{"id":3084,"date":"2025-10-05T13:11:59","date_gmt":"2025-10-05T11:11:59","guid":{"rendered":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=3084"},"modified":"2025-10-05T14:24:32","modified_gmt":"2025-10-05T12:24:32","slug":"herrschaft-der-bourgeoisie-diskussion-zwischen-klaus-dallmer-und-heiner-karuscheit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=3084","title":{"rendered":"Herrschaft der Bourgeoisie &#8211; Diskussion zwischen Klaus Dallmer und Heiner Karuscheit"},"content":{"rendered":"<p><strong>5.8. bis 16.9.2025<\/strong><\/p>\n<p>Klaus Dallmer, 5.8.2025<\/p>\n<p>Kommentar zum Artikel &#8222;Eine neue Weltordnung, eine j\u00e4mmerliche Bourgeoisie und die Selbstaufgabe der Linken&#8220;<\/p>\n<p><strong>Tolle Bourgeoisie gesucht?<\/strong><\/p>\n<p>1. Karuscheit und Schr\u00f6der verallgemeinern den R\u00fcckzug der USA aus der Ukraine zu einer allgemeinen R\u00fcckzugsbewegung, weil die USA nicht mehr die St\u00e4rke h\u00e4tten, ihre Vormachtstellung aufrecht zu erhalten. Meiner Meinung nach setzen sie alles daran, ihre Vormachtstellung dennoch aufrechtzuerhalten, auch wenn sie \u00f6konomisch unterminiert sind; umso sch\u00e4rfer werden die Konflikte. Der R\u00fcckzug aus der Ukraine ist ein taktischer, weil im Moment nicht mehr zu erreichen ist und Russland von der Seite Chinas losgel\u00f6st werden muss &#8211; also kann man sich weitere Ausgaben sparen. Die Vorherrschaft \u00fcber Europa, so K\/S, h\u00e4tten sich die USA gerade noch einmal mit dem Ukrainekrieg gesichert, aber &#8222;mit der neuen Pr\u00e4sidentschaft Trump hat Europa seinen bisherigen Stellenwert f\u00fcr die USA verloren&#8220;??. Warum? Tiefsch\u00fcrfende Analyse ist das nicht. Wir sehen da gerade ein Hin und Her, weil den USA Europa eben nicht gleichg\u00fcltig sein kann. Sparen m\u00fcssen die USA schon, und darum halsen sie den Europ\u00e4ern die Ausgaben auf.<\/p>\n<p>2. Die deutsche Bourgeoisie war &#8222;nicht in der Lage gewesen, die Herrschaft im Staat zu \u00fcbernehmen&#8220;??<\/p>\n<p>a) Im Kaiserreich ist sie Juniorpartner des Junkertums geblieben?? Da nimmt jemand die Form f\u00fcr den Inhalt.\u00a0 Die Unterordnung nach 1848 wandelte sich unter der Hand mit dem enormen industriellen Aufstieg, der England \u00fcberholte. Unter den alten Regierungsformen wurde die Bourgeoisie zur wirtschaftlich und sozial herrschenden Klasse; der Krieg um ihren &#8222;Platz an der Sonne&#8220; war der Expansionskrieg der souver\u00e4nen imperialistischen deutschen Bourgeoisie.<\/p>\n<p>b) In der Weimarer Republik hat sie die parlamentarische Republik bek\u00e4mpft, und sonst nichts gemacht?? Sicher war ein Gro\u00dfteil der Bourgeoisie antiparlamentarisch (Rathenau z. B. nicht), aber dennoch war sie die herrschende Klasse, die ihre Herrschaft zwar verdeckt, aber direkt ausge\u00fcbt hat (siehe August Thalheimer).<\/p>\n<p>c) Und im Dritten Reich hat sie nur &#8222;als Handlanger des Nationalsozialismus fungiert&#8220;? Thalheimer (und nicht nur er) war da anderer Meinung: die Bourgeoisie hat sich dem Faschismus formal unterordnen m\u00fcssen, weil sie nicht mehr selbst regieren konnte, und herrschte nun vermittels des faschistischen Terrors offen, aber indirekt. Und setzte ihre alten imperialistischen Eroberungsbestrebungen um so radikaler um.<\/p>\n<p>Die Aussage, dass die deutsche Bourgeoisie erst nach 1945 an Hand der Amerikaner zur Souver\u00e4nit\u00e4t gekommen ist, hat somit keinerlei Grundlage.<\/p>\n<p>Adenauer und die USA brachten einen &#8222;Minderheitsfl\u00fcgel aus der katholischen Zentrumsbewegung&#8220; an die Macht? Hier wird die Bourgeoisie als gesellschaftliche Klasse mit ihren parlamentarischen Ausdr\u00fccken verwechselt. War der schwerindustrielle Teil weg? Hat er sich aufgel\u00f6st, ist er ausgewandert, hat er sein Verm\u00f6gen verschenkt? Aus der politischen Benachteiligung dieses nationalistischen Teils der Bourgeoisie durch die USA leiten K\/S eine Distanz zur Nation und eine Bindung an die USA ab, beide eingeschrieben in das &#8222;Erbgut&#8220; der sich neu formierenden Bourgeoisie. Hier braucht man nur ins kommunistische Manifest zu gucken, um das mit der enormen Flexibilit\u00e4t der Bourgeoisie zu widerlegen. Da z\u00e4hlen letztlich nur Gesch\u00e4ftsinteressen und weder Freundschaft noch Erbgut noch Nation.<\/p>\n<p>An der deutschen Spaltung hat die Bourgeoisie mitgewirkt, weil die USA sie vor der Enteignung gerettet haben, aber stets den Anspruch auf die Gebiete aufrechterhalten, die sie in ihrem Krieg verloren hatte. Der Stalin-Plan zur deutschen Neutralit\u00e4t war ihr schlicht zu gef\u00e4hrlich. Und die USA brauchten den antisozialistischen Vorposten und h\u00e4tten ihn notfalls auch gegen die Bourgeoisie erzwungen. Und der arme Ulbricht in seiner Abh\u00e4ngigkeit wird auch noch missverstanden: Erst als der westdeutsche Weg feststand, wurde der Sozialismus von oben eingeleitet, vorher wurden die Ans\u00e4tze unterbunden.<\/p>\n<p>K\/S beklagen das Nicht-Zustandekommen des deutschen Nationalstaats, dessen Idealbild f\u00fcr sie anscheinend ein neutraler Staat unter einer emanzipierten Bourgeoisie ist. Auch die Wiedervereinigung sei nicht in diesem Sinne genutzt worden: &#8222;Eine selbstbewusste nationale Bourgeoisie h\u00e4tte die Gelegenheit ergriffen, um mit dem Friedensvertrag die Neutralit\u00e4t des vereinten Deutschlands durchzusetzen und durch den Austritt aus der Nato die Vormundschaft der USA abzusch\u00fctteln&#8220;. Aha, die deutsche Bourgeoisie soll den dicken Maxe markieren, links Wasserstoffbomben, rechts Wasserstoffbomben, aber das ficht sie nicht an? Mag sein, dass einzelne Bougeois bei Banketten solche Ansichten \u00e4u\u00dferten, aber eine Bourgeoisie richtet sich nicht nach Idealvorstellungen, auch nicht nach denen von K\/S. Angesichts der \u00fcberragenden Bedeutung der Wirtschafts- und Milit\u00e4rbeziehungen zu den USA w\u00e4re ein NATO-Austritt Deutschlands oder der ganzen EU gegen die eigenen Kapitalinteressen gewesen. Der westeurop\u00e4ische Wirtschaftsraum ist zwar \u00f6konomisch stark, hat aber nur eine k\u00fcmmerliche Atombewaffnung (zum Gl\u00fcck). Den freiwilligen NATO-Austritt von der Bourgeoisie zu erwarten ist absurd &#8211; man kann das zwecks Verbreitung von Klarheit fordern, aber durchsetzen wird das erst die Arbeiterklasse k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wiedererstarken und Aufstieg der deutschen Bourgeoisie konnten sich nur unter dem atomaren Schutz der USA und mit Einbindung in die NATO vollziehen. Trotzdem gab es in einer Art Doppelstrategie Versuche, zu gr\u00f6\u00dferer Eigenst\u00e4ndigkeit zu kommen: z.B. Montanunion, EU, Bundeswehr. Die Gesch\u00e4fte mit Russland geh\u00f6ren dazu, und die USA haben sie unterbunden, weil die Vereinigung des Eurasischen Kontinents eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr sie darstellten. K\/S reduzieren die Emanzipationsbestrebungen der deutschen Bourgeoisie auf diese Beziehungen zu Russland, die nun gescheitert und mit der &#8222;Flucht&#8220; unter den Schutzschirm der USA beendet seien (als w\u00e4re die Bourgeoisie jemals au\u00dferhalb dieses Schirms gewesen). Scholzens 100 Milliarden, deren Konzept schon in der Schublade lag, k\u00f6nnen so auch nur verstanden werden als Bem\u00fchung, den USA zu schmeicheln, und nicht auch als Versuch, zu gr\u00f6\u00dferer imperialistischer Eigenst\u00e4ndigkeit zu kommen &#8211; und auch nicht die jetzige Aufr\u00fcstung in ihrem Doppelcharakter.<\/p>\n<p>Der Ostlandritt des deutschen Imperialismus fand bisher friedlich durch partnerschaftliche Ausdehnung von EU und NATO statt, bis zur Ukraine. Das EU-Assoziierungsabkommen hat den bewaffneten Konflikt eingeleitet. Es war ein imperialistisches Instrument und keineswegs &#8222;l\u00e4cherlich&#8220;. Die USA spielen nun nicht l\u00e4nger mit, und die EU kann nach der Ukraine nur dann Moldau und Georgien verspeisen, wenn sie milit\u00e4rische St\u00e4rke unterhalb der Atomschwelle beweist. Und in den zentralasiatischen Staaten hat unser reisefreudiger Bundespr\u00e4sident, stets auf der Suche nach Bet\u00e4tigungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr unser demokratisches deutsches Kapital, ja auch schon vorgef\u00fchlt.<\/p>\n<p>Dass die USA daran arbeiten, EU und Russland gegeneinander in Stellung zu bringen, wie K\/S bemerken, ist nun nicht g\u00e4nzlich neu. Die EU r\u00fcstet auf, weil sie Russland nun wom\u00f6glich allein unter Druck setzen muss, und nicht um die &#8222;milit\u00e4rische \u00dcberlegenheit Russlands&#8220; auszugleichen. Welche milit\u00e4rische \u00dcberlegenheit? Konventionell ist die EU allein jetzt schon Russland \u00fcberlegen, und atomar kann die EU nicht mit Russland gleichziehen. Gemeinsames Interesse der EU und der USA d\u00fcrfte sein, Russland totzur\u00fcsten bis zum Staatszerfall.