{"id":2756,"date":"2023-11-22T16:39:35","date_gmt":"2023-11-22T15:39:35","guid":{"rendered":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2756"},"modified":"2023-11-22T16:39:35","modified_gmt":"2023-11-22T15:39:35","slug":"von-gespenstern-und-gescheiterten-theorien-ueber-antisemitismus-und-zionismus","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2756","title":{"rendered":"Von Gespenstern und gescheiterten Theorien. &#8211; \u00dcber Antisemitismus und Zionismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vorbemerkung (November 2023)<\/strong><\/p>\n<p>Der hier vorlegte Artikel wurde im <strong>Juli 2002<\/strong> auf der online-Plattform www.Kalaschnikow.net und anschlie\u00dfend im selben Jahr in der AzD\u00a072 ver\u00f6ffentlicht. Anlass war eine Debatte \u00fcber den Ursprung und die Bedeutung des Antisemitismus in der Gegenwart Deutschlands. Warum ver\u00f6ffentlichen wir erneut einen \u00fcber 20 Jahre alten Artikel zu diesem Thema?<\/p>\n<p>Neben der augenf\u00e4lligen Aktualit\u00e4t des Themas ist es ebenso der \u00dcbergang linker Gruppierungen in dieser Frage auf die Positionen der Regierung. Wie schon bei der Zuwanderungsdebatte 2015, der sp\u00e4teren Coronadebatte mit ihrer Forderung nach Impfpflicht und weitgehenden Freiheitseinschr\u00e4nkungen, so auch aktuell in der Frage der Stellung zum zionistischen Siedlerstaat beziehen Teile der Linken eine gemeinsame Grundposition mit der herrschenden Klasse. (Die entsprechenden Stellungnahmen dieser Organisationen werden in dieser AzD dokumentiert.)<\/p>\n<p>Einen Ausgangspunkt f\u00fcr diese Entwicklung finden wir in der Debatte \u00fcber den Antisemitismus vor \u00fcber 20 Jahren. Damals begann die Herausl\u00f6sung des Begriffs Antisemitismus aus seinem historischen, politischen und gesellschaftlichen Kontext und seine Verwandlung in einen Kampfbegriff zur Verteidigung der israelischen Kriegs- und Vertreibungspolitik gegen die arabische Bev\u00f6lkerung. Was damals nur von einzelnen interessierten und prozionistischen Kr\u00e4ften verfochten wurde, ist heute vorgegebene Staatsr\u00e4son. Die gesamte politische Klasse \u2013 incl. Linkspartei und AfD \u2013 verfolgt eine Politik, die \u00f6ffentliche Meinung f\u00fcr eine strafrechtliche Verfolgung jeglicher Kritik an Israel zu gewinnen. Die Kritik am staatsgewordenen Zionismus Israels soll als Antisemitismus nicht nur gesellschaftlich ge\u00e4chtet, sondern auch polizeilich verfolgt werden. Die Demonstrationsfreiheit soll \u2013 wie schon zu Coronazeiten \u2013 weitgehend der polizeilichen Willk\u00fcr oder der Entscheidung regionaler Verwaltungen ausgeliefert werden. Deshalb macht es Sinn, auf die Diskussion \u00fcber Antisemitismus und Zionismus vor \u00fcber zwei Jahrzehnten zur\u00fcck zu blicken.<\/p>\n<p>Wie der Leser sicherlich bemerkt, hat sich die gesellschaftliche Zusammensetzung dieser Republik und die politische Stimmung in den vergangenen Jahren gravierend ver\u00e4ndert. Mit der von der Merkel-CDU, dem BDI und weiteren b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4ften betriebenen Zuwanderungspolitik ab Mitte des vergangenen Jahrzehnts, die dabei von der Linken entschieden unterst\u00fctzt wurde (und, nebenbei bemerkt, den Aufstieg der AfD zur Volkspartei erm\u00f6glichte), hat sich das Gesicht dieser Republik deutlich ver\u00e4ndert. Die massive Zuwanderung durch muslimisch gepr\u00e4gte Migranten aus Asien, dem Nahen Osten und Nordafrika hat die Kritik an der zionistischen Siedlungs- und Vertreibungspolitik gegen\u00fcber der urspr\u00fcnglichen arabischen Bev\u00f6lkerung Pal\u00e4stinas und Teilen der umliegenden Staaten unweigerlich auch zu einem innenpolitischen Problem in Deutschland gemacht. Die herrschenden Kreise dieser Republik versuchen, der durch Zuwanderung auch zahlenm\u00e4\u00dfig gewachsenen Kritik an der israelischen Politik mit der Drohung der Abschiebung ausl\u00e4ndischer und der Strafverfolgung deutscher Kritiker zu begegnen (siehe die breit gelobte Rede des Vizekanzlers).