{"id":2880,"date":"2025-06-24T14:39:45","date_gmt":"2025-06-24T12:39:45","guid":{"rendered":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2880"},"modified":"2025-07-08T14:46:10","modified_gmt":"2025-07-08T12:46:10","slug":"historischer-imperialismus-und-andere-fragen-eine-spurensuche","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2880","title":{"rendered":"Historischer Imperialismus und andere Fragen \u2013 eine Spurensuche"},"content":{"rendered":"<p>Fritz G\u00f6tt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In verschiedenen Ausgaben der AzD findet sich eine intensiv gef\u00fchrte und kontrovers ausgetragene Diskussion zur \u201emodernen (\u00f6konomischen) Imperialismus-Theorie\u201c (z.B. zur Leninschen). Einer der Diskutanten, Alfred Schr\u00f6der, hat dabei zugleich und ganz nebenbei auch einen Ausflug in die Antike unternommen. Er schrieb: \u201eImperialismus ist aber keine Erfindung des 19. oder 20.\u00a0Jahrhunderts, ebenso wenig wie imperialistische Kriege eine Erfindung dieser Zeit sind. Imperialismus hat es zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte seit der Staatenbildung gegeben und damit ebensolche Kriege. Man h\u00f6re dazu Lenin: \u201eEin Beispiel: England und Frankreich haben im Siebenj\u00e4hrigen Krieg um Kolonien gek\u00e4mpft, d. h. einen imperialistischen Krieg gef\u00fchrt (der ebenso auf Basis der Sklaverei und der Basis des primitiven Kapitalismus wie auf der Basis des hochentwickelten Kapitalismus m\u00f6glich ist). Daraus ist ersichtlich, wie sinnlos es w\u00e4re, den Begriff Imperialismus schablonenhaft anzuwenden.\u201c \/ Hinter all diesen Kriegen stecken Rivalit\u00e4ten zwischen Staaten um Einflu\u00dfsph\u00e4ren, politische und milit\u00e4rische Macht, \u00f6konomische Interessen und territoriale Anspr\u00fcche. Und in den jeweiligen Staaten gab es unterschiedliche soziale Kr\u00e4fte (St\u00e4nde\/Klassen) und durch sie gebildete politische Gruppierungen, die die jeweiligen Kriege herbeif\u00fchrten oder kritisierten. Die Untersuchung dieser Ereignisse ist das Thema der Geschichtsschreibung, vorz\u00fcglich als Geschichte von Klassenk\u00e4mpfen. \/ Der Ukrainekrieg l\u00e4sst sich mit imperialistischer Politik, wie wir sie seit wenigsten(s) zweitausend Jahren kennen, ganz ohne eine \u00f6konomische Imperialismustheorie erkl\u00e4ren. \u2026\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Passage hat mich zu verschiedenen Fragestellungen gef\u00fchrt, die ich im Folgenden anrei\u00dfen m\u00f6chte:<\/p>\n<ol>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ol style=\"text-align: justify;\">\n<li>Seit wann gibt es Kriege? Sind sie genetisch im Menschen angelegt?<\/li>\n<li>Sind imperialistische Kriege an die Existenz des Staates gebunden?<\/li>\n<li>Sind Kriege von Staaten immer imperialistisch?<\/li>\n<li>Wie sehen imperialistische Kriege im Altertum aus? (Beispiel Assyrien)<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>1. Seit wann gibt es Kriege?<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kriege in der Gegenwart<\/strong> sind im aktuellen Bewusstsein wieder allgegenw\u00e4rtig. Kein Wunder, dass die \u00f6ffentliche Diskussion hochkocht, ob der Krieg ein st\u00e4ndiger Begleiter der Gattung Mensch sei, ja, ob das Kriegerische in der menschlichen Natur seit Anbeginn und f\u00fcr immer verwurzelt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine erst j\u00fcngst ver\u00f6ffentlichte \u201eevolution\u00e4re und arch\u00e4ologische Bestandsaufnahme\u201c der Gruppe um Harald Meller et. al. zum Thema \u201eDie Evolution der Gewalt\u201c (2024) hat erneut aufgezeigt, dass dem nicht so ist.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Moderne Kriege sind, so die Autoren, kein Schicksal, sie werden gemacht. Man kann sie gegebenenfalls verhindern. Soldat sein ist erlernt, es gibt kein Krieger-Gen. Kriege sind barbarisch, dem Menschsein abtr\u00e4glich. Die Botschaft der Autoren ist klar. &#8211; Es gab und gibt dazu auch aktuelle Gegenpositionen im b\u00fcrgerlichen Lager.