{"id":2758,"date":"2023-11-26T17:16:12","date_gmt":"2023-11-26T16:16:12","guid":{"rendered":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2758"},"modified":"2023-11-26T17:16:12","modified_gmt":"2023-11-26T16:16:12","slug":"die-zionistische-idee-als-koloniale-idee-herzl-und-rhodes","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2758","title":{"rendered":"\u201eDie zionistische Idee\u201c als \u201ekoloniale\u201c Idee: Herzl und Rhodes"},"content":{"rendered":"<p>Domenico Losurdo<\/p>\n<p><em>In seinem 2011 auf Deutsch erschienenen Buch \u201eDie Sprache des Imperiums. Ein historisch-philosophischer Leitfaden\u201c besch\u00e4ftigte sich Domenico Losurdo im Kapitel \u201eAntizionismus\u201c mit den ideologischen Wurzeln des Zionismus. Er wies an Hand der Schriften und Aufzeichnungen von Theodor Herzl &#8211; dem Begr\u00fcnder des Zionismus &#8211; nach, dass diese Ideologie zutiefst im kolonialistischen und rassistischen Denken des Westens des 19.\u00a0Jahrhunderts wurzelt. Der auf der Doktrin des Zionismus aufgebaute und ihm bis heute verpflichtete Staat Israel ist daher nach Losurdo eine \u201ekoloniale Idee\u201c. Die Gr\u00fcndung eines wei\u00dfen Staats auf okkupiertem Land bei gleichzeitiger Ausrottung bzw. Vertreibung der dort ans\u00e4ssigen Bev\u00f6lkerung gleicht den untergegangenen Siedlerstaaten in S\u00fcdafrika, Rhodesien &#8211; heute Zimbabwe &#8211; und Algerien. (Andreas Wehr, Oktober 2023)<\/em><\/p>\n<p>Eine unmissverst\u00e4ndliche Losung kennzeichnet den Zionismus: \u00bbGebt das Land ohne Volk einem Volk ohne Land!\u00ab (1). Wir haben es mit der klassischen Ideologie der kolonialen Tradition zu tun, die die eroberten oder begehrten Territorien immer als <em>res nullius<\/em>, als Niemandsland, betrachtet hat und immer geneigt war, die einheimischen Bev\u00f6lkerungen auf eine unbedeutende Gr\u00f6\u00dfe zu reduzieren; mit der Ideologie, die insbesondere den expansionistischen Vormarsch der nordamerikanischen Kolonisten begleitet hat. Wenn wir bei Nordau lesen, dass der Zionismus \u00bbein Land, das heute eine W\u00fcste ist\u00ab, in einen \u00bbbl\u00fchenden Garten\u00ab verwandeln will (2), kommen wir nicht umhin, an Autoren wie Locke und Tocqueville zu denken, die das von den Indianern bewohnte Territorium eben als eine W\u00fcste oder als eine \u00bbleere Wiege\u00ab bezeichneten (3).<\/p>\n<p>Bei seiner Propaganda f\u00fcr den Zionismus empfiehlt sich Herzl folgenderma\u00dfen den Kanzleien der westlichen Gro\u00dfm\u00e4chte: \u00bbDie meisten Juden sind keine Orientalen mehr\u00ab; \u00bbso m\u00f6chten wir als Culturtr\u00e4ger des Westens in diesen jetzt verseuchten, verwahrlosten Winkel des Orients Reinlichkeit, Ordnung und die gekl\u00e4rten Sitten des Abendlandes bringen \u00ab, in diesen \u00bbkranken\u00ab Winkel (4). Wenn sich die Juden in Pal\u00e4stina ansiedeln, k\u00f6nnen sie \u00bbden Krankheitswinkel des Orients assaniren\u00ab, \u00bbCultur u. Ordnung\u00ab dorthin bringen und sogar \u00bbden Schutz der Christen im Orient\u00ab gew\u00e4hrleisten. Kurz und gut: \u00bbdas einzige Culturelement, womit Pal\u00e4stina besiedelt werden kann, sind die Juden\u00ab (5).