{"id":298,"date":"2016-09-12T20:42:51","date_gmt":"2016-09-12T18:42:51","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=298"},"modified":"2018-01-04T10:22:58","modified_gmt":"2018-01-04T09:22:58","slug":"der-oekonomische-niedergang-der-usa","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=298","title":{"rendered":"Der \u00f6konomische Niedergang der USA"},"content":{"rendered":"<h5>Von Dieter Pentek<\/h5>\n<div>\n<p>Im Zusammenhang mit der Begr\u00fcndung f\u00fcr den Krieg der USA gegen den Irak von 2003 wird in den AzD und dem Forum der &#8222;Kommunistischen Debatte&#8220; vor allem auf den angeblichen \u00f6konomischen Niedergang der USA hingewiesen. Dieser soll Ursache f\u00fcr die USA sein, ihre Vorherrschaft in der Welt durch die Eroberung der Erd\u00f6lquellen und damit des Energiequells der Welt sicherzustellen. (&#8222;Die Haupttriebkraft der Cheney-Bush-Politik ist in dem \u00f6konomisch-gesellschaftlichen Niedergang der USA zu suchen (&#8230;)&#8220;. So Heiner Karuscheit in den AzD 72, S.\u00a04. Weitere Verweise zu bringen, w\u00fcrde den Umfang dieses Textes sprengen.) Im Folgenden werden die der Einsch\u00e4tzung vom \u00f6konomischen Niedergang der USA zu Grunde liegenden Angaben kurz \u00fcberpr\u00fcft.<\/p>\n<h2>Die Produktivit\u00e4t<\/h2>\n<p>In den AzD 72 sowie in der &#8222;Kommunistischen Debatte&#8220; hat sich Martin Schlegel der Entwicklung der USA zugewandt und diese unter drei Gesichtspunkten untersucht. Hier wird seinem Aufbau gefolgt.<\/p>\n<p>Bei der Untersuchung des Produktivit\u00e4tswachstums zwischen 1995 und 2000 kommt Schlegel zu folgendem Res\u00fcmee: &#8222;Sie (die amerikanischen Produktivit\u00e4tsraten) liegen von 1995 bis 2000 nicht so deutlich \u00fcber dem Rest der OECD, dass ein qualitativer Unterschied erkennbar w\u00e4re&#8220;. Also die Tatsache, dass die amerikanischen Produktivit\u00e4tsraten nicht deutlich \u00fcber dem Rest der OECD lagen, beweist, dass die amerikanische Produktivit\u00e4t hinter dem Rest der Welt zur\u00fcckbleibt. Ist nicht vielmehr die von Schlegel ja selbst bemerkte Gegebenheit der gr\u00f6\u00dferen amerikanischen Produktivit\u00e4tsraten Ausdruck f\u00fcr die \u00f6konomische Wettbewerbsf\u00e4higkeit der USA? Hier wird, man muss schon sagen reichlich unverfroren, eine Tatsache, die man selbst herausgefunden hat und trotz langatmigster Erkl\u00e4rungen und Beschw\u00f6rung von Statistikverf\u00e4lschungen nicht wegdiskutieren kann, einfach zur Begr\u00fcndung f\u00fcr die Behauptung des Gegenteils benutzt.<\/p>\n<h2>Die Arbeitslosenquote<\/h2>\n<p>&#8222;Die amerikanische Arbeitslosenstatistik ist nicht sehr verl\u00e4sslich und verliert bei Ber\u00fccksichtigung der Haftrate einiges von ihrem Glanz.&#8220; So Schlegel. Die Arbeitslosenquote in den USA ist bedeutend geringer als in Deutschland und kaum gr\u00f6\u00dfer als in Japan. So kommt Schlegel auf den Gedanken, die Zahl der H\u00e4ftlinge in den USA den Arbeitslosen zuzurechnen und kommt damit auf h\u00f6here Werte \u2013 und auch dann kommt er nur auf den gleichen Prozentsatz wie in Deutschland. Ausgehend von dem eher humoristischen Ansatz, H\u00e4ftlinge den Arbeitslosen zuzurechnen, k\u00f6nnte man f\u00fcr die deutsche Arbeitslosenstatistik folgende Aussage treffen: &#8222;Die deutsche Arbeitslosenstatistik ist nicht sehr verl\u00e4sslich und wird unter Ber\u00fccksichtigung von Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahmen, vom Arbeitsamt finanzierten Umschulungen und der in Deutschland bestehenden Wehr- und Zivildienstpflicht noch mieser.