{"id":531,"date":"2016-09-14T14:22:22","date_gmt":"2016-09-14T12:22:22","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=531"},"modified":"2016-09-14T14:22:22","modified_gmt":"2016-09-14T12:22:22","slug":"ueber-stalin-und-den-stalinismus-eine-antwort-auf-wagners-kritik","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=531","title":{"rendered":"\u00dcber Stalin und den Stalinismus &#8211; Eine Antwort auf Wagners Kritik"},"content":{"rendered":"<h5>Von Heiner Karuscheit<\/h5>\n<div>\n<h1>Vorbemerkung<\/h1>\n<p>Der grundlegende Ansatz unseres Kreises zur Kl\u00e4rung geschichtlicher Fragen bestand bislang darin, die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse zu untersuchen, um auf dieser Basis die Klassen, ihr konkretes Gesicht, ihre Entwicklung und ihr Aufeinanderwirken \u2013 mit einem Wort: die Klassenkr\u00e4fte \u2013 zu begreifen, die ein bestimmtes politisches Verhalten hervorrufen. Dieses Herangehen haben wir sowohl gegen\u00fcber Deutschland und der deutschen Arbeiterbewegung als auch gegen\u00fcber der Entwicklung der Oktoberrevolution praktiziert und, so m\u00f6chte ich behaupten, wichtige neue Erkenntnisse gewonnen. So ergab sich, dass der Niedergang der Sowjetunion so wenig durch den &#8222;Verrat&#8220; Chruschtschows verursacht war wie das Scheitern der Novemberrevolution durch den Verrat der Sozialdemokratie, sondern bestimmte Klassenkonstellationen, die von den damaligen Marxisten nicht oder unzureichend begriffen wurden, zu der jeweiligen Politik f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber diesem Vorgehen ist Wagners Kritik ein R\u00fcckschritt. Fr\u00fcher ein Bewunderer Stalins, emp\u00f6rt er sich heute \u00fcber das in dem Buch &#8222;Von der Oktoberrevolution zum Bauernsozialismus&#8220; aus der Entwicklung der Verh\u00e4ltnisse gezogene Fazit, dass die Stalinsche Politik barbarische Z\u00fcge trug, aber nichtsdestotrotz die Grundlagen des Sozialismus legte. Diese Aussage verdammt er als &#8222;zynische Verharmlosung der Verbrechen der KPdSU&#8220; und vertritt als politischen Kernpunkt seiner Kritik: &#8222;Ich meine, die Politik Stalins ab 1928 war der wesentliche Grund f\u00fcr das Scheitern des Sozialismus in der UdSSR. (&#8230;) Ich meine, die &#8218;barbarischen&#8216; Z\u00fcge des politischen Systems der Sowjetunion hingen mit dem Akkumulationsmodell zusammen. Die Kollektivierung der Landwirtschaft f\u00fchrte in den B\u00fcrgerkrieg und konnte nur mit Terror und &#8218;Kulakenvernichtung&#8216; durchgef\u00fchrt werden.&#8220;<\/p>\n<p>Mit dieser &#8222;Meinung&#8220; reiht er sich in die Reihe der vielen Kritiker ein, die den S\u00fcndenfall der Bolschewisten im Abbruch der 1921 begonnenen Neuen \u00d6konomischen Politik (N\u00d6P bzw. russisch NEP) und in dem damit verkn\u00fcpften &#8222;Gro\u00dfen Sprung&#8220; der Kollektivierung und Industrialisierung sehen. So wenig wie diese Kritiker entwickelt er aber, wieso die Klassenkonstellation am Ausgang der 20er Jahre die Fortf\u00fchrung der NEP auch in den 30er Jahren tragen konnte.<\/p>\n<h2>I. Soziale Umw\u00e4lzungen<\/h2>\n<p>Wagner schreibt zwar, dass seine Ausf\u00fchrungen sich neben dem Terror der 30er Jahre &#8222;auf die Kollektivierung der Landwirtschaft konzentrieren&#8220;, und bezieht sich auf ganze &#8222;Berge&#8220; an neuer Literatur. Was diese Literatur jedoch zu der angesprochenen Schl\u00fcsselfrage hergibt, welche die<i> Basis seiner gesamten Ausf\u00fchrungen<\/i> bildet, erfahren wir von ihm nicht. Mit keinem Satz begr\u00fcndet er, warum die NEP 1928\/29 <i>nicht<\/i> am Ende war, sondern weiterhin die Grundlage der Wirtschaftsbeziehungen und Gesellschaftsordnung in der Sowjetunion bilden sollte.<\/p>\n<h3>1. Die t\u00f6nernen F\u00fc\u00dfe der NEP<\/h3>\n<p>In den letzten Jahren ist die Debatte \u00fcber die NEP vor allem in Russland gef\u00fchrt worden. Den Ansto\u00df daf\u00fcr gab die Regierungszeit Gorbatschows, als dar\u00fcber gestritten wurde, ob es eine historische Alternative zur Stalinschen Politik gab. Die meisten Teilnehmer betrachteten seinerzeit den &#8222;gro\u00dfen Sprung&#8220; vom Ausgang der 20er Jahre als S\u00fcndenfall des Stalinismus, so wie Wagner das ebenfalls tut. Damals (1987\/88) vertrat der Publizist I.\u00a0Kljamkin entgegen der Mehrheitsmeinung die Auffassung, &#8222;dass die NEP unausweichlich scheitern und Stalins Weg zum Sozialismus beschritten werden musste, da der Mechanismus der Neuen \u00d6konomischen Politik die f\u00fcr die Industrialisierung notwendigen Investitionsmittel nicht habe abwerfen k\u00f6nnen (&#8230;) Als noch die Mehrzahl der sowjetrussischen Intellektuellen von den zwanziger Jahren und der Bucharinschen Alternative schw\u00e4rmte, fand Kljamkin keine Zustimmung. In den neunziger Jahren <i>wurde seine Einsch\u00e4tzung von den Wirtschaftshistorikern best\u00e4tigt<\/i>.&#8220; (Joachim H\u00f6sler, Sowjetische und russische Interpretationen des Stalinismus; in: Plaggenborg (Hg.): Stalinismus. Neue Forschungen und Konzepte, Berlin-Verlag 1998, S.\u00a061; Hervorhebung von mir; H.\u00a0K.). Was der Historiker H\u00f6sler \u00fcber den gegenw\u00e4rtigen Diskussionsstand der Wirtschaftshistoriker in Russland berichtet, sollte einem zumindest zu denken geben, wenn man sich auf die neue Literatur beruft.<\/p>\n<p>Richtet man den Blick von den \u00f6konomischen Zahlen auf die sozialen Widerspr\u00fcche, dann wird vollends deutlich, dass die Akzeptanz der NEP am Ausgang der 20er Jahre zu Ende ging. Mit jedem NEP-Jahr str\u00f6mten mehr Bauern, die auf ihrem Acker kein Auskommen fanden, in die St\u00e4dte und vergr\u00f6\u00dferten dort die Zahl der Arbeitslosen, weil es nicht genug Arbeitspl\u00e4tze in der Industrie gab. In den Gro\u00dfst\u00e4dten bl\u00fchten Prostitution, Bettelei und Alkoholismus. Alle Erscheinungen des Zerfalls einer Agrargesellschaft, die mit der Industrialisierung einhergehen und aktuell am Beispiel Chinas zu studieren sind, machten sich bemerkbar &#8211; mit dem Unterschied, dass die russische Arbeiterklasse erst ein Jahrzehnt zuvor Revolution und B\u00fcrgerkrieg siegreich bestanden hatte und nicht bereit war, diese Entwicklung tatenlos hinzunehmen. Nach der Getreidekrise des Jahres 1928, als die Lebensmittel rationiert werden mussten, obwohl die Getreideernte gut ausgefallen war, ging die Geduld der Arbeiter zu Ende.<\/p>\n<p>Warum wohl verteidigte Stalin noch bis in das Jahr 1928 hinein die NEP und bezeichnete das Gerede von ihrem bevorstehenden Ende als &#8222;konterrevolution\u00e4res Geschw\u00e4tz&#8220; (Stalin: Die ersten Ergebnisse der Beschaffungskampagne und die weiteren Aufgaben der NEP, Februar 1928; in: SW 11, S.\u00a014)? Pl\u00e4dierte er als &#8222;advocatus diaboli&#8220; gegen seine eigene \u00dcberzeugung, um Bucharin als Hauptvertreter der NEP in die Falle zu locken? Oder warum schlugen die Mehrheiten im ZK von 1928 auf 1929 um, nachdem dasselbe ZK noch im Sommer 1928 die Erh\u00f6hung der Ankaufpreise f\u00fcr Getreide beschlossen hatte? Organisierte Stalin die Getreidekrise vielleicht selber, um die Stimmung gegen die NEP anzuheizen? Wurden die ZK-Mitglieder von Stalin mit Hilfe der Geheimpolizei unter Druck gesetzt, damit sie die Kollektivierung beschlossen und Bucharin als &#8222;Rechten&#8220; verurteilten? Alle diese Erkl\u00e4rungen und noch weitere Verschw\u00f6rungstheorien finden sich in g\u00e4ngigen Publikationen \u00fcber den Stalinismus, weil man nicht wahrhaben will, dass die NEP Ende der 20er Jahre am Ende war.