{"id":481,"date":"2016-09-14T09:37:36","date_gmt":"2016-09-14T07:37:36","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=481"},"modified":"2016-09-14T09:37:36","modified_gmt":"2016-09-14T07:37:36","slug":"brzezinskis-vorherrschaftsstrategie-und-der-afghanistan-konflikt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=481","title":{"rendered":"Brzezinskis Vorherrschaftsstrategie und der Afghanistan-Konflikt"},"content":{"rendered":"<h5>Von Heiner Karuscheit<\/h5>\n<div>\n<h2>Vorbemerkung<\/h2>\n<p>Das US-Vorgehen in Afghanistan wird vielfach auf die Globalstrategie zur\u00fcckgef\u00fchrt, die Brzezinski in dem Buch <i>Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft<\/i> entwickelt hat. In zwei Punkten ist dies unzweifelhaft richtig, n\u00e4mlich a) im Ziel des Ausbaus und der Sicherung der amerikanischen Weltmachtstellung auf absehbare Zeit, und b) in der geopolitischen Konzentration auf den eurasischen Kontinent, dessen Kontrolle Grundbedingung der amerikanischen Vorherrschaft ist.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus zeigen sich jedoch Unterschiede zwischen der von Brzezinski vorgeschlagenen Strategie und der augenblicklichen US-Politik, die m\u00f6glicherweise mit dem Wechsel von Demokraten zu Republikanern zusammenh\u00e4ngen (Brzezinski ist ein f\u00fchrender demokratischer Politiker), m\u00f6glicherweise aber auch auf einen weitergehenden Politikwechsel hindeuten. Der nachfolgenden Rezension von Brzezinskis Buch, die zuerst im August 1999 in den AzD (Nr. 68) erschienen ist, werden daher einige Vermutungen \u00fcber diesen Wandel vorangestellt, die zur weiteren Diskussion anregen sollen:<\/p>\n<p>(1) Brzezinski formuliert f\u00fcr die verschiedenen Teile der Welt eine Gleichgewichtspolitik, in der die USA als Garant der jeweiligen regionalen Stabilit\u00e4t fungieren. In dieser Politik sind milit\u00e4rische Eins\u00e4tze nicht ausgeschlossen, aber als letztes Mittel vorgesehen. Dagegen zeichnet sich unter der gegenw\u00e4rtigen Bush-Regierung eine Verschiebung von politischen zu milit\u00e4rischen Methoden ab, verbunden mit einer Destabilisierungspolitik, die ihrerseits nach milit\u00e4rischen Antworten (durch die USA) ruft.<\/p>\n<p>(2) Neben Afghanistan zeigt sich dieser Wechsel am offenkundigsten im Nahen Osten, in der Pal\u00e4stina-Frage. Zielte die Clinton-Politik hier auf einen Ausgleich (Oslo-Abkommen) zwischen Israel und den Pal\u00e4stinensern unter amerikanischer Regie, so setzt die Bush-Administration einseitig auf Israel und eine milit\u00e4risch fundierte L\u00f6sung des Konflikts.<\/p>\n<p>(3) Wenn, dann k\u00f6nnte das Vorgehen auf dem Balkan in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Vorbild f\u00fcr diese Politik gewesen sein. Aus der schnellen Anerkennung Sloweniens und Kroatiens durch Bonn beim Zerfall Jugoslawiens Anfang der 90er Jahre zogen die USA (nach einigem Hin und Her) offenbar die Schlu\u00dffolgerung, dass das wiedervereinigte Deutschland sich anschickte, zur europ\u00e4ischen Hegemonialmacht zu werden. Eine solche Konstellation muss jedoch verhindert werden, denn in jeder Macht, die die Hegemonie \u00fcber Europa gewinnt, gleich ob in deutscher, russischer oder russisch-deutscher Gestalt, erw\u00e4chst ein potentieller Nebenbuhler um die Weltmacht. Die Konsequenz daraus war, die Konflikte zwischen den Volksgruppen in Bosnien (und die Widerspr\u00fcche zwischen Deutschland, Gro\u00dfbritannien und Frankreich) zu sch\u00fcren, bis ein direktes amerikanisches Eingreifen legitimiert war. Im Ergebnis f\u00fchrten das Bosnien-Abkommen von Dayton und der Kosovo-Krieg der NATO gegen die serbische Regionalmacht einen amerikanischen Frieden herbei, der alle wesentlichen Fragen ungekl\u00e4rt l\u00e4sst (siehe dazu Peter Gowan: Die Hintergr\u00fcnde des NATO-Krieges in Jugoslawien; in: AzD 69), aber die M\u00f6glichkeit bietet, jederzeit wieder einen kriegerischen Konflikt zu entfachen, um die europ\u00e4ischen M\u00e4chte zu spalten.