{"id":3189,"date":"2025-11-16T13:42:42","date_gmt":"2025-11-16T12:42:42","guid":{"rendered":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=3189"},"modified":"2025-11-19T14:13:02","modified_gmt":"2025-11-19T13:13:02","slug":"anmerkungen-zu-martin-schlegel-chinas-weg-in-den-kapitalismus-azd-99-2025","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=3189","title":{"rendered":"Anmerkungen zu Martin Schlegel: Chinas Weg in den Kapitalismus \/ AzD 99\/2025"},"content":{"rendered":"<p><strong>Martin Schlegel: Chinas Weg in den Kapitalismus \/ AzD 99\/2025, S. 11 \u2013 49<\/strong><\/p>\n<p><em>Vielen Dank f\u00fcr die neue Ausgabe von &#8222;Aufs\u00e4tze zur Diskussion&#8220; unter der Redaktion von Heiner Karuscheit und Martin Schlegel.<\/em><\/p>\n<p>Ein Schwerpunktthema dieses Heftes ist der Versuch Schlegels, <strong>&#8222;Chinas Weg in den Kapitalismus&#8220; <\/strong>nachzu\u00adzeichnen &#8211; auf 40 Seiten von 76 in den AzD 99.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=3136\">https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=3136<\/a><\/p>\n<p>Teile der Linken, so schreibt der Verfasser, hielten daran fest, dass die Spannungen zwischen erster und zwei\u00adter Wirtschaftsmacht &#8211; USA und China &#8211; eine Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Kommu\u00adnismus seien (S. 11). Erst k\u00fcrzlich hat China die USA und Europa erfolgreich vorgef\u00fchrt, indem es Export-beschr\u00e4nkun\u00adgen f\u00fcr seltene Erden und preisg\u00fcnstige Chips (Nexperia) einf\u00fchrte, die f\u00fcr die westliche Industrie\u00adproduktion z. Zt. unersetzbar sind.<\/p>\n<p>In Peking findet gerade das 15. Weltsozialismusforum statt, ausgerichtet von der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften (CASS). Etliche Delegationen kommunistischer Arbeiterparteien nehmen dort teil, so auch Patrik K\u00f6bele von der DKP.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/socialistchina.org\/2025\/11\/07\/european-communist-leaders-discuss-prospects-for-socialism-in-beijing\/\">https:\/\/socialistchina.org\/2025\/11\/07\/european-communist-leaders-discuss-prospects-for-socialism-in-beijing\/<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/german.cri.cn\/2025\/11\/05\/ARTI1762329485562294\">https:\/\/german.cri.cn\/2025\/11\/05\/ARTI1762329485562294<\/a><\/p>\n<p>An China scheiden sich die Geister, insbesondere im linken Spektrum: Aus meiner Sicht wird die Debatte \u00fcber den Charakter der Gesellschaftsordnung in China produktiv, wenn man sich von ideologischen Scheu\u00adklappen l\u00f6st, was Martin Schlegel nur teilweise gelingt.<\/p>\n<p>So bleibt er die Antwort auf die Frage schuldig, ob Chinas Gesellschaft sich in der widerspruchsvollen \u00dcber\u00adgangsperiode zwi\u00adschen Kapitalismus und Kommunismus befindet oder ob dort die <u>Restauration der kapita\u00adlistischen Ausbeuter\u00adordnung in Basis und \u00dcberbau<\/u> vollendet ist. Die Halbheit des Aufsatzes ist darin begr\u00fcn\u00addet, dass er auf der \u00f6konomischen und juristischen Ebene verharrt: Lohnarbeit, Eigentumsverh\u00e4ltnisse, Vertragsfreiheit und schlie\u00dflich Wa\u00adrenproduktion f\u00fcr M\u00e4rkte im In- und Ausland.