{"id":631,"date":"2016-09-19T19:40:33","date_gmt":"2016-09-19T17:40:33","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=631"},"modified":"2016-09-19T19:40:33","modified_gmt":"2016-09-19T17:40:33","slug":"sars-und-marxismus","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=631","title":{"rendered":"SARS und Marxismus"},"content":{"rendered":"<div>\n<h5>Von Heiner Karuscheit<\/h5>\n<h2><i>Vorbemerkung<\/i><\/h2>\n<p><i>Entgegen der getroffenen Absprachen hat Kolja Wagner seine Diskussionsbeitr\u00e4ge f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung inhaltlich umgeschrieben, u.\u00a0a. zu dem von ihm so genannten &#8222;leninistischen Parteistaat&#8220;. Auch wenn meine Kritik deshalb f\u00fcr den Leser an der einen oder anderen Stelle nicht mehr so &#8222;passend&#8220; erscheint, habe ich keine Veranlassung, daran auch nur ein Wort zu \u00e4ndern. Kolja Wagner mag seine Formulierungen nachtr\u00e4glich sch\u00f6nen wie er will: an seinem Marxismusverst\u00e4ndnis hat sich nichts ge\u00e4ndert &#8211; es ist nicht das meine.<\/i><\/p>\n<hr \/>\n<p>Hallo Kolja,<\/p>\n<p>Ausgangspunkt der bisherigen Auseinandersetzung war deine Behauptung, dass die schnelle Ausbreitung von SARS in China durch die fehlende Pressefreiheit und den &#8222;leninistischen Parteienstaat&#8220; verursacht worden sei. Alfreds Kritik an dieser Position hast du mit deiner Antwort &#8222;Letzte Worte zu Sars&#8220; zur\u00fcckgewiesen. Ich bin wie du der Auffassung, dass es nicht lohnt, die Debatte um SARS zu vertiefen, weil l\u00e4ngst weiter gehende Fragen im Vordergrund stehen. Deswegen nehme ich auch nicht zu SARS Stellung, sondern zu diesen Fragen, die letztlich grundlegende Unterschiede im Verst\u00e4ndnis des Marxismus und der heutigen Aufgaben von Kommunisten offenbaren.<\/p>\n<h2>Noch einmal zum &#8222;leninistischen Parteienstaat&#8220;<\/h2>\n<p>Zun\u00e4chst will ich noch einmal auf die bereits von Alfred angerissene Frage des &#8222;leninistischen Parteienstaats&#8220; eingehen, der deines Erachtens nicht nur die Ursache f\u00fcr die schnelle Verbreitung von SARS (qua fehlender Pressefreiheit) war, sondern der gesamten Entwicklung in China und insbesondere der von dir geforderten Demokratie entgegensteht. Was f\u00fcr einen Staat meinst du damit?<\/p>\n<p>Meinst du den Staat der 20er Jahre in der Sowjetunion, der noch am ehesten mit dem Namen Lenins in Verbindung gebracht werden kann, als eine weit gehende Diskussions-, Versammlungs- und Pressefreiheit herrschte, ausgenommen die \u00dcberreste des Adels und der alten Bourgeoisie?<\/p>\n<p>Oder meinst du den Staat, der sich unter Stalin in den 30er Jahren im Zeichen der sprunghaften Industrialisierung und Kollektivierung herausbildete, als die Gewalt zu einer \u00f6konomischen Potenz wurde, und dessen zentralisierende Funktionen noch einmal durch die Notwendigkeiten der Kriegsf\u00fchrung gegen NS-Deutschland verst\u00e4rkt wurden?