<\/p>\n<p>Wahr aber ist, dass Karuscheits Satz: \u201eDer Antisemitismus hat in der gesellschaftlichen Realit\u00e4t des heutigen Deutschlands keine Wurzeln mehr, weder politisch noch sozial\u201c, der damals ein Ausgangspunkt der Debatte war, vollst\u00e4ndig korrekt war. Er ist heute um den Zusatz zu erg\u00e4nzen: Die entscheidende Quelle des immer breiter werdenden Protests gegen die israelische Politik ist nicht ein altvorderer Antisemitismus, sondern die verbrecherische Vertreibungspolitik des staatsgewordenen Zionismus in Israel.<\/p>\n<p>Der hier erneut abgedruckte Artikel geht auf die ideologischen und politischen Wurzeln der zionistischen Bewegung ein und versucht herausarbeiten, dass der Staat gewordene Zionismus geradezu zwangsl\u00e4ufig diese Politik betreiben muss; ganz egal ob er von Ben Gurion, Golda Meir oder Begin und Netanjahu repr\u00e4sentiert wird. So unterschiedlich diese Fl\u00fcgel des Zionismus politisch agieren, gemeinsam verfolgen sie das Programm der territorialen Ausbreitung Israels und der Entrechtung bzw. Vertreibung der arabischen Bev\u00f6lkerung. Hier \u2013 und nicht in v\u00f6lkischen Theorien des 19. und zu Beginn des 20.\u00a0Jahrhunderts \u2013 ist die Ursache f\u00fcr jenen stetig wachsenden \u201eIsrael-bezogenen Antisemitismus\u201c zu finden.<\/p>\n<p>Der nachfolgende Artikel wurde leicht gek\u00fcrzt und an einer Stelle (XIX.\u00a0Zionistischer Weltkongress) \u00fcberarbeitet, da die ehedem angegebene Zitatstelle (G. Kr\u00e4mer, Geschichte Pal\u00e4stinas, 1. Auflage 2002) nicht mehr verifizierbar war.<\/p>\n<p>Alfred Sch\u00f6der, November 2023<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Von Gespenstern und gescheiterten Theorien <\/strong>(Artikel von 2002)<\/p>\n<p><strong>Zur Debatte um den Antisemitismus heute<\/strong><\/p>\n<p>Im Forum der Onlinezeitung Kalaschnikow hat sich in den letzten Wochen eine Debatte zu Heiner Karuscheits Artikel \u201eKein Sturm im Wasserglas\u201c entwickelt. Die Zuschriften werfen ein bezeichnendes Licht auf die politische Befindlichkeit und das theoretische R\u00fcstzeug der deutschen Linken. Um beides ist es traurig bestellt. Mit Gespenstern von gestern soll die Kritik der israelischen Siedlungspolitik verboten werden. Beginnen wir mit dem Gespenst von gestern, dem Bannfluch des \u201eAntisemitismus\u201c.<\/p>\n<p><strong>Der \u201eAntisemitismus\u201c<\/strong><\/p>\n<p>\u201eObgleich der Antisemitismus in gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung Zustimmung findet und \u00fcberall rechtsextreme Kr\u00e4fte im Aufwind sind, wird die Gefahr des Antisemitismus schlicht bestritten\u201c, hei\u00dft es in einer Kritik an Karuscheits Artikel. Diese Kritik teilt Max Brym in seinem Beitrag f\u00fcr das Diskussionsforum und in einem zus\u00e4tzlichen Artikel f\u00fcr die Onlinezeitung mit den Worten: \u201eDer Antisemitismus ist in Deutschland entgegen anders lautender Aussagen nach wie vor ein Massenph\u00e4nomen.