<\/p>\n<p>(4) Insofern h\u00e4tte sich die unter Clinton h\u00e4ufig konstatierte Inkonsistenz der amerikanischen Au\u00dfenpolitik in eine bestimmte Richtung aufgel\u00f6st, die auf dem Vorrang des Milit\u00e4rischen und einer Politik der Destabilisierung beruht. Zugunsten einer unilateralen Vorgehensweise scheinen die multilateralen Institutionen UNO und &#8211; mit Abstufungen &#8211; NATO zur\u00fcckzutreten. Sie werden nur noch nach Bedarf eingeschaltet.<\/p>\n<p>(5) Ein weiterer Unterschied betrifft die Energiefrage, die bei Brzezinski nur am Rande auftaucht. Dagegen mi\u00dft die heutige US-Regierung der Kontrolle \u00fcber das Erd\u00f6l und seine Transportwege offenbar einen zentralen Stellenwert bei.<\/p>\n<p>(6) Vordergr\u00fcndig liegt den Ver\u00e4nderungen der Wechsel von einem demokratischen zu einem republikanischen Pr\u00e4sidenten zugrunde, verbunden mit einer Verschiebung von der Wall Street (d.\u00a0h. den Banken, die den Wahlkampf des demokratischen Pr\u00e4sidentschaftskandidaten Al Gore finanzierten) zur R\u00fcstungsindustrie. Es ist jedoch nicht zu \u00fcbersehen, da\u00df bestimmende Elemente der Bush-Politik bereits vorher praktiziert wurden (z.\u00a0B. in Jugoslawien). Entscheidend ist daher die Frage, ob es sich um eine vor\u00fcbergehende oder um eine langfristige Kurskorrektur handelt. Nachdem die USA ihre \u00f6konomisch dominierende Position schon seit langem eingeb\u00fc\u00dft haben und nach dem Untergang der Sowjetunion auch politisch keine nat\u00fcrliche Vormachtstellung unter den kapitalistischen Staaten mehr behaupten k\u00f6nnen (die im Zeichen der Blockkonfrontation bis dahin unangefochten war) &#8211; setzen sie als letzte Karte auf das Milit\u00e4r, um ihre Vorherrschaft zu wahren? Und wenn ja, was liegt dem zugrunde, wenn der \u00f6konomische Konkurrenzkampf durch den \u00dcbergang zu au\u00dfer\u00f6konomischer Gewalt ersetzt wird?<\/p>\n<p>(7) In diesem Zusammenhang stellt sich unweigerlich die Frage nach dem Imperialismus. Um sie zu kl\u00e4ren, ist nicht nur die bisherige marxistische Imperialismustheorie zu pr\u00fcfen, die in verschiedener Hinsicht fehlerhaft erscheint. Dar\u00fcber hinaus mu\u00df man sich auch mit der heutigen Auffassung von einem kollektiven Imperialismus auseinandersetzen, der gegen\u00fcber den Gegens\u00e4tzen zwischen den kapitalistischen Staaten dominierend geworden sein soll.<\/p>\n<h2>Rezension: Zbigniew Brzezinski: &#8222;Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft&#8220;<\/h2>\n<p>Die gegenw\u00e4rtige Au\u00dfenpolitik der USA lohnt, sich mit dem soeben als Taschenbuch erschienenen Buch des Sicherheitsberaters von Pr\u00e4sident Carter zu besch\u00e4ftigen (Fischer Taschenbuch 14358; Preis 19,80 DM).<\/p>\n<p>Ausgangspunkt des Autors ist die Tatsache, dass die USA nach dem Zerfall der Sowjetunion zur einzigen Weltmacht geworden sind. In einem historischen Vergleich nimmt Brzezinski Bezug auf Rom, China, Spanien und Gro\u00dfbritannien, die in vergangenen Jahrhunderten eine \u00e4hnliche Rolle spielten, stellt im Vergleich jedoch heraus, dass die anderen Reiche letztlich nur Regionalm\u00e4chte waren. Erst jetzt gibt es die im Wortsinn erste Weltmacht, denn: &#8222;Nicht nur beherrschen die Vereinigten Staaten s\u00e4mtliche Ozeane und Meere, sie verf\u00fcgen mittlerweile auch \u00fcber die milit\u00e4rischen Mittel, die K\u00fcsten mit Amphibienfahrzeugen unter Kontrolle zu halten (&#8230;). Amerikanische Armeeverb\u00e4nde stehen in den westlichen und \u00f6stlichen Randgebieten des eurasischen Kontinents und kontrollieren au\u00dferdem den persischen Golf&#8220; (S.