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Sie sind jedoch nicht \u00fcberzeugend, m\u00f6gen sie auch dem politischen Zeitgeist entspringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was sind Kriege<\/strong>, wie sollte man sie umschreiben? Etwa so: Kriege sind organisierte, bewaffnet ausgetragene, kollektive Gewaltanwendungen, dabei zumeist ideologisch unterf\u00fctterte und verherrlichte Auseinandersetzungen zwischen sozialen Gruppen oder Staaten. Der Krieg als institutionelles Unterwerfen oder T\u00f6ten unterscheidet sich damit deutlich von einer privaten, zwischenmenschlichen Fehde oder einem individuellen, zumeist spontanen Gewaltausbruch. &#8211;\u00a0 \u00dcber die Zielsetzung von Kriegen und ihre Tr\u00e4ger sagt diese \u201aDefinition\u2018 nat\u00fcrlich nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Folgt man der arch\u00e4ologisch gest\u00fctzten Dokumentation von Meller et. al., so kann <strong>von eigentlichen Kriegen<\/strong> im obigen Sinne <strong>erst seit der Jungsteinzeit<\/strong> <strong>und dem Neolithikum<\/strong> gesprochen werden. Nat\u00fcrlich finden sich auch in der Altsteinzeit einzelne, zumeist individuelle Gewaltakte, jedoch keine Kriege. Mit dem \u00dcbergang des Menschen zur sesshaften und produktiven Lebensweise in vielen Teilen der Welt nehmen die territorialen Konflikte, Spannungen und Eigentumskonflikte unter den Menschen jedoch signifikant zu und erreichen im Krieg eine neue Qualit\u00e4t, was im Konkreten an den entsprechenden \u00d6rtlichkeiten und historischen Zeitumst\u00e4nden zu analysieren w\u00e4re. Das ist aber hier in seiner F\u00fclle \u00fcberhaupt nicht zu leisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Genosse Schr\u00f6der koppelt nun alte <em>imperialistische Kriege<\/em> an die historische Existenz des Staates. Was uns erst einmal zur Frage veranlasst: Seit wann und wo gibt es den Staat?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>2. Der Staat erscheint auf der Bildfl\u00e4che<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage, was Entstehung und Wesen des Staates ausmacht, treibt Marxisten seit langem um. Die Literatur dazu ist viel zu umfangreich, manchmal auch widerspr\u00fcchlich, um sie hier zu referieren. Ich beschr\u00e4nke mich daher auf einige f\u00fcr unsere Fragestellung sinnige Anmerkungen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach marxistischem Verst\u00e4ndnis kann ein Staat nach dem Verfall der egalit\u00e4ren Urgesellschaft(en) entstehen. Daf\u00fcr m\u00fcssen aber die naturhistorischen, \u00f6konomischen, sozialen und geschichtlichen Voraussetzungen stimmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Geschichte zeigt, dass der Staat als besonderer Apparat der Zwangsanwendung gegen Menschen erst dort und dann entstand, wo und wann die Teilung der Gesellschaft in Klassen in Erscheinung trat \u2013 also eine Teilung in Gruppen von Menschen, von denen die einen sich st\u00e4ndig die Arbeit der anderen aneignen k\u00f6nnen, wo der eine den anderen ausbeutet.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Wer diese klassische Umschreibung von Lenin \u00fcbernimmt, sollte aber im Hinterkopf haben, dass der Staat nicht auf einen Schlag ins Rampenlicht der Geschichte tritt. Er w\u00e4chst aus der Gesellschaft (mehr oder weniger friedlich oder im Konsens der Gemeinschaft) hervor, um sich dann im obigen Sinne zu wandeln. Also betrachten wir dabei einen Prozess, der je nach Ausgangslage lange dauern kann und dessen Entwicklungsgeschichte keineswegs gewaltt\u00e4tig verlaufen muss (es sei denn, ein Eroberer implantiert den Staat gleich von au\u00dfen)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwann sind der Gewaltapparat und der Klassenstaat in vielen Teilen der Welt aber da, was jeweils konkret zu untersuchen und zu deuten w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seiner Schrift \u201eDer Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates\u201c (1884) hat F. Engels bereits auf drei verschiedene Typen der Staatsentstehung hingewiesen, hier also in Athen, Rom und bei den Deutschen. Das wird uns im Folgenden aber nicht besch\u00e4ftigen. &#8211; Es gibt einfach viele Variationen der Entstehung des Staates, und wie gesagt, in Raum und Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den viel \u00e4lteren Zivilisationen: in Alt-Vorderasien, in Alt-\u00c4gypten, am Indus usw. sowie der darin auftretenden Staatenbildung und ihren Kriegen hat sich der Autor Engels in seinen Arbeiten kaum oder nur sehr allgemein ge\u00e4u\u00dfert. Das kann nicht verwundern, da die damalige Arch\u00e4ologie und die wissenschaftliche Orientalistik der Zeit einfach noch in den Kinderschuhen steckten. Manche alte Zivilisationen, wie die am Indus waren auch noch gar nicht (wieder) entdeckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute wissen wir zum historischen Fragen- und Wissenskomplex Alt-Vorderasien und seinen Kulturen zwar mehr, aber l\u00e4ngst nicht genug. Das liegt einerseits an den vielen aktuellen Kriegen im Nahen Osten und Umgebung, andererseits am Zustand und an den Bedingungen der heutigen Alt-Orientalistik. \u2013 Zudem stehen viele Ausgrabungen vor Ort gegenw\u00e4rtig still.