{"id":478,"date":"2016-09-14T09:36:04","date_gmt":"2016-09-14T07:36:04","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=478"},"modified":"2016-09-14T09:36:04","modified_gmt":"2016-09-14T07:36:04","slug":"vietnam-und-afghanistan-antiimperialismus-gestern-und-heute","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=478","title":{"rendered":"Vietnam und Afghanistan &#8211; Antiimperialismus gestern und heute"},"content":{"rendered":"<h5>Von Heiner Karuscheit<\/h5>\n<div>\n<p>Wenn man den vor 30 Jahren gef\u00fchrten Vietnam-Krieg und den jetzigen Krieg gegen Afghanistan miteinander vergleicht, so handelt es sich beide Male um Kriege der USA gegen ein Land der Dritten Welt auf dem Boden amerikanischer Hegemonialpolitik. Dar\u00fcber hinaus fallen jedoch gravierende Unterschiede ins Auge, von denen drei besonders bedeutsam erscheinen.<\/p>\n<h2>Saigon \u2013 Teheran \u2013 Kabul<\/h2>\n<p>Den Vietnam-Krieg eingeschlossen, wurden die gro\u00dfen Revolutionen und Befreiungsk\u00e4mpfe des 20.Jahrhunderts unter dem Banner des Marxismus bzw. Sozialismus ausgetragen. Obwohl vorwiegend getragen von agrarischen Volksmassen, war erkl\u00e4rtes Ziel die industrielle Entwicklung und der Weg in die Moderne. Gef\u00fchrt von einer kommunistischen Partei und gest\u00fctzt haupts\u00e4chlich auf eine b\u00e4uerliche Landbev\u00f6lkerung, bildete der vietnamesische Befreiungskampf den letzten H\u00f6hepunkt und Abschlu\u00df dieser \u00c4ra.<\/p>\n<p>Bereits wenige Jahre nach dem Abzug der Amerikaner aus Saigon 1973 dokumentierte die islamische Revolution von 1979 im Iran einen grundlegenden politischen Umschwung. Noch vor dem Untergang der Sowjetunion hatte der Marxismus seine Funktion als ma\u00dfgebliche Theorie der Befreiung verloren. Zum erstenmal fand eine antiimperialistische Revolution nicht unter Berufung auf den Marxismus mit dem Ziel eines wie immer gearteten Sozialismus statt, sondern als &#8222;islamische&#8220; Revolution mit dem Ziel der Errichtung eines &#8222;Gottesstaats&#8220;. Doppelt sp\u00fcrbar war der Wandel, weil der Umsturz in Teheran nicht von der Bauernschaft ausging, sondern von den Millionenmassen der Vorst\u00e4dte, die der Arbeiterklasse im Prinzip n\u00e4her stehen, aber hier unter F\u00fchrung der schiitischen Geistlichkeit das Schah-Regime st\u00fcrzten.<\/p>\n<p>Heute sind es afghanische Stammeskrieger, die objektiv ebenso eine revolution\u00e4re Rolle spielen wie fr\u00fcher die iranischen &#8222;Mustafizim&#8220;. Sie setzen sich zur Wehr gegen die amerikanische Weltvormacht, deren Niederlage die Bedingungen f\u00fcr den Kampf gegen das Kapital weltweit verbessern w\u00fcrde. Aber ihre Zielsetzung, die Errichtung bzw. Erhaltung eines mittelalterlichen Gottesstaats, ist denkbar reaktion\u00e4r.<\/p>\n<p>Nach einem gefl\u00fcgelten Satz aus den Zeiten der Kommunistischen Internationale galt der &#8222;Emir von Afghanistan&#8220; als Verb\u00fcndeter des revolution\u00e4ren Proletariats, weil und solange er den gemeinsamen imperialistischen Feind bek\u00e4mpfte. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist von einer umsturzbereiten Arbeiterbewegung in den Metropolen nichts zu sehen. Stattdessen wird die B\u00fchne der Weltgeschichte von islamischen Gotteskriegern eingenommen, die vergangenen Jahrhunderten entsprungen scheinen. Das wird sich erst \u00e4ndern, wenn das Proletariat in den entwickelten Staaten die b\u00fcrgerliche Hegemonie absch\u00fcttelt. Dann wird vielleicht auch die islamische Welt nicht mehr unter dem Banner des Mittelalters, sondern wieder unter dem der Moderne gegen den Imperialismus k\u00e4mpfen.<\/p>\n<h2>Von der Ostpolitik zur &#8222;bedingungslosen Solidarit\u00e4t&#8220;<\/h2>\n<p>Ein zweiter gro\u00dfer Unterschied betrifft die Bundesrepublik Deutschland. Vor mehr als 30 Jahren begann das damalige Westdeutschland, im Zeichen der europ\u00e4ischen Entspannungspolitik seine Ostpolitik zu entfalten. Parallel zum eskalierenden Vietnam-Krieg und sehr zum Missfallen der USA, das noch in den Ver\u00f6ffentlichungen ihres damaligen Au\u00dfenministers Kissinger nachklingt, ging die BRD daran, ihren au\u00dfenpolitischen Handlungsspielraum sukzessive zu erweitern.<\/p>\n<p>Zwischenzeitlich hat die deutsche Wiedervereinigung stattgefunden. Aber ihr Resultat war kein gr\u00f6\u00dferer, sondern ein geringerer Handlungsspielraum gegen\u00fcber den Vereinigten Staaten. Grund daf\u00fcr ist nicht allein der Untergang der Sowjetunion als gleichwertiger Widerpart der USA, der die Man\u00f6vrierm\u00f6glichkeiten einschr\u00e4nkt, sondern auch die Tatsache, dass die letzte sowjetische Regierung es 1989 vers\u00e4umte, die Wiedervereinigung gegen den Austritt aus der NATO anzubieten. Deshalb konnten die USA sich an die Spitze der unabweisbar gewordenen Entwicklung setzen und ihr Eintreten f\u00fcr die deutsche Einheit mit der Bekr\u00e4ftigung und Ausdehnung ihrer Vorherrschaft nach Osten hin bezahlen lassen.