\u00a041). Als &#8222;Teil des amerikanischen Systems&#8220; fungiert zudem auch &#8222;das weltweite Netz von Sonderorganisationen, allen voran die <i>internationalen<\/i> Finanzorganisationen (&#8230;). Offiziell vertreten der Internationale W\u00e4hrungsfonds (IWF) und die Weltbank <i>globale<\/i> Interessen und tragen weltweite Verantwortung. In Wirklichkeit werden sie jedoch von den USA dominiert, die sie mit der Konferenz von Bretton Woods aus der Taufe hoben.&#8220; (S.\u00a049)<\/p>\n<p>Die Machtstellung seines Heimatlandes leitet er wesentlich nicht aus \u00f6konomischer \u00dcberlegenheit als solcher ab, sondern aus der F\u00e4higkeit, die vorhandenen wirtschaftlichen Potenzen milit\u00e4risch umzusetzen. Die imperiale Macht Amerikas&#8220; beruht in hohem Ma\u00dfe auf der \u00fcberlegenen F\u00e4higkeit, riesige wirtschaftliche und technologische Ressourcen umgehend f\u00fcr milit\u00e4rische Zwecke einzusetzen, auf dem nicht genauer bestimmbaren, aber erheblichen kulturellen Reiz des amerikanischen way of life sowie auf der Dynamik und dem ihr innewohnenden Wettbewerbsgeist der F\u00fchrungskr\u00e4fte in Gesellschaft und Politik.&#8220; (S.\u00a026)<\/p>\n<p>Ziel der amerikanischen Au\u00dfenpolitik muss sein, die beherrschende Stellung Amerikas f\u00fcr noch mindestens eine Generation und vorzugsweise l\u00e4nger zu bewahren. (S.\u00a0306) Zu diesem Zweck formuliert er eine weltumspannende <i>Geopolitik<\/i> unter Berufung auf Harold Mackinder (S.\u00a063). &#8222;Bedient man sich einer Terminologie, die an das brutalere Zeitalter der alten Weltreiche gemahnt, so lauten die drei gro\u00dfen Imperative imperialer Geostrategie: Absprachen zwischen den Vasallen zu verhindern und ihre Abh\u00e4ngigkeit in Fragen der Sicherheit zu bewahren, die tributpflichtigen Staaten f\u00fcgsam zu halten und zu sch\u00fctzen und daf\u00fcr zu sorgen, dass die \u201aBarbaren\u2018v\u00f6lker sich nicht zusammenschlie\u00dfen&#8220;. (S.\u00a065\u00a0f)<\/p>\n<p>Geographisches Zentrum einer solchen Politik ist Eurasien. Es ist der gr\u00f6\u00dfte Kontinent, umfasst zwei der drei h\u00f6chstentwickelten und wirtschaftlich produktivsten Regionen der Erde sowie nahezu 75\u00a0% der Erdbev\u00f6lkerung, in seinem Boden und seinen Unternehmen steckt der gr\u00f6\u00dfte Teil des materiellen Reichtums der Welt. Es ist &#8222;das Schachbrett, auf dem sich auch in Zukunft der Kampf um die globale Vorherrschaft abspielen wird&#8220;. (S.\u00a054) Eine &#8222;Dominanz auf dem gesamten eurasischen Kontinent (ist) noch heute die Vorbedingung f\u00fcr globale Vormachtstellung&#8220;; es ist au\u00dferdem der Ort, auf dem Amerika irgendwann ein potentieller Nebenbuhler um die Weltmacht erwachsen k\u00f6nnte. (S.\u00a064) Darum stellt Brzezinski sich die zentrale Aufgabe, <i>im Hinblick auf Eurasien eine umfassende und in sich geschlossene Geostrategie zu entwerfen.&#8220;<\/i> (S.\u00a016; Hervorhebung durch Brzezinski)<\/p>\n<p>Diese Geostrategie ist im Prinzip simpel. Ihr A und O ist die <i>M\u00e4chtebalance<\/i> (balance of power), eine Gleichgewichtspolitik, die an die Europapolitik des britischen Empire ankn\u00fcpft. Die amerikanische Au\u00dfenpolitik muss &#8222;ihren Einflu\u00df in Eurasien so einsetzen, da\u00df ein stabiles kontinentales Gleichgewicht mit den Vereinigten Staaten als politischem Schiedsrichter entsteht.&#8220; (S.\u00a016) Diesen Kerngedanken spielt er f\u00fcr alle Schaupl\u00e4tze durch.