{"id":552,"date":"2016-09-14T14:45:32","date_gmt":"2016-09-14T12:45:32","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=552"},"modified":"2016-09-14T14:45:32","modified_gmt":"2016-09-14T12:45:32","slug":"kriegstreiber-am-golf","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=552","title":{"rendered":"Kriegstreiber am Golf"},"content":{"rendered":"<p>Der folgende Artikel ist in verk\u00fcrzter und teils von der junge-Welt-Redaktion ver\u00e4nderter Fassung zum ersten Mal erschienen in: junge Welt Nr. 263 vom 13. November 2007.<\/p>\n<div>\n<hr \/>\n<h5>Von Heiner Karuscheit<\/h5>\n<h2>Die Umgruppierung der M\u00e4chte im Vorfeld eines m\u00f6glichen Irankriegs<\/h2>\n<p>(26. Oktober 2007) Die Warnung des amerikanischen Pr\u00e4sidenten Bush vor einem Dritten Weltkrieg und seine Versicherung, er wolle das iranische Nuklearproblem vor Ende seiner Amtszeit l\u00f6sen, lassen einen Krieg Washingtons gegen Teheran n\u00e4her r\u00fccken. Dessen Gefahr, die damit verbundenen Ziele und die internationalen Implikationen sind das Resultat des Irakkriegs von 2003.<\/p>\n<h2>Nicht erreichte politische Zwecke<\/h2>\n<p>Die politischen Zwecke, welche die Cheney-Bush-Administration mit dem Irakkrieg verfolgte, sind im Wesentlichen verfehlt worden. Zwar hat der milit\u00e4rische Sturz Saddam Husseins den drohenden Aufstieg des Irak zur arabischen Hegemonialmacht verhindert und die damit verbundene Gefahr einer nichtamerikanischen Kontrolle der \u00d6lressourcen beseitigt. Aber es ist nicht gelungen, ein stabiles, US-h\u00f6riges Regime als St\u00fctzpunkt am Golf zu etablieren. Der Irak steht in der Gefahr des Zerfalls, der bewaffnete Widerstandskampf der irakischen Milizen zerm\u00fcrbt das amerikanische Heer, und die ungest\u00f6rte Ausbeutung des irakischen \u00d6ls, dessen Nutzung u. a. den \u00d6lpreis niedrig halten sollte, liegt angesichts fortdauernder Anschl\u00e4ge auf die Pipelines in weiter Ferne. Nach den j\u00fcngsten Worten des zeitweisen Oberkommandierenden der Koalitionsstreitkr\u00e4fte, des US-Generals Ricardo Sanchez, ist die Situation im Irak ein &#8222;Alptraum&#8220; ohne absehbares Ende.<\/p>\n<p>Auf der Kippe steht damit die gesamte Stellung der USA im Nahen Osten, der mit seinen Energiereserven die Schl\u00fcsselregion der gegenw\u00e4rtigen Weltpolitik ist. Hier laufen die internationalen Kraftlinien zusammen und wird die globale Machtverteilung auf viele Jahre hinaus festgelegt. Um in dieser Region angesichts der instabilen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen die amerikanische Oberhoheit zu fundieren, verfolgte die Cheney-Bush-Regierung eine Transformationspolitik, die vom Irak ausgehend die im Kern vermoderten, durch und durch korrumpierten arabischen Regimes von Saudi-Arabien bis \u00c4gypten zun\u00e4chst destabilisieren und sodann durch moderne, langfristig mit den USA verb\u00fcndete b\u00fcrgerliche Staatsgewalten ersetzen sollte, gem\u00e4\u00df dem Motto &#8222;aus dem Chaos die Ordnung&#8220;. Das war der Kern der &#8222;Freiheits-&#8220; und &#8222;Demokratisierungs&#8220;-Agenda, die von den republikanischen Sendungspolitikern im Wei\u00dfen Haus propagiert wurde.