<\/p>\n<p>Die Verherrlichung des Kolonialismus f\u00e4llt beim Patriarchen des Zionismus sofort auf: die \u00bbStaaten, die an ihre Zukunft denken\u00ab f\u00fchren eine \u00bbKolonialpolitik\u00ab, ohne sie je aus den Augen zu verlieren. Und in diesen Kontext f\u00fcgt sich die erstrebte R\u00fcckkehr der Juden nach Pal\u00e4stina ein: \u00bbDie zionistische Idee, die eine koloniale ist\u00ab, k\u00f6nne leichter in jenen L\u00e4ndern verstanden werden, die sich mit Erfolg f\u00fcr die Eroberung \u00fcberseeischer Territorien eingesetzt haben. Sich an die Engl\u00e4nder wendend, erkl\u00e4rt Herzl, dass er besonders auf ihre Unterst\u00fctzung hoffe: \u00bbDie grossen Politiker Ihres Landes waren die ersten, welche die Notwendigkeit der kolonialen Ausbreitung erkannten. Darum weht die Fahne Gr\u00f6sser-Britanniens auf allen Meeren\u00ab (6).<\/p>\n<p>Auch Herzl will sich auf diesen Weg machen: \u00bbF\u00fcr Europa w\u00fcrden wir dort ein St\u00fcck des Walles gegen Asien bilden, wir w\u00fcrden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen\u00ab (7). Das hei\u00dft, die j\u00fcdische Kolonisation Pal\u00e4stinas werde die Weltherrschaft des Westens verst\u00e4rken, zumal sie den Weg nach Indien und nach China sicherer werden lasse (8). So wird sie sogar den \u00bbk\u00fcrzesten Weg\u00ab, \u00bbdie Heerstrasse der Culturv\u00f6lker\u00ab nach Asien \u00f6ffnen (9); in diesem Sinne sei \u00bbder Judenstaat ein Weltbed\u00fcrfnis\u00ab (10).<\/p>\n<p>Aus all diesen Gr\u00fcnden, werde diesem Staat eine erstrangige Aufgabe zufallen, zumal er ein Volk aufnimmt, \u00bbdessen Geschichte in der heiligen Schrift steht\u00ab (11). Auf die \u00bbGesta Dei per Francos\u00ab sollen \u00bbGottes Taten durch die Juden\u00ab folgen (12). Es handle sich nicht um ein abstrakt theologisches Motiv: \u00bbDie Juden werden eine <em>grande nation <\/em>werden\u00ab. Zu denken gibt der franz\u00f6sische Ausdruck, der auf das expansionistische postthermidorianische Frankreich verweist: \u00bbWir m\u00fcssen wegen unseres k\u00fcnftigen Welthandels am Meere liegen und m\u00fcssen f\u00fcr unsere maschinenm\u00e4\u00dfige Landwirthschaft im Grossen, weite Fl\u00e4chen zur Verf\u00fcgung haben\u00ab (13). Sicher w\u00fcrden die Juden in Pal\u00e4stina zu Protagonisten \u00bbeiner gro\u00dfartigen Kolonisation\u00ab; sie werden sich am Beispiel der Engl\u00e4nder inspirieren k\u00f6nnen, den \u00bbst\u00e4rksten und k\u00fchnsten Kolonialunternehmern unter den V\u00f6lkern\u00ab (14).