{"id":593,"date":"2016-09-19T19:13:00","date_gmt":"2016-09-19T17:13:00","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=593"},"modified":"2016-09-19T19:15:45","modified_gmt":"2016-09-19T17:15:45","slug":"iv-die-nationaldemokratische-revolution-von-1989","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=593","title":{"rendered":"IV. Die nationaldemokratische Revolution von 1989"},"content":{"rendered":"<p>Die Revolution, die die DDR zu Fall brachte, verlief in zwei Phasen, die ineinander \u00fcbergingen, sich aber mit unterschiedlichen Inhalten und sozialen Tr\u00e4gern deutlich voneinander unterscheiden. In der ersten, &#8222;nur-demokratischen&#8220; Phase k\u00e4mpfte die Intelligenz um die Beteiligung an der Macht in einer erneuerten DDR und f\u00fchrte dabei Teile des Proletariats an; in der zweiten Phase trat die Arbeiterklasse nach vorn, stellte die soziale Frage in nationalem Gewand und f\u00fchrte mit der Forderung nach Wiedervereinigung das Ende der DDR herbei. Die Stadt Leipzig wurde zum Sturmzentrum der Bewegung. Die Hauptstadt Ostberlin kam hierf\u00fcr nicht in Frage; sie war gegen\u00fcber den anderen Landesteilen bevorzugt und die Staatsangestellten konzentrierten sich hier. Im Norden des Landes, wo die moderneren Industrien lagen, hielt sich die Unzufriedenheit der Arbeiter in Grenzen. Im S\u00fcden der Republik dagegen, in den alten Industrieregionen von Dresden \u00fcber Chemnitz, Zwickau und Jena bis Leipzig und Halle, massierte sich das Proletariat, war der wirtschaftliche Niedergang am st\u00e4rksten und au\u00dferdem die Selbst\u00e4ndigkeit und der Einflu\u00df der Evangelischen Kirche gro\u00df. Am 25. September brach zum erstenmal eine Montagsdemonstration von der Nikolai-Kirche in Leipzig auf. Sie wiederholte sich fortan jede Woche und gab der Bewegung bis zum Schlu\u00df die Richtung vor.<\/p>\n<div>\n<h3>1. Ein kleinb\u00fcrgerliches Vorspiel<\/h3>\n<p>Die B\u00fcrgerbewegung, die die erste Phase in der \u00d6ffentlichkeit bestimmte, vertrat eine Fraktion der Intelligenz, n\u00e4mlich die Intelligenz <i>au\u00dferhalb der SED<\/i>. Sie wurde klassisch repr\u00e4sentiert durch die Intellektuellen, K\u00fcnstler und Pastoren des &#8222;Neuen Forum&#8220;, daneben der &#8222;Demokratische Aufbruch&#8220;, die Initiative &#8222;Demokratie Jetzt&#8220; oder die entstehende ostdeutsche SPD. [98] Die Intellektuellen rieben sich nicht haupts\u00e4chlich an den materiellen Verh\u00e4ltnissen, sondern an der obrigkeitsstaatlichen SED-Herrschaft, an der entw\u00fcrdigenden G\u00e4ngelei und Bespitzelung. Die Produktionsbedingungen waren ihnen so fremd wie die sozialen Interessen der Arbeiter. Sie hatten demokratische, aber keine sozialen Forderungen und stritten nicht gegen die DDR, sondern f\u00fcr deren Demokratisierung, f\u00fcr eine &#8222;bessere DDR&#8220; bzw. die &#8222;Erneuerung des Sozialismus&#8220;. Die verschiedenen Gruppen begriffen sich &#8222;als autonome Teile einer pluralistischen, doch mehrheitlich demokratisch-sozialistischen B\u00fcrgerbewegung.&#8220; [99] Der kleinb\u00fcrgerliche Sozialismus, den sie verfochten, zielte darauf ab, der alten Gesellschaft einen neuen \u00dcberbau aufzusetzen, mehr nicht. Die offene F\u00e4lschung der Kommunalwahlergebnisse im Mai 1989 gab ihrem Aufbegehren Schubkraft. Ihre Leitparole war der Ruf &#8222;Wir sind das Volk&#8220;.