<\/p>\n<p>Zusammen mit dem Irakkrieg ist diese Strategie komplett fehlgeschlagen. Die Wahlerfolge der Hamas in Pal\u00e4stina und der Muslimbr\u00fcder in \u00c4gypten haben demonstriert, was &#8222;Demokratisierung&#8220; gegenw\u00e4rtig bedeutet, n\u00e4mlich den Vormarsch islamischer Massenbewegungen, die bei aller Unterschiedlichkeit in den verschiedenen L\u00e4ndern durch eines geeint sind &#8211; die Gegnerschaft gegen die USA.<\/p>\n<p>Insbesondere gelang es nicht, den Iran gef\u00fcgig zu machen. Indem die US-Truppen den Irak ausschalteten, bef\u00f6rderten sie im Gegenteil dessen hegemonialen Aufstieg am Golf. Dieser Gegner ist aber nicht nur bev\u00f6lkerungsreicher und milit\u00e4risch besser ger\u00fcstet als der Irak Saddam Husseins, sondern kann auch auf verb\u00fcndete Milizen wie die Hizbullah im Libanon und die Badr-Brigaden im Irak zur\u00fcckgreifen. Au\u00dferdem gab die Israel freundliche Politik Washingtons ihm die Gelegenheit, durch das Ausspielen der antiisraelischen Karte den traditionellen persisch-arabischen Gegensatz (der ihn eigentlich zu einem m\u00f6glichen Verb\u00fcndeten Israels macht) zu \u00fcberbr\u00fccken und die arabische &#8222;Stra\u00dfe&#8220; auf seine Seite zu ziehen.<\/p>\n<h2>Vor einem weltpolitischen Waterloo<\/h2>\n<p>Geschw\u00e4cht durch das irakische Desaster haben die Vereinigten Staaten in einer weiteren strategisch und energiepolitisch bedeutsamen Region des &#8222;eurasischen Schachbretts&#8220;, am Kaspischen Meer, einen empfindlichen R\u00fcckschlag hinnehmen m\u00fcssen. Nach Aufl\u00f6sung der Sowjetunion konnten sie insbesondere in Turkmenistan und Aserbeidschan Fu\u00df fassen, von hier aus den Afghanistankrieg f\u00fchren und daran gehen, die Kontrolle \u00fcber die \u00d6l- und Erdgasproduktion zu gewinnen, womit vor allem Europa und China in Abh\u00e4ngigkeit zu halten waren.<\/p>\n<p>Die am 16. Oktober 2007 auf ihrem Teheraner Gipfeltreffen von den kaspischen Staaten Aserbeidschan, Kasachstan, Turkmenistan, Russland und Iran verabschiedete Vereinbarung zeigt, dass von diesem Einfluss so gut wie nichts \u00fcbrig geblieben ist. In einer selten deutlichen Wendung gegen die amerikanischen Kriegspl\u00e4ne erkl\u00e4rten die Regierungen, dass sie einem Drittstaat &#8222;unter keinen Umst\u00e4nden&#8220; erlauben werden, &#8222;unsere Gebiete f\u00fcr einen Angriff oder eine andere milit\u00e4rische Aktion gegen einen der Mitgliedstaaten zu nutzen&#8220;, und verteidigten in Unterst\u00fctzung des iranischen Atomprogramms &#8222;das Recht aller Unterzeichner des Atomwaffensperrvertrags auf friedliche Nutzung der Kernenergie&#8220; &#8211; ein weiterer Affront gegen die USA.<\/p>\n<p>Dazu kommt die wachsende Entfremdung der T\u00fcrkei, die als Vorposten der NATO unverzichtbar f\u00fcr milit\u00e4rische Eins\u00e4tze in Asien ist, sich aufgrund der kurdischen Frage aber immer weiter von dem gro\u00dfen Verb\u00fcndeten entfernt.