<\/p>\n<p>Richtig ist, dass die Europ\u00e4er jetzt gesichtswahrend kaum aus dem Ukrainekrieg rauskommen, wenn die USA ihre Unterst\u00fctzung zur\u00fcckfahren.<\/p>\n<p>K\/S sagen einerseits, dass die NATO sich nicht aufl\u00f6sen wird und andererseits kommt der deutschen Bourgeoisie angeblich das au\u00dfen- und sicherheitspolitische &#8222;Fundament&#8220; abhanden. Das Fundament ist das Gesch\u00e4ft. Das ist mit der US-Zollpolitik am Schwanken. Ob die Bindung an die USA h\u00e4lt, wird sich zeigen, wenn die USA den Ausstieg aus dem China-Gesch\u00e4ft verlangen.<\/p>\n<p>K\/S rekurrieren auf ihre Analyse des Ukraine-Krieges (Eroberungskrieg, Zarenreich) und verwechseln damit die Staatsideologie mit den wirklichen Interessen (Pr\u00e4ventivkrieg gegen NATO-Raketen an der russischen Grenze). Sie rei\u00dfen auch noch Lenins aus der Not geborene Nationalit\u00e4tenpolitik, die schon Rosa Luxemburg zerpfl\u00fcckt hatte, aus dem Zusammenhang, und tun so, als m\u00fcsste sich das russische Mafiaregime eigentlich an Lenins Vorgaben halten. Die Selbstbestimmung der V\u00f6lker ist die Selbstbestimmung der herrschenden Klassen. Wenigstens kommen K\/S zu einer richtigen Schlussfolgerung: Sturz der jeweiligen Regierungen, der Hauptfeind steht im eigenen Land.<\/p>\n<p>Kommentare zu den folgenden Darstellungen der richtigen eigenen Politik und der falschen der anderen spare ich mir; da ist viel Richtiges dran. Wenn allerdings die &#8222;Selbstbestimmung&#8220; dazu f\u00fchrt, dass Russland den Donbass und die Krim wieder hergeben soll, geht der Krieg weiter bis zum Zusammenbruch der Ukraine.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: line-through;\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/span><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><strong>Heiner Karuscheit, 11.August 2025<\/strong><\/p>\n<p>Lieber Klaus Dallmer,<\/p>\n<p>Zu deiner Kritik: Zur aktuellen Situation, speziell zu den Fragen der Au\u00dfenpolitik, will ich an dieser Stelle nichts sagen. Das geplante Treffen Trumps mit Putin zum Ukraine-Krieg und die l\u00e4rmende Abwesenheit der Europ\u00e4er dokumentieren u.E. zur Gen\u00fcge den tats\u00e4chlichen Einfluss Deutschlands und der anderen europ\u00e4ischen M\u00e4chte.<\/p>\n<p>Wesentlich beruht die von dir zur\u00fcckgewiesene Charakteristik der deutschen Bourgeoisie als einer \u201ej\u00e4mmerlichen\u201c Klasse auf einer langj\u00e4hrigen (mittlerweile Jahrzehnte) dauernden Besch\u00e4ftigung mit der deutschen Geschichte, die wir als Geschichte von Klassenk\u00e4mpfen begreifen, in deren Verlauf wir zu weitgehend anderen Einsch\u00e4tzungen zur Rolle und zum Charakter der Bourgeoisie gelangt sind, als dies im vorherrschenden Weltbild der Marxisten der Fall ist.<\/p>\n<p>Neben den \u201eAufs\u00e4tzen zur Diskussion\u201c findet sich die (langwierige und holperige) Entwicklung unserer Positionen u.a. in eigenst\u00e4ndigen Publikationen wie \u201eVom Klassenkompromiss zum Krieg\u201c (Kaiserreich und 1.Weltkrieg), \u201eDie verlorene Demokratie\u201c (zur Weimarer Republik) sowie \u201eDer deutsche Rassenstaat\u201c (zum Nationalsozialismus), alle erschienen im VSA-Verlag Hamburg. F\u00fcr den Fall, dass du dich n\u00e4her damit auseinandersetzen willst, steht als komprimierte Zusammenfassung der erste Teil des k\u00fcrzlich erschienenen Buchs \u201eDer deutsche Rassenstaat\u201c im Anhang.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: line-through;\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/span><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Klaus Dallmer, 13.8.2025<\/strong><\/p>\n<p><strong>Kritik am Imperialismusartikel<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe azd-Redaktion,<\/p>\n<p>Leider hat nun auch Euer Artikel zum Imperialismus meine Kritik hervorgerufen; ich darf sie Euch in der Folge mitteilen:<\/p>\n<p>Karuscheit &amp; Schr\u00f6der meinen, die Arbeiterbewegung sei vom Krieg \u00fcberrascht worden. Wie vertr\u00e4gt sich das mit den vorangegangenen Konferenzen und Antikriegsdemonstrationen? \u00dcberrascht wurden die meisten Linken davon, dass die sozialdemokratischen Parteien sich in den patriotischen Wahn einordneten; R.L. hatte es vorausgesehen, war aber trotzdem am Boden zerst\u00f6rt, Jean Jaures wurde erschossen, Lenin war \u00fcberrascht.<\/p>\n<p>K&amp;S unterschlagen in der Folge, dass die angeblich &#8222;\u00f6konomistische&#8220; Interpretation des Marxismus zwei gegnerische Fl\u00fcgel hatte: die den Kladderadatsch abwartende Fraktion (hinter der sich die Reformisten verbargen) und die, die die Revolution bef\u00f6rdern wollten um Rosa Luxemburg.<\/p>\n<p>Weil die Funktionselite des Kaiserreichs sich weiter aus dem Adel rekrutierte (in Regierung und Armee, als \u00dcberbleibsel des Klassenkompromisses), sehen K&amp;S unter dem radikal gewachsenen Kapitalismus die &#8222;fortdauernde Vorherrschaft des Junkertums&#8220; und behaupten eine Festigung der &#8222;Herrschaft einer vorb\u00fcrgerlichen, junkerlich-agrarischen Klasse&#8220; trotz des &#8222;Siegeszuges des Kapitalismus&#8220;. Wer herrscht denn nun? Die Grundlage des Adels waren die Abgaben der leibeigenen Bauern, die existierte schon lange nicht mehr. Der Adel hatte sich noch in Armee und Staatsapparat gehalten, aber zu sagen, dass er herrschte, zeigt ein v\u00f6lliges Unverst\u00e4ndnis der Funktionsweise von Klassenherrschaft. Nachtigall, ick h\u00f6r dir trapsen: es soll bewiesen werden, dass 1918 eine b\u00fcrgerliche Revolution war.<\/p>\n<p>Um Luxemburgs Auffassung, dass die kapitalistische Produktionsweise auf ihrer eigenen Basis nicht zur erweiterten Reproduktion f\u00e4hig ist, streiten sich noch immer die Gelehrten &#8211; klar ist aber, dass die Kapitalakkumulation die Konkurrenz versch\u00e4rft und letztendlich zum Krieg um Ressourcen und M\u00e4rkte als L\u00f6sung treibt &#8211; oder ist das \u00f6konomistischer Unsinn und die Akkumulation k\u00f6nnte friedlich immer gr\u00f6\u00dfer werden und ewig weiter gehen?<\/p>\n<p>Einerseits sagen K&amp;S, dass hinter den kriegsvorbereitenden Krisen die Bourgeoisie steckte und ihr Hunger auf Kolonien (Marokko), und das Junkertum daran kein Interesse hatte &#8211; dann aber wird aus den Reibereien zwischen adliger Funktionselite und Bourgoisie abgeleitet, dass der junkerliche Milit\u00e4radel keine andere M\u00f6glichkeit mehr als die Flucht in einen Krieg sah, um seine Vormachtstellung zu behaupten; der Feudalismus ging daran, &#8222;seine Herrschaft durch einen gro\u00dfen Sieg des preu\u00dfisch-deutschen Heers erneut zu befestigen&#8220;. Der Adel, der keine \u00f6konomische Basis mehr hat, befestigt seine &#8222;Herrschaft&#8220; entgegen den Interessen der Bourgeoisie, die ja nur die Macht des akkumulierten Kapitals auf ihrer Seite hat? Das ist nach K&amp;S anscheinend eine &#8222;klassenpolitische Erkl\u00e4rung&#8220;, die ja auf die \u00d6konomie anscheinend keine R\u00fccksicht mehr zu nehmen braucht.<\/p>\n<p>Die\u00a0 Hilferdingsche und dann Leninsche Auffassung von der Aufhebung der Konkurrenz durch Monopole und Kartelle, die zum Ende des technischen Fortschritts und dann zum &#8222;sterbenden Kapitalismus&#8220; f\u00fchren m\u00fcsse, halte auch ich f\u00fcr falsch. Lenin hat\u00a0 Oberfl\u00e4chenerscheinungen zsammengestellt &#8211; Luxemburg hat immerhin den Imperialismus aus der Kapitalakkumulation abgeleitet. Lenins These von der Bestechung als Ursache des Reformismus ist nat\u00fcrlich Unsinn &#8211; die sozialparnerschaftliche Bindung an das Wohlergehen des Unternehmens besteht so lange, wie die Arbeiterklasse nicht revolution\u00e4r wird. Zur relativen Besserstellung von Arbeiterschichten (Wert der Ware Arbeitskraft) sind keine Extraprofite von Monopolen notwendig. Diese Bindung an die Interessen der Bourgeoisie fand in den verschiedenen L\u00e4ndern nach den landesspezifischen Traditionen statt. Aus der Kollaboration der SPD-F\u00fchrung mit der Heeresleitung aber die &#8222;Verpreu\u00dfung&#8220; der Arbeiterbewegung abzuleiten, ist ein nettes Bonmot, mehr aber nicht. SPD-F\u00fchrung und OHL haben sich verbunden, weil ein Weitergehen der Revolution beide in ihrer Existenz bedroht h\u00e4tte &#8211; die Revolution\u00e4re mussten daher ermordet werden. Und sie konnten ermordet werden, weil das Gros der Arbeiterklasse zusah und sich weiter an das Wohlergehen der Betriebe band.