<\/p>\n<p>Aber was ist aus diesem Staat geworden? Ende der 40er\/Anfang der 50er Jahre gab es bekanntlich eine weichenstellende Auseinandersetzung \u00fcber den weiteren Aufbau des Sozialismus. Dabei standen sich, sehr verk\u00fcrzt gesprochen, der Staatsapparat mit Stalin an der Spitze (gest\u00fctzt auf eine leistungsbereite &#8222;Stachanow&#8220;-Minderheit von Werkt\u00e4tigen in Industrie und Kolchos) und die Parteimehrheit (die sich insbesondere auf die Mehrheit der Arbeiter in der Schwerindustrie st\u00fctzen konnte) gegen\u00fcber. Der von dir verteufelte &#8222;leninistische Parteienstaat&#8220; wies also das Ph\u00e4nomen auf, dass &#8222;Partei&#8220; und &#8222;Staat&#8220; in der gesellschaftlichen Realit\u00e4t auseinander fielen, ja sogar gegeneinander standen.<\/p>\n<p>Ebenso ist bekannt, dass die von Chruschtschow angef\u00fchrte Parteimehrheit schlie\u00dflich den Sieg davontrug, was nicht nur das Ende des sozialistischen Aufbaus, sondern auf l\u00e4ngere Frist den Zerfall der produktiven Grundlagen der Gesellschaft nach sich zog. Auf dem Boden dieses <i>neuen<\/i> &#8222;leninistischen Parteienstaats&#8220;, wie er durch die Ann\u00e4herung von Parteiorganisation und Staat unter Chruschtschow entstand, war kein weiteres Zusammenwachsen der verschiedenen Nationalit\u00e4ten m\u00f6glich, sondern nahm die Selbst\u00e4ndigkeit der einzelnen Sowjetrepubliken mehr und mehr zu (du w\u00fcrdest es wahrscheinlich &#8222;Demokratie&#8220; nennen). Nur auf dieser Grundlage war 1991 die alles in allem erstaunlich reibungslose Aufteilung der Sowjetunion in verschiedene unabh\u00e4ngige Staaten m\u00f6glich. Dem Kern der Sache nach war also die &#8222;monolithische Geschlossenheit&#8220; von Partei und Staat, die dir im Hinterkopf herumspukt und der Chim\u00e4re vom &#8222;leninistischen Parteienstaat&#8220; zugrunde liegt, in der UdSSR erst ab den 60er Jahren vorhanden &#8211; und zugleich nicht vorhanden.<\/p>\n<h2>Mao: das machen wir anders als Moskau<\/h2>\n<p>Oder nehmen wir China. Um deine Auffassung von der L\u00e4nder und Zeiten \u00fcbergreifenden Kontinuit\u00e4t eines ewig gleichen &#8222;leninistischen Parteienstaats&#8220; zu untermauern, schreibst du: &#8222;Dass China nach 1949 das Kader- und Staatssystem mit allem drum und dran von der Sowjetunion kopierte, darauf hat sogar Mao verwiesen.&#8220; Der Hinweis auf Mao ist richtig &#8211; nur hast du vergessen hinzuzuf\u00fcgen, dass Mao die Feststellung von der \u00dcbernahme des sowjetischen Modells als <i>Fehler<\/i> der ersten Jahre bezeichnet, um sich davon abzugrenzen (die von Helmut Martin herausgegebene Zusammenstellung von Aussagen Mao Zedongs: &#8222;Das machen wir anders als Moskau&#8220;, Rowohlt 1975, breitet auf \u00fcber 100 Seiten Maos <i>Kritik<\/i> am sowjetischen Weg aus). Bekanntlich konnte Mao sich <i>gegen<\/i> die Anh\u00e4nger des sowjetischen Wegs in der KP Chinas durchsetzen (was dich an anderer Stelle nicht hindert, seine Politik als Quelle allen \u00dcbels in China zu brandmarken). Was soll also die abgeschnittene Zitierung von Mao Zedong, wenn die vollst\u00e4ndige Aussage auf das genaue Gegenteil eines identischen sowjetisch-chinesischen &#8222;leninistischen Parteienstaats&#8220; hinausl\u00e4uft? Willst du uns f\u00fcr dumm verkaufen?