<\/p>\n<h2>Ein zweifelhafter Erfolg: der Kurswechsel Frankreichs<\/h2>\n<p>Nur in Europa hat sich Washingtons Stellung durch einen Kurswechsel Frankreichs verbessert. Die Kriegsdrohung des neuen Staatspr\u00e4sidenten Sarkozy gegen Teheran, der Vorwurf, Russland nutze seine Tr\u00fcmpfe im Energiesektor &#8222;mit Brutalit\u00e4t&#8220; zur R\u00fcckkehr auf die internationale B\u00fchne und erschwere die L\u00f6sung gro\u00dfer weltpolitischer Probleme, die Zustimmung zu den Raketenstationierungspl\u00e4nen der USA in Osteuropa &#8211; all das demonstriert den \u00dcbertritt Frankreichs aus dem Lager des &#8222;alten&#8220;, mit Russland verb\u00fcndeten Europas in das Lager des &#8222;neuen&#8220;, US-nahen Europas.<\/p>\n<p>Aber was ist der Hintergrund dieses Schwenks? Die Teilnahme Frankreichs an der russisch-deutsch-franz\u00f6sischen Achse von 2003 richtete sich gegen die mit dem Irak-Krieg verfolgten &#8222;unipolaren&#8220; Ambitionen Washingtons. In diesem Zweckb\u00fcndnis spielte die &#8222;grande Nation&#8220; jedoch nur die dritte Geige, w\u00e4hrend Deutschland durch das Zusammengehen mit Russland neue Spielr\u00e4ume gewann. Dies war f\u00fcr Paris dauerhaft nicht hinzunehmen, ist doch die Wahrung des Vorrangs vor Deutschland Gesetz der franz\u00f6sischen Au\u00dfenpolitik.<\/p>\n<p>Weil die Vereinigten Staaten mittlerweile nicht mehr die siegesgewisse Supermacht von 2003 sind, sondern einem angeschlagenen Boxchampion gleichen, konnte Paris leichten Herzens einen Partnerwechsel vollziehen. Ob seine Zukunft allerdings an der Seite der USA besser aufgehoben ist als an der Seite Russlands und Deutschlands, sei dahingestellt.<\/p>\n<h2>Die Notwendigkeit des Kriegs gegen Teheran<\/h2>\n<p>Der Fortsetzung des Niedergangs kann Washington nur begegnen, wenn es das irakische Debakel durch eine siegreiche Schlacht gegen Teheran ausb\u00fcgelt, um so das urspr\u00fcngliche Ziel einer langfristigen Sicherung der nah\u00f6stlichen Hegemonie doch noch zu erreichen.<\/p>\n<p>Theoretisch k\u00f6nnte man auch die seit Jahren verfolgte Konfrontationspolitik aufgeben, die Beziehungen normalisieren, die Wirtschaftssanktionen aufheben, dem Iran eine Nichtangriffsgarantie geben und ihn in eine regionale Sicherheitsorganisation einbinden. Auf diesem Weg w\u00fcrde es voraussichtlich \u00fcber kurz oder lang zur Abl\u00f6sung des klerikalen Regimes kommen, dessen R\u00fcckhalt in der Bev\u00f6lkerung nicht grenzenlos ist und das durch den \u00e4u\u00dferen Druck eher stabilisiert als destabilisiert wird. Durch eine Nichtangriffsgarantie w\u00e4re auch das Atomprogramm zu entsch\u00e4rfen, gleich ob es nun tats\u00e4chlich der Nuklearr\u00fcstung dient oder dies lediglich behauptet wird, um einen Kriegsgrund zu fingieren.<\/p>\n<p>Aber welche politischen Kr\u00e4fte auch immer in Teheran an die Macht kommen &#8211; nach dem Sturz Mossadeghs durch die CIA 1953 und der gegen die USA durchgek\u00e4mpften islamischen Revolution von 1979 wird keine iranische Regierung je wieder wie das Schahregime zum Vasallen der USA am Golf werden. Deshalb w\u00fcrde Washington durch den Wechsel zu einer Kooperationspolitik nichts gewinnen, sondern viel verlieren, denn ein friedlich prosperierender Iran w\u00fcrde seine Position am Golf weiter st\u00e4rken, und einem Angriff w\u00e4re jegliche Legitimationsgrundlage entzogen.