{"id":469,"date":"2016-09-14T09:20:52","date_gmt":"2016-09-14T07:20:52","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=469"},"modified":"2016-09-14T09:20:52","modified_gmt":"2016-09-14T07:20:52","slug":"der-krieg-um-jugoslawien-und-seine-lehren","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=469","title":{"rendered":"Der Krieg um Jugoslawien und seine Lehren"},"content":{"rendered":"<div>\n<h3>Der &#8222;deutsche Krieg&#8220; und die &#8222;amerikanische Niederlage&#8220; &#8211; Der Krieg aus der Sicht der &#8222;antideutschen Linken&#8220;<\/h3>\n<\/div>\n<div>\n<h5>Von Alfred Schr\u00f6der<\/h5>\n<\/div>\n<div>Der NATO-Krieg gegen das noch verbliebene Rumpfjugoslawien trug eine Reihe neuer und bemerkenswerter Z\u00fcge. W\u00e4hrend die b\u00fcrgerliche Presse &#8211; hier vor allem die FAZ &#8211; die &#8222;Neudefinition&#8220; des b\u00fcrgerlichen &#8222;V\u00f6lkerrechts&#8220; durch die von den USA gef\u00fchrte NATO-Kriegsallianz durchaus kontrovers debattierte, scheiterte die bundesrepublikanische Linke bei ihrer politischen Standortbestimmung. Ihr gelang es nicht, das Problem des Selbstbestimmungsrechts der V\u00f6lker &#8211; hier des albanischen Volkes &#8211; im Zusammenhang mit der NATO-Aggression gegen Jugoslawien richtig zu bewerten. Die DKP und Teile der PDS verweigerten den Albanern das Recht auf nationale Selbstbestimmung, da dies auf dem Balkan nur zu &#8222;V\u00f6lkergemetzel&#8220; f\u00fchre und der &#8222;antideutsche Fl\u00fcgel&#8220; der Linken, die Zeitungen <i>konkret<\/i>, Junge Welt etc., verweigerten es den Albanern aus Prinzip, da in diesen Bl\u00e4ttern Nationalismus nur dann akzeptabel ist, wenn er sich geh\u00f6rig &#8222;antideutsch&#8220; herausputzt. Wie dies die Zeitschrift <i>konkret<\/i> politisch umsetzte, soll zuerst dargestellt werden.Da der serbische Nationalismus sich in seiner eigenen Presse konsequent &#8222;antideutsch&#8220; und &#8222;antifaschistisch&#8220; vermarktete, wurde er von Gremliza und Els\u00e4sser auch als solcher in der <i> konkret <\/i> verkauft. J\u00fcrgen Els\u00e4sser beschreibt seine Methode den serbischen Nationalismus als &#8222;Antifaschismus&#8220; zu verkaufen so: &#8222;Diese Methode f\u00fchrt dazu, sich auch heute und auch auf dem Balkan die Sichtweise der Opfer und Gegner des deutschen Nationalismus, n\u00e4mlich der Jugoslawen und Serben, zu eigen zu machen.&#8220; (J\u00fcrgen Els\u00e4sser, in <i> konkret<\/i>, Friedensausgabe 7\/99) Diese Methode wurde konsequent in den vorausgegangenen &#8222;Kriegsnummern&#8220; der Zeitschrift <i>konkret<\/i>umgesetzt und erlaubt uns, den letzten Jugoslawienkrieg in einem ganz anderen Licht zu sehen, als es die Tatsachen bisher nahelegten.<\/p>\n<p>Bei der Operation &#8222;W\u00fcstensturm&#8220; (Angriff auf den Irak) vor acht Jahren war die Zeitschrift <i> konkret<\/i>in Deutschland als amerikanischer &#8222;Jubelperser&#8220; f\u00fcr eine deutsche Kriegsbeteiligung aktiv. Die damalige Friedensbewegung wurde als &#8222;deutschnationale Sammlungsbewegung&#8220; denunziert, der <i> konkret<\/i>-Autor W. Porth forderte gar &#8222;Atombomben&#8220; auf Bagdad, und die allgemein als &#8222;zu lasch&#8220; kommentierte Kriegf\u00fchrung der USA gegen den Irak ver\u00e4rgerte das &#8222;antifaschistische&#8220; Kampfblatt der sog. &#8222;radikalen Linken&#8220;. Zu ihrer Position gelangte <i> konkret<\/i> durch die konsequente Anwendung der bereits zitierten Els\u00e4sser-Methode, die Aneignung der &#8222;Sichtweise der Opfer und Gegner des deutschen Nationalismus&#8220;, die in diesem Fall an die Seite Israels und der USA f\u00fchrte. So \u00fcbersetzte <i> konkret<\/i> im letzten Golfkrieg die amerikanische und israelische Kriegspropaganda in die Sprache der deutschen &#8222;radikalen Linken&#8220;.<\/p>\n<p>An der proamerikanischen Propagandat\u00e4tigkeit hat sich bis heute nichts ge\u00e4ndert. Der neuerliche Jugoslawienkrieg schuf allerdings ein Dilemma. Nun f\u00fchrten die USA un\u00fcbersehbar an der Spitze der NATO-Staaten Krieg gegen Jugoslawien. Wie konnte dieser Krieg nun korrekt aus &#8222;Sichtweise der Opfer und Gegner des deutschen Nationalismus&#8220;, in diesem Fall also der Amerikaner und Serben interpretiert werden? J. Els\u00e4sser besorgte die amerikanische &#8222;Wei\u00dfwaschung&#8220; und enth\u00fcllte die deutsche Kriegsschuld. &#8222;Die Deutschen haben den Krieg provoziert&#8220; (<i> konkret <\/i>7\/99) und die Amerikaner in &#8222;die Falle von Rambouillet&#8220; (<i> konkret <\/i>5\/99) gelockt. Aber damit nicht genug. Nicht nur, dass der Schwanz in diesem Fall mit dem Hund (und mit was f\u00fcr einem &#8222;dicken Hund&#8220;) gewedelt hat, der Schwanz hat am Ende des Krieges sogar dem Hund das Futter weggefressen.<\/p>\n<p>Wer es nicht glauben will, H. Gremliza, Herausgeber der Zeitschrift <i> konkret<\/i>, erkl\u00e4rt es der staunenden \u00d6ffentlichkeit: &#8222;Deutschland versucht, die Amerikaner, die es in diesen Krieg hineinman\u00f6vriert hat &#8230; diplomatisch auszuspielen &#8211; daher Frau Albrights Wut auf Fischer und seinen \u00b4Friedens\u00b4plan &#8230; Denn der kleinste Preis, ein Friede nach deutschem Plan, w\u00e4re zugleich der f\u00fcr die Amerikaner h\u00f6chste: die notarielle Beurkundung, da\u00df nach der Sowjetunion die USA der zweite Verlierer der weltpolitischen Wende geworden sind.