{"id":579,"date":"2016-09-19T19:08:29","date_gmt":"2016-09-19T17:08:29","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=579"},"modified":"2016-09-19T19:10:12","modified_gmt":"2016-09-19T17:10:12","slug":"vorbemerkung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=579","title":{"rendered":"Vorbemerkung"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Als 1989\/90 zuerst die DDR und 1991 die UdSSR unterging, schien das &#8222;Ende der Geschichte&#8220; erreicht. Da es die Arbeitermassen waren, die im November 1989 die DDR zu Fall brachten und 1991 die Union der Sowjetrepubliken nicht verteidigten, hatte Geschichte als Geschichte von Klassenk\u00e4mpfen anscheinend ausgedient. Aber der Triumph des Kapitals w\u00e4hrte nicht lange. Wenige Jahre nach der Aufl\u00f6sung der Bl\u00f6cke mehren sich die Anzeichen, da\u00df die nach dem 2.Weltkrieg einsetzende jahrzehntelange Stabilit\u00e4tsphase der b\u00fcrgerlichen Ordnung dem Ende zugeht und am \u00dcbergang zum n\u00e4chsten Jahrhundert ein neuer Zyklus von Krise und Revolution heranw\u00e4chst. W\u00e4hrend die <i>Bourgeoisie<\/i> sich noch angestrengt bem\u00fcht, trotz enger werdender Spielr\u00e4ume den Sozialstaat aufrechtzuerhalten, um den gesellschaftlichen Grundkonsens der Nachkriegszeit nicht zu gef\u00e4hrden, wird das <i>Kapital<\/i> gleichzeitig durch seine Verwertungszw\u00e4nge dazu getrieben, die angewandte Arbeitskraft zu reduzieren, die Entlohnung der Besch\u00e4ftigten zu senken sowie die Ausdehnung und Verdichtung der Arbeitszeit zu betreiben &#8211; womit eben dieser Grundkonsens untergraben wird. Wozu die DDR gegen Ende immer weniger in der Lage war, steht jetzt wie ein Menetekel vor der Bourgeoisie des vereinten Deutschland: <i>sie kann den Massen nicht l\u00e4nger ein besseres Leben garantieren<\/i>.<\/p>\n<p>Damit wachsen die Voraussetzungen f\u00fcr die k\u00fcnftige Verbindung von Sozialismus und Arbeiterbewegung, auch wenn gegenw\u00e4rtig noch nicht absehbar ist, wann es so weit sein wird. Diese Situation stellt die Kommunisten vor die gebieterische Notwendigkeit, Klarheit \u00fcber die Gr\u00fcnde ihrer Niederlagen zu erlangen. Jeder politisch interessierte, denkende Arbeiter (und Angestellte) verlangt eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Scheitern in der Vergangenheit, um von der Sache des Kommunismus \u00fcberzeugt zu sein. Es gilt also, <i>Rechenschaft abzulegen \u00fcber die eigene Geschichte und Theorie<\/i>. Bei dieser Aufgabenstellung spielt der erste Versuch auf deutschem Boden, den Sozialismus aufzubauen, naturgem\u00e4\u00df eine zentrale Rolle. Dabei hat der Zusammenbruch der DDR hat nicht nur eine Epoche beendet &#8211; er hat zugleich die wissenschaftlichen Mittel zur Verf\u00fcgung gestellt, um die Ursachen dieses Zusammenbruchs aufzukl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die deutsche Frage stand im Zentrum der Auseinandersetzungen um die internationale Revolutionsstrategie, die Anfang der 50er Jahre die F\u00fchrung der kommunistischen Weltbewegung spalteten. Durch die \u00d6ffnung der SED-Archive l\u00e4\u00dft sich nunmehr nachweisen, was bis dahin nur zu vermuten und auf Umwegen zu rekonstruieren war: <i>Stalin war gegen den Aufbau des Sozialismus in der DDR<\/i>. Insbesondere Wilhelm Piecks Gespr\u00e4chsnotizen aus den Unterredungen mit Stalin belegen, so bruckst\u00fcckhaft sie auch sind, da\u00df Stalin die Voraussetzungen f\u00fcr einen separaten Sozialismus im Osten Deutschlands nicht f\u00fcr gegeben ansah. [1] Er trat bis zu seinem Tod 1953 f\u00fcr eine Strategie der Vollendung der b\u00fcrgerlichen Revolution in Deutschland ein, mit dem Ziel der Wiederherstellung eines einheitlichen, b\u00fcrgerlich-demokratischen, der Sowjetunion in Freundschaft verbundenen Gesamtdeutschland. Gegen seine Politik beschlo\u00df die SED-F\u00fchrung 1952, zum Sozialismus \u00fcberzugehen. Sie schlug sich damit auf die Seite der &#8222;linken&#8220; Parteigegner Stalins in der KPdSU, vollendete die von Adenauer und den Westalliierten betriebene Spaltung Deutschlands und schuf in der DDR eine nicht lebensf\u00e4hige Gesellschaftsordnung, die nur mit sowjetischer Hilfe existieren konnte. Aus dem Aufbau des Sozialismus wurde eine Kette von praktischen Niederlagen und ideologischen Rechtfertigungen, die dem Kommunismus heute wie ein M\u00fchlstein um den Hals h\u00e4ngt. Gleichzeitig versuchte die SED, die ihr unbequeme historische Wahrheit mit allen Mitteln zu vertuschen, so da\u00df erst das Ende ihrer Herrschaft durch die Offenlegung der Dokumente den Zugang zu den Tatsachen freigemacht hat.<\/p>\n<p>Die vorliegende Brosch\u00fcre ist eine Frucht der seither erschienenen Ver\u00f6ffentlichungen. Sie ist die \u00fcberarbeitete Fassung einer Artikelfolge, die zuerst in den &#8222;Wei\u00dfenseer Bl\u00e4ttern&#8220; erschienen ist. [2] Es mag den ein oder anderen Leser geben, der sich von der hier entwickelten Kritik nicht angesprochen f\u00fchlt, weil er schon immer &#8222;antirevisionistisch&#8220; war und die DDR ablehnte. Er sollte sich nicht zu fr\u00fch freuen:<\/p>\n<p>De te fabula narratur!