<\/p>\n<p>Daraus resultiert das Grunddilemma der Vereinigten Staaten: sie m\u00fcssen entweder den Iran milit\u00e4risch niederwerfen &#8211; oder das Ringen um Hegemonie am Golf verloren geben. Zu einem Eingest\u00e4ndnis der Niederlage ist gegenw\u00e4rtig jedoch keine Washingtoner Regierung bereit, welche Partei auch immer den Pr\u00e4sidenten stellt. Die Kriegspartei hat nicht nur bei den &#8222;Republikanern&#8220; Oberhand, sondern auch bei den &#8222;Demokraten&#8220;, deren prominenteste Pr\u00e4sidentschaftsbewerber Clinton, Obama und Edwards bereits ihre Zustimmung zu einem Milit\u00e4rschlag bekundet haben.<\/p>\n<h2>Der gescheiterte Vorkrieg im Libanon<\/h2>\n<p>Der Libanonkrieg vom Juli\/August 2006 zwischen Israel und der Hizbullah war der vorerst letzte Schritt auf dem Kriegskurs Richtung Teheran. Gef\u00fchrt mit R\u00fcckendeckung, wenn nicht gar auf Initiative der Vereinigten Staaten (die israelische Armee war schlecht vorbereitet), diente als \u00e4u\u00dferer Anlass neben der Beschie\u00dfung Nordisraels mit Katjuscha-Raketen die Gefangennahme zweier israelischer Soldaten durch die schiitische Miliz. Politisches Ziel des Kriegs war die Eliminierung des syrisch-iranischen Einflusses durch Zerschlagung der Hizbullah und die Umwandlung des Libanon in ein amerikanisch-israelisches Protektorat. Die Bombardierung der Wohnviertel sollte die Bev\u00f6lkerung gegen die daf\u00fcr verantwortlich gemachte Hizbullah aufbringen, dadurch einen &#8222;Regimewechsel&#8220; herbeif\u00fchren und insoweit als Testfall f\u00fcr das Vorgehen gegen den Iran dienen.<\/p>\n<p>Jedoch scheiterte dieser Erprobungskrieg ebenso wie der Irakkrieg, denn es wurde nicht eines der gesteckten Ziele erreicht. Milit\u00e4risch musste die israelische Armee empfindliche Verluste hinnehmen; insbesondere wurden die bis dahin f\u00fcr unverwundbar gehaltenen Panzer in gr\u00f6\u00dferer Zahl abgeschossen. Statt einen Stimmungsumschwung gegen die Hizbullah herbei zu bomben, bewirkte der Terror aus der Luft eine Solidarisierung weit \u00fcber den schiitischen Bev\u00f6lkerungsteil hinaus und zog wegen seiner V\u00f6lkerrechtswidrigkeit wachsende internationale Kritik auf sich. Als die Kampfhandlungen eingestellt wurden, hatte Israel nicht einmal die als Kriegsgrund vorgegebene Befreiung der gefangenen Soldaten erreicht.<\/p>\n<h2>Ein stillschweigender B\u00fcndniswechsel<\/h2>\n<p>W\u00e4re die Generalprobe im Libanon erfolgreich gewesen, h\u00e4tte der Angriff auf Teheran m\u00f6glicherweise schon lange stattgefunden. So aber musste zun\u00e4chst eine neue Strategie ausgearbeitet werden, um das unver\u00e4nderte Ziel zu erreichen. Sichtbar wurden die Ver\u00e4nderungen durch die Aufstockung der Besatzungstruppen im Irak zum Jahresanfang 2007. Im Zusammenhang damit nahm die US-Administration stillschweigend eine politische Umorientierung vor, die das Verh\u00e4ltnis sowohl zu den innerirakischen Kr\u00e4ften als auch zu den arabischen L\u00e4ndern und zum Nahostproblem grundlegend \u00e4nderte.