<\/p>\n<p>Was \u00fcbrig bleibt an Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Staaten, sind Trivialit\u00e4ten wie Gewaltmonopol, B\u00fcrokratie, Verwaltungsapparat, bestimmte Formen der Verschr\u00e4nkung von Partei und Staat etc, die Stoff f\u00fcr viele Universit\u00e4tskolloquien bieten, aber mehr auch nicht. Wissenschaftlich ist dein &#8222;leninistischer Parteienstaat&#8220; eine leere Abstraktion ohne historisch-konkreten Inhalt, von etwa der gleichen Qualit\u00e4t wie der Begriff &#8222;Stalinismus&#8220;, wof\u00fcr er nur ein Synonym ist. Auf seine eigentliche Funktion hat schon Alfred verwiesen: er ist ein politischer Kampfbegriff aus der Klamottenkiste des Antikommunismus, der zu nichts anderem diente (und augenscheinlich immer noch dient), als alle Versuche des vergangenen Jahrhunderts, eine sozialistische Gesellschaftsordnung aufzubauen, zu diffamieren.<\/p>\n<h2>Wer soll der Tr\u00e4ger einer demokratischen Entwicklung in China sein?<\/h2>\n<p>So ablehnend du dem &#8222;leninistischen Parteienstaat&#8220; gegen\u00fcberstehst, desto \u00fcberzeugter vertrittst du das von dir propagierte Gegenbild einer (b\u00fcrgerlichen) Demokratie in China. Wer soll aber der Tr\u00e4ger einer demokratischen Entwicklung in dem Riesenreich sein? Die in den vergangenen Jahrzehnten entstandene Bourgeoisie hat mit Sicherheit keinerlei Interesse an einer demokratischen Umw\u00e4lzung. Die Regierungspolitik <i>&#8222;Wirtschaftliche, aber keine politischen Freiheiten&#8220;<\/i> kommt den Interessen dieser Bourgeoisie meiner Meinung nach aufs vortrefflichste entgegen, aus einem einfachen Grund: Der ablaufende Prozess der urspr\u00fcnglichen Akkumulation des Kapitals, der damit einhergehende Umsturz der \u00fcberkommenen Verh\u00e4ltnisse, die soziale Entwurzelung von Millionenmassen chinesischer Bauern und Arbeiter, die nach deinen eigenen Worten &#8222;gr\u00f6\u00dfte Umw\u00e4lzung der Klassenverh\u00e4ltnisse in der Menschheitsgeschichte&#8220; (wenn sie es denn ist) bedingt mit Notwendigkeit, dass die Massen so weit wie irgend m\u00f6glich aus der Politik herausgehalten, von den M\u00f6glichkeiten politischer Einflussnahme ferngehalten werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Du selber schreibst in einer Arbeit hierzu: &#8222;In China k\u00f6nnte aber auch die Klassenkonstellation eintreten, die zum B\u00fcndnis der schwachen Bourgeoisie mit dem autorit\u00e4ren Staat gegen die Arbeiter und Bauern f\u00fchrt. Aus Angst vor diesen Bewegungen (der Bauern und Arbeiter, H.\u00a0K.) k\u00f6nnten sich die Unternehmer und die Mittelschichten an den Staat wenden. Schlie\u00dflich nutzt es den Unternehmern, dass es in China kein Streikrecht und keine unabh\u00e4ngigen Gewerkschaften gibt und dass sie mit den rechtlosen Wanderarbeitern \u00fcber billige Arbeitskr\u00e4fte verf\u00fcgen.&#8220; Diesen Ausf\u00fchrungen kann ich nur zustimmen, bis auf die Tatsache, dass die benannte Klassenkonstellation nicht irgendwann eintreten <i>k\u00f6nnte<\/i>, sondern dass sie seit Jahren existiert und den chinesischen Staat tr\u00e4gt (siehe Anmerkung)<\/p>\n<h2>Fraktionen der Bourgeoisie und die Frage des Rechtsstaats<\/h2>\n<p>Bei einer n\u00e4heren Besch\u00e4ftigung mit dem Thema m\u00fcssten die verschiedenen Fraktionen der Bourgeoisie genauer untersucht werden. Wahrscheinlich gibt es einige Unterschiede zwischen der gro\u00dfen Bourgeoisie und der Masse der mittleren und kleinen Kapitalisten. Zur Bourgeoisie d\u00fcrfte auch eine Minderheit von Bauern geh\u00f6ren, die mittlerweile in der einen oder anderen Art und Weise \u00fcber gr\u00f6\u00dfere Landfl\u00e4chen verf\u00fcgen und Formen der Lohnarbeit einsetzen (z.\u00a0B. in Form der Familienproduktion).