\u00a0Immerhin klingt sein Fazit dann doch entschieden, wenn er feststellt, dass \u201edie Entwicklung zu einer kapitalistischen Ge\u00adsellschaft in der VRCh <em>unumkehrbar<\/em> wurde\u201c (S. 41).<\/p>\n<p>Was aber ist mit dem staatlichen \u00dcberbau, der KPCh\/Gongchandang = Partei des Gemeineigentums (deren Mitgliederzahl die BRD-Bev\u00f6lkerung weit \u00fcbersteigt), der erfolgreichen Eliminierung massenhafter Armut, der Bek\u00e4mpfung von Korruption, der standfesten Ab\u00adwehr imperialistischer Einkreisungspolitik? Wo und wie herrscht in China die Kapitalistenklasse? Welchen Charakter haben die Priorit\u00e4ten der 5-Jahres-Pl\u00e4\u00adne?\u00a0Hat die F\u00fchrung der KPCh die Farbe gewechselt und ist sie zum kollektiven Gesamtkapitalisten mu\u00adtiert?<\/p>\n<p>Kapitalistische Wirtschaft in China ist ein Konglomerat aus elit\u00e4rem Leninismus der KP und typisch chinesi\u00adschen Netzwerken. Manche China-Experten sprechen vom \u201eKader-Kapitalismus\u201c der Nomenklatur (Seitz, Heilmann); andere diagnostizieren eine Gegenentwicklung zu <u>mehr Staat<\/u> in gigantischen Gro\u00dfunterneh\u00admen, die 70 % der Gewinne f\u00fcr Staat und Gesellschaft liefern. Wobei Leninisten seit jeher Staat, Zentralis\u00admus und Planb\u00fcro\u00adkratie, allgegenw\u00e4rtige Kontrolle als positive Kennzeichen des Sozialismus hochhalten. Was unterscheidet dies vom staatlich organisierten bzw. gelenkten Kapitalismus?<\/p>\n<p>Schlegel: \u201eAls Leitgedanke dient mir \u2026 die Entwicklung der Lohnarbeit, die ein Kriterium f\u00fcr eine kapitalisti\u00adsche Wirtschaftsordnung ist.\u201c (S. 11) Er ist da rela\u00adtiv dicht bei Felix Wemheuer, der auch die \u201eKommodifizie\u00adrung\u201c (Zur-Ware-Werden) menschli\u00adcher Arbeits\u00adkraft zum Kriterium f\u00fcr den kapitalistischen Wandel Chinas erkl\u00e4rt. Aus meiner Sicht ist auch die nominell \u201esozialistische Arbeit in zentral administrierten Staatsbetrie\u00adben\u201c <u>abstrakte Arbeit <\/u>f\u00fcr Lohn in Geld\u00adform als Wert-Bezugsschein f\u00fcr Marktprodukte. Wobei die staatliche Festsetzung der Produktpreise f\u00fcr sozia\u00adlistische Planer ein kaum l\u00f6sbares Problem darstellten. Wemheuer erkl\u00e4rt sich im folgenden Video zum Therapeuten der Linken, die nur ihre W\u00fcnsche und Hoff\u00adnungen auf China projiziere, auch positive \u00dcbertragung bei Sigmund Freud genannt.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=UTnKGKIau0M\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=UTnKGKIau0M<\/a> (Wemheuer)<\/p>\n<p>Er diagnostiziert 2019 mit eindeutiger Gewissheit: \u201e<em>In der Volksrepublik China herrscht eine Staatsklasse, die die Kader von Staat und Partei bis zur Kreisebene sowie die ManagerInnen der Staatsbetriebe umfasst. Ihre Organisationsform ist die KPCh. Durch die staatskapitalistische Struktur der Wirtschaft sowie legale und illegale unternehmerische T\u00e4tigkeiten der Beh\u00f6rden kann sich die Staatsklasse einen gro\u00dfen Teil des Mehrwerts aneignen.