<\/p>\n<h2>I. Zwei Linien der sowjetischen Nachkriegspolitik<\/h2>\n<p>In der kommunistischen Weltbewegung bildeten sich nach dem zweiten Weltkrieg wie schon nach der Oktoberrevolution zwei im Kern gegens\u00e4tzliche strategische Antworten auf die Nachkriegssituation heraus: eine Art &#8222;Offensivtheorie&#8220;, d.h. eine linksradikale Strategie des ununterbrochenen Sturmlaufs auf den Kapitalismus-Imperialismus, und eine Art &#8222;Defensivtheorie&#8220;, eine Strategie des etappenweisen Vorgehens und der Zick-Zack-Wege. Ihre Repr\u00e4sentanten waren Shdanow &#8211; bis zu seinem Tod 1948 &#8211; auf der einen und Stalin auf der anderen Seite. [3]<\/p>\n<h3>1. Eine zwiesp\u00e4ltige Ausgangslage<\/h3>\n<p>Die Lage des Sowjetstaats zu Beginn der Nachkriegszeit war zwiesp\u00e4ltig. Einerseits hatte er den Weltkrieg gewonnen und war durch den Niedergang Englands, Frankreichs und Deutschlands neben den USA zur Weltmacht aufgestiegen. Andererseits war nach wenigen Jahren klar, da\u00df sich die Kriegsendsituation des 1.Weltkriegs auf h\u00f6herer Ebene wiederholte. Damals war die erwartete Revolution im Westen ausgeblieben und hatte die Revolution an der Peripherie, in dem zur\u00fcckgebliebenen Ru\u00dfland stattgefunden. Nunmehr zeigte sich erneut, da\u00df trotz Massenarbeitslosigkeit und teilweise starker kommunistischer Parteien in keinem westeurop\u00e4ischen Kernland des Kapitals eine sozialistische Revolution auf die Tagesordnung trat.<\/p>\n<p>Statt dessen ging das Erwachen der V\u00f6lker des Ostens weiter, zu denen Ru\u00dfland eine Br\u00fccke bildete. Die chinesische Revolution verlagerte den Schwerpunkt des revolution\u00e4ren Prozesses noch weiter hin zu den b\u00e4uerlichen Millionenmassen Asiens, w\u00e4hrend an der entscheidenden Front, im Westen, kein Durchbruch zum Sozialismus m\u00f6glich war. Auch in Europa waren die unter sowjetischem Einflu\u00df stehenden Volksdemokratien von Polen bis Bulgarien im wesentlichen Agrarl\u00e4nder. Sp\u00e4testens an der Wende von den 40er zu den 50er Jahren stand fest, da\u00df das &#8222;sozialistische Lager&#8220; auf absehbare Zeit auf ein B\u00fcndnis der Sowjetunion mit kommunistisch gef\u00fchrten <i>Bauernstaaten<\/i> hinauslief. Lediglich im westlichen Teil der Tschechoslowakei, in Oberschlesien und in der sowjetischen Besatzungszone in Deutschland gab es gr\u00f6\u00dfere Industriegebiete au\u00dferhalb der UdSSR selber.<\/p>\n<p>Im Unterschied zur Situation der 20er Jahre hatte die Sowjetunion inzwischen jedoch die Kollektivierung und Industrialisierung hinter sich gebracht, verf\u00fcgte \u00fcber eine breite industrielle Basis und hatte damit die Grundlagen f\u00fcr den Sozialismus geschaffen. Allerdings hatte der nationalsozialistische Siedlungskrieg ungeheure Sch\u00e4den hinterlassen. 20 Millionen Tote hatte der Krieg gekostet und riesige Regionen im Westen des Landes waren verw\u00fcstet. Anders als die andere gro\u00dfe Siegermacht des Kriegs, die USA, stand die UdSSR vor der Notwendigkeit eines umfassenden Wiederaufbaus. Gesellschaftspolitisch wichtiger war indessen, da\u00df die Vernichtung der proletarischen Kerntruppen der Roten Armee in den ersten Kriegsmonaten und die Notwendigkeit, den Krieg als &#8222;gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg&#8220; zu f\u00fchren, die Stellung der Bauernschaft und der Armee gest\u00e4rkt hatte. Aus dieser Situation ergab sich eine mehrfache Aufgabenstellung: im Innern mu\u00dfte mit dem Wiederaufbau die Armee zur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden und vor allem die allm\u00e4hliche Umwandlung der Kolchosbauern in Landarbeiter erfolgen, um dem Sozialismus zum Siege zu verhelfen. Nach au\u00dfen hatte die Sowjetunion die Verpflichtung, die kommunistisch gef\u00fchrten Bauernstaaten bei der Industrialisierung zu unterst\u00fctzen und mu\u00dfte insgesamt eine Politik betreiben, die den internationalen revolution\u00e4ren Proze\u00df vorantrieb.<\/p>\n<p>Weltpolitisch war die Lage dadurch gekennzeichnet, da\u00df es den USA im Unterschied zum ersten Weltkrieg gelang, in Europa, an der atlantischen Gegenk\u00fcste, Fu\u00df zu fassen. Die amerikanischen &#8222;Internationalisten&#8220; hatten den in den 30er Jahren heraufziehenden Krieg von Beginn an als M\u00f6glichkeit gesehen, um die Hegemonie des US-Kapitals \u00fcber die anderen M\u00e4chte zu erringen. Roosevelt hatte darum den amerikanischen Kriegseintritt mit allen Mitteln vorangetrieben. Die vollst\u00e4ndige Niederlage Deutschlands und Japans und die Schw\u00e4chung Gro\u00dfbritanniens und Frankreichs erlaubte es den USA, diese M\u00e4chte in die &#8222;one-world&#8220; des US-dominierten Weltmarkts zu zwingen. Wie weit das amerikanische Engagement im Ausland allerdings reichen w\u00fcrde, war zun\u00e4chst noch unklar, ebenso wie das Verh\u00e4ltnis zur Sowjetunion.<\/p>\n<p>Gro\u00dfbritannien kn\u00fcpfte nach der Niederlage Deutschlands nahtlos an seine antisowjetische Vorkriegspolitik an. Die englischen Imperialisten hatten sich noch lange nicht mit dem R\u00fcckfall in die zweite Linie der Weltpolitik abgefunden. Soviel wie m\u00f6glich von der alten Weltmachtstellung des Empire zu behalten oder gar zur\u00fcckzugewinnen, hie\u00df, die Kolonien zu sichern und durch ein neues Gleichgewicht der Kr\u00e4fte auf dem europ\u00e4ischen Kontinent den R\u00fccken daf\u00fcr frei zu bekommen. Beides machte die Sowjetunion zum Hauptgegner Gro\u00dfbritanniens. Sie bildete den st\u00e4rksten R\u00fcckhalt der antikolonialen, antiimperialistischen Bewegung, die das britische Kolonialreich bedrohte, und war au\u00dferdem nach dem Krieg die dominierende europ\u00e4ische Kontinentalmacht. Der von Churchill kolportierte Ausspruch am Kriegsende, man habe &#8222;das falsche Schwein geschlachtet&#8220;, spiegelte diese Sicht der Empire-Politiker wider. Die sowjetfeindliche Politik wurde von der Labourpartei wie von den Konservativen mit nur geringen Unterschieden verfolgt.