\u201c<\/p>\n<p>Diese \u201eanders lautenden Aussagen\u201c stammen von Heiner Karuscheit, der in oben genanntem Artikel schrieb: \u201eDer Antisemitismus hat in der gesellschaftlichen Realit\u00e4t des heutigen Deutschlands keine Wurzeln mehr, weder politisch noch sozial. Mit der Niederlage des Nationalsozialismus ist er politisch diskreditiert, und mit dem massiven R\u00fcckgang der ihn tragenden, kleinb\u00fcrgerlichen Schichten in der Nachkriegszeit ist auch seine soziale Quelle versiegt. Was \u00fcbrig bleibt, sind ideologische Relikte, die in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft von heute keinen N\u00e4hrboden mehr finden.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr Karuscheit hat sich der Antisemitismus in Deutschland von einer politischen Bewegung mit sozialen Wurzeln im Kleinb\u00fcrgertum zu einer ideologischen Str\u00f6mung in der BRD \u2013 ohne politische und soziale Grundlagen und damit auch ohne Masseneinfluss \u2013 gewandelt. F\u00fcr seine Kritiker ist er dagegen weiterhin ein \u201eMassenph\u00e4nomen\u201c, welches sich seit den 90er Jahren \u201eaus der Mitte der Gesellschaft (wiederbelebt)\u201c, so Max Brym. Konsequenterweise fordert Brym dann auch die Verteidigung der b\u00fcrgerlichen Demokratie in Deutschland gegen den \u201efundamentalen Angriff\u201c des Antisemitismus.<\/p>\n<p>Hier haben wir es auf den ersten Blick mit zwei fundamental unterschiedlichen Wahrnehmungen der heutigen Realit\u00e4t zu tun, so unterschiedlich, dass man glauben k\u00f6nnte, die Beteiligten lebten in unterschiedlichen Staaten. Schaut man allerdings etwas genauer hin, so gibt es durchaus Erkl\u00e4rungen f\u00fcr diese v\u00f6llig unterschiedliche Betrachtung der deutschen Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Ausgangspunkt dieser Differenzen ist die unterschiedliche inhaltliche F\u00fcllung des Begriffs Antisemitismus. \u201eDer Begriff \u201aAntisemitismus\u2018 wurde 1879 von Wilhelm Marr gepr\u00e4gt. In diesem Jahr erschien seine Hetzschrift \u201aDer Sieg des Judentums \u00fcber das Germanentum\u2018. W\u00f6rtlich \u00fcbersetzt bedeutet der Begriff \u201aSemitenfeindschaft\u2018, diese Feindschaft richtet sich aber ausschlie\u00dflich gegen Juden.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Diese Interpretation entspricht auch der des Duden, der Antisemitismus als \u201eAbneigung oder Feindschaft gegen\u00fcber Juden\u201c definiert.<\/p>\n<p>Bedeutende Teile der heutigen Linken, allen voran ihr \u201eantideutscher Fl\u00fcgel\u201c, aber auch Karuscheits Kritiker, haben eine andere Definition des Antisemitismus-Begriffes. Diese Definition ist deutlich weiter gefasst als die bisher allgemein g\u00fcltige und, wie ihre Verfechter unterstellen, ist sie auch aktueller: \u201eDer aktuelle Antisemitismus beruft sich in weiten Teilen auf das Schriftgut der \u201aV\u00f6lkischen Bewegung\u2018 und des Nationalsozialismus. Dabei sind antisemitische Ressentiments nicht nur aus rechten Kreisen zu vernehmen. Der linke Antisemitismus benutzt daf\u00fcr gerne die Vokabel \u201aAntizionismus\u2018. Unterzieht man die Vorhaltungen einer n\u00e4heren Untersuchung, so wird offenbar, dass sich die Kritik gegen alle Juden richtet und vor allem gegen das Existenzrecht der Juden in Israel.