<\/p>\n<p>Der Zusammenbruch der alten Ordnung in Deutschland, \u00d6sterreich-Ungarn und Russland ist nur sekund\u00e4r darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass sie &#8222;sich einer b\u00fcrgerlichen Revolution bis dahin erfolgreich widersetzt hatten&#8220;, sondern auf die Kriegsniederlage dieser L\u00e4nder (Russlands Niederlage gegen\u00fcber Deutschland). Im Aufbauschen dieser herrschaftsstrukturellen Gr\u00fcnde setzten K&amp;S auch noch das hochindustrialisierte Deutschland mit dem russischen Zarismus gleich. Da str\u00e4ubt sich mindestens ein Haar.<\/p>\n<p>Dann kommen K&amp;S zum vorgefassten Ziel ihrer Ableitung, der Charakterisierung der deutschen Novemberrevolution als b\u00fcrgerlich. Realiter waren die Matrosen auf Schiffen zusammengepferchte Arbeiter, und der Klassencharakter der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te ist eindeutig. Die Bourgeoisie zog nach ihrem verlorenen Krieg den Kopf ein und war zun\u00e4chst nicht zu sehen. Sie hat mit dieser Revolution nichts zu tun. Die Arbeiterbewegung spaltete sich auf in die Minderheit der Revolution\u00e4re und die Mehrheit der Reformisten, die den Fortschritt vom Parlament erwartete und an ihre Sozialpartner gebunden blieb. Die proletarische Revolution entmachtete sich beim Reichsr\u00e4tekongress selbst und die Bourgeoisie konnte ihre Herrschaft nach den Massenmorden durch SPD und Freicorps wieder festigen und fortsetzen. Das Ergebnis der im Reformismus steckengebliebenen proletarischen Revolution war die b\u00fcrgerliche Republik. Nach K&amp;S lag das Scheitern der Novemberrevolution aber am falschen Konzept der Revolution\u00e4re, denen nicht klar war, dass eine b\u00fcrgerliche Revolution anstand und die sich deshalb kontraproduktiv revolution\u00e4r verhielten (das haben Revolution\u00e4re so an sich). Deshalb konnten angeblich die alten Strukturen (Adel im Milit\u00e4r) weiterbestehen und die b\u00fcrgerliche Revoluion war gescheitert.\u00a0 Das Proletariat h\u00e4tte Hegemon einer b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution im B\u00fcndnis mit dem Kleinb\u00fcrgertum sein m\u00fcssen. Und damit haben K&amp;S die Realit\u00e4t quietschend auf das alte Etappenmodell zurechtgebogen, was ja von Anfang an Ziel ihrer &#8222;Analyse&#8220; war.<\/p>\n<p>In St. Petersburg waren es im Februar 1917 keine b\u00fcrgerlichen Massen, die \u00fcber die Neva das Stadtzentrum st\u00fcrmten. Der Arbeiter- und Soldatenrat trat seine eroberte Macht ab b\u00fcrgerliche Duma-Abgeordnete. Mehrheitlich war der A&amp;S-Rat menschewistisch, aber auch die Bolschewiki waren gem\u00e4\u00df dem Etappenmodell \u00fcberzeugt, dass zun\u00e4chst eine b\u00fcrgerliche Republik anstehen w\u00fcrde. So haben wir auch hier eine proletarische Revolution, die im Reformismus stecken bieb &#8211; zun\u00e4chst. Russland hatte die Besonderheit einer weit zur\u00fcckgebliebenen industriellen Entwicklung, und die schwache Bourgeoisie war mehrheitlich nicht aus dem Handelskapital, sondern aus dem Adel hervorgegangen. Hauptproblem war die Lage der Bauern, die die gro\u00dfe Mehrheit darstellten und unter elender Abh\u00e4ngigkeit von adligen Grundbesitzern dahinvegetierten. Die Landbesetzungen konnte die Bourgeoisie den Bauern nicht freigeben, weil sie viel zu schwach und Fleisch vom Fleische des Adels war &#8211; sie w\u00e4re mit weggefegt worden. Somit war eine b\u00fcrgerliche Revolution unm\u00f6glich. Der trotz seiner Theorieschw\u00e4chen politisch hellsichtige Lenin hat das in seinen Aprilthesen begriffen und das Ruder in Richtung Macht\u00fcbernahme des Proletariats herumgerissen. Es sollte noch sechs Monate dauern, bis die Arbeiterklasse praktisch gelernt hatte und es im gesellschaftlichen Mainstream klar war, dass die Bourgeoisie weder den Krieg beenden (wegen ihrer Verschuldung beim franz\u00f6sischen und englischen Kapital) noch die Landfrage l\u00f6sen konnte. Diese Aufgaben fielen somit dem kleinen Proletariat zu. Erst als die Forderung &#8222;Alle Macht den R\u00e4ten&#8220; die Mehrheit hatte, hat der Petersburger A&amp;S-Rat unter F\u00fchrung von Swerdlow und Trotzki die Macht wieder in die eigenen H\u00e4nde zur\u00fcckgenommen und damit die proletarische Revolution vollendet &#8211; f\u00fcr die nach dem alten Etappenmodell keine Grundlage bestand. Auch die russische Revolution konnte somit in keiner Phase b\u00fcrgerlich sein.<\/p>\n<p>Russland war das einzige Land, wo das Etappenmodell\u00a0 (erst b\u00fcrgerliche Revolution, dann sozialistische) eine Berechtigung zu haben schien &#8211; Lenin musste es mit seinen Aprilthesen ad acta legen, also vor 108 Jahren. K&amp;S halten noch heute daran fest. Und sie glauben, mit der Kritik an Lenins Imperialismustheorie den Imperialismus als Grund des kapitalistischen Ausdehnungsstrebens \u00fcberhaupt erledigt zu haben. Das ist &#8211; gelinde gesagt &#8211; eine Analysebeschr\u00e4nkung. Wer an solch praktisch widerlegter Abfolge von Gesellschaftsformationen, die beim Entwicklungsstand der Produktivkr\u00e4fte zu Marx&#8216; Zeiten ihre Berechtigung hatte, verhaftet bleibt, kann die Realit\u00e4t nicht erfassen und so auch nicht den gegenw\u00e4rtigen &#8211; deutsch getriebenen &#8211; europ\u00e4ischen Imperialismus.<\/p>\n<p>Bei weitergehendem Interesse kann ich Euch meine B\u00fccher zur russischen Oktober-\u00a0 und deutschen Novemberrevolution empfehlen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: line-through;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: line-through;\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/span><\/p>\n<p><strong>Heiner Karuscheit, 22.8.2025<\/strong><\/p>\n<p>Lieber Klaus Dallmer,<\/p>\n<p>Du schreibst zu Beginn deiner Auseinandersetzung mit dem Artikel zur \u201eKritik der Leninschen Imperialismustheorie\u201c (in AzD 98): \u201e<em>Karuscheit &amp; Schr\u00f6der meinen, die Arbeiterbewegung sei vom Krieg \u00fcberrascht worden. Wie vertr\u00e4gt sich das mit den vorangegangenen Konferenzen und Antikriegsdemonstrationen? \u00dcberrascht wurden die meisten Linken davon, dass die sozialdemokratischen Parteien sich in den patriotischen Wahn einordneten; R.L. hatte es vorausgesehen, war aber trotzdem am Boden zerst\u00f6rt, Jean Jaures wurde erschossen, Lenin war \u00fcberrascht.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr jeden Anh\u00e4nger des revolution\u00e4ren Marxismus ist es nach wie vor eine Herausforderung zu begreifen, wie es 1914 nicht nur zu einem Weltkrieg kam, sondern die sozialdemokratisch gef\u00fchrte Arbeiterbewegung in fast allen kriegsf\u00fchrenden L\u00e4ndern auf die Seite \u201eihrer\u201c Regierung trat \u2013 entgegen der vorangegangenen Beschl\u00fcsse der 2.Internationale.<\/p>\n<p>Gemeinhin wird daf\u00fcr ein schleichender Sieg des b\u00fcrgerlichen Reformismus verantwortlich gemacht, den die linken Revolution\u00e4re (bis auf Lenin) zu wenig beachtet haben. Befasst man sich jedoch konkret mit den Umst\u00e4nden des \u201epatriotischen Wahns\u201c von 1914, zeigt sich ein anderer Zusammenhang. Dieser wird offenbar, wenn wir auf die Marokko-Krise von 1911 blicken, die bereits drei Jahre vor dem Weltkrieg an die Schwelle eines Kriegs f\u00fchrte, der dann aber <em>nicht<\/em> stattfand.<\/p>\n<p>Ursprung dieser Krise war der Versuch der deutschen Au\u00dfenpolitik (Kiderlen-W\u00e4chter), Frankreich zur Abtretung seiner mittelafrikanischen Kolonien an das Deutsche Reich zu n\u00f6tigen (deutsches Mittelafrika-Projekt). Im Gegenzug wollte Berlin die franz\u00f6sischen Kolonialanspr\u00fcche in Nordafrika anerkennen. Als Paris auf den angebotenen \u201eDeal\u201c nur z\u00f6gerlich reagierte, entsandte Berlin ein Kanonenboot nach Marokko (Panthersprung nach Agadir), um die Ernsthaftigkeit seiner Ambitionen zu unterstreichen.<\/p>\n<p>Das deutsche Vorgehen lie\u00df Gro\u00dfbritannien bef\u00fcrchten, dass ein Einknicken Frankreichs zu einer weiteren St\u00e4rkung der ohnehin bereits halbhegemonialen Stellung Deutschlands auf dem europ\u00e4ischen Festland f\u00fchren w\u00fcrde. Deshalb lie\u00df es seine Schlachtflotte auslaufen, was eine unverhohlene Kriegsdrohung gegen\u00fcber dem Kaierreich bedeutete. Angesichts des scheinbar unmittelbar bevorstehenden Zusammensto\u00dfes lie\u00df Russland wiederum verlautbaren, dass es einen Krieg um Kolonien <em>nicht<\/em> als B\u00fcndnisfall im Sinne des 1894 abgeschlossenen B\u00fcndnisvertrags mit Frankreich ansehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Unter diesen Umst\u00e4nden h\u00e4tte Deutschland keinen Zweifrontenkrieg f\u00fchren m\u00fcssen und angesichts der \u00dcberlegenheit des preu\u00dfischen Heeres zu Lande eine fast sichere Siegesaussicht gegen Frankreich gehabt. Die Bourgeoisie \u2013 Industrie, rechte und linke Liberale, die b\u00fcrgerliche Presse \u2013 forderte in dieser Situation mehr oder minder einhellig, den Fehdehandschuh aufzunehmen und gegen Frankreich \/ Gro\u00dfbritannien in den Krieg zu gehen.