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen bildete sich auch<i> innerhalb der SED<\/i> ein ebenfalls haupts\u00e4chlich von Intellektuellen getragener &#8222;Perestrojka&#8220;-Fl\u00fcgel heraus. &#8222;Perestrojka&#8220; und &#8222;Glasnost&#8220; waren in der DDR wie in der UdSSR die Parolen der Intelligenz. Um K\u00fcnstler und Kulturwissenschaftler &#8222;gruppierte sich der informelle &#8218;Perestrojka&#8216;-Fl\u00fcgel, eine regionen- und zum Teil auch schichten\u00fcbergreifende innerparteiliche Opposition. Ihre Sprecher kamen aus dem seit den Siebzigern ausgef\u00e4cherten &#8218;Kulturleben&#8216;, waren Schriftsteller (vor allem -innen), Theater- und Filmleute oder hatten sich in der Pop- und Liedermacherszene einen Namen gemacht. Sie wollten einen Umbau nach dem Verst\u00e4ndnis Gorbatschows und hatten in ihm eine (zun\u00e4chst) kaum angreifbare Berufungsinstanz.&#8220; [100]<\/p>\n<p>Anfang September \u00f6ffnete die ungarische Regierung die Grenze zu \u00d6sterreich. Als daraufhin Mengen von Fl\u00fcchtlichen den Weg \u00fcber Ungarn in die BRD nahmen, setzte die DDR am 3.Oktober den pa\u00df- und visafreien Grenz\u00fcbertritt zur CSSR au\u00dfer Kraft und versperrte damit den Weg nach Ungarn, Rum\u00e4nien und Bulgarien. Darum versuchten Tausende von DDR-Fl\u00fcchtlingen, \u00fcber die bundesdeutschen Botschaften in Prag und Warschau die Einreise in die BRD zu erzwingen. Die Fernsehbilder diskreditierten die Honecker-Regierung zutiefst, zumal am 7.Oktober der 40.Jahrestag der DDR-Gr\u00fcndung anstand. Am Vorabend der Feier defilierte die FDJ mit einem Fackelzug an Honecker und seinem Gast Gorbatschow vorbei. Die massenhaften Rufe &#8222;Gorbi, Gorbi&#8220; zeigten ihre Symathien an. Vor allem im S\u00fcden des Landes, aber auch in Magdeburg, Potsdam oder Berlin gab es, h\u00e4ufig unter Ausnutzung der Jubelveranstaltungen, Demonstrationsz\u00fcge gegen die SED, die von der Polizei auseinandergekn\u00fcppelt werden mu\u00dften. Es wurde un\u00fcbersehbar, da\u00df die Herrschaft in der bisherigen Art und Weise nicht aufrechtzuerhalten war. Aber was sollte an ihre Stelle treten? F\u00fcr die &#8222;chinesische&#8220; L\u00f6sung fehlten der Regierung die Machtmittel. Die ostdeutsche Jugend verlangte nach &#8222;Gorbi&#8220; statt nach Waffen zur Verteidigung des Sozialismus. Weil die sowjetische Armee in den Kasernen blieb, tat es die Volksarmee ihr nach, und weitere Bataillone standen nicht zur Verf\u00fcgung, denn &#8222;weder in den &#8218;Kampfgruppen&#8216; noch in der &#8218;Volkspolizei&#8216; gab es nach dem Echo auf ihr hartes Eingreifen in den ersten Oktobertagen wirkliche Bereitschaft, f\u00fcr den offenbar bankrotten Staat die K\u00f6pfe hinzuhalten.&#8220; [101] Da die bewaffnete L\u00f6sung also ausfiel, blieb nur die friedliche L\u00f6sung. Am 17.Oktober zwang das Politb\u00fcro Honecker zum R\u00fccktritt und w\u00e4hlte Egon Krenz an seiner Stelle zum Generalsekret\u00e4r.<\/p>\n<p>Krenz verk\u00f6rperte den Versuch des alten Partei- und Staatsapparats, die DDR durch ein B\u00fcndnis mit dem Perestrojka-Fl\u00fcgel der SED und dar\u00fcber mit der ganzen Intelligenz zu stabilisieren. Die Ausreisewelle aus der DDR ging jedoch ebenso weiter wie die mittlerweile Hunderttausende mobilisierenden Demonstrationen gegen die SED-Herrschaft. Darum mu\u00dfte auch Krenz weitergehen. &#8222;Um seine Macht zu erhalten, ergriff Krenz &#8230; die Flucht nach vorne. In der Hoffnung, die DDR-Bev\u00f6lkerung damit f\u00fcr sich zu gewinnen, \u00f6ffnete der DDR-Staatsratsvorsitzende dann tats\u00e4chlich ohne R\u00fccksprache mit dem Kreml am 9.November 1989 die Berliner Mauer.