{"id":3265,"date":"2026-05-08T17:47:49","date_gmt":"2026-05-08T15:47:49","guid":{"rendered":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=3265"},"modified":"2026-05-12T12:34:24","modified_gmt":"2026-05-12T10:34:24","slug":"ein-stein-der-auf-die-eigenen-fuesse-gefallen-ist","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=3265","title":{"rendered":"Ein Stein, der auf die eigenen F\u00fc\u00dfe gefallen ist"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Heiner Karuscheit &#8211; Kommentar zum Iran-Krieg<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor einem Jahr haben wir in dem Artikel \u201eEine neue Weltordnung, eine j\u00e4mmerliche Bourgeoisie und die Selbstaufgabe der Linken\u201c (AzD 98) die mit Trumps Pr\u00e4sidentschaft verbundenen au\u00dfenpolitischen Umw\u00e4lzungen sowie die Reaktion darauf durch Bourgeoisie und Linke in Deutschland aufgezeigt. Der am 28.Februar d.J. begonnene Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat die dort getroffenen Einsch\u00e4tzungen eindr\u00fccklich best\u00e4tigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Bekenntnis zu einer \u201emultipolaren\u201c Weltordnung, das die neue US-Administration zu Beginn ihrer Amtszeit durch den Au\u00dfenminister Rubio verk\u00fcnden lie\u00df, ist eine Reaktion auf das anhaltende wirtschaftliche Zur\u00fcckbleiben der USA im Vergleich zu anderen L\u00e4ndern, das mit einer De-Industrialisierung einherging und begleitet ist von einer wachsenden strategisch-milit\u00e4rischen \u00dcberforderung durch die Aufrechterhaltung der \u201eunipolaren\u201c Vorherrschaftsstellung als \u201eeinzige Weltmacht\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Konsequenz aus dem \u00dcbergang zu einer neuen Weltordnungspolitik war die Umstellung des Verh\u00e4ltnisses zu Russland und zum Ukraine-Krieg: Washington zog sich aus dem (von ihm selber provozierten und von Moskau mit einer gro\u00dfrussischen Agenda beantworteten) Krieg zur\u00fcck und erkl\u00e4rte die Europ\u00e4er daf\u00fcr zust\u00e4ndig. Stattdessen gingen die USA daran, ihre Beziehungen zu Russland neu zu gestalten, mit dem Ziel, Moskau m\u00f6glichst als Verb\u00fcndeten gegen ihren gef\u00e4hrlichsten Konkurrenten, das aufstrebende China, zu gewinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichzeitig war und ist der Trump-Administration daran gelegen, zu verhindern, dass es zu einer Ann\u00e4herung zwischen Russland und Europa, speziell Deutschland, kommt und sich so eine \u201eeurasische Koalition\u201c (Brzezinski) bilden k\u00f6nnte. Deshalb bef\u00fcrwortet sie die europ\u00e4ische Unterst\u00fctzung der Ukraine im Krieg gegen Russland und verbindet dies damit, dass sie die fr\u00fcher von Washington finanzierten Waffenlieferungen aus us-amerikanischer Produktion nun von der EU bezahlen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Umgang mit der Nato ordnet sich hier ein. Begleitet von verbalen Attacken Trumps wird das Milit\u00e4rb\u00fcndnis zwar einerseits herabgestuft, aber andererseits fortgesetzt, um die Gegens\u00e4tze zwischen Europa und Russland aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig werden die eigenen Verpflichtungen gegen\u00fcber dem Milit\u00e4rpakt heruntergefahren und sollen die Europ\u00e4er \u2013 an erster Stelle wiederum Deutschland \u2013 k\u00fcnftig die milit\u00e4rischen \u201eDienstleistungen\u201c der USA bezahlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soweit in K\u00fcrze die Grundz\u00fcge der US-Strategie auf dem Boden der neuen Weltordnung, wie sie in dem oben genannten Artikel entwickelt worden sind und auch den Iran-Krieg erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ein Krieg gegen den Iran, der sich auch gegen China und Europa richtet<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenig mehr als ein Jahr nach der Neujustierung des Ukraine-Kriegs ging die Trump-Regierung daran, mithilfe des Iran-Kriegs ihre Stellung in der neuen \u201emultipolaren\u201c Ordnung gegen\u00fcber den anderen Machtzentren auszubauen \u2013 oder vielmehr: sie versuchte es.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu diesem Zweck setzte sie zusammen mit Israel den Hebel an einem Schl\u00fcsselpunkt der globalen \u00d6konomie an, dem Nahen Osten, von dessen Erd\u00f6llieferungen sowohl China als auch Europa abh\u00e4ngig sind. Durch die milit\u00e4rische Niederschlagung des Iran, m\u00f6glichst verbunden mit einem Regimewechsel, sollte dieser als Regionalmacht ausgeschaltet und Israel als Sub-Hegemonialmacht etabliert werden. Aufgrund der milit\u00e4rischen und politischen Abh\u00e4ngigkeit des Zionistenstaats von den USA h\u00e4tte man so bei einem Erfolg die Kontrolle \u00fcber ma\u00dfgebliche Teile der weltweiten Energieversorgung in die Hand bekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der gemeinsame US-israelische Angriff richtete sich daher \u00fcber den Iran hinaus einerseits gegen China, andererseits gegen Europa, denn: <em>\u201eDie Zerst\u00f6rung der Europ\u00e4ischen Union ist und bleibt ein au\u00dfenpolitisches Projekt der Trump-Pr\u00e4sidentschaft\u201c, <\/em>wie ein Journalist aus Anlass des Kriegs in der S\u00fcddeutschen Zeitung schrieb.