{"id":675,"date":"2017-08-08T11:44:54","date_gmt":"2017-08-08T09:44:54","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=675"},"modified":"2017-12-19T12:27:30","modified_gmt":"2017-12-19T11:27:30","slug":"russland-im-winter-19161917","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=675","title":{"rendered":"Russland im Winter 1916\/1917"},"content":{"rendered":"<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Aus dem Buch von Schr\u00f6der\/Karuscheit: Das Revolutionsjahr 1917<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die politischen Lager vor der Revolution<\/span><\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Der Plan des Zaren<\/span><\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die alliierten Botschafter schlagen Alarm<\/span><\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Der Progressive Block muss handeln<\/span><\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">\u00bbNach Ansicht der bestinformierten und zugleich loyalsten Beobachter (gemeint sind die Gendarmerie und die Geheimpolizei mit ihren Berichten und Einsch\u00e4tzungen, Anm. d.\u00a0V.) befand sich Russland im Oktober 1916 in einer Situation, die im Sprachgebrauch der Radikalen als &#8218;revolution\u00e4r&#8216; bezeichnet wurde.\u00ab<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a> Genauer gesagt, gingen a<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">b dem November 1916 alle politischen Akteure, mit Ausnahme der sozialistischen Parteien, von der Aktualit\u00e4t der Revolution aus. Werfen wir deshalb einen Blick auf die Geschehnisse dieses Winters, in dem die Akteure des kommenden Revolutionsjahres ihre politischen Positionen neu bezogen.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Der Herbst\/Winter 1916\/1917 war ungew\u00f6hnlich kalt. Der Winter war 1916 fr\u00fch gekommen, bereits im Oktober kam der erste Frost und hielt sich den gesamten Winter lang. Im Februar 1917 lag die Temperatur im Mittel bei 14,4 Grad minus. \u00bbDie K\u00e4lte wurde so schlimm, dass die B\u00e4uerinnen sich weigerten Lebensmittel in die St\u00e4dte zu fahren. Schneest\u00fcrme deckten die Eisenbahnschienen mit riesigen Schneeverwehungen zu. \u2026 Die Lokomotiven kamen in dieser Eisesk\u00e4lte nicht voran und mussten manchmal stundenlang im Stehen vorgeheizt werden, um den erforderlichen Dampfdruck aufzubauen. Diese klimatischen Bedingungen versch\u00e4rften die ohnehin gravierenden Transportprobleme noch zus\u00e4tzlich.<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">\u00ab<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote2sym\" name=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Neben der Versorgung einer millionenk\u00f6pfigen Armee<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote3sym\" name=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a> galt es, die st\u00e4dtischen Metropolen im Norden Russlands, allen voran die n\u00f6rdliche Metropole und Millionenstadt Petrograd,<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote4sym\" name=\"sdfootnote4anc\"><sup>4<\/sup><\/a> mit Nahrungsmitteln und Heizmaterial zu versorgen. Was in der Vorkriegszeit auf Grund der See- und Flussanbindung weitgehend reibungslos funktionierte, wurde mit dem Weltkrieg, der Sperrung der Ostsee und dem Dauerfrost<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote5sym\" name=\"sdfootnote5anc\"><sup>5<\/sup><\/a> des Winters zu einem ernsten Problem.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Zu dem Versorgungsproblem trat die inflationsbedingte Teuerung. Das zaristische Regime finanzierte den Krieg \u00bbauf Pump\u00ab und musste so durch die Gelddruckmaschine die finanziellen Engp\u00e4sse \u00fcberdecken. So wurden die Lebensmittel nicht nur durch die Versorgungsm\u00e4ngel knapp, sondern die Preise explodierten auch unabh\u00e4ngig von der versorgungsbedingten Knappheit. Bereits <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">1916 schnellten die Preise f\u00fcr Konsumg\u00fcter in die H\u00f6he. Besonders rasant wuchsen im Sp\u00e4tsommer 1916 die Preise f\u00fcr Lebensmittel. So kostete das Brot 92%, Fleisch 138%, Butter 145% und Salz sogar 256% mehr als vor dem Krieg. Im Oktober 1916 sch\u00e4tzte das Polizeidepartement, dass die L\u00f6hne durchschnittlich um 100% gestiegen waren, die Preise der lebensnotwendigen Artikel hingegen um 200%.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote6sym\" name=\"sdfootnote6anc\"><sup>6<\/sup><\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Im Herbst 1916 zeichnete sich immer deutlicher ein ernstes Ern\u00e4hrungsproblem f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung Petrograds und anderer Gro\u00dfst\u00e4dte ab. W\u00e4hrend die von Bourgeoisie und Adel frequentierten Restaurants und Lokalit\u00e4ten mit allem W\u00fcnschenswerten ausgestattet waren, wurde Brot, Salz, Zucker und Brennmaterial f\u00fcr die einfache Bev\u00f6lkerung immer unerschwinglicher. Ab diesem Herbst begannen die Schlangen vor den B\u00e4ckereien. Unvermeidlich nahmen unter diesen Bedingungen die Streiks und Arbeitsniederlegungen deutlich zu. Vielfach ging die Brotbeschaffung, zu der man stundenlang an den B\u00e4ckereien anzustehen hatte, flie\u00dfend in eine Arbeitsniederlegung \u00fcber. Dazu war kriegsbedingt die Arbeitszeit in allen r\u00fcstungsrelevanten Betrieben auf 10 bis 12 Stunden erh\u00f6ht worden. Wie sollte unter diesen Bedingungen das Brot beschafft und wie bezahlt werden? Die zaristische Verwaltung erwies sich als unf\u00e4hig, dieses Problem zu l\u00f6sen und heizte so die bereits angespannte politische Situation in der Hauptstadt weiter an. Petrograd erlebte ab Herbst 1916 einen von Streikaktionen und Demonstrationen gepr\u00e4gten Kriegswinter. Dies war die Grundlage der eingangs zitierten Einsch\u00e4tzung der zaristischen Geheimpolizei Ochrana, von der sich entwickelnden revolution\u00e4ren Situation. <\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Ein weiteres Problem reifte ganz unbemerkt von den Spitzeln der Geheimpolizei in diesem Winter in der Petrograder Garnison heran.