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Es gibt also einen \u201erechten\u201c Antisemitismus, der sich auf das Schriftgut der \u201eV\u00f6lkischen Bewegung\u201c st\u00fctzt und damit der klassischen Definition des Antisemitismus als \u201eFeindschaft gegen\u00fcber Juden\u201c entspricht. Damit aber nicht genug, gibt es auch einen \u201elinken\u201c Antisemitismus. Dieser zeichnet sich dadurch aus, \u201evor allem gegen das Existenzrecht der Juden in Israel\u201c aufzutreten. Der linke Antisemitismus \u201ebenutzt daf\u00fcr gerne die Vokabel Antizionismus\u201c.<\/p>\n<p>Durch diese vorgenommene Erweiterung des Begriffs Antisemitismus werden alle Kritiker der israelischen Siedlungspolitik in Pal\u00e4stina zu Antisemiten. Dem <em>politischen<\/em> Kritiker des Staates Israel und der Siedlungspolitik dieses Staates wird damit die <em>weltanschauliche Position<\/em> eines r\u00fcckst\u00e4ndigen Kleinb\u00fcrgers aus dem ausgehenden 19. und dem beginnenden 20. Jahrhundert unterstellt, und wohlgemerkt auch ohne dass der Kritiker sie jemals ge\u00e4u\u00dfert h\u00e4tte. Es reicht v\u00f6llig, dass er die auf dem Zionismus beruhende israelische Siedlungspolitik kritisiert, um als Geistesverwandter des Nationalsozialismus erkannt und geoutet zu werden.<\/p>\n<p>Diese Sprachregelung ist ein au\u00dfenpolitisches Instrument des Staates Israel, der damit jegliche Kritik an seiner Existenz wie auch seiner Politik zur\u00fcckweist. Sie wurde in der M\u00f6llemann-Debatte umstandslos von Herrn Spiegel, dem Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland \u00fcbernommen und wird von bestimmten Teilen der Linken ebenso ungefragt akzeptiert. Der Sinn dieser Sprachregelung besteht in der Denunziation und moralischen Abqualifizierung jeglicher grunds\u00e4tzlichen Kritik an dem Staat Israel und seiner Siedlungspolitik. Die Kritik an Israel darf nicht die Existenz des Staates und seiner Siedlungspolitik ber\u00fchren, dann \u00fcberschreitet sie die Grenze zum Antisemitismus. Das ist die neue Definition eines alten Begriffes, und es ist der aktuelle Sprachgebrauch des Begriffs Antisemitismus in der politischen Debatte der letzten Jahre.<\/p>\n<p>Inzwischen hat es eine weitere Ausweitung des Antisemitismus-Begriffes gegeben. Der \u00dcbergang der US-Administration zur Kriegspolitik und zur <em>Destabilisierung<\/em> ihrer arabischen B\u00fcndnispartner hat die Politik der USA gegen\u00fcber Israel ver\u00e4ndert. Suchten die fr\u00fcheren US-Administrationen einen Ausgleich zwischen ihren arabischen Verb\u00fcndeten und Amerikas wichtigster St\u00fctze im Nahen Osten, Israel, so unterst\u00fctzt die Bush-Regierung zur inneren Destabilisierung ihrer verb\u00fcndeten Regimes in der arabischen Welt nur noch die israelische Politik. Im Kampf gegen den \u201eTerror\u201c stehen Bush und Scharon nicht nur Schulter an Schulter gegen die arabische Welt und die europ\u00e4ischen Kritiker der amerikanischen und israelischen Kriegspolitik. Nun wird auch jeglicher Versuch der Legitimierung des pal\u00e4stinensischen Widerstandes gegen die zionistische Besatzung mit dem Begriff des \u201eAntisemitismus\u201c gebrandmarkt.<\/p>\n<p>Bleibt es bei diesem Tempo der politischen Begriffserweiterung, ist es f\u00fcr jeden leicht erkennbar, dass der \u201eAntisemitismus\u201c ein \u201eMassenph\u00e4nomen\u201c nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa wird. Allein, diese Begriffserweiterung im Schatten der amerikanischen und israelischen Kriegspolitik ist nichts anderes als der auf Dauer hilflose Versuch, die Kritiker dieser Kriegs- und Besatzungspolitik moralisch zu diskreditieren und politisch mundtot zu machen.