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch gibt das vorhandene Material zu Alt-Vorderasien Anschauungsstoff in <em>einigen <\/em>Fragen nach Krieg und Frieden. Darauf beziehe ich mich im Weiteren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>3. Ein Problem in der Frage: Ist jeder Krieg<br \/>\nder Stadtstaaten im Alten Orient ein imperialistischer?<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Beginn dieses Abschnittes einige allgemeine Schlaglichter:<br \/>\n* Nach heutigem Wissensstand <em>begann<\/em> der \u00dcbertritt des Menschen von der sammelnden, aneignenden Lebensweise, d.h. die vom Sammler und J\u00e4ger zur produzierenden, d.h. zum Bodenbauer und Viehz\u00fcchter vor etwa zw\u00f6lftausend Jahren im \u201efruchtbaren Halbmond\u201c. Wir betrachten hier eine riesige Fl\u00e4che: \u201eDie altweltlichen Urspr\u00fcnge des Neolithikums lassen sich in Vorderasien im Gebiet des sog. Fruchtbaren Halbmondes verorten, jener durch ausreichende Niederschl\u00e4ge versorgten Gunstregion, die sich vom Iran, Obermesopotamien und Anatolien im Norden bis \u00fcber die Levante im Westen erstreckt.\u201c \u2013 Ein fr\u00fcherer Einstieg des Menschen als Bauer ist hier durchaus denkbar und wird in der Wissenschaft diskutiert.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> &#8211; Der Landbau wird auch nicht von heute auf morgen in der ganzen Fl\u00e4che gleichzeitig entstanden sein.<br \/>\n* Erste Gro\u00dfsiedlungen bzw. St\u00e4dte wie Uruk erscheinen im 5. Jtsd. v. u. Zeitrechnung im S\u00fcden Mesopotamiens, der Norden folgt leicht verz\u00f6gert nach. \u2013 Die Stadt und der Stadtstaat sind nicht unbedingt identisch, k\u00f6nnen aber ineinander \u00fcbergehen.<br \/>\n* Der \u201areife\u2018 Staat hingegen taucht in Mesopotamien erst um das 4.\/3. Jtsd. v.u.Zt. auf, die Keilschrift um ca. 3300 v. u. Zt.<br \/>\nWir haben nun in ganz Mesopotamien D\u00f6rfer, Gro\u00dfsiedlungen, Stadtstaaten, Regionalstaaten. Doch daraus sollte niemand eine kontinuierliche Reihenfolge ableiten, auch wenn auff\u00e4llt, dass die komplexeren Strukturen im Land zunahmen. &#8211; Alles konnte im Einzelnen auch nebeneinander, ja auch im R\u00fcckw\u00e4rtsgang der Formen und ihrer Bedeutung existieren. &#8211; Jeder Zuzug oder Abgang von Menschen, das Einbrechen neuer Invasoren z.B. aus den Bergv\u00f6lkern, jeder Krieg im Lande ver\u00e4nderte Handelswege. Ver\u00e4nderte Wasserl\u00e4ufe, Klimaver\u00e4nderungen usw. mischten die Karten im Verlauf (von Jahrtausenden) politisch, sozial, institutionell, klassenm\u00e4\u00dfig immer wieder neu auf. Der alte Orient war in st\u00e4ndiger Ver\u00e4nderung begriffen; ein Umstand, der auch die Geschichtsdarstellung erschwert und hier als Ganzes gar nicht erst versucht wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die von mir oben verwendeten Daten stehen nat\u00fcrlich unter dem Vorbehalt, dass nicht neue arch\u00e4ologische Funde zu einer Modifizierung auffordern. Wer sich in die wissenschaftliche Literatur zum Alten Orient (in ihrer historischen Abfolge) einliest, st\u00f6\u00dft st\u00e4ndig auf entsprechende Korrekturen. Das sollte nicht Anlass f\u00fcr falsche Kontroversen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kriege<\/strong> <strong>zwischen<\/strong> den fr\u00fchen St\u00e4dten, Stadtstaaten und\/oder Territorialreichen Alt-Vorderasiens fanden h\u00e4ufig statt. Doch waren sie auch <strong>immer imperialistisch?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um diese Problemstellung in der Fr\u00fchzeit Babyloniens aufzuzeigen, muss man u.a. einen Blick auf S\u00fcd-Mesopotamien im Altertum werfen, jene Gebiete zwischen den Fl\u00fcssen Euphrat und Tigris sowie angrenzende Fl\u00e4chen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Landwirtschaft, die Haupterwerbsquelle der Menschen hier (neben Viehzucht, Fischfang, und dem Handel mit selbstproduzierten Fertigwaren) war nur m\u00f6glich durch eine k\u00fcnstliche Be- und Entw\u00e4sserung des Bodens. Diese Bew\u00e4sserungslandwirtschaft in eher regenarmen Gefilden unterschied S\u00fcd-Mesopotamien vom Norden, wo weitgehend Regenfeldanbau m\u00f6glich war. Geologisch gesehen gab es das Manko, dass Rohstoffe extrem rar waren. Das erzwang ihren Import durch Handel oder Raub. Die Landwirtschaft war hingegen durch die Gunst der Natur (die wasserf\u00fchrenden Fl\u00fcsse, die angezapft werden konnten) und die Kooperation\/Innovation seiner Menschen hoch produktiv und bildete die Grundlage jener vielen verschiedenen Hochkulturen, die hier entstanden sind. Bedroht war man jedoch st\u00e4ndig durch die m\u00e4andernden Flussverl\u00e4ufe\/Zufl\u00fcsse, versalzende