<\/p>\n<h3>2. Ein neuer Aufbruch<\/h3>\n<p>Die Revolution von 1929\/30 wurde so wenig wie irgendeine Revolution &#8222;gemacht&#8220;, weil das Politb\u00fcro es so beschlossen hatte, sondern weil die Arbeiterklasse nicht mehr so weitermachen wollte wie bisher. Die &#8222;zweite Revolution&#8220; war ein neuer revolution\u00e4rer Aufbruch der Massen, mit all den Risiken und Friktionen einer Revolution. H\u00e4tte Stalin sich nicht an die Spitze gesetzt, h\u00e4tte ein anderer dies getan. Zwar wurde die Modernisierung &#8222;von oben&#8220;, durch den Staat, organisiert, aber getragen wurde sie &#8222;von unten&#8220;. &#8222;Fragt man nach dem R\u00fcckhalt der stalinistischen Herrschaft in der sowjetischen Gesellschaft, f\u00fchrt kein Weg an der Arbeiterschaft vorbei. Sie war es, die durch ihre Unterst\u00fctzung oder zumindest Duldung des Regimes dessen Etablierung und Fortbestehen m\u00f6glich machte. Gegen den geschlossenen Protest der Arbeiterschaft h\u00e4tte Stalin, allein gest\u00fctzt auf den Unterdr\u00fcckungs- und Terrorapparat, seine Politik schwerlich verwirklichen k\u00f6nnen.&#8220; (Dietmar Neutatz: Zwischen Enthusiasmus und politischer Kontrolle. Die Arbeiter und das Regime am Beispiel von Metrostroj; in: Plaggenborg, S.\u00a0185)<\/p>\n<p>In den kommenden Jahren mussten die Arbeiter gewaltige Entbehrungen auf sich nehmen. Der Durchschnittslohn ging zur\u00fcck, die Versorgung mit Lebensmitteln stockte, der ohnehin knappe Wohnraum wurde noch knapper, die W\u00e4hrung wurde entwertet und der Lebensstandard sank insgesamt ab. Aber die Arbeiter nahmen alle Opfer auf sich, weil sie nach den Erfahrungen der NEP-Jahre ein f\u00fcr allemal Schluss machen wollten mit der Abh\u00e4ngigkeit vom Bauern und entschlossen waren, zum Sozialismus voran zu gehen.<\/p>\n<p>Bis dahin hatte man die Bauern auf dem Land festzuhalten versucht, um die Arbeitslosigkeit in den St\u00e4dten nicht zu vergr\u00f6\u00dfern. Mit dem Einsetzen der sprunghaften Industrialisierung schrien die Fabriken nach neuen Arbeitskr\u00e4ften, von denen sie gar nicht genug bekommen konnten. Unter Hinweis auf die elenden Lebensumst\u00e4nde der nun in die St\u00e4dte str\u00f6menden Massen schreibt Wagner: &#8222;Der Staat besa\u00df \u00fcberhaupt nicht die Ressourcen, den Hunderttausenden neuen Arbeitern Weiterbildung und kulturelle Umerziehung zu gew\u00e4hrleisten.&#8220; Wenn man diese Bemerkung ernst nimmt und nicht als weiteren Versuch betrachtet, mit beliebigen, teils einander direkt widersprechenden Argumenten die Politik der 30er Jahre zu denunzieren &#8211; was sollte der Staat nach Wagners Meinung mit den &#8222;hunderttausenden neuer Arbeiter&#8220; tun (in Wirklichkeit waren es Millionen)? Sollte er sie auf dem Land fest halten und als Analphabeten in Ruhe lassen, weil er nicht die Ressourcen besa\u00df, um ihnen auf ordentliche, zivilisierte Weise nach westeurop\u00e4ischen Ma\u00dfst\u00e4ben im geduldigen Fortgang der Generationen Lesen, Schreiben, gesittetes Arbeitsverhalten und Kultur beizubringen (derselbe Wagner entbl\u00f6det sich nicht, an anderer Stelle das Passsystem zu kritisieren, das in den 20er Jahren eine \u00dcberflutung der St\u00e4dte verhindern sollte)?<\/p>\n<p>In den Fabriken entstanden zahllose Zirkel f\u00fcr Alphabetisierung, Kultur, Religionskritik, Theater, Technik, Naturwissenschaften, berufliche Fortbildung etc., selbst\u00e4ndig organisiert von Intellektuellen und Arbeitern, die au\u00dfer ihrer Begeisterung wenig Vorbildung mitbrachten. Viele dieser Zirkel, die unter \u00e4rmlichsten Umst\u00e4nden arbeiteten, l\u00f6sten sich rasch wieder auf. Aber am Ende war das Analphabetentum beseitigt und waren, in welch roher Form auch immer, die menschlichen Produktivkr\u00e4fte ausgebildet, die aus der Sowjetunion einen Industriestaat machten, der auch den Weltkrieg bestehen konnte.<\/p>\n<h3>3. Knechtung der Arbeiterklasse?<\/h3>\n<p>Wagner schreibt weiter zur Lage der Arbeiterschaft: &#8222;Durch Konsumdrosselung, Senkung der Reall\u00f6hne und Militarisierung der Arbeit seit Mitte der 30er Jahre wurde auch die Arbeiterklasse zur Quelle der &#8217;sozialistischen Akkumulation'&#8220;. Abgesehen von der banalen Tatsache, dass jede Akkumulation \u2013 gleich ob kapitalistisch oder sozialistisch \u2013 nur das Resultat lebendiger Arbeit sein kann, ist an dem Satz so gut wie nichts richtig. Sinkende Reall\u00f6hne gab es nur am <i>Anfang<\/i> der 30er Jahre. Seit 1933\/34 bis zum Ende der 30er Jahre dagegen stiegen die L\u00f6hne wieder (und mit ihnen der Konsum), neuer Wohnraum wurde gebaut, der Rubel festigte sich, und die Lebensmittelrationierung konnte aufgehoben werden. Und welche <i>Militarisierung<\/i> der Arbeit meint Wagner? Zwar konnten f\u00fcr die verschiedensten Vergehen am Arbeitsplatz (Bummelei, Trunkenheit, Verlassen der Arbeitsstelle) \u00fcber die K\u00fcndigung hinaus Strafen ausgesprochen werden, die jedoch kaum eine Rolle spielten. Angesichts des explosionsartig steigenden Arbeitskr\u00e4ftebedarfs und einer unglaublichen Fluktuation der Arbeitskr\u00e4fte (in den Moskauer Baubetrieben beispielsweise wechselte die Belegschaft statistisch drei Mal pro Jahr) hatten die Fabriken genug mit der Suche und der Einarbeitung immer neuer Arbeitskr\u00e4fte zu tun und konnten sich weder um ordentliche Dokumente noch um die Strafverfolgung k\u00fcmmern. Erst ab 1940 kann insoweit von einer &#8222;Militarisierung&#8220; der Arbeit gesprochen werden, als angesichts des bevorstehenden Kriegs die Arbeitsverh\u00e4ltnisse unter Kriegsrecht gestellt wurden.<\/p>\n<p>S\u00e4tze wie der hier fast beliebig herausgegriffenen finden sich in Wagners Artikel dutzendfach &#8211; eine Mischung aus Fakten und moralischer Emp\u00f6rung, fragw\u00fcrdigen Interpretationen und falschen Angaben. In diesem Fall findet sich die Quelle seiner Entr\u00fcstung \u00fcber die Lage der Arbeiterklasse in den Ver\u00f6ffentlichungen von Markus Wehner, dem Moskaukorrespondenten der <i>Frankfurter Allgemeinen Zeitung<\/i>. Um dessen Arbeiten zu charakterisieren, wollen wir Friedrich-Christian Schr\u00f6der, einen normalen b\u00fcrgerlichen Historiker, zu Wort kommen lassen. Dieser schreibt in einer Zusammenfassung, dass Wehner sich gegen die Deutung des Stalinschen Terrors &#8222;als Modernisierung oder als Sicherung der Herrschaft f\u00fcr ein schwaches Regime&#8220; wendet, sondern &#8222;die Zwecke des Terrors einfach in der Vernichtung politischer Gegner, der Ausbeutung der Arbeitskraft und der Einsch\u00fcchterung der Bev\u00f6lkerung&#8220; sieht (<i>Frankfurter Allgemeinen Zeitung<\/i> vom 7. November 1998). Einfach die Vernichtung der Gegner, Ausbeutung der Arbeitskraft und Einsch\u00fcchterung der Bev\u00f6lkerung &#8211; ist das nicht auch die Quintessenz von Wagners Ausf\u00fchrungen?