&#8220; [102] Vier Tage sp\u00e4ter, am 13.November, bildete Modrow anstelle von Stoph eine neue Regierung. Modrow &#8222;galt in seiner Partei seit l\u00e4ngerem als &#8218;Reformer&#8216; und als ein Positionsinhaber dazu, der &#8218;bescheiden&#8216; geblieben war, in Dresden &#8218;auf Platte&#8216; wohnte (im DDR-Deutsch Bezeichnung f\u00fcr aus Fertigteilen montierte Wohnh\u00e4user) und seinen Tatendrang nicht bei Korn und Jagd, sondern beim Laufen und Schwimmen befriedigte.&#8220; [103] In seiner Regierungserkl\u00e4rung begr\u00fc\u00dfte er &#8222;die demokratische Erneuerung des gesamten \u00f6ffentlichen Lebens&#8220; und k\u00fcndigte Ma\u00dfnahmen zur Herstellung von Rechtssicherheit und Rechtsstaatlichkeit an. Das MfS wurde in &#8222;Amt f\u00fcr Nationale Sicherheit&#8220; umgetauft (bald <i>&#8222;Nasi&#8220;<\/i> genannt) und von einem Stellvertreter Mielkes \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Gegen den Versuch, die alte Herrschaft in neuer Fasson fortzusetzen, gingen die Demonstrationen und Kundgebungen weiter, ergriffen immer mehr Menschen und weiteten sich auf immer mehr St\u00e4dte aus. Am 1.Dezember strich die Volkskammer die F\u00fchrungsrolle der &#8222;Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei&#8220; aus Artikel 1 der DDR-Verfassung, w\u00e4hrend der gleichzeitige Antrag auf Streichung des Sozialismus keine Mehrheit fand &#8211; beides ein Zeichen f\u00fcr die mittlerweile etablierte Hegemonie des &#8222;linken&#8220; Kleinb\u00fcrgertums \u00fcber die Volkskammer. Am 5.Dezember 1989 mu\u00dfte Modrow dann das MfS aufl\u00f6sen. Als der bis dahin noch existente Kern der alten Staatsmacht zerschlagen wurde, stand nur noch die Intelligenz hinter der DDR, und diese Basis war zu luftig.<\/p>\n<h3>2. Die Arbeiterklasse \u00fcbernimmt die Stra\u00dfe<\/h3>\n<p>Bis hierhin gingen B\u00fcrgerbewegung und die immer st\u00e4rker werdende Arbeiterbewegung zusammen. Schon im Oktober hatten zunehmend Lehrlinge und junge Facharbeiter aus den Betrieben die Reihen der Leipziger Montagsdemonstrationen gef\u00fcllt, &#8222;mehr noch als Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen der Erweiterten Oberschulen&#8220;. [104] Die Arbeiterjugend lief unter den Parolen der B\u00fcrgerbewegung mit, d.h. unter F\u00fchrung der Intelligenz. Aber w\u00e4hrend man noch gemeinsam demonstrierte, Druck auf die Regierung aus\u00fcbte und f\u00fcr die weitere Demokratisierung des Landes stritt, hatte sich die Bewegung bereits in die Tiefe entwickelt und die Mitte des Proletariats ergriffen. F\u00fcr das Proletariat war die Forderung nach mehr Demokratie kein Selbstzweck (wie scheinbar f\u00fcr die Intelligenz, die daran ihren Machtbeteiligungsanspruch koppelte), sondern Mittel zum Zweck. Das Hauptinteresse der Arbeiter galt besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen, und die sahen sie in der DDR immer weniger gew\u00e4hrleistet. Anstatt durch die \u00d6ffnung der Mauer von der Zukunft der DDR \u00fcberzeugt zu werden, wurden die 13 Millionen Menschen, die in den ersten 14 Tagen danach die BRD besuchten, durch den Vergleich mit eigenen Augen vom Gegenteil \u00fcberzeugt, zumal gleichzeitig die Ver\u00f6ffentlichung der realen Statistikzahlen die vollst\u00e4ndige Zerr\u00fcttung der DDR-Wirtschaft belegte. Vor diesem Hintergrund f\u00fchrte die Regierungserkl\u00e4rung der neuen Regierung den endg\u00fcltigen Umschwung herbei.