&#8220;<\/p>\n<h2>Die Finanzlage der USA<\/h2>\n<p>Hier besorgt sich Schlegel zum Einen \u00fcber die sinkende Sparquote der privaten Haushalte in den USA. Bei unserem eurozentrischen Weltbild sollte aber nicht \u00fcbersehen werden, das die US-Amerikaner nicht durch F\u00fcrsten und sonstige Grundherren zum Abliefern ihrer Spargroschen in Sparkassen und dergleichen erzogen wurden, sondern die Sparquote in den USA schon immer bedeutend niedriger war als in Europa. Sie sind trotzdem \u00f6konomisch vorherrschende Macht geworden. Und wie er sp\u00e4ter ja auch feststellt: die US-Amerikaner sparen halt riskanter \u2013 indem sie ihr Geld in Aktien anlegen.<\/p>\n<p>Auch der Anstieg der Verschuldung der amerikanischen Haushalte gibt Schlegel zudenken. Nach seinen eigenen Angaben ist der Anstieg der Verschuldung in Deutschland aber wesentlich h\u00f6her als in den USA: von 44\u00a0% auf 69\u00a0%, also um \u00fcber 50\u00a0%, in den USA aber nur von 76\u00a0% auf 90\u00a0%, also um weniger als 20\u00a0%. Welche Wirtschaft sollte dann gem\u00e4\u00df Schlegelscher Definition im Abschwung sein?<\/p>\n<p>Dann die Verschuldung der \u00f6ffentlichen Haushalte! 6 Billionen US-Dollar ist die Schuldenlast der gesamten \u00f6ffentlichen Haushalte in den USA, das sind mehr als 20.000 Dollar pro US-B\u00fcrger. Die FTD vom 2. Mai 2003 gibt an Staatsschulden der USA 6365,38 Mrd.\u00a0Euro an, was bei 288,6 Mio. Einwohnern 22.056\u00a0Euro pro Einwohner ausmacht. Die Werte f\u00fcr Deutschland: 1263,22 Mrd.\u00a0Euro Schulden, 83,3 Mio. Einwohner, 15.164\u00a0Euro pro Einwohner. Die Euro-Zone: 4627,83 Mrd.\u00a0Euro, 303,9 Mio. Einwohner, 15.228\u00a0Euro pro Einwohner. Japan: 6007,32 Mrd.\u00a0Euro, 127,3 Mio. Einwohner, 47.190\u00a0Euro pro Einwohner. Japans Verschuldung \u00fcbertrifft die der USA um das Doppelte pro Einwohner, wogegen die Verschuldung Deutschlands und der Euro-Zone immer noch etwa 65\u00a0% derjenigen der USA ausmacht. Hieraus k\u00f6nnte man ein Indiz f\u00fcr den \u00f6konomischen Niedergang der USA konstruieren.<\/p>\n<p>Verlassen wir nun Martin Schlegel, der au\u00dfer dem st\u00e4ndigen Vorwurf von gesch\u00f6nten Bilanzen, auf welche die anderen Nationen, dumm wie sie sind, hereinfallen, und verschiedensten Mutma\u00dfungen \u00fcber den Verlauf der Zukunft nur die hohe Pro-Kopf-Verschuldung der USA als Beweis f\u00fcr die Katastrophentheorie anf\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Alfred Schr\u00f6der f\u00fchrt in den AzD 72, S\u00a08, &#8222;amerikanisches Au\u00dfenhandelsdefizit&#8220; und &#8222;US-Staatsverschuldung in astronomischer H\u00f6he&#8220; als Anzeichen f\u00fcr den &#8222;un\u00fcbersehbaren Niedergang der USA&#8220; an.