<\/p>\n<p>Jedenfalls erkl\u00e4rt er auf dieser Linie das Scheitern des Sozialismus in Russland. Es ist seiner Meinung nach dem subjektiven Versagen der F\u00fchrungspersonen geschuldet &#8211; vor allem Stalins, im Ansatz aber schon Lenins. &#8222;Lenin und Stalin verk\u00f6rperten eine Schicht von Berufsrevolution\u00e4ren, die schon seit Jahrzehnten dieser Besch\u00e4ftigung nachgingen. Beide sahen sich als Vollstrecker der geschichtlichen Mission des Proletariats, konnten sich aber auch gegen die &#8218;real existierenden&#8216; Arbeiter stellen, wenn sie meinten, deren Forderungen entsprechen nicht den Interessen der Bewegung.&#8220; Er will damit sagen, dass Lenin wie Stalin Doktrin\u00e4re waren, die als &#8222;jahrzehntelange Berufsrevolution\u00e4re&#8220; den Kontakt mit dem wirklichen Leben verloren hatten. Aus dieser Sicht befahl Stalin den Abbruch der NEP im Auftrag &#8222;der geschichtlichen Mission des Proletariats&#8220; &#8211; deutlicher gesagt, als Welterl\u00f6sungsfanatiker. Diese Erkl\u00e4rung besagt viel \u00fcber ihren Urheber, umso weniger aber \u00fcber das revolution\u00e4re Russland jener Zeit.<\/p>\n<p>F\u00fcr Wagner, Wehner und alle anderen Anh\u00e4nger einer subjektiven Geschichtsschreibung muss es ein ewiges R\u00e4tsel bleiben, wieso eine Arbeiterschaft, die wenige Jahre zuvor eine Revolution gemacht und einen B\u00fcrgerkrieg getragen hatte, sich ohne Gegenwehr der Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung durch ein verbrecherisches Regime unterwarf, das sie ihrer Menschenw\u00fcrde beraubte, militaristisch knechtete und der Verarmung preisgab. Die etwas kl\u00fcgere, nicht vom Antikommunismus ideologisierte b\u00fcrgerliche Geschichtsschreibung geht dagegen davon aus, dass &#8222;die Mehrheit in der Partei, Teile der akademischen und nichtakademischen Jugend, ein Gro\u00dfteil der Arbeiterschaft&#8220; Stalins Politik aus eigenem Interesse unterst\u00fctzten. &#8222;In ihren Augen hatte die Staatsf\u00fchrung mit ihrer Politik der forcierten Industrialisierung und Kollektivierung endlich die politische Initiative zur\u00fcck gewonnen. Sie erlebten die Jahre als Zeit der Mobilit\u00e4t, der Bewegung, des Aufstiegs: vom ungelernten Arbeiter zum Facharbeiter, vom Facharbeiter zum Angestellten. &#8218;Proletarier&#8216; drangen in die Managerposten vor, l\u00f6sten dort die alten Eliten ab; &#8218;rote Spezialisten&#8216; dr\u00e4ngten in die Hochschulen. In den Universit\u00e4ten und Akademieinstituten das gleiche Bild: militante Jugend agierte gegen ihre alten Professoren, wechselte sie aus.&#8220; (Altrichter, Kleine Geschichte, S.\u00a072) Offenkundig bedarf es erst eines Koljas Wagner, um die russischen Arbeiter im Nachhinein dar\u00fcber zu belehren, dass ihre Erfahrung eines besseren Lebens in den 30er Jahren reine Einbildung gewesen ist, ein Gaukelbild der Propaganda.<\/p>\n<h3>4. Zur\u00fcckgebliebenheit und Radikalismus<\/h3>\n<p>In dem Buch \u00fcber den &#8222;Bauernsozialismus&#8220; wurde als ein entscheidender Punkt die Pr\u00e4gung Russlands durch die Dorfgemeinde (obscina) herausgearbeitet, die kein Privateigentum am Boden kannte und deren Produktionsverh\u00e4ltnisse Marx und Engels als &#8222;urkommunistisch&#8220; auffassten. Im Bem\u00fchen, sich von den einst von ihm geteilten Erkenntnissen dieses Buchs abzugrenzen, tut Wagner es heute als banale, &#8222;in jedem vern\u00fcnftigen b\u00fcrgerlichen Buch&#8220; nachzulesende Selbstverst\u00e4ndlichkeit ab, &#8222;dass die Dorfgemeinde im Zarenreich nicht unterging und durch die Oktoberrevolution 1917 gest\u00e4rkt wurde&#8220;.<\/p>\n<p>Wenn Wagner die b\u00e4uerliche obscina schon f\u00fcr ein konstituierendes Grundelement der russischen Gesellschaft h\u00e4lt &#8211; warum zieht er keine Konsequenzen daraus f\u00fcr das gesellschaftliche Denken und Handeln in der Sowjetunion? Schlie\u00dflich ist die Arbeiterklasse in Russland direkt aus der Bauernschaft hervorgegangen, weil die Industrialisierung hier relativ sp\u00e4t und gleich in Form von Gro\u00dfbetrieben erfolgte. Dagegen erfolgte die Industrialisierung etwa in Deutschland nicht nur fr\u00fcher, sondern vor allem aus dem Handwerk heraus, so dass auch die Arbeiterklasse hier nicht aus der Bauernschaft, sondern aus dem Handwerk hervorging \u2013 mit allen Konsequenzen f\u00fcr die Mentalit\u00e4t und das spontane Verhalten. Angefangen vom Verh\u00e4ltnis zum Privateigentum an Produktionsmitteln bis hin zum (st\u00e4ndischen) Bewusstsein waren die proletarischen Klassen in Russland und in Deutschland und ebenso die Arbeiterbewegungen beider L\u00e4nder unterschiedlich gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Wenn es Wagner um einen wirklichen Erkenntnisfortschritt ging und nicht um eine polemische Abgrenzung, dann musste er seine Bemerkung \u00fcber die obscina also zum Ausgangspunkt f\u00fcr weiter gehende Fragen nehmen. Dann m\u00fcsste er fragen, inwieweit sich die &#8222;urkommunistischen&#8220; Produktionsverh\u00e4ltnisse der russischen Dorfgemeinde in der gesellschaftlichen Entwicklung der 30er Jahre bemerkbar machten, inwieweit sie einerseits die Kollektivierung und andererseits die Industrialisierung beeinflussten.<\/p>\n<p>In seinem \u00dcberblick \u00fcber die gegenw\u00e4rtige Historikerdebatte in Russland weist der bereits zitierte Joachim H\u00f6sler auf einen seiner Einsch\u00e4tzung nach wesentlichen neuen Gesichtspunkt hin, den ein russischer Historiker namens Cipko eingebracht hat, der &#8222;als erster die Urspr\u00fcnge des Stalinismus in den Traditionen des russischen linken Radikalismus nachzuweisen versuchte.&#8220; Dessen Position fasst H\u00f6sler so zusammen: &#8222;Das Kernproblem der russischen Entwicklung bestehe darin, dass aufgrund der Randlage und Isolation des Landes (auch) der Marxismus einseitig, ohne Korrektiv, sozusagen in seiner extremsten, linksradikalen Form rezipiert und in das Massenbewusstsein transponiert worden sei. Schl\u00fcsselprobleme stellen f\u00fcr Cipko die seit Marx in der sozialistischen Literatur verbreitete \u00dcberzeugung von der M\u00f6glichkeit eines reinen Sozialismus ohne Warenproduktion und Marktbeziehungen (Cipko verweist auf Schriften von Trockij, Zinov&#8217;ev, Kamenev, Kautsky) und die in illegalen K\u00e4mpfen verinnerlichte Opferbereitschaft sowie der Hass auf das Bestehende und Allt\u00e4gliche (Bakunin, Tkacev, Trockij) dar.&#8220; (Joachim H\u00f6sler: Sowjetische und russische Interpretationen des Stalinismus; in: Plaggenborg 1998, S.\u00a053)<\/p>\n<p>Es ist charakteristisch, dass Cipko die Theorie von einem &#8222;reinen Sozialismus ohne Warenproduktion und Marktbeziehungen&#8220; dem &#8222;Stalinismus&#8220; zuordnet und H\u00f6sler dem nicht widerspricht, obwohl Stalin genau das Gegenteil dieser Position vertreten hat. Aber von dieser Fehlinterpretation abgesehen enth\u00e4lt die Aussage \u00fcber die St\u00e4rke des linken Radikalismus in Russland einen wichtigen Hinweis; man muss sie lediglich vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe stellen. Es waren keine Hand voll Theoretiker, die ihre aus dem B\u00fccherstudium gewonnenen linksradikalen Auffassungen in das Massenbewusstsein \u00fcbertrugen (das Manipulationsdenken der kritischen Theorie l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen), sondern umgekehrt waren es die sozialen Verh\u00e4ltnisse Russlands, die den N\u00e4hrboden f\u00fcr einen linken Radikalismus bildeten, der die Geschichte der Sowjetunion durchzieht.