<\/p>\n<p>Innerhalb des Iraks erfolgte ein B\u00fcndniswechsel von den Schiiten (genauer: von den schiitischen Kr\u00e4ften, die gemeinsame Sache mit den USA machten) zu den Sunniten, die die St\u00fctze des Saddam-Hussein-Regimes gewesen waren. Durch Verhandlungen mit den sunnitischen St\u00e4mmen, Geld und Waffenlieferungen ging die US-Armee daran, bewaffnete sunnitische Einheiten in St\u00e4rke von wenigstens 50.000 Mann aufzubauen, die an ihrer Seite k\u00e4mpfen und zu denen auch Angeh\u00f6rige der ehemaligen Sondereinheiten des Baath-Regimes geh\u00f6ren. Diese Hilfstruppen wurden mittlerweile bereits in Bagdad gegen die schiitische Mahdi-Armee eingesetzt.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber den Regimes in Saudi-Arabien, \u00c4gypten, Jordanien und den Golfscheicht\u00fcmern beendete man die Transformations- und Demokratisierungspolitik, auf deren Basis die US-Au\u00dfenministerin Condoleeza Rice noch im Juni 2005 in Kairo die \u00e4gyptische Regierung \u00f6ffentlich aufgefordert hatte, freie Wahlen zuzulassen, die internationalen Standards gen\u00fcgten. Stattdessen ist man heute bem\u00fcht, die zuvor als anachronistisch und undemokratisch kritisierten Staaten zu stabilisieren, mit Waffen im Wert von \u00fcber 70 Milliarden Dollar aufzur\u00fcsten, und sie in eine antiiranische Koalition einzubinden. Unter anderem sind in den meisten L\u00e4ndern Patriot-Systeme stationiert worden, die den bef\u00fcrchteten gegnerischen Raketenschlag nach einem Angriff auf Teheran neutralisieren sollen.<\/p>\n<p>In einer weiteren Volte macht die US-Diplomatie sich jetzt an eine Regelung des israelisch-pal\u00e4stinensischen Konflikts. Jahrelang war das Nahostproblem auf Eis gelegt worden, da nicht das Fehlen eines pal\u00e4stinensischen Staates, sondern die fehlende Demokratie als Kernproblem der Region verstanden wurde. Der Nahostkonflikt, so die Planung, sollte erst gel\u00f6st werden, nachdem die Umgestaltung der Golfregion im Sinne Washingtons gelungen war. So lange propagierte man Israel als demokratisches Vorbild &#8211; und gab in der politischen Realit\u00e4t seinen Siedlungsprogrammen freie Hand.<\/p>\n<p>Die f\u00fcr Ende November in Annapolis geplante Nahostkonferenz soll nunmehr den Konflikt l\u00f6sen, der auf Basis der neuen Politik als Haupthindernis f\u00fcr die Einbindung der arabischen Staaten in die Kriegsfront gegen den Iran gilt. Das setzt allerdings voraus, dass Israel bereit ist, sich auf verbindliche Regelungen einzulassen, die ein Ende der Siedlungspolitik bedeuten w\u00fcrden.<\/p>\n<h2>Der Preis des Verrats<\/h2>\n<p>Um ihren neuen sunnitischen Verb\u00fcndeten im Irak mehr Einfluss zu verschaffen, versuchten die Diplomaten des Wei\u00dfen Hauses in den letzten Monaten, den schiitischen Ministerpr\u00e4sidenten al-Maliki zu st\u00fcrzen und eine neue Regierung zu bilden. Bislang ist dieses Vorhaben gescheitert, da sie in dem schiitisch dominierten Parlament keine Mehrheiten finden und es sich nicht leisten k\u00f6nnen, das Parlament aufzul\u00f6sen, ohne vollends unglaubw\u00fcrdig zu werden. Im Zuge der neuen Politik haben die USA auch aufgeh\u00f6rt, der Maliki-Regierung weitere Waffen f\u00fcr die Ausr\u00fcstung der Polizei und Armee zu liefern &#8211; mit der Konsequenz, dass die Regierung f\u00fcr 100 Millionen Dollar Waffen in China kaufte.