<\/p>\n<p>Gleichzeitig haben die verschiedenen Fraktionen der Bourgeoisie eine unterschiedliche N\u00e4he zum Staat. W\u00e4hrend die Gesch\u00e4fte der einen durch Korruption und &#8222;illegale&#8220; Praktiken bl\u00fchen, sitzen die anderen nicht so dicht an den staatlichen Fleischt\u00f6pfen, woraus unterschiedliche Haltungen zur Einf\u00fchrung eines <i>Rechtsstaats<\/i> resultieren. Vielleicht gibt es irgendwann ein \u00fcberwiegendes Interesse entscheidender Teile der Bourgeoisie an rechtsstaatlichen Verh\u00e4ltnissen, um dauerhaft die f\u00fcr eine reibungslose Reproduktion des Kapitals notwendige Sicherheit zu haben. Die Durchsetzung solcher Rechtsverh\u00e4ltnisse h\u00e4tte allerdings mit einer demokratischen Revolution wenig zu tun (manchmal habe ich bei deinen Arbeiten den Eindruck, dass du die Forderung nach einem Rechtsstaat bereits f\u00fcr b\u00fcrgerlich revolution\u00e4r h\u00e4ltst). Und ob dieser Schritt gelingt, ist noch eine ganz andere Frage, hat doch das China von heute mit der sich aufl\u00f6senden Feudalordnung des alten Europa wenig gemein. Leider habe ich zu den ganzen <i>gesellschaftlichen, sozialen Verh\u00e4ltnissen<\/i>, die einen Marxisten vorrangig interessieren sollten, aus deiner Feder bisher wenig gefunden.<\/p>\n<p>Wie dem auch sei: dass irgendein Teil der Bourgeoisie sich <i>gegen<\/i> Partei und Staat aufstellt, wenn die Massen in Aufruhr geraten und es Spitz auf Knopf geht, erscheint mir abwegig.<\/p>\n<h2>Zu den sozialen Inhalten einer b\u00fcrgerlichen (?) Revolution<\/h2>\n<p>Kommen wir damit zu den gesellschaftlichen Kr\u00e4ften, die f\u00fcr eine demokratische Revolution in Betracht kommen, und das sind Arbeiter und Bauern (die Intellektuellen vernachl\u00e4ssige ich, weil a) du selber ihnen keine revolution\u00e4re Potenz beimisst, und b) sie letztlich nur im Rahmen der Bewegung der Hauptklassen eine Rolle spielen k\u00f6nnen). Welchen sozial\u00f6konomischen Inhalt soll eine demokratische Umw\u00e4lzung haben? Der Marxismus betrachtet die Demokratie nicht als Selbstzweck, sondern als politische Form, in der bestimmte Klasseninteressen zur Geltung gebracht werden. Damit stellt sich die Frage, f\u00fcr welche <i>materiellen Interessen<\/i> die oppositionellen Klassenkr\u00e4fte eintreten, denn nur dann werden sie den <i>politischen Umsturz<\/i> wollen.<\/p>\n<p>Die <i>alte<\/i> Arbeiterklasse, haupts\u00e4chlich in der Schwerindustrie zu Hause, tritt f\u00fcr die Sicherung bzw. Wiederherstellung ihrer &#8222;angestammten Rechte&#8220; ein, sprich lebenslanger Arbeitsplatz, Wohnung und soziale Sicherung, das alles organisiert durch die bisherigen Staatsbetriebe, um deren Erhalt sie mit allen Mitteln k\u00e4mpft. Die <i>neue<\/i> Arbeiterklasse dagegen, die in den Privatfabriken der neuen Bourgeoisie arbeitet, hat keine &#8222;angestammten&#8220; Rechte, f\u00fcr deren Erhalt sie k\u00e4mpfen kann. Sie tritt f\u00fcr menschenw\u00fcrdige Arbeitsbedingungen, h\u00f6here (oder auch nur: sichere) L\u00f6hne, sozialen Schutz bei Alter und Krankheit etc. ein (auf der Website WELT IN UMW\u00c4LZUNG finden sich sehr detaillierte Darstellungen der gegenw\u00e4rtigen Lebensumst\u00e4nde sowohl der &#8222;neuen&#8220; als auch der &#8222;alten&#8220; Arbeiterklasse mitsamt den daraus resultierenden sozialen K\u00e4mpfen).