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote7sym\" name=\"sdfootnote7anc\"><sup>7<\/sup><\/a><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> Mobilisierung einer Millionenarmee hie\u00df in Russland, den Bauern in den Waffenrock zu stecken, aus der Enge der d\u00f6rflichen Verh\u00e4ltnisse zu rei\u00dfen, ihn unter den erb\u00e4rmlichsten Lebensbedingungen und fortw\u00e4hrend vom Tode an der Front bedroht, zu disziplinieren und zu organisieren. Dies alles geschah, ohne dass der Soldat b\u00fcrgerliche Rechte besa\u00df, von den Offizieren wurde er wie Vieh behandelt und mit erb\u00e4rmlicher Ausr\u00fcstung in die Schlacht getrieben.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote8sym\" name=\"sdfootnote8anc\"><sup>8<\/sup><\/a> Je l\u00e4nger der Krieg dauerte, desto unertr\u00e4glicher wurden diese Verh\u00e4ltnisse selbst f\u00fcr den russischen Bauern, der viel gewohnt war. Und im Winter 1916\/17 war ein Ende des Krieges weiterhin nicht abzusehen. Neue, gro\u00dfe Offensiven waren f\u00fcr das kommende Jahr geplant, und f\u00fcr diese Offensiven waren die neu eingezogenen Rekruten in den Reservebataillonen eingeplant, von denen eine ganze Reihe in Petrograd stationiert war.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Aufgrund der enormen Verluste der russischen Armeen in den Jahren von 1914 bis 1916 war die Rekrutierung neuer Jahrg\u00e4nge unumg\u00e4nglich geworden.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote9sym\" name=\"sdfootnote9anc\"><sup>9<\/sup><\/a> <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">\u00bbDie seit Herbst 1916 eingezogenen Reservisten stammten \u00fcberwiegend aus den \u00e4lteren Jahrg\u00e4ngen, die nicht mehr damit gerechnet hatten, einr\u00fccken zu m\u00fcssen, da sie nach der Milit\u00e4rgesetzgebung Miljutins (ein fr\u00fcherer zaristischer Verteidigungsminister; d.\u00a0V.) ihre Schuldigkeit bereits getan hatten. \u2026 Alles M\u00e4nner \u00fcber 40, die ihren Dienst bereits in ihrer Jugend verrichtet hatten und die nur aufgrund mangelnder Menschenressourcen des Zarenreiches einr\u00fccken mussten. Der Widerwille, den sie ihrem Schicksal entgegenbrachten, ist mehr als verst\u00e4ndlich, denn zum einen mussten sie ihre D\u00f6rfer just zu dem Zeitpunkt verlassen, als dort das Leben immer besser wurde, und zum anderen waren die Stra\u00dfen der Hauptstadt von jungen M\u00e4nnern wehrpflichtigen Alters \u00fcberschwemmt, die ihren Pflichten nur deshalb entronnen waren, weil sie einer anderen Schicht angeh\u00f6rten.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote10sym\" name=\"sdfootnote10anc\"><sup>10<\/sup><\/a> Diese Garnisonen in den wichtigsten St\u00e4dten des Reiches waren f\u00fcr Kriegsm\u00fcdigkeit und den Verfall an Disziplin besonders anf\u00e4llig. Die Rekruten wohnten in \u00fcberf\u00fcllten Kasernen und ihr gr\u00f6\u00dfter Wunsch bestand darin, nicht an die Front gehen zu m\u00fcssen.\u00ab<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote11sym\" name=\"sdfootnote11anc\"><sup>11<\/sup><\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Zur Sicherheit des zaristischen Systems war die Hauptstadt eigentlich mit Gardeeinheiten und gestandenen konterrevolution\u00e4ren Regimentern reichlich best\u00fcckt. Doch diese Garderegimenter standen inzwischen an der Front. In Petrograd und den anderen russischen Metropolen waren ihre Kasernen nun mit den Rekruten der letzten Einberufungen gef\u00fcllt, den Reserveregimentern f\u00fcr die an der Front stehenden Garderegimenter. Dem Regimentsnamen nach waren diese Einheiten feste St\u00fctzen des zaristischen Systems, befleckt mit dem zweifelhaften Ruhm der blutigen Volksunterdr\u00fcckung aus den Jahren 1905-1907. Im Winter 1916-1917 waren sie mit unzufriedenen Bauern aus den letzten Rekrutierungen gef\u00fcllt, die in \u00fcberf\u00fcllten Kasernen zusammengepfercht wurden,<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote12sym\" name=\"sdfootnote12anc\"><sup>12<\/sup><\/a> wo sie weder vern\u00fcnftig ausgebildet noch besch\u00e4ftigt werden konnten. Und erst recht versp\u00fcrten diese Rekruten kein Interesse, im kommenden Fr\u00fchjahr\/Sommer an der Front verheizt zu werden. Die Besonderheit des zaristischen Milit\u00e4rsystems, die Rekrutenausbildung aus Bequemlichkeit und Kostengr\u00fcnden in den Kasernen der Frontregimenter durchzuf\u00fchren, f\u00fchrte dazu, dass Petrograd in diesem Kriegswinter mit 150.000 bis 180.000 Soldaten \u00fcberschwemmt war, von denen die meisten Rekruten der letzten Einberufungswelle waren.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">W\u00e4hrend andere kriegsf\u00fchrende L\u00e4nder die Ausbildung neuer Rekruten auf dem \u00bbflachen Land\u00ab, in Kasernen und auf Truppen\u00fcbungspl\u00e4tzen fernab der st\u00e4dtischen Metropolen organisierten, schuf die milit\u00e4rische Verwaltung der zaristischen Armee mit ihrer Inkompetenz und Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber dem einfachen Soldaten neben einer immer unruhiger werdenden Arbeiterschaft einen zweiten potenziellen Unruheherd in der Garnison der Hauptstadt.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Die politischen Lager vor der Revolution<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: small;\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Fest auf der Seite der politischen Reaktion standen das Zarenpaar, sein Staatsrat,<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote13sym\" name=\"sdfootnote13anc\"><sup>13<\/sup><\/a> der Verwaltungsapparat mit Polizei und Gendarmerie. Offen unterst\u00fctzt und verteidigt wurde die autokratische Herrschaft des Zaren von der politischen Rechten in der Duma,<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote14sym\" name=\"sdfootnote14anc\"><sup>14<\/sup><\/a> die dort \u00fcber mehr als 60 Mandate verf\u00fcgte. Klassenpolitisch verk\u00f6rperte diese Fraktion Teile des alten Gro\u00dfgrundbesitzes, Teile der Schwerindustrie und der Banken sowie den Adel der baltischen Provinzen. Hauptkraft dieses Fl\u00fcgels war der <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">\u00bbBund des russischen Volkes\u00ab (im Volksmund \u00bbSchwarzhunderter\u00ab genannt). Dieser Bund unterst\u00fctzte vorbehaltlos die zaristische Autokratie und organisierte in Zeiten gesellschaftlicher Unruhe antisemitische und nationalistische Pogrome. Sein Wahlspruch: \u00bbOrthodoxie, Autokratie und Volkstum\u00ab war zugleich sein politisches Programm. Gest\u00fctzt auf die orthodoxe Kirche sollte die zaristische Autokratie gegen alle demokratischen oder sozialistischen Bestrebungen verteidigt werden. Unter &#8222;Volkstum&#8220; wurde die Russifizierung der nichtrussischen Bev\u00f6lkerung des Zarenreiches verstanden.