B\u00f6den, ver\u00e4nderte Grundwasserbedingungen, Klimaver\u00e4nderungen, die sich auch in den Wasserst\u00e4nden von Euphrat, Tigris und ihren Deltas wiederfanden usw. Das alles erforderte kollektive Ma\u00dfnahmen. Einerseits waren die Lebensgemeinschaften gezwungen, sich immer st\u00e4rker in D\u00f6rfern, Gro\u00dfsiedlungen, ja St\u00e4dten (mit einem Ring aus d\u00f6rflichen Ansiedlungen) zusammenzuschlie\u00dfen. Dabei mussten neue Formen der Vergemeinschaftung und der Arbeitsteilung eingegangen werden, bis hin zum Staat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andererseits nahmen die Konflikte und gewaltsamen Auseinandersetzungen mit den entfernten Nachbarn zu, die sich ja ebenfalls im Stadium des Zusammenschlusses befanden, und die nicht bereit waren, ihre Errungenschaften, die Ortsgebundenheit und die Eigenst\u00e4ndigkeit einfach aufzugeben. Milit\u00e4rische Anf\u00fchrer auf allen Seiten traten hervor, die aktiv wurden und sp\u00e4ter <em>eine<\/em> der Quellen f\u00fcr das Entstehen einer herrschenden Elite\/Klasse in den jeweiligen Strukturen bildeten usw. &#8211; Noch wurde der Streit, der Krieg um Wasser, Land, freie Handelswege, Kriegsgefangene\/Sklaven, im Namen und zu Nutzen der <em>ganzen<\/em> jeweils \u00f6rtlichen\/regionalen Gemeinschaft &#8211; gegen die Anderen &#8211; gef\u00fchrt. Das \u00e4nderte sich sp\u00e4ter dann mit den privaten Kommandounternehmen neuer F\u00fchrer mit Gefolgschaft oder mit dem staatlichen Herrschaftsanspruch der jeweiligen Herrscherclique, nunmehr im Interesse f\u00fcr sich selber. \u2013 Insgesamt lag die Ausdehnung von annektierten Fl\u00e4chen und die Einverleibung von Menschen im Krieg und danach nicht im Widerspruch zur Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte; sie waren sogar notwendig und unter den gegebenen Umst\u00e4nden unvermeidlich. Die Bew\u00e4sserungswirtschaft und die agrarische Produktion &#8211; auf gegebenem Territorium und Niveau &#8211; erforderten es hier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ich mit meinem Text nur sehr verk\u00fcrzt andeuten konnte, ist nat\u00fcrlich viel zeitgestreckter, komplexer, zuweilen auch hypothetischer und dabei doch besser in der Fachliteratur beschrieben und gedeutet, auf die ich jetzt verweise.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr mich stellt sich nun die Frage: sind die Kriege und milit\u00e4rischen Konflikte, die in den Anf\u00e4ngen der Hoch-Zivilisation(en), in den jeweiligen Gro\u00dfsiedlungen und Stadt-Staaten des Alten-Orients stattgefunden haben, nun einfach und immer unter den Begriff imperialistisch zu subsumieren oder gegebenenfalls besser auch anders zu titulieren. Ich neige dazu, stelle das aber zur Disposition. So oder so wird man das Problem im Einzelnen und in seiner zeitlichen und \u00f6rtlichen Gebundenheit zu untersuchen haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>4. Imperialistische Kriege im Altertum:<br \/>\nThesen &#8211; Fragen &#8211; Mutma\u00dfungen<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Imperien<\/strong> mit ihren (Raub- und Hegemonial-) Kriegen gab es nat\u00fcrlich sowohl im \u201eAlten Orient\u201c wie in der \u201eAntike\u201c Europas. Dazu <strong>einige Beispiele<\/strong>:<br \/>\n* Wer sich f\u00fcr die Fr\u00fchzeit altorientalischer Kulturen interessiert, zeigt da z.B. auf das imperiale Territorial-Reich von Akkad (ca. 2340 &#8211; 2200 v. u. Zt.) oder auch auf die III. Dynastie von Ur (ca. 2112 &#8211; 2004 v. u. Zt.), usw.<br \/>\n* Bibelfeste Leser werden sich an Gro\u00dfreiche wie das der Assyrer, \u00c4gyptens, Babylons oder der Neu- Hethiter erinnern.<br \/>\n* Wer Lenins Schrift \u201eDer Imperialismus als h\u00f6chstes Stadium des Kapitalismus\u201c (von 1917) gelesen hat, kennt dessen Meinung: \u201eKolonialpolitik und Imperialismus hat es auch vor dem j\u00fcngsten Stadium des Kapitalismus und sogar vor dem Kapitalismus gegeben. Das auf Sklaverei beruhende Rom trieb Kolonialpolitik und war imperialistisch. Aber \u201aallgemeine\u2018 Betrachtungen \u00fcber den Imperialismus, die den radikalen Unterschied zwischen den \u00f6konomischen Gesellschaftsformationen vergessen oder in den Hintergrund schieben, arten unvermeidlich in leere Banalit\u00e4ten oder Flunkereien aus, wie etwa der Vergleich des \u201agr\u00f6\u00dferen Rom mit dem gr\u00f6\u00dferen Britannien\u2018\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Imperialistische Kriege im Altertum<\/strong> wurden hauptseitig oder zur G\u00e4nze im <em>politischen und \u00f6konomischen<\/em> Interesse der jeweiligen herrschenden Klasse gef\u00fchrt, die ja auch im Besitz des Staates war und sich seiner bediente. Da aber nicht jeder Stadt- oder Territorial-Staat gleich und immerfort zur Waffe griff, wird man wohl auch zus\u00e4tzliche Informationen in die Betrachtung milit\u00e4rischer Gewalt einzubeziehen haben, so die nach der historischen Situation, dem Wollen und den tats\u00e4chlichen M\u00f6glichkeiten dieser gesellschaftlichen Einheiten in den Konflikten usw.