<\/em>\u201c (F. W., Chinas gro\u00dfe Umw\u00e4lzung, K\u00f6ln 1919, S. 242)<\/p>\n<p>Schlegel beschreibt drei Phasen der Reform des chinesischen Staatssozialismus nach der Mao-\u00c4ra, angefan\u00adgen mit der experimentellen \u00d6ffnung und Modernisierung in der <strong>1. Phase (1978 \u2013 1988)<\/strong> hin zu einem staatskapitalistischen Projekt (<strong>2. Phase: 1992 &#8211; 2005<\/strong>) der Partei, die keine Klassenpartei mehr sein will, son\u00addern eine harmonische Entwicklung f\u00fcr das ganze Volk anstrebt. Die <strong>3. Phase<\/strong> gilt \u201e<strong>etwa ab 2015<\/strong> mit dem 10-Jahres-Programm \u201a<em>Made in China<\/em>\u2018 \u201c (Schlegel), nachdem die nachho\u00adlende Industrialisierung des Landes abgeschlos\u00adsen ist, und Kurs auf die Entwicklung zu einem starken sozialistischen Staat mit weltweit f\u00fchren\u00adder \u00d6konomie und ge\u00adteiltem Wohlstand bis zum 100-j\u00e4hrigen Bestehen der Volksrepublik China im Jahr 1949 genommen wird. Schlegel: \u201eDurchg\u00e4ngiger Charakter der gesamten Reform\u00e4ra ist die wachsende Her\u00adstellung kapitalistischer Lebensverh\u00e4ltnisse in allen Lebensbereichen.\u201c (S. 12)<\/p>\n<p>Wolfram Adolphi ist m.E. unter Vorbehalt eher zuzustimmen, wenn er feststellt: \u201e<em>ein Urteil \u00fcber die Gesamtentwick\u00adlung des chinesischen Transformationsprozesses der Nach-Mao-Zeit \u2013 also seit 1976\/78 \u2013, \u00bbkann nicht an\u00adders als fehlbar sein\u00ab\u201c<\/em>. Nach wie vor bewege sich auch die Diskussion in China \u201ezwischen den Polen Kapita\u00adlismus und Sozialismus.\u201c Immerhin wurde das Problem des \u201eSozialismus in einem Land\u201c in der Sowjetunion negativ aufgel\u00f6st. Immer gleiche messianische Leitplanken westlicher Marxisten sind keine Re\u00adzepte f\u00fcr die L\u00f6sung der beispiellosen Herausforderungen, denen sich in China die Kommunisten stellen m\u00fcssen. <a href=\"https:\/\/zeitschrift-luxemburg.de\/artikel\/china-die-widerspruchsvolle-eigentumsfrage\/\">https:\/\/zeitschrift-luxemburg.de\/artikel\/china-die-widerspruchsvolle-eigentumsfrage\/<\/a><\/p>\n<p>Vielleicht ist die an schrittweisen Experimenten orientierte Praxisfraktion\u201c (Schlegel) mit Dengs Devise des tastenden Voranschreitens von Stein zu Stein beim \u00dcberqueren des Flusses besser beraten als die Ideologen mit ihren gestanzten Kate\u00adgorien, die aus dem Schei\u00adtern aber nichts lernen.<\/p>\n<p>Deng Xiaoping: \u201e<em>Was ist Sozialismus und was ist Marxismus?<\/em> Dar\u00fcber waren wir uns in der Vergangenheit nicht ganz im Kla\u00adren. Der Marxismus legt gr\u00f6\u00dften Wert auf die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte. Wir haben gesagt, dass der Sozialismus die erste Stufe des Kommunismus ist und dass in der fortgeschrittenen Stufe das Prinzip \u2018Jeder nach seinen F\u00e4higkeiten und jedem nach seinen Bed\u00fcrfnissen\u2019 angewendet wird. Dies er\u00adfordert hochentwi\u00adckelte Produktivkr\u00e4fte und einen \u00fcberw\u00e4ltigenden materiellem Reichtum. Daher besteht die grundlegende Aufgabe des sozialistischen Stadiums darin, die Produktivkr\u00e4fte zu entwickeln. Die \u00dcberle\u00adgenheit des sozialistischen Systems zeigt sich letztlich in der schnelleren und st\u00e4rkeren Entwick\u00adlung dieser Kr\u00e4fte als im kapitalistischen System. Im Laufe ihrer Entwicklung wird sich das materielle und kulturelle Le\u00adben der Menschen st\u00e4ndig verbessern. Einer unserer M\u00e4ngel nach der Gr\u00fcndung der Volksre\u00adpublik bestand darin, dass wir der Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte nicht gen\u00fcgend Aufmerksamkeit schenk\u00adten. Sozialismus be\u00addeutet, die Armut zu beseitigen. Pauperismus ist kein Sozialismus, geschweige denn Kommunismus.