{"id":505,"date":"2016-09-14T10:00:25","date_gmt":"2016-09-14T08:00:25","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=505"},"modified":"2016-09-14T10:00:25","modified_gmt":"2016-09-14T08:00:25","slug":"lehren-des-irakkriegs","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=505","title":{"rendered":"Lehren des Irakkriegs"},"content":{"rendered":"<div>\n<h1>Eine Rezension zu Herfried M\u00fcnkler: Der neue Golfkrieg<\/h1>\n<h5>Von Heiner Karuscheit<\/h5>\n<p>Herfried M\u00fcnkler, Professor f\u00fcr Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t, ist der Erste, der eine Publikation zum j\u00fcngsten Golfkrieg ver\u00f6ffentlicht hat (rororo 2003, 176 Seiten; 12,90 Euro). Er war so schnell dazu in der Lage, weil er sich in den letzten Jahren intensiv mit der Entwicklung der Kriegf\u00fchrung besch\u00e4ftigt hat. Hauptkennzeichen seines soeben erschienenen B\u00fcchleins ist ein strikt historisches Herantreten, das den j\u00fcngsten Golfkrieg aus den vorangegangenen zwei Kriegen erkl\u00e4rt. Das macht seine St\u00e4rke &#8211; und zugleich seine Schw\u00e4che aus. Aber bevor wir zu den schwachen Seiten kommen, sollen zun\u00e4chst die starken vorgestellt werden.<\/p>\n<h2>1. Die ungel\u00f6ste arabische Hegemonialfrage<\/h2>\n<p>Die Ursache aller drei Golfkriege der letzten 24 Jahre sieht M\u00fcnkler in der ungel\u00f6sten arabischen Hegemonialfrage. Nachdem \u00c4gypten 1978 unter Anwar el Sadat in Camp David seinen Frieden mit Israel gemacht und auf die Rolle der arabischen F\u00fchrungsmacht verzichtet hatte, entstand ein Vakuum, dessen Ausf\u00fcllung auf den Irak als neue F\u00fchrungsmacht zulief. (S.\u00a083) Dieser hatte drei Jahre zuvor &#8211; 1975 &#8211; im Vertrag von Algier dem Iran die Mitkontrolle \u00fcber den Schatt el-Arab, das M\u00fcndungsgebiet von Euphrat und Tigris, zugestehen m\u00fcssen. Die unter Druck zustande gekommene Konzession wurde vom Irak und der ganzen arabischen Welt als N\u00f6tigung durch den gr\u00f6\u00dferen, besser bewaffneten und mit den USA verb\u00fcndeten persischen Nachbarn aufgefasst. Als in Teheran 1979 die islamische Revolution ausbrach, sah die irakische F\u00fchrung die Gelegenheit gekommen, den aufgen\u00f6tigten Vertrag r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen und den von \u00c4gypten ger\u00e4umten Platz als Vork\u00e4mpfer f\u00fcr die arabische Sache einzunehmen.<\/p>\n<p>In dem 1980 begonnenen ersten Golfkrieg waren die irakischen Truppen allerdings nicht in der Lage, den Iran niederzuwerfen, u.a., weil die USA alles taten, damit keine Seite den Sieg davontrug. Obwohl erst kurz zuvor durch die Geiselnahme von Teheran von den islamistischen Revolution\u00e4ren gedem\u00fctigt, agierten sie rational. Sie wollten &#8222;verhindern, dass einer der beiden Kontrahenten zur uneingeschr\u00e4nkten Hegemonialmacht in der Region aufstieg&#8220; (S.\u00a072), und unterst\u00fctzten nach dem Motto &#8222;am besten w\u00e4re es, wenn beide verlieren&#8220;, je nach Kriegsverlauf mal die eine, mal die andere Seite. Der Friedensschluss von 1988 kam so erst zustande, als die Kriegsgegner ihre Kr\u00e4fte ersch\u00f6pft hatten.