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Im Umfeld des Zaren agierte der nicht unbedeutende Kreis des Petrograder Hochadels, insbesondere die Gro\u00dff\u00fcrsten aus der Familie der Romanows. Diese Ansammlung antiquierter, teils nichtsnutziger adliger Schmarotzer, die aber mit sch\u00f6ner Regelm\u00e4\u00dfigkeit gesellschaftliche Skandale produzierten, war an der Erhaltung des Zarismus als Quelle ihrer Existenz interessiert. Ab Herbst 1916 war dieser Kreis nicht nur bereit, sondern bestrebt, zur Erhaltung des Zarismus den Zaren Nikolaus\u00a0II. zu opfern und durch ein anderes, der b\u00fcrgerlichen Opposition und den Kriegsalliierten genehmeres Mitglied des Romanow-Clans zu ersetzen.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Als Opposition gegen die zaristische Regierung hatte sich der Progressive Block in der Duma formiert. Er bestand im Kern aus dem B\u00fcndnis von Kadetten<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote15sym\" name=\"sdfootnote15anc\"><sup>15<\/sup><\/a> und Oktobristen,<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote16sym\" name=\"sdfootnote16anc\"><sup>16<\/sup><\/a> dem sich weitere nationalistische und auch monarchistische Kr\u00e4fte anschlossen. Dieser Block besa\u00df eine Mehrheit in der Duma. Die Rednertrib\u00fcne der Duma, die Banketts\u00e4le der \u00bbbesseren Gesellschaft\u00ab und nicht die Stra\u00dfe waren sein Kampfboden. Klassenpolitisch vertrat der Progressive Block ein B\u00fcndnis von Landbesitzern, industriellen Kapitalisten und st\u00e4dtischen Mittelschichten. Seine Forderung an den Zarismus war die nach einer der Duma \u00bbverantwortlichen Regierung\u00ab, w\u00e4hrend des Kriegs begrenzte man die Forderung auf eine Regierung des \u00bbgesellschaftlichen Vertrauens\u00ab.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die russische Bauernschaft stellte die Masse des zaristischen Heeres. Die Armee war der in den Soldatenrock gesteckte russische Bauer, angef\u00fchrt von Adligen und kleinb\u00fcrgerlichen Berufsoffizieren. Durch die fortgesetzten Niederlagen des zaristischen Heeres zahlten die Bauern in den ersten beiden Kriegsjahren millionenfach mit ihrem Leben f\u00fcr die milit\u00e4rische Untauglichkeit der zaristischen Gener\u00e4le und die Unf\u00e4higkeit der zaristischen Verwaltung, die Armee mit Waffen, Munition und Verpflegung zu versorgen. Im dritten Kriegswinter war ihre patriotische Begeisterung verflogen und der Wunsch nach einem baldigen Ende des Krieges gewann immer mehr Anh\u00e4nger in den D\u00f6rfern und Garnisonen, aber auch bei den Fronttruppen.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote17sym\" name=\"sdfootnote17anc\"><sup>17<\/sup><\/a> Ihre politische Vertretung in der Duma waren die Trudowiki, der rechte Fl\u00fcgel der Sozialrevolution\u00e4re, mit Alexander Kerenski als bekanntestem Redner.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote18sym\" name=\"sdfootnote18anc\"><sup>18<\/sup><\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die Arbeiter Petrograds waren das haupts\u00e4chliche Opfer der seit 1916 galoppierenden Inflation, des Hungers und der Aussperrung von Seiten der Unternehmer. Obwohl \u00fcberwiegend vom Kriegsdienst befreit, da sie zur Milit\u00e4rproduktion ben\u00f6tigt wurden, drohte das zaristische Regime bei jedem Streik mit der zwangsweisen Einberufung zur Armee. Sie waren zu Kriegsbeginn weitgehend ihrer politischen F\u00fchrung beraubt worden (Inhaftierung und Verbannung) und besa\u00dfen so gut wie keine Form der politischen oder gewerkschaftlichen Organisation. Ihre einzige legale Organisationsm\u00f6glichkeit w\u00e4hrend des Krieges war die Mitarbeit in den \u00bbkriegsindustriellen Komitees\u00ab, wo unter der F\u00fchrung des Kapitals und unter Aufsicht von Regierungsvertretern die Arbeiter zu einer effizienteren Kriegsproduktion f\u00fcr den Sieg der russischen Waffen angehalten wurden. Die politische Repr\u00e4sentanz dieser Arbeiter war der rechte Fl\u00fcgel der Menschewiki, ihr Vertreter vor Ort der Arbeiter Kusma Gwosdew, Vorsitzender der Arbeitergruppe des kriegsindustriellen Komitees und rechter Menschewik.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Der Zar geht an die Front<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Verheerende milit\u00e4rische Niederlagen, mangelnde Versorgung der Armee und der gro\u00dfen St\u00e4dte sowie eine anwachsende Streikwelle der Arbeiter, das war die Bilanz der zaristischen Regierung im Herbst 1916. Der Zar und seine Regierung mussten einen Ausweg aus dieser selbstverschuldeten Situation finden.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die vermeintlich einfachste L\u00f6sung, eine Beteiligung der b\u00fcrgerlichen Opposition an der Regierung, kam f\u00fcr den Zaren und erst recht f\u00fcr die Zarin nicht in Frage, denn dies w\u00e4re ein weiterer Schritt hin zur konstitutionellen Monarchie gewesen. Das war f\u00fcr den Zaren undenkbar, hatte er doch am Sterbebett seines Vaters geschworen, die Selbstherrschaft ungeschm\u00e4lert an seinen Sohn weiterzugeben. Dies war auch die Sicht der Zarin, die ihren Sohn als uneingeschr\u00e4nkten Selbstherrscher auf dem Zarenthron sehen wollte. Und da sie, wie allgemein bekannt, \u00bbdie Hosen anhatte\u00ab, war das Zarenehepaar ein geschworener Feind von ernsthaften Zugest\u00e4ndnissen an die b\u00fcrgerliche Opposition.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Ganz im Gegenteil beabsichtigte man, die Uhr zur\u00fcckzudrehen und die Zugest\u00e4ndnisse, die im Oktober 1905 unter dem Druck der Revolution und des verlorenen Krieges<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote19sym\" name=\"sdfootnote19anc\"><sup>19<\/sup><\/a> gemacht worden waren, zu kassieren. Dies bestimmte immer deutlicher das Handeln der zaristischen Regierung und wurde ab dem Moment, wo der Zar pers\u00f6nlich das Oberkommando \u00fcber die Armee antrat und die Zarin in Petrograd \u00bbdie Regierung \u00fcbernahm\u00ab, immer offensichtlicher zum eigentlichen Regierungsprogramm. Der \u00bbFlirt\u00ab mit der liberalen Opposition aus dem Jahr 1915 wurde 1916 durch einen immer klarer hervortretenden Kurs der offenen Konfrontation und politischen Reaktion ersetzt.