\u201c<br \/>\n<a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20100210110400\/http:\/www.wellesley.edu\/Polisci\/wj\/China\/Deng\/Building.htm\">https:\/\/web.archive.org\/web\/20100210110400\/http:\/\/www.wellesley.edu\/Polisci\/wj\/China\/Deng\/Building.htm<\/a><\/p>\n<p>Jan Myrdal berichtete 1963 aus einer Volkskommune vom Vorgriff auf den Kommunismus durch Abschaf\u00adfung der b\u00e4uerlichen Hauswirtschaften, inkl. Kocht\u00f6pfe (die w\u00e4hrend des Gro\u00dfen Sprungs nach vorn einge\u00adschmolzen wurden in den d\u00f6rflichen Mini-Hoch\u00f6fen). Stattdessen wurden Volksk\u00fcchen als Kantinen zur Gemeinschaftsverpfle\u00adgung und Kin\u00adderg\u00e4rten eingerichtet, damit auch die Frauen an der kollektiven Ar\u00adbeitsmobilisierung teilneh\u00admen konnten. Viele Bauern hatten noch nie zuvor so gut und reichlich gegessen! Die Getreideernte war 1958 gut ausgefal\u00adlen, danach folgten bis 1961 Hungersn\u00f6te, auch weil sich die Kader in der Getreiderequirierung gegenseitig \u00fcberboten.<\/p>\n<p>Daran k\u00f6nnen wir sehen, wie sch\u00e4dlich sich eine voluntaristische Generalli\u00adnie auswirkt. Schon bei Stalin hie\u00df es: <em>Hat die Partei die Generallinie festgelegt, entscheiden die Kader alles!<\/em> (Das klingt wie der Slogan von Toyota: <em>Alles ist m\u00f6glich!<\/em>) Ohne Analyse objektiver Fak\u00adtoren wird nur auf den revolu\u00adtion\u00e4ren Willen der Subjekte gesetzt. Deng hat mit seiner Reformpolitik einer\u00adseits die Herrschaft der KP 1989 gegen den politi\u00adschen Liberalismus gerettet und andererseits noch als Altenteiler mit seiner ber\u00fchm\u00adten S\u00fcdreise in China 1992 die Fortsetzung der \u00f6konomischen Reformpolitik durchgesetzt.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/chinesische-wirtschaft-chinas-reise-in-die-moderne-1.1261594\">https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/chinesische-wirtschaft-chinas-reise-in-die-moderne-1.1261594<\/a><\/p>\n<p>Westliche Studien kommen nicht immer zu validen Ergebnissen. Beispiel: <strong>Kleinb\u00e4uerliche Wanderarbeiter in China, <\/strong>deren Lage sie nach 1992 (Naughton) angeblich zu Ver\u00adlierern der Reformpolitik machte. Materiell gesehen ist dies falsch. Die \u201eBauernarbeiter\u201c (\u201eNongmin Gong\u201c) konnten sich im Verh\u00e4ltnis zu ihrer landwirtschaftlichen Subsistenz-Kleinproduktion vorher deutlich verbes\u00adsern; die Gro\u00dfel\u00adtern f\u00fchrten den Hof weiter und betreuten die Enkel, w\u00e4hrend die Eltern in die Son\u00adderwirtschaftszonen gin\u00adgen. \u00c4hnlich wie unse\u00adre Migranten k\u00f6nnen sie \u00fcberdurchschnittliche Eink\u00fcnfte im Ver\u00adgleich zu denen ihrer Heimatregion erzielen und waren in der Krise eben nicht doppelt-freie Lohnarbei\u00adter, sondern hatten finanzielle R\u00fccklagen gebildet. Sie behielten au\u00dferdem das Anrecht auf ihre b\u00e4uerliche Par\u00adzelle.