&#8220; (Gremliza im Leitkommentar der <i> konkret <\/i>6\/99 &#8222;Zweite Kriegsausgabe&#8220;) Nicht nur, da\u00df die USA von Deutschland sozusagen wider Willen in den Krieg getrieben wurden, sie haben ihn im Frieden auch noch gegen Deutschland verloren. Hier ist, zumindest journalistisch, eine Revanche f\u00fcr zwei verlorene Weltkriege gegl\u00fcckt. Und das wirklich \u00dcberraschende an dieser Entwicklung: so gut wie kein Mensch in Deutschland oder in den USA hat etwas davon bemerkt, wie die USA f\u00fcr deutsche Interessen in den Krieg gelockt und im Frieden um die au\u00dfenpolitische Beute ebenfalls von Deutschland geprellt wurden. Gegen das Duo Schr\u00f6der\/Fischer an der Spitze der deutschen Politik erscheinen die Bismarcks, Bethman-Hohlwegs und Ribbentrops der Geschichte als au\u00dfenpolitische Dilettanten. Hier haben wir eine Kostprobe, zu welchen &#8222;Erkenntnissen&#8220; man mit der Els\u00e4sser-Methode gelangen kann.<\/p>\n<h3>Vom &#8222;V\u00f6lkerkrieg&#8220; zum &#8222;Kabinettkrieg&#8220;<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend dieser Fl\u00fcgel der sog. &#8222;radikalen Linken&#8220; die Wirklichkeit konsequent auf den Kopf stellte, hatte der Rest der Linken seine liebe Not, eine Standortbestimmung zwischen Selbstbestimmungsrecht und NATO-Aggression zu finden. Das wesentlich Neue dieses Krieges, die weltgeschichtlich bedeutende Umw\u00e4lzung nach fast 200 Jahren europ\u00e4ischer Geschichte angef\u00fcllt mit Kriegen und Revolutionen, wurde dabei vollst\u00e4ndig \u00fcbersehen.Seit der franz\u00f6sischen Revolution wurden die Kriege in Europa unter zunehmender Einbeziehung der Massen in das Kriegsgeschehen gef\u00fchrt. An die Stelle der fr\u00fcheren S\u00f6ldnerheere trat die Wehrpflicht bis hin zum Volksaufgebot und Partisanenkrieg. Der Krieg, vor der franz\u00f6sischen Revolution eine Sache der Herrschenden und der Milit\u00e4rs, war in Europa nur noch m\u00f6glich bei Einbeziehung des Volkes. Nur wem es gelang, das Volk f\u00fcr seine Kriegsziele zu gewinnen, wer es mobilisieren und bewaffnen konnte, war kriegsf\u00e4hig. An die Stelle der &#8222;Kabinettkriege&#8220; der fr\u00fcheren Jahrhunderte traten die V\u00f6lker- und B\u00fcrgerkriege der vergangenen zwei Jahrhunderte. Ihren H\u00f6hepunkt erreichte diese Entwicklung in den beiden Weltkriegen dieses Jahrhunderts, die in Europa zur Einbeziehung der Gesamtheit der Bev\u00f6lkerung in das Kriegsgeschehen f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung des Kriegswesens, vom S\u00f6ldnerheer zum Aufgebot der gesamten wehrf\u00e4higen m\u00e4nnlichen Bev\u00f6lkerung, erf\u00e4hrt in den letzen Jahren eine Umkehrung. Im Jugoslawienkrieg wurde diese Umkehrung auf der Natoseite augenscheinlich. Dieser Krieg war von Seiten der NATO seinem Wesen nach bereits ein &#8222;Kabinettkrieg&#8220;, gef\u00fchrt allein von den Herrschenden und den Milit\u00e4rs, umgesetzt von Berufssoldaten unter Ausschlu\u00df der Volksmassen.<\/p>\n<p>&#8222;Stell Dir vor, es ist Krieg und keinen interessiert es&#8220;, so m\u00fc\u00dfte der Brechtspruch f\u00fcr heute abgewandelt werden. Dieser Krieg fand auf dem Balkan und in der Presse statt, mit dem Leben und Arbeiten der Bev\u00f6lkerung in den kriegf\u00fchrenden zentraleurop\u00e4ischen Staaten hatte er nichts zu tun. Nachdem sich diese Erkenntnis durch den Verlauf der ersten Kriegswochen der Bev\u00f6lkerung aufgedr\u00e4ngt hatte, nahm das Interesse der \u00d6ffentlichkeit an der ungeheuerlichen Tatsache, da\u00df Deutschland im Kontext der NATO wieder einen Angriffskrieg auf dem Balkan f\u00fchrte, kontinuierlich ab.<\/p>\n<p>Deutschland ist wieder &#8222;kriegsf\u00fchrungsf\u00e4hig&#8220;, t\u00f6nte die Linke. Aber sie begreift bis dato nicht, da\u00df der Krieg dabei ist, nach \u00fcber zweihundert Jahren seine Erscheinungsform grundlegend zu \u00e4ndern. Galt es seit der franz\u00f6sischen Revolution, die Massen f\u00fcr den zu f\u00fchrenden Krieg zu gewinnen, so verk\u00fcndet der Jugoslawienkrieg f\u00fcr das kommende 21. Jahrhundert: Krieg ist auch ohne Einbeziehung der Volksmassen wieder f\u00fchrbar. Die Niederlage der amerikanischen Wehrpflichtarmee in Vietnam (weil Soldaten und Bev\u00f6lkerung diesen Krieg nicht mehr f\u00fchren wollten), gaben in den USA den Ansto\u00df zur Umstrukturierung ihrer Armee. Das Ende der Blockkonfrontation beschleunigte das Ende der Massenheere in Europa (siehe Frankreich, Spanien, Deutschland), und die Entwicklung der Waffentechnik verlangt nach Spezialisten, verk\u00fcnden die Milit\u00e4rs und Politiker, um die Umstrukturierung der Heere zu S\u00f6ldnerarmeen zu beschleunigen. Der &#8222;moderne Krieg&#8220; soll als &#8222;technologischer Krieg&#8220; der &#8222;Spezialisten&#8220; gef\u00fchrt werden, unter Ausschlu\u00df der Massen.