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Im Herbst 1915 hatte der Zar pers\u00f6nlich das Oberkommando \u00fcber die russischen Streitkr\u00e4fte \u00fcbernommen. Er tat dies gegen die Ratschl\u00e4ge seiner Minister und des Romanow-Clans. Beide bef\u00fcrchteten, dass die zu erwartenden weiteren Niederlagen der russischen Armee nunmehr unmittelbar auf den Zaren zur\u00fcckfallen w\u00fcrden. Der Zar dachte jedoch nicht daran, ihren Ratschl\u00e4gen zu folgen, denn er hatte anderen Rat bekommen, von der Zarin und ihrem Vertrauten Rasputin. Beide forderten die Abl\u00f6sung des bisherigen Oberbefehlshabers, des Gro\u00dff\u00fcrsten Nikolaj Nikolajewitsch, einem \u00bbin der Armee beliebten\u00ab Verwandten des Zaren.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">In den Kreisen um die Zarin und Rasputin f\u00fcrchtete man eine Palastrevolution, die, gest\u00fctzt auf die Armee und ihren Oberbefehlshaber, den Zaren absetzen, die Zarin ins Kloster verbannen und ihren Berater Rasputin aufh\u00e4ngen w\u00fcrde.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote20sym\" name=\"sdfootnote20anc\"><sup>20<\/sup><\/a> Der Zar w\u00fcrde dann durch den Gro\u00dff\u00fcrsten und bisherigen Oberbefehlshaber, seinen Onkel Nikolaj Nikolajewitsch oder durch seinen Bruder, den Gro\u00dff\u00fcrsten Michael ersetzt werden. Um diesem Putsch Legalit\u00e4t zu verleihen, w\u00fcrde der \u00bbneue Mann\u00ab die Regentschaft f\u00fcr den noch minderj\u00e4hrigen Zarensohn \u00fcbernehmen.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">\u00bbAls der Zar die Front \u00fcbernahm (Ende August 1915), ging die Macht daheim nach Alt-Moskauer Weise an die Zarin \u00fcber. Vom Herrscherpaar wurde das Reich noch immer als eine Art Familieneigentum angesehen, das man m\u00f6glichst intakt dem Thronfolger bewahren m\u00fcsse. Die Kaiserin \u00fcbte unter Rasputins Weisungen ihren unheilvollen Einfluss auf des Zaren personalpolitische, aber auch milit\u00e4rische Entscheidungen aus. Innerhalb eines Jahres wechselten die Ministerpr\u00e4sidenten und Au\u00dfenminister dreimal, die Innenminister viermal, und so ging es fort. In der Gesellschaft und an der Front redete man vom Verrat der Zarin und ihren engen Beziehungen zu Rasputin. Unter dem Ministerpr\u00e4sidenten Boris St\u00fcrmer (Januar 1916) ging die tats\u00e4chliche Gewalt in die H\u00e4nde von Rasputins Hinterm\u00e4nnern, dubiosen Polizeiagenten und Gesch\u00e4ftemachern, \u00fcber.\u00ab<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote21sym\" name=\"sdfootnote21anc\"><sup>21<\/sup><\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Der Plan des Zaren<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Im Herbst 1916 hatte sich die Lage an der Front stabilisiert. Die zaristische Armee war nach ihren verheerenden Niederlagen und entsprechenden Gebietsverlusten in festen Stellungen zum Stehen gekommen. Ihre Versorgung mit Waffen, Munition und Lebensmitteln hatte sich sowohl aus eigener Produktion als auch mit alliierter Hilfe verbessert. Der b\u00fcrgerlichen Opposition in der Duma mussten keine weiteren Zugest\u00e4ndnisse mehr gemacht werden. Die vier von der Duma unterst\u00fctzten Minister, die 1915 in die Regierung gekommen waren, wurden 1916 einer nach dem anderen entlassen und durch Gestalten, die Rasputins F\u00fcrsprache hatten, ersetzt. Die Semstwos,<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote22sym\" name=\"sdfootnote22anc\"><sup>22<\/sup><\/a> die die Versorgung der Fl\u00fcchtlinge und Verwundeten organisiert hatten und so im Krisenjahr 1915 die Katastrophen im Hinterland abgemildert hatten, waren nun auf Grund ihrer \u00fcberwiegend b\u00fcrgerlich-liberalen Ausrichtung dem Zaren mehr l\u00e4stig als notwendig. Der Zarismus setzte wieder offen auf Reaktion. Und die politische Rechte entwickelte f\u00fcr den Zarismus das entsprechende politische Programm.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Trotzki zitiert in seiner \u00bbGeschichte der russischen Revolution\u00ab ausf\u00fchrlich ein Papier der Rechten, das dem Zaren vorgelegt worden war. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">\u00bbDie Autoren der Denkschrift traten gegen jegliche Konzessionen an die b\u00fcrgerliche Opposition auf\u2026 (weil) die Liberalen \u203aso schwach, so uneinig und, man muss offen sagen, so unf\u00e4hig sind, dass ihr Sieg ebenso kurz wie unsicher w\u00e4re\u2039. Die Schw\u00e4che der wichtigsten oppositionellen Partei, der \u203akonstitutionell-demokratischen\u2039 (Partei), sei schon durch ihren Namen gekennzeichnet: sie nenne sich demokratisch, obwohl sie ihrem Wesen nach b\u00fcrgerlich sei, w\u00e4hrend sie in hohem Ma\u00dfe die Partei der liberalen Gutsbesitzer darstelle, habe sie in ihr Programm die zwangsweise Bodenabl\u00f6sung aufgenommen. \u203aOhne diese Tr\u00fcmpfe aus fremdem Kartenspiel\u2039, schrieben die Geheimr\u00e4te, die ihnen gewohnte Bildersprache gebrauchend, \u203asind die Kadetten nichts anderes als eine zahlreiche Gesellschaft liberaler Advokaten, Professoren und Beamten verschiedener Ressorts \u2013 nichts mehr.\u2039 Anders die Revolution\u00e4re. \u2026 Die revolution\u00e4ren Parteien \u203ad\u00fcrfen auf die Sympathie der Mehrheit der Bauernschaft rechnen, die sogleich mit dem Proletariat gehen wird, wenn die revolution\u00e4ren F\u00fchrer ihr fremden Grund und Boden zeigen werden.\u2039 Was w\u00fcrde unter diesen Bedingungen die Errichtung eines verantwortlichen Ministeriums ergeben? &#8218;Die volle und endg\u00fcltige Zerschlagung der Parteien der Rechten, das allm\u00e4hliche Verschlingen der Mittelparteien des Zentrums, der liberalen Konservativen, Oktobristen und Progressisten \u2013 durch die Kadettenpartei, die anfangs entscheidende Bedeutung bek\u00e4me. Doch den Kadetten w\u00fcrde das gleiche Schicksal drohen &#8230; Und danach? Danach w\u00fcrde die revolution\u00e4re Masse auf den Plan treten, die Kommune folgen, der Untergang der Dynastie, Pogrome auf die besitzenden Klassen und schlie\u00dflich der R\u00e4uber-Muschik.