<\/p>\n<p>Doch der Krieg kam nicht zustande, denn der deutsche Reichskanzler Bethmann Hollweg weigerte sich, die Herausforderung anzunehmen. Stattdessen pfiff er seinen Staatssekret\u00e4r Kiderlen-W\u00e4chter zur\u00fcck und vereinbarte in der Marokkofrage einen (f\u00fcr Deutschland mageren) Kompromiss. Sein Zur\u00fcckweichen trug ihm von b\u00fcrgerlicher Seite den Vorwurf der Feigheit sowie eine tiefsitzende Feindschaft ein, die bis zu seinem Sturz 1917 andauerte.<\/p>\n<p>Angesichts dieser Umst\u00e4nde stellt sich die zentrale Frage, warum das Reich damals nicht in den Krieg gegangen ist, sondern dies erst drei Jahre sp\u00e4ter tat, als die Ausgangslage viel ung\u00fcnstiger war, weil jetzt ein Zweifronten-Krieg gef\u00fchrt werden musste. Warum war das so?<\/p>\n<p>Der Grund daf\u00fcr resultierte aus der Machtverteilung im preu\u00dfisch-deutschen Reich, d.h. aus der weitgehend souver\u00e4nen Machtstellung des Milit\u00e4rs, das au\u00dferhalb der Verfassung stand. 1911 war zwar die Bourgeoisie entschlossen, in den Krieg zu gehen, und mit ihr de Marine, die traditionell die \u201eb\u00fcrgerliche\u201c Waffengattung war. Anders sah es jedoch mit dem junkerlich-preu\u00dfischen Milit\u00e4radel aus, der das Heer kommandierte. Ohne dessen Kriegsbereitschaft war nicht daran zu denken, in einen Krieg zu gehen. Warum aber sollte das ostelbische Junkertum bereit sein, f\u00fcr die afrikanischen Kolonialambitionen des B\u00fcrgertums ins Feld zu ziehen? Selbst wenn er gewollt h\u00e4tte (was nicht der Fall war), konnte Bethmann Hollweg 1911 keinen Krieg beginnen, wie von der Bourgeoisie gefordert \u2013 er h\u00e4tte diesen Schritt gegen\u00fcber der Heeresleitung nicht durchsetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Hinzu kam, dass die Arbeiterbewegung einen solchen Krieg nicht mittragen w\u00fcrde. Angesichts der drohenden Kriegsgefahr gab es allerorten die von dir benannten Kundgebungen und Massendemonstrationen gegen den Krieg. Dasselbe war in Frankreich und abgeschw\u00e4cht in Gro\u00dfbritannien der Fall. F\u00fcr einen imperialistischen Krieg um Kolonien gab es keine Mehrheiten und keine Zustimmung in der europ\u00e4ischen Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p>Das bekr\u00e4ftigte auch der Kongress der 2.Internationale im November 1912 in Basel, der die internationale Solidarit\u00e4t des Proletariats sowie den Kampf gegen den Krieg zum Thema hatte. Neben der Erw\u00e4hnung der damaligen Konflikte auf dem Balkan betonte das verabschiedete Manifest: \u201eDie \u00dcberwindung des Gegensatzes zwischen Deutschland auf der einen, und England und Frankreich auf der anderen Seite, w\u00fcrde die gr\u00f6\u00dfte Gefahr f\u00fcr den Weltfrieden beseitigen\u201c. Die Erkl\u00e4rung wiederholte also die Konstellation des Kolonialkonflikts der Marokkokrise als entscheidende Kriegsgefahr.<\/p>\n<p>Wie aber kam es dann 1914 zu einem Krieg, dessen Zustandekommen im Gegensatz zu 1911 keine vergleichbaren Massenaktionen der sozialistischen Arbeiterbewegung Europas hervorrief, sondern im Gegenteil in ihre \u00dcnbertritt auf die Seite der Herrschenden m\u00fcndete?<\/p>\n<p>Die Antwort darauf ergibt sich aus der seit 1909 bestehenden innenpolitischen Krise des Kaiserreichs, die sich nach 1911 zuspitzte, indem die Angriffe auf die au\u00dferverfassungsm\u00e4\u00dfige Stellung des Milit\u00e4rs und damit auf die entscheidende Machtbastion des Junkertums als Inhaber der bewaffneten Macht immer weiter zunahmen. Die Stationen sind hier nicht im einzelnen nachzuzeichnen, sie sind in dem Buch \u201eVom Klassenkompromiss zum Krieg\u201c nachzulesen, ebenso bei H.A.Winkler, der einer der wenigen deutschen Historiker ist, die die Ursache f\u00fcr den deutschen Weg in den Weltkrieg nicht in au\u00dfenpolitischen Gegens\u00e4tzen sehen, sondern in der Zuspitzung der innenpolitischen Widerspr\u00fcche. Der Wahlsieg der SPD 1912 spielte dabei eine gewichtige Rolle, weil er den Tendenzen zur Parlamentarisierung des Reichs einen erheblichen Schub gab.<\/p>\n<p>Angesichts dieser Entwicklung musste das ohnehin im Abstieg befindliche Junkertum um seine Zukunft f\u00fcrchten, mit der Folge, dass der Milit\u00e4radel, der 1911 noch keine Kriegsneigung gezeigt hatte, nunmehr auf einen Krieg dr\u00e4ngte, weil er keinen anderen Weg mehr sah, als seine bedrohte Machtstellung durch einen gro\u00dfen Sieg des von ihm kommandierten Heeres vor dem drohenden Untergang zu retten \u2013 wie das Bismarck vierzig Jahre zuvor durch die Reichseinigungskriege schon einmal gelungen war.<\/p>\n<p>Die Bourgeoisie ging auf diesem Weg mit, denn sie sah die M\u00f6glichkeit, ihre 1911 vergeblich angestrebten Ziele jetzt doch noch zu erreichen. Das bedeutete, dass die ma\u00dfgeblichen Klassenkr\u00e4fte, die Tr\u00e4ger des 1870 gegr\u00fcndeten Reichs, die Regierung gemeinsam zum Krieg dr\u00e4ngten.<\/p>\n<p>Damit kam alles auf die Arbeiterbewegung an, denn angesichts der von ihr mittlerweile erlangten St\u00e4rke und Stellung war ein Krieg nur zu f\u00fchren, wenn die Arbeiterschaft mitmachte, und das hie\u00df, wenn die SPD zustimmte. <em>Diese Zustimmung war aber nur zu haben, wenn es gegen Russland ging<\/em>.<\/p>\n<p>Seitdem die europ\u00e4ische Revolution 1848\/49 durch das Eingreifen des Zarismus au\u00dfer von preu\u00dfischen von russischen Truppen niedergeschlagen worden war, waren Marx und Engels geschworene Gegner des zaristischen Russlands gewesen. Zwar hatten sich inzwischen die machtpolitischen Gewichte in Europa verschoben, aber die SPD hielt an damals begr\u00fcndeten Russlandfeindschaft fest. Um die nationale Zuverl\u00e4ssigkeit der als vaterlandslos geltenden SPD unter Beweis zu stellen, verk\u00fcndete der Parteivorsitzende Bebel in seinen Reichstagsreden bis zu seinem Tod 1913 regelm\u00e4\u00dfig, dass er in einem Krieg mit Russland noch selber \u201edie Flinte auf den Buckel nehmen\u201c w\u00fcrde. W\u00e4hrend die SPD-F\u00fchrung also einerseits einen Krieg um Kolonien als imperialistisch ablehnte, bef\u00fcrwortete sie gleichzeitig die Vaterlandsverteidigung gegen den Zarismus.<\/p>\n<p>Die Linken in der deutschen Sozialdemokratie, Luxemburg eingeschlossen, traten dieser <em>lange vor dem August 1914 propagierten Vaterlandsverteidigung<\/em> nicht entgegen. Teils waren sie selber davon \u00fcberzeugt, vor allem aber schien ein Krieg mit Russland derart fernliegend, dass es nicht lohnte, deswegen einen innerparteilichen Streit zu f\u00fchren. Schlie\u00dflich resultierte die ma\u00dfgebliche Kriegsgefahr aus der Kolonialpolitik des Imperialismus, wie es von Kautsky \u00fcber Bebel bis Luxemburg Konsens war und wie das die Marokkokrise gerade erst gezeigt hatte. Gleichzeitig gab es zwischen Berlin und Moskau weder \u00f6konomisch noch au\u00dfenpolitisch ernsthafte Gegens\u00e4tze, so dass ein Krieg zwischen den beiden Staaten realit\u00e4tsfern schien.<\/p>\n<p>Aber um die Sozialdemokratie f\u00fcr die Unterst\u00fctzung eines Kriegs zu gewinnen, musste auf der Gegenseite Russland stehen, und diese Kriegskonstellation war nur mit Hilfe der verb\u00fcndeten Habsburgermonarchie zustande zu bringen, die infolge des Zerfalls des Osmanischen Reiches im Ringen mit Russland um die Vorherrschaft auf dem Balkan lag.<\/p>\n<p>Bis dahin hatte die deutsche Diplomatie bei den sukzessiven Balkan-Krisen m\u00e4\u00dfigend auf Wien eingewirkt, um keinen B\u00fcndnisfall eintreten zu lassen, getreu dem noch von Bismarck ausgegebenen Motto, dass der ganze Balkan nicht die Knochen eines einzigen preu\u00dfischen Grenadiers wert sei. In der Julikrise 1914 (nach der Ermordung des k.u.k. Thronfolgerpaares durch einen serbischen Nationalisten) gab Berlin dem Verb\u00fcndeten jedoch freie Hand mit dem Ergebnis, dass Wien am 28.Juli dem K\u00f6nigreich Serbien den Krieg erkl\u00e4rte, woraufhin Russland als Schutzmacht Serbiens am 31.Juli die Generalmobilmachung anordnete.<\/p>\n<p>Damit konnte die Reichsregierung verk\u00fcnden, dass die miteinander verb\u00fcndeten Russland und Frankreich das friedliebende Deutschland \u00fcberfallen wollten. Am 1.August erkl\u00e4rte das Kaiserreich Russland und zwei Tage sp\u00e4ter Frankreich den Krieg (wie Bethmann sp\u00e4ter in einem vertraulichen Gespr\u00e4ch \u00e4u\u00dferte, habe er den deutschen Kriegseintritt \u201egefingert\u201c).