{"id":3359,"date":"2026-08-30T19:21:31","date_gmt":"2026-08-30T17:21:31","guid":{"rendered":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=3359"},"modified":"2026-08-30T19:21:31","modified_gmt":"2026-08-30T17:21:31","slug":"faschismus-faschisierung-oder-legitimierung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=3359","title":{"rendered":"Faschismus, Faschisierung &#8211; oder Legitimierung?"},"content":{"rendered":"<p><em>Anmerkungen zu einer notwendigen Neuformulierung<\/em><\/p>\n<p>Die Debatte um eine \u201eWiederkehr des Faschismus\u201c ist eine durch und durch heuchlerische Chose. Sie wird von den Linksliberalen heute genutzt, um ihre volle Unterst\u00fctzung gegenw\u00e4rtiger Politik und des Neuen Autoritarismus zu rechtfertigen und zu bem\u00e4nteln. Was aber die AfD betrifft, die FP\u00d6, die FdI und die anderen aufsteigenden oder bereits erfolgreichen rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen, bringt sie keinerlei Erkenntnisgewinn. Hingegen lenkt sie von den wirklichen Entwicklungen ab, welche eine entschieden gr\u00f6\u00dfere Gefahr darstellen.<\/p>\n<p>Der Artikel von Heiner Karuscheit leidet darunter, dass er den heutigen \u201eAntifaschismus\u201c der Linksliberalen ernst nimmt; oder jedenfalls, dass er dessen Funktion nicht klar ausspricht. Dabei wird schnell klar: Der Faschismus dieser Elaborate ist kein analytischer Begriff. Das ist eine recht schrill klingende Agit-Prop-Fanfare.<\/p>\n<p>Wenn wir\u00a0 die Entwicklung des Neuen Autoritarismus heute begreifen wollen, m\u00fcssen wir tats\u00e4chlich einen Blick auf den \u201ealten\u201c Faschismus und seine Klassen-Beziehungen machen.<\/p>\n<p>Die Stalin-Dimitroff-Darstellung des National-Faschismus, die dann auch verpflichtend f\u00fcr die \u00fcberaus reichhaltigen und n\u00fctzlichen historischen Arbeiten der DDR war, hat in ihrem groben Strickmuster eine ganze Reihe von Fehlern gemacht. Ich w\u00fcrde empfehlen, als Kontrast dazu die <em>Lektionen \u00fcber den Faschismus<\/em> Togliattis zu lesen, aber auch solche \u201eAbweichler\u201c wie Angelo Tasca und August Thalheimer.<\/p>\n<p>Der Faschismus war in seiner Entstehung ein <em>absoluter Machtanspruch der aufstrebenden Neuen Mittel\u00adschichten<\/em>. Zahlenm\u00e4\u00dfig zu schmal noch, um ihre Ambitionen durchzusetzen, suchten sie ihre Basis unter den Bauern, den alten Mittelschichten\u00a0 und teils auch unter den Arbeitern. Sie glaubten, den Kapitalismus besser verwalten zu k\u00f6nnen als die Kapitalisten selbst. Doch war ihnen deren finanzkr\u00e4f\u00adtige Unterst\u00fctzung h\u00f6chst willkommen. Eine der Hauptunterschiede zwischen dem italienischen und dem deutschen Faschismus war, dass der italienische Faschismus, kaum an der Macht, sehr schnell bereit war, sich substanziell den alten Eliten unterzuordnen, den B\u00fcrokraten wie dem Kapital. Die Nazis hingegen taten dies nicht. Mussolini hat schon in den 1920ern ge\u00e4u\u00dfert: Wenn es einen Konflikt zwischen dem Pr\u00e4fekten (also den alten politischen Personal) und dem Parteisekret\u00e4r (also der Partei) geben w\u00fcrde, w\u00e4re er immer auf der Seite des Pr\u00e4fekten. Eine solche Aussage w\u00e4re von den Nazis undenkbar gewesen.<\/p>\n<p>Dimitroff hat den Faschismus als Bewegung und den Faschismus an der Macht in einen Topf geworfen und dar\u00fcber hinaus \u00fcbersehen: Es gab einen, nennen wir es: strukturellen Herrschafts-Konflikt zwischen diesen ambitionierten neuen Herren und dem Gro\u00dfkapital, welchen die ersten nicht gewinnen konnten, solange sie am Kapitalismus als Ideal-Struktur festhielten.<\/p>\n<p>Der entscheidende Punkt ist m. E., um es gleich hier zu nennen, dass heute wiederum die Neuen Mittelschichten den Machtanspruch stellen, in unterschiedlicher Form (B\u00fcrokratie, Intellektuel\u00adle, &#8230;). <em>Damit sind die Linksliberalen im Klassen-Charakter dem alten National-Faschismus wesentlich n\u00e4her als die Rechtspopulisten.