\u2039<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote23sym\" name=\"sdfootnote23anc\"><sup>23<\/sup><\/a> \u2026 Das positive Programm der Denkschrift ist nicht neu, aber konsequent: eine Regierung aus unnachgiebigen Anh\u00e4ngern des Selbstherrscher-tums; Abschaffung der Duma; Belagerungszustand in beiden Hauptst\u00e4dten; Vorbereitung der Kr\u00e4fte zur Unterdr\u00fcckung der Rebellion. Im Wesentlichen bildete denn auch dieses Programm die Grundlage der Regierungspolitik der letzten vorrevolution\u00e4ren Monate.\u00ab<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote24sym\" name=\"sdfootnote24anc\"><sup>24<\/sup><\/a> Dies war die Agenda der offenen Konterrevolution; durchsetzen sollte sie Ministerpr\u00e4sident St\u00fcrmer sowie sein sp\u00e4terer Innenminister Protopopow, von dem noch zu sprechen sein wird.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Es war also nicht die St\u00e4rke oder die Hartn\u00e4ckigkeit, mit der die Dumaopposition auftrat, \u2026 sondern die politische und gesellschaftliche Schw\u00e4che dieser Kr\u00e4fte. Neben der grunds\u00e4tzlichen Ablehnung des parlamentarischen Systems durch den Zaren \u2026 w\u00fcrde eine weitere Zusammenarbeit mit der Dumaopposition, wie das gerade zitierte Papier richtig feststellte, die politische Rechte weiter schw\u00e4chen, ohne den Zaren letztendlich vor einer Volksrevolution retten zu k\u00f6nnen. Von daher besa\u00df der Kurs auf die bewaffnete Niederwerfung eines Volksaufstandes mit anschlie\u00dfender Zerschlagung der b\u00fcrgerlichen Opposition eine gewisse innere Logik und wurde ab 1916 immer offener verfolgt.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Die alliierten Botschafter schlagen Alarm<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Dieser Kurswechsel alarmierte nicht nur die b\u00fcrgerliche Opposition, sondern ebenso die Botschafter der beiden entscheidenden russischen Kriegsalliierten, Frankreich und das Vereinigte K\u00f6nigreich. Beide Botschafter verst\u00e4ndigten ihre Regierungen \u00fcber den russischen Kurswechsel in der Innenpolitik, der ihrer Auffassung nach unvermeidlich einen au\u00dfenpolitischen Kurswechsel herbeif\u00fchren w\u00fcrde, n\u00e4mlich den in alliierten Kreisen so gef\u00fcrchteten Separatfrieden mit den Mittelm\u00e4chten. Dieser Gedankengang lag nahe, da die neuen zaristischen Minister bekannte Anh\u00e4nger eines \u00bbgermanophilen\u00ab Kurses waren. \u2026<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Protopopow betritt die Ministerb\u00fchne<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die Bef\u00fcrchtungen der alliierten Botschafter und der b\u00fcrgerlichen Opposition erhielten eine weitere Best\u00e4tigung, als ein ehemaliges Mitglied des Progressiven Blocks zum Innenminister ernannt wurde, wiederum auf Empfehlung der Zarin und Rasputins. Dieser neue Innenminister, Protopopow, hatte als Dumaabgeordneter an einer Rundreise durch die Ententel\u00e4nder teilgenommen. Auf der R\u00fcckreise \u00fcber Schweden f\u00fchrte er dort Gespr\u00e4che mit dem Bankhaus Warbug &amp; Co, das als Vertreter deutscher Interessen im Ausland galt. \u2026<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Er wurde im Herbst 1916 zum neuen Innenminister ernannt und blieb es gegen alle Widerst\u00e4nde (der Duma und der Alliierten) bis zur Februarrevolution, w\u00e4hrend St\u00fcrmer im Sommer 1916 auch den bisherigen \u00bbententetreuen\u00ab Au\u00dfenminister ersetzte, indem er selber das Au\u00dfenministerium \u00fcbernahm.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">So wurde Protopopow im Winter 1916\/1917 zur zentralen Figur der politischen Reaktion. Er wurde verd\u00e4chtigt, Anh\u00e4nger eines Separatfriedens zu sein, die Unruhen im Inneren Russlands zu f\u00f6rdern sowie die Versorgungslage Petrograds systematisch zu verschlechtern, um einen Aufstand der hungernden Bev\u00f6lkerung zu provozieren, der dann mittels Polizei und Gendarmerie niedergeschlagen werden sollte. Sollten diese Kr\u00e4fte nicht ausreichen, sollten die in der Hauptstadt stationierten Truppenverb\u00e4nde zur Unterst\u00fctzung herangezogen werden. Ziel dieser Operation war, die Streikbewegung der Arbeiterschaft durch Militarisierung der Fabriken zu brechen und dabei zugleich auch die b\u00fcrgerlich-liberale Opposition der Duma zu zerschlagen. Am Ende sollte es weder eine Duma, noch eine liberale Opposition, geschweige denn eine Arbeiterbewegung geben. Kurz zusammengefasst: das gesamte Programm, wie es schon der fr\u00fchere Innenminister <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Durnowo dem Zaren vorgetragen hatte. &#8230;<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Der Progressive Block muss handeln<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Der Opposition in der Duma war der politische Schwenk der zaristischen Regierung nicht entgangen. Was konnte sie tun, wenn sie die Revolution mehr f\u00fcrchtete als den Erhalt der Autokratie? Wo sollte sie Kr\u00e4fte gewinnen, wenn sie sich mehr vor dem Volk als vor dem Zaren und seinen Schwarzhundertern f\u00fcrchtete? Da die Bourgeoise sich ihrer politischen Schw\u00e4che bewusst war, blieben ihr nur zwei M\u00f6glichkeiten zu handeln. Als erstes und vor aller Augen: Appelle, Aufrufe und Enth\u00fcllungen, um die \u00f6ffentliche Meinung von der Duma-Trib\u00fcne aus und in ihrer Presse gegen die zaristische Regierung aufzubringen. Das zweite musste verdeckt geschehen, unbemerkt von der \u00d6ffentlichkeit und der zaristischen Verwaltung: die Konspiration mit den Alliierten, der Armeef\u00fchrung und den Mitgliedern des Romanows-Clans f\u00fcr einen Staatsstreich oder eine Palastrevolution. Diese beiden Punkte wurden zum Aktionsprogramm der b\u00fcrgerlichen Opposition im Kriegswinter 1916\/1917.