<\/p>\n<p>Wir haben es mit einem recht ehrgeizigen expansionistischen Plan zu tun. Es verwundert daher nicht, dass wir, wenn wir Herzls Tageb\u00fccher durchbl\u00e4ttern, auf das Familienalbum des Kolonialismus und des Imperialismus zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert sto\u00dfen. Der F\u00fchrer der zionistischen Bewegung sucht und vereinbart Kontakte mit Rhodes (dem Vork\u00e4mpfer des englischen Imperialismus, den er f\u00fcr etwas in Pal\u00e4stina zu realisierendes \u00bbColoniales\u00ab gewinnen will (15); ebenso mit Cromer, der f\u00fcr Arendt die Verk\u00f6rperung des britischen \u00bbimperialistischen Verwaltungsbeamten\u00ab ist, der \u00bbam Schicksal der eingeborenen V\u00f6lker (\u2026) desinteressiert\u00ab war und \u00bbeine neue Regierungsform\u00ab, eine \u00bbunmenschlichere Regierungsform als despotische Willk\u00fcr\u00ab entwickelte (16); au\u00dferdem nimmt Herzl Kontakte mit Kipling auf, ganz zu schweigen von Joseph Chamberlain und Wilhelm II. Letzterer scheint einen unwiderstehlichen Zauber auszu\u00fcben: \u00bbEr hat wirklich kaiserliche Augen (\u2026) Er lachte u. blitzte mich mit seinen Herrenaugen an\u00ab, er ist \u00bbein Kaiser des Friedens\u00ab (17).<\/p>\n<p>Ein zweiter wichtiger Aspekt ist bei Herzl zu beachten. Er empfiehlt die Kolonisation Pal\u00e4stinas und den Zionismus auch als Gegenmittel gegen die revolution\u00e4re Bewegung, die in der kapitalistischen Metropole anschwillt: es sei notwendig, \u00bbein schreckliches Proletariat\u00ab in ein Territorium umzuleiten, das \u00bbnach Menschen schreit, die es bebauen sollen\u00ab. Indem sie sich von \u00bbeinem surplus von Proletariern und Verzweifelten \u00ab befreit, k\u00f6nne die kapitalistische Metropole gleichzeitig die Kultur in die koloniale Welt exportieren: Mit dieser Vermehrung von Cultur u. Ordnung aber ginge Hand in Hand die Schw\u00e4chung der Umsturzparteien. Darauf ist besonders nachdr\u00fccklich hinzuweisen, dass wir \u00fcberall mit den Umst\u00fcrzlern im Kampfe liegen u. thats\u00e4chlich die jungen studierenden Leute sowohl wie die j\u00fcdischen Arbeiter vom Socialismus u. Nihilismus abwenden, indem wir vor ihnen ein reineres Volksideal entfalten (18).<\/p>\n<p>In Russland \u00bbbekehren sich die Sozialisten und Anarchisten zum Zionismus\u00ab und r\u00fccken ab von der vorhergehenden revolution\u00e4ren Militanz (19). Herzl bringt hier ein Motiv ins Spiel, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts recht verbreitet war und seinen klassischen Ausdruck bei Rhodes findet: \u00bbWenn Sie den B\u00fcrgerkrieg nicht wollen, m\u00fcssen Sie Imperialisten werden\u00ab (20). F\u00fcr beide hier miteinander verglichenen Pers\u00f6nlichkeiten ist die koloniale Expansion das Gegenmittel gegen die sozialistische Subversion, der Angriff auf die Kolonialv\u00f6lker ist die Kehrseite des Friedens, den man innerhalb der kapitalistischen Metropole zu erreichen hofft.<\/p>\n<p>Dann hat also Arendt Recht, wenn sie 1942 Herzl negativ Lazare, einer anderen bedeutenden Figur der j\u00fcdischen Kultur, gegen\u00fcberstellt. Im Gegensatz zu Herzl versucht Lazare die Emanzipation der Juden nicht durch ein paar koloniale Zugest\u00e4ndnisse zu f\u00f6rdern, die den damaligen Gro\u00dfm\u00e4chten abzuringen sind; vielmehr bezieht er den Kampf der Juden und den der anderen unterdr\u00fcckten V\u00f6lker, den Kampf gegen den Antisemitismus und den gegen den kolonialen Rassismus in ein umfassendes antikolonialistisch