<\/p>\n<p>\u201e<em>Im Durchschnitt verdient jeder Wanderarbeiter 2.609 Yuan im Monat, das sind 310 Euro. F\u00fcr chinesische Verh\u00e4ltnisse ist das nicht wenig, zumal der Anstieg im vergangenen Jahr 14 % erreichte. Die Durchschnitts\u00adeinkommen betragen in der Stadt umgerechnet 267 Euro (plus 10 %), auf dem Land sogar nur 88 Euro (plus 12 %).<\/em>\u201c (FAZ 07.07.2014)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/chinas-wanderarbeiter-verdienen-ueberdurchschnittlich-merkel-zu-besuch-13031067.html\">https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/chinas-wanderarbeiter-verdienen-ueberdurchschnittlich-merkel-zu-besuch-13031067.html<\/a><\/p>\n<p>Besondere Aufmerksamkeit widmet Martin Schlegel der Agrarreform in China nach 1978, deren \u00dcberf\u00fch\u00adrung in die Privatwirtschaft \u201ezu einer Keimzelle der kapitalistischen Entwicklung in China insgesamt wurde.\u201c (S. 12 \u2013 18) Er konzediert dabei, dass die \u201egro\u00dfe Geschwindigkeit bei der Entkollektivierung des Bodens in der VRCh zeigt, dass sie in weiten Teilen des Landes den b\u00e4uerlichen W\u00fcnschen entsprach.\u201c Au\u00dferdem: \u201eDa in den l\u00e4ndlichen Privatbetrieben meist nur Familienmitglieder mitarbeiteten, lie\u00df sich der Begriff der Aus\u00adbeutung schwer anwenden.\u201c (S. 13) Die Bauern handelten selbstbewusst in Teilen gegen sozialistische Tabus und verkauften \u00fcbersch\u00fcssige Agrarprodukte auf illegalen M\u00e4rkten, wodurch ein duales System von festge\u00adlegten und frei verhandelten Preisen auf dem Land entstand. Die Produktivit\u00e4t pro Kopf wuchs fortlaufend und das Einkommen der Bauernwirtschaften stieg \u201ezwischen 1978 und 1985 mit j\u00e4hrlich etwa 15 % doppelt so stark wie das st\u00e4dtische Einkommen und die Armutsrate auf dem Land sank. (Schlegel S.14) Man darf nicht vergessen, dass die chinesischen Bauern die revolution\u00e4ren Subjekte der Transformation Chinas als ei\u00adnes kolonialisierten r\u00fcckst\u00e4ndigen Landes waren, das obendrein durch einen B\u00fcrgerkrieg bis 1949 zerrissen war. So konnte die d\u00f6rfliche Leichtindustrie der TVEs (Town Village Enterprises) erst in der Reform\u00e4ra Maos Devise des \u201eauf zwei Beinen gehen\u201c von 1956 realisieren, n\u00e4mlich Schwer- und Leichtindustrie parallel zu entwi\u00adckeln, aber eben dezentral und gegen den Willen der Zentralregierung und deren Planziele. Bis 1995 ab\u00adsorbierten die TVEs den \u00dcberschuss an Arbeitskr\u00e4ften auf dem Land und waren eine sprudelnde Steuer\u00adquelle f\u00fcr regionale Provinzbeh\u00f6rden.<\/p>\n<p>Schon Deng hatte sich mit dem industriellen Aufstieg Japans und der benachbarten \u201eTigerstaaten\u201c befasst, insbesondere Hongkong, Singapur, Taiwan und S\u00fcdkorea. So kam es zur Gr\u00fcndung der Sonderwirtschaftszo\u00adnen im S\u00fcden Chinas und zum Technologietransfer durch \u00d6ffnung f\u00fcr ausl\u00e4ndische Direktinvestitionen. Un\u00adwirtschaftliche Staatsunternehmen gerieten unter Druck wegen steigender Schuldenlasten und wurden in beachtlicher Zahl privatisiert oder durch Zusammenschl\u00fcsse rationalisiert. Als Schl\u00fcsselindustrien f\u00fcr Infrastruktur, Hochtechnologie und Automatisierung stehen sie weiterhin unter Kontrolle des Staatsrates, wie auch der gesamte Bankensektor. Ali Babas Boss Jack Ma bekam die Macht der staatlichen Bankaufsicht zu sp\u00fcren, als sein Online-Handelsplatz nicht nur ein eigenes Zahlungswesen an\u00adbot, sondern auch zur Geldsch\u00f6pfung \u00fcber Konsumentenkredite als Schattenbank \u00fcberging.