<\/p>\n<p>Neben der obscina-Tradition muss man davon ausgehen, dass auch die gesellschaftliche Ausnahmesituation eine Rolle spielte, die von der Oktoberrevolution \u00fcber die Kollektivierung und Industrialisierung bis zum Weltkrieg eine permanente Anspannung aller Kr\u00e4fte erforderte und offenbar besonders die Arbeiterjugend ansprach, welche die Sto\u00dftrupps der Industrialisierung stellte. Von wo auch immer man an die sowjetische Entwicklung herantritt &#8211; es dr\u00e4ngen sich gen\u00fcgend Fragen auf, die es zu vertiefen lohnt, um die Entwicklung der 30er Jahre zu verstehen. Wagner stellt nicht eine davon.<\/p>\n<h3>5. Stalins &#8222;rechte&#8220; Wirtschaftspolitik<\/h3>\n<p>Auf der anderen Seite lohnt es sich auch, die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik Stalins einer n\u00e4heren Betrachtung zu unterziehen. Wenn man seine Schriften als wichtige Quelle betrachtet (was Wagner nicht tut) und unvoreingenommen analysiert, f\u00e4llt auf, dass er lediglich in den Jahren 1928 und 1929, also in den Schl\u00fcsseljahren des Umschwungs, eine forcierte &#8222;linke&#8220; Wirtschaftspolitik in Auseinandersetzung mit den &#8222;Rechten&#8220; verfocht. Sowohl davor als auch danach agierte er als Bremser.<\/p>\n<p>Vor 1928 rechtfertigte er die NEP gegen die Kritik von links durch die &#8222;Vereinte Opposition&#8220; Trotzkis, Kamenews und Sinowjews, und nach 1930 setzte er sich erneut gegen &#8222;linke&#8220; Auffassungen zur Wehr, die einer Beendigung der Warenproduktion, der Abschaffung des Geldes, dem \u00dcbergang zum Produktentausch und einer Einebnung der Lohnunterschiede das Wort redeten. Angefangen mit dem Artikel &#8222;Vor Erfolgen von Schwindel befallen&#8220; vom M\u00e4rz 1930 verteidigte er in den Reden und Artikeln dieser Jahre durchg\u00e4ngig die Warenproduktion und trat f\u00fcr eine betriebswirtschaftliche Kalkulation, f\u00fcr eine Politik der materiellen Anreize und ein differenziertes, leistungsorientiertes Lohnsystem ein. Der Unterschied zu fr\u00fcheren Auseinandersetzungen ist nur, dass er keine Namen nannte, sondern die &#8222;linken&#8220; Positionen in allgemeiner Form kritisierte.<\/p>\n<p>Diese Feststellung zu seiner Position wird durch die Quellenforschung best\u00e4tigt. Oleg Chlewnjuk, ein entschiedener Kritiker Stalins, der die Akten des Politb\u00fcros ausgewertet hat, kommt zu der Schlussfolgerung, dass Stalin nach 1930 die treibende Kraft f\u00fcr eine Wirtschaftspolitik der &#8222;Neo-N\u00d6P&#8220; war, die auf den Handel, Warenbeziehungen, die Rolle des Geldes, die Stabilit\u00e4t des Rubels und eine wirtschaftliche Rechnungsf\u00fchrung setzte. &#8222;Im Fr\u00fchjahr und Sommer 1932 setzte sich die Politik, die auch als &#8218;Neo-N\u00f6p&#8216; bezeichnet wird, offensichtlich durch. Es folgten nacheinander Verordnungen \u00fcber die Unzul\u00e4ssigkeit, private Haus- und Hofwirtschaften der Bauern zu beseitigen, \u00fcber die R\u00fcckf\u00fchrung des f\u00fcr die Gemeinschaftsfarmen beschlagnahmten Viehs, \u00fcber die Einhaltung der Gesetze und die Unterbindung willk\u00fcrlicher Akte von Staatsbeamten in den D\u00f6rfern.&#8220; (Chlewnjuk, S.\u00a090; s.\u00a0a. S.\u00a0104\u00a0&#8211;\u00a0108, 145\u00a0f)<\/p>\n<p>Dieselbe Linie findet sich in seiner Nachkriegsschrift \u00fcber &#8222;\u00d6konomische Probleme des Sozialismus&#8220;, der letzten Ver\u00f6ffentlichung vor seinem Tod. Darin nimmt er in aller Ausf\u00fchrlichkeit gegen die weit verbreiteten Kommunismusforderungen mit ihrer Negierung \u00f6konomischer Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten Stellung und tritt f\u00fcr die Anerkennung des Wertgesetzes und der Warenproduktion bei der Herstellung von Konsumtionsmitteln ein. Darum ist es auch so absurd, wenn Cipko und H\u00f6sler einerseits auf die St\u00e4rke des russischen linken Radikalismus mit seiner Gegnerschaft gegen Warenproduktion und Marktbeziehungen hinweisen, andererseits aber ausgerechnet hier die &#8222;Urspr\u00fcnge des Stalinismus&#8220; suchen. Man kann Stalin vieles vorwerfen, aber nicht, dass er gegen die Nutzbarmachung von Warenproduktion und Marktbeziehungen war.<\/p>\n<h2>II. Die Verfolgungen<\/h2>\n<p>Kommen wir nun zu der einzigen Frage, die Wagner n\u00e4her behandelt, n\u00e4mlich zu den menschlichen Opfern dieser Zeit. Zu diesen z\u00e4hlt er verfolgte Kulaken, Hungertote und erschossene Kommunisten, die er in einem Atemzug den &#8222;Verbrechen der KPdSU&#8220; zuschreibt. Nun ist die Emp\u00f6rung \u00fcber die vielen Toten eine Sache, die andere ist, die dahinter stehenden Abl\u00e4ufe und Triebkr\u00e4fte zu begreifen. Wenn man sich nicht mit dem Hinweis auf Stalins berufsrevolution\u00e4ren Fanatismus zufrieden geben, sondern die Hintergr\u00fcnde verstehen will, muss man als Erstes die verschiedenen Wellen der Verfolgung und die betroffenen Gruppen auseinander halten, was Wagner nicht tut.<\/p>\n<h3>1. Die Opfer der Kollektivierung<\/h3>\n<p>Die ersten Opfer waren die Kulaken, die als &#8222;reiche&#8220; Bauern und Dorfvorsteher eine zentrale Stellung im Dorf hatten. Sie wurden auf dem Boden des ZK-Beschlusses von 1929 zur &#8222;Vernichtung des Kulakentums als Klasse&#8220; nach vorgegebenen Kontingenten mitsamt ihren Familien aus den D\u00f6rfern vertrieben, um die Kollektivierung sicherzustellen. Ihr Vieh, H\u00e4user und Ger\u00e4tschaften wurden beschlagnahmt, sie selber entweder deportiert oder in der Umgebung des Dorfs auf schlechtere B\u00f6den umgesiedelt. Wer sich gewaltsam widersetzte, wurde erschossen. Durch die &#8222;Entkulakisierung&#8220; kamen Hunderttausende zu Tode, h\u00e4ufig einfach deswegen, weil sie (z.\u00a0T. im Winter) im Norden des Landes ohne zureichende Ausr\u00fcstung auf unvorbereitetem Land ausgesetzt wurden.<\/p>\n<p>Die meisten Toten gab es in der Ukraine. Hierzu bemerkt Wagner: &#8222;Warum f\u00fchrte der angeblich so geniale Klassenpolitiker Stalin in der Ukraine und Russland die gleiche Politik durch? H\u00e4tten nicht unterschiedliche Klassenverh\u00e4ltnisse und Bauern eine unterschiedliche Politik in den beiden Sowjetrepubliken erfordert?&#8220; H\u00e4tte Wagner vor Abfassung seiner profunden Kritik Stalin gelesen, h\u00e4tte er feststellen k\u00f6nnen, dass f\u00fcr die Kollektivierung sehr wohl unterschiedliche Zeitr\u00e4ume vorgesehen waren. In der &#8222;Antwort an die Genossen Kollektivbauern&#8220;, in der Stalin die &#8222;linken \u00dcberspitzer&#8220; der Kollektivierung attackierte, zitiert er einen Beschluss des ZK &#8222;\u00dcber das Tempo der Kollektivierung&#8220; von Januar 1930, in dem die UdSSR wegen der regionalen Unterschiede in drei Gruppen eingeteilt wurde (SW 12, S.\u00a0182). Die Ukraine geh\u00f6rte zur zweiten Gruppe, in der die Kollektivierung &#8222;im wesentlichen&#8220; erst im Fr\u00fchjahr 1932 abgeschlossen sein sollte, tats\u00e4chlich jedoch fr\u00fcher erfolgte.