<\/p>\n<p>Zwei Jahre sp\u00e4ter schlitterte der Irak beim Versuch, die erlittene Schlappe wett zu machen, in den zweiten Golfkrieg. Durch den Krieg hoch verschuldet, nahm seine F\u00fchrung die fehlende Konzessionsbereitschaft Kuwaits bei der F\u00f6rderung und Preisgestaltung des Roh\u00f6ls zum Anlass, 1990 das benachbarte Scheichtum zu besetzen. Das veranlasste die USA, an der Spitze einer internationalen Truppenkoalition zu intervenieren. Sie wurden neben der erneuten Sorge vor einer irakischen Hegemonie \u00fcber die Region auch von der Angst umgetrieben, der Irak w\u00fcrde auf milit\u00e4rischem Weg zum &#8222;Kontrolleur des \u00d6lpreises&#8220; werden (S.\u00a0 94).<\/p>\n<p>Aber der amerikanische Sieg unter den Fahnen der UNO blieb unvollendet, denn die alliierten Truppen verzichteten auf den Marsch auf Bagdad, und die Aufst\u00e4nde der Schiiten im S\u00fcden sowie der Kurden im Norden wurden von den Amerikanern nicht unterst\u00fctzt. Den Grund daf\u00fcr sieht M\u00fcnkler nicht in der fehlenden Legitimation durch die UNO, sondern in der Bef\u00fcrchtung der amerikanischen Administration, ihre nah\u00f6stlichen arabischen B\u00fcndnispartner zu verlieren, wenn der Irak zerfiel. Stattdessen setzte die US-Regierung darauf, dass Saddam Hussein durch einen Milit\u00e4rputsch gest\u00fcrzt und der Irak anschlie\u00dfend eine andere Politik betreiben w\u00fcrde (S.\u00a0110). Diese Hoffnung realisierte sich jedoch nicht, sondern das Baath-Regime konsolidierte sich erneut. So waren die vorhandenen Widerspr\u00fcche weder durch den ersten noch durch den zweiten Golfkrieg gel\u00f6st, sondern bestanden weiter.<\/p>\n<h2>2. Das Dilemma der USA<\/h2>\n<p>Das Grunddilemma der USA sieht M\u00fcnkler darin, dass sie seit der islamischen Revolution von 1979 im Iran \u00fcber keinen starken Regionalverb\u00fcndeten mehr verf\u00fcgten. Die vers\u00e4umte Neuordnung der Region nach dem 2.Golfkrieg brachte sie, je l\u00e4nger der Frieden dauerte, in eine umso heiklere Position, denn das Sanktionsregime der UNO gegen den Irak war nicht auf Dauer durchzuhalten. Vor allem Frankreich und Russland, die erhebliche Interessen im Irak hatten (\u00d6lf\u00f6rderung), dr\u00e4ngten immer mehr auf die Aufhebung der UN-Sanktionen und setzten die Amerikaner wegen des sanktionsbedingten Todes zigtausender irakischer Kinder und Erwachsener auf die moralische Anklagebank. Sp\u00e4testens nach dem absehbaren Ende der wieder aufgenommenen UN-Waffeninspektionen h\u00e4tten die Sanktionen fallen m\u00fcssen. Dann w\u00e4ren auch die so genannten &#8222;Flugverbotszonen&#8220; im Norden und S\u00fcden des Irak, die Gro\u00dfbritannien und die USA ohne UN-Mandat verk\u00fcndet hatten, nicht mehr zu halten gewesen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus waren die Amerikaner in den ihnen nahe stehenden arabischen Staaten mit einer wachsenden Feindseligkeit konfrontiert. Ohne es zu wollen, untergrub alleine ihre Pr\u00e4senz in den verb\u00fcndeten Scheicht\u00fcmern deren konservativ-islamische Herrschaftsgrundlagen. Es war ein wachsendes &#8222;Unbehagen der unteren Ober- und oberen Mittelschicht in den konservativen Golfmonarchien an der unaufhaltsam wachsenden politischen wie kulturellen Dominanz Amerikas in der Region&#8220; zu beobachten. (S.\u00a038)<\/p>\n<p>Der Status quo entwickelte sich also mehr und mehr gegen Washington. Ein amerikanischer R\u00fcckzug aus der Region h\u00e4tte jedoch &#8222;zur Folge gehabt, dass Saddam Hussein in der arabischen Welt als Sieger und Bezwinger der amerikanischen Weltmacht gegolten h\u00e4tte, dass er seine Hegemonialpolitik, die er seit 1980 in zwei Kriegen verfolgt hat, wieder h\u00e4tte aufnehmen und sich dabei auf eine Reputation bei den arabischen Massen h\u00e4tte st\u00fctzen k\u00f6nnen, die ihm wahrscheinlich binnen k\u00fcrzester Zeit eine grundlegende Ver\u00e4nderung der Machtverh\u00e4ltnisse in der arabischen Welt erm\u00f6glicht h\u00e4tte. Saddam Hussein w\u00e4re dann m\u00e4chtiger gewesen als je zuvor; milit\u00e4risch zweimal gescheitert, h\u00e4tte er zuletzt als der gro\u00dfe politische Sieger dagestanden.&#8220; (S.\u00a0112) Damit einhergegangen w\u00e4re auch eine Bedrohung des engsten US-Verb\u00fcndeten in der Region, Israels, das verst\u00e4rkt \u00fcber einen &#8222;Pr\u00e4ventionskrieg&#8220; h\u00e4tte nachdenken m\u00fcssen. (S.\u00a0113)<\/p>\n<p>Zusammengefasst war das Resultat: &#8222;Die amerikanische Irakpolitik war also in ein Dilemma geraten, in dem jeder Ausweg aus dem Status quo ebenfalls mit einer F\u00fclle von Problemen und unerw\u00fcnschten Effekten gepflastert war. In dieser Situation schien die milit\u00e4rische Option schlie\u00dflich noch der gangbarste Weg zu sein.&#8220; (S.\u00a046)<\/p>\n<h2>3. Das milit\u00e4rische Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis<\/h2>\n<p>Milit\u00e4risch war die Lage f\u00fcr die USA selten g\u00fcnstig, denn der Irak war nach den beiden vorangegangenen Kriegen wirtschaftlich, politisch und milit\u00e4risch geschw\u00e4cht. Auch war seine Truppenf\u00fchrung miserabel. Den Grund daf\u00fcr sieht der Autor darin, dass die herrschende Baath-Partei das Milit\u00e4r zwar einerseits brauchte, um eine regionale Vormachtstellung zu erk\u00e4mpfen, andererseits aber wegen der prek\u00e4ren Herrschaftsverh\u00e4ltnisse die eigene Entmachtung durch einen Milit\u00e4rputsch f\u00fcrchtete. Das hatte zur Folge, dass Saddam Hussein in den vorangegangenen Kriegen alle Operationen bis auf Bataillonsebene hinunter kontrollierte. Besonders t\u00fcchtige und auf dem Schlachtfeld erfolgreiche Offiziere wurden ihres Postens enthoben oder verschwanden unter dubiosen Umst\u00e4nden. (S.\u00a086)<\/p>\n<p>Die USA auf der anderen Seite waren der erste Staat, der die so genannte &#8222;milit\u00e4rische Revolution&#8220;, wie M\u00fcnkler den Wandel der Kriegf\u00fchrung seit dem Ausgang des 20. Jahrhunderts nennt, erfolgreich bew\u00e4ltigt hatte. Voraussetzung daf\u00fcr war die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht nach dem Vietnam-Krieg gewesen, so dass &#8222;nunmehr die S\u00f6hne der politisch artikulationsf\u00e4higen amerikanischen Mittelschicht nicht l\u00e4nger in Kriegseins\u00e4tze geschickt&#8220; werden mussten. (S.\u00a0143) Die an ihre Stelle tretenden Soldaten sind Berufssoldaten, die anders als Wehrpflichtige nicht mit der Gesellschaft verwoben sind. Die Bodentruppen, die regelm\u00e4\u00dfig die h\u00f6chsten Verlustraten bei Kampfeins\u00e4tzen haben, rekrutieren sich vor allem aus den Unterschichten, die aufgrund ihrer &#8222;notorischen Politikabstinenz&#8220; im politischen System der USA unterrepr\u00e4sentiert sind. Auf diese Weise ist die amerikanische Armee, so M\u00fcnkler, zu einer \u00fcberall und jederzeit einsetzbaren S\u00f6ldnertruppe geworden, ohne dass die Regierung allzuviel R\u00fccksicht auf die &#8222;Heimatfront&#8220; nehmen muss.<\/p>\n<p>Den eigentlichen Inhalt der &#8222;milit\u00e4rischen Revolution&#8220;, \u00fcber die der Autor bereits verschiedentlich publiziert hat, sieht er in der &#8222;elektronische(n) Kontrolle und &#8218;Bewirtschaftung&#8216; des Gefechtsfeldes&#8220; (S.\u00a095), gest\u00fctzt vor allem auf den Einsatz der Luftwaffe, die mit neuartigen Waffensystemen ausger\u00fcstet ist. Gegen\u00fcber anderen L\u00e4ndern wird so eine &#8222;asymmetrische Kriegf\u00fchrung&#8220; m\u00f6glich, mit der Folge, dass &#8222;milit\u00e4rische Gewalt wieder zu einem politischen Instrument der einzig verbliebenen Supermacht geworden&#8220; ist. (S.\u00a097) Zum ersten Mal im zweiten Golfkrieg angewendet, sieht M\u00fcnkler den dritten Golfkrieg als vorerst j\u00fcngsten und weiter entwickelten Praxistest f\u00fcr die Umsetzung dieser &#8222;milit\u00e4rischen Revolution.&#8220;<\/p>\n<h2>4. Die amerikanischen Irakpl\u00e4ne<\/h2>\n<p>Um die politischen Ziele der USA nachzuvollziehen, geht der Berliner Politikwissenschafter von der Charakterisierung der arabisch-islamischen Welt als einer &#8222;Ansammlung blockierter Gesellschaften&#8220; aus. Den Grund daf\u00fcr sieht er im sogenannten &#8222;Petrolismus&#8220;, bedingt durch die ebenso leichten wie riesigen Einnahmen aus dem Erd\u00f6lexport (&#8222;Renten&#8220;). Sie unterminieren das Arbeitsethos, weil alle schweren Arbeiten durch Arbeitsmigranten aus den Nachbarl\u00e4ndern ausgef\u00fchrt werden. Im Innern werden Teile der Gesellschaft f\u00fcr ihr Wohlverhalten subventioniert, und im \u00c4u\u00dferen sind es ganze Staaten. Gleichzeitig verfallen unter dem Einfluss des Westens die traditionellen Werte und Strukturen der arabischen Gesellschaften immer mehr. Die ganze Region versinke immer mehr im Chaos, ohne &#8222;aus eigener Kraft einen Ausweg aus der Krise zu finden.&#8220; (S.\u00a054)<\/p>\n<p>Das Saddam-Hussein-Regime, so die Einsch\u00e4tzung der Amerikaner gem\u00e4\u00df M\u00fcnkler, sei ein Versuch gewesen, die arabische Selbstblockade auf milit\u00e4rischem Weg zu durchbrechen, indem ein Gro\u00dfteil der \u00d6leinnahmen in die R\u00fcstung ging. Die von den USA nach dem Sturz des Baath-Regimes geplante Alternative sei demgegen\u00fcber die Errichtung eines &#8222;Prosperit\u00e4tsregimes&#8220; (S.\u00a050). Die aus dem \u00d6lgesch\u00e4ft flie\u00dfenden Gelder sollten k\u00fcnftig in den Ausbau der Infrastruktur flie\u00dfen. Als wichtigstes &#8222;Bindeglied zwischen Staat und Gesellschaft&#8220; solle insbesondere der Mittelstand gef\u00f6rdert werden, um k\u00fcnftig als Garant gegen einen erneuten kriegerischen Abenteuerweg zu dienen. &#8222;Durch eine dosierte Partizipation der mittleren Schichten ist sicherzustellen, dass die Wohlstandsinteressen gegen\u00fcber erneuten milit\u00e4rischen Expansionsneigungen das \u00dcbergewicht behalten.&#8220; (S.\u00a051) An die Stelle des bisherigen &#8222;Rentiersstaats&#8220; solle so auf Dauer ein normaler &#8222;Steuerstaat&#8220; treten und als Vorbild f\u00fcr die ganze arabische Welt dienen. Dabei sei der Irak unter allen vergleichbaren Staaten der beste Kandidat. Industriell weiter als andere entwickelt, stand er vor den Golfkriegen schon auf der Schwelle zur &#8222;Ersten Welt&#8220;; der Islamismus sei hier schw\u00e4cher und die s\u00e4kulare Politiktradition st\u00e4rker als in den Nachbarl\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Das alles ist wohlgemerkt nicht M\u00fcnklers eigene Position, sondern die von ihm diagnostizierte Auffassung der Amerikaner, die er f\u00fcr ernst gemeint h\u00e4lt. Ob die gew\u00fcnschte Umsetzung unter den gegebenen Umst\u00e4nden allerdings gelingt, bezweifelt der Autor. Und scheitert sie, &#8222;so ist im Nachhinein auch der Krieg verloren, gleichg\u00fcltig, wie erfolgreich die milit\u00e4rischen Operationen durchgef\u00fchrt worden sind.&#8220; (S.\u00a064)<\/p>\n<h2>5. Weiterf\u00fchrende Fragen<\/h2>\n<p>Im Anschluss an die Lekt\u00fcre stellen sich eine ganze Reihe von Fragen, auf welche die Ver\u00f6ffentlichung keine oder unzureichende Antworten gibt, sei es, weil sie nicht ihr Gegenstand sind, sei es, weil der Autor eine andere Sichtweise hat.<\/p>\n<h3>Das Ende des arabischen Nationalismus<\/h3>\n<p>Mit dem Sturz des irakischen Baath-Regimes ist auch die Bewegung des fr\u00fcher einmal m\u00e4chtigen arabischen Nationalismus ans Ende gekommen. Ihr Programm war das einer b\u00fcrgerlich gef\u00fchrten Revolution, welche die reaktion\u00e4ren Golfmonarchien st\u00fcrzen und ein vereintes Arabien errichten sollte. Auch wenn \u00dcberreste der Baath-Partei im Irak weiter k\u00e4mpfen sollten, ist kaum vorstellbar, dass sie noch einmal die Hegemonie \u00fcber die oppositionellen Kr\u00e4fte erlangen. Sollte sich ein dauerhafter Widerstand gegen das von den USA geplante Kompradorenregime entfalten, wird er sich wahrscheinlich um islamistische Kr\u00e4fte herum gruppieren. Im Unterschied zur arabisch-nationalen Bewegung zielt der Islamismus jedoch weder auf die Herstellung einer b\u00fcrgerlichen Gesellschaft noch auf einen arabischen Nationalstaat. Was das f\u00fcr die Zukunft Arabiens bedeutet, ist gegenw\u00e4rtig unabsehbar.<\/p>\n<h3>Innere Verfasstheit der USA<\/h3>\n<p>Das Buch erkl\u00e4rt die Kriegsursachen ausschlie\u00dflich aus der Entwicklung der nah\u00f6stlichen Widerspr\u00fcche. Aber zum Kriegf\u00fchren geh\u00f6ren immer zwei. Woher kommt es, dass die Neigung der Vereinigten Staaten zu milit\u00e4rischem Vorgehen und zum Alleingang zugenommen hat? Hat das ausschlie\u00dflich mit milit\u00e4rtechnologischen Fortschritten zu tun und nichts mit gesellschaftlichen Entwicklungen? Bekanntlich ist die Produktivit\u00e4t der amerikanischen Industrie gegen\u00fcber der Konkurrenz in Europa und Asien zur\u00fcckgefallen, wie sich u.\u00a0a. an dem h\u00f6heren Energieverbrauch in der Produktion zeigt. Das gesellschaftliche Modernisierungsprogramm, das die vorherige Pr\u00e4sidentschaft verfolgt hat, ist gescheitert. Wenn man im wirtschaftlichen Wettbewerb gegen die Konkurrenz aber unterlegen ist, liegt dann nicht die Versuchung nahe, auf ein anderes Feld &#8211; das milit\u00e4rische &#8211; auszuweichen?<\/p>\n<h3>Ringen um Hegemonie<\/h3>\n<p>Daran schlie\u00dft sich die Frage an, inwieweit der Umgang mit dem Irak Teil eines \u00fcbergeordneten, weltweiten Ringens um Hegemonie war bzw. weiterhin ist. Zwar \u00e4u\u00dfert M\u00fcnkler angesichts des gewaltigen milit\u00e4rischen Vorsprungs der USA die Vermutung, &#8222;dass die USA in der Konkurrenz mit dem asiatischen und dem europ\u00e4ischen Wirtschaftsraum ein Interesse an gelegentlichen Kriegen haben d\u00fcrften, da sie auf diese Weise am leichtesten und folgenreichsten ihre Vormachtstellung festigen und unter Beweis stellen k\u00f6nnen. (&#8230;) Darum ist anzunehmen, dass dem Dritten Golfkrieg (&#8230;) weitere Kriege \u00e4hnlichen Typs folgen.&#8220; (S.\u00a0\u00a0147,\u00a0153). Bei dieser allgemeinen Feststellung bel\u00e4sst er es jedoch. Er macht nicht den zweiten Schritt, n\u00e4mlich zu untersuchen, ob nicht ein entscheidender Grund f\u00fcr den letzten Golfkrieg das Motiv war, dadurch die Herrschaft \u00fcber das Erd\u00f6l als heutige Hauptenergiequelle zu gewinnen, um die konkurrierenden M\u00e4chte in Abh\u00e4ngigkeit zu halten.<\/p>\n<h3>Deutschland als Schl\u00fcsselmacht der &#8222;Achse&#8220;<\/h3>\n<p>In Europa ist die amerikanische Irakpolitik genau so aufgefasst worden, n\u00e4mlich als Teil einer umfassenden Vorherrschaftsstrategie. Daraus haben die wichtigsten Kontinentalm\u00e4chte den Schluss gezogen, sich dem Krieg zu widersetzen. Andere europ\u00e4ische L\u00e4nder mit Gro\u00dfbritannien an der Spitze zogen es vor, mit dem absehbaren Sieger zu gehen. Ob die &#8222;Achse&#8220; aus Frankreich, Russland und Deutschland dauerhaft zusammenh\u00e4lt, h\u00e4ngt in erster Linie von dem Verhalten Deutschlands ab. F\u00fcr die zentraleurop\u00e4ische Schl\u00fcsselmacht bedeutete das &#8222;Nein&#8220; zum Krieg eine grundlegende au\u00dfenpolitische Z\u00e4sur, die sich insbesondere im historischen Vergleich zeigt. 1963 fand Adenauer bei seinem Versuch eines Zusammengehens mit Frankreich gegen Amerika durch den Elysee-Vertrag keine Mehrheit im Bundestag. Vierzig Jahre sp\u00e4ter versuchte die US-treue Unionsf\u00fchrung gar nicht erst, die B\u00fcndnisfrage als Hebel f\u00fcr den Regierungssturz einzusetzen. Sie konnte sich ihrer eigenen Abgeordneten nicht sicher sein, geschweige denn eine pro-amerikanische Mehrheit im Bundestag ausmachen. Aber wie wird es nach der n\u00e4chsten Bundestagswahl aussehen?<\/p>\n<h3>Die Gr\u00fcnen als Vorreiter des S\u00f6ldnerwesens<\/h3>\n<p>Kaum war die &#8222;Achse&#8220; gebildet, verk\u00fcndete die Bundesregierung den endg\u00fcltigen Umbau der Bundeswehr zu einer weltweit einsetzbaren Interventionsarmee. Wehrpflichtige bilden nicht l\u00e4nger die Grundlage der Kampftruppen; sie werden nur noch eingezogen, um aus ihren Reihen Berufssoldaten zu rekrutieren. Wieder einmal zeigte sich der Krieg als &#8222;Vater aller Dinge&#8220;. F\u00fcr einen n\u00fcchternen b\u00fcrgerlichen Kriegsforscher wie M\u00fcnkler ist klar, dass die Wehrpflicht bislang der Garant daf\u00fcr war, dass die deutsche Bundesregierung &#8211; gleich welche Partei den Kanzler stellte &#8211; nur h\u00f6chst z\u00f6gerlich Kampftruppen ins Ausland entsandt hat, weil sie auf die \u00f6ffentliche Meinung R\u00fccksicht nehmen musste. Dagegen sind &#8222;S\u00f6ldnerverb\u00e4nde (&#8230;) politisch neutralisiert, denn sie haben keine Stimme, mit der sie sich Geh\u00f6r verschaffen k\u00f6nnen.&#8220; (S.\u00a0144) Eine besondere Ironie der Geschichte will es, dass gerade die &#8222;Gr\u00fcnen&#8220;, die bisherigen Ideologen des Pazifismus, heute die Vorreiter der Forderung sind, die Wehrpflicht endg\u00fcltig abzuschaffen und eine reine Berufsarmee aufzubauen, die f\u00fcr jedes Abenteuer zu haben ist.<\/p>\n<h3>Haltung der Klassen in Deutschland<\/h3>\n<p>\u00dcber die au\u00dfenpolitische Z\u00e4sur hinaus war die Stellung der Klassen in Deutschland zum Krieg aufschlussreich. Die Bourgeoisie war gespalten; sie ist es in der Kernfrage des atlantischen B\u00fcndnisses bis heute, wie sich an der Haltung der b\u00fcrgerlichen Parteien und an den ma\u00dfgeblichen Zeitungen ablesen l\u00e4sst. Gegen den Krieg waren die neuen Mittelschichten, insbesondere auch das sog. &#8222;Bildungsb\u00fcrgertum&#8220;. Die Gegnerschaft bis weit in b\u00fcrgerliche Kreise hinein machte die Demonstrationen sozial um einiges breiter als fr\u00fcher, was aufmerksame Beobachter an der Kleidung der Teilnehmer festmachten.<\/p>\n<p>Wo aber stand die Arbeiterklasse? Zwar hatten die Gewerkschaften gegen den Krieg aufgerufen, aber die Demonstrationen wurden nicht durch Arbeitermassen gepr\u00e4gt. Die gro\u00dfe Mehrheit blieb neutral, und daf\u00fcr gibt es eine naheliegende Erkl\u00e4rung: man war einerseits mit der SPD-Regierung und den Gewerkschaften gegen den Krieg, hatte aber andererseits die unausgesprochene Hoffung, dass sinkende \u00d6lpreise, wie von der amerikanischen Regierung versprochen, das Autofahren wieder billiger machen w\u00fcrden. \u00dcberdies war die Sorge da, dass ein Streit mit den USA au\u00dfer dem Welthandel auch den eigenen Arbeitsplatz tangieren w\u00fcrde. Solcherma\u00dfen hin- und hergerissen zwischen dem politischen Rock und dem wirtschaftlichen Hemd blieben Arbeiter und kleine Angestellte lieber zu Hause.<\/p>\n<p>Sie best\u00e4tigten damit das Urteil, dass gegenw\u00e4rtig keine Klasse sich so konservativ verh\u00e4lt wie diejenige, die als Einzige die bestehende Gesellschaftsordnung st\u00fcrzen kann. Die Arbeiterklasse verteidigt nicht nur innenpolitisch den Sozialstaatskompromiss mit der Bourgeoisie bis zum bitteren Ende, sondern h\u00e4lt sich auch au\u00dfenpolitisch lieber an das Althergebrachte. Wie vieler Niederlagen bedarf es noch, bis diese Haltung ins Rutschen ger\u00e4t und der Riese anf\u00e4ngt, sich der selbst angelegten Fesseln zu entledigen, die ihn tausendfach an die b\u00fcrgerliche Gesellschaft binden?<\/p>\n<p>Alles in allem birgt der dritte Golfkrieg noch so manche Lehren. Es lohnt sich, ihn genau zu studieren.<\/p>\n<\/div>\n<div align=\"right\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"> Letzte \u00c4nderung: 21.03.2016 <\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Rezension zu Herfried M\u00fcnkler: Der neue Golfkrieg Von Heiner Karuscheit Herfried M\u00fcnkler, Professor f\u00fcr Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t, ist der Erste, der eine Publikation zum j\u00fcngsten Golfkrieg ver\u00f6ffentlicht hat (rororo 2003, 176 Seiten; 12,90 Euro). 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