<\/p>\n<p>Sollte diese Entwicklung Realit\u00e4t werden &#8211; und im Jugoslawienkrieg war sie bereits Realit\u00e4t &#8211; so hat dies mit Sicherheit weitgehende Auswirkungen auf die innere Verfassung der b\u00fcrgerlichen Staaten Zentraleuropas. Das allgemeine Wahlrecht war das nat\u00fcrliche Produkt der sich durchsetzenden allgemeinen Wehrpflicht der vergangenen Jahrhunderte, seine k\u00fcnftige Einschr\u00e4nkung nach dem Muster der angels\u00e4chsischen Republiken USA und GB (Mehrheitswahlrecht), die die allgemeine Wehrpflicht immer als Fremdk\u00f6rper ihrer Staatsverfassung betrachteten, wird damit mehr als wahrscheinlich. Ein neues Zeitalter der &#8222;Kabinettkriege&#8220; um Einflu\u00dfsph\u00e4ren, Handelsvertr\u00e4ge und Rohstoffe k\u00fcndigte somit der letzte Jugoslawienkrieg als m\u00f6gliche k\u00fcnftige Au\u00dfenpolitik der f\u00fchrenden kapitalistischen Staaten f\u00fcr das beginnende 21. Jahrhundert an, eine autorit\u00e4re Form der &#8222;angels\u00e4chsischen Republik&#8220; erscheint als m\u00f6gliches innenpolitisches Pendant. Das ist die erste und wichtigste politische Schlu\u00dffolgerung, die aus dem Jugoslawienkrieg zu ziehen ist.<\/p>\n<h3>Der serbische Nationalismus und der Zerfall Jugoslawiens<\/h3>\n<p>Vor dem NATO-\u00dcberfall auf Jugoslawien war die Linke an der Frage des Selbstbestimmungsrechts der Albaner im Kosovo gespalten. Die DKP, Teile der PDS und die &#8222;antideutsche Linke&#8220; stritten den Albanern das Recht auf nationale Selbstbestimmung ab. Bei der &#8222;antideutschen Linken&#8220; wurde dies nach der Els\u00e4sser-Methode begr\u00fcndet, und da es sich bei &#8222;Jugoslawen und Serben&#8220;, offenkundig im Gegensatz zu den Albanern, um &#8222;Opfer und Gegner des deutschen Nationalismus&#8220; handelte und die Zerschlagung Jugoslawiens sowieso das Ziel des deutschen Imperialismus sei, galt es f\u00fcr diesen Fl\u00fcgel der Linken, den serbischen Nationalismus bei dem Versuch der Aufrichtung seiner Vorherrschaft \u00fcber Jugoslawien propagandistisch zu unterst\u00fctzen.Man bemerkte nicht, da\u00df Milosevics Versuch, die staatliche Einheit des zerfallenden Jugoslawien aufrechtzuerhalten, die Errichtung der serbischen Vorherrschaft \u00fcber die anderen Staatsv\u00f6lker beinhaltete. &#8222;Titos Jugoslawien&#8220;, das auf dem Boden der politischen Gleichberechtigung der verschiedenen Staatsv\u00f6lker bei gleichzeitiger \u00f6konomischer Alimentierung der unentwickelteren Regionen durch die entwickelteren existierte, konnte aufgrund der wachsenden inneren Widerspr\u00fcche nicht erhalten werden. Statt dessen versuchte Milosevic, Titos Jugoslawien \u00fcber die Belebung des serbischen Nationalismus in das alte Jugoslawien der Zwischenkriegszeit zu verwandeln, in das Jugoslawien der serbischen Milit\u00e4rdiktatur \u00fcber die anderen s\u00fcdslawischen V\u00f6lker. Dazu &#8211; und nicht weil er selbst ein serbischer Nationalist ist &#8211; spielte Milosevic die nationalistische Karte, und zwar zuerst dort, wo es am gefahrlosesten und f\u00fcr die serbische Innenpolitik am wirkungsvollsten erschien, im Kosovo. Er raubte dem Kosovo die Selbstverwaltung und begann vor einem Jahrzehnt eine Politik massiver nationaler Unterdr\u00fcckung der albanischen Bev\u00f6lkerung. Mit dieser Politik wurde Milosevic in Serbien mehrheitsf\u00e4hig und der zu Lebzeiten Titos unterdr\u00fcckte serbische Nationalismus in Jugoslawien erneut hoff\u00e4hig. In Deutschland war es wiederum die Zeitschrift <i> konkret<\/i>, die das entsprechende Pamphlet der serbischen Akademie der Wissenschaften, das Milosevics Politik die ideologische Grundlage verschaffte, verbreitete.<\/p>\n<p>Bekanntlich scheiterte Milosevics Versuch, Jugoslawien mit dem Milit\u00e4rstiefel unter serbischer Oberhoheit zusammenzuhalten, gegen\u00fcber den \u00f6konomisch entwickelteren Regionen Slowenien und Kroatien. Das sog. Friedensabkommen von Dayton beendete diese Phase der jugoslawischen Zerfallskriege mit einem von der USA diktierten &#8222;Frieden&#8220; in Bosnien. Damit aber trat der Ausgangspunkt dieser ganzen Entwicklung, die Unterdr\u00fcckung der albanischen Bev\u00f6lkerung durch das serbisch dominierte Rumpfjugoslawien, wieder deutlicher in den Vordergrund. \u00dcber ein Jahrzehnt war der albanische Widerstand im Kosovo von der amerikanisch-britischen Marionette Rugova auf den Weg des zivilen Ungehorsams, des gewaltlosen Protests festgelegt worden. Das Kosovo sollte politische Verhandlungsmasse speziell der amerikanischen Au\u00dfenpolitik bleiben. Der Sturz des amerikanisch-britischen Kriminellenregimes von Berisha in Albanien durch einen Volksaufstand entfachte den bewaffneten Widerstand der Kosovoalbaner gegen die serbische Vorherrschaft. An die Stelle Rugovas trat die UCK, an die Stelle des zivilen Ungehorsams der bewaffnete Kampf. Der albanische Aufstand wies den politischen Weg (bewaffneter Kampf) und gab ihm \u00fcber die Pl\u00fcnderung der Waffenlager der albanischen Armee auch die entsprechende materielle Grundlage.<\/p>\n<p>&#8222;Die albanische Regierung Sali Berishas (bis 1996) war eine korrupte Diktatur, die Wahlen f\u00e4lschte und die Oppositionsf\u00fchrer ins Gef\u00e4ngnis steckte, die aber der US-Politik n\u00fctzlich war, weil sie die Grenze zu Jugoslawien geschlossen hielt und die nationalistischen Hoffnungen der Albaner im Kosovo und in Mazedonien nicht unterst\u00fctzte. Mit dem Volksaufstand, der Berisha st\u00fcrzte, wurde der albanische Staat zertr\u00fcmmert, seine Sicherheitskr\u00e4fte l\u00f6sten sich auf und die Waffen wurden von der Bev\u00f6lkerung \u00fcbernommen. &#8230; Dies er\u00f6ffnete eine Chance f\u00fcr die UCK im Kosovo &#8230; Die Offensive der UCK wurde besonders im Kosovo wie auch in Mazedonien von der albanisch-st\u00e4mmigen Bev\u00f6lkerung positiv aufgenommen, wo die nationalen Hoffnungen der Albaner lange unterdr\u00fcckt worden waren. Die UCK-Offensive im Kosovo begann im Februar 1998 und war sehr effektiv.