<\/p>\n<p>In seiner Ereiferung merkt unser Kritiker nicht, dass er selber wenige Zeilen sp\u00e4ter begr\u00fcndet, auf welche Schwierigkeiten die &#8222;unterschiedliche Politik&#8220; gegen\u00fcber den &#8222;unterschiedlichen b\u00e4uerlichen Verh\u00e4ltnissen&#8220; stie\u00df. Um die m\u00f6rderischen Folgen der Kollektivierungspolitik auszumalen, beruft er sich n\u00e4mlich auf ein geheimes Memorandum des ZK vom 2.\u00a0April 1930: &#8222;Wenn die Parteilinie weiter nicht beachtet werde, w\u00fcrde ein gro\u00dfer Teil der niederen Kader von den Bauern abgeschlachtet werden, so das ZK.&#8220;<\/p>\n<p>Was besagt diese Warnung? Sie besagt doch, dass die Parteif\u00fchrung ein zur\u00fcckhaltendes, differenziertes Vorgehen bei der Kollektivierung ausgegeben hatte, aber &#8222;vor Ort&#8220; sich kaum jemand daran hielt &#8211; mit m\u00f6rderischen Folgen f\u00fcr die d\u00f6rflichen Kommunisten. Auch hier besagen die Quellen etwas ganz anderes als Wagner &#8211; wenn man sich denn mit ihnen befasst. Nach den bisherigen Quellenstudien steht n\u00e4mlich fest, dass es um die Durchsetzungsf\u00e4higkeit des Staats- und Parteiapparats &#8222;ganz anders bestellt war, als das Konzept totalit\u00e4rer Herrschaft zumindest der Idee nach voraussetzte. Anstelle von Effizienz und geordneten Entscheidungsabl\u00e4ufen fanden sie Wirrwarr und Improvisationen, anstelle von wirksamer Kontrolle mangelnde Durchsetzungsf\u00e4higkeit. Angesichts dieser Befunde geriet nicht nur die Hypothese ins Wanken, Stalins Aufstieg sei auf seine Position als Generalsekret\u00e4r zur\u00fcckzuf\u00fchren. Desgleichen erwies sich die Annahme, er habe nach der Ausschaltung der innerparteilichen Opposition nach Belieben dirigieren k\u00f6nnen, als quellenfernes Konstrukt.&#8220; (Hildermeier 2001, S.\u00a0121 f)<\/p>\n<p>Wenn man konkret untersucht, wie die Kollektivierung durchgef\u00fchrt wurde, wird die Diskrepanz zwischen der offiziellen Linie und ihrer praktischen Umsetzung auch erkl\u00e4rlich. Unter russischen Verh\u00e4ltnissen kaum zu kontrollierende, von revolution\u00e4rer Begeisterung getragene Trupps von Arbeitern und Komsomolzen zogen wie 1918 bis 1921 \u00fcber das Land, um die Getreideversorgung zu sichern. Sie gaben sich nicht mit der Kollektivierung zufrieden, sondern wollten gleich kommunistische Produktionsverh\u00e4ltnisse in Form von &#8222;Agrarkommunen&#8220; einf\u00fchren, die keinerlei Privateigentum an Produktionsmitteln mehr kannten. Deshalb wurden das Vieh und die Ger\u00e4te nicht nur der Kulaken, sondern auch der so genannten &#8222;Mittelbauern&#8220; beschlagnahmt. Das St\u00fcckchen &#8222;Hofland&#8220;, das bis dahin jeder Bauernhaushalt besessen hatte, um dort Obst und Gem\u00fcse anzubauen, Kleinvieh zu halten und die \u00dcbersch\u00fcsse zu verkaufen, wurde f\u00fcr abgeschafft erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Diese Politik konnte sich auf dem Land lediglich auf die &#8222;Dorfarmut&#8220; st\u00fctzen \u2013 Schichten, deren Angeh\u00f6rige regelm\u00e4\u00dfig keinen eigenen Hof und wenig oder gar kein Vieh im Dorf besa\u00dfen. So lange die st\u00e4dtischen Arbeiter und Komsomolzen mit ihren Gewehren im Dorf weilten und au\u00dfer neuen Traktoren eine gl\u00fcckliche kommunistische Zukunft versprachen, stimmte die Dorfversammlung der Gr\u00fcndung der Agrarkommune zu. Kaum waren die durchreisenden Agitatoren aber, ob ihrer raschen Erfolge &#8222;von Schwindel befallen&#8220;, ins n\u00e4chste Dorf weitergezogen, standen die &#8222;niederen Kader&#8220;, d.\u00a0h. die d\u00f6rflichen Kommunisten aus der Dorfarmut, alleine da und mussten um ihr Leben f\u00fcrchten. Wie 1920\/21 ging eine Welle von Bauernaufst\u00e4nden durch das Land und gef\u00e4hrdete die kommunistische Herrschaft. Die Verh\u00e4ltnisse beruhigten sich erst, als jedem Bauern ein St\u00fcck Hofland sowie das Recht garantiert wurde, eine begrenzte Zahl von Nutztieren (1 bis 2 K\u00fche, Schweine, Ziegen, H\u00fchner etc.) zu halten und die \u00dcbersch\u00fcsse der Hoflandproduktion auf st\u00e4dtischen Kolchosm\u00e4rkten zu verkaufen.<\/p>\n<p>1932 bis 1934 kam es zu einer Hungersnot, die mehrere Millionen Tote forderte und von Wagner mit den Worten kommentiert wird: &#8222;Ob der Hunger nun von der Parteif\u00fchrung bewusst als Waffe zur Unterwerfung eingesetzt wurde oder nicht, sei einmal dahingestellt.&#8220; Die Andeutung, dass die Hungersnot m\u00f6glicherweise bewusst organisiert wurde, um die widerspenstigen Muschiks zu unterwerfen, ist eine auf Ignoranz gest\u00fctzte B\u00f6sartigkeit. Andere Autoren vor Wagner sahen die Hungersnot schon gezielt gegen die ukrainische Nation gerichtet, weil die meisten Hungertoten dort zu beklagen waren, unterstellten also einen nationalistischen Hintergrund. H\u00e4tte Wagner sich gr\u00fcndlicher mit der neueren Literatur vertraut gemacht, h\u00e4tte er festgestellt, dass kein seri\u00f6ser Historiker (mehr) die Behauptung von einem gezielten Einsatz des Hungers gegen wen auch immer teilt. &#8222;Soweit die Beh\u00f6rden Teile des Landes vor dem Schlimmsten retten wollten, galt ihre Sorge nicht prim\u00e4r russischen Regionen, um im Nebeneffekt den ukrainischen Eigenwillen zu brechen, sondern den St\u00e4dten, der Arbeiterschaft und der Industrie.&#8220; (Hildermeier 1998, S.\u00a0401)<\/p>\n<p>Die vielen Hungertoten in der Ukraine resultierten letzten Ende daher, dass hier zwei kontr\u00e4re Bewegungen aufeinander prallten &#8211; der revolution\u00e4re Elan der Arbeiter und eine Bauernschaft, in welcher die Entwicklung des Privateigentums an Land weit vorangeschritten war (es gab kaum Landumteilungsgemeinden). Deshalb war die b\u00e4uerliche Gegenwehr hier so heftig. In ihrer Erbitterung schlachteten die Bauern mehr Zugvieh ab und zerst\u00f6rten mehr landwirtschaftliche Ger\u00e4te als in anderen Regionen. Folglich lag der Getreideanbau in den n\u00e4chsten Jahren besonders darnieder und gab es ausgerechnet in dieser fruchtbaren Region so viele Hungertote. Davon abgesehen verschlimmerte auch Inkompetenz die Lage, weil die Beh\u00f6rden nicht in der Lage waren, das vorhandene Getreide angemessen umzuverteilen.<\/p>\n<h3>2. Die Verfolgungen im Partei- und Staatsapparat<\/h3>\n<p>Ganz anderen Charakter als das Geschehen bei der Kollektivierung tragen die so genannten &#8222;Parteis\u00e4uberungen&#8220;, die Ende 1934 begannen und ihren sichtbaren H\u00f6hepunkt in den gro\u00dfen Moskauer Prozessen von August 1936, Januar 1937 und M\u00e4rz 1938 fanden. Die Ver\u00f6ffentlichungen, die hierzu in den letzten Jahren erschienen sind, haben wenig dazu beigetragen, ihre Hintergr\u00fcnde aufzukl\u00e4ren. Es existieren nicht einmal verl\u00e4ssliche Zahlen dar\u00fcber, wie viele Parteimitglieder insgesamt &#8222;ges\u00e4ubert&#8220; wurden (wobei die S\u00e4uberung vom Parteiausschluss bis zur Liquidierung reichen konnte). Besonders schwierig ist die Aufkl\u00e4rung in diesem Fall, weil die Parteis\u00e4uberung sich zeitweise mit den Ma\u00dfnahmen gegen eine bef\u00fcrchtete &#8222;f\u00fcnfte Kolonne&#8220; im Vorfeld des Kriegs \u00fcberschnitt und die Opfer kaum auseinander zu halten sind. Deshalb erheben die nachfolgenden \u00dcberlegungen keinen Anspruch auf eine ersch\u00f6pfende Erkl\u00e4rung, sondern wollen in erster Linie darauf aufmerksam machen, dass den Vorg\u00e4ngen mehr zugrunde liegen muss als wahnhaftes Misstrauen oder der b\u00f6sartige Charakter Stalins.