und antiimperialistisch ausgerichtetes revolution\u00e4res Vorhaben ein. Von hier aus der Vergleich zwischen den Leiden, die den Juden, und denen, die den Schwarzen in den afrikanischen Kolonien Deutschlands oder anderer L\u00e4nder, den Arabern bei der kolonialen Expansion Italiens oder den seit Jahrhunderten von England unterdr\u00fcckten Iren zugef\u00fcgt worden sind. Von hier aus das Bestreben, die V\u00f6lker, die aus verschiedenen Gr\u00fcnden und auf unterschiedliche Weise aus dem Westen und aus der herrschenden Macht auf internationaler Ebene ausgeschlossen worden sind, in einem einheitlichen Block zusammenzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>(1) Israel Zangwill, zit. in Schoeps, 1983, Zionismus, Texte zu seiner Entwicklung 2.\u00a0\u00fcberarbeitete Aufl., Fourier G\u00fctersloh, S. 32.<br \/>\n(2) Max Nordau, 1913, Der Zionismus, vom Verfasser vollst\u00e4ndig umgearbeitete und bis zur Gegenwart fortgef\u00fchrte Auflage, hrsg. von der Wiener Zionistischen Vereinigung, Buchdruckerei Helios, Wien, S. 16.<br \/>\n(3) Vgl. Domenico Losurdo, 2010, Freiheit als Privileg. Eine Gegengeschichte des Liberalismus, S. 293-95.<br \/>\n(4) Theodor Herzl, 1984-85, Zionistisches Tagebuch, in Briefe und Tageb\u00fccher, hrsg. von A. Bein et alii, Bd. 2, Propyl\u00e4en, Berlin\/Frankfurt; S. 156, 337, 678.<br \/>\n(5) Theodor Herzl, 1984-85, Bd. 2, a. a. O., S. 332, 617, 591.<br \/>\n(6) Theodor Herzl, 1920, Zionistische Schriften, hrsg. von I. Kellner, J\u00fcdischer Verlag, Berlin-Charlottenburg, Bd. 1, S. 156; Bd. 2, S. 101-102.<br \/>\n(7) Theodor Herzl, 1920, a. a. O. Bd. 1, S. 68.<br \/>\n(8) Theodor Herzl, 1984-85, a. a. O. Bd. 2, S. 469-70, 592.<br \/>\n(9) Theodor Herzl, 1984-85, a. a. O. Bd. 2, S. 727, 332-33; vgl. auch Theodor Herzl, 1920, a. a. O. Bd. 2, S. 101.<br \/>\n(10) Theodor Herzl, 1920, a. a. O., Bd. 1, S. 44.<br \/>\n(11) Theodor Herzl, 1920, a. a. O. Bd. 1, S. 140.<br \/>\n(12) Theodor Herzl, 1933, Altneuland, L\u00f6wit, Wien, 10. Auflage, S. 117.<br \/>\n(13) Theodor Herzl, 1984-85, a. a. O. Bd. 2, S. 324, 156.<br \/>\n(14) Theodor Herzl, 1933, a. a. O. S. 18, 241-42.<br \/>\n(15) Theodor Herzl, 1984-85, a. a. O. Bd. 3, S. 327.<br \/>\n(16) Hanna Arendt, 1986, Elemente und Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft, von der Autorin \u00fcbersetzter und durchgesehener Text, Piper, M\u00fcnchen\/Z\u00fcrich, S. 307-308, 341-43.<br \/>\n(17) Theodor Herzl, 1984-85, a. a. O., Bd. 2, S. 664, 678, 676.<br \/>\n(18) Theodor Herzl, 1984-85, a. a. O. Bd. 2, S. 657, 713.<br \/>\n(19) Theodor Herzl, 1984-85, a. a. O., Bd. 2, S. 605.<br \/>\n(20) Zit. in Lenin, 1955, Werke Dietz, Berlin Bd. 22, S. 261.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Domenico Losurdo In seinem 2011 auf Deutsch erschienenen Buch \u201eDie Sprache des Imperiums. Ein historisch-philosophischer Leitfaden\u201c besch\u00e4ftigte sich Domenico Losurdo im Kapitel \u201eAntizionismus\u201c mit den ideologischen Wurzeln des Zionismus. 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