&#8220; (Peter Gowan, Die NATO und die Balkantrag\u00f6die, in Z Nr. 38, S. 76-77)<\/p>\n<p>Damit aber war sowohl die westliche, besser die amerikanische Jugoslawienpolitik mit der Marionette Rugova, die das Kosovo ruhig zu halten hatte, gescheitert, wie schon zuvor Milosevics Jugoslawienpolitik am Widerstand der Slowenen, Kroaten und Bosnier gescheitert war. Milosevic hatte die nationale Frage ins Zentrum der Balkanpolitik ger\u00fcckt und die anderen s\u00fcdserbischen V\u00f6lker des ehemaligen Jugoslawiens mit Krieg \u00fcberzogen, nun kam sie \u00fcber das Kosovo mit umgekehrten Vorzeichen nach Serbien zur\u00fcck. Das albanische Volk nahm die Balkanpolitik in seine bewaffneten H\u00e4nde und stellte die USA und Milosevic vor die Tatsache eines bewaffneten Volkskrieges in Jugoslawien.<\/p>\n<h3>Das Selbstbestimmungsrecht der V\u00f6lker und seine &#8222;multikulturellen&#8220; Kritiker<\/h3>\n<p>Unzweifelhaft hat das albanische Volk &#8211; wie alle V\u00f6lker der Balkans, einschlie\u00dflich des serbischen &#8211; das Recht auf eine eigene staatliche Existenz. Unzweifelhaft war es aufgrund der serbischen Politik der nationalen Unterdr\u00fcckung im Kosovo richtig, diesen Kampf des albanischen Volkes zu unterst\u00fctzen. Erscheinen die politischen Konstruktionen der &#8222;antideutschen Linken&#8220; zum Jugoslawienkonflikt eher l\u00e4cherlich (selbst ein sog. &#8222;radikaler Linker&#8220; wie Thomas Ebermann bemerkte zu Els\u00e4ssers und Gremlizas Artikeln: &#8222;Ich habe herzlich gelacht&#8220;, <i> konkret <\/i>7\/99), so wirkte das verlegene Gestammel der DKP zur Frage des Selbstbestimmungsrechts der Albaner geradezu widerw\u00e4rtig. &#8222;Progressive Begriffe von gestern wie \u00b4Selbstbestimmungsrecht\u00b4 &#8211; als es um Antikolonialismus ging &#8211; werden heute in ihrer Auswirkung ins Gegenteil gewandelt &#8230; Besonders wichtig f\u00fcr Friedensbewegte und Linke ist, nicht an umdefinierten Begriffen festzuhalten, sondern die Prinzipien auf die Tagesordnung zu setzen, die diesen Begriffen in der Vergangenheit zugrundelagen. Nicht ethnisch und national, sondern V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung und Internationalismus.&#8220; (UZ vom 29.05.1999, S. 7) Hier wird die linke Sympathie f\u00fcr das Schlagwort von der multikulturellen Gesellschaft daf\u00fcr genutzt, gegen die Losung vom Selbstbestimmungsrecht der V\u00f6lker und Nationen Front zu machen. Dieses Recht sei nur &#8222;gestern&#8220; fortschrittlich gewesen, heute seien es &#8222;V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung und Internationalismus&#8220;.Zur V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung und zum Internationalismus geh\u00f6ren aber unabdingbar die Gleichheit der politischen Rechte aller beteiligten V\u00f6lker und Nationen. Und dort, wo diese Gleichheit mit F\u00fc\u00dfen getreten wird, f\u00fchrt der Weg zur &#8222;V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung&#8220; und zum &#8222;Internationalismus&#8220; \u00fcber die Herstellung dieser gleichen Rechte durch die Durchsetzung des Selbstbestimmungsrechtes der V\u00f6lker und Nationen. Dort, wo die Unterdr\u00fcckung &#8222;ethnisch und national&#8220; herrscht, wird der Widerstand gegen diese Unterdr\u00fcckung notwendig national sein. Erst ein Ende dieser Unterdr\u00fcckung erm\u00f6glicht eine &#8222;V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung&#8220; zwischen den betroffenen Nationen. Die Argumentation der UZ gegen das Selbstbestimmungsrecht ist nicht nur eine peinliche Distanzierung von der eigenen Vergangenheit (Lenins Definition des Sebstbestimmungsrechtes ist &#8222;von gestern&#8220;), sondern ein ebenso peinlicher Versto\u00df gegen die politischen Tatsachen und die formale Logik.<\/p>\n<h3>Der Hauptfeind steht weiterhin im eigenen Land<\/h3>\n<p>So richtig die Unterst\u00fctzung des albanischen Kampfes um das Selbsbestimmungsrecht war, so wenig aber durfte die Linke nach dem NATO-\u00dcberfall auf Jugoslawien f\u00fcr dessen Niederlage im Krieg gegen die NATO eintreten. Indem die NATO und allen voran die USA die nationale Unterdr\u00fcckung im Kosovo zum Vorwand eines Krieges gegen Jugoslawien machten, um sowohl die albanische Widerstandsbewegung als auch die Balkanfrage wieder in ihre Hand zu bekommen, galt es f\u00fcr die Niederlage der eigenen Bourgeoisie, die den USA in dieses Kriegsabenteuer folgte, einzutreten. &#8222;NATO raus aus dem Balkan, Deutschland raus aus der NATO, NATO raus aus Deutschland, F\u00fcr das Selbstbestimmungsrecht aller V\u00f6lker auf dem Balkan&#8220; &#8211; das war die einzig m\u00f6gliche politische Position. Ihr politischer Kern ist, da\u00df der Hauptfeind weiterhin im eigenen Land steht und da\u00df der nationale Befreiungskampf