<\/p>\n<p>Das Au\u00dfenhandelsdefizit der USA ist keine Erscheinung der letzten zehn Jahre. Meines Wissens nach existiert dies seit mindestens 1980 fast durchgehend und wird von der b\u00fcrgerlichen \u00d6konomie auch gegenw\u00e4rtig nicht als Besorgnis erregend angesehen. So schreibt die KfW in einer Internet-Ver\u00f6ffentlichung, dass die &#8222;Verschuldungssituation noch komfortabel&#8220; sei, und da ein Gro\u00dfteil der Schulden auf Dollar lautet, k\u00f6nnen die USA sie in eigener W\u00e4hrung begleichen. Dar\u00fcber hinaus sollte bei jeder Bewertung ber\u00fccksichtigt werden, das die USA nur 10\u00a0% ihres BSP im Au\u00dfenhandel erwirtschaften. In Deutschland sind es 30\u00a0%.<\/p>\n<p>Die &#8222;astronomische H\u00f6he&#8220; der US-Staatsverschuldung relativiert sich sofort, wenn man sie in Relation zu ihrem Bruttosozialprodukt setzt. Sie macht n\u00e4mlich nur 57,6\u00a0% davon aus, wogegen die deutsche Staatsverschuldung bei 59,8\u00a0% liegt, die Euro-Zone auf 69,1\u00a0% und Japan gar auf 132\u00a0% kommt. Der Schuldenberg schrumpft schlagartig und wird gar zu einem kleinen Loch!<\/p>\n<h2>Das Bruttosozialprodukt<\/h2>\n<p>Erstaunlich ist, dass alle Katastrophentheoretiker beim Sammeln von Beweisen Angaben zum Bruttosozialprodukt geflissentlich umgehen. Dabei ist dies ja der eigentliche, summarische Ausweis f\u00fcr die Leistungsf\u00e4higkeit und Produktivit\u00e4t einer Volkswirtschaft. Der Wert der erzeugten G\u00fcter wird in diesem Wert ausgedr\u00fcckt. Setzt man ihn in Beziehung zur Erwerbsquote, so erh\u00e4lt man den Wert der erzeugten G\u00fcter pro Besch\u00e4ftigten. F\u00fcr die USA betr\u00e4gt dieser Wert 51.123,80\u00a0Euro pro Jahr, Deutschland 33.996,10\u00a0Euro, Euro-Zone 31.754,80\u00a0Euro, Japan 46.069,80\u00a0Euro. Setzt man bei den USA eine Jahresarbeitszeit von 1904 Stunden an, so produziert ein besch\u00e4ftigter US-Amerikaner pro Stunde einen Gegenwert von 26,85\u00a0Euro. Der deutsche Besch\u00e4ftigte produziert bei Ber\u00fccksichtigung der westdeutschen Jahresarbeitszeit von 1592 Stunden 21,35\u00a0Euro. Der US-Amerikaner produziert also pro Stunde immer noch 25\u00a0% mehr an Wert als sein deutscher Kollege.<\/p>\n<p>Kurz gesagt: der Niedergang der US-\u00d6konomie ist noch in weiter Ferne. Sie steht immer noch in voller Bl\u00fcte, zumindest in Relation zu den anderen kapitalistischen Staaten. Hier einen Kriegsgrund f\u00fcr die USA zu suchen, ist schlicht unm\u00f6glich. Das kann nur bei v\u00f6lliger Verkennung der Tatsachen oder der Betrachtung einzelner herausgepickter Kennziffern gelingen. Betrachtet man mehrere Kennziffern ohne bewusste Verdrehung von Tatsachen, muss man zu dem Schluss kommen, das hier einfach kein Kriegsgrund gefunden werden kann.<\/p>\n<h1>Nochmal zu Martin Schlegel<\/h1>\n<p>In den AzD 72, S.\u00a028, schreibt Schlegel: &#8222;Der Haushalts\u00fcberschuss der US-Regierung wurde f\u00fcr das Jahr 2001 auf 3,55 Billionen US-Dollar beziffert, wobei er au\u00dferhalb der Sozialversicherung vermutlich 0,84 Billionen Dollar betragen wird.&#8220; (Die New Economy der USA: Krisenfreier Kapitalismus? Quellenangabe: Sachverst\u00e4ndigengutachten 2001) Auf die Originalquelle habe ich keinen Zugriff, aber nach Martin Thunert, Wirtschaftsentwicklung und Wirtschaftspolitik in den USA unter der Clinton Administration, Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung &#8222;Das Parlament&#8220;, S.\u00a024: &#8222;Insgesamt bel\u00e4uft sich der Etat\u00fcberschuss der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts somit auf 4,19 Billionen US-Dollar.