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem vereinbarten die einflussreichsten schiitischen Gruppierungen unter F\u00fchrung von Abdulaziz Hakim (Sciri, Badr-Brigaden) und Muqtada al-Sadr (Bewegung der Sadristen, Mahdi-Armee) Anfang Oktober als Antwort auf den amerikanischen B\u00fcndnisschwenk einen &#8222;Ehrenpakt&#8220;, der die Einstellung aller gegenseitigen Angriffe vorsieht. Schon zuvor war al-Sadr durch eine so genannte &#8222;Suspendierung&#8220; gegen die Teile der von ihm gef\u00fchrten Mahdi-Armee vorgegangen, die sich haupts\u00e4chlich dem Kampf gegen die konkurrierenden schiitischen Kr\u00e4fte verschrieben hatten.<\/p>\n<p>Unter diesen Bedingungen erkl\u00e4rt sich der R\u00fcckgang der Gewalt relativ einfach. Die Angriffe auf US-Soldaten haben nachgelassen, weil ein Teil der sunnitischen Aufst\u00e4ndischen auf die Seite der Besatzer \u00fcbergetreten ist, und die Anschl\u00e4ge auf Iraker sind zur\u00fcck gegangen, weil der Waffenstillstand zwischen den schiitischen Milizen wirkt. Insoweit hat zwar nicht die Truppenverst\u00e4rkung als solche, aber der damit einher gehende B\u00fcndniswechsel Fr\u00fcchte getragen. Ob dieser Erfolg allerdings dauerhaft ist oder nicht vielmehr die Basis f\u00fcr ganz andere Gewaltausbr\u00fcche legt, wird sich zeigen. Die Stille k\u00f6nnte sich auch als Ruhe vor dem Sturm entpuppen, der sp\u00e4testens beim Angriff auf Teheran losbrechen wird.<\/p>\n<h2>Ein sp\u00e4ter Sieg Brzezinskis und der &#8222;Demokraten&#8220;<\/h2>\n<p>Die politischen Zwecke des nahenden Kriegs werden durch die unzureichenden milit\u00e4rischen Mittel eingegrenzt. Nach Einsch\u00e4tzung des eingangs zitierten Generals Sanchez ben\u00f6tigt das amerikanische Heer mindestens zehn Jahre, um sich von dem irakischen Desaster zu erholen. Der Krieg muss also aus der Luft gef\u00fchrt werden, unterst\u00fctzt durch einzelne Kommandounternehmen zu Land.<\/p>\n<p>Da nach den Erfahrungen des Libanonkriegs auszuschlie\u00dfen ist, dass die Bombardierung der Zivilbev\u00f6lkerung einen Regimewechsel herbeif\u00fchrt (was die Cheney-Bush-Regierung nicht davon abhalten wird, je nach Verlauf der Dinge dennoch zu diesem Mittel zu greifen), kann das Ziel realistischer Weise nur sein, den Gegner durch Zerschlagung seiner milit\u00e4rischen F\u00e4higkeiten, industrieller Schl\u00fcsselanlagen und der Infrastruktur so zu schw\u00e4chen, dass er auf absehbare Zeit keine Herausforderung mehr darstellt.<\/p>\n<p>Auf diese Weise wird eine neue Balance hergestellt zwischen den aufger\u00fcsteten arabischen L\u00e4ndern einerseits und einem geschw\u00e4chten Iran andererseits, mit Washington als dem Garanten des Gleichgewichts und Hegemon des Golfs im Zentrum. Das bedeutet die R\u00fcckkehr zu der von Brzezinski verfochtenen Strategie. In seinem Buch \u00fcber &#8222;Die einzige Weltmacht &#8211; Amerikas Strategie der Vorherrschaft&#8220; hatte Brzezinski f\u00fcr eine globale Gleichgewichtspolitik pl\u00e4diert, die m\u00f6gliche Herausforderer der amerikanischen Weltmacht mit den Mitteln der Politik gegeneinander austarieren sollte; der Einsatz von Gewalt sollte erst erfolgen, wenn eine bedrohte Regionalbalance sonst nicht wieder herzustellen und die US-Hegemonie gef\u00e4hrdet war.