<\/p>\n<p>Der \u201eAntisemitismus\u201c ist ein \u201eideologisches Relikt\u201c, das in der \u201egesellschaftlichen Realit\u00e4t des heutigen Deutschlands keine Wurzeln\u201c mehr hat, ein Gespenst von gestern, das heute von jenen politischen Kr\u00e4ften beschworen wird, die eine \u00f6ffentliche Kritik an der amerikanischen und israelischen Kriegspolitik in der BRD unterbinden wollen. Und dies sind nicht wenige in Deutschland. Angef\u00fchrt von der Springer-Presse, von <em>Welt<\/em> und <em>Bild<\/em>, bis hin zu <em>bahamas<\/em> und <em>konkret<\/em>, reicht die Front dieser Gespensterbeschw\u00f6rer, mit durchg\u00e4ngig unlauteren, weil kriegstreiberischen Absichten.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Max Brym f\u00fchlt sich nicht wohl in dieser Gesellschaft; das machen seine Artikel deutlich. Allein, er bedient sich ihrer Argumentation und wird sich der politischen Logik nicht entziehen k\u00f6nnen. Sie f\u00fchrt schnurstracks an die Seite der staatstragenden Kr\u00e4fte und der \u201etransatlantischen Allianz\u201c.<\/p>\n<p><strong>Der Antizionismus<\/strong><\/p>\n<p>Max Brym d\u00fcrfte der Kunstgriff mit der erweiterten Nutzung des Antisemitismus-Begriffes \u201eim Magen\u201c gelegen haben. Dies erkl\u00e4rt, warum er wenige Tage nach seinem ersten Artikel einen zweiten nachlegte. Der bezeichnende Titel: \u201eWider die kenntnislose antizionistische Agitation\u201c. Die \u00dcberschrift beruhigt. Die Kritik des Zionismus bleibt erlaubt, sie muss nur kenntnisreich sein. Dem ist nicht zu widersprechen.<\/p>\n<p>Der Artikel h\u00e4lt leider nicht das Versprechen der \u00dcberschrift. In seinem \u201eRes\u00fcmee\u201c kommt Brym zu dem Ergebnis: \u201eDie Diskussion \u00fcber den Zionismus hat in Seminaren stattzufinden und wissenschaftlich auch die Probleme der Bewegung in ihrem historischen Rahmen zu analysieren. Keinesfalls darf eine hirn- und kenntnislose antizionistische Agitation auf der Stra\u00dfe hingenommen werden. Denn h\u00e4ufig ist dies aufgrund des Kenntnisstandes der selbsterkl\u00e4rten deutschen \u201aAntizionisten\u2018 nichts anderes als Antisemitismus.\u201c<\/p>\n<p>Die Diskussion \u201eauf der Stra\u00dfe\u201c darf \u201ekeinesfalls (\u2026) hingenommen werden\u201c. Sie sei \u201eaufgrund des Kenntnisstandes der selbsterkl\u00e4rten deutschen \u201aAntizionisten\u2018 nichts anderes als Antisemitismus\u201c. So hat Max Brym in seinem Artikel einige Erl\u00e4uterungen zur Geschichte des Zionismus dem Leser zur Kenntnis gebracht, um zum Schluss seiner Ausf\u00fchrungen zu seinem eigentlichen Anliegen zu kommen: der Unterbindung der <em>\u00f6ffentlichen<\/em> Kritik an dem staatgewordenen Zionismus, an Israel und seiner Siedlungspolitik. Wer sich nicht daran h\u00e4lt, ist \u2013 wir haben es geahnt \u2013 ein Antisemit.<\/p>\n<p>Max Brym versucht in seinem Aufsatz, dem Leser die Differenziertheit der ideologischen und politischen Str\u00f6mungen des Zionismus n\u00e4her zu bringen. Dass er in seiner Darstellung die linken, die sozialistischen, die liberalen \u2013 und wie ich sie nennen w\u00fcrde \u2013 philanthropisch-mystischen Str\u00f6mungen st\u00e4rker in den Vordergrund r\u00fcckt als die politische Rechte um V. Jabotinsky \u2013 dieser Str\u00f6mung widmet er ganze drei Zeilen -, mag seinem Anliegen und seinen Vorlieben geschuldet sein. Unseri\u00f6s werden diese \u201ekenntnisreichen\u201c Ausf\u00fchrungen in dem Moment, wo Brym dem \u201ekenntnislosen\u201c Antizionisten vorenth\u00e4lt, dass eben die Str\u00f6mung um Jabotinsky