<\/p>\n<p>Modrow pl\u00e4dierte f\u00fcr eine Wirtschaftsreform, die die Eigenverantwortlichkeit der Wirtschaftseinheiten erweitern und das Leistungsprinzip durchsetzen sollte. Au\u00dferdem k\u00fcndigte er an, &#8222;\u00d6konomie und \u00d6kologie mehr als bisher in \u00dcbereinstimmung zu bringen&#8220; &#8211; das war der Br\u00fcckenschlag zur alternativen Intelligenz. Au\u00dfenpolitisch erteilte Modrow allen ebenso &#8222;unrealistischen wie gef\u00e4hrlichen Spekulationen \u00fcber eine Wiedervereinigung eine klare Absage&#8220;. Beide deutsche Staaten sollten wichtige Pfeiler f\u00fcr das &#8222;gemeinsame europ\u00e4ische Haus&#8220; bilden, wie Gorbatschow sein Angebot einer vertieften sowjetisch-deutschen Zusammenarbeit unter dem Dach der KSZE umschrieb. Zu diesem Zweck bot Modrow eine &#8222;Vertragsgemeinschaft&#8220; an, die weit \u00fcber die bisherige &#8222;Verantwortungsgemeinschaft&#8220; der beiden deutschen Staaten hinausgehen sollte. Durch den Abschlu\u00df einer Vielzahl von Kooperationsvertr\u00e4gen sollte sowohl wirtschafts- als auch au\u00dfenpolitisch die Zusammenarbeit vertieft werden. Erg\u00e4nzt durch die ebenfalls angek\u00fcndigte Rechtsstaatlichkeit sollte das Resultat ein &#8222;besserer Sozialismus&#8220; sein. [105] Das war das von Honecker verweigerte Programm der sowjetischen Regierung, das Modrow jetzt nach Absprache mit Gorbatschow als Perspektive der DDR vortrug. Seine reale Substanz war die Ann\u00e4herung an die BRD im Auftrag der Sowjetunion und in den von ihr gesteckten Grenzen. Als Gegenleistung sollte die BRD die Wirtschaft der DDR sanieren und dar\u00fcber hinaus die \u00f6konomischen Reformen in der UdSSR unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Die wirtschaftspolitischen Vorstellungen der B\u00fcrgerbewegung mit dem Neuen Forum an der Spitze boten dazu keine Alternative, denn sie waren so gut wie nicht vorhanden, da man wesentlich innenpolitisch-demokratische Ziele verfocht. Auf dem Boden eines moralisierenden Antikapitalismus traten die Vertreter &#8211; bzw. gro\u00dfenteils Vertreterinnen &#8211; der B\u00fcrgerbewegung f\u00fcr einen &#8222;Dritten Weg&#8220; zwischen Kapitalismus und Sozialismus oder die Verbindung von Marktwirtschaft und Sozialismus ein. Au\u00dfenpolitisch wollten sie genauso wie die Regierung m\u00f6glichst dicht bei der Sowjetunion und auf Distanz zur Bundesrepublik bleiben. Gemeinsam verfochten Modrow und die B\u00fcrgerbewegung also das Programm eines &#8222;Perestrojka-Sozialismus&#8220;, der auf eine diffuse Mischung von sozialistischen Idealen mit marktwirtschaftlichen Elementen hinauslief und vor allem die Erhaltung der DDR bezweckte.<\/p>\n<p>Unter diesen Umst\u00e4nden gewann in der Arbeiterklasse mehr und mehr die Einsicht Raum, da\u00df die Kleinb\u00fcrger in und au\u00dferhalb der SED keine Perspektive hatten. Die DDR war bankrott, ebenso das jahrzehntelange Beispiel Sowjetunion. Jetzt mu\u00dfte man sich nicht nur offen von der BRD finanzieren lassen, sondern war klar, da\u00df man sich an der westdeutschen sozialen Marktwirtschaft orientieren w\u00fcrde, verbunden mit dem Versprechen, da\u00df k\u00fcnftig alles besser w\u00fcrde. Diese Antwort kannten die Arbeiter. 