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Im August 1914 hatten der liberale Adel und das B\u00fcrgertum enthusiastisch den Kriegseintritt des Zarenreiches an der Seite der Entente gefeiert. Die b\u00fcrgerliche Opposition in der Duma wurde zur \u00bbOpposition Ihrer Majest\u00e4t\u00ab und hatte die Absicht, w\u00e4hrend des Krieges getreulich am Burgfrieden festzuhalten. Aber trotz dieser vorbehaltlosen Unterst\u00fctzung gew\u00e4hrte der Zarismus keine anderen Zugest\u00e4ndnisse an Bourgeoisie und liberalen Adel als das Recht, sich landesweit zur Unterst\u00fctzung des Krieges und Milderung der Kriegsfolgen zu organisieren und sich dabei an den Kriegsauftr\u00e4gen zu bereichern. Eine ernsthafte politische Beteiligung an der Regierung oder Verwaltung des Landes schloss der Zarismus weiterhin kategorisch aus.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Nun hatte der Krieg bereits in seinem ersten Jahr die vollkommene Unf\u00e4higkeit, Korruption und Hilflosigkeit der zaristischen Milit\u00e4rf\u00fchrung und der politischen Verwaltung schonungslos aufgedeckt. Die Armee besa\u00df zu wenige Waffen, zu wenig Munition und einzig an inkompetenter milit\u00e4rischer F\u00fchrung mehr als genug. Dar\u00fcber hinaus war die zaristische Regierung nicht in der Lage, die Millionen von Fl\u00fcchtlingen aus den Kriegsgebieten unterzubringen und zu versorgen. Ihr Versagen an allen Fronten des milit\u00e4rischen, \u00f6konomischen, administrativen Handelns war un\u00fcbersehbar.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Dies veranlasste die Dumamehrheit 1915, sich zum Progressiven Block zusammenzuschlie\u00dfen, einerseits um den politischen Druck auf den Zarismus f\u00fcr eine Regierung des \u00bbgesellschaftlichen Vertrauens\u00ab zu erh\u00f6hen, anderseits aber auch, um den Zarismus in seinen Kriegsanstrengungen zu st\u00fctzen. \u00bbAuf Dr\u00e4ngen der Kadetten schlossen sich alle Dumaparteien mit Ausnahme der radikalen Rechten und Linken zum Progressiven Block zusammen. Allerdings wurde die Breite der Einheitsfront mit der Ausklammerung zentraler Probleme erkauft. Das Programm lie\u00df nicht nur M\u00e4\u00dfigung, sondern auch eine betr\u00e4chtliche Unverbindlichkeit erkennen. Den Bauern versprach es rechtliche Gleichstellung, den Arbeitern die Wiederzulassung der Gewerkschaften, den religi\u00f6sen und nationalen Minderheiten das Ende der Diskriminierung \u2026 Aber es schwieg sich \u00fcber die Agrarfrage und soziale Reformen ebenso aus wie \u00fcber Einzelheiten einer besseren Verfassung. Kern der Plattform und Raison d\u00b4\u00eatre des Blocks war letztendlich nur eine Forderung: die nach einer \u203aRegierung des gesellschaftlichen Vertrauens\u2039.\u00ab<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote25sym\" name=\"sdfootnote25anc\"><sup>25<\/sup><\/a> \u2026<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Der \u00dcbergang der b\u00fcrgerlichen Opposition zur offenen Konfrontation mit der Regierung hatte zwei uns bereits bekannte Gr\u00fcnde: <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Erstens die Gefahr eines Separatfriedens mit Deutschland, eine Gefahr, die von der Duma und den alliierten Botschaftern heftig beschworen wurde; zweitens die nach der Ansicht des Progressiven Blocks noch viel gr\u00f6\u00dfere Gefahr eines Staatsstreichs im Inneren als Ergebnis sozialer Unruhen, worauf die zaristische Verwaltung gezielt hinsteuerte. Diese zweite Gefahr wurde allerdings nicht von der Rednertrib\u00fcne der Duma verk\u00fcndet, sondern intern, in den eigenen Reihen und mit den Botschaftern der Alliierten besprochen, die dies dann getreulich ihren Regierungen meldeten.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Da man die Angst der Bourgeoisie vor der Revolution schlecht in den Mittelpunkt der \u00f6ffentlichen Kritik stellen konnte, konzentrierte sich der Angriff auf die katastrophalen Fehler in der Kriegsf\u00fchrung und der Versorgung von Armee und Bev\u00f6lkerung. Pawel Miljukows Rede im November 1916, die diese Fehler und Vers\u00e4umnisse der Regierung in den letzten Jahren auflistete, endete bei jedem dieser angef\u00fchrten Fehler und Vers\u00e4umnisse mit der rhetorischen Frage: \u00bbWar dies Dummheit oder Verrat?\u00ab Und der Saal der Duma antwortete fast einm\u00fctig: \u00bbVerrat\u00ab. \u2026<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die Miljukow-Rede in der Duma hatte betr\u00e4chtliche Auswirkungen auf die \u00f6ffentliche Meinung. Obwohl eine Publizierung des Redetextes und des Dumaprotokolls in der Presse unterbunden wurde, zirkulierte der Text auf unz\u00e4hligen Flugbl\u00e4ttern im gesamten Land und damit auch im Offizierskorps. Hier stie\u00df diese Rede ebenso wie in der \u00d6ffentlichkeit auf gro\u00dfe Resonanz. Vermeintlich erkl\u00e4rte der von den Kreisen um die Zarin unternommene \u00bbVerrat\u00ab die nicht enden wollenden Niederlagen der Armee und die schlechte Versorgungslage im Inneren, so dass die Armeef\u00fchrung nun ihre eigene Unf\u00e4higkeit problemlos den \u00bbdeutschen Verr\u00e4tern\u00ab in der zaristischen Regierung und Verwaltung anlasten konnte. &#8230;<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Milit\u00e4raktion oder Palastrevolution?<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">So brachten die Dumareden weder die proletarischen und b\u00e4uerlichen Massen hinter die Parolen des Progressiven Blocks noch bewegten sie die zaristische Regierung, vom Kurs der bewaffneten Konterrevolution im Inneren Abstand zu nehmen. Einzig die Armeef\u00fchrung r\u00fcckte n\u00e4her an die Dumaf\u00fchrung heran und begann in Hinterzimmern, mit ihr und den Vertretern der Alliierten zu konspirieren.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Ein Milit\u00e4rputsch oder eine Palastrevolution blieben somit die letzten M\u00f6glichkeiten der b\u00fcrgerlichen Opposition. \u2026<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">So standen im dritten Kriegswinter Zar Nikolaus und die politisch das Geschehen dominierende Zarin ziemlich einsam da, gest\u00fctzt nur noch von den Kr\u00e4ften der politischen Reaktion, der Polizei, der Ochrana, den baltischen Adeligen und von Teilen des alten Gro\u00dfgrundbesitzes sowie darauf hoffend, dass die russische Bauernschaft im Soldatenrock in ihrer Treue zum Zaren fest blieb. Die Arbeiterschaft, die b\u00fcrgerliche Opposition, bedeutende Teile des Offizierskorps sowie der Romanow-Clan selbst standen im Gegensatz zum Zaren und seiner Regierung.