bereits in den drei\u00dfiger Jahren auf dem XIX. Zionistischen Weltkongress \u2013 ganz ohne Teilnahme der Jabotinsky Partei<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> \u2013 einen wesentlichen Teil seines Programms, n\u00e4mlich die Vertreibung der arabischen Bev\u00f6lkerung aus Pal\u00e4stina, als Ziel der zionistischen Bewegung verk\u00fcndete. Ben Gurion formulierte den zionistischen Grundgedanken Jabotinskys in seinem Referat auf dem XIX. Kongress deutlich \u201ediplomatischer\u201c und mit einem Schwall freundlicher Worte f\u00fcr die internationale \u00d6ffentlichkeit: \u201eDenn w\u00e4hrend unser eigenes Ziel auf Pal\u00e4stina beschr\u00e4nkt ist, <strong>ist die Zukunft der arabischen Nation nicht ausschlie\u00dflich an dieses Land gebunden. Die Araber Pal\u00e4stinas sind nur ein kleiner Teil der arabischen Nation und Pal\u00e4stina bildet weniger als f\u00fcnf Prozent der Fl\u00e4che, die von den Arabern in Syrien, Irak und Arabien besetzt ist<\/strong>. Es gibt gen\u00fcgend Raum f\u00fcr die Entwicklung beider V\u00f6lker, ohne dass das eine, das andere zu bedr\u00e4ngen und begrenzen braucht.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Die Vertreibung der arabischen Bev\u00f6lkerung aus Pal\u00e4stina, dies war und blieb das gemeinsame Programm der vorherrschenden Gruppierungen auf der linken wie der rechten Seite der zionistischen Bewegung.<\/p>\n<p>Was war an dieser politischen Str\u00f6mung im Zionismus so wichtig, und was machte sie innerhalb k\u00fcrzester Zeit mehrheitsf\u00e4hig? Um dies zu verstehen, m\u00fcssen wir zur\u00fcck zu den Anf\u00e4ngen der zionistischen Bewegung. T. Herzl, einer der Begr\u00fcnder der zionistischen Bewegung, bezeichnete Pal\u00e4stina als \u201eein Land ohne Volk\u201c, was sich deshalb f\u00fcr die zionistische Besiedlung eignen w\u00fcrde, da ja die Juden \u201eein Volk ohne Land\u201c seien.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Dass dies falsch war, ist auch Brym klar. Nur weigert er sich wie alle jene Str\u00f6mungen des Zionismus, die er in seinem Aufsatz mit einer gewissen Sympathie vorstellt, daraus die politischen Konsequenzen zu ziehen. Die Gruppierung um Jabotinsky machte diesen Schritt und gewann damit ihre Massenbasis in der zionistischen Bewegung. H\u00f6ren wir Jabotinsky selbst:<\/p>\n<p>\u201eDass die pal\u00e4stinensischen Araber ihre Zustimmung zur Verwirklichung des Zionismus \u00e4u\u00dfern sollen, davon \u2013 solange wir dort in der Minderheit sind \u2013 kann nicht einmal die Rede sein. Ich spreche diese \u00dcberzeugung in so greller Form aus, nicht weil es mir angenehm ist, braven Menschen eine Entt\u00e4uschung zu bereiten, sondern einfach deshalb, weil sie das nicht entt\u00e4uschen wird: alle diese braven Menschen, mit Ausnahme Blindgeborener, haben l\u00e4ngst begriffen, dass es absolut unm\u00f6glich ist, eine g\u00fctliche Zustimmung zur Umbildung Pal\u00e4stinas aus einem arabischen Land in ein Land mit j\u00fcdischer Mehrheit von den pal\u00e4stinensischen Arabern zu erlangen. Jeder Leser hat einen gewissen Begriff von der Geschichte der Kolonisation in anderen L\u00e4ndern. Ich stelle den Antrag, dass er sich an alle bekannten Beispiele erinnere, er soll nach Durchsicht ihrer Liste versuchen, einen Fall ausfindig zu machen, wo eine Kolonisation mit Zustimmung der Eingeborenen vor sich ginge. (\u2026) Es gab keinen solchen Fall.