<\/p>\n<p>Russland, Nachfolger der Sowjetunion, der ehemaligen Hauptgegnerin der USA, hat nach Brzezinskis Auffassung seinen neuen Platz noch nicht gefunden. In seiner augenblicklichen Lage verf\u00fcgt es nicht \u00fcber die Kraft, erneut zur Weltmacht aufzusteigen. Ihm ist zu empfehlen, seine Gro\u00dfmachtphantasien aufzugeben und sich ganz bewusst auf eine Modernisierung, Europ\u00e4isierung und Demokratisierung zuzubewegen. (S.\u00a0174) Allerdings besteht die Gefahr, dass es entweder durch ein B\u00fcndnis mit Europa oder durch die Unterwerfung der selbst\u00e4ndig geworden mittelasiatischen Staaten neue Weltmachtambitionen entwickelt. Beide M\u00f6glichkeiten m\u00fcssen daher abgeschnitten werden.<\/p>\n<p>Der russische Weg nach <i>Europa<\/i> verl\u00e4uft geographisch und politisch \u00fcber die Ukraine. Der springende Punkt ist: Ohne die Ukraine kann Ru\u00dfland nicht zu Europa geh\u00f6ren, wohingegen die Ukraine ohne Russland durchaus ein Teil von Europa sein kann.&#8220; (S.\u00a0177\u00a0f) Durch die Westbindung der Ukraine ist Russland also dauerhaft von Europa zu trennen. Fernziel ist eine deutsch-franz\u00f6sisch-polnisch-ukrainische Partnerschaft (S.\u00a0127) unter amerikanischer Oberhoheit. Darin eingeschlossen ist der &#8222;NATO-Beitritt der Ukraine&#8220; (S.\u00a0138 und 178) \u2013 nicht heute, aber nach einigen Jahren.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Verh\u00e4ltnis Russlands zu <i>Asien<\/i> bilden Aserbeidschan und Usbekistan geopolitische Dreh- und Angelpunkte&#8220; und verdienen Amerikas st\u00e4rkste geopolitische Unterst\u00fctzung. (S.\u00a0216) Usbekistan, volksm\u00e4\u00dfig der vitalste und am dichtesten besiedelte zentralasiatische Staat, stellt ein Haupthindernis f\u00fcr jede neuerliche Kontrolle Ru\u00dflands \u00fcber die Region dar. Seine Unabh\u00e4ngigkeit ist von entscheidender Bedeutung f\u00fcr das \u00dcberleben der anderen zentralasiatischen Staaten.<\/p>\n<p>Aserbeidschan ist aufgrund seiner geographischen Lage zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer der Sperrriegel auf dem Weg nach S\u00fcden, zum Iran und an den Persischen Golf. Au\u00dferdem ist es der Schl\u00fcssel zum \u00d6l: &#8222;Ein unabh\u00e4ngiges Aserbeidschan kann dem Westen den Zugang zu dem an \u00d6lquellen reichen Kaspischen Becken und Zentralasien er\u00f6ffnen. (S.\u00a0177) Die zentralasiatische Region und das Kaspische Becken verf\u00fcgen \u00fcber Erdgas- und Erd\u00f6lvorr\u00e4te (&#8230;), die jene Kuwaits, des Golfs von Mexiko oder der Nordsee in den Schatten stellen.&#8220; (S.\u00a0182) Dabei hat die &#8222;Pipeline-Frage (&#8230;) zentrale Bedeutung&#8220;. (S.\u00a0203) Amerikas prim\u00e4res Interesse muss sein, dass keine einzelne Macht die Kontrolle \u00fcber dieses Gebiet erlangt und dass die Weltgemeinschaft ungehinderten finanziellen und wirtschaftlichen Zugang zu ihr hat. (S.\u00a0215)<\/p>\n<p>Der f\u00fcr die amerikanische Eurasienpolitik alles entscheidende Hebel ist <i>Europa<\/i>: &#8222;Vor allen Dingen aber ist Europa Amerikas unverzichtbarer geopolitischer Br\u00fcckenkopf auf dem eurasischen Kontinent. (&#8230;) Anders als die Bindungen an Japan verankert das Atlantische B\u00fcndnis den politischen Einfluss und die milit\u00e4rische Macht Amerikas unmittelbar auf dem eurasischen Festland. (S.\u00a091) Tatsache ist schlicht und einfach, dass Westeuropa und zunehmend auch Mitteleuropa weitgehend ein amerikanisches Protektorat bleiben, dessen alliierte Staaten an Vasallen und Tributpflichtige von einst erinnern.&#8220; (S.