<\/p>\n<p>Das Vorspiel zu den Ereignissen bildete ein Beschluss des Politb\u00fcros vom 12. Dezember 1933, mit dem prominente Oppositionelle sowohl der &#8222;Linken&#8220; als auch der &#8222;Rechten&#8220; wieder in die Partei aufgenommen worden waren, darunter Sinowjew, Kamenew, Preobrashenski, Tomski und Rykow (Bucharin war nie aus der Partei ausgeschlossen worden). Damit konnten die Parteifl\u00fcgel sich wieder aufstellen, die sich bereits in den 20er Jahren gegen\u00fcber gestanden hatten und ohne deren Gegens\u00e4tze die Parteis\u00e4uberungen der 30er Jahre m.\u00a0E. nicht zu verstehen sind.<\/p>\n<p>Aus der Sicht der &#8222;Linken&#8220; stellte sich die innenpolitische Lage Mitte der 30er Jahre wie folgt dar: Bis 1928 war Stalin mit Bucharin zusammen gegangen, um die NEP durchzusetzen; Stalin selber galt als minderbemittelter Verb\u00fcndeter der &#8222;Rechten&#8220;, der die Kulaken sch\u00fctzte und als Generalsekret\u00e4r der Partei, sozusagen im Auftrag Bucharins, den Ausschluss der Anf\u00fchrer des linken Parteifl\u00fcgels aus der Partei organisiert hatte. 1928, als es fast schon zu sp\u00e4t war und die Revolution kurz vor einer Katastrophe stand, wechselte er mit einemmal die Fronten und rief dazu auf, den Kampf gegen die Kulaken zu f\u00fchren, den die Linken schon lange vorher gefordert hatten.<\/p>\n<p>Kaum war der Durchbruch zur Kollektivierung aber erfolgt, machte er auf halbem Wege Halt, verhinderte die Einf\u00fchrung von Agrarkommunen auf dem Land und trat f\u00fcr eine &#8222;Neo-N\u00d6P&#8220; ein, die den Bauern die Fortf\u00fchrung der Privatproduktion auf ihrem Hofland mitsamt der Abhaltung von Kolchosm\u00e4rkten in der Stadt erlaubte. Gleichzeitig sorgte er entgegen spontanen Bestrebungen in der Arbeiterschaft nach einer kommunistischen Egalisierung der L\u00f6hne f\u00fcr ein Entlohnungssystem, das die Lohnunterschiede vergr\u00f6\u00dferte. Er sperrte also sowohl auf dem Land als auch in der Industrie den \u00dcbergang zum Kommunismus. 1934 machte er Bucharin zum Chefredakteur der Iswestija und beauftragte ihn mit der Ausarbeitung einer neuen Sowjetverfassung, die den (noch zur H\u00e4lfte warenproduzierenden) Bauern die staatsb\u00fcrgerliche Gleichberechtigung mit den Arbeitern versprach. Dem Anschein nach war also das alte NEP-B\u00fcndnis zwischen &#8222;Parteizentrum&#8220; und &#8222;Rechten&#8220; auf neuer Ebene wieder hergestellt, und das zur gleichen Zeit, als Teile der Partei und insbesondere der Jugend auf den \u00dcbergang zum Kommunismus dr\u00e4ngten.<\/p>\n<h3>3. Eine m\u00f6gliche politische Erkl\u00e4rung<\/h3>\n<p>Im Dezember 1934 wurde Kirow, der Leningrader Parteisekret\u00e4r, durch einen Anh\u00e4nger Sinowjews erschossen. Die Behauptung Chruschtschows und in seinem Gefolge Dutzender von Historikern, Stalin habe die Ermordung Kirows selber angeordnet, um einen potenziellen Rivalen zu beseitigen, war bis heute durch keinen Tatsachenbeweis zu untermauern und ergibt auch politisch keinen Sinn. Fest steht allerdings, dass das NKWD (Volkskommissariat f\u00fcr innere Angelegenheiten) in das Geschehen verwickelt war, woraus (aufgrund von Chruschtschows Behauptung) geschlossen wurde, dass Stalin der Drahtzieher war. Dabei wird \u00fcbersehen, dass das NKWD weder eine monolithische Beh\u00f6rde noch das willf\u00e4hrige Werkzeug Stalins war. Der Staatsschutz begriff sich als W\u00e4chter der Revolution und stand in Leningrad den Linken nahe.<\/p>\n<p>Politisch deuten die Zusammenh\u00e4nge in eine ganz andere Richtung, die auch von Stalin unterstellt wurde. Kirow war in der Nachfolge Sinowjews <i>gegen <\/i>die Linken auf seinen Posten in Leningrad gehoben worden; er war ein Verfechter der &#8222;Neo-N\u00d6P&#8220; und galt als Statthalter Stalins (vgl. Chlewnjuk, S.\u00a0162 &#8211; 182). Bereits zwei Jahre zuvor hatte es Auseinandersetzungen im Politb\u00fcro \u00fcber die Behandlung des &#8222;Falls Rjutin&#8220; gegeben, wobei Stalin eine harte Bestrafung f\u00fcr den &#8222;Linken&#8220; Rjutin gefordert hatte. Stalins &#8222;st\u00e4rkstes Argument war der Hinweis auf die zunehmenden terroristischen Stimmungen unter der Jugend \u2013 einschlie\u00dflich der Komsomolzen. In den Berichten der GPU h\u00e4uften sich Mitteilungen \u00fcber derartige Gespr\u00e4che unter der Arbeiter- und der studentischen Jugend \u00fcberall im Lande. Registriert wurden nicht wenige terroristische Akte, die von Vertretern dieser Schichten gegen verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig unbedeutende Repr\u00e4sentanten der Partei- und sowjetischen \u00d6ffentlichkeit ver\u00fcbt worden waren.&#8220; Stalin wies darauf hin, &#8222;dass es politisch falsch und auch unlogisch sei, die T\u00e4ter so streng zu bestrafen und gleichzeitig diejenigen zu verschonen (gemeint sind die &#8222;Linken&#8220;; HK), deren politische Propaganda die direkte Grundlage f\u00fcr derartige Praktiken gelegt h\u00e4tte.&#8220; (zitiert nach: Chlewnjuk, S.\u00a0109\u00a0f; Chlewnjuk zweifelt die Authentizit\u00e4t des hier wiedergegebenen Berichts von Nikolajewski an, aus dem Zusammenhang ergibt sich aber zumindest, dass er von einem Kenner der internen Verh\u00e4ltnisse stammen muss).<\/p>\n<p>Jedenfalls befahl Stalin im Fall Kirow trotz der Einw\u00e4nde des NKWD, &#8222;die &#8218;Sinowjew-Spur&#8216; wieder aufzunehmen, und beschuldigte seine ehemaligen Kontrahenten &#8211; Kamenew und Sinowjew sowie deren Anh\u00e4nger &#8211; des Mordes an Kirow.&#8220; (Chlewnjuk, S.191) Jetzt wurden die f\u00fchrenden Linken vor Gericht gestellt. Die ersten beiden Moskauer Prozesse gegen das &#8222;vereinigte trotzkistisch-sinowjewistische Zentrum&#8220; fanden unter zum Teil abenteuerlichen Anklagepunkten statt; an ihrem Ende wurden die meisten Angeklagten zum Tode verurteilt.<\/p>\n<p>Bis zu diesem Punkt sind zwar nicht die strafrechtlichen Vorw\u00fcrfe, aber doch die politischen Fronten nachvollziehbar. Dagegen st\u00f6\u00dft jeder Erkl\u00e4rungsversuch beim dritten und letzten Moskauer Prozess auf das Problem, dass diesmal die prominenten Rechten, voran Bucharin und Rykow, als &#8222;Block der Rechten und Trotzkisten&#8220; auf der Anklagebank sa\u00dfen und hingerichtet wurden. Insbesondere dieser Fakt hat der Interpretation Vorschub geleistet, dass es bei den Parteik\u00e4mpfen um einen reinen Machtkampf um der Macht willen ging und der rachs\u00fcchtige Stalin seine Gegner gleich welcher Couleur vernichten wollte.<\/p>\n<p>Wenn man nicht dieser alles und nichts erkl\u00e4renden Auffassung anh\u00e4ngt, sondern weiterhin nach einer politischen Erkl\u00e4rung sucht, dr\u00e4ngen sich einige Fragen auf. Noch anl\u00e4sslich des Revolutionsjubil\u00e4ums im November 1936 hatte Stalin Bucharin zu sich auf die Ehrentrib\u00fcne in Moskau geholt und damit in aller \u00d6ffentlichkeit sein B\u00fcndnis mit den ehemaligen &#8222;Rechten&#8220; demonstriert. Dass Bucharin wenige Wochen sp\u00e4ter als Feind der Partei und des Staats verfolgt wurde, wird deshalb als Beweis sowohl f\u00fcr die Allmacht als auch die besondere Heimt\u00fccke Stalins gewertet. Dieser empfahl allerdings nur eine blo\u00dfe Verbannung ohne Hinzuziehung des NKWD (Hildermeier 1998, S.