<\/p>\n<p>Zwar gab es im Vorfeld des Kriegsausbruchs auch Friedenskundgebungen, die aber lange nicht so massenhaft ausfielen wie 1911. Nach der russischen Mobilmachung konnte die SPD-F\u00fchrung dann begr\u00fcnden, dass die Arbeiter das Vaterland gegen den barbarischen Zarismus verteidigen m\u00fcssten, wie August Bebel dies bis zu seinem Tod verfochten hatte, so dass die sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten am 4.August den von der Regierung beantragten Kriegskrediten geschlossen zustimmen.<\/p>\n<p>Damit kommen wir zur\u00fcck zur Fragestellung des Anfangs. Die Linken wurden von der Entwicklung vollst\u00e4ndig \u00fcberrumpelt. Sie hatten weder f\u00fcr das Zustandekommen des Kriegs noch erst recht f\u00fcr den reibungslosen \u00dcbergang der Sozialdemokratie auf die Seite der Regierung eine Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihre Hilflosigkeit waren drei miteinander verkn\u00fcpfte Ursachen verantwortlich:<br \/>\n&#8211; Zum einen waren sie fixiert auf kapitalistisch-imperialistische Kriege um Kolonialgebiete. Dass ein Krieg Anfang des 20.Jahrhunderts aus anderen Gr\u00fcnden als aus den \u00f6konomischen Interessen der Bourgeoisie gef\u00fchrt werden konnte, war f\u00fcr sie undenkbar.<br \/>\n&#8211; Zum zweiten resultierte diese Gedankensperre daraus, dass sie auf das Voranschreiten des Kapitalismus fixiert waren und die Ungleichzeitigkeit von \u00f6konomischer Entwicklung und politischer Herrschaft negierten, Deshalb erkannten sie nicht, dass in Deutschland (ebenso wie in Russland und \u00d6sterreich-Ungarn) weiterhin vorb\u00fcrgerlich-adelige Kr\u00e4fte das letzte Wort der Macht besa\u00dfen.<br \/>\n&#8211; Zum dritten hatten sie nicht wahrhaben wollen, dass die deutsche Sozialdemokratie f\u00fcr den Fall eines Kriegs mit Russland immer schon die Vaterlandsverteidigung propagiert hatte \u2013 der Vorwurf des \u201eVerrats\u201c f\u00fchrte ins Leere.<\/p>\n<p>Es brauchte Wochen, bis Lenin als erster die politischen Konsequenzen aus dem Krieg zog und f\u00fcr <em>alle <\/em>kriegf\u00fchrenden L\u00e4nder gleicherma\u00dfen den Sturz der jeweiligen Regierung forderte. Damit war indes noch nicht erkl\u00e4rt, wie der Krieg zustande gekommen war und welchen Charakter er trug. Diese Erkl\u00e4rung lieferte Lenin anschlie\u00dfend mit seiner Imperialismusschrift, indem er den Imperialismusbegriff von der Kolonialpolitik l\u00f6ste, ihn \u00f6konomisch auf die Monopoltheorie Hilferdings st\u00fctzte und mit der grunds\u00e4tzlichen Tendenz zu F\u00e4ulnis und Aggression verkn\u00fcpfte.<\/p>\n<p>Letztlich resultierten die seinerzeitigen Irrt\u00fcmer auf einem \u00f6konomisch verk\u00fcrzten Verst\u00e4ndnis des Marxismus, das auch die Monopol- und Imperialismustheorie Lenins bestimmte und bis heute das Denken vieler Marxisten pr\u00e4gt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: line-through;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: line-through;\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/span><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Klaus Dallmer, 26.8.2025<\/strong><\/p>\n<p>Lieber Genosse Karuscheit,<\/p>\n<p>dass Milit\u00e4r, Kaiser und Bourgeoisie die Sozialdemokratie brauchten, um den Krieg vom Zaune zu brechen, beschreibst Du v\u00f6llig richtig, und auch, dass der einzige Weg dazu war, eine Situation der &#8222;Verteidigung&#8220; gegen Russlands Aggression herbeizuf\u00fchren. Dazu haben Kaiser und Bethmann-Hollweg \u00d6sterreich heimlich gr\u00fcnes Licht f\u00fcr seinen Krieg gegen Serbien gegeben. Das kannst Du auch ausf\u00fchrlich in meinem Buch nachlesen. V\u00f6llig falsch ist dagegen, dass die Linke gegen Bebels traditionelle Einstellung, die Flinte gegen den Zarismus nehmen zu wollen, nichts getan h\u00e4tte. Rosa Luxemburg hat z.B. 1906 im Zuge der Debatte um die russische 05er Bebel entgegnet, dass ein Krieg gegen Russland ein Krieg gegen die revolution\u00e4ren russischen Arbeiter sei, und diese Position hat die Linke in den Jahren ihrer immer st\u00e4rker anwachsenden Antikriegsarbeit durchgehalten.<\/p>\n<p>Du hast nun zwar Lenins Imperialismusanalyse abgesch\u00fcttelt, nicht aber seine Auffassung von den verschiedenen &#8222;Ideologien&#8220;, die in die Arbeiterklasse hereingetragen werden. Der Reformismus ist keine b\u00fcrgerliche Theorie, deren Verbreitung die Linke nicht beachtet h\u00e4tte &#8211; der ganze jahrelange Kampf der Linken dagegen ist Dir anscheinend fremd &#8211; sondern Ausdruck der reformistischen Praxis der Gewerkschaften und der SPD. Das Sein bestimmt das Bewu\u00dftsein. Wer das nicht gemerkt und den jeweils marxistisch verkleideten Rechtfertigungen von Karl Kautsky geglaubt hat, ist Lenin. Deshalb fiel er aus allen Wolken, als der wirkliche Charakter der deutschen Sozialdemokratie offensichtlich wurde. In Russland gab es diese reformistische Praxis nicht. Deshalb konnte Lenin sich das nur mit &#8222;Hereintragen&#8220; feindlicher Ideologie erkl\u00e4ren, so wie auch allm\u00e4hliche Lernprozesse der Massen in Klassenk\u00e4mpfen um ihre Lebensbedingungen unter der zaristischen Terrorherrschaft nicht m\u00f6glich waren. Auch seine Auffassung, der Kommunismus m\u00fcsse der Arbeiterklasse von au\u00dfen gebracht werden, hat hier ihre Wurzeln (und teilweise russische Berechtigung).<\/p>\n<p>Kurzer Exkurs:<\/p>\n<p><em>Erste Gewerkschaften entstanden in der Revolution1848 als Unterst\u00fctzungskassen, dann waren sie verboten, dann entstanden sie wieder, w\u00e4hrend der Sozialistengesetze waren sie wieder\u00a0 verboten, trotzdem wuchsen sie immer weiter an. Es waren harte K\u00e4mpfe um Lohn und Arbeitsbedingungen, in denen die Arbeiterklasse sich ihre Organisationen geschaffen hat. Friedrich Ebert z.B. stand als Streikf\u00fchrer auf schwarzen Listen der Unternehmer.<\/em><\/p>\n<p><em>1900 gab es 680.000 Gewerkschaftsmitglieder,<\/em><\/p>\n<p><em>1914 hatten die Gewerkschaften 2,5 Millionen Mitglieder.<\/em><\/p>\n<p><em>Gleichzeitig entwickelte sich der politische Arm der Arbeiterbewegung, die SPD, mit marxistischer Orientierung. Sie hatte 1900\u00a0\u00a0 720.000 Mitglieder (damals also noch mehr als die Gewerkschaften) und 1914 kurz vor dem Krieg eine Million.<\/em><\/p>\n<p><em>Nach den Sozialistengesetzen konzentrierte sich die SPD stark auf die Wahlen, und gab es einen rapiden Anstieg der Wahlerfolge. Bei der Wahl 1912 bekam die SPD 35% der Stimmen und war mit 110 Sitzen die st\u00e4rkste Fraktion im Reichstag.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber wie sah es im Inneren der Arbeiterbewegung aus? <\/em><\/p>\n<p><em>Die gewerkschaftlichen K\u00e4mpfe waren Streik \u2013 Stillhalteabkommen \u2013 Streik &#8211; Stillhalteabkommen. Die Arbeiter waren weiterhin vom jeweiligen Betriebswohl abh\u00e4ngig, sie gingen h\u00f6chstens theoretisch dar\u00fcber hinaus. Sie diskutierten in den Arbeiterbildungsvereinen und in den Kneipen, wie der sozialistische Zukunftsstaat wohl aussehen w\u00fcrde &#8211; aber nicht, wie man ihn erk\u00e4mpfen k\u00f6nne. <\/em><\/p>\n<p><em>Die SPD erwartete den Zusammenbruch des Kapitalismus, den gro\u00dfen \u201eKladderadatsch\u201c. Karl Kautsky sagte, die SPD sei eine revolution\u00e4re Partei, aber keine Revolution machende Partei.<\/em><\/p>\n<p><em>Nach der russischen Revolution von 1905 kam es zur Debatte um den Generalstreik, den die Gewerkschaften ablehnten aus Sorge um die Kassen, um die Legalit\u00e4t, und um m\u00f6gliche Radikalisierungen, die ihnen das Heft des Handelns aus der Hand nehmen w\u00fcrden. Die SPD knickte ein und verzichtete auf ihren politisches Vorrang\u00a0\u00a0 &#8211;\u00a0 \u00fcber Streiks h\u00e4tten die Gewerkschaften zu entscheiden.<\/em><\/p>\n<p><em>Rosa Luxemburg fand begeisterte Zustimmung auf den Arbeiterversammlungen, aber ihre Apelle zur Nutzung aller Mobilisierungsm\u00f6glichkeiten trafen bei den F\u00fchrungen von Partei und Gewerkschaften auf Ablehnung. Massenhafte Lernprozesse und Radikalisierungen wollte man nicht. Die \u201ePraktiker\u201c wussten besser, was \u201em\u00f6glich\u201c war.<\/em><\/p>\n<p><em>Mit dem Mund wollte man den Sozialismus, aber die Praxis war reformistisch:\u00a0 kurz vor dem Krieg hatten die Gewerkschaften \u00fcber 12.000 Tarifvertr\u00e4ge zu verwalten, au\u00dfer in der Schwerindustrie waren sie eingespielte Sozialpartner.<\/em><\/p>\n<p><em>Bebels alte Parole \u201eDiesem System keinen Mann und keinen Groschen\u201c hatte sich stark aufgeweicht. Die SPD war im Reichstag, in Landtagen und Stadtverordnetenversammlungen vertreten, sie konnte politisch Einfluss nehmen auf Sozialgesetzgebung, Arbeitsschutz, Schul- und Sozialpolitik. Aber von B\u00fcrgermeister- oder anderen Regierungs\u00e4mtern wurde sie ausgeschlossen. (Diese mangelnde Anerkennung lastete schwer auf den \u201evaterlandslosen Gesellen\u201c, und so wuchs das Wohlverhalten, das sie sp\u00e4ter auch in Regierungs\u00e4mter gef\u00fchrt hat, nur dann eben ohne Sozialismus.) Teilweise kam es zur Zusammenarbeit mit b\u00fcrgerlichen Parteien, auch bei Finanzbewilligungen, 1913 stimmte die SPD sogar dem Finanzierungsmodus einer R\u00fcstungsvorlage zu.