40 Jahre lang war ihnen versprochen worden, die BRD in k\u00fcrzester Zeit zu \u00fcberholen, w\u00e4hrend in Wirklichkeit der Abstand immer gr\u00f6\u00dfer wurde. Nunmehr n\u00e4herte man sich schamhaft dem Kapitalismus an und taufte das Kind &#8222;besserer Sozialismus&#8220;. Dann war es konsequenter, direkt zur Marktwirtschaft \u00fcberzugehen (lieber das Original als eine schlechte Kopie). Das aber hie\u00df deutsche Wiedervereinigung. Schon vor der Wende hatte Otto Reinhold, der Rektor der ZK-Akademie f\u00fcr Gesellschaftswissenschaften, in einem Interview auf die Frage, welche Existenzberechtigung denn eine kapitalistische DDR neben einer kapitalistischen BRD haben k\u00f6nnte, kurz und b\u00fcndig geantwortet: &#8222;keine&#8220;. [106] Das sahen die Arbeiter genauso. Zwar war allen die Arbeitslosigkeit im Westen bekannt, aber dieses Problem nahm man in Kauf und hoffte individuell, da\u00df es einen nicht treffen w\u00fcrde. Daneben gab es andere Illusionen, aber insgesamt war die Entscheidung rational; sie entsprach der Situation. Die Parolen der Montagsdemonstration vom 4.Dezember &#8222;Wiedervereinigung Ja, sozialistische Armut Nein&#8220; und &#8222;Wir leben nur einmal. Darum Ja zur Wiedervereinigung&#8220; [107] formulierten die elementaren Motive f\u00fcr den Aufbruch des Proletariats.<\/p>\n<p>Am 13.November ert\u00f6nte der Ruf &#8222;Deutschland! Deutschland!&#8220; zum erstenmal auf einer Montagsdemonstration, fand aber noch keine gr\u00f6\u00dfere Resonanz. &#8222;Daneben suchte sich eine aus Produktionsarbeitern bestehende Transparenttr\u00e4ger-Gruppe mit dem Ruf <i>Wiedervereinigung jetzt!<\/i> Geh\u00f6r zu verschaffen. Das Demonstrationsumfeld schwieg noch, und der Massenruf blieb aus.&#8220; [108] Nach der Bildung der Regierung Modrow setzte dann der Umschlag ein. Am 20. November war die Leipziger Montagsdemonstration noch unentschieden, und am 27.November wies sie einen anderen Klassencharakter auf. Die &#8222;einfachen Menschen&#8220; bestimmten jetzt nicht nur ihr soziales Gesicht, sondern auch die politischen Parolen, neben &#8222;Deutschland, Deutschland&#8220; insbesondere die Zeile aus einem Text von Johannes R.Becher, der zwar Nationalhymne der DDR war, aber schon lange nicht mehr gesungen wurde: &#8222;Deutschland einig Vaterland&#8220;. &#8222;Eine Masse von Arbeitern, Angestellten, Handwerkern, in der Mehrzahl &#8218;kleine Leute&#8216;, darunter viele Jugendliche aus den Betrieben, auch das Gros der Restgeneration der Alten war es, die sich \u00fcber alle politische Konvention und Tabus auf beiden Seiten der Mauer hinwegsetzten und dieses <i>Deutschland einig Vaterland<\/i> hinausschrien&#8220;. [109]<\/p>\n<p>Damit war der Damm gebrochen. &#8222;Durch eine neue Mehrheitsbildung auf den Stra\u00dfen \u00e4nderte die Revolution im November ihre Grundrichtung: sie wurde zur nationalen Revolution, in der Systemwechsel und &#8218;Wiedervereinigung&#8216;, teils schon verstanden als Vereinigung der Deutschen in europ\u00e4ischer Perspektive, zum erkl\u00e4rten Ziel der Stra\u00dfendemonstrationen wurde. (&#8230;) Die B\u00fcrgerbewegung spaltete sich jetzt in DDR-Verbesserer, die mehrheitlich