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jenseits der pers\u00f6nlichen Charaktermerkmale des gegenw\u00e4rtigen Amtsinhabers handelte es sich also um einen rational begr\u00fcndeten, n\u00fcchternen Schachzug, um mithilfe der \u00fcberlegenen milit\u00e4rischen Macht, die den USA aus den Zeiten als einzige Weltmacht noch verblieben ist, das eigene Gewicht im Kreis der Globalm\u00e4chte zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn der Krieg noch kein formelles Ende gefunden hat, kann man bereits feststellen, dass dieser Versuch gr\u00fcndlich misslungen ist, denn weder hat sich der Iran in die Knie zwingen lassen noch konnte Israel wie geplant als Sub-Hegemonialmacht etabliert werden. Anstatt den Niedergang der Vereinigten Staaten aufzuhalten, hat der Krieg ihn vielmehr beschleunigt, so dass es schwerf\u00e4llt, nicht an das chinesische Sprichwort \u00fcber \u201e<em>das Verhalten gewisser Toren<\/em>\u201c zu erinnern, das Mao Zedong seinerzeit in der Auseinandersetzung mit dem US-Imperialismus zitierte: &#8222;<em>Der Stein, den sie erhoben haben, f\u00e4llt auf ihre eigenen F\u00fc\u00dfe<\/em>.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die deutsche Bourgeoisie und die Nato<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie sah nun die Reaktion auf den Krieg durch die deutsche Bourgeoisie aus, die in dem oben genannten Artikel als \u201cj\u00e4mmerliche Klasse\u201c charakterisiert wurde?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bekanntlich hat das Nato-Mitglied Spanien den us-israelischen Angriff als v\u00f6lkerrechtswidrig kritisiert und den USA die Nutzung seines Luftraums inkl. der Flugpl\u00e4tze untersagt. Andere europ\u00e4ische L\u00e4nder sind nicht so weit gegangen wie Spanien, aber haben ebenfalls die Stationierungs- und \u00dcberflugrechte auf ihrem Staatsgebiet eingeschr\u00e4nkt. Und die Regierung Merz\/Klingbeil? Weder kritisierte sie die V\u00f6lkerrechtswidrigkeit des Angriffskriegs noch untersagte sie die Kriegsnutzung der US-Milit\u00e4rbasen auf deutschem Boden, vorweg der Ramstein Air Base.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Reaktion erscheint umso j\u00e4mmerlicher, wenn man begreift, dass <em>ein<\/em> Ziel des Angriffs auf den Iran die Schw\u00e4chung der EU und damit auch Deutschlands als der EU-Zentralmacht war. Was ist der Grund f\u00fcr das erb\u00e4rmliche Bild, das die Berliner Regierung abgegeben hat und weiter abgibt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir danach fragen, sto\u00dfen wir unvermeidlich auf die Nato. Nach dem Weltkrieg von den USA als der ma\u00dfgeblichen westlichen Siegermacht an die Herrschaft in der 1949 gegr\u00fcndeten Bundesrepublik gesetzt, hat die deutsche Bourgeoisie das B\u00fcndnis mit den USA in Form der Nato-Mitgliedschaft schon vor langer Zeit zur Staatsr\u00e4son, d.h. zum \u00fcbergeordneten Staatsinteresse der Republik erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist aber nur die eine Seite der Angelegenheit. Vor allem findet die deklarierte Staatsr\u00e4son ihre fortlaufende Begr\u00fcndung in dem milit\u00e4rstrategisch-politischen Dilemma, in dem die Bourgeoisie steckt, denn nach zwei verlorenen deutschen Weltkriegen ist sie dauerhaft vom Besitz eigener Atomwaffen ausgeschlossen. Den Verzicht darauf musste sie nicht nur in den Zwei-plus-Vier-Vertr\u00e4gen der deutschen Einigung bekr\u00e4ftigen. Dar\u00fcber hinaus w\u00fcrde jeder Versuch, nach Atomwaffen zu greifen, die Sprengung der EU bedeuten und zum Zusammenschluss der \u00fcbrigen europ\u00e4ischen L\u00e4nder gegen Deutschland f\u00fchren. Deshalb h\u00e4lt die b\u00fcrgerliche Klasse umso krampfhafter an der nuklearen Schutzgarantie durch die Nato fest, verk\u00f6rpert in den us-amerikanischen Atomwaffen auf deutschem Boden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier also finden wir die Erkl\u00e4rung, weshalb die Regierung sich jede ernsthafte Kritik an den USA verbietet, die Trumpschen Attacken auf das B\u00fcndnis herunterspielt und den Nato-Generalsekret\u00e4r Kriech\u00fcbungen im Wei\u00dfen Haus veranstalten l\u00e4sst, w\u00e4hrend sie gleichzeitig darum betet, dass der Kelch der jetzigen US-Administration baldm\u00f6glichst an ihr vor\u00fcbergehen m\u00f6ge, wie das schon einmal bei der ersten Pr\u00e4sidentschaft Trump der Fall war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dar\u00fcber hinaus trifft die von Trump losgetretene Nato-Debatte die Bourgeoisie in einer ohnehin schwierigen Situation, da die sich aufl\u00f6sende Sozialpartnerschaft zwischen Kapital und Arbeit den sozialen Grundpfeiler der Republik zertr\u00fcmmert, der ihre bisherige Hegemonie \u00fcber die Gesellschaft getragen hat.