\u00a0458). Als die Bucharinfrage im Februar 1937 entgegen seinem Willen auf das ZK-Plenum gebracht wurde, griff er ihn zwar \u00f6ffentlich an, pl\u00e4dierte gegen\u00fcber den Forderungen nach seiner Hinrichtung aber daf\u00fcr, ihn nur aus der Partei auszuschlie\u00dfen und keinen Prozess zu veranstalten, sondern die Sache zur weiteren Aufkl\u00e4rung dem NKWD zu \u00fcberantworten, was auch mehrheitlich so beschlossen wurde. Das NKWD verhaftete Bucharin dann allerdings gleich nach dem Plenum, und ein Jahr sp\u00e4ter, im M\u00e4rz 1938, wurde er vor Gericht gestellt und erschossen.<\/p>\n<p>In einer Rezension zu Wladimir Hedelers &#8222;Chronik der Moskauer Schauprozesse 1936, 1937 und 1938&#8220; (Akademie-Verlag, Berlin 2003) schreibt Helmut Altrichter, dass das gr\u00fcndlich recherchierte Buch &#8222;Material zur &#8218;Planung, Inszenierung und Wirkung&#8216; der Schauprozesse (liefert), nicht deren Entschl\u00fcsselung.&#8220; (<i>Frankfurter Allgemeinen Zeitung<\/i> vom 18. Dezember 2003) In der Tat kann von &#8222;Entschl\u00fcsselung&#8220; bis heute keine Rede sein. Auch die hier favorisierte Interpretation eines verdeckten Mehrfrontenkampfes zwischen &#8222;Linken&#8220;, &#8222;Rechten&#8220; und dem &#8222;Parteizentrum&#8220; hat vielleicht die politische Logik f\u00fcr sich &#8211; aber das ist kein Beweis.<\/p>\n<h3>4. Enthauptung der bolschewistischen Partei<\/h3>\n<p>Einen anderen Aspekt der S\u00e4uberungen benennen neuere Untersuchungen, die darauf aufmerksam machen, dass im Apparat des Staats und der Partei Formen von Klientelpolitik auf dem Boden pers\u00f6nlicher Beziehungen und Abh\u00e4ngigkeiten weit verbreitet waren, analog der Situation in r\u00fcckst\u00e4ndigen L\u00e4ndern (vgl. Sheila Fitzpatrick: &#8222;Intelligentsia and Power. Client-Patron Relations in Stalin&#8217;s Russia&#8220;; in: Hildermeier, Stalinismus vor dem Zweiten Weltkrieg, S.\u00a035). Dem entsprachen Vorw\u00fcrfe des Machtmissbrauchs, b\u00fcrokratischen Gehabes und der Bildung pers\u00f6nlicher Seilschaften, mit denen leitende Kader attackiert, abgel\u00f6st, deportiert oder hingerichtet wurden.<\/p>\n<p>In der Staatswirtschaft fanden die Verfolgungen unter der Parole statt &#8222;Die Kader entscheiden alles&#8220;, die an die Stelle der bis dahin g\u00fcltigen Parole &#8222;Die Technik entscheidet alles&#8220; getreten war. Hier war es nicht allein auf unterer Ebene um die Arbeitsmoral schlecht bestellt, auch ein erheblicher Teil der leitenden wirtschaftlichen Kader war nur durch die Umst\u00e4nde nach oben gesp\u00fclt worden, weil es an allen Ecken und Enden an Menschen fehlte. &#8222;W\u00e4hrend der Reinigung zitterten st\u00e4ndig die Knie der Hunderttausende von B\u00fcrokraten. Beamte und Vorgesetzte, die sonst etwa um zehn Uhr morgens am Arbeitsplatz erschienen und um halb vier Uhr schon wieder gingen, die f\u00fcr alle Klagen, Schwierigkeiten und Missst\u00e4nde nur immer ein Achselzucken \u00fcbrig gehabt hatten, waren nun vom Morgengrauen bis zum Einbruch der Dunkelheit an ihren Pl\u00e4tzen. (&#8230;) Sie gaben sich ernstlich M\u00fche, dass die vorgesehenen Mengen erzeugt wurden und dass der Betrieb rentabel arbeitete; sie achteten auch auf das Wohlbefinden der dort T\u00e4tigen &#8211; etwas, was sie vorher nicht im geringsten interessiert hatte.&#8220; (John Scott: &#8222;Jenseits des Ural&#8220;; Erinnerungen eines Amerikaners, der von 1932 bis 1937 in Magnitogorsk arbeitete; in: Altrichter\/Haumann: Band 2, S.\u00a0430) Im Ergebnis r\u00fcckte an ihre Stelle eine neue F\u00fchrungsgeneration von Absolventen der neu aufgebauten Akademien und technischen Hochschulen.<\/p>\n<p>Die alte bolschewistische Revolutionspartei Lenins wurde durch die S\u00e4uberungen enthauptet. Von den fast 2000 Delegierten des 17.\u00a0Parteitags 1934 wurden zum folgenden 18.\u00a0Parteitag 1939 nur noch 35 als Delegierte gew\u00e4hlt. Die Mehrheit der 139 Mitglieder und Kandidaten des ZK von 1934 \u00fcberlebte die Jahre 1937 und 1938 nicht, und von den 15 Mitgliedern des Politb\u00fcros von 1934 standen 1939 nur noch 7 zur Wiederwahl an. Unter dem fortbestehenden Organisationsmantel der KPdSU entstand faktisch eine neue Partei, gepr\u00e4gt durch die so genannte &#8222;Breschnew-Generation&#8220; des Gro\u00dfen Sprungs.<\/p>\n<h3>5. Der &#8222;gro\u00dfe Terror&#8220; und der Krieg<\/h3>\n<p>Die letzte gro\u00dfe Verfolgungswelle vor dem Krieg fand von Mitte 1937 bis November 1938 statt. In den Jahren zuvor hatte die sowjetische Regierung eine Politik der Vers\u00f6hnung gegen\u00fcber den ehemaligen Kulaken betrieben. 1935\/1936 war die im Gesetz vorgesehene Verbannungsfrist f\u00fcr Hunderttausende von Kulaken abgelaufen, die 1930 und 1931 aus ihren D\u00f6rfern ausgewiesen worden waren. Mitsamt Familie war dies ein Personenkreis von mehreren Millionen Menschen, die ihre staatsb\u00fcrgerlichen Rechte zur\u00fcck erhalten hatten. Zwar blieb es ihnen untersagt, in ihre alten D\u00f6rfer zur\u00fcckzukehren, um nicht die m\u00fchsam stabilisierten Kolchosen zu gef\u00e4hrden, viele hatten es aber trotzdem getan. Sie beanspruchten ihr Eigentum zur\u00fcck und teils gelang es ihnen sogar, ihren fr\u00fcheren Einfluss im Dorf wiederherzustellen. &#8222;Der Schatten des Kulaken fiel w\u00e4hrend der gesamten drei\u00dfiger Jahre auf das Dorf&#8220; (Sheila Fitzpatrick nach: Chlewnjuk, S.\u00a0261\u00a0f).<\/p>\n<p>Ebenfalls 1935 waren die unter f\u00fcnfj\u00e4hrigen Vorstrafen aller Kolchosbauern gel\u00f6scht worden, so dass Hunderttausende von den damit verbundenen rechtlichen Einschr\u00e4nkungen befreit wurden. Au\u00dferdem waren die Aufnahmebeschr\u00e4nkungen f\u00fcr die Zulassung zu Hoch- und Fachschulen aufgehoben worden, die sich aus der sozialen Herkunft der Studienbewerber ergaben. &#8222;Viele Fakten lassen darauf schlie\u00dfen, dass die Stalinsche F\u00fchrung in dieser Zeit tats\u00e4chlich darauf hoffte, eine &#8218;Vers\u00f6hnung&#8216; innerhalb der Gesellschaft und gewisse soziale Stabilit\u00e4t durch &#8218;Befriedung&#8216; zumindest eines Teils jener Bev\u00f6lkerungsschichten zu erreichen, die in den vergangenen Jahren Diskriminierungen und Repressalien ausgesetzt waren.&#8220; (Chlewnjuk, S.\u00a0209)<\/p>\n<p>Jetzt fand diese Politik ein Ende. 1936 war die Reichswehr in das entmilitarisierte Rheinland einmarschiert, der spanische B\u00fcrgerkrieg begann, und im September dieses Jahres verk\u00fcndete die nationalsozialistische Staatsf\u00fchrung den deutschen Vierjahrplan, der Wirtschaft und Wehrmacht binnen vier Jahren kriegsbereit machen sollte. Der Jahresverlauf zeigte, dass Europa auf einen neuen gro\u00dfen Krieg zusteuerte.<\/p>\n<p>Wagner h\u00e4lt es f\u00fcr &#8222;zweifelhaft&#8220;, dass der nahende Krieg die neuen Verfolgungen hervorgerufen haben soll. Dabei h\u00e4tte ein Blick in die neuere Literatur gen\u00fcgt, um seine Zweifel auszur\u00e4umen. Die von Chlewnjuk vorgenommene Auswertung der Beschl\u00fcsse des Politb\u00fcros weist nach, dass der entscheidende Grund f\u00fcr den &#8222;Gro\u00dfen Terror&#8220; von 1937\/38 in der Tat die Ausschaltung einer bef\u00fcrchteten &#8222;f\u00fcnften Kolonne&#8220; war (Chlewnjuk, S.