&#8220;<\/p>\n<p>Der Unterschied zwischen <i>einer Dekade<\/i> und <i>einem Haushaltsjahr<\/i> scheint mir doch so bedeutend, dass er nicht unerw\u00e4hnt bleiben sollte. Inwieweit der Fehler im Original der bei Schlegel angegebenen Quelle liegt, kann ich nicht beurteilen &#8211; siehe oben. Ob Schlegel dies in seinem Internetartikel berichtigt hat, kann ich auch nicht beurteilen \u2013 die Webseite ist \u2013 mal wieder \u2013 nicht erreichbar.<\/p>\n<p>Im Haushaltsjahr 2000 machte der \u00dcberschuss 211 Milliarden US-Dollar, also 0,211 Billionen Dollar aus. Im Juni 2000 hatte das Wei\u00dfe Haus einen Etat\u00fcberschuss von 1,47 Billionen Dollar f\u00fcr die n\u00e4chste Dekade prognostiziert, ausschlie\u00dflich 0,4 Billionen \u00dcberschuss aus der staatlichen Gesundheitsf\u00fcrsorge, sowie ausdr\u00fccklich, wieder nach Thunert: &#8222;Nicht enthalten sind in dieser Berechnung die \u00dcbersch\u00fcsse des Sozialversicherungstrustfonds, somit der staatlichen Rentenversicherung. Diese belaufen sich auf 2,3 Billionen US-Dollar f\u00fcr die n\u00e4chste Dekade.&#8220;<\/p>\n<p>Die Diskrepanz zwischen Schlegel, n\u00e4mlich 2,71 Billionen US-Dollar \u00dcberschuss aus den Sozialversicherung im Jahre 2001, und Thunert, n\u00e4mlich 2,7 Billionen US-Dollar \u00dcberschuss aus der Sozialversicherung in der ersten Dekade, ist angesichts der \u00dcbereinstimmung der Zahlen in der falschen Angabe des betreffenden Zeitraumes zu finden.<\/p>\n<p>Wie schon die AzD-Artikel von einem gewissen Kolja Wagner zum Faschismus zeigt auch Martin Schlegel, dass der Umgang mit Zitaten nicht zu den St\u00e4rken der AzD-Autoren geh\u00f6rt. Selbst wenn der Fehler im Original so vorhanden sein sollte, m\u00fcsste angesichts der Tatsache, dass der US-Staatshaushalt 2000 insgesamt nur knapp 2 Billionen US-Dollar insgesamt ausmacht, ein \u00dcberschuss von ca. 200\u00a0% dem Autor eigentlich zu denken gegeben haben. Doch wie gesagt: Zitieren scheint nicht die St\u00e4rke der AzD-Autoren zu sein.<\/p>\n<\/div>\n<div align=\"right\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"> Letzte \u00c4nderung: 21.03.2016 <\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Dieter Pentek Im Zusammenhang mit der Begr\u00fcndung f\u00fcr den Krieg der USA gegen den Irak von 2003 wird in den AzD und dem Forum der &#8222;Kommunistischen Debatte&#8220; vor allem auf den angeblichen \u00f6konomischen Niedergang der USA hingewiesen. Dieser soll Ursache f\u00fcr die USA sein, ihre Vorherrschaft in der Welt durch die Eroberung der Erd\u00f6lquellen &hellip; <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=298\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Der \u00f6konomische Niedergang der USA<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-298","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/298","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=298"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/298\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":842,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/298\/revisions\/842"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=298"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}