eine Erneuerung des Landes mit einem Maximum an Demokratie anstrebten, und in Bef\u00fcrworter der Einheit&#8220;. [110] Am 11.Dezember 1989 wurden 2.000 Demonstrationsteilnehmer in Leipzig \u00fcber ihre Meinung zur Wiedervereinigung befragt. Von 100 Meistern waren 54 &#8222;sehr daf\u00fcr&#8220; und 36 &#8222;mehr daf\u00fcr als dagegen&#8220;, bei Facharbeitern lauteten die Zahlen 39 und 34. Bei Studenten waren es 4 und 17, wohingegen 55 &#8222;sehr dagegen&#8220; waren. &#8222;Von den auf den Demonstrationen befragten Studenten ist die zentrale Losung der Demonstrierer, n\u00e4mlich <i>Deutschland einig Vaterland!<\/i>, zu diesem Zeitpunkt am deutlichsten verneint worden.&#8220; [111] Was Leipzig vormachte, pflanzte sich anschlie\u00dfend in den anderen St\u00e4dten fort, und damit war das Schicksal der DDR besiegelt. &#8222;Am Wendepunkt der Revolution in der DDR entschied sich die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung gegen die haupts\u00e4chlich von Intellektuellen vertretene Alternative eines demokratischen und marktwirtschaftlichen Sozialismus, d.h. gegen die Alternative einer anderen, einer erneuerten DDR.&#8220; [112]<\/p>\n<p>Durch das Auftreten des Proletariats wurde der Kampf um die Demokratisierung der DDR zur nationaldemokratischen Revolution. Dabei war das Aufwerfen der nationalen Frage durch die sozialen Interessen der Arbeiter bedingt und begrenzt. Die Arbeiterklasse stellte die soziale Frage in nationaler Form, und deshalb ging der Nationalismus nicht in die Tiefe. Die Versuche rechter Gruppen, die Oder-Nei\u00dfe-Grenze zu Polen in Frage zu stellen, fanden keinerlei Resonanz, sehr zum Leidwesen der Linken, die nur darauf warteten, ihrer Frustration \u00fcber den Verlauf der Bewegung neue Nahrung zu geben. Der proletarische Massenaufbruch war spontan. Sp\u00e4testens seit 1952\/53 ohne politische F\u00fchrung, ordnete sich das Proletariat erst im Nachhinein der F\u00fchrung durch die westdeutsche Bourgeoisie unter, weil es dazu keine Alternative gab.<\/p>\n<h3>3. Zwei Fl\u00fcgel der Intelligenz<\/h3>\n<p>Als die Arbeiterklasse die Stra\u00dfe \u00fcbernahm, hatte das Kleinb\u00fcrgertum ausgespielt. Seine zwei Fl\u00fcgel stellten am Ende die letzten Mohikaner, die zusammen mit der Sowjetunion f\u00fcr die Erhaltung der DDR k\u00e4mpften. Nachdem in Leipzig die Rufe nach der Wiedervereinigung immer lauter geworden waren, meldeten sich die beiden Fl\u00fcgel am 26.November gemeinsam zu Wort. Es waren &#8222;eher loyal-kritische Intellektuelle wie etliche von denen, die seit dem Sommer 1989 mit Mut und Phantasie den Umbau der DDR verlangt und die SED das F\u00fcrchten gelehrt hatten. &#8218;F\u00fcr unser Land&#8216;, unter diesem Titel appellierten am 26.November Prominente aus beiden Gruppen (unter anderen Stefan Heym und Friedrich Schorlemmer) an die Ostdeutschen, sich f\u00fcr einen eigenst\u00e4ndigen Staat zu engagieren, f\u00fcr die M\u00f6glichkeit von Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Freiz\u00fcgigkeit und Bewahrung der Umwelt. Andernfalls drohe der &#8218;Ausverkauf unserer moralischen und materiellen Werte&#8216; sowie &#8218;\u00fcber kurz oder lang&#8216; die Vereinnahmung der DDR durch die Bundesrepublik.