<\/em> Dass sie in der Ideologie und im Politik-Stil sich teils diametral anders orientieren ist richtig. Die damaligen Neuen Mittelschichten waren militant natio\u00adnalistisch orientiert. Die Suche nach einer hieb- und stichfesten, \u201ewissenschaftlichen\u201c Begr\u00fcn\u00addung f\u00fcr diesen Nationalismus machte sie zu Rassisten (wobei ich den Begriff des Rassenstaats bei H. K. f\u00fcr fragw\u00fcrdig halte). Im Stil aber waren sie deklariert antirationalistisch.<\/p>\n<p>Die heutigen Neuen Mittelschichten sind klar, eindeutig und militant globalistisch-\u00fcbernational. Sie sind es, weil sie erstrangig auf ihre globale Klasse orientiert sind, nicht mehr auf die Nation als Klassen-Verband. Im Stil sind sie deklariert rationalistisch, jedoch i. S. eines flachen und einge\u00adschr\u00e4nkten Rationalismus der Art des \u00f6konomischen <em>mainstreams<\/em>: knappe Mittel f\u00fcr alternative Zwecke. Das sollte uns aber nicht von der entscheidenden Parallele im Klassen-Charakter ablenken. Der Neue Autoritarismus entspricht funktionell dem alten Faschismus, findet jedoch in einer deutlichst ge\u00e4nderten sozio\u00f6konomischen und politischen Umgebung statt. Das ist der Punkt, den auch H. K. m. E. v\u00f6llig zu Recht, fast noch zu wenig, betont.<\/p>\n<p>Die \u201eFaschisierung\u201c der 1970er richtete sich <em>nur<\/em> gegen die Linke, wie sie die damals Herrschenden eben verstanden oder zu verstehen glaubten. Das war zum Einen jener Teil der Intellektuellen, welcher nach einflussreichen Positionen in Academia und in der B\u00fcrokratie zu greifen begann und daher von den alten Eliten als t\u00f6dliche Gefahr begriffen wurde. Der \u201eMarsch durch die Institutionen\u201c wurde zwar sofort zum <em>Marsch in die Institutionen<\/em>. Aber das wussten die Eliten noch nicht. Und dann gab es die winzige Gruppe, welche in v\u00f6lliger Verkennung der Lage den bewaffneten Kampf propagierten und begannen. Die \u201eFaschisierung\u201c damals betraf also nur eine sehr kleine Minderheit.<\/p>\n<p>Und nun gehen wir in die j\u00fcngste Vergangenheit und Gegenwart. In der Corona-Zeit wurden die Menschenrechte <em>fl\u00e4chendeckend<\/em> abgebaut. <em>Diese<\/em> \u201eFaschisierung\u201c richtete sich somit <em>gegen die gesamte Bev\u00f6lkerung<\/em>. Seit 1945 hat es einen solchen Kulturbruch nicht gegeben. Und nur ein kleiner Teil der ohnehin wenig verbliebenen Linken wurde hellh\u00f6rig. Der andere Teil spielte mit, nicht nur in der BRD. Aber in der BRD war die <em>Unterst\u00fctzung f\u00fcr diese offen autorit\u00e4re Politik<\/em> speziell bei den Linksliberalen und einem Teil der Restlinken besonders militant und rabiat. Dort wurde man schnell angebr\u00fcllt: \u201eAber es geht um Menschenleben!!!\u201c Dass die \u201eMa\u00dfnahmen\u201c l\u00e4ngerfristig viel mehr Lebensjahre kosten w\u00fcrden (weil z. B. die steigende Arbeitslosigkeit die Lebenserwartung der Betroffenen verk\u00fcrzt; usw.), begriffen sie nicht, weil sie es nicht begreifen wollten. Denn der z\u00f6gernde Widerstand eines nicht kleinen Teils der Bev\u00f6lkerung\u00a0 orientierte sich von der angeblichen \u201eLinken\u201c weg, welche ja diese Politik voll st\u00fctzte. Diese (meist Unter-) Schichten wurden so bequemer Weise zu Faschisten erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Als die Eliten begriffen, dass ihnen die Bev\u00f6lkerung immer mehr wegrutschte, zogen sie zwar die \u201eMa\u00dfnahmen\u201c weitgehend zur\u00fcck. Sie setzten nun auf das n\u00e4chste Schlachtross. Da fiel ihnen die Eskalation im Ukraine-Krieg 2022 in den Scho\u00df. Heute ist es ziemlich gef\u00e4hrlich, sich gegen diesen NATO- und EU-Krieg zu erkl\u00e4ren, wenn man nicht gleichzeitig \u201egegen Putin\u201c w\u00fctet und sich f\u00fcr die massive Aufr\u00fcstung ausspricht. Gegen die \u201eeigenen\u201c Eliten, das \u201eeigene\u201c Kapital darf man bekanntlich nicht sein.