<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise kommen beide Fraktionen der Arbeiterklasse in der Forderung nach Streikrecht und der Zulassung unabh\u00e4ngiger Gewerkschaften zusammen. Aber mehr als nur eine formale Kampfeinheit wird dies nicht sein, denn die Organisation ist kein Selbstzweck, sondern dient der Durchsetzung bestimmter (hier sehr unterschiedlicher) materieller Ziele. Schon allein bei n\u00e4herer Betrachtung der verschiedenen Teile der Arbeiterklasse zeigt sich, wie schwer es sein d\u00fcrfte, die divergierenden Interessen zusammenzubringen und eine hegemoniale Programmatik (unter wessen Hegemonie?) f\u00fcr eine (b\u00fcrgerliche? demokratische? sozialistische?) Revolution zu entwickeln.<\/p>\n<h2>Die Bauern als &#8222;fortschrittliche Kraft&#8220;?<\/h2>\n<p>Erst recht stellt sich dieses Problem, wenn man zu den Bauern \u00fcbergeht, die nach wie vor die Mehrheit des chinesischen Volkes darstellen und \u00fcber eine nicht unwichtige revolution\u00e4re Tradition verf\u00fcgen. Deine Auffassung hierzu tut sich in der Zwischen\u00fcberschrift deiner Antwort auf Alfreds Kritik kund: &#8222;Die Bauern als fortschrittliche Kraft&#8220;. N\u00e4her f\u00fchrst du dazu aus, dass nach deiner &#8222;eigenen Erfahrung es die Bauern und nicht die Studenten (sind), die sehr unzufrieden mit dem politischen System sind und politische Freiheiten und rechtsstaatliche Sicherheit wollen.&#8220; Unterstellt, es ist so, wie du schreibst &#8211; welchen Gebrauch wollen die Bauern von den &#8222;politischen Freiheiten&#8220; machen? <i>Welche \u00f6konomisch-sozialen Ziele verfechten sie, zu deren Durchsetzung sie &#8222;politische Freiheiten&#8220; verlangen?<\/i> Die Antwort liegt auf der Hand: sozial k\u00f6nnen sie gar nicht anders als f\u00fcr Erhalt und Verbesserung ihrer gegebenen Produktions- und Lebensverh\u00e4ltnisse einzutreten. Das bedeutet <i>Schutz der agrarischen Kleinproduktion<\/i>, und da musst du einem marxistisch gebildeten (oder auch nur mit einem gesunden Menschenverstand ausgestatteten) Menschen schon erkl\u00e4ren, wieso dieses Interesse die chinesische Bauernschaft zu einer &#8222;fortschrittlichen Kraft&#8220; macht.<\/p>\n<p>Zu einer anderen Auffassung \u00fcber die (notwendig sich ergebenden) Ziele der chinesischen Bauernmassen kann man nur gelangen, wenn man wie du vertritt: &#8222;Die meisten (Bauern) haben erkannt, dass die Landwirtschaft keine Zukunft hat und setzen alles daran, dass ihre Kinder etwas anderes lernen.&#8220; Das soll offenbar hei\u00dfen, dass 600 Millionen chinesische Bauern nicht mehr entsprechend ihren sozialen Interessen handeln, sondern f\u00fcr den Untergang der eigenen Lebensgrundlagen eintreten, um sich f\u00fcr den geschichtlichen Fortschritt (bzw. was du daf\u00fcr h\u00e4ltst) aufzuopfern, damit k\u00fcnftige Generationen die Sonne genie\u00dfen k\u00f6nnen. Das ist eine wahrhaft wurzelhafte Erweiterung des Marxismus \u2013 sie ist nicht nur blanker Idealismus, sondern schlichtweg absurd.