der unterdr\u00fcckten V\u00f6lker die Kommunisten in den Metropolen der westlichen Welt nicht an die Seite ihrer Unterdr\u00fccker f\u00fchren darf. Ihre Niederlage ist die Voraussetzung unserer k\u00fcnftigen Siege.Unter den Bedingungen eines Natokrieges gegen Jugoslawien geben deshalb Parolen wie &#8222;Serbien mu\u00df sterben&#8220; und &#8222;Dieses Serbien mu\u00df untergehen, wie das nationalsozialistische Deutschland untergegangen ist&#8220; (Kommunistische Zeitung Nr. 8\/99, S. 8) eine fehlerhafte Orientierung. Sie k\u00f6nnen dazu dienen, dem Natokrieg eine positive Legitimation zu geben, indem sie ihm unterstellen, mit der jugoslawischen Regierung ein \u00fcberlebtes, reaktion\u00e4res Regime zu beseitigen und &#8211; gewollt oder ungewollt &#8211; einer progressiven Entwicklung auf dem Balkan den Boden zu bereiten. Genau dies aber war weder der Anlass der NATO-Aggression noch wird dies seine direkte Folge sein. Der NATO-\u00dcberfall hat einzig den serbischen Nationalismus, den er zu bek\u00e4mpfen vorgab, gest\u00e4rkt. Nur die Niederlage der NATO &#8211; und nicht die Niederlage Jugoslawiens &#8211; h\u00e4tte die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr k\u00fcnftige progressive Entwicklungen, sowohl auf dem Balkan, wie in den NATO-Staaten er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Mit dem \u00dcberfall der NATO auf Jugoslawien haben sich die Bedingungen aller V\u00f6lker des Balkans, k\u00fcnftig \u00fcber ihr politisches Schicksal selbst zu entscheiden, verschlechtert. Nun wird \u00fcber die Zukunft des Balkans im NATO-Hauptquartier in Br\u00fcssel beraten und in Washington entschieden. Insbesondere aber haben sich die Bedingungen des albanischen Freiheitskampfes verschlechtert. Der albanische Aufstand hatte die Jugoslawienpolitik aus den H\u00e4nden Milosovics ebenso wie aus denen der USA entwunden. Der Natokrieg hat sie dorthin zur\u00fcckgebracht.<\/p>\n<p>Das Kosovo ist heute praktisch NATO-Protektorat und diese NATO hat nie einen Zweifel daran gelassen, da\u00df f\u00fcr sie das Kososvo Bestandteil Jugoslawiens ist und zuk\u00fcnftig auch bleiben soll (bis eventuell neue aussenpolitische Interessen der USA den V\u00f6lkern des Balkans auch neue Grenzen verordnen). Das Kosovo und die UCK wurden durch den Krieg wiederum zum Spielball und zur Man\u00f6vriermasse amerikanischer Balkanpolitik, deren n\u00e4chstes Ziel die Einsetzung einer proamerikanischen jugoslawischen Regierung ist. Dort, wo sich der nationale Befreiungskampf mit der NATO und den USA verbindet, wird er eine abgeleitete Gr\u00f6\u00dfe der imperialen Politik der USA und verliert jeglichen fortschrittlichen Charakter. Dies ist die zweite wesentliche Lehre des jugoslawischen Krieges.<\/p>\n<h3>Eine \u00f6konomistische Verballhornung des Marxismus<\/h3>\n<p>Eine Version der Ursachen dieses Krieges haben wir bereits zu Beginn dieses Artikels vorgestellt: Deutschland habe die USA \u00fcber die geschickt gestellte Falle von Rambouillet in den Krieg getrieben und am Schlu\u00df um die Beute (welche Beute, blieb in den Artikeln allerdings immer offen) betrogen. Bezeichnenderweise f\u00fchlen sich die Erfinder dieser Theorie verpflichtet darauf hinzuweisen: &#8222;Auf dem Balkan haben die USA \u00f6konomisch keine Karten, die stechen.&#8220; (J\u00fcrgen Els\u00e4sser in <i> konkret<\/i>, Friedensausgabe 7\/99) In ihrer Logik hatten die USA deshalb auch keinen Grund, einen Krieg gegen Jugoslawien zu f\u00fchren. Sie mu\u00dften von J. Fischer dorthin getrieben werden.Dies sei bei Deutschland nat\u00fcrlich g\u00e4nzlich anders. Schon zu Beginn der jugoslawischen Zerfallskriege verk\u00fcndeten Teile der deutschen Linken, da\u00df der Krieg um Slowenien und Kroatien im Interesse von &#8222;Bogner, Boss und TUI&#8220; (SoZ vom 15.08.1991) gef\u00fchrt w\u00fcrde, wobei allerdings das Touristikgesch\u00e4ft im ehemaligen Jugoslawien noch heute unter dem &#8222;deutschen Sieg&#8220; leidet. Ob die Ergebnisse f\u00fcr die deutsch-\u00f6stereichische Textilindustrie von Bogner und Boss besser ausgefallen sind, hat uns die SoZ bis heute nicht verraten. Dies hindert die Linke allerdings nicht darin, weiterhin hartn\u00e4ckig \u00f6konomische Gr\u00fcnde f\u00fcr die deutsche Balkankriegsbegeisterung zu suchen, von Bogner, Boss und TUI bis hin zu den Rohstoffen des Nordkosovo.<\/p>\n<p>&#8222;Der Balkankrieg, so ist zu h\u00f6ren, ist Ergebnis einer Intrige, mit der das von Bismarck 1871 gegr\u00fcndete und von Hitler zeitweilig erweiterte Deutsche Reich seine nie vergessenen Ziele weiterverfolgt. In Rambouillet sei es Ribbentrops Nachfolger Josef Fischer sogar gelungen, die US-amerikanische Aussenministerin Albright in den Dienst seiner Politik zu stellen. Zu meinem Verdru\u00df wird als Beleg f\u00fcr eine solche Weltsicht zuweilen ein Buch herangezogen, das ich seit Jahren mit dem besten Gewissen empfehle (und auch in Zukunft weiter propagieren werde): Reinhard Opitz, Europastrategien des deutschen Kapitals 1900-1945.