<\/p>\n<h3>2. Shdanow und Stalin: um die Zwei-Lager-Theorie<\/h3>\n<p>Auf Basis der zwiesp\u00e4ltigen Situation entwickelten sich in der KPdSU zwei gegens\u00e4tzliche strategische Orientierungen, deren Vertreter eine heftige, wenngleich f\u00fcr Au\u00dfenstehende schwer erkennbare Auseinandersetzung f\u00fchrten. Ausgehend von einer optimistischen, wesentlich milit\u00e4risch begr\u00fcndeten Kr\u00e4fteeinsch\u00e4tzung vertraten die &#8222;Linken&#8220; eine Offensivtheorie des Kampfes um den Sozialismus, deren Kernpunkt die &#8222;Zwei-Lager-Theorie&#8220; bildete. Sie bildete die au\u00dfenpolitische Fortsetzung der Strategie des Kampfes &#8222;Klasse gegen Klasse&#8220;, die von der Komintern, die KPD an der Spitze, bis zum VII.Weltkongre\u00df verfolgt worden war und die verheerende Niederlage gegen den Nationalsozialismus mit bewirkt hatte. Ihre Vertreter betrachteten &#8222;Sozialismus&#8220; und &#8222;Kapitalismus\/Imperialismus&#8220; nicht nur als zwei \u00f6konomisch und ideologisch unterschiedene Lager, sondern vor allem als zwei <i>au\u00dfenpolitisch<\/i> geschlossene Bl\u00f6cke, zwischen denen es unvermeidlich zum Krieg kommen mu\u00dfte. Dieser Krieg resultierte aus der aggressiven Natur des Imperialismus und war nicht zu verhindern. Der atomare Vorsprung der USA wurde dabei nicht als ausschlaggebend f\u00fcr den Kriegsausgang betrachtet, zumal die Sowjetunion dabei war, ebenfalls Kernwaffen zu entwickeln. Aufgrund der St\u00e4rke und Kampfkraft der Roten Armee, der unbestreitbar st\u00e4rksten Streitmacht Europas, wurden die Aussichten f\u00fcr einen erneuten Waffengang als gut eingesch\u00e4tzt, so da\u00df in Fortsetzung des soeben errungenen Siegs im Weltkrieg der Sozialismus bis weit nach Westeuropa hinein getragen werden konnte.<\/p>\n<p>Diese Konzeption konnte zur\u00fcckgreifen auf die Tradition des Kriegskommunismus, als die proletarische Macht in den Jahren des B\u00fcrgerkriegs nach der Oktoberrevolution nur mit milit\u00e4rischen Mitteln erhalten werden konnte und es vor\u00fcbergehend auf Messers Schneide stand, ob die Rote Reiterarmee Budjonnys die Diktatur des Proletariats nicht auch nach Polen bringen w\u00fcrde. Zun\u00e4chst war Shdanow der Hauptvertreter dieser Linie. &#8222;Man hat den pl\u00f6tzlichen Tod A.A. Zdanovs am 31.August 1948 damit in Zusammenhang gebracht, da\u00df der Herzschlag, der den erst 52j\u00e4hrigen Mann hinwegraffte, eine Folge von heftigen Auseinandersetzungen im Politb\u00fcro wegen der Berliner und der jugoslawischen Frage gewesen sei. Zdanov habe eine milit\u00e4rische Aktion wenn nicht gegen Berlin, das hei\u00dft gegen die Westm\u00e4chte, so doch gegen Tito bef\u00fcrwortet, was von der Mehrheit des Politb\u00fcros einschlie\u00dflich Stalins abgelehnt wurde.&#8220; [4]<\/p>\n<p>Die &#8222;Linken&#8220; schlossen auf dem Boden der Zwei-Lager-Politik das B\u00fcndnis von Schwerindustrie (als R\u00fcstungsindustrie) und Milit\u00e4r, das nach Stalins Tod den weiteren Werdegang der Sowjetunion bis zu deren Untergang 1991 bestimmte. Sie st\u00fctzten sich im wesentlichen auf ihren Einflu\u00df in der <i>KPdSU<\/i>. Ihr Hauptzentrum lag in Leningrad, dem traditionellen &#8222;Herzen&#8220; der Partei. In der Petersburger\/Leningrader Parteiorganisation &#8211; der gr\u00f6\u00dften neben Moskau &#8211; hatten die Linken immer schon ihren st\u00e4rksten R\u00fcckhalt; \u00fcber alle Unterschiede hinweg f\u00fchrt eine Linie von Trotzki \u00fcber Sinowjew bis zu Shdanow.<\/p>\n<p>Shdanow war die treibende Kraft hinter der Schaffung des &#8222;Kommunistischen Informationsb\u00fcros&#8220;, das die Kommunistischen Parteien Osteuropas sowie Italiens und Frankreichs vereinigte. Die Gr\u00fcndungsversammlung im Jahr 1947 machte die &#8222;Zwei-Lager-Theorie&#8220; nach den Vorgaben Shdanows offiziell zur Richtschnur der Revolutionsstrategie. Die Gr\u00fcndungsdeklaration f\u00fchrte dazu aus, es h\u00e4tten sich nach dem Krieg &#8222;zwei Lager&#8220; herausgebildet &#8211; &#8222;das imperialistische und antidemokratische Lager, dessen Hauptziel die Errichtung der Weltherrschaft des amerikanischen Imperialismus und die Zerschlagung der Demokratie ist, und das antiimperialistische und demokratische Lager, dessen Hauptziel die Zerst\u00f6rung des Imperialismus, die St\u00e4rkung der Demokratie und die Liquidierung der \u00dcberreste des Faschismus ist. Der Kampf der beiden gegens\u00e4tzlichen Lager, des imperialistischen und des antiimperialistischen, vollzieht sich unter den Verh\u00e4ltnissen der weiteren Versch\u00e4rfung der allgemeinen Krise des Kapitalismus, des Schw\u00e4cherwerdens der Kr\u00e4fte des Kapitalismus und der Festigung der Kr\u00e4fte des Sozialismus und der Demokratie.&#8220; [5] Dar\u00fcber hinaus erkl\u00e4rte Shdanow bei dieser Gelegenheit: &#8222;Die Hauptgefahr besteht jetzt in der Untersch\u00e4tzung der eigenen Kr\u00e4fte und in der \u00dcbersch\u00e4tzung der gegnerischen Kr\u00e4fte. Genau so, wie die M\u00fcnchen-Politik in der Vergangenheit der Clique der Hitleraggression die H\u00e4nde frei gemacht hat, so k\u00f6nnen Konzessionen an den neuen Kurs der USA und des imperialistischen Lagers seine Inspiratoren nur noch frecher und aggressiver machen.