<\/p>\n<p>Von daher macht es einen Sinn, wenn du \u00fcber den sozialen Inhalt einer b\u00fcrgerlichen Revolution in China so gut wie nichts ausf\u00fchrst bzw. den agrarischen Massen unterstellst, sie h\u00e4tten keine <i>b\u00e4uerlich<\/i>-sozialen Interessen mehr. Auf dieser luftigen Grundlage l\u00e4sst sich n\u00e4mlich umso gro\u00dfz\u00fcgiger \u00fcber die reine Demokratie fabulieren. Deshalb musst du dir auch den Vorwurf gefallen lassen, dass du dich mit deinen Forderungen nach Demokratie als solcher auf das Niveau eines George\u00a0W. Bush begibst. Der Unterschied d\u00fcrfte indes sein, dass George\u00a0W. Bush wei\u00df, wovon er redet (bzw. seine Berater es wissen): f\u00fcr sie ist die Forderung nach Demokratisierung Kernpunkt einer Strategie, China in innenpolitische Krisen zu st\u00fcrzen, um seinen unerw\u00fcnschten Aufstieg zu verhindern. Diese Krisen werden wahrscheinlich so oder so kommen, und mir ist, offen gestanden, schleierhaft, was an ihrem Ende anderes stehen soll als der (mindestens vor\u00fcbergehende) Zerfall des Landes, verbunden mit der Entstehung von warlords und mehr oder weniger selbst\u00e4ndigen Regionen, wie das alles aus der ersten H\u00e4lfte des vergangenen Jahrhunderts bekannt ist. Das d\u00fcrfte der reale Inhalt der inhaltsleeren Phrase vom chinesischen Drachen werden, dessen Br\u00fcllen Europa erzittern lassen soll &#8211; mit dem kleinen Unterschied, dass auf absehbare Zeit keine revolution\u00e4r-marxistische Perspektive in Aussicht steht.<\/p>\n<h2>Jenseits des Marxismus<\/h2>\n<p>Dass es sich bei deinen Positionen nicht um verungl\u00fcckte Gedankeng\u00e4nge handelt (wie ich zeitweise dachte), zeigen deine Vorw\u00fcrfe gegen unsere bisherigen Ver\u00f6ffentlichungen. Du kritisierst, dass in den Untersuchungen zur Sowjetunion, insbesondere in dem Buch <i>Von der Oktoberrevolution zum Bauernsozialismus<\/i> &#8222;Fragen von B\u00fcrokratie, Parteiaufbau, politisches System usw. kaum behandelt&#8220; werden, und vertrittst, dass man &#8222;die Geschichte des Sozialismus mit einer Reduzierung auf Klassenverh\u00e4ltnisse, Charakter der Bauernschaft, Parteistrategie nicht ausreichend kl\u00e4ren kann.&#8220; Genau hier liegt des Pudels Kern. Selbstredend geh\u00f6rt zur vollst\u00e4ndigen Darstellung einer Gesellschaftsordnung nicht nur die Untersuchung ihrer materiellen Basis, der Klassen und ihrer K\u00e4mpfe, sondern auch ihres \u00dcberbau; bestreiten k\u00f6nnte das nur ein Esel.<\/p>\n<p>Aber es geht um etwas anderes: <i>dir passen die Ergebnisse unsere Klassenuntersuchungen nicht<\/i>. Da du sie jedoch nicht widerlegen kannst oder willst, weichst du stattdessen in den gesellschaftlichen \u00dcberbau aus und entdeckst das Wesen der Dinge in &#8222;B\u00fcrokratie, Parteiaufbau, politisches System&#8220;. Auf diese Weise kannst du sowohl den &#8222;leninistischen Parteienstaat&#8220; als Urheber aller \u00dcbel des Sozialismus ausmachen als auch die chinesischen Bauern als Tr\u00e4ger des Fortschritts, weil sie angeblich nicht mehr f\u00fcr ihre sozialen Interessen eintreten, sondern f\u00fcr die reine Demokratie. Beides zeigt, dass du mittlerweile politisch ebenso weit vom Marxismus entfernt stehst wie erkenntnistheoretisch vom historischen Materialismus. Ich kann die von dir vertretenen Positionen nur als b\u00fcrgerlich-idealistisch, wenn nicht reaktion\u00e4r bewerten.<\/p>\n<h2>Anmerkung<\/h2>\n<p>In deinem Artikel <a href=\"file:\/\/\/Users\/pdietrich\/Documents\/kommmunistische%20debatte\/sozialismus\/china2002.html\" target=\"_blank\">China als neues Schlachtfeld einer sozialen Revolution?