&#8220;<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>(Soweit die Ausz\u00fcge aus Schr\u00f6der\/Karuscheit: Das Revolutionsjahr 1917, Seiten 9 \u2013 30)<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/span><\/span><\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\">\n<p align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Pipes 1992, S. 425; auf eine Literaturliste wird in den hier abgedruckten Ausz\u00fcgen verzichtet; sie findet sich in dem zitierten Buch.<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote2\">\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote2anc\" name=\"sdfootnote2sym\">2<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Pipes 1992, S. 473<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote3\">\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote3anc\" name=\"sdfootnote3sym\">3<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Russland hatte 1914 \u00fcber 5 Mio. Rekruten f\u00fcr den Krieg einberufen. In immer neuen Rekrutierungswellen wurden bis 1917 \u00fcber 15 Mio. Soldaten rekrutiert.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote4\">\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote4anc\" name=\"sdfootnote4sym\">4<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Petrograd hatte zu diesem Zeitpunkt ca. 2 bis 2,5 Mio. Einwohner; die Zahlenangaben schwanken.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote5\">\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote5anc\" name=\"sdfootnote5sym\">5<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Aber die K\u00e4lte mit ihrem Dauerfrost versch\u00e4rfte nicht nur die Versorgungslage in Petrograd, sie schuf zugleich eine der praktischen Voraussetzung f\u00fcr den Erfolg der anstehenden Revolution. Die Stadt selbst war so angelegt worden, dass ihr politisches Zentrum jederzeit von den Vororten mit dem industriellen Proletariat abgeschnitten werden konnte, indem die Zugbr\u00fccken \u00fcber die Newa und ihre Seitenarme hochgezogen wurden. Die K\u00e4lte des Februars aber lie\u00df die Newa komplett zufrieren. Ein Hochziehen der Zugbr\u00fccken verhinderte unter diesen Bedingungen nicht mehr das Vordringen der Demonstrierenden in die Innenstadt. Das Eis der Newa war zu einer breiten \u00bbBr\u00fccke\u00ab geworden, die in den entscheidenden Tagen des Februars die Vororte mit dem politischen Zentrum Petrograds verband. Dies ist f\u00fcr den Verlauf der Februarrevolution von wesentlicher Bedeutung.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote6\">\n<p align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote6anc\" name=\"sdfootnote6sym\">6<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Siehe dazu Gudaitis <\/span><\/span><span style=\"color: #00000a;\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">2004<\/span><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">, S. 124<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote7\">\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote7anc\" name=\"sdfootnote7sym\">7<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Die Ochrana durfte keine Spitzel oder Agenten im zaristischen Milit\u00e4r unterhalten.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote8\">\n<p align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote8anc\" name=\"sdfootnote8sym\">8<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Anschaulich geschildert in Figes 1998, Kapitel 7.<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote9\">\n<p align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote9anc\" name=\"sdfootnote9sym\">9<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> \u00bbBis Anfang 1915 hatte die russische Armee bereits 1,8 Millionen Mann an Toten, Verwundeten und Kriegsgefangenen verloren. Die hohen Verluste halbierten den Kaderbestand der Vorkriegszeit \u2026 der am besten ausgebildeten Truppen. Die zwei Millionen Neurekrutierten, die sie ersetzen sollten, erhielten nur noch eine Grundausbildung von wenigen Wochen, bevor sie an die Front geschickt wurden. Auch ihre Bewaffnung blieb mangelhaft, weil die milit\u00e4rische F\u00fchrung nur f\u00fcr einen kurzen Krieg geplant und den Bedarf an Gewehren und Granaten geh\u00f6rig untersch\u00e4tzt hatte. Das trieb die Verlustraten hoch. Die milit\u00e4rische F\u00fchrung setzte auf zahlenm\u00e4\u00dfige St\u00e4rke. In immer neuen Mobilisierungswellen wurden schlie\u00dflich \u00fcber 15 Millionen rekrutiert.\u00ab (Altrichter 1997, S. 102)<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote10\">\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote10anc\" name=\"sdfootnote10sym\">10<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Eine Vielzahl freier Berufe sowie gro\u00dfe Teile der Intelligenz waren im Zarismus vom Wehrdienst freigestellt oder konnten sich ihm ohne Schwierigkeiten relativ problemlos entziehen. Die Hauptlast immer neuer Einberufungswellen trug die russische Bauernschaft.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote11\">\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote11anc\" name=\"sdfootnote11sym\">11<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Gudaitis 2004, S. 128<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote12\">\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote12anc\" name=\"sdfootnote12sym\">12<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> So wurden 1.000 bis 1.500 Rekruten in Unterk\u00fcnften zusammengepfercht, die urspr\u00fcnglich f\u00fcr eine Kompanie ausgelegt waren.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote13\">\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote13anc\" name=\"sdfootnote13sym\">13<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Neben der Duma das zweite Verfassungsorgan, vorwiegend mit Adligen, hoher Geistlichkeit und einzelnen Industriellen und Bankiers besetzt. Die H\u00e4lfte seiner Mitglieder wurde vom Zaren direkt bestimmt. Die Aufgabe dieses Gremiums war die Pr\u00fcfung von Gesetzen. Der Staatsrat wurde regelm\u00e4\u00dfig zum Friedhof aller Gesetzesinitiativen der Duma. Die letztliche Entscheidungsmacht allerdings lag einzig beim Zaren.