&#8220; [6] Diese Einsch\u00e4tzung wurde ebenso wie seine Fassung der Zwei-Lager-Theorie in die Gr\u00fcndungsdeklaration aufgenommen. Sie richtete sich frontal gegen die Politik Stalins, ohne ihn beim Namen zu nennen, denn er war es, der zu dieser Zeit eine Politik der Konzessionen und des Entgegenkommens gegen\u00fcber den USA betrieb.<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzungen zwischen Stalin und den Linken spiegelten sich im <i>Gegensatz von Regierung und Partei<\/i> wider. Stalin war als Regierungschef f\u00fcr die Au\u00dfenpolitik der Sowjetunion verantwortlich. Am 6.Mai 1941 hatte er, bis dahin lediglich erster Sekret\u00e4r des ZK der Partei, im Hinblick auf den kommenden Krieg den Vorsitz des Rats der Volkskommissare, d.h. die direkte Regierungsverantwortung \u00fcbernommen. Nach gewonnenem Krieg war zu erwarten, da\u00df er die F\u00fchrung der Regierungsgesch\u00e4fte wieder abgab. Da\u00df er dies nicht tat, d\u00fcrfte auf die Auseinandersetzungen in der Parteif\u00fchrung zur\u00fcckzuf\u00fchren sein.<\/p>\n<p>Stalin Einsch\u00e4tzung der St\u00e4rke der Sowjetunion und des Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses zu den kapitalistischen Staaten war zur\u00fcckhaltend. Schon 1943, nachdem der deutsche Ansturm gebrochen war, hatte er bis fast zum Kriegsende versucht, einen Separatfrieden mit dem Kriegsgegner zu schlie\u00dfen, um den Sowjetstaat zu schonen, und war nur an dem fanatischen Siedlungswillen der Nationalsozialisten gescheitert. Er bef\u00fcrchtete, da\u00df die angloamerikanischen Verb\u00fcndeten Deutschland und die Sowjetunion sich zerfleischen lassen w\u00fcrden, um selber als lachende Dritte die Nachkriegszeit zu bestimmen. In der Tat war dies das Konzept Churchills gewesen, der die Er\u00f6ffnung der &#8222;zweiten Front&#8220; nach Kr\u00e4ften verz\u00f6gert und es der Nazif\u00fchrung erm\u00f6glicht hatte, die deutschen Kampftruppen an der Ostfront zu konzentrieren. Erst als die Gefahr drohte, da\u00df die Rote Armee Deutschland auch ohne die westlichen Verb\u00fcndeten besiegen und die neue europ\u00e4ische Kontinentalordnung alleine bestimmen k\u00f6nnte, gab die britische Regierung gr\u00fcnes Licht f\u00fcr die Landung der Alliierten im August 1944 in der Normandie.<\/p>\n<p>Nach dem Kriegsende verfolgte Stalin eine Ausgleichspolitik gegen\u00fcber dem Westen, insbesondere gegen\u00fcber den USA. Er war sowohl in \u00f6konomischen als auch politischen Fragen konzessionsbereit. Im September 1946 \u00e4u\u00dferte er, da\u00df er vollkommen &#8222;an die M\u00f6glichkeit einer freundschaftlichen und dauerhaften Zusammenarbeit zwischen der Sowjetunion und den westlichen Demokratien trotz des Vorhandenseins ideologischer Unterschiede und an einen &#8218;freundschaftlichen Wettbewerb&#8216; zwischen den beiden Systemen&#8220; glaube. [7] Mit Blick auf China erkl\u00e4rte er im Dezember 1946 die ausdr\u00fcckliche Bereitschaft seiner Regierung, &#8222;mit den Vereinigten Staaten in den fern\u00f6stlichen Fragen eine gemeinsame Politik durchzuf\u00fchren&#8220; [8] &#8211; ein Vorschlag, der sich offenkundig gegen Gro\u00dfbritannien richtete.<\/p>\n<p>Bereits nach Roosevelts Tod entfernte sich die US-Administration von der Politik der &#8222;one-world&#8220; unter Einschlu\u00df der Sowjetunion, weil diese den Sowjets mehr n\u00fctzte als den USA. Am 12.M\u00e4rz 1947 verk\u00fcndete der amerikanische Pr\u00e4sident Truman aus Anla\u00df des gerade stattfindenden B\u00fcrgerkriegs in Griechenland die Entschlossenheit der USA, kein weiteres Vordringen des Kommunismus zu akzeptieren. Eine neue Aufr\u00fcstungspolitik war mit der &#8222;Truman-Doktrin&#8220; jedoch vorerst nicht verkn\u00fcpft. Stalin verfocht deshalb weiterhin, so in einer Unterredung mit dem amerikanischen repulikanischen Pr\u00e4sidentschaftskandidaten Stassen im April 1947, da\u00df die USA und die UdSSR trotz verschiedener Wirtschaftssysteme &#8222;selbstverst\u00e4ndlich &#8230; miteinander zusammenarbeiten k\u00f6nnten&#8220;, und f\u00fcgte hinzu, den USA st\u00fcnden &#8222;solche M\u00e4rkte wie Europa, China und Japan offen&#8220;, um das eigene Land zu entwickeln. [9] Gegen\u00fcber allen Kr\u00e4ften in der eigenen Partei, die auf die Vorbereitung des von ihnen f\u00fcr unvermeidbar gehaltenen Kriegs dr\u00e4ngten, betonte er bis zu seinem Tod immer wieder, da\u00df ein neuer Weltkrieg gegen die Sowjetunion nicht zwangsl\u00e4ufig stattfinden m\u00fc\u00dfte. [10]<\/p>\n<p>Im selben Jahr 1947 ging es um den Marshall-Plan, die Organisierung der amerikanischen Finanzhilfe f\u00fcr den Wiederaufbau in Europa. &#8222;Stalin hatte sich mit der Absage an den Marshall-Plan offensichtlich schwergetan. Dokumente des sowjetischen Au\u00dfenministeriums best\u00e4tigen jetzt, was aus der Beteiligung einer gro\u00dfen sowjetischen Expertendelegation an der britisch-franz\u00f6sisch-sowjetischen Vorkonferenz vom 25.Juni bis 2.Juli bislang nur geschlossen werden konnte: da\u00df man in Moskau eine sowjetische Beteiligung an dem Wiederaufbauprogramm ernsthaft in Erw\u00e4gung zog und die sowjetische Diplomatie sich detailliert auf die Verhandlungen \u00fcber die Modalit\u00e4ten des Plans vorbereitete.&#8220; [11] Nach Shdanows Tod Ende August 1948 lie\u00df Stalin, gest\u00fctzt auf den Staatsapparat, durch Berija, Malenkow und den Sicherheitsminister Abakumow eine gro\u00dfangelegte Parteis\u00e4uberung in Leningrad durchf\u00fchren, die mehrere Tausend Parteifunktion\u00e4re erfa\u00dfte (sie wurden nach Stalins Tod rehabilitiert und in ihre alten Funktionen wiedereingesetzt). Im M\u00e4rz 1949 l\u00f6ste er Molotow als Au\u00dfenminister durch Wyschinski ab. Die Ver\u00e4nderung bedeutete nach den Worten Rauchs, &#8222;da\u00df nun gegen\u00fcber einer Vernichtungsstrategie der hinhaltenden Zerm\u00fcrbung der Vorzug gegeben wurde.