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bleibt eine weitere Frage, <strong>wann<\/strong> n\u00e4mlich ein solcher Typus, jener der imperialistischen Politik und des imperialistischen Krieges in der \u201eAlten Geschichte\u201c <strong>jeweils konkret<\/strong> auftauchte?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeitangaben des Gen. Schr\u00f6der sind da recht unbestimmt, so wenn er wie oben zitiert schreibt: \u201emit imperialistischer Politik, wie wir sie seit wenigstens zweitausend Jahren kennen\u201c. Rechnet man zur\u00fcck, so landet man bei dieser Formulierung in der Zeitmarke 0 unserer europ\u00e4ischen Zeitrechnung (Plus &#8211; Minus). Ich unterstelle mal, der Autor hat da das Imperium Romanum, das r\u00f6mische Kaiserreich im Hinterkopf. Nur, auch das vorangegangene Republikanische Rom betrieb bereits imperiale Politik und schwang das Kriegsbeil. So in drei Kriegen mit Karthago (264-241\/ 218-201\/ 149-146\/ v. u. Zt.). Wobei Lenin zu Recht anmerkte \u201eder Krieg zwischen Rom und Karthago war auf beiden Seiten ein imperialistischer Krieg\u201c.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Der 3. Punische Krieg war zudem auf Seiten Roms ein reiner Vernichtungskrieg zur Ausl\u00f6schung Karthagos. &#8211; Kurz, der von A. Schr\u00f6der gesetzte Zeitrahmen f\u00fcr imperialistische Politik\/Waffeng\u00e4nge ist angesichts der Realgeschichte viel zu kurz gesetzt und m\u00fcsste deutlich erweitert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir wissen \u00fcber den Waffengebrauch <strong>im Alten Orient<\/strong> einiges, \u00fcber den Frieden bzw. <strong>den Friedensschluss<\/strong> vor Ort\u2018 zwischen potenten Kontrahenten jedoch weniger. <strong>Ein <\/strong>eher untypischer<strong> Abschluss<\/strong> ist jedoch ausf\u00fchrlich schriftlich\/bildlich und in der Praxis dokumentiert: Der <strong>zwischen<\/strong> den Gro\u00dfreichen <strong>Alt-\u00c4gypten <\/strong>(unter Ramses II.) <strong>und Hatti<\/strong> (den Alt-Hethitern aus Zentralanatolien, die ca. vom 17. Jh. &#8211; 1205 v. u. Zt. existierten). \u2013 Man hatte sich bereits Jahrzehntelang politisch und milit\u00e4risch \u00fcber die Einflussnahme und Vorherrschaft in Syrien und Pal\u00e4stina gestritten, doch dann eskalierte der Streit in einer gro\u00dfen Schlacht bei Kadesch am Orontes 1275 v. u. Zt. Trotz Siegesfanfaren auf beiden Seiten geht die Milit\u00e4rgeschichte heute von einem Patt der Kr\u00e4fte und Ereignisse aus. Dem Schweigen der Waffen folgte viele Jahre sp\u00e4ter ein formaler Friedensvertrag (1259 v. u. Zt.): Titular \u201eVertrag des Friedens und sch\u00f6ner Bruderschaft auf ewig\u201c. Diesem Staatsvertrag, der auch den Status quo besiegelte, lagen mit Sicherheit politische \u00dcberlegungen beider Seiten zu Grunde, nicht nur ein Nachdenken \u00fcber Risiken und Kosten eines neuen milit\u00e4rischen Abenteuers. &#8211; Die Zeiten waren einfach anders.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dahinter stand eine Machtverschiebung im Orient. Die Hethiter hatten n\u00e4mlich das Gro\u00df-Reich Mitanni zerst\u00f6rt. Dadurch, sozusagen im Nebeneffekt, wurden die Assyrer mit ihrer alten Hauptstadt Assur am Tigris von der Fremdherrschaft Mitannis befreit, um nun aus eigener Kraft zu erneuter Gr\u00f6\u00dfe aufzusteigen (\/das Mittlere-Assyrische Reich, ca. 1353 -1076 v. u. Zt.\/). Ihre Expansion richtete sich dann sowohl gegen Babylon als auch ausgreifend gegen die Herrschaftsgebiete der Hethiter. Das d\u00fcrfte bei den Hethitern den Gedanken forciert haben, sich mit \u00c4gypten auszus\u00f6hnen. Auch die \u00c4gypter werden diese Entwicklung Assyriens mit Argusaugen verfolgt haben, standen doch langfristig ihre eigenen Interessen in Syrien und Pal\u00e4stina auf dem Spiel. So war es in ihrem Interesse, nun ihrerseits mit den Hethitern zu kooperieren. Das Geheimnis dieses Vertrages ist keines: Man versicherte sich der R\u00fcckendeckung und der Unterst\u00fctzung gegen einen Dritten. &#8211; Zudem hatten <em>beide<\/em> Seiten ja auch noch andere Projekte und Probleme zu bew\u00e4ltigen: Die st\u00e4ndige Konsolidierung des eigenen Herrschaftsbereiches \u00fcber das eigene Stammgebiet hinaus, Raubz\u00fcge \u00c4gyptens