\u00a0256\u00a0\u2013\u00a0259).<\/p>\n<p>Ausgangspunkt war das ZK-Plenum vom Februar\/M\u00e4rz 1937. &#8222;Das von der Plenartagung \u00fcberlieferte Stenogramm und einige andere Dokumente belegen, dass die Organisatoren des gro\u00dfen Terrors&#8220; neben einer &#8222;Revolution der Kader (&#8230;) angesichts des sich abzeichnenden Krieges die Vernichtung einer potentiellen &#8218;f\u00fcnften Kolonne'&#8220; beabsichtigten. (Chlewnjuk, S.\u00a0250). Revolution, B\u00fcrgerkrieg und Kollektivierung &#8211; alles Ereignisse, die noch nicht lange zur\u00fcck lagen &#8211; hatten ganze Bev\u00f6lkerungsgruppen, die ihre vorherige gehobene soziale Stellung verloren hatten, zu entschiedenen Gegnern des Arbeiterstaats gemacht. Die Vers\u00f6hnungspolitik hatte nicht lange genug gedauert, um bei ihnen eine neue Loyalit\u00e4t zu erzeugen. Deshalb bestand die Gefahr, dass diese Schichten in einem k\u00fcnftigen Krieg auf die Seite des Feindes traten. Mit dieser Feststellung ist nichts \u00fcber die Berechtigung der getroffenen Ma\u00dfnahmen gesagt. Aber um dar\u00fcber zu diskutieren, muss man zumindest ihre Ursachen und Hintergr\u00fcnde kennen.<\/p>\n<p>Im Zentrum des Gro\u00dfen Terrors standen insgesamt &#8222;drei Bev\u00f6lkerungsgruppen, die als N\u00e4hrboden einer potentiellen &#8218;f\u00fcnften Kolonne&#8216; angesehen wurden&#8220;: ehemalige Kulaken, andere &#8222;antisowjetische Elemente&#8220; und Kriminelle (Chlewnjuk, S.\u00a0270). Als ehemalige Kulaken traf es in erster Linie die aus der Verbannung zur\u00fcckgekehrten Bauern. Mit den anderen &#8222;antisowjetischen Elementen&#8220; waren ehemalige zaristische Beamte, Wei\u00dfgardisten, Mitglieder zerschlagener Parteien (Sozialrevolution\u00e4re, georgische Menschewiken und andere) sowie fr\u00fcher ausgeschlossene KP-Mitglieder gemeint, die aufgrund ihrer politischen Erfahrungen und Kenntnisse als besonders gef\u00e4hrlich galten (hier \u00fcberschnitten sich die Ma\u00dfnahmen mit den vorangegangenen innerparteilichen S\u00e4uberungen). Als Drittes kamen noch die gew\u00f6hnlichen Kriminellen dazu. Das Vorgehen gegen diese Personengruppen war jedes Mal dasselbe: das Politb\u00fcro legte Zahlenkontingente von Personen fest, die zu deportieren oder \u2013 im Falle einer besonders feindlichen Einstellung zur Sowjetmacht \u2013 zu erschie\u00dfen waren. Zur Umsetzung wurden &#8222;Troikas&#8220; aus dem \u00f6rtlichen Parteisekret\u00e4r, dem Staatsanwalt und dem zust\u00e4ndigen NKWD-Offizier eingesetzt. Sie erhielten das Recht, Urteile einschlie\u00dflich von Todesurteilen zu f\u00e4llen und ohne Berufungsm\u00f6glichkeit sofort vollstrecken zu lassen. Bis zu 2,5 Millionen Verhaftungen fanden statt, von denen nach den Statistiken des NKWD 680.000 hingerichtet wurden (Hildermeier 2001, S.\u00a043).<\/p>\n<h2>Schluss<\/h2>\n<p>Nach den Ma\u00dfst\u00e4ben einer entwickelten Gesellschaft waren die Methoden, die in den 30er Jahren angewendet wurden, barbarisch, und ruft allein die blo\u00dfe Zahl der Todesopfer Abscheu vor dem &#8222;Stalinismus&#8220; hervor. Wer jedoch glaubt, mit diesem &#8222;dixi et salvavi animam meam&#8220; (ich spreche und erl\u00f6se meine Seele) einen Millimeter vom Fleck gekommen zu sein, irrt. Angesichts der Zur\u00fcckgebliebenheit des agrarisch gepr\u00e4gten Riesenlandes Stalin f\u00fcr alle Unliebsamkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung verantwortlich zu machen, ist mehr als unbefriedigend. Meiner \u00dcberzeugung nach l\u00e4sst sich eine zufrieden stellende Geschichte der politischen Verfolgungen erst schreiben, wenn zuvor die Sozialgeschichte der Sowjetunion entwickelt worden ist; bis dahin muss jedes Urteil an der Oberfl\u00e4che bleiben.<\/p>\n<p>Wagner sieht das genau anders herum. Im Bem\u00fchen, seinen Gegensatz zu Karuscheit auf den Punkt zu bringen, schreibt er am Ende seines Artikels: &#8222;Wir haben einen unterschiedlichen Zugang, Geschichte marxistisch zu bewerten und zu analysieren.&#8220; Angefangen mit der von ihm favorisierten Reihenfolge von Bewertung und Analyse trifft seine Bemerkung \u00fcber unsere gegens\u00e4tzliche Herangehensweise zweifelsohne zu. Ohne sich dessen bewusst zu sein, hat er damit den Unterschied benannt, der den Marxismus von b\u00fcrgerlicher Geschichtsbetrachtung trennt.<\/p>\n<h2>Literatur<\/h2>\n<ul>\n<li><b>Altrichter<\/b>, Helmut: Kleine Geschichte der Sowjetunion 1917-1991, M\u00fcnchen: C.\u00a0H. Beck 1993.<\/li>\n<li><b>Altrichter<\/b>, Helmut und <b>Haumann<\/b>, Heiko (Hg.): Die Sowjetunion. Von der Oktoberrevolution bis zu Stalins Tod, Band 1: Staat und Partei, dtv-Dokumente, M\u00fcnchen: dtv 1986; Band 2: Wirtschaft und Gesellschaft, M\u00fcnchen,: dtv 1987.<\/li>\n<li><b>Chlewnjuk<\/b>, Oleg W.: Das Politb\u00fcro. Mechanismen der politischen Macht in der Sowjetunion der drei\u00dfiger Jahre, Hamburg: Hamburger Edition Verlagsgesellschaft 1998.<\/li>\n<li><b>Hildermeier<\/b>, Manfred: Geschichte der Sowjetunion 1917 &#8211; 1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates, M\u00fcnchen: C.\u00a0H. Beck 1998.<\/li>\n<li><b>Hildermeier<\/b>, Manfred: Die Sowjetunion 1917 &#8211; 1991. Oldenbourg Grundriss der Geschichte, M\u00fcnchen: Oldenbourg 2001.<\/li>\n<li><b>Karuscheit<\/b>, Heiner und <b>Schr\u00f6der<\/b>, Alfred: Von der Oktoberrevolution zum Bauernsozialismus. Aufs\u00e4tze \u00fcber die Klassenkr\u00e4fte an den Wendepunkten der russisch-sowjetischen Geschichte; Gelsenkirchen: Verlag Theoretischer Kampf 1993; Teile aus der inzwischen vergriffenen Ver\u00f6ffentlichung sind auf dieser Seite zu finden, in Bezug auf diese Debatte<a href=\"file:\/\/\/Users\/pdietrich\/Documents\/kommmunistische%20debatte\/sozialismus\/su1999.html\"> siehe vor allem<\/a>.<\/li>\n<li><b>Plaggenborg<\/b>, Stefan (Hg.): Stalinismus. Neue Forschungen und Konzepte, Berlin: Berlin-Verlag 1998.<\/li>\n<li><b>Stalin<\/b>, Werke Band 1 &#8211; 13, Dortmund: Raubdruck o. J.<\/li>\n<li><b>Stalin<\/b>, \u00d6konomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR; in: Probleme des wissenschaftlichen Sozialismus, Band 1, Frankfurt\/Main: Roter Druckstock 1972.<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<div align=\"right\">\n<p><a href=\"file:\/\/\/Users\/pdietrich\/Documents\/kommmunistische%20debatte\/sozialismus\/sozialismus_demokratie_schroeder2004.html\">[Weiter]<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div align=\"right\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"> Letzte \u00c4nderung: 21.03.2016 <\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Heiner Karuscheit Vorbemerkung Der grundlegende Ansatz unseres Kreises zur Kl\u00e4rung geschichtlicher Fragen bestand bislang darin, die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse zu untersuchen, um auf dieser Basis die Klassen, ihr konkretes Gesicht, ihre Entwicklung und ihr Aufeinanderwirken \u2013 mit einem Wort: die Klassenkr\u00e4fte \u2013 zu begreifen, die ein bestimmtes politisches Verhalten hervorrufen. 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