wird, der gro\u00dfe Kritiker der b\u00e4uerlichen Einmischung in die Revolution, N. Suchanow, zum Architekten und Programmgeber der b\u00fcrgerlichen Regierungsbildung unter der Aufsicht des Sowjets und installiert damit die &#8222;Herrschaft der b\u00e4uerlichen Formlosigkeit&#8220; nicht nur &#8222;\u00fcber den proletarischen Sozialismus&#8220;, wie Trotzki es formulierte, sondern ebenso \u00fcber die Bourgeoisie.<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote15\">\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote15anc\" name=\"sdfootnote15sym\">15<\/a><sup>\u0002<\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Dr. Stefan Bollinger ist lt. Vorstellung in der Z &#8222;Politikwissenschaftler und Historiker&#8220; sowie &#8222;Mitglied der Historischen Kommission beim Parteivorstand&#8220; der Linkspartei. F\u00fcr den damit verbundenen Anspruch ist der Erkenntnisgewinn seines Artikels bescheiden.<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote16\">\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote16anc\" name=\"sdfootnote16sym\">16<\/a><sup>\u0002<\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Miljukow und Co. haben alles andere getan, als &#8222;in der Revolution zun\u00e4chst die Macht an sich zu rei\u00dfen&#8220;, sondern haben <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><b>nach <\/b><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">dem Sieg der Revolution die Regierungsgewalt letztendlich samt Regierungsprogramm aus den H\u00e4nden des Sowjets empfangen. Sie haben bis zuletzt f\u00fcr die Erhaltung des Zarismus gek\u00e4mpft und die &#8222;nicht einhaltbaren Versprechungen&#8220; hatte die Sowjetf\u00fchrung der Regierung ins Programm geschrieben.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"right\"><i><\/i><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die unerwartete Revolution aus Suchanow: Tagebuch der russischen Revolution Zwischen\u00fcberschriften (au\u00dfer Datumsangaben) und Fu\u00dfnoten von mir; A.S. Der Beginn Der erste Tag der Revolution Das Dilemma der russischen Bourgeoisie Die Gr\u00fcndung des Sowjets Miljukow und die Doppelherrschaft Ausklammerung der Kriegsfrage Wer hat die Macht? Der Befehl Nr. 1 Miljukows Kampf zur Erhaltung des Zarismus Schlussresumee &hellip; <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=682\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\"><\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":661,"menu_order":2,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-682","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/682","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=682"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/682\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":700,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/682\/revisions\/700"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/661"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=682"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}