&#8220; [12]<\/p>\n<p>Der Sieg der chinesischen Volksbefreiungsarmee im Jahre 1949 und der anschlie\u00dfende Korea-Krieg schufen eine neue Z\u00e4sur im Verh\u00e4ltnis zu den USA. Ein ma\u00dfgebliches Kriegsziel der USA im Osten war die \u00d6ffnung des chinesisch- asiatischen Marktes gegen Gro\u00dfbritannien und Japan gewesen. &#8222;Gemessen an dem Ziel amerikanischer Chinapolitik im Zweiten Weltkrieg, ein unabh\u00e4ngiges, aber proamerikanisches China Tschiang Kai-scheks zu etablieren, dessen Regime die USA bereits 1928 anerkannt hatten, bedeutete der Sieg Maos im Jahre 1949 eine weltpolitisch-strategische Niederlage erster Ordnung und das Scheitern der seit der Jahrhundertwende verfolgten Politik der &#8218;offenen T\u00fcr&#8216;.&#8220; [13] Als im Juni 1950 die Spannungen in Korea in einen offenen Krieg umschlugen, r\u00fcckte vor\u00fcbergehend ein neuer Weltkrieg in den Bereich der M\u00f6glichkeit.<\/p>\n<p>Nach ersten R\u00fcckschl\u00e4gen waren die unter UN-Flagge k\u00e4mpfenden Amerikaner, sobald der Nachschub organisiert war, dank ihrer Material- und Luft\u00fcberlegenheit bis weit nach Norden vorgedrungen und hatten sogar die nordkoreanische Hauptstadt Pj\u00f6ngjang erobert. Zeitweise sah es so aus, als ob der Vormarsch bis nach Rotchina und dar\u00fcberhinaus in die Sowjetunion fortgesetzt werden k\u00f6nne. Das daraufhin diskutierte R\u00fcstungsprogramm stellte alle Programme des 2.Weltkriegs in den Schatten. &#8222;Erst jetzt begannen die USA, einen riesigen Kampfapparat zu Lande, zu Wasser und in der Luft aufzubauen. Erst jetzt entwickelte sich ein milit\u00e4risch-industrieller Komplex, der Millionen von Menschen Brot und den R\u00fcckhalt in einer einfachen dualistischen Weltdeutung gab&#8220;. [15] Nur wenige Jahre, nachdem der Sowjetstaat den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg \u00fcberstanden hatte, sah er sich einer neuen Bedrohung gegen\u00fcber. In einem Prawda-Interview vom 17.Februar 1951 f\u00fchrte Stalin aus, da\u00df die aufgezwungene Hochr\u00fcstung den wirtschaftlichen Wiederaufbau und die Fortsetzung des Industrialisierungsprogramms gef\u00e4hrdete; er sah sogar einen Staatsbankrott drohen. [15]<\/p>\n<p>Aber dann konsolidierte sich die nordkoreanische Armee, \u00fcberrannte mit Unterst\u00fctzung chinesischer Volksfreiwilliger die gegnerischen Linien und trieb die amerikanischen Truppen vor sich her, bis die Fronten im Fr\u00fchjahr 1951 um den 38.Breitengrad herum erstarrten. Die US-Administration erfuhr handgreiflich, da\u00df der Weg nach Peking und Moskau trotz des Besitzes von Nuklearwaffen mit den Leichen amerikanischer Soldaten gepflastert werden mu\u00dfte. Nach wenigen Monaten wurde die bereits angelaufene Kriegsvorbereitung eingestellt. Die schlie\u00dflich realisierte Aufr\u00fcstung diente dazu, auf dem Boden des Kalten Kriegs die US-amerikanische Vorherrschaft \u00fcber den Westen im Zeichen der Gegnerschaft gegen den Kommunismus zu sichern &#8211; nicht weniger, aber auch nicht mehr. Mit der Kriegsplanung wanderten etwa Mitte 1951 auch die Pl\u00e4ne in die Schubladen, Deutschland in einem Umfang aufzur\u00fcsten, der einen gro\u00dfen Krieg in Europa gegen die UdSSR erlaubte. Die 1952 im Rahmen der EVG (Europ\u00e4ische Verteidigungsgemeinschaft) vereinbarte Wiederbewaffnung der BRD war nur noch geeignet, den Graben zwischen Ost und West zu vertiefen und die BRD an den Westen zu binden, nicht aber die Sowjetunion ernsthaft zu gef\u00e4hrden. Stalin bewertete im Gespr\u00e4ch mit der SED-F\u00fchrung im April 1952 die US-Politik nach den Notizen Piecks daher wie folgt: &#8222;Schaffung Europa-Armee &#8211; nicht gegen SU, sondern um Macht in Europa&#8220;. [16]<\/p>\n<h3>3. Ausnutzung der zwischenimperialistischen Widerspr\u00fcche<\/h3>\n<p>Die von Stalin verfolgte Revolutionsstrategie setzte die von Lenin begr\u00fcndete Au\u00dfenpolitik fort, die die Zwischenkriegspolitik bestimmt hatte. &#8222;Einen m\u00e4chtigeren Gegner kann man nur unter gr\u00f6\u00dfter Anspannung der Kr\u00e4fte und nur dann besiegen, wenn man unbedingt auf angelegentlichste, sorgsamste, vorsichtigste, geschickteste sowohl jeden, selbst den kleinsten &#8218;Ri\u00df&#8216; zwischen den Feinden, jeden Interessengegensatz zwischen der Bourgeoisie der verschiedenen L\u00e4nder, zwischen den verschiedenen Gruppen oder Schichten innerhalb der Bourgeoisie innerhalb der einzelnen L\u00e4nder &#8230; ausnutzt&#8220;, hatte Lenin in seiner Schrift \u00fcber den &#8222;linken Radikalismus&#8220; 1920 geschrieben. [17] Diese Politik der Ausnutzung der zwischenimperialistischen Widerspr\u00fcche war das Gegenteil der Zwei-Lager-Politik der Linken.<\/p>\n<p>In dem Werk &#8222;\u00d6konomische Probleme des Sozialismus&#8220; von 1952 rechnete Stalin im 6.Abschnitt &#8222;Die Frage der Unvermeidlichkeit von Kriegen zwischen den kapitalistischen L\u00e4ndern&#8220; mit den Anh\u00e4ngern der Zwei-Lager-Theorie ab. &#8222;Manche Genossen behaupten, da\u00df infolge der neuen internationalen Bedingungen nach dem zweiten Weltkrieg Kriege zwischen den imperialistischen L\u00e4ndern nicht mehr unvermeidlich seien. Sie meinen, da\u00df die Gegens\u00e4tze zwischen dem Lager des Sozialismus und dem Lager des Kapitalismus st\u00e4rker seien als die Gegens\u00e4tze zwischen den kapitalistischen L\u00e4ndern. (&#8230;) Diese Genossen irren sich. Sie sehen die an der Oberfl\u00e4che schimmernden \u00e4u\u00dferen Erscheinungen, aber sie sehen nicht die in der Tiefe wirkenden Kr\u00e4fte, die, obwohl sie vorl\u00e4ufig unmerkbar wirken, dennoch den Lauf der Ereignisse bestimmen werden.