\u00a092) Dieses Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis muss dem Grunde nach aufrechterhalten werden, ist in der gegebenen <i>Form<\/i> allerdings kein gesunder Zustand, weil aus der allzu offenkundigen Dominanz der USA Unruhe entstehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Um die notwendige Stabilit\u00e4t zu sichern, muss Washington den Fortgang der europ\u00e4ischen Einigung unterst\u00fctzen, denn deren Scheitern k\u00f6nnte die geopolitische Stabilit\u00e4t Europas &#8211; und Amerikas Platz darin gef\u00e4hrden. (S.\u00a0112) In solch einem Fall w\u00fcrde zumindest Deutschland vermutlich seine <i>nationalen<\/i> Interessen bestimmter und deutlicher geltend machen. Da das wiedervereinigte Deutschland als Vormacht Europas zum Konkurrenten der USA werden kann, muss es durch Frankreich ausbalanciert werden. Gro\u00dfbritannien kommt daf\u00fcr nicht in Betracht; es wird von Brzezinski als einflussloses US-Anh\u00e4ngsel betrachtet. Zwar betreibt Frankreich immer wieder anti-amerikanische Politik, aber es ist nicht stark genug, um Amerika in den geostrategischen Grundlagen seiner Europapolitik zu behindern, und hat im Unterschied zu Deutschland nicht das Potential, um selbst die f\u00fchrende Macht in Europa zu werden. Folglich kann man seine Eigenheiten und sogar Ausf\u00e4lle tolerieren. (S.\u00a0119) Langfristig liegt es im amerikanischen Interesse, Frankreich als Freund zu behandeln, um ein Gegengewicht zu Deutschland zu bilden. Frankreich (ist) ein ma\u00dfgebender Partner bei der grundlegenden Aufgabe (&#8230;), ein demokratisches Deutschland auf Dauer fest in Europa einzubinden. (S.\u00a0119)<\/p>\n<p>Ein solcherma\u00dfen gez\u00e4hmtes Deutschland ist unverzichtbar, um durch die NATO-Erweiterung den US-Einfluss nach Osten auszudehnen, die Ukraine einzubinden und Ru\u00dfland zu vers\u00f6hnen. &#8222;Sollte die von den Vereinigten Staaten in die Wege geleitete NATO-Erweiterung ins Stocken geraten, w\u00e4re das das Ende einer umfassenden amerikanischen Politik f\u00fcr ganz Eurasien. Ein solches Scheitern w\u00fcrde die amerikanische F\u00fchrungsrolle diskreditieren, es w\u00fcrde den Plan eines expandierenden Europa zunichte machen, die Mitteleurop\u00e4er demoralisieren und m\u00f6glicherweise die gegenw\u00e4rtig schlummernden oder verk\u00fcmmernden geopolitischen Gel\u00fcste Ru\u00dflands in Mitteleuropa neu entz\u00fcnden. F\u00fcr den Westen w\u00e4re es eine selbst beigebrachte Wunde (&#8230;) und f\u00fcr Amerika w\u00e4re es nicht eine regionale, sondern eine globale Schlappe.&#8220; (S.\u00a0121\u00a0f)<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber den asiatischen Hauptl\u00e4ndern empfiehlt Brzezinski dieselbe Gleichgewichtspolitik wie im Verh\u00e4ltnis Europa &#8211; Ru\u00dfland und Frankreich &#8211; Deutschland. Er bef\u00fcrwortet eine regional stabile Dreiecksverbindung zwischen Amerika, Japan und China&#8220;, deren Kern ist, mit Japans Hilfe Chinas \u00dcbergewicht in der Region auszugleichen. (S.\u00a0275) Wenn die von ihm vorgeschlagene Politik befolgt wird, sieht der Autor gute Chancen, weltweit ein Mindestma\u00df an geopolitischer Stabilit\u00e4t herzustellen, welche die unabdingbare Voraussetzung daf\u00fcr ist, dass die amerikanische Hegemonie noch eine Weile erhalten und die Gefahr internationaler Anarchie gebannt bleibt. (S.\u00a0306)<\/p>\n<\/div>\n<div align=\"right\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"> Letzte \u00c4nderung: 21.03.2016 <\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Heiner Karuscheit Vorbemerkung Das US-Vorgehen in Afghanistan wird vielfach auf die Globalstrategie zur\u00fcckgef\u00fchrt, die Brzezinski in dem Buch Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft entwickelt hat. 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