<\/p>\n<p>Schlegel stellt als soziale Folgen des Reformkurses fest, dass sich \u201emit der Durchsetzung der Lohnarbeit in China (\u2026) ein neuer Klassenstaat\u201c entwickelt habe mit gravierender Einkommens- und Verm\u00f6gensungleich\u00adheit. Letzteres ist fraglos nicht zu besch\u00f6nigen f\u00fcr die chinesische Gesellschaft von heute, aber wenn es ein \u201e<u>Klassenstaat<\/u>\u201c sein soll, stellt sich die Frage nach der herrschenden <u>Staatsklasse, die ich schon f\u00fcr die So\u00adwjetunion ab 1929 gestellt habe<\/u>. Warum ist es dann \u201em\u00fc\u00dfig, bestimmen zu wollen, wann genau die Ent\u00adwicklung zu einer kapitalistischen Gesellschaft in China unumkehrbar wurde.\u201c (Schlegel S. 41) Diese Irrever\u00adsibilit\u00e4t sollte schon begr\u00fcndet werden, sonst erzeugt dieses Diktum ein Fetischdenken, wie etwa zum XX. Parteitag der KPdSU die Stalind\u00e4mmerung durch seine Nachfolger Chruschtschow und Gorbatschow, die im Systemwettbewerb schlussendlich vor dem kapitalistischen Westen kapitulierten.<\/p>\n<p>Unbeleuchtet bleiben die Ans\u00e4tze der chinesischen Staatspolitik zur Verrechtlichung, z.B. im Ar\u00adbeitsrecht (Rolf Geffken, 2011), und zur Schaffung eines Sozialversicherungssystems.<\/p>\n<p>\u201e<strong>\u00dcberholen, ohne einzuholen<\/strong>\u201c, war eine Aussage Walter Ulbrichts zun\u00e4chst 1957 und sp\u00e4ter in den Sechzi\u00adgerjahren. Martin Schlegel stellt am Ende seines Aufsatzes zu Chinas Entwicklung fest: \u201eChinas Wirtschafts\u00admodell war nicht nur in der Lage, einen gro\u00dfen R\u00fcckstand gegen\u00fcber den westlichen kapitalistischen L\u00e4n\u00addern aufzuholen, sondern schickt sich an, sie in immer mehr Bereichen zu \u00fcberholen. (\u2026) F\u00fcr Marxisten stellt sich die Frage, warum es in den bisherigen sozialistischen Gesellschaften kaum Beispiele f\u00fcr eine gr\u00f6\u00ad\u00dfere Produktivit\u00e4tsentwicklung als im Kapitalismus gab.\u201c (S. 46)<\/p>\n<p><em>Oder sind Plan und Markt doch zwei Seiten einer Medaille des Fortschritts, fusioniert aus zwei Systemen, die die Weltordnung revolutionieren?<\/em><\/p>\n<p>Nehmen wir den weltweit f\u00fchrenden Ausr\u00fcster f\u00fcr Telekommunikationssysteme HUAWEI: Dieses chinesi\u00adsche Privat\u00adunternehmen befindet sich im Besitz der Mitarbeiter und ist weder b\u00f6rsennotiert noch von Kapitalbeteili\u00adgungen abh\u00e4ngig.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.reddit.com\/r\/GreenAndPleasant\/comments\/1mnlhp4\/huawei_is_a_100_employeeowned_private_enterprise\/?tl=de&amp;captcha=1\">https:\/\/www.reddit.com\/r\/GreenAndPleasant\/comments\/1mnlhp4\/huawei_is_a_100_employeeowned_private_enterprise\/?tl=de&amp;captcha=1<\/a><\/p>\n<p>Die marxistische Literatur zu China ist Legion; allein in den Periodika finde ich zig Titel:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.praxisphilosophie.de\/china_und_der_sozialismus_725.htm\">https:\/\/www.praxisphilosophie.de\/china_und_der_sozialismus_725.htm<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/argument.de\/produkt\/das-argument-268-grosser-widerspruch-china\/\">https:\/\/argument.de\/produkt\/das-argument-268-grosser-widerspruch-china\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de\/de\/article\/1094.nachbetrachtung-des-chinesischen-grossen-widerspruchs.html\">https:\/\/www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de\/de\/article\/1094.nachbetrachtung-des-chinesischen-grossen-widerspruchs.