&#8220; [113] Egon Krenz schlo\u00df sich dem Aufruf an; er war schlie\u00dflich ebenfalls f\u00fcr die Aufrechterhaltung der DDR. Seine Unterschrift unter den Aufruf war ein Friedens-, wenn nicht Unterwerfungsangebot des Staatsapparats an die B\u00fcrgerbewegung. Nur war Krenz ebenso kompromittiert wie die Kr\u00e4fte, die er vertrat. Darum ging niemand auf das Angebot ein. Der letzte Versuch des Machtapparats, sich zu retten, schlug fehl, weil er keine Macht mehr verk\u00f6rperte. Am 5.Dezember mu\u00dfte Modrow das umgetaufte MfS aufl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Damit h\u00f6rte das B\u00fcndnis zwischen dem Perestrojkafl\u00fcgel der SED und dem alten Staatsapparat auf zu existieren, weil die eine H\u00e4lfte der Partnerschaft aufh\u00f6rte zu existieren. Am 16.Dezember 1989 beschlossen die anwesenden SED-Delegierten auf einem au\u00dferordentlichen Parteitag die Weiterexistenz der SED unter dem Namen &#8222;SED &#8211; Partei des demokratischen Sozialismus&#8220;. An die Stelle von dem Wendehals Krenz, dem Repr\u00e4sentanten des gescheiterten B\u00fcndnisversuchs zwischen Staatsapparat und Intelligenz, trat der wendige Rechtsanwalt Gysi. Er konnte die zur\u00fcckgebliebene SED-Intelligenz besser als sein Vorg\u00e4nger repr\u00e4sentieren. Die Entwicklung der sozialen Zusammensetzung der Mitgliedschaft folgte den Wenden der F\u00fchrung. Im Juli\/August 1989 hatte die SED bereits 14.000 Austritte zu verzeichnen gehabt, \u00fcberwiegend Arbeiter, z\u00e4hlte allerdings immer noch mehr als 2 Millionen Mitglieder; [114] Anfang Oktober waren es 100.000 Austritte. Bis hierher konnten die Verluste auf das Konto Honeckers geschrieben werden. Aber nach dessen Abtritt ging es weiter. &#8222;Die Mitgliedschaft hat sich durch zwei gro\u00dfe Austrittswellen ver\u00e4ndert. Bei der ersten Welle verlor die damalige SED den gr\u00f6\u00dften Teil der Arbeiter und einfachen Angestellten. In einer zweiten Welle verlie\u00dfen die Staatsfunktion\u00e4re von Wirtschaft und Verwaltung sowie das Offizierkorps die Partei. \u00dcbriggeblieben sind vor allem verschiedene Intelligenz- und Angestelltenschichten.&#8220; [115] Auf diese Weise wurde die SED als PDS zu dem, was sie bis heute ist: eine ostdeutsche Kleinb\u00fcrgerpartei unter F\u00fchrung der Intelligenz.<\/p>\n<p>Seit Ende 1989 nahmen die \u00fcberall aus dem Boden sprie\u00dfenden &#8222;Runden Tische&#8220; das, was von der DDR-Staatsmacht noch existierte, unter ihre Kontrolle, &#8222;moderiert&#8220; von Kirchenvertretern. Der zentrale runde Tisch der DDR konstituierte sich am 7.Dezember in Berlin. An den &#8222;Runden Tischen&#8220; versammelte sich das Spektrum aller alten und neuen politischen Organisationen und Bewegungen, die Vertreter der ehemaligen Blockparteien mit der SED an der Spitze ebenso wie die der B\u00fcrgerbewegung, der &#8222;Vereinigten Linken&#8220; oder des &#8222;Unabh\u00e4ngigen Frauenverbands&#8220;. Dem Wesen nach \u00fcbte hier die Intelligenz die Hegemonie aus, die sie auf der Stra\u00dfe bereits verloren hatte. In dieser Zeit kamen sich ihre beiden verfeindeten Fraktionen n\u00e4her. Sie befa\u00dften sich in den folgenden Monaten bis zur Volkskammerwahl am 18.M\u00e4rz 1990 gemeinsam mit der Fortsetzung der Demokratisierung, bis hin zur Erarbeitung eines sch\u00f6nen neuen Verfassungsentwurfs. Da die Sitzungen regelm\u00e4\u00dfig vom Fernsehen \u00fcbertragen wurden, konnte sich in dieser Zeit jeder, der bis dahin noch unentschieden war, von der wortreichen Perspektivlosigkeit der Diskutanten \u00fcberzeugen. Das Ergebnis war insbesondere f\u00fcr die B\u00fcrgerbewegung schrecklich. Wolf Biermann bemerkte \u00fcber die K\u00e4mpfer f\u00fcr eine bessere DDR: &#8222;Es gibt nur zwei Minderheiten, die noch an einem sozialistischen Versuch interessiert sind: die Machthaber von gestern und ihre bevorzugten Opfer von gestern: linke Christen und radikale Linke.