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote14\">\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote14anc\" name=\"sdfootnote14sym\">14<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Die Duma war ein nach Zensuswahlrecht und nationalen Beschr\u00e4nkungen gew\u00e4hltes \u00bbParlament\u00ab ohne tats\u00e4chliche Macht. Die letztendliche politische Entscheidung lag beim Zaren und seinem Staatsrat. Die b\u00fcrgerliche Geschichtsschreibung spricht von einem Scheinparlamentarismus oder Scheinkonstitutionalismus. Die Zusammensetzung der Duma bei Ausbruch des Weltkrieges hinsichtlich der politischen Parteien war folgende: zw\u00f6lf Sozialdemokraten (f\u00fcnf Bolschewiki und sieben Menschewiki), zehn Sozialrevolution\u00e4re (Trudowiki), 47 Progressisten, 57 Kadetten, 85 Oktobristen, 33 Zentristen, 20 Progressive Nationalisten, 60 Nationalisten und 64 Rechte (zumeist \u00bbSchwarzhunderter\u00ab).<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote15\">\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote15anc\" name=\"sdfootnote15sym\">15<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Die Kadetten, oftmals als \u00bbProfessorenpartei\u00ab verspottet, vertraten den liberalen Landadel und die Freiberufler. Sie waren die eigentliche Hauptpartei der b\u00fcrgerlichen Opposition.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote16\">\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote16anc\" name=\"sdfootnote16sym\">16<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Die Oktobristen, rechts von den Kadetten und links von den Schwarzhundertern, vertraten klassenpolitisch gro\u00dfe Teile der industriellen Bourgeoisie, der Banken sowie des konservativen Landadels und beriefen sich auf das Oktoberedikt des Zaren, mit dem er die weitgehend rechtlose Duma ins Leben gerufen hatte. Ihre Gr\u00fcnder, u.a. Alexander Gutschkow, verstanden sie als St\u00fctze des zaristischen Systems.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote17\">\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote17anc\" name=\"sdfootnote17sym\">17<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> 1916 desertierten ca. 1,5 Millionen Soldaten aus der Armee.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote18\">\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote18anc\" name=\"sdfootnote18sym\">18<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Die Sozialrevolution\u00e4re Partei hatte die Wahl zur IV. Duma boykottiert, weshalb nur die Trudowiki, die sich an dem Boykott nicht beteiligten, in der Duma vertreten waren.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote19\">\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote19anc\" name=\"sdfootnote19sym\">19<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Russisch-japanischer Krieg von 1904-1905 um die Mandschurei und Korea. Das zaristische Regime hatte diesen Krieg aus innenpolitischen Gr\u00fcnden provoziert und dann blamabel milit\u00e4risch verloren.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote20\">\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote20anc\" name=\"sdfootnote20sym\">20<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Auf eine Anfrage der Zarin, ob ein Besuch Rasputins im Hauptquartier der Armee m\u00f6glich sei, antwortete der Befehlshaber sinngem\u00e4\u00df: Rasputin m\u00f6ge gerne kommen, er w\u00fcrde ihn sofort aufh\u00e4ngen lassen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote21\">\n<p align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote21anc\" name=\"sdfootnote21sym\">21<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Fischer Weltgeschichte Bd. 31 (1972), S. 265<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote22\">\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote22anc\" name=\"sdfootnote22sym\">22<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Gew\u00e4hlte \u00bbLandschaften\u00ab, in denen Vertreter des Adels, der Stadtbewohner und der Bauern Aufgaben der lokalen Verwaltung \u00fcbernahmen. Sie hatten keinerlei politische Befugnisse. Ihre Zust\u00e4ndigkeit erstreckte sich auf das Gesundheits-, Bildungs- und Verkehrswesen, die Wohlfahrtspflege und die Armenf\u00fcrsorge, die Industrie, den Handel und die Landwirtschaft. Die Finanzierung beruhte auf Steuereinnahmen, f\u00fcr die ebenfalls die jeweiligen Semstwos zust\u00e4ndig waren.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote23\">\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote23anc\" name=\"sdfootnote23sym\">23<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Gemeint ist der russische Bauer, der das Land des Zaren, des Adels und der Kirche beansprucht.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote24\">\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote24anc\" name=\"sdfootnote24sym\">24<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Trotzki 1960, S. 42-43<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote25\">\n<p align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote25anc\" name=\"sdfootnote25sym\">25<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Hildermeier 1989; S. 129<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Buch von Schr\u00f6der\/Karuscheit: Das Revolutionsjahr 1917 Die politischen Lager vor der Revolution Der Plan des Zaren Die alliierten Botschafter schlagen Alarm Der Progressive Block muss handeln \u00bbNach Ansicht der bestinformierten und zugleich loyalsten Beobachter (gemeint sind die Gendarmerie und die Geheimpolizei mit ihren Berichten und Einsch\u00e4tzungen, Anm. d.\u00a0V.) befand sich Russland im Oktober &hellip; <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=675\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Russland im Winter 1916\/1917<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":661,"menu_order":1,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-675","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/675","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=675"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/675\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":775,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/675\/revisions\/775"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/661"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=675"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}