{"id":393,"date":"2016-09-13T08:23:03","date_gmt":"2016-09-13T06:23:03","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=393"},"modified":"2022-08-04T11:05:20","modified_gmt":"2022-08-04T09:05:20","slug":"schlussbemerkung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=393","title":{"rendered":"Schlu\u00dfbemerkung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #352712;\"><span style=\"font-size: medium;\">In theoretischer Hinsicht besteht der zentrale Punkt der hier vorgetragenen Kritik darin, dass die Konzeption eines monopolkapitalistischen Stadiums auf einem fehlerhaften Verst\u00e4ndnis der freien Konkurrenz beruht. Diesem zufolge besteht die freie Konkurrenz in der Abstraktion von Hindernissen, speziell von Monopolen, deren Fehlen als selbst\u00e4ndige Voraussetzung f\u00fcr die Durchsetzung der \u00f6konomischen Gesetze aufgefasst wird und deren Auftreten dementsprechend der Verwirklichung der Gesetze zunehmend Schranken setzt. Wesentliche Z\u00fcge des monopolkapitalistischen Stadiums \u2013 Allmacht der Monopole, Beschneidung der objektiven Gesetze, bewusste Regelung der Produktion trotz privater Aneignung \u2013 sind die Kehrseite dieser inhaltslosen, nur negativen Auffassung der freien Konkurrenz. Im Begriff des Finanzkapitals \u2013 der Banken, die zu allm\u00e4chtigen Monopolinhabern angewachsen sind und \u00fcber die gesamtgesellschaftliche Produktion in zunehmenden Ma\u00dfe verf\u00fcgen \u2013 gewinnt dieses fehlerhafte Verst\u00e4ndnis seinen zusammenfassenden Ausdruck. Es ist darin offensichtlich eingeschlossen, dass diese \u201eArt neue Gesellschaftsordnung\u201c kein Kapitalismus mehr ist. Ebenso offensichtlich ist es, dass Lenin damit in zentralen Punkten die Theorie Hilferdings in eigenen Worten wiedergibt.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #352712;\"><span style=\"font-size: medium;\">Man mag dem entgegenhalten, dass sich die historische Realit\u00e4t um die Jahrhundertwende tats\u00e4chlich in der von Lenin beschriebenen Weise gewandelt hatte; dass die \u00f6konomische Theorie von Marx auf das 19. Jahrhundert, auf das 20. Jahrhundert dagegen die Theorie Lenins \u2013 bzw. Hilferdings \u2013 zutrifft. Umso dringlicher w\u00e4re dann eine konkrete historische Untersuchung, die diesen Wandel belegt.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #352712;\"><span style=\"font-size: medium;\">Tats\u00e4chlich war es Lenins eigene Zielsetzung, anhand m\u00f6glichst vieler \u00c4u\u00dferungen b\u00fcrgerlicher \u00d6konomen die \u201eneueste \u00d6konomik\u201c des Kapitalismus darzustellen.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a> Der damit verbundene empirische Charakter der Schrift hat aber nicht nur den Nachteil, dass die grunds\u00e4tzlichen Behauptungen \u00fcber die neuen \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse des monopolistischen Stadiums nicht in ihrer theoretischen Problematik erfasst und diskutiert werden, sondern weist selbst in zweifacher Hinsicht enge Grenzen auf. Einerseits f\u00fchrt die \u00dcbernahme zentraler Auffassungen Hilferdings dazu, dass Auswahl und Interpretation der Zitate b\u00fcrgerlicher Autoren durch dessen theoretisches Verst\u00e4ndnis vorgepr\u00e4gt und begrenzt sind; anderseits ist die empirische Darstellung im Gro\u00dfen und Ganzen auf Deutschland beschr\u00e4nkt.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #352712;\"><span style=\"font-size: medium;\">Selbst ein oberfl\u00e4chlicher Blick auf die ersten Kapitel der Imperialismusschrift zeigt, dass ein \u201eGesamtbild der kapitalistischen Weltwirtschaft\u201c, das zu zeichnen Lenin als Hauptaufgabe seines Werkes angegeben hatte,<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote2sym\" name=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a> gerade f\u00fcr die tragenden Begriffe dieser Theorie auch nicht ann\u00e4hernd erkennbar ist. \u00dcber England wird im ersten Kapitel nur die theoretische Ansicht von H. Levy vorgestellt, im zweiten Kapitel wird nur eine Zahlenangabe \u00fcber Niederlassungen und Filialen englischer Banken gemacht, die in einem falschen Zusammenhang erscheint, im dritten Kapitel wird England praktisch nicht erw\u00e4hnt \u2013 aber im vierten Kapitel wird der britische Kapitalexport als Bet\u00e4tigung des britischen Finanzkapitals verstanden.