&#8220; [18] In Wirklichkeit, so Stalin, seien die Gegens\u00e4tze zwischen den kapitalistischen Staaten tiefer als ihre Gemeinsamkeiten. Er erkl\u00e4rte die gegenw\u00e4rtige Unterordnung Englands, Frankreichs, Japans und Deutschlands unter die USA f\u00fcr nicht normal und rechnete dauerhaft mit deren Wiederauferstehen. Zwar sei, solange der Imperialismus existiere, die M\u00f6glichkeit eines Krieges zwischen ihm und dem Sozialismus nicht auszuschlie\u00dfen; wahrscheinlicher seien jedoch Auseinandersetzungen zwischen den imperialistischen M\u00e4chten selber. [19]<\/p>\n<p>Auf Grundlage dieser Einsch\u00e4tzung er\u00f6ffneten sich neue M\u00f6glichkeiten f\u00fcr den Sowjetstaat, zwischen den kapitalistischen M\u00e4chten zu lavieren, anstatt eine die eigenen Kr\u00e4fte \u00fcberfordernde Gesamtfront gegen sie aufzubauen. Statt auf die <i>Zusammenarbeit<\/i> mit den Vereinigten Staaten, wie noch bis Ende der 40er Jahre angestrebt, setzte die neue Strategie auf ihre <i>Isolierung. <\/i>In seinem Schlu\u00dfwort auf dem 19.Parteitag der KPdSU an die anwesenden internationalen Parteivertreter fa\u00dfte Stalin am 14.Oktober 1952 die von ihm bef\u00fcrwortete Strategie des nationaldemokratischen Kampfes mit den USA als Hauptgegner zusammen: &#8222;Fr\u00fcher galt die Bourgeoisie als das Haupt der Nation, sie trat f\u00fcr die Rechte und die Unabh\u00e4ngigkeit der Nation ein und stellte sie &#8218;\u00fcber alles&#8216;. Jetzt verkauft die Bourgeoisie die Rechte und die Unabh\u00e4ngigkeit der Nation f\u00fcr Dollars. Das Banner der nationalen Unabh\u00e4ngigkeit und der nationalen Souver\u00e4nit\u00e4t ist \u00fcber Bord geworfen. Ohne Zweifel werden Sie, die Vertreter der kommunistischen und demokratischen Parteien, dieses Banner erheben und vorantragen m\u00fcssen, wenn Sie Patrioten Ihres Landes sein, wenn Sie die f\u00fchrende Kraft der Nation werden wollen. Es gibt sonst niemand, der es erheben k\u00f6nnte.&#8220; [20] Das war eine deutliche Absage an alle, die den direkten Sturmlauf zum Sozialismus organisieren wollten. Stalins Orientierung zielte insbesondere auf Deutschland, denn dort wurde zu dieser Zeit die entscheidende Schlacht um dessen k\u00fcnftige Stellung in Europa und der Welt geschlagen.<\/p>\n<p>Gedacht war die Schrift ebenso wie die Rede auf dem Parteitag offenkundig als Vorbereitung einer gro\u00dfen Auseinandersetzung. Der Parteitag schaffte das Politb\u00fcro ab und ersetzte es durch ein Pr\u00e4sidium, das wegen seiner Gr\u00f6\u00dfe kaum handlungsf\u00e4hig war. Bevor der Kampf aber noch offen ausgetragen werden konnte, starb Stalin im M\u00e4rz 1953. Sein Tod machte den Weg frei f\u00fcr die Durchsetzung der Zwei-Lager-Politik. Am 14.Mai 1955, neun Tage nach dem Nato-Beitritt der Bundesrepublik, wurde der Warschauer Pakt gegr\u00fcndet. Damit hatte die Zwei-Lager Theorie endg\u00fcltige Gestalt in Form zweier entgegengesetzter B\u00fcndnissysteme angenommen. Zugleich taten die Linken, die auf dem XX.Parteitag der KPdSU 1956 ihren Sieg \u00fcber den toten Stalin feierten, alles, um die tats\u00e4chlichen Gegens\u00e4tze zu vertuschen. Da sie von nun an die Herren nicht nur der Politik, sondern auch der Archive und der Geschichtsschreibung waren, hatten sie auch die Mittel dazu.<\/p>\n<h3>4. Zwei Linien in der Deutschlandpolitik<\/h3>\n<p>Der au\u00dfenpolitische Hauptstreitpunkt der gegens\u00e4tzlichen Linien war die Deutschlandfrage. Das besiegte Deutschland war das europ\u00e4ische Kernland, dessen Einordnung in die internationalen Beziehungen die Grundlinien der Weltpolitik auf Jahrzehnte hinaus bestimmte. So wie die amerikanische Vorherrschaft \u00fcber Europa von der Vorherrschaft \u00fcber Deutschland (West-) abhing, war Deutschland (Ost) f\u00fcr die sowjetischen Linken und Milit\u00e4rs der unverzichtbare Eckstein des &#8222;sozialistischen Lagers&#8220; und &#8211; in der kriegskommunistischen Ausgangsversion der Zwei-Lager-Theorie &#8211; der milit\u00e4rgeographische Ausgangspunkt, um den Sozialismus nach Westeuropa vorw\u00e4rtszutreiben. Auf der anderen Seite war die deutsche Frage f\u00fcr Stalin der Haupthebel, eine gemeinsame gegnerische Front hier aufzubrechen bzw. gar nicht erst zustandekommen zu lassen. Abgesehen von allen weitergehenden revolutionsstrategischen Erw\u00e4gungen bezweifelte er die Lebensf\u00e4higkeit eines selbst\u00e4ndigen, sozialistischen deutschen Oststaats; dieser w\u00fcrde dauerhaft auf sowjetische Unterst\u00fctzung angewiesen sein. [21] Umgekehrt ging er davon aus, da\u00df ein einheitliches, b\u00fcrgerliches Deutschland an der Seite der Sowjetunion diese au\u00dfenpolitisch entlasten und durch beiderseits vorteilhafte Handelsbeziehungen zum weiteren industriellen Aufbau beitragen w\u00fcrde. Die eigene Aufr\u00fcstung konnte zur\u00fcckgeschraubt und die freiwerdenden finanziellen Mittel zur Weiterf\u00fchrung der Industrialisierung eingesetzt werden. Neue Spielr\u00e4ume \u00f6ffneten sich, um die selbst\u00e4ndig produzierenden Kolchosen langsam in staatliche Agrarproduktionsst\u00e4tten und die Kolchosbauern in Landarbeiter umzuwandeln; die zu erwartende Verbesserung des Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses w\u00fcrde schlie\u00dflich auch der Weiterf\u00fchrung des revolution\u00e4ren Prozesses in den kapitalistischen Kernl\u00e4ndern selber dienen.