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Es ist also verst\u00e4ndlich, wenn sie sich umso mehr an den au\u00dfenpolitisch-milit\u00e4rischen Eckpfeiler dieser Republik klammert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das blamable Schweigen der Linken<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit kommen wir zur Linken, bei der die Haltung zur Nato nicht weniger ein Pr\u00fcfstein ist als bei der Bourgeoisie. Praktisch zu \u00fcberpr\u00fcfen war diese Haltung erneut bei den Osterm\u00e4rschen der Friedensbewegung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Angesichts des Irankriegs und der Nutzung des Nato-St\u00fctzpunkts Ramstein f\u00fcr diesen Krieg konnte man erwarten, dass \u00fcber Parolen des Pazifismus wie \u201eFrieden sofort\u201c oder \u201eDie Waffen nieder\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> hinaus die Forderung nach einem Austritt Deutschlands aus der Nato bei den Demonstrationen an prominenter Stelle stehen w\u00fcrde. Aber weit gefehlt! Wenn \u00fcberhaupt, dann war diese Forderung allenfalls auf den Plakaten einzelner Teilnehmer zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist der Grund f\u00fcr dieses schwer nachvollziehbare Schweigen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit mit der Wiedervereinigung 1989 auf Seiten der Linken \u2013 vorweg von den \u201eAnti-Deutschen\u201c \u2013 ein neues \u201eGro\u00dfdeutschland\u201c und die Wiedergeburt des deutschen Imperialismus und Militarismus in einem \u201eIV.\u00a0Reich\u201c ausgerufen wurde, ist die bis dahin selbstverst\u00e4ndliche Forderung nach einem Austritt Deutschlands aus der Nato verstummt. Ohne das jemals offen thematisiert zu haben, gilt die Natomitgliedschaft seither stillschweigend als Schutz vor neuen deutschen Aggressionen, wie das bereits der erste Generalsekret\u00e4r der NATO, Lord Ismay, seinerzeit als Zweck des B\u00fcndnisses auf den Punkt gebracht hatte, n\u00e4mlich to <strong><em>keep the Soviets out, the Americans in, and the Germans down<\/em>.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier finden wir die Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Stillschweigen. Fixiert auf eine fehlerhafte Imperialismustheorie,<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> sind die ideologischen Konstrukte der \u201eAnti-Deutschen\u201c nach 1989 bei vielen Linken auf fruchtbaren Boden gefallen. Daher f\u00fchlen besonders radikal auftretende Linke sich eher berufen, vor einem neuen \u201eOstlandritt\u201c des ewig kriegsl\u00fcsternen deutschen Imperialismus zu warnen,<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> anstatt den Austritt Deutschlands aus der Nato zu fordern. Diese Imperialismuskritiker wollen nicht wahrhaben, dass ihre (Nicht-) Stellung zur Nato sie geradewegs an die Seite der Bourgeoisie f\u00fchrt, nur mit dem Unterschied: die B\u00fcrgerlichen treten offen f\u00fcr die Nato ein, sie dagegen tun dies stillschweigend, und mit ihnen tun es weite Teile der Linken und ihrer Organisationen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Daniel Br\u00f6ssler in der SZ vom 9.April 2026<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> A.Schr\u00f6der: \u201eNiedergang der Sozialpartnerschaft und Aufstieg der AfD\u201c in dieser AzD-Ausgabe<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u201eDie Waffen nieder\u201c ist auch der Titel einer Sonderbeilage der <em>Marxistischen Bl\u00e4tter<\/em> zum Irankrieg.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Siehe die \u201eKritik der Leninschen Imperialismustheorie\u201c, AzD 98\/2025 <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2878\">(<\/a><a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2878\">https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2878<\/a>)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Siehe den Artikel \u00fcber \u201eeine originelle Theoriebildung\u201c in den AzD 96\/2023 <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2628\">(https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2628)<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiner Karuscheit &#8211; Kommentar zum Iran-Krieg Vor einem Jahr haben wir in dem Artikel \u201eEine neue Weltordnung, eine j\u00e4mmerliche Bourgeoisie und die Selbstaufgabe der Linken\u201c (AzD 98) die mit Trumps Pr\u00e4sidentschaft verbundenen au\u00dfenpolitischen Umw\u00e4lzungen sowie die Reaktion darauf durch Bourgeoisie und Linke in Deutschland aufgezeigt. 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