&#8220; (Georg F\u00fclberth, in <i> konkret <\/i>Nr. 6\/99)<\/p>\n<p>Georg F\u00fclberth teilt die zitierte Auffassung der <i> konkret<\/i>-Autoren Els\u00e4sser und Gremliza durchaus nicht. F\u00fcr F\u00fclberth hatte der letzte Jugoslawienkrieg hauptseitig politische Gr\u00fcnde und sein Ziel war die Sicherung der amerikanischen Vorherrschaft auf dem europ\u00e4ischen Kontinent. Er benennt aber mit Opitz\u00b4s Werk vollst\u00e4ndig richtig die theoretische Grundlage, die die verschiedenen Fl\u00fcgel der Linken miteinander verbindet, jenen Ansatzpunkt, den die &#8222;antideutsche Linke&#8220; mit der DKP bei allen anderen Differenzen gemeinsam hat: Die von R. Opitz und dem gesamten, inzwischen gescheiterten, osteurop\u00e4ischen Marxismus verfochtene Anschauung, da\u00df es immer eine direkte Verbindung zwischen den Strategien und \u00f6konomischen Interessen des &#8222;Kapitals&#8220; und der Aussenpolitik des jeweiligen Landes gibt.<\/p>\n<p>Zwar trifft dies bei den im Zitat bem\u00fchten historischen Beispielen von Bismarck und Hitler durchaus nicht zu &#8211; so hielt Bismarck die vermeintlichen Interessen des deutschen Kapitals auf den Balkan bekanntlich nicht f\u00fcr ausreichend, auch nur &#8222;die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers&#8220; zu opfern, und Hitler bevorzugte ein Abkommen mit dem serbischen K\u00f6nigtum \u00fcber die Neutralit\u00e4t Jugoslawiens gegen\u00fcber einer milit\u00e4rischen Eroberung, trotz der von Opitz &#8222;belegten&#8220; Europastrategien des deutschen Kapitals &#8211; nur hat dies bis dato noch keinen &#8222;Marxisten&#8220; veranlasst, von dieser Art \u00f6konomistischer Verballhornung des Marxismus Abstand zu nehmen. Der Krieg bedarf f\u00fcr fast jeden Fl\u00fcgel der deutschen Linken einer \u00f6konomischen Fundierung, eines konkreten Interesses des &#8222;Kapitals&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Deutsches Interesse ist u. a. die ethnische Parzellierung Jugoslawiens. Vom Wiederaufbau will man profitieren, auf dem neuen deutsch-europ\u00e4ischen Hinterhof Balkan einen Absatzmarkt finden und Billigstarbeitskr\u00e4fte.&#8220; Als Jugoslawien &#8222;als der letzte NATO-resistente Balkanstaat es auch noch wagte, billige Weltbankkredite auszuschlagen, wurden die Menschenrechte der Kosovo-Albaner\/innen entdeckt.&#8220; (Jutta Ditfurth, in <i> konkret <\/i>7\/99)<\/p>\n<p>Nicht anders Heinz Stehr, Parteivorsitzender der DKP, der in der UZ zustimmend den Standpunkt der jugoslawischen Kommunisten zu den Kriegsursachen erl\u00e4utert: &#8222;Sie gehen davon aus, da\u00df einer der Hauptgr\u00fcnde ist, da\u00df sie bisher gegen diese \u00b4Neue Weltordnung\u00b4 Widerstand geleistet haben. Sie haben zum Beispiel die Einf\u00fchrung der Marktwirtschaft nicht akzeptiert. Nach wie vor ist die wichtigste Eigentumsform gesellschaftliches oder genossenschaftliches Eigentum. Das gilt f\u00fcr die Produktion, aber auch f\u00fcr Grund und Boden.&#8220; (UZ vom 02. Juli 1999) Hier haben wir die Durchsetzung der &#8222;Marktwirtschaft&#8220; und der b\u00fcrgerlichen Gesellschaftsordnung gegen\u00fcber den \u00dcberresten ehemaliger &#8222;sozialistischer Planwirtschaft&#8220; als Kriegsursache. Wie auch immer, von den nordalbanischen Bodensch\u00e4tzen \u00fcber die immer gleichen &#8222;Europastrategien des deutschen Kapitals&#8220;, das Ausschlagen von IWF-Krediten, die Beschaffung billiger Arbeitskr\u00e4fte bis hin zur Durchsetzung der b\u00fcrgerlichen Gesellschaftsordnung &#8211; der Linken ermangelt es nicht an allerlei haarstr\u00e4ubenden Geschichten \u00fcber die Gr\u00fcnde des &#8222;Kapitals&#8220; f\u00fcr den vorerst letzten Jugoslawienkrieg. In Wirklichkeit erkl\u00e4rt kein einziges der angef\u00fchrten Zitate den konkreten Krieg. Alle genannten Gr\u00fcnde existieren seit acht bis zehn Jahren, seit dem Zerfall der bipolaren Weltordnung, ohne einen Natokrieg gegen Jugoslawien hervorgerufen zu haben.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt ist jeder konkrete Krieg Produkt der inneren und \u00e4u\u00dferen Politik der beteiligten M\u00e4chte, er ist eine &#8222;Fortsetzung dieser Politik mit anderen Mitteln&#8220;. Aus dieser Politik muss er erkl\u00e4rt und hergeleitet werden. In den jeweiligen Staaten m\u00fcssen die &#8222;\u00f6konomischen Interessen&#8220; und &#8222;Strategien&#8220; des &#8222;Kapitals&#8220; eine konkrete politische Gestalt annehmen. Dabei entpuppt sich dann &#8222;das Kapital&#8220; als eine Ansammlung sehr unterschiedlicher Interessen. Diese unterschiedlichen Interessen finden ihre politischen F\u00fcrsprecher, Denkschulen, politischen Parteien und suchen in einer parlamentarischen Demokratie die ihrer Konzeption entsprechenden Parteien- und Klassenb\u00fcndnisse, die eine gesellschaftliche Akzeptanz und parlamentarische Mehrheit erm\u00f6glichen. Die hier beschriebene Entwicklung unterliegt auf jeder ihrer Stufen einer Eigengesetzlichkeit, die die letztendliche konkrete Politik eines Landes, durchaus nicht direkt aus irgendwelchen &#8222;Kapitalstrategien&#8220; herleitbar macht. Die Au\u00dfenpolitik eines jeden Landes steht dabei in bestimmten historischen Traditionen, die sich &#8211; siehe Deutschland &#8211; auch manchmal grundlegend \u00e4ndern, ist an bestehende B\u00fcndnissysteme angelehnt, ist abh\u00e4ngig von der geographischen Lage, der \u00f6konomischen und milit\u00e4rischen Potenz des jeweiligen Staates, und wird als konkrete Politik von der jeweils amtierenden Regierung formuliert.