<\/em><\/p>\n<p><em>Ab 1906 bekamen Reichstagsabgeordnete 3000 Mark Di\u00e4ten pro Jahr (heute etwa 150.000 \u20ac nach Kaufkraft).<\/em><\/p>\n<p><em>August Bebel war Pr\u00e4sident des s\u00e4chsischen Landtages.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Linken in der SPD waren total in die Minderheit geraten. Und nicht zu vergessen: SPD- und Gewerkschaftsmitglieder waren eine Minderheit in der Arbeiterschaft, es gab auch viele Arbeiter in den Flotten- und Kriegervereinen.<\/em><\/p>\n<p><em>Wenn die F\u00fchrungen von SPD und Gewerkschaften gegen den drohenden Krieg etwas h\u00e4tten ausrichten wollen, h\u00e4tten\u00a0 sie sich f\u00fcr das Risiko von Verbot und Verhaftung entscheiden m\u00fcssen. Das wollten sie nicht. Ende Juli folgten noch Hunderttausende den Aufrufen der SPD zu Demonstrationen gegen den Krieg \u2013 am 4. August stimmte die Partei im Reichstag den Kriegskrediten zu und fiel damit dem Widerstand der eigenen Leute in den R\u00fccken. Die Arbeiterbewegung brach zusammen.<\/em><\/p>\n<p>Nicht falsche Auffassungen in der Sozialdemokratie waren die Ursache f\u00fcr ihr Einknicken, sondern ihre erfolgreiche reformistische Praxis. Die Arbeiterbewegung war fokussiert auf einen Krieg um Kolonialgebiete? Klar war, dass die Gier nach Kolonien einer der Kriegsgr\u00fcnde werden w\u00fcrde, aber doch nicht, dass er dort stattfinden w\u00fcrde!<\/p>\n<p>Du widersprichst Dir auch noch selbst: Wenn die Sozialdemokratie mit ihrer Gegnerschaft gegen den Zarismus f\u00fcr den Krieg gebraucht wurde (was richtig ist), war ein Krieg &#8222;nur&#8220; gegen Frankreich und England eben nicht m\u00f6glich, und diese Einsicht werden auch Teile der Bourgeoisie gehabt haben. Dass allein das Junkertum den R\u00fcckzug 1911 wollte, halte ich deshalb f\u00fcr unwahrscheinlich, eben weil es zwar die milit\u00e4rische Funktionselite stellte, aber keine herrschende Klasse mehr war. M\u00f6glich ist, dass die Milit\u00e4rs die bessere Einsicht hatten, dass es ohne die Sozialdemokratie und die Mobilisierung ihrer Russlandfeindschaft eben nicht ging. Widerspr\u00fcche zwischen Milit\u00e4r und Bourgeoisie belegen keine Herrschaft des Junkertums. Schlieffen hat \u00fcbrigens seinen eigenen Plan wegen zu schwacher Kr\u00e4fte schon vor dem Krieg f\u00fcr unrealistisch gehalten. Generalstabschef von Moltke forderte im Fr\u00fchjahr 1914 das Ausw\u00e4rtige Amt auf, kurzfristig den Krieg herbeizuf\u00fchren &#8211; die Milit\u00e4rf\u00fchrung bef\u00fcrchtete, bei weiterem Abwarten werde die Aufr\u00fcstung Russlands das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zugunsten der Entente verschieben.<\/p>\n<p>Statt bei b\u00fcrgerlichen Historikern die Best\u00e4tigung f\u00fcr Deine These von der Herrschaft des Junkertums zu suchen, solltest Du Dich lieber mit der Herausbildung des deutschen Kommunismus besch\u00e4ftigen &#8211; da kann ich die Schriften von Rosa Luxemburg dringend empfehlen: &#8222;Sozialreform oder Revolution&#8220;, &#8222;Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie&#8220;, &#8222;Massenstreik und Gewerkschaften&#8220;, &#8222;Die Krise der Sozialdemokratie&#8220;. Und Paul Fr\u00f6lich: &#8222;Zehn Jahre Krieg und B\u00fcrgerkrieg, Band 1, Der Krieg&#8220;<\/p>\n<p>Einen ausf\u00fchrlichen \u00dcberblick gibt mein Buch. Du musst es bei Interesse selbst bestellen &#8211; meine Erfahrung besagt, dass geschenkte B\u00fccher nicht gelesen werden.<\/p>\n<p>Eine Klasse, deren materielle Grundlage der Vergangenheit angeh\u00f6rt, zur herrschenden zu erkl\u00e4ren, vertr\u00e4gt sich mit meinem Verst\u00e4ndnis von Marxismus jedenfalls nicht.<\/p>\n<p>Solidarische Gr\u00fc\u00dfe, Klaus Dallmer<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Heiner Karuscheit, 6.September 2025<\/strong><\/p>\n<p>Lieber Genosse Dallmer,<\/p>\n<p>Zu deiner Mail vom 26.August: Du erkl\u00e4rst es f\u00fcr \u201ev\u00f6llig falsch \u2026, dass die Linke gegen Bebels traditionelle Einstellung, die Flinte gegen den Zarismus nehmen zu wollen, nichts getan h\u00e4tte. Rosa Luxemburg hat z.B. 1906 im Zuge der Debatte um die russische 05er Bebel entgegnet, dass ein Krieg gegen Russland ein Krieg gegen die revolution\u00e4ren russischen Arbeiter sei.\u201c<\/p>\n<p>Ich nehme an, du beziehst dich mit dieser Aussage auf Luxemburgs Rede auf dem SPD-Parteitag 1906 \u201ezum Verh\u00e4ltnis von Partei und Gewerkschaften\u201c. Dort hatte Bebel in seiner Er\u00f6ffnungsrede sinngem\u00e4\u00df gesagt, dass das Proletariat nichts machen k\u00f6nne, wenn es zu einem Krieg k\u00e4me. Ihm entgegnete Luxemburg unter Berufung auf die franz\u00f6sischen Genossen: \u201eich hoffe, auch das deutsche (Proletariat) wird Mut genug finden, zu sagen: \u201eEs darf nicht gegen unseren Willen geschehen.\u2018\u201c (Gesammelte Werke Band 2, S.173.)<\/p>\n<p>Meinst du diese Aussage? Darin steht allerdings nichts zu Russland bzw. den revolution\u00e4ren russischen Arbeitern, sondern lediglich allgemein, dass ein Krieg nicht ohne Zustimmung des Proletariats gef\u00fchrt werden d\u00fcrfe. Ansonsten habe ich f\u00fcr die fragliche Zeit nichts gefunden. Wenn ich etwas \u00fcbersehen habe, lasse ich mich gerne belehren.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus konnte ich zu diesem Problem nur eine andere einschl\u00e4gige Stelle finden, und zwar in Luxemburgs Rede \u00fcber \u201edie weltpolitische Lage\u201c vom 27.Mai 1913. Dort sagte sie: \u201eGenosse Bebel, der so viel Ausgezeichnetes, manchmal aber auch, wie jeder Mensch, weniger Ausgezeichnetes gesagt hat, hat ja einmal im Reichstage erkl\u00e4rt, er wolle bei einem Verteidigungskriege trotz seiner alten Tage noch die Flinte auf den Buckel nehmen.\u201c (GW 3, S.214)<\/p>\n<p>Von Russland war dabei wiederum keine Rede, stattdessen fuhr sie gegen Bebel gerichtet fort, dass die Unterscheidung zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg fehl am Platze sei. Entscheidend sei vielmehr, dass heutige Kriege \u201eeine Folge des Imperialismus\u201c seien, und f\u00fcgte zur Erl\u00e4uterung hinzu: \u201eDie Triebkraft dieser Kriege ist das Bestreben, die noch nicht vom Kapitalismus erreichten Gebiete aufzuteilen.\u201c<\/p>\n<p>Damit bezog sie sich auf ihre eigene Imperialismustheorie, der zufolge moderne Kriege der kapitalistischen M\u00e4chte untereinander aus dem \u00f6konomischen Zwang resultierten, zwecks ausreichender Mehrwertrealisierung Territorien als Absatzm\u00e4rkte zu erobern, die noch nicht vom Kapital durchdrungen waren. Das hei\u00dft, ein aktueller Krieg Deutschlands war f\u00fcr sie nur vorstellbar als Krieg um koloniale (\u201enoch nicht vom Kapitalismus erreichte\u201c) Gebiete. In dieser Theorie hatte ein Krieg mit Russland keinen Platz, weil es hier keine solchen Gebiete zu erobern gab.<\/p>\n<p><strong>Das R\u00e4tsel des 4.August<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang unterliegst du m.E. einem Irrtum, wenn du schreibst, \u201eEnde Juli (1914) folgten noch Hunderttausende den Aufrufen der SPD zu Demonstrationen gegen den Krieg\u201c<em>. <\/em>Tats\u00e4chlich gab es zu dieser Zeit Antikriegskundgebungen, darunter die gr\u00f6\u00dfte in Berlin mit 100.000 Teilnehmern, die aber nicht zu vergleichen waren mit den Massenkundgebungen drei Jahre zuvor anl\u00e4sslich der Marokkokrise, als Millionen von Arbeitern auf die Stra\u00dfe gingen.<\/p>\n<p>Meinst du nicht, dass die Unterschiede damit zusammenh\u00e4ngen k\u00f6nnten, dass die revolution\u00e4re Linke (wie die gesamte SPD) fixiert war auf \u201eimperialistische\u201c Kriege um koloniale Territorien, w\u00e4hrend ein Krieg mit Russland als fernliegend erschien?<\/p>\n<p>Um dabei nicht falsch verstanden zu werden: mir geht es nicht darum, Rosa Luxemburg etwas am Zeug zu flicken. Mir geht es vielmehr darum, zwei Dinge zu verstehen, die der revolution\u00e4re Marxismus von heute nach wie vor wie eine schw\u00e4rende Wunde mit sich herumschleppt.<\/p>\n<ol>\n<li>a) warum lie\u00dfen sich die Arbeitermassen, die 1911 noch durchg\u00e4ngig gegen einen Krieg um Kolonien gewesen waren, 1914 so rasch von der Vaterlandsverteidigung gegen Russland \u00fcberzeugen? Dein Hinweis auf die \u201eerfolgreiche reformistische Praxis\u201c gibt darauf keine Antwort, denn diese Praxis lag bereits 1911 vor \u2013 und trotzdem war damals die gro\u00dfe Mehrheit der Sozialdemokratie (incl. der Parteif\u00fchrung) und der Arbeiterschaft gegen den Krieg.