gegen Nubien, Zur\u00fcckdr\u00e4ngung der Libyer von der eigenen \u00e4gyptischen \u201eFlussoase Nil\u201c, Hattis Abwehr gegen die Kask\u00e4er vor der eigenen Haust\u00fcr usw., alles Projekte, bei denen man nicht in die Gefahr eines Mehrfrontenkrieges geraten wollte. &#8211; Da half man sich doch gerne auch in Notsituationen, z.B., als bei Hatti eine Hungersnot ausbrach und \u00c4gypten mit Kornlieferungen aushalf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Friedensschluss und Beistandspakt zwischen \u00c4gypten und Hatti hielt \u00fcber Generationen hinweg, gut 60 Jahre &#8211; bis zum Verschwinden der Alt-Hethiter aus der Geschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Imperiale Kriege<\/strong> waren f\u00fcr eine so entwickelte Zivilisation wie <strong>das Neu-Assyrische-Reich<\/strong> (\/ca. 883 \u2013 609 v. u. Zt.\/) essenziell. Unter heutigen Geschichtsschreibern gilt dieses Gebilde als \u201eMilit\u00e4rstaat par excellence\u201c. Warum aber dieser st\u00e4ndige Expansionsdrang? Man k\u00f6nnte es sich f\u00fcr eine Antwort nun einfach machen und erkl\u00e4ren: Diese Kriege lieferten das Beute- und Luxusmaterial f\u00fcr die hier jeweils hausende herrschende Klasse und gaben auch das Gut f\u00fcr seine Gefolgschaft; das Heer schuf den gro\u00dfen Raum f\u00fcr das Reich und seine hegemonialen Anspr\u00fcche, erm\u00f6glichte die Ausbeutung fremder V\u00f6lker und einverleibter Gebiete, beseitigte alle Schranken f\u00fcr den \u00fcberregionalen Handel usw. &#8211; Tats\u00e4chlich beherrschte dieses Assyrien auf seinem Zenit (zeitweilig): Zypern, Teile \u00c4gyptens, Pal\u00e4stina, Syrien, Babylonien. Kriege mit Beute und Gel\u00e4ndegewinnen wurden auch gegen die V\u00f6lker Anatoliens, Kappadokiens sowie mit wechselndem Erfolg gegen Elam (des \u00f6stlich und nord\u00f6stlich von Babylon gelegenen Berglandes) und das Reich Urartu (der Uratr\u00e4er , um den Van-See in Armenien) gef\u00fchrt usw. &#8211; Soweit also eine gar nicht mal so falsche erste Antwort auf unsere oben gestellte Frage. Die Antwort w\u00e4re jedoch einseitig. Sie verdeckt n\u00e4mlich eine weitere Problemstellung: Inwieweit war die \u00d6konomie Assyriens, seine <em>gegebene<\/em> altorientalische Produktionsweise im Stammgebiet am Tigris und dar\u00fcber hinaus eigentlich in der Lage, die normalen Bed\u00fcrfnisse der <em>eigenen<\/em> Bev\u00f6lkerung zu decken? Wie weit war die Naturbeherrschung mit den gegebenen Produktivkr\u00e4ften entwickelt und Praxis-tauglich? Gab es immanente Schranken oder Hemmnisse der \u201eAltorientalischen Produktionsweise\u201c, die eine Schl\u00fcsselantwort oder zumindest einen Hinweis auf das aggressive Auftreten Alt-Assyriens liefern k\u00f6nnte? Denn diese in vielen L\u00e4ndern verbreiteten altorientalischen Produktionsweis<em>en<\/em> gingen ja irgendwann unter. Fr\u00fchere Generationen von Marxisten haben die Problematik wohl in der Geschichtswissenschaft und unter der \u201eFormationsfrage\u201c diskutiert &#8211; ohne abschlie\u00dfendes Ergebnis. Nur kenne ich mich in dieser Diskussion nicht gen\u00fcgend aus, um hier eine abw\u00e4gende, provisorische Antwort gem\u00e4\u00df <em>heutigem<\/em> Kenntnisstand zu geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Neu-Assyrische-Reich kollabierte <\/strong>im 7. Jh. v. u. Zt. unter den milit\u00e4rischen Schl\u00e4gen einer Koalition aus Medern und Babyloniern, scheinbar auf dem H\u00f6hepunkt seiner Macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch widerspruchsfrei war dieses Reich nie gewesen. Da gab es die st\u00e4ndigen Reibereien innerhalb der herrschenden Klasse, die auch schon mal in Palastrevolten oder Meuchelmord einm\u00fcnden konnten; die Bev\u00f6lkerung war stark sozial hierarchisiert, es gab neben dem Palast Freie, Abh\u00e4ngige und Sklaven, wobei die Aufzeichnungen der Zeit keinen Gedanken an eine soziale Revolution oder den Systemumsturz verzeichnen. Arbeitskr\u00e4fte im Reich waren rar und mussten st\u00e4ndig requiriert werden. Jede Schw\u00e4che des assyrischen Staates in den eroberten oder Tribut-pflichtigen Gebieten gab den Unterworfenen die Chance zur Rebellion. Wurde sie ergriffen, so wurde seitens Assyriens stets mit Repressalien, Massen-Mord oder der Zwangsumsiedlung ganzer Bev\u00f6lkerungsteile und ihrer Eliten in g\u00e4nzlich andere Teile des Reiches geantwortet. Der assyrische Tyrann war verhasst. Je aufgebl\u00e4hter das Reich nun wurde, desto \u00fcberdehnter wurde es. Jeder Krieg forderte Gefallene und Opfer. Die Reihen der eigenen Krieger musste somit aufgef\u00fcllt werden, sei es durch die vorhandenen Bauern, gedungene S\u00f6ldner, ja selbst durch ehemals gefangene und nun gepresste Kriegsgegner. Pr\u00e4senz vor Ort bei den Annektierten war eine Notwendigkeit und band die Kr\u00e4fte, die anderswo gebraucht wurden usw.