<\/p>\n<p>Dies bedeutete ein Wiederankn\u00fcpfen an die sowjetisch-deutsche Rapallo-Politik der 20er Jahre, aber unter anderen Vorzeichen. Seinerzeit waren die beiden Verliererstaaten des 1.Weltkriegs vor\u00fcbergehend zusammengegangen, um gemeinsam die Versailler Vorherrschaft der imperialistischen Siegerm\u00e4chte abzusch\u00fctteln. Aber w\u00e4hrend die Sowjetunion der 20er Jahre schwach war, war Deutschland auch nach der Niederlage 1918 stark genug geblieben, um 20 Jahre sp\u00e4ter einen erneuten Weltkrieg zu f\u00fchren. Nach dem 2.Weltkrieg stand dem vernichtend geschlagenen Deutschland dagegen ein Sowjetstaat gegen\u00fcber, der zur Weltmacht geworden war und Deutschland auch industriell \u00fcberfl\u00fcgelt hatte (1944 \u00fcberstieg die sowjetische Kriegsproduktion die deutsche). Mit einer mehr als doppelt so gro\u00dfen Bev\u00f6lkerung und einer umfangreicheren Industrie konnte die Sowjetunion als unangefochten st\u00e4rkste europ\u00e4ische Macht ein antifaschistisches, b\u00fcrgerlich-demokratisches Deutschland, das seine Wiedervereinigung (unter Garantien) sowjetischem Entgegenkommen verdankte, ohne ernsthafte Bef\u00fcrchtungen vor einer neuen Abenteuerpolitik in ihrem Kraftfeld halten. Zudem erg\u00e4nzten sich der rohstoffreiche, nach wie vor industrialisierungsbed\u00fcrfte Sowjetstaat und das rohstoffarme, hochindustrialisierte Deutschland vorteilhaft. Nicht zuletzt h\u00e4tte ein B\u00fcndnis mit dem deutschen Industriestaat es erleichtert, den kommunistischen Agrarstaaten Osteuropas und Asiens bei der Industrialisierung zu helfen.<\/p>\n<p>Zwischen den Zeilen zeigte das Gl\u00fcckwunschtelegramm Stalins an Pieck und Grotewohl zur Gr\u00fcndung der Deutschen Demokratischen Republik, die Stalin lediglich als eine aufgezwungene Zwischenstation auf dem Weg zu einem demokratischen Gesamtdeutschland ansah, diese Orientierung auf. &#8222;Die Erfahrung des letzten Krieges hat gezeigt, da\u00df das deutsche und das sowjetische Volk in diesem Kriege die gr\u00f6\u00dften Opfer gebracht haben, da\u00df diese beiden V\u00f6lker die gr\u00f6\u00dften Potenzen in Europa zur Vollbringung gro\u00dfer Aktionen von Weltbedeutung besitzen. Wenn diese beiden V\u00f6lker die Entschlossenheit an den Tag legen werden, f\u00fcr den Frieden mit der gleichen Anspannung ihrer Kr\u00e4fte zu k\u00e4mpfen, mit der sie den Krieg f\u00fchrten, so kann man den Frieden in Europa f\u00fcr gesichert halten. Wenn Sie so den Grundstein f\u00fcr ein einheitliches, demokratisches und friedliebendes Deutschland legen, vollbringen Sie gleichzeitig ein gro\u00dfes Werk f\u00fcr ganz Europa, indem Sie ihm einen festen Frieden gew\u00e4hrleisten.&#8220; [22] Ohne die geringsten Vorbehalte wegen des Nationalsozialismus und des nur wenige Jahre zur\u00fcckliegenden \u00dcberfalls auf die UdSSR zu \u00e4u\u00dfern, trat Stalin f\u00fcr ein B\u00fcndnis mit Deutschland &#8222;zur Vollbringung gro\u00dfer Aktionen von Weltbedeutung&#8220; ein &#8211; und in der Tat h\u00e4tte ein sowjetisch-deutsches Zusammengehen die Geschichte der Nachkriegszeit anders aussehen lassen. Da\u00df mit dem &#8222;friedliebenden, demokratischen Deutschland&#8220; <i>nicht <\/i>der Oststaat gemeint war, wie die SED glauben machen wollte, dokumentierte nicht nur die Bezeichnung der DDR als &#8222;Grundstein&#8220; f\u00fcr ein demokratisches Gesamtdeutschland, sondern noch einmal der Aufruf zum Schlu\u00df: &#8222;Es lebe und gedeihe das <i>einheitliche<\/i>, unabh\u00e4ngige, demokratische und friedliebende Deutschland.&#8220;<\/p>\n<p>So gegens\u00e4tzlich die Interessen der imperialistischen Siegerm\u00e4chte des 2.Weltkriegs auch waren &#8211; ein einheitliches Deutschland an der Seite der Sowjetunion fand ihre gemeinsame Gegnerschaft. F\u00fcr die USA war das Hauptkriegsziel die &#8222;one world&#8220; gewesen, um dem \u00fcberlegenen amerikanischen Kapital die M\u00e4rkte der ganzen Welt zu \u00f6ffnen. Wenn schon die Sowjetunion aus der &#8222;one world&#8220; ausgeschlossen werden mu\u00dfte, dann mu\u00dfte diese zumindest die kapitalistischen Kernl\u00e4nder des alten Kontinents umfassen, und dazu war die Vorherrschaft \u00fcber die deutsche Zentralmacht Europas und deren Ausrichtung <i>gegen<\/i> die Sowjetunion n\u00f6tig. Gro\u00dfbritannien war nicht grunds\u00e4tzlich gegen einen deutschen Einheitsstaat, aber nur unter der Bedingung, da\u00df dieser f\u00fcr ein neues Gleichgewicht der Kr\u00e4fte in Kontinentaleuropa sorgte, also vor allem gegen die Sowjetunion stand; ein demokratisches Deutschland, das an der Seite der Sowjetunion antikoloniale Politik betrieb, war der Alptraum der Empire-Politiker in der Downing-Street. Frankreich schlie\u00dflich war ein prinzipieller Gegner jedes deutschen Einheitsstaats. Wenn die Uhr der Geschichte schon nicht hinter die deutsche Einheit von 1871 zur\u00fcckgestellt werden konnte, dann sollte das neue Deutschland m\u00f6glichst klein und f\u00f6deral zersplittert sein. Der gemeinsame Nenner der drei M\u00e4chte war also die Spaltung Deutschlands und die Westbindung des in ihren Besatzungszonen liegenden gr\u00f6\u00dferen Teils.