<\/p>\n<p>Wenn es darum geht, eine konkrete Politik herzuleiten, die Ursachen f\u00fcr eine bestimmte politische Handlung aufzuzeigen, erweisen sich die Begrifflichkeiten von &#8222;dem Kapital&#8220;, &#8222;den Kapitalstrategien&#8220;, dem &#8222;Kapital als gesellschaftlichem Verh\u00e4ltnis&#8220; und dergleichen mehr als leere Abstraktionen. Um vom konkret existierenden einzelnen Kapital, das in jedem anderen konkreten Einzelkapital erst einmal nur seinen Konkurrenten erblickt, zu einer &#8222;Politik des Kapitals&#8220; zu gelangen, bedarf es nicht nur einer ganzen Reihe nicht\u00f6konomischer Zwischenstufen; der Begriff selbst erweist sich als unzul\u00e4nglich, da am Ende dieses Prozesses keine Zusammenfassung der Interessen aller Einzelkapitale steht, sondern etwas qualitativ anderes, ein \u00fcber viele Zwischenstufen vermittelter Konsens zwischen den unterschiedlichen Kapitalinteressen und der Gesamtausrichtung der Politik der gegeben b\u00fcrgerlichen Gesellschaft.<\/p>\n<p>&#8222;Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens. Mehr hat weder Marx noch ich je behauptet. Wenn nun jemand das dahin verdreht, das \u00f6konomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt er jenen Satz in eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase.&#8220; (Engels an Joseph Bloch, 21.\/22.09.1890, MEW Bd. 37, S. 463; alle Hervorhebungen im Original)<\/p>\n<p>Wer immer unter den heutigen politischen Bedingungen einen konkreten milit\u00e4rischen Konflikt direkt aus &#8222;dem \u00f6konomischen Interesse des Kapitals&#8220; an der Durchsetzung der &#8222;Marktwirtschaft&#8220;, an &#8222;billigen Arbeitskr\u00e4ften&#8220;, an der &#8222;Ablehnung von IWF-Krediten&#8220; etc. herleitet, der hat den Marxismus auf das Niveau einer inhaltsleeren Allerweltsweisheit reduziert: Letztendlich steht hinter allem ein \u00f6konomisches Interesse. Mit dieser Platit\u00fcde kann man allerdings keine Politik machen. Und damit kommen wir zur dritten Schlu\u00dffolgerung aus dem Jugoslawienkrieg: Wer konkrete Politik aus &#8222;dem Kapital&#8220; oder den &#8222;Strategien und Interessen des Kapitals&#8220; herleitet, hat weder den Marxismus verstanden noch ist er politikf\u00e4hig.<\/p>\n<h3>Eine politische Interpretation des Jugoslawienkrieges<\/h3>\n<p>Werfen wir im Gegensatz zu den \u00f6konomistischen Verflachern des Marxismus einen Blick auf die Zielsetzung der amerikanischen und deutschen Aussenpolitik im vergangenen Jahrzehnt, also seit dem Ende der bipolaren Weltordnung, die allseits eine Neuformulierung der Aussenpolitik erfoderlich machte, so enth\u00fcllen sich die vermeintlichen \u00f6konomischen Interessen &#8222;des Kapitals&#8220; an der Durchsetzung der &#8222;Marktwirtschaft&#8220; auf dem Balkan als ein Ringen um politische Eigenst\u00e4ndigkeit bzw. Vorherrschaft auf dem europ\u00e4ischen Kontinent. Der Zerfall der bipolaren Weltordnung vergr\u00f6\u00dferte den aussenpolitischen Handlungsspielraum aller westeurop\u00e4ischen Staaten, im besonderen aber die Rolle und Bedeutung der inzwischen wiedervereinigten BRD. Zugleich f\u00fchrte der Zerfall des Warschauer Paktes die NATO, Garant der b\u00fcrgerlichen Gesellschaftsordnung gegen\u00fcber dem Sozialismus und Instrument amerikanischer Vorherrschaft \u00fcber Europa, in eine Legitimationskrise.Die zuk\u00fcnftigen Aufgaben der NATO bedurften einer neuen Definition. F\u00fcr die USA sollte die NATO auch in Zukunft ein Instrument ihrer Vorherrschaft \u00fcber Europa bleiben. Alle NATO-Reformen und -Erweiterungspl\u00e4ne der USA aus den letzten Jahren spiegeln dieses Interesse wider. Der NATO-Krieg gegen Jugoslawien ist somit aus der Kontinuit\u00e4t amerikanischer Europa- und NATO-Politik zu interpretieren. &#8222;Ein milit\u00e4rischer Angriff auf Jugoslawien durch die NATO hat nat\u00fcrlich weitreichende gesamteurop\u00e4ische politische Konsequenzen, weit bedeutender f\u00fcr die Staatsinteressen aller gro\u00dfen M\u00e4chte, als das &#8211; f\u00fcr sie anscheinend bedeutungslose &#8211; Schicksal der Albaner im Kosovo. Ein Erfolg au\u00dferhalb des Rahmens der Zustimmung des UN-Sicherheitsrates w\u00fcrde garantieren, da\u00df kein kollektives Sicherheitssystem in Europa &#8211; durch die Hintert\u00fcr eines russischen Vetos im Sicherheitsrat &#8211; geschaffen w\u00fcrde. Und es w\u00fcrde die Einheit der Allianz besiegeln &#8211; zu einem Zeitpunkt, da die Einf\u00fchrung des Euro, ein Ereignis von m\u00f6glicherweise globaler politischer Bedeutung, sie auseinanderrei\u00dfen k\u00f6nnte.&#8220; Dementsprechend betonte Clinton am Vorabend des Krieges einem Bericht der Washington Post zufolge, da\u00df &#8222;eine starke US-Europ\u00e4ische Partnerschaft alles (sei), worum es bei dieser Kosovo-Angelegenheit gehe.