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Assyriens Zusammenbruch<\/strong> vollzog sich dann in rasender Geschwindigkeit. Die Gr\u00fcndungsstadt des Alt-Reiches Assur am Tigris fiel 614, die Hauptstadt Ninive erlag der Erst\u00fcrmung 612. Die letzte \u201aFluchtburg\u2018 der Assyrer Harran wurde 610 vernichtet, die Entscheidungsschlacht bei Karkemisch am Euphrat trotz \u00e4gyptischer Hilfe 605 v. u. Zt. verloren. Das Assyrische Reich war Geschichte. Nur Tr\u00fcmmer, Staub und Erinnerung blieben. &#8211; Doch warum kollaborierte das Imperium, das ja in dieser Form lange existiert hatte? Da war einerseits nach vergangenen Niederlagen eine neue St\u00e4rke bei den Medern und Babyloniern, die sie zum Angriff auf Assyrien bef\u00e4higte. Andererseits gab es das oben beschriebene B\u00fcndel an Widerspr\u00fcchen der assyrischen Herrschaft. Entscheidend in diesem Krieg d\u00fcrfte gewesen sein: Es r\u00fchrte sich keine Hand bei den unterdr\u00fcckten und ausgebeuteten V\u00f6lkern und Menschen zur Verteidigung des schw\u00e4chelnden assyrischen Regimes. Nur ein ehemaliger Kriegsgegner Assyriens, \u00c4gypten schickte den Assyrern eigene Hilfstruppen zum Ersatz, aus Furcht vor einem erneuten Aufstieg Babylons zur Gro\u00dfmacht. Doch blieb ein Wunder f\u00fcr die Assyrer aus, denn auch Wunder br\u00e4uchten Ursachen, die es nicht gab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Imperien kommen und gehen<\/strong> &#8211; sie alle werden fallen; eine Feststellung, die uns zu einem weiteren Fragenkomplex weiterleitet:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was geschah <strong>nach dem Exitus<\/strong> <strong>des Neu-Assyrischen-Reiches<\/strong>? Die Sieger teilten die Beute. Die Meder besetzten das assyrische Kerngebiet bis zum Mittellauf des Tigris und drangen auch in den Norden bis Harran vor. Die Babylonier erhielten das \u00fcbrige Mesopotamien, beanspruchten aber auch alle Gebiete westlich des Euphrat, also Syrien und Pal\u00e4stina. Das Sp\u00e4tbabylonische Reich stieg, wie von den \u00c4gyptern bef\u00fcrchtet, zur neuen Gro\u00dfmacht auf. &#8211; Doch lange konnte man sich des Zugewinns nicht erfreuen. Nur einige Jahrzehnte sp\u00e4ter wurden die einstigen Sieger milit\u00e4risch von den Persern (den persischen Ach\u00e4meniden) unterworfen und \u00fcbernommen (die Meder 550, Babylon, 539 v. u. Zt.). \u00dcbernommen kann man dabei durchaus w\u00f6rtlich verstehen. Denn nach einem altbabylonischen Bericht \u00f6ffnete die Stadt Babylon freiwillig ihre Tore und begr\u00fc\u00dfte den Sieger; dem lagen wohl Widerspr\u00fcche unter den herrschenden Kr\u00e4ften Babylons (innerhalb von Palast und Tempel) zugrunde. Und die Meder? Ethnisch und kulturell waren sie mit den Persern verwandt, sie kapitulierten zwar, waren in der Mehrheit jedoch Perser-affin. Ihr \u201aAdel\u2018 (nicht die Spitze) wurde von den Ach\u00e4meniden als Partner angenommen und bewusst als kooptierter Teil der eigenen Elite ins wachsende persische Imperium integriert (in \u201edie erste Weltmacht\u201c der Geschichte, wie es in den heutigen Annalen hei\u00dft).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gut 200 Jahre sp\u00e4ter fiel das Perserreich dem makedonisch-griechischem Heerf\u00fchrer Alexander (heute genannt \u201ader Gro\u00dfe\u2018) bei seinem Raubzug in die H\u00e4nde. Der Tod raffte ihn mit 33 Lebens-Jahren in Babylon dahin. Unter den Diadochen, den Gener\u00e4len Alexanders und ihren Erbfolgekriegen, begann die Epoche und die Herrschaft des \u201eHellenismus\u201c im Orient \u2013 trotz alledem mit begrenzter Zeit- und Wirkungsdauer. Doch wie der Prophet der ununterbrochenen Bewegung, der Philosoph Hegel sagen k\u00f6nnte: Siehe, die Schuhe derer, die dich hinausgeleiten werden, stehen schon vor der T\u00fcr. &#8211; Hier also scharrte Rom mit den F\u00fc\u00dfen als das aufstrebende neue Imperium, eines unter anderen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bliebe eine letzte Bemerkung von mir in diesem kleinen Aufsatz: Die hier angedeuteten imperialistischen <strong>Kriege der alten Griechen und R\u00f6mer auf dem Territorium Vorderasiens<\/strong> zeigen uns was? Hier trafen ja nicht nur antike Milit\u00e4rtechnologie und Heeresverfassung auf die \u201eHeerscharen des Orients\u201c, sondern hier prallten im Weiteren auch \u201eAntike Produktionsweis<em>en<\/em>\u201c und Altorientalische Gegebenheiten in \u00d6konomie und