<\/p>\n<p>Der Antifaschismus der heutigen Linksliberalen ist etwa so antifaschistisch, wie es jener der Jungdeutschen 1934 oder der Offiziere um den 20. Juli 1944 herum war. Sie waren gegen die Nazis, weil die ihnen zu plebeisch waren, und \u00fcberdies dann noch den Krieg verloren. Aber diese Gruppen wandten sich wenigstens gegen einen tats\u00e4chlichen Faschismus an der Macht und ein Vernichtungs-Regime. Die heutigen \u201eAntifaschisten\u201c sind nur mehr St\u00fctzen einer sich stets st\u00e4rker autorit\u00e4r gerierenden Elite, die sich auch immer st\u00e4rker durch das allgemeine Wahlrecht gef\u00e4hrdet f\u00fchlt. An der Peripherie macht sie bereits ihre Versuche mit der Abschaffung dieses Wahlrechts (Rum\u00e4nien; ansatzweise auch Tschechien; vielleicht bald in Bulgarien). In der BRD will sie vorderhand <em>nur<\/em> die st\u00e4rkste Oppositionspartei verbieten.<\/p>\n<p>Die Ph\u00e4nomene der \u2013 schon einmal aufgez\u00e4hlt \u2013 AfD etc. w\u00e4ren h\u00f6chst wichtig zu analysieren. An sie mit dem Faschismus-Begriff heranzugehen, bringt uns auf diesem Weg keinen Millimeter weiter. Im Gegenteil, es lenkt auf unverantwortliche Weise von den realen Entwicklungen und Gefahren ab.\u00a0\u00a0 Denn im Neuen Autoritarismus, wie immer man ihn bezeichnet, <em>dort<\/em> liegen die echten Probleme.<\/p>\n<p>Im \u00dcbrigen sollte bei einem n\u00fcchternen Blick doch wohl schon klar geworden sein: Der Rechts\u00adpopulismus wandelt sich an der Macht sehr schnell zu einer Partei, \u00e4hnlich wie es die bisherigen Christ\u00addemokraten sind. Jedenfalls deutet darauf das Beispiel Meloni hin, welche in Italien die Democristiani seit vier Jahren ersetzt. Marine Le Pen und Alice Weidel gehen ganz in dieselbe Richtung. Und was die Instabilit\u00e4t der politischen Oberfl\u00e4chenprozesse betrifft: Die ist inzwischen schon wieder gegeben, bei Regierungen, welche in der Bev\u00f6lkerung l\u00e4ngst keine Mehrheit mehr haben. Damit gew\u00f6hnt man die Bev\u00f6lkerungen an legale, aber illegitime Regierungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Anhang:<\/em> Ich m\u00f6chte eine doch recht auff\u00e4llige L\u00fccke bei H. K. erg\u00e4nzen. Er schreibt: \u201e&#8230;mussten zus\u00e4tzliche Arbeitskr\u00e4fte aus dem Ausland beschafft werden. Sie erg\u00e4nzten zun\u00e4chst die agrarischen \u201eBinnenmigranten\u201c, bis sie schlie\u00dflich zur <em>haupts\u00e4chlichen bzw. einzigen Quelle f\u00fcr die Vermeh-rung der Lohnarbeiter<\/em> des Kapitals und damit des Mehrwerts geworden&#8230;\u201c<\/p>\n<p><strong>Und was ist \/ war mit den <em>Frauen<\/em>? <\/strong><\/p>\n<p>\u201eDer Arbeitsk\u00f6rper\u201c ist nicht nur \u201ein wachsendem Ma\u00dfe ethnisch und national gemischt\u201c, sondern ebenso im wachsenden Ma\u00df <em>gegendert<\/em>. Von dieser Reserve redet die EU st\u00e4ndig. Gerade in der BRD sollte dies seit einigen Jahrzehnten auffallen, da dort die weibliche Erwerbst\u00e4tigkeit l\u00e4nger als anderswo umstritten war. Und noch immer ist die Reserve dort noch vorhanden.<\/p>\n<p>Hierher geh\u00f6rt auch, dass dies ein idealer Weg zur <em>vollst\u00e4ndigen Kommodifizierung<\/em> des Lebens im Interesse des Kapitals war bzw. ist. Wir hatten hier in \u00d6sterreich in den vergangenen Wochen eine k\u00f6stliche Episode. Der konservative Bundeskanzler wagte es zu sagen, dass Sorge\u00a0 (f\u00fcr Kinder u. a.) keine \u201eArbeit\u201c sei. Er machte sich nat\u00fcrlich nicht die M\u00fche und ist vermutlich intellektuell auch nicht imstande dazu, \u201eArbeit\u201c als analytischen Begriff (also Lohnarbeit) von \u201eM\u00fche\u201c oder was immer zu unterscheiden. Die gesamte Journaille jaulte auf, und er entschuldigte sich sofort. Am st\u00e4rksten kam dies von der sozialdemokratischen und gr\u00fcnen Seite. Doch ich habe von angeblich progressiver Seite mehrmals \u00e4u\u00dfern geh\u00f6rt: \u201eSie hat diese Kinderpflege ja gelernt, <em>also<\/em> muss sie bezahlt werden.\u201c<\/p>\n<p>Albert F. Reiterer &#8211; 26.08.2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anmerkungen zu einer notwendigen Neuformulierung Die Debatte um eine \u201eWiederkehr des Faschismus\u201c ist eine durch und durch heuchlerische Chose. Sie wird von den Linksliberalen heute genutzt, um ihre volle Unterst\u00fctzung gegenw\u00e4rtiger Politik und des Neuen Autoritarismus zu rechtfertigen und zu bem\u00e4nteln. 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