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a><br \/>\nb) warum war die revolution\u00e4re Linke angesichts der Kriegskonstellation so lange sprach- und hilflos?<\/li>\n<\/ol>\n<p>Diese Dinge sind nicht zu kl\u00e4ren, ohne die Fehler und Vers\u00e4umnisse der damaligen Linken zu benennen. Schlie\u00dflich hat Luxemburg selber verlangt: \u201eSelbstkritik, r\u00fccksichtslose, grausame, bis auf den Grund der Dinge gehende Selbstkritik ist Lebensluft und Lebenslicht der proletarischen Bewegung.\u201c<\/p>\n<p><strong>Die materielle Grundlage des Junkertums<\/strong><\/p>\n<p>Damit will ich zu der Frage kommen, die m.E. den Kern unserer Differenzen (und den tiefsten Grund von Luxemburgs Irrt\u00fcmern) bildet. Am Ende deiner Antwort vom 26.August schreibst du \u00fcber das von uns zur herrschenden Klasse im Kaiserreich erkl\u00e4rte Junkertum: <em>\u201eEine Klasse, deren materielle Grundlage der Vergangenheit angeh\u00f6rt, zur herrschenden zu erkl\u00e4ren, vertr\u00e4gt sich mit meinem Verst\u00e4ndnis von Marxismus jedenfalls nicht.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Genau hier liegt der Hase im Pfeffer, denn die junkerlichen Gutswirtschaften Ostelbiens trugen <em>keinen kapitalistischen Charakter<\/em>. Die origin\u00e4re \u201ematerielle Grundlage\u201c der preu\u00dfischen Herrschaftsklasse war <em>nichtb\u00fcrgerlich<\/em> und geh\u00f6rte im Kaiserreich noch keineswegs der Vergangenheit an.<\/p>\n<p>Die agrarischen Gro\u00dfg\u00fcter basierten nicht auf freier Lohnarbeit, vielmehr standen die Gutsarbeiter in pers\u00f6nlicher Abh\u00e4ngigkeit von ihren junkerlichen Gutsherren, die in den ostelbischen Agrarbezirken zugleich Inhaber der Polizeigewalt sowie der unteren Gerichtsbarkeit waren und gegen\u00fcber dem Gesinde das Z\u00fcchtigungsrecht hatten. Friedrich Engels bezeichnete deshalb die Arbeitsverh\u00e4ltnisse auf den gro\u00dfen G\u00fctern als \u201ehalbe Leibeigenschaft\u201c, also <em>nicht <\/em>als freie Lohnarbeit, die bekanntlich Voraussetzung und Grundlage der <em>b\u00fcrgerlichen Produktionsweise<\/em> ist. Die Triebkraft der Agrarproduktion auf den gro\u00dfen G\u00fctern Ostelbiens war nicht die Verwertung des Werts, sondern die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Stellung des Gutsbesitzers und seiner Familie.<\/p>\n<p>Kautsky und die SPD standen diesen Zust\u00e4nden verst\u00e4ndnislos gegen\u00fcber. Ohne die Agrarverh\u00e4ltnisse jemals untersucht zu haben, gingen sie davon aus, dass \u201edie kapitalistische Entwicklung\u201c die junkerlichen Gutswirtschaften mittlerweile umgew\u00e4lzt h\u00e4tte. Indem dort der Agrarkapitalismus Einzug gehalten habe, seien die Junker neben der industriellen und der Handelsbourgeoisie zu einer (agrarischen) Fraktion der Bourgeoisie geworden. Im Staat und vor allem im Milit\u00e4r mochten sie zwar aus traditionellen Gr\u00fcnden noch dominieren, aber das betraf nur die Ebene der Personen und \u00e4nderte nichts an den durchg\u00e4ngig kapitalistischen Verh\u00e4ltnissen \u2013 so die sozialdemokratische \u00dcberzeugung.<\/p>\n<p><strong>Eine vor- und nichtkapitalistische Gro\u00dfgutswirtschaft<\/strong><\/p>\n<p>Die von den Theoretikern der SPD nicht geleistete Untersuchung wurde von b\u00fcrgerlichen Wissenschaftlern vorgenommen, so von Max Weber, dem bekannten Sozialwissenschaftler, der eine gro\u00dfangelegte Enquete \u00fcber die \u201eLage der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland\u201c durchf\u00fchrte.<\/p>\n<p>Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass die alten gutswirtschaftlich-vorb\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnisse durch den Kapitalismus zwar langsam aufgel\u00f6st wurden, aber die Arbeitsverfassung auf den G\u00fctern dem Wesen nach weiterhin auf Verh\u00e4ltnissen pers\u00f6nlicher Abh\u00e4ngigkeit beruhte, also <em>nichtkapitalistisch <\/em>war. Webers Zeitgenosse, der \u00d6konom Werner Sombart, brachte diese Zust\u00e4nde auf den Punkt: \u201eDie Junker als soziale Klasse sind \u2026 nichts anderes als die Vertreter einer vor- und antikapitalistischen Gro\u00dfgutswirtschaft.\u201c (Die Nachweise hierzu stehen in dem Buch \u201eDeutschland 1914 &#8211; Vom Klassenkompromiss zum Krieg\u201c, S.53ff)<\/p>\n<p>Wie ging die Bebel-SPD nun mit den \u00f6ffentlich publizierten Forschungsergebnissen um? Ganz einfach \u2013 sie reagierte nicht darauf, denn sie widersprachen ihren ideologisch vorgegebenen Annahmen. Schlie\u00dflich hatte Kautsky die b\u00fcrgerliche Revolution mit der Reichseinigung f\u00fcr erledigt erkl\u00e4rt, und in K\u00fcrze erwartete man den von Bebel angek\u00fcndigten \u201eKladderadatsch\u201c der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, an dessen Ende der Sozialismus und die Herrschaft der Sozialdemokratie stehen w\u00fcrden. In dieser Vorstellung st\u00f6rten die Untersuchungen der sozialen Basis des Junkertums nur, denn aus ihnen ergab sich, dass die Junker <em>keinen<\/em> Teil der b\u00fcrgerlichen Klasse bildeten, sondern trotz aller Aufl\u00f6sungserscheinungen der ostelbischen Agrarwelt nach wie vor eine eigene Klasse (in mancher Hinsicht auch Kaste) mit eigenen Interessen bildeten. Aber anstatt sich mit den Fakten auseinanderzusetzen, zogen es die K\u00f6pfe der SPD es vor, diese getreu dem Morgensternschen Motto: \u201enicht sein kann, was nicht sein darf\u201c, zu ignorieren.<\/p>\n<p>Ebenso tut dies die Linke. Entgegen aller empirischen Befunde h\u00e4lt sie bis heute an der damals von der SPD in die Welt gesetzten Konstruktion einer gemeinsamen industriell-agrarischen kapitalistischen \u00d6konomie fest, verbunden mit der Behauptung, dass das Junkertum zu einer Abteilung der Bourgeoisie geworden sei.<\/p>\n<p><strong>Die Bourgeoisie \u2013 eine herrschende Klasse ohne bewaffnete Macht?<\/strong><\/p>\n<p>Du selber schreibst dazu weiter, dass das Junkertum \u201ezwar die milit\u00e4rische Funktionselite stellte, aber keine herrschende Klasse mehr war.\u201c Wenn aber die <em>Bourgeoisie<\/em> die herrschende Klasse war \u2013 was f\u00fcr eine Herrschaft soll das gewesen sein? Bereits in Preu\u00dfen hatte die Bourgeoisie versucht, das Milit\u00e4r qua Haushaltsrecht dem Parlament zu unterstellen, war damit aber gescheitert. Dasselbe versuchte sie bei der Reichsgr\u00fcndung, wurde aber von Bismarck zur\u00fcckgeschlagen.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, die vom junkerlichen Milit\u00e4radel kommandierte Armee stand nicht nur au\u00dferhalb der Verfassung; die Milit\u00e4rf\u00fchrung konnte bei einer St\u00f6rung der \u00f6ffentlichen Sicherheit aus eigenem Recht den Ausnahmezustand verh\u00e4ngen und Waffen einsetzen. Die Armee war aber das ma\u00dfgebliche Organ der bewaffneten Macht im Kaiserreich. Was f\u00fcr eine Herrschaft der Bourgeoisie soll das dann gewesen sein, wenn die \u201eherrschende Klasse\u201c nicht \u00fcber die bewaffnete Macht verf\u00fcgte?<\/p>\n<p>Die von der SPD negierten Klassenrealit\u00e4ten hatten elementare politische Konsequenzen, denn das Junkertum f\u00fchrte einen \u00dcberlebenskampf. \u00d6konomisch rutschten die getreideproduzierenden Gutswirtschaften immer mehr in eine Krise, und politisch massierten sich vor dem Weltkrieg die Angriffe auf das preu\u00dfische Dreiklassenwahlrecht, das die junkerliche Vorherrschaft (im B\u00fcndnis mit der Schwerindustrie) in dem deutschen Hegemonialstaat sicherte.<\/p>\n<p>1870 hatte Bismarck die Stellung der Junker mit Hilfe der Reichseinigungskriege durch die Siege der von ihnen gef\u00fchrten Armee noch einmal gesichert. Seinerzeit war damit ein progressives Ziel verbunden gewesen, n\u00e4mlich die Schaffung eines deutschen Nationalstaats. Jetzt blieb erneut nur ein Krieg \u00fcbrig, um ihre Klassenexistenz zu retten, nur war damit kein progressives Ziel mehr zu erreichen. Der Krieg, in den sie die Regierung 1914 gemeinsam mit der Bourgeoisie dr\u00e4ngten, war f\u00fcr sie der letzte Ausweg vor dem Untergang \u2013 ein Machtsicherungskrieg.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: line-through;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><strong>11.09.2025 Heiner Karuscheit<\/strong><\/p>\n<p>Lieber Genosse,<\/p>\n<p>Gerade habe ich nach einigen M\u00fchen dein Buch \u00fcber die Meuterei auf der \u201eDeutschland\u201c bekommen, bin bisher aber nur dazu gekommen, das Vorwort und deine Vorbemerkung zu lesen (der Rest kommt noch). Dabei bin ich \u00fcber den Klappentext des Buchs gestolpert, weshalb ich spontan noch etwas zu meiner letzten Mail nachschieben will.