Gesellschaft aufeinander. Die Frage f\u00fcr mich lautet: was kam dabei heraus? Auch Marxisten sind dazu (erneut) analytisch gefragt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>Quellenangabe und Anmerkungen<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Passage\u00a0 A. Schr\u00f6der, in:\u00a0 AzD, Nr. 96, Mai 2023, S.20<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Harald Meller \/ Kai Michel \/ Carel van Schaik: Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege f\u00fchren. Eine Menschheitsgeschichte. M\u00fcnchen: dtv, 2024. \/ Harald Meller u. Michael Schefzik (Hrsg.): Krieg. Eine Arch\u00e4ologische Spurensuche. Begleitband zur Sonderausstellung im Landesmuseum f\u00fcr Vorgeschichte Halle (Saale). Halle (Saale): Theiss, 2015. \/\/ &#8211; Anmerkung: Autoren wie H. Meller et. al. vertreten eine evolution\u00e4re, faktenbasierte Geschichtsschreibung; Marxisten unterscheiden sich in einer Reihe von Fragen beim Thema weltanschaulich und methodisch von ihnen. Das wird deutlich, wenn man \u00e4ltere Arbeiten marxistischer Couleur zum Vergleich heranzieht. So: Walter Hollitscher: Aggression im Menschenbild. Marx, Freud, Lorenz. Frankfurt\/Main: Verl. Marxistische Bl\u00e4tter GmbH, 1970. &#8211; Siehe auch vom gleichen Autor die sechsb\u00e4ndige Taschenbuchausgabe \u201eNatur und Mensch im Weltbild der Wissenschaft\u201c, die in den 80er Jahren sowohl in der DDR wie in der BRD verlegt wurden. \/ &#8211; Was beide hier vorgestellten Wissenschafts-Str\u00f6mungen verbindet, ist die Abscheu dem Krieg gegen\u00fcber. Aufmerksamkeit unsererseits w\u00e4re angebracht, ohne die Differenzen zu verwischen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Studien wie die von Meller et. al. kommen f\u00fcr manche Kreise heute zu Unzeiten, wo man doch lieber von Kriegst\u00fcchtigkeit denn von Friedenst\u00fcchtigkeit und Verhandlungen reden m\u00f6chte. &#8211; Eine subtil vorgetragene Gegenposition zu Meller et al. (ohne diese Autoren zu benennen) findet sich in einen Artikel der \u201eZeit\u201c: Urs Willmann: Als der Krieg in die Welt kam. Ist Gewalt angeboren oder erlernt? Und wann begann das organisierte T\u00f6ten? in: Die Zeit, Nr. 50, 28. Nov. 2024, S.31<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Zitat aus: W. I. Lenin: \u00dcber den Staat. Vorlesung an der Swerdlow-Universit\u00e4t, 11. Juli 1919. \/ Textabschnitt von mir zitiert nach: W.I. Lenin.\u00a0 Marx-Engels-Marxismus. Grunds\u00e4tzliches aus Schriften und Reden. Berlin: Dietz Verl, 7. Aufl., 1971. S.467<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Ein Aspekt der aktuellen Diskussion, Uwe Ebbinghaus: Die steinernen R\u00e4tsel der ersten Monumentalbauten. In der S\u00fcdostt\u00fcrkei nahe der syrischen Grenze werden seit Jahren faszinierende Ruinen aus der Jungsteinzeit ausgegraben. Ein Ausflug zur Baukunst der letzten J\u00e4ger und Sammler. in:\u00a0 FAZ, 13. Dez. 2024, S.13<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Ich st\u00fctze mich hier auf die Arbeiten: H. Klengel: Einige Erw\u00e4gungen zur Staatsentstehung in Mesopotamien. in: J. Herrmann u. I. Sellnow (Hrsg.): Beitr\u00e4ge zur Entstehung des Staates. Berlin:\u00a0 Akademie-Verlag, 1973, S. 36 &#8211; 55.\u00a0 \/\u00a0 H. Klengel: St\u00e4dte, Staaten, Gro\u00dfreiche &#8211; Mesopotamien und Kleinasien (bis 539 v. Chr.). (1997) in:\u00a0 Fr\u00fche Hochkulturen. Stuttgart: Theiss, 2003. S.124 &#8211; 225. \/ Eine aktualisierte Fakten\u00fcbersicht (aus nichtmarxistischer Feder) zur \u201efr\u00fchdynastischen Periode\u201c siehe:\u00a0 Gebhard J. Selz: Sumerer und Akkader. Geschichte, Gesellschaft, Kultur. M\u00fcnchen: C. H. Beck, 4. aktual.\u00a0 Aufl., 2022.\u00a0 \/\/ &#8211; Anmerkung: Horst Klengel (1933 &#8211; 2019) geh\u00f6rte zu den innovativsten marxistisch denkenden Althistorikern im Bereich Alter Orient; er hat sowohl in der DDR wie nach der Wiedervereinigung in Westdeutschland akademisch gearbeitet und publiziert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> W. I. Lenin, zitiert nach: Horst Dieter \/ Rigobert G\u00fcnther: R\u00f6mische Geschichte bis 476. Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1990, 3. Aufl., S.6<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fritz G\u00f6tt In verschiedenen Ausgaben der AzD findet sich eine intensiv gef\u00fchrte und kontrovers ausgetragene Diskussion zur \u201emodernen (\u00f6konomischen) Imperialismus-Theorie\u201c (z.B. zur Leninschen). Einer der Diskutanten, Alfred Schr\u00f6der, hat dabei zugleich und ganz nebenbei auch einen Ausflug in die Antike unternommen. 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