&#8220; [116] Sie selber registrierten ihre Isolierung indessen als letzte.<\/p>\n<p>Die M\u00e4rzwahlen 1990 besiegelten das Ende der DDR. &#8222;Wer die Einheit wollte, sie als Weg aus dem Mangel begriff und in &#8218;richtigem&#8216; Geld das Vehikel sah, f\u00fcr den wurde die Antwort auf die Frage zum Entscheidungskriterium, welche der konkurrierenden Parteien am f\u00e4higsten sei, es zu den g\u00fcnstigsten Bedingungen zu beschaffen.&#8220; [117] Das Wahlergebnis zeichnete die stattgefundene Klassenbewegung nach. Die &#8222;Allianz f\u00fcr Deutschland&#8220; aus CDU, Demokratischem Aufbruch und Deutscher Sozialer Union erfocht mit ihrem Wiedervereinigungsprogramm einen grandiosen Wahlsieg mit 48,1% der Stimmen. Allein 58% der Arbeiter stimmten f\u00fcr sie. Die b\u00fcrgerliche Wahlforschung nennt die n\u00fcchternen Gr\u00fcnde daf\u00fcr: &#8222;Die Arbeiter hatten von der Verl\u00e4ngerung der jetzigen Verh\u00e4ltnisse am meisten zu bef\u00fcrchten, n\u00e4mlich um die Fr\u00fcchte ihrer Arbeit betrogen zu sein. Von der raschen \u00dcbernahme bundesdeutscher Regeln glaubten sie, am meisten erhoffen zu k\u00f6nnen, n\u00e4mlich am Wohlstand des westdeutschen Alltags auf schnellstem Wege teilzuhaben. Die Allianz f\u00fcr Deutschland bot hier die glaubw\u00fcrdigste Alternative.&#8220; [118] Den Bund freier Demokraten, der ebenfalls f\u00fcr die schnellstm\u00f6gliche Wiedervereinigung eintrat, w\u00e4hlten 5,3%. Den Gegenpol vertraten die beiden Fraktionen der Intelligenz, die eine stillschweigende &#8222;Allianz f\u00fcr die DDR&#8220; bildeten. &#8222;PDS und B\u00fcndnis 90 sind zur Vertretung der alten Eliten und der sogenannten &#8218;Intelligenz&#8216; geworden, aber auch der Facharbeiterschaft in den neuen Industriest\u00e4dten des Nordens. Auch wenn sie sich in Geschichte und Organisationsstruktur tiefgreifend unterscheiden, liegen sie dicht beieinander, was Motivation und Mentalit\u00e4t ihrer W\u00e4hler betrifft.&#8220; [119] Die PDS erhielt 16,3 %, B\u00fcndnis 90 ganze 2,9% und die Gr\u00fcnen 1,9% der Stimmen. Die SPD, der viele einen Wahlsieg prophezeit hatten, war zerrissen zwischen der Nationalpolitik des greisen Willy Brandt (&#8222;Jetzt w\u00e4chst zusammen, was zusammengeh\u00f6rt&#8220;), der im Westen seiner eigenen Partei isoliert war, und der &#8222;postnationalen&#8220; Politik des Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine, der die Toscana der DDR vorzog und sich weigerte, in Ostdeutschland Wahlkampf zu machen. Sie erhielt 21,9% der Stimmen.<\/p>\n<\/div>\n<div align=\"right\">\n<p><a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=597&amp;preview=true\">[Weiter]<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Revolution, die die DDR zu Fall brachte, verlief in zwei Phasen, die ineinander \u00fcbergingen, sich aber mit unterschiedlichen Inhalten und sozialen Tr\u00e4gern deutlich voneinander unterscheiden. 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