<\/p>\n<p>Der Text (den du wahrscheinlich selber verfasst hast) beginnt mit <em>\u201eDie deutsche Sozialdemokratie passte sich zu Anfang des letzten Jahrhunderts der Expansionspolitik der herrschenden Klassen des Kaiserreichs mehr und mehr an\u201c.<\/em> Diese Feststellung verwischt nach meinem Daf\u00fcrhalten das Grundproblem, \u00fcber das wir gerade diskutieren: die \u201eExpansionspolitik der herrschenden Klassen\u201c \u2013 das war der Kolonialimperialismus der Bourgeoisie, deren Hauptziel ein gro\u00dfes Kolonialreich in Mittelafrika war.<\/p>\n<p>Das Junkertum dagegen hatte genug mit den eigenen G\u00fctern zu tun, genauer gesagt mit der \u201eLeutenot\u201c, diese G\u00fcter zu bewirtschaften, weil viele Landarbeiter es vorzogen, ihrer halben Leibeigenschaft durch die Abwanderung in die Industrie des Westens zu entfliehen. Expansionspl\u00e4ne Richtung Osten stellten hier im Weltkrieg lediglich einige Vertreter des <em>Kleinb\u00fcrgertums<\/em> auf \u2013 Vorl\u00e4ufer der nationalsozialistischen Siedlungspolitik. So diente auch der von der OHL diktierte Frieden von Brest-Litowsk (wenn man ihn genauer studiert) wesentlich der St\u00e4rkung <em>Preu\u00dfens<\/em> als deutscher Hegemonialstaat durch die Schaffung formal unabh\u00e4ngiger, monarchisch regierter Kleinstaaten im Osten, die z.T. in Personalunion mit der preu\u00dfischen Krone verbunden werden sollten.<\/p>\n<p>An die koloniale Expansionspolitik der Bourgeoisie aber hat die Sozialdemokratie sich <em>nicht<\/em> angepasst, diese wurde im Gegenteil von der Sozialdemokratie <em>bek\u00e4mpft<\/em>; das ist eben das Besondere an der Marokko-Krise von 1911, als Millionen von Arbeitern den Aufrufen der SPD folgten und gegen die Kolonialkriegsforderungen der Bourgeoisie (gegen Frankreich und Gro\u00dfbritannien) auf die Strasse gingen (ich habe dir dazu den Link zu Bebel geschickt, der gegen die Kolonial- und Schlachtflottenpolitik der deutschen Bourgeoisie sogar mit der britischen Regierung konspirierte).<\/p>\n<p>Du entwickelst zu recht die Abkehr der SPD von revolution\u00e4ren Positionen und den \u00dcbergang zum Reformismus. Nur war das kein <em>b\u00fcrgerlicher <\/em>Reformismus, dh kein schleichender Sieg Bernsteins, wie die g\u00e4ngige linke Geschichtsschreibung den \u201eVerrat\u201c vom 4.August 1914 erkl\u00e4rt. Zwar gingen die Gewerkschaften zur Zusammenarbeit mit dem Kapital \u00fcber, dh. zur Sozialpartnerschaft (was die Schwerindustrie als entscheidender Industriezweig verweigerte). Ansonsten hatte das Hineinwachsen in den Staat aber eine andere Folge, weil dieser Staat, das preu\u00dfisch-deutsche Kaiserreich, kein b\u00fcrgerlicher Staat war, sondern ein von Preu\u00dfen beherrschter Obrigkeits- und Beamtenstaat. Dementsprechend war die Folge nicht die <em>Verb\u00fcrgerlichung<\/em>, sondern die <em>Verpreu\u00dfung<\/em> der Sozialdemokratie, materiell fundiert dadurch, dass ein Gro\u00dfteil der sozialdemokratischen Funktion\u00e4re in den Arbeitersozialversicherungen (die von Bismarck zu dem Zweck geschaffen worden waren, die Arbeiter an den monarchischen Staat heranzuf\u00fchren) sowie anderen staatlichen oder halbstaatlichen Institutionen arbeitete.<\/p>\n<p>In der Novemberrevolution schlug sich dies in zwei verschiedenen B\u00fcndnissen nieder: dem Stinnes-Legien-Abkommen (der Gewerkschaftsf\u00fchrung mit der Bourgeoisie) sowie dem machtpolitisch entscheidenden Ebert-Groener-Pakt (der SPD-F\u00fchrung mit dem Milit\u00e4radel).<\/p>\n<p>Ich will hierzu nichts weiter ausf\u00fchren, um unsere Diskussion nicht mit noch mehr Themen zu befrachten. Worauf es mir ankommt, ist vielmehr, den Blick daf\u00fcr zu sch\u00e4rfen, dass erst die Unterscheidung zwischen zwei unterschiedlichen Klassenkr\u00e4ften \u2013 Junkertum und Bourgeoisie \u2013 ein vollst\u00e4ndiges Verst\u00e4ndnis der Gr\u00fcnde f\u00fcr die Niederlage der revolution\u00e4ren Arbeiterbewegung erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: line-through;\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: line-through;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><strong>Klaus Dallmer, 16.September 2025<\/strong><\/p>\n<p><strong>Betreff: \u00a0Nachtrag <\/strong><\/p>\n<p>Lieber Genosse Karuscheit,<\/p>\n<p>die Auseinandersetzungen zwischen Luxemburg und Bebel bez\u00fcglich Russland kumulierten auf dem Essener Parteitag 1907. Das findet sich nicht in den gesammelten Werken, dazu muss man das Protokoll lesen. Dass die Russlandfeindschaft der SPD von den Herrschenden f\u00fcr den Krieg benutzt werden kann, hat die Linke sehr wohl auf dem Schirm gehabt. Und nat\u00fcrlich \u00e4u\u00dferte sich die Konkurrenz der an die gegnerischen Grenzen sto\u00dfenden Kapitalakkumulation im Kampf um die Kolonien &#8211; die Kolonien waren deshalb aber nicht Ursache.<br \/>\nDie Basis der Herrschaft des Adels waren die Abgaben der Leibeigenen, mit denen S\u00f6ldnerheere f\u00fcr den Lehnsherren unterhalten wurden. Das war schon jahrhundertelang durch das Eindringen der Geldwirtschaft aufgeweicht, und die Staatenkonkurrenz verlangte die Abschaffung der Leibeigenschaft (in Preu\u00dfen ab 1807). Das Fortbestehen der Kommandogewalt der ostelbischen Junker \u00fcber die Bauern ist deshalb als letztes \u00dcberbleibsel ihrer untergehenden Macht zu sehen. Selbstredend waren die Junker f\u00fcr &#8222;ihre&#8220; Bauern die herrschende Klasse &#8211; das hei\u00dft aber nicht, dass sie es f\u00fcr die Gesellschaft waren. Sie produzierten f\u00fcr den kapitalistischen Markt.<br \/>\nIm Internet findest Du leicht den Vergleich des \u00f6konomischen Gewichts von Junkertum und industriellem Kapital, wie auch der Zahl der Besch\u00e4ftigten.<br \/>\nDie Bourgeoisie war 1849 unter die Fittiche des Adels gekrochen, weil sich das aufkommende Proletariat auf diese Weise gut niederhalten lie\u00df. Die inneren Gewichte dieses Klassenkompromisses haben sich durch die Industrialisierung extrem verschoben &#8211; \u00fcbrig blieb die Vorherrschaft des Adels in Verwaltung und Milit\u00e4r. Vielleicht k\u00f6nnen wir uns darauf einigen, dass die Bourgeoisie diese adlige Funktionselite benutzte, um in ihrem Sinne regieren zu lassen. Das w\u00fcrde hei\u00dfen, dass sie indirekt herrschte.<br \/>\nF\u00fcr v\u00f6llig falsch halte ich es nach wie vor, daraus abzuleiten, dass der Adel die herrschende Klasse gewesen sei, deren notwendigen Sturz die Linke nicht auf dem Schirm gehabt habe, und dass sie eine Art Volksfrontpolitik h\u00e4tte anwenden m\u00fcssen. Wie bereits gesagt, hat die russische Revolution bereits die Deiner Theorie zugrundeliegende Vorstellung der Etappenabfolge (erst b\u00fcrgerliche Herrschaft, dann sozialistische) als \u00fcberholt zu den Akten gelegt (Annahme, die zu Marx&#8216; Zeiten noch ihre Berechtigung hatte). Die Niederlage der Novemberrevolution liegt daran, dass die gro\u00dfe Masse des Proletariats ihr Heil von Reformen innerhalb des Kapitalismus erwartete, und das war Resultat der jahrzehntelangen reformistischen Praxis der Arbeiterbewegung.<br \/>\nDen Artikel in &#8222;Z&#8220; habe ich \u00fcbrigens als eine \u00e4u\u00dferst freundlich formulierte, aber vernichtende Kritik an Deiner Position gelesen.<br \/>\nIch habe den Eindruck, Du meinst, eine theoretische Entdeckung gemacht zu haben, und biegst Dir die Geschichte selektiv zum Beweis zurecht. Nat\u00fcrlich kannst Du dahinter nicht zur\u00fcck.<br \/>\nEine Fortsetzung dieser Debatte ist f\u00fcr mich unfruchtbar.<\/p>\n<p>Mit besten Gr\u00fc\u00dfen<br \/>\nKlaus Dallmer<\/p>\n<p>Ps: Die Volksfrontpolitik hat sp\u00e4testens im Spanischen B\u00fcrgerkrieg ihren konterrevolution\u00e4ren Charakter bewiesen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> August Bebel hat sogar geheime Verbindung zur britischen Regierung aufgenommen, um diese vor der deutschen Kolonialpolitik und Schlachtflottenr\u00fcstung zu warnen und zu Gegenma\u00dfnahmen aufzufordern! (siehe hierzu die Rezension in: <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1511\">https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1511<\/a>) Das war derselbe Bebel, der bis zu seinem Tod 1913 den Verteidigungskrieg gegen Russland propagierte und dem die SPD im August 1914 folgte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>5.8. bis 16.9.2025 Klaus Dallmer, 5.8.2025 Kommentar zum Artikel &#8222;Eine neue Weltordnung, eine j\u00e4mmerliche Bourgeoisie und die Selbstaufgabe der Linken&#8220; Tolle Bourgeoisie gesucht? 1. Karuscheit und Schr\u00f6der verallgemeinern den R\u00fcckzug der USA aus der Ukraine zu einer allgemeinen R\u00fcckzugsbewegung, weil die USA nicht mehr die St\u00e4rke h\u00e4tten, ihre Vormachtstellung aufrecht zu erhalten. 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