<\/p>\n<p>Statt sie loszuwerden, geh\u00f6rt die Mitgliedschaft in der NATO heute mehr denn je zur au\u00dfenpolitischen Staatsr\u00e4son der BRD. Um an die Regierung zu gelangen, haben die &#8222;Gr\u00fcnen&#8220; sich diesem Diktat vor drei Jahren unterworfen, und die PDS ist unter ihrem Vorreiter Gysi auf dem Weg dorthin.<\/p>\n<p>Dachte vor 30 Jahren weder eine US-Administration noch eine Bundesregierung daran, deutsche Truppen in Vietnam einzusetzen, so wird der milit\u00e4rische Einsatz f\u00fcr amerikanische Interessen heute wie selbstverst\u00e4ndlich angedient. Zugleich hat die von Staats wegen eingeforderte, bedingungslose &#8222;Solidarit\u00e4t mit Amerika&#8220; im Innern ein zuvor ungekanntes Ausma\u00df an Einsch\u00fcchterung und Gesinnungsterror gegen Andersdenkende hervorgebracht. Der Abbau demokratischer Rechte, jahrelang als inhaltsleere Litanei vorgetragen, wird heute durch eine sozialdemokratisch-gr\u00fcne Bundesregierung organisiert, die dabei ist, das Brief-, Telefon- und Bankgeheimnis aufzuheben und die verfassungsrechtliche Trennung zwischen Polizei und Geheimdienst zu durchl\u00f6chern. Offiziell gegen &#8222;Terroristen&#8220; gerichtet, k\u00f6nnen die fl\u00e4chendeckenden \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen des entstehenden Schn\u00fcffelstaats jederzeit jede revolution\u00e4re Bewegung treffen.<\/p>\n<h2>Sozialrevolution\u00e4rer und nationalrevolution\u00e4rer Antiimperialismus<\/h2>\n<p>Ein dritter Unterschied schlie\u00dflich kennzeichnet die antiimperialistische Bewegung in Deutschland selber. W\u00e4hrend des Vietnam-Kriegs und noch lange danach war die Kritik des &#8222;US-Imperialismus&#8220; und die Forderung nach Austritt aus der NATO bis in das b\u00fcrgerliche Lager hinein hoff\u00e4hig, zumindest in dessen sozialdemokratischen Fl\u00fcgel. Auch hier hat die deutsche Einheit einen un\u00fcbersehbaren Wandel herbeigef\u00fchrt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ein Gro\u00dfteil der Linken damals einen imagin\u00e4ren neuen Faschismus heraufziehen sah und gegen die Chim\u00e4re eines &#8222;IV.Reichs&#8220; anritt wie weiland Don Quichotte gegen die Windm\u00fchlen, gaben die &#8222;Antideutschen&#8220; mit der Parole &#8222;Nie wieder Deutschland&#8220; den Takt vor. Das Resultat dieses ideologischen Feldzugs gegen die Vergangenheit ist ein Zustand, in dem jede Kritik an den USA oder der NATO unter dem Verdikt steht, dem auf seine Entfesselung wartenden deutschen Imperialismus Vorschub zu leisten. In diesem Umfeld fanden die Friedensdemonstrationen vom 13. Oktober 2001 statt. Sie waren durchg\u00e4ngig gepr\u00e4gt von pazifistischem Gedankengut. Politische Parolen gegen den US-Imperialismus und die Vasallenpolitik der Bundesregierung f\u00fchrten ebenso ein Mauerbl\u00fcmchendasein wie die Forderung nach Austritt aus der NATO.<\/p>\n<p>Die Kehrseite dieser Entwicklung macht sich auf der Rechten bemerkbar. Zu Zeiten des Vietnam-Kriegs im wesentlichen proamerikanisch, ist die Rechte heute dabei, das von der Linken hinterlassene Vakuum mit einem nationalistisch begr\u00fcndeten Antiimperialismus aufzuf\u00fcllen. Die Parolen der NPD zur &#8222;Solidarit\u00e4t mit Afghanistan&#8220;, gegen den US-Imperialismus und gegen die NATO, h\u00e4tte man vor Jahren nur bei linken Organisationen vermutet. Es ist daher h\u00f6chste Zeit, dass die Linke sich von dem Einflu\u00df der &#8222;Antideutschen&#8220; und ihrer versch\u00e4mten Parteig\u00e4nger in den verschiedensten Organisationen frei macht. Sonst stehen wir eines Tages vor der Tatsache, dass der Antiimperialismus in Deutschland kein sozialrevolution\u00e4res Gesicht mehr tr\u00e4gt, sondern ein nationalrevolution\u00e4res.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Zuerst ver\u00f6ffentlicht in: <a href=\"http:\/\/www.kalaschnikow.revolte.net\/txt\/2001\/karuscheit06.html\" target=\"_blank\">Kalaschnikow-Online<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div align=\"right\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"> Letzte \u00c4nderung: 21.03.2016 <\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Heiner Karuscheit Wenn man den vor 30 Jahren gef\u00fchrten Vietnam-Krieg und den jetzigen Krieg gegen Afghanistan miteinander vergleicht, so handelt es sich beide Male um Kriege der USA gegen ein Land der Dritten Welt auf dem Boden amerikanischer Hegemonialpolitik. Dar\u00fcber hinaus fallen jedoch gravierende Unterschiede ins Auge, von denen drei besonders bedeutsam erscheinen. 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