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #352712;\"><span style=\"font-size: medium;\">Zu Frankreichs Monopolkapitalismus findet sich im ersten Kapitel keine einzige Aussage, im zweiten Kapitel werden die franz\u00f6sischen Depositenbanken f\u00e4lschlich als Finanzkapital aufgefasst, die Ausf\u00fchrungen im dritten Kapitel \u2013 unter Bezug auf Lysis \u2013 geh\u00f6ren dem Inhalt nach bereits vollst\u00e4ndig zum vierten Kapitel, mit dem wiederum die Darstellung der internationalen T\u00e4tigkeit des franz\u00f6sischen Finanzkapitals aufgenommen wird.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #352712;\"><span style=\"font-size: medium;\">Es gibt nur ein einziges Land, mit dessen Darstellung Lenin alle Themen \u2013 vom Kartell bis zum Kapitalexport \u2013 abdecken konnte: Deutschland. Das hat in der Hauptsache objektive Gr\u00fcnde. Wenn auch in theoretisch verquerer Form, hatte Hilferding\u00a0<\/span><\/span><span style=\"color: #352712;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>deutsche<\/i><\/span><\/span><span style=\"color: #352712;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u00a0Verh\u00e4ltnisse (obwohl auch in einigen anderen kontinentaleurop\u00e4ischen L\u00e4ndern und in den USA Universalbanken entstanden) unzul\u00e4ssig verallgemeinert.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #352712;\"><span style=\"font-size: medium;\">Kestner und Jeidels kommt in diesem Zusammenhang insofern eine wichtige Rolle zu, als Lenin zentrale theoretische Aussagen auf deren Arbeiten st\u00fctzen will. Nimmt man deren Werke in ihrem ganzen Umfang und in ihrem eigenen Zusammenhang zur Kenntnis, so muss man feststellen, dass sie der Theorie eines neuen monopolistischen Stadium grunds\u00e4tzlich widersprechen, vielmehr eine empirische St\u00fctze f\u00fcr die Richtigkeit des Marxschen \u201eKapitals\u201c darstellen, von dessen Boden aus sie durchaus nachvollziehbar und begreifbar sind. Zu einem \u00e4hnlichen Befund f\u00fchrt die Lekt\u00fcre der \u201edeutschen Kreditbank\u201c von Schulze-G\u00e4vernitz, von dem Lenin weniger die Darstellung des Kreditwesens selbst, als vielmehr die mit Hilferdings Theorie \u00fcbereinstimmende Interpretation der Bankenkonzentration \u00fcbernimmt, wie auch die Lekt\u00fcre von Lysis, dessen \u201eFinanzoligarchie\u201c in Wirklichkeit nicht Ausdruck der von Lenin behaupteten \u201eVerschmelzung\u201c von Banken und Industrie ist.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #352712;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Leninsche Theorie des Monopolkapitalismus ist nicht nur mit der Marxschen \u00f6konomischen Theorie nicht vereinbar, ihr liegt auch keine hinreichende Untersuchung der Realit\u00e4t zugrunde. Man wird bei der notwendigen Untersuchung der \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse des 19.\/20. Jahrhunderts \u2013 speziell des Imperialismus \u2013 genau das tun m\u00fcssen, was Lenin nicht gelungen ist. Man wird vom Marxschen \u201eKapital\u201c ausgehen und auf diesem Boden eine konkrete Untersuchung der historischen Wirklichkeit vornehmen m\u00fcssen, die die Besonderheiten der verschiedenen kapitalistischen L\u00e4nder ber\u00fccksichtigt.<\/span><\/span><\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\" style=\"text-align: justify;\">\n<p class=\"sdfootnote\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1<\/a> LW 22, S. 271<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote2\">\n<p class=\"sdfootnote\" style=\"text-align: justify;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote2anc\" name=\"sdfootnote2sym\">2<\/a> LW 22, S. 193<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In theoretischer Hinsicht besteht der zentrale Punkt der hier vorgetragenen Kritik darin, dass die Konzeption eines monopolkapitalistischen Stadiums auf einem fehlerhaften Verst\u00e4ndnis der freien Konkurrenz beruht. 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