<\/p>\n<p>In Adenauer fanden die westlichen Alliierten einen Politiker, der ihren gemeinsamen Zielen entsprach. [23] Er verk\u00f6rperte eine Str\u00f6mung in der deutschen Gesellschaft und Bourgeoisie, die bis dahin untergeordnet gewesen war, aber unter den Bedingungen der Nachkriegszeit die Gelegenheit erhielt, sich in gewandelter Form durchzusetzen. Er entstammte dem katholischen &#8222;Zentrum&#8220;, dessen Schwerpunkt im S\u00fcden und Westen Deutschlands lag und das sich mit dem unter der Hegemonie des protestantischen Preu\u00dfen hergestellten Nationalstaat nie vollst\u00e4ndig identifiziert hatte. Die rheinische Bourgeoisie, die Adenauer verk\u00f6rperte, orientierte sich \u00f6konomisch und politisch mehr nach Westen als nach Berlin. Jenseits der Elbe sah Adenauer die &#8222;Barbarei&#8220; beginnen, und zwar nicht erst in russisch-bolschewistischer Gestalt. Mit den beiden Weltkriegsniederlagen gegen jedesmal dieselbe Koalition aller gro\u00dfen Nachbarm\u00e4chte begr\u00fcndete er, da\u00df eine deutsche Schaukelpolitik zwischen West und Ost ins Verderben f\u00fchren w\u00fcrde und das k\u00fcnftige Deutschland unwiderruflich an den Westen gebunden werden m\u00fcsse. Soweit es dazu erforderlich war, auf den sowjetisch besetzten, preu\u00dfisch-evangelischen Teil Deutschlands zu verzichten, nahm er dies billigend in Kauf. Er verfocht also die Spaltung Deutschlands aus eigener \u00dcberzeugung. &#8222;Adenauer wollte anstelle einer aktiven Wiedervereinigungspolitik eine aktive Westintegrationspolitik treiben. Dies war f\u00fcr ihn ein hartes Entweder-Oder. (&#8230;) Man wird um die Feststellung nicht herumkommen, da\u00df Adenauer von den in der Pr\u00e4ambel des Grundgesetzes festgeschriebenen Staatszielen nur eines wirklich verfolgte.&#8220; [24]<\/p>\n<p>Mit dem Ziel der Spaltung Deutschlands trafen sich die Zwei-Lager-Politiker beider Seiten. Offiziell ging die Sowjetunion seit Anfang 1945 vom Fortbestehen eines einheitlichen Deutschlands aus. Jenseits dieser offiziellen Grundposition lassen sich in der Besatzungszeit aber mindestens drei verschiedene Optionen feststellen. &#8222;Die erste war die Bildung eines entmilitarisierten, &#8217;neutralen&#8216; Deutschlands, eine Vorstellung, wie sie von dem politischen Berater der SMAD, Wladimir Semjonow, vertreten wurde &#8230; Die zweite Option war die Bildung eines einheitlichen Deutschland unter F\u00fchrung der SED &#8230; Die dritte Option war schlie\u00dflich die Bildung einer sowjetischen Ostzone. Sie wurde von Ulbricht und von Sergej Tjulpanow, dem Leiter der Propaganda-Abteilung und starken Mann in der SMAD, verfochten. Tjulpanow vertrat diese kompromi\u00dflose Linie bereits, als sie von der sowjetischen F\u00fchrung noch nicht favorisiert wurde.&#8220; [25] Die sowjetischen Linken zielten in ma\u00dfloser \u00dcbersch\u00e4tzung der Kr\u00e4fte der Sowjetunion und der deutschen Arbeiterbewegung zun\u00e4chst auf die Errichtung des Sozialismus in ganz Deutschland und dann, als sich dies als illusorisch herausstellte, dann wenigstens im sowjetisch besetzten Teil. In der Frage der Reparationen b\u00fcndelten sich die Gegens\u00e4tze. W\u00e4hrend Stalin, um die kriegszerst\u00f6rte Sowjetunion aufzubauen, die Erf\u00fcllung der im Potsdamer Abkommen vereinbarten Reparationsverpflichtungen verlangte, die zu Lasten des angestrebten b\u00fcrgerlich-demokratischen Gesamtdeutschland gegangen w\u00e4ren, lehnte Shdanow &#8222;die Demontagepolitik ab und favorisierte statt dessen eine rasche Umgestaltung der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands nach sowjetischem Vorbild.&#8220; [26]<\/p>\n<p>So trug die sowjetische Deutschlandpolitik in den entscheidenden Jahren ambivalenten Charakter, verk\u00f6rpert in zwei M\u00e4nnern, Tulpanow und Semjonow, von denen der eine die Ziele der sowjetischen <i>Partei<\/i> (und des Milit\u00e4rs) und der andere die der Sowjet<i>regierung<\/i> verfocht. Tulpanow, Propagandachef der Sowjetischen Milit\u00e4radministration (SMAD; ab 1949 Sowjetische Kontrollkommission = SKK), war gleichzeitig Leiter des Parteiaktivs, d.h. der Organisation der KPdSU-Mitglieder im Verwaltungsapparat der SMAD. Als Mann Shdanows [27] nach den Leningrader S\u00e4uberungen 1949 abberufen, verschwand zwar seine Person, aber nicht die von ihm verk\u00f6rperte Politik. Sein Gegenspieler war Semjonow, als politischer Berater der SMAD\/SKK oberster Repr\u00e4sentant der Sowjetregierung und ab Ende Mai 1953 sowjetischer &#8222;Hoher Kommissar&#8220; (Botschafter) in der DDR. Er vertrat stets die offizielle Regierungspolitik &#8211; zun\u00e4chst Stalins und dann seiner Nachfolger. [28]<\/p>\n<p>Die unterschiedlichen Bestrebungen trafen auf eine kommunistische Bewegung in Deutschland, die aufgrund ihrer Vergangenheit und Politik in bestimmter Richtung vorgepr\u00e4gt war.<\/p>\n<\/div>\n<div align=\"right\">\n<p><a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=583&amp;preview=true\">[Weiter]<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als 1989\/90 zuerst die DDR und 1991 die UdSSR unterging, schien das &#8222;Ende der Geschichte&#8220; erreicht. Da es die Arbeitermassen waren, die im November 1989 die DDR zu Fall brachten und 1991 die Union der Sowjetrepubliken nicht verteidigten, hatte Geschichte als Geschichte von Klassenk\u00e4mpfen anscheinend ausgedient. Aber der Triumph des Kapitals w\u00e4hrte nicht lange. 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