<\/p>\n<p>Diesen &#8222;realistischen&#8220; Politikansatz ersetzten die neokonservativen &#8222;Revolution\u00e4re&#8220; im Wei\u00dfen Haus durch eine Politik der offensiven Herrschaftssicherung durch den fr\u00fchzeitigen Einsatz milit\u00e4rischer Mittel. Wenn jetzt der Krieg gegen den Iran gef\u00fchrt werden sollte, will es die Ironie der Geschichte, dass er zwar von einem republikanischen Pr\u00e4sidenten kommandiert wird, aber als &#8222;Gleichgewichtskrieg&#8220; ein Krieg der demokratischen Partei sein wird.<\/p>\n<h2>Die Realit\u00e4t der Kriegsgefahr<\/h2>\n<p>Zwei Tage nach der Teheraner Erkl\u00e4rung der kaspischen Staaten, am 18. Oktober, warnte der US-Pr\u00e4sident vor der Gefahr eines Dritten Weltkriegs aufgrund des iranischen Nuklearprogramms. Offiziell richtete sich die Bemerkung gegen Teheran, der eigentliche Adressat war aber Moskau. Die USA wollen am Golf nur einen regional begrenzten Krieg f\u00fchren und haben kein Interesse an der Ausweitung zu einem weltweiten Konflikt. Das sollte Russland von Bush bedeutet werden, und aus demselben Grund wird Washington wahrscheinlich in der n\u00e4chsten Zeit versuchen, Moskaus Zur\u00fcckhaltung durch Zugest\u00e4ndnisse an anderer Stelle zu erkaufen.<\/p>\n<p>Wenn es so weit ist, k\u00f6nnte der Waffengang mit einem israelischen Schlag gegen die iranischen Nuklearanlagen beginnen, damit nach dem zu erwartenden Gegenschlag die US-Armee eingreifen kann, um den Iran in dem gew\u00fcnschten Umfang zu zerst\u00f6ren. Denkbar ist auch, dass Israel wie im zweiten Golfkrieg 1991 nicht an dem Krieg beteiligt wird, um keinen Aufstand der arabischen Massen zu riskieren, und die USA alleine oder gemeinsam mit Frankreich und Gro\u00dfbritannien vorgehen.<\/p>\n<p>Vielleicht halten wirtschaftliche Erw\u00e4gungen den Angriff noch auf, denn die absehbare Explosion des \u00d6lpreises wird vor allem die Vereinigten Staaten treffen, die wegen ihres h\u00f6heren Energieverbrauchs mehr als andere entwickelte L\u00e4nder auf billige Energiezufuhr angewiesen sind. Angesichts der zus\u00e4tzlichen Gefahren, die von ihrer riesigen Auslandsschuld ausgehen, ist schlie\u00dflich auch ein Zusammenbruch der gesamten \u00d6konomie denkbar. Vielleicht treten auch internationale Ereignisse dazwischen, die gegenw\u00e4rtig noch unabsehbar sind, wie z. B. ein Umsturz in Pakistan oder eine islamische Revolution in einem arabischen Staat. Nach dem Gang der bisherigen Entwicklung wird der Krieg allerdings immer wahrscheinlicher.<\/p>\n<\/div>\n<div align=\"right\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"> Letzte \u00c4nderung: 21.03.2016 <\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Artikel ist in verk\u00fcrzter und teils von der junge-Welt-Redaktion ver\u00e4nderter Fassung zum ersten Mal erschienen in: junge Welt Nr. 263 vom 13. November 2007. Von Heiner Karuscheit Die Umgruppierung der M\u00e4chte im Vorfeld eines m\u00f6glichen Irankriegs (26. 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