<\/a> von 2002, der zur Vorbereitung des China-Seminars im Februar 2003 diente, steht allerdings noch etwas v\u00f6llig anderes. Dort hei\u00dft es \u00fcber die neuen b\u00fcrgerlichen Schichten: &#8222;Vielleicht werden es gerade diese neuen Mittelschichten sein, die zur treibenden Kraft einer demokratischen Bewegung werden. Da sie wirtschaftlich als Unternehmer und Konsumenten (&#8230;) selbst entscheiden k\u00f6nnen, werden sie eines Tages vielleicht auch die politische Mitbestimmung, sprich b\u00fcrgerliche Republik, einfordern.&#8220; Durch welches Wunder au\u00dfer durch die Kraft deiner Feder die Bourgeoisie (die du hier als &#8222;Unternehmer&#8220; zu den neuen Mittelschichten rechnest) binnen eines Jahres von einer potenziell revolution\u00e4ren zu einer konterrevolution\u00e4ren Kraft geworden ist, wird uns verschwiegen.<\/p>\n<p>In demselben Artikel schreibst du (gegen den Autor <i>Karl <\/i>gerichtet, der die Auswirkungen der urspr\u00fcnglichen Kapitalakkumulation in China beschrieben hat): &#8222;Die Gewinner des chinesischen Wirtschaftswunders sind nicht nur eine kleine Minderheit, sondern Hunderte Millionen Menschen. In den St\u00e4dten befinden sich breite Schichten im Konsumrausch. Fast jeder Chinese isst, kleidet, lebt und wohnt heute besser als vor den Reformen von 1979.&#8220; Wer die Ver\u00f6ffentlichungen von &#8222;wildcat&#8220; auf der Web-Site Welt in Umw\u00e4lzung oder die von Alfred zitierten Schilderungen des Elends, in dem SARS sich ausgebreitet hat, liest, ist immer schon zu einem anderen Urteil \u00fcber die segensreichen Wirkungen der kapitalistischen Entwicklung auf die Massen in China gekommen.<\/p>\n<p>Du selber weist in deinen &#8222;letzten Worten zu Sars&#8220; Alfreds Vorwurf, &#8222;ich w\u00fcrde das Elend der kapitalistischen Modernisierung vertuschen und h\u00e4tte in den letzten zwei Jahren nur Ideologie produziert&#8220;, als &#8222;rein demagogisch&#8220; zur\u00fcck. Demagogie sicherlich, es fragt sich nur, <i>wer<\/i> hier demagogisch ist bzw. &#8211; wie kurz soll das Ged\u00e4chtnis deiner Leser sein?<\/p>\n<\/div>\n<div align=\"right\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"> Letzte \u00c4nderung: 21.03.2016 <\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Heiner Karuscheit Vorbemerkung Entgegen der getroffenen Absprachen hat Kolja Wagner seine Diskussionsbeitr\u00e4ge f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung inhaltlich umgeschrieben, u.\u00a0a. zu dem von ihm so genannten &#8222;leninistischen Parteistaat&#8220;. Auch wenn meine Kritik deshalb f\u00fcr den Leser an der einen oder anderen Stelle nicht mehr so &#8222;passend&#8220; erscheint, habe ich keine Veranlassung, daran auch nur ein Wort &hellip; <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=631\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">SARS und Marxismus<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-631","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/631","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=631"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/631\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":632,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/631\/revisions\/632"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=631"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}