\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Was Jabotinsky hier anf\u00fchrt, sind die Ergebnisse der europ\u00e4ischen Kolonisationspolitik. \u00dcberall dort, wo Europ\u00e4er Siedlungskolonien in Amerika oder Afrika gr\u00fcndeten, f\u00fchrte dies zur Vertreibung oder Ausrottung der einheimischen Bev\u00f6lkerung. Dies war relativ unabh\u00e4ngig von den guten oder schlechten Absichten der Kolonisatoren oder der jeweiligen Urbewohner. Der Ursprung der Konflikte liegt in der Tatsache, dass Grund und Boden, ebenso wie die gerade in Pal\u00e4stina so wichtigen Wasserrechte, \u201enat\u00fcrliche Monopole\u201c darstellen, also nicht beliebig vermehrbar sind. Wer siedeln will, braucht das Land und das Wasser. Friedlich ist dies nur in den Anfangsphasen eines Kolonisationsprozesses zu erlangen, solange die ans\u00e4ssige Bev\u00f6lkerung auf Grund eines \u00dcberflusses an Land und Wasser die Okkupation oder den Verkauf hinnimmt. Mit dem Anwachsen der Besiedlung, mit der damit notwendigen Verknappung der nat\u00fcrlichen Ressourcen, hatte das friedliche Nebeneinander zwischen Kolonisatoren und europ\u00e4ischen Siedlern \u00fcberall ein Ende.<\/p>\n<p>Die Besiedlung Pal\u00e4stinas durch europ\u00e4ische und amerikanische Juden war nichts anderes als der Versuch, eine Siedlungskolonie auf arabischem Boden im 20. Jahrhundert zu entwickeln, zu einem Zeitpunkt also, wo \u2013 durch Weltkrieg und Oktoberrevolution bedingt \u2013 \u00fcberall in Arabien und Asien die nationalen Bewegungen gegen die europ\u00e4ische Vorherrschaft entstanden. Jabotinsky begriff dieses Problem. Er wollte Herzls Fehleinsch\u00e4tzung vom \u201eLand ohne Volk\u201c korrigieren, indem er die arabische Bev\u00f6lkerung Pal\u00e4stinas zu einem \u201eVolk ohne Land\u201c machte und ihr den Rest der arabischen Welt als Heimstaat empfahl.<\/p>\n<p>Dass dies die Realit\u00e4t im zionistischen Siedlerstaat Israel wurde, liegt in der Logik der Dinge. All jene realit\u00e4tsfernen sozialistischen, philanthropischen und liberalen Str\u00f6mungen des Zionismus, die einer friedvollen Zusammenarbeit mit der arabischen Bev\u00f6lkerung das Wort redeten, hatten dauerhaft nie die M\u00f6glichkeit, massenwirksam zu werden. Dies lag weder an der Verschlagenheit der arabischen Bev\u00f6lkerung oder ihrer F\u00fchrer, wie es in einigen besch\u00f6nigenden prozionistischen Werken zu lesen ist, noch an der B\u00f6sartigkeit der j\u00fcdischen Siedler. Es lag in der Logik der <em>Siedlungskolonie<\/em>, die nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie die einheimische Bev\u00f6lkerung unterwirft, vertreibt oder t\u00f6tet. Eine andere Entwicklung hat die Geschichte bisher nicht hervorgebracht, und Israel ist keine Ausnahme.<\/p>\n<p>So endet auch Max Bryms \u201eKurzer Lehrgang\u201c \u00fcber die Geschichte des Zionismus weit \u00fcber ein Jahrzehnt <em>vor<\/em> der Entstehung des Staates Israel. Der staatgewordene Zionismus, Israel und seine Siedlungspolitik, kurz jener Zionismus, der \u201eauf der Stra\u00dfe\u201c das Thema ist, wird von ihm wohlweislich nicht behandelt. Die heutige Gestalt des Zionismus, der israelische Staat und seine Politik, ist Anlass und Grundlage der Kritik am Zionismus.<\/p>\n<p>Theodor Herzl formulierte in seinem Werk \u201eDer Judenstaat\u201c, einer Schrift, in der Max Brym \u201enicht eine einzige rassistische Passage finde(t)\u201c, folgendes Angebot an die europ\u00e4ischen Gro\u00dfm\u00e4chte, speziell an Gro\u00dfbritannien: \u201eF\u00fcr Europa w\u00fcrden wir dort (gemeint sind die Juden in Pal\u00e4stina, A.\u00a0S.) ