{"id":492,"date":"2016-09-14T09:47:19","date_gmt":"2016-09-14T07:47:19","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=492"},"modified":"2016-09-14T09:47:19","modified_gmt":"2016-09-14T07:47:19","slug":"das-afghanische-dilemma-die-linke-zwischen-imperialismus-und-mittelalter","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=492","title":{"rendered":"Das afghanische Dilemma &#8211; Die Linke zwischen Imperialismus und Mittelalter"},"content":{"rendered":"<div>\n<h5>Von Heiner Karuscheit<\/h5>\n<p>Neben der Einsch\u00e4tzung der US-amerikanischen Globalstrategie besteht das Grundproblem jeder Stellungnahme zum gegenw\u00e4rtigen Afghanistan-Krieg darin, dass es sich bei den Taliban als den Gegnern der USA um islamische Glaubenskrieger handelt, die einen mittelalterlichen Gottesstaat gegen die Moderne errichtet haben und verteidigen. Demgegen\u00fcber stellt die gegenw\u00e4rtige b\u00fcrgerliche Gesellschaft des Westens trotz aller Kritik zweifelsohne einen emanzipatorischen Fortschritt und die Voraussetzung des kommenden Kommunismus dar. Auf dieser Basis ziehen die sogenannten \u201eAntideutschen\u201c, an der Spitze die Zeitschrift Bahamas, in der u.a. von Kalaschnikow dokumentierten Stellungnahme \u201eZur Verteidigung der Zivilisation\u201c die Schlussfolgerung, dass der Nato-Krieg unterst\u00fctzt werden m\u00fcsse, weil er letztendlich dem historischen Fortschritt diene.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem haben sie in den Attentaten vom 11.September eine antisemitische, gegen Israel gerichtete Zielsetzung entdeckt. Diesem Staat, heute der Regierung Scharon, f\u00fchlen sie sich aber in besonderem Ma\u00dfe verpflichtet. Deshalb treten sie erst recht daf\u00fcr ein, den islamischen Fundamentalismus wo auch immer und mit welchen Mitteln auch immer zu vernichten, und attackieren die deutsche Politik, weil der milit\u00e4rische Kampf gegen den \u201eMoslemfaschismus\u201c nicht mit vollem Einsatz erfolgt. Abstrakt m\u00f6gen die \u201eAntideutschen\u201c Anh\u00e4nger des Kommunismus sein. Politisch-praktisch bet\u00e4tigen sie sich auf dem \u00e4u\u00dfersten rechten Fl\u00fcgel der b\u00fcrgerlichen Reaktion als Scharfmacher der kapitalistischen Kriegsm\u00e4chte.<\/p>\n<p>Auch die Masse der \u00fcbrigen Linken begreift das Taliban-Regime als r\u00fcckschrittlich, will aber nichts mit dem Krieg gegen Afghanistan zu tun haben, der \u00fcberwiegend als imperialistischer Akt eingesch\u00e4tzt wird. Auf diese Weise vor die Wahl zwischen Mittelalter und Imperialismus gestellt, erkl\u00e4rt man sich f\u00fcr neutral und tritt auf Parteitagen, Flugbl\u00e4ttern oder Anti-Kriegsdemonstrationen f\u00fcr \u201eFrieden, Gerechtigkeit weltweit\u201c, f\u00fcr den \u201eStopp aller Kriegshandlungen\u201c oder f\u00fcr \u201eFrieden jetzt\u201c ein. Diese bequeme Position der \u201eMitte\u201c vertr\u00e4gt sich gut mit dem ohnehin verbreiteten Pazifismus.<\/p>\n<p>Einer Organisation wie der MLPD ist dies zu wenig. Aber wie soll man gegen die Kriegspolitik der USA Stellung nehmen, ohne sich auf die Seite der Taliban zu schlagen? Die L\u00f6sung ist einfach. Die MLPD hat \u201efortschrittliche Kr\u00e4fte\u201c in Afghanistan gefunden, die einen \u201eAufschwung des Kampfes um nationale und soziale Befreiung\u201c herbeigef\u00fchrt haben. Daher kann man zur \u201eUnterst\u00fctzung des Befreiungskampfs des afghanischen Volkes!\u201c aufrufen: \u201eNicht USA, nicht Taliban &#8211; f\u00fcr ein freies Afghanistan\u201c.<\/p>\n<p>Welche \u201efortschrittlichen Kr\u00e4fte\u201c das sind, erfahren wir leider nicht. Ist vielleicht die \u201eNordallianz\u201c gemeint, jenes wackelige Zweckb\u00fcndnis von Stammeskriegern aus den V\u00f6lkerschaften der Tadschiken, Usbeken oder Hazaras, dessen Fraktionen jeweils von Russland, Iran oder Indien ausgehalten werden, und die dank der amerikanischen Bombardements jetzt daran gehen k\u00f6nnen, ihre Stellung gegen das paschtunische Mehrheitsvolk auszubauen? Oder sind die einzelnen Clans der Paschtunen gemeint, die seit Beginn der Auseinandersetzungen von den USA als Gegengewicht gegen die Nordallianz finanziert werden und gerade dabei sind, das lokale Banditentum zu etablieren, nachdem die immerhin von den Taliban hergestellte Staatlichkeit zusammengebrochen ist? Die Frage stellen hei\u00dft sie beantworten, denn wo sollen die Kr\u00e4fte der Moderne herkommen in einem Land, dessen ohnehin nur rudiment\u00e4re Industrie seit mehr als einem Jahrzehnt vollst\u00e4ndig vernichtet ist?<\/p>\n<p>In gewisser Hinsicht bringen die von der MLPD entdeckten \u201efortschrittlichen Kr\u00e4fte\u201c das Dilemma der Linken auf den Punkt. So wenig wie in Afghanistan Ans\u00e4tze zu einer modernen Gesellschaft vorhanden sind, so wenig findet ein Kampf des \u201eFortschritts\u201c mit der \u201eReaktion\u201c statt. Das Fehlen einer positiven Perspektive hat zur Folge, dass man in diesem Konflikt keine Partei ergreifen, dass man sich mit keiner Seite solidarisieren, geschweige denn identifizieren kann.<\/p>\n<p>Was man aber tun kann, das sind drei Dinge, die die Mehrheit der Linken sich bislang weigert zu vertreten: Zum ersten muss man f\u00fcr das selbstverst\u00e4ndliche demokratische Recht Afghanistans eintreten, sein Schicksal selber zu bestimmen. Den Gebrauch dieses Selbstbestimmungsrechts, d.h. das Ergebnis der getroffenen Entscheidung, mag man positiv oder negativ bewerten. Kein Land aber hat das Recht, einem anderen eine bestimmte Staatsform aufzuzwingen, mit welcher Begr\u00fcndung auch immer. Wenn es gerichtsfest nachzuweisen war, dass die Attentate vom 11.September von Bin Ladin organisiert waren, dann musste seine Ergreifung Gegenstand einer Polizeiaktion sein, notfalls auch von geheimdienstlichen Operationen. Wenn dies nicht getan wurde, sondern die US-Regierung stattdessen einen Krieg vom Zaun brach, so steht ein anderes Ziel dahinter, n\u00e4mlich die milit\u00e4rische Festsetzung in Mittelasien, zu welcher die Attentate nur den \u00e4u\u00dferen Anlass boten.<\/p>\n<p>Das zweite ist, f\u00fcr die Niederlage der Nato einzutreten, sei es in Afghanistan oder wohin auch immer die US-Administration die Nato-M\u00e4chte in den \u201eKampf gegen den Terrorismus\u201c f\u00fchren wird. Nicht zuletzt ist dies deswegen angesagt, weil der Bedeutungsr\u00fcckgang ihrer \u00d6konomie die USA zunehmend zu einer internationalen Destabilisierungspolitik greifen l\u00e4sst, um ihre Weltmachtrolle milit\u00e4risch abzust\u00fctzen. Ein R\u00fcckschlag f\u00fcr das westliche Staatenb\u00fcndnis w\u00fcrde nicht allein die Zentralmacht der gegenw\u00e4rtigen b\u00fcrgerlichen Weltordnung schw\u00e4chen, sondern vor allem auch die deutsche Bourgeoisie, zu deren au\u00dfenpolitischen Glaubensbekenntnis die Nato geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Das dritte ist, aus denselben Gr\u00fcnden f\u00fcr den Austritt der BRD aus der Nato und den Abzug aller ausl\u00e4ndischen Truppen aus Deutschland einzutreten. Einige von denen, die in den 70er und 80er Jahren derartige Parolen vertraten, singen heute im Bundestag das Hohelied der \u201ewestlichen Wertegemeinschaft\u201c und bringen es fertig, daf\u00fcr zu stimmen, dass die Bundeswehr mithilft, die Zweifel an dieser Wertegemeinschaft in anderen Kontinenten mit vorgehaltener Waffe auszur\u00e4umen. Um so notwendiger ist es, dass die heutige Linke sich auf die Teile ihres Erbes besinnt, derer sie sich keinerlei Grund hat zu sch\u00e4men. Dazu geh\u00f6rt nicht zuletzt das Eintreten gegen die Nato.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Zuerst ver\u00f6ffentlicht in: <a href=\"http:\/\/www.kalaschnikow.revolte.net\/txt\/2001\/karuscheit08.html\" target=\"_blank\">Kalaschnikow-Online<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div align=\"right\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"> Letzte \u00c4nderung: 21.03.2016 <\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Heiner Karuscheit Neben der Einsch\u00e4tzung der US-amerikanischen Globalstrategie besteht das Grundproblem jeder Stellungnahme zum gegenw\u00e4rtigen Afghanistan-Krieg darin, dass es sich bei den Taliban als den Gegnern der USA um islamische Glaubenskrieger handelt, die einen mittelalterlichen Gottesstaat gegen die Moderne errichtet haben und verteidigen. 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