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de\/de\/article\/3828.der-aufstieg-der-vr-china-und-veraenderungen-ihrer-gesellschaftsordnung.html\">https:\/\/www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de\/de\/article\/3828.der-aufstieg-der-vr-china-und-veraenderungen-ihrer-gesellschaftsordnung.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.prokla.de\/index.php\/PROKLA\/issue\/view\/79\">https:\/\/www.prokla.de\/index.php\/PROKLA\/issue\/view\/79<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.prokla.de\/index.php\/PROKLA\/issue\/view\/35\">https:\/\/www.prokla.de\/index.php\/PROKLA\/issue\/view\/35<\/a><\/p>\n<p>Empfehlung: <strong>Vladimiro Giacch\u00e9, Wirtschaft und Eigentum \u2013 Staat und Markt im heutigen China<\/strong><\/p>\n<p>Substanziell beste Darstellung der widerspr\u00fcchlichen Merkmale der chinesischen \u00dcbergangsgesellschaft, unter Einbeziehung chinesischer Wissenschaftler.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.marxistische-blaetter.de\/de\/article\/671.wirtschaft-und-eigentum-im-heutigen-china.html\">https:\/\/www.marxistische-blaetter.de\/de\/article\/671.wirtschaft-und-eigentum-im-heutigen-china.html<\/a><\/p>\n<p>Fast m\u00f6chte man meinen, hier fehle ein ordnender \u00dcberblick zur Trennung origineller Texte von den Wie\u00adderholungen. Oft ist alles geschrieben, nur noch nicht von jedem. Die Redaktionspolitik der Hefte ist nicht immer frisch und verpflichtet offensichtlich die Autoren nicht, sich aufeinander zu beziehen. Ver\u00f6ffentli\u00adchungen sind Waren, bei denen die geistige Substanz als Gebrauchswert eigentlich dominiert, aber sie markieren insbesondere im akademischen Bereich den Marktwert Lehrender auf dem Transfermarkt.<\/p>\n<p>12.11.25 Manfred Englisch, Bremen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Schlegel: Chinas Weg in den Kapitalismus \/ AzD 99\/2025, S. 11 \u2013 49 Vielen Dank f\u00fcr die neue Ausgabe von &#8222;Aufs\u00e4tze zur Diskussion&#8220; unter der Redaktion von Heiner Karuscheit und Martin Schlegel. Ein Schwerpunktthema dieses Heftes ist der Versuch Schlegels, &#8222;Chinas Weg in den Kapitalismus&#8220; nachzu\u00adzeichnen &#8211; auf 40 Seiten von 76 in den &hellip; <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=3189\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Anmerkungen zu Martin Schlegel: Chinas Weg in den Kapitalismus \/ AzD 99\/2025<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3189","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3189","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3189"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3189\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3208,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3189\/revisions\/3208"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3189"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}