&#8220; (Peter Gowan, Die NATO und die Balkan-Trag\u00f6die, in Z Nr. 38, S. 80-81, Hervorhebung im Original)<\/p>\n<p>Die USA f\u00fchrten diesen Krieg zur Aufrechterhaltung ihrer Vorherrschaft in Europa, zur Verhinderung der Etablierung anderer europ\u00e4ischer Sicherheitssysteme (beispielsweise unter Einbeziehung Ru\u00dflands &#8211; OSZE), die sich in Konkurrenz zu der unter amerikanischer Hegemonie befindlichen NATO entwickeln k\u00f6nnten und die Eigenst\u00e4ndigkeit der europ\u00e4ischen Staaten und hier insbesondere der BRD st\u00e4rken k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Und wie erkl\u00e4rt sich die deutsche Politik vor diesem Hintergrund? &#8222;Dieser Krieg ist &#8211; mit allen bekannten Unzul\u00e4nglichkeiten &#8211; von der NATO unter amerikanischem Oberbefehl gef\u00fchrt und gewonnen worden. &#8230; Wer allerdings glaubt, das deutsche Engagement entspringe einem genuinen Atlantizismus, der irrt. Deutschland konnte sich diesem Krieg in Kosovo nicht einfach entziehen, ohne zum Paria zu werden. Aber die Regierung Schr\u00f6der l\u00e4sst inzwischen keinen Zweifel daran, dass sie sich k\u00fcnftig nicht mehr in amerikanische Kriege verwickeln lassen will, sondern im europ\u00e4ischen Verbund, wo die deutsche Stimme ein ungleich gr\u00f6sseres Gewicht hat, die politischen und milit\u00e4rischen Entscheidungen suchen will.&#8220; (Hans R\u00fchle, NZZ vom 02.08.1999. Hans R\u00fchle war Chef des Planungsstabes im Bonner Verteidigungsministerium.)<\/p>\n<p>Zugleich aber konstatiert der Autor &#8222;dass die deutsche Aussen- und Sicherheitspolitik rhetorisch-politisch auf eine auch milit\u00e4risch weitgehend selbst\u00e4ndige europ\u00e4ische Verteidigungsidentit\u00e4t zielt, w\u00e4hrend faktisch-milit\u00e4risch die Abh\u00e4ngigkeit von den USA immer gr\u00f6sser wird.&#8220; (ebenda) Hier spricht der Autor die Diskrepanz zwischen den politischen W\u00fcnschen (nicht nur der deutschen Regierung) und ihren milit\u00e4rischen M\u00f6glichkeiten an. Die europ\u00e4ischen Staaten allein h\u00e4tten den Luftkrieg gegen Jugoslawien nicht f\u00fchren k\u00f6nnen. Ihn als Landkrieg zu f\u00fchren, h\u00e4tte diesem Krieg beim momentanen Zustand der europ\u00e4ischen Armeen seinen Chararakter als Kabinettkrieg genommen (ohne Einbeziehung der Massen und ohne gr\u00f6\u00dfere Verluste), h\u00e4tten ihn damit politisch unm\u00f6glich gemacht. Zwischen dem europ\u00e4ischen und deutschen Wunsch nach gr\u00f6\u00dferer politischer und milit\u00e4rischer Eigenst\u00e4ndigkeit gegen\u00fcber den USA und der realen milit\u00e4rischen Potenz existiert ein momentan nicht \u00fcberbr\u00fcckbarer Graben. Diesen Graben haben die USA ihren europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten im Jugoslawienkrieg in aller Deutlichkeit aufgezeigt: Die USA bleiben die milit\u00e4rische und politische Vormacht in der Welt und in Europa. Sie bestimmen damit \u00fcber Krieg und Frieden auch in Europa.<\/p>\n<p>Wer mit dem &#8222;deutschen Frieden&#8220; auf dem Balkan also wen \u00fcber den Tisch gezogen hat, wird die Zukunft zeigen. Die Katzbalgerei um politische Einflu\u00dfsph\u00e4ren in Europa wird mit Sicherheit in eine neue Runde gehen. Und dies f\u00fchrt uns zur vierten Schlussfolgerung aus dem Jugoslawienkrieg: Der Zerfall der bipolaren Weltordnung hat die Widerspr\u00fcche zwischen den f\u00fchrenden kapitalistischen Staaten weiter anwachsen lassen. Mit der Umstrukturierung ihrer Armeen zu S\u00f6ldnerbanden w\u00e4chst die Wahrscheinlichkeit, da\u00df diese Konflikte in den kommenden Jahren kriegerischen Charakter annehmen.<\/p>\n<p>Ob die deutsche Linke dazu k\u00fcnftig mehr zu sagen wei\u00df, als &#8222;Durchsetzung der Marktwirtschaft&#8220; und die immer gleichen &#8222;Europastrategien des deutschen Kapitals&#8220; zu enth\u00fcllen, ist bei der von ihr gepflegten \u00f6konomistischen Verflachung des Marxismus zu bezweifeln. Politikf\u00e4hig ist diese Art von &#8222;Marxismus&#8220; zu keiner Zeit.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Zuerst ver\u00f6ffentlicht in: Aufs\u00e4tze zur Diskussion (AzD), 21. Jg., Nr. 68, August 1999. <a href=\"file:\/\/\/Users\/pdietrich\/Documents\/kommmunistische%20debatte\/bestellung.html\" target=\"_blank\">Information und Bestellformular &#8230;<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div align=\"right\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"> Letzte \u00c4nderung: 21.03.2016 <\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der &#8222;deutsche Krieg&#8220; und die &#8222;amerikanische Niederlage&#8220; &#8211; Der Krieg aus der Sicht der &#8222;antideutschen Linken&#8220; Von Alfred Schr\u00f6der Der NATO-Krieg gegen das noch verbliebene Rumpfjugoslawien trug eine Reihe neuer und bemerkenswerter Z\u00fcge. W\u00e4hrend die b\u00fcrgerliche Presse &#8211; hier vor allem die FAZ &#8211; die &#8222;Neudefinition&#8220; des b\u00fcrgerlichen &#8222;V\u00f6lkerrechts&#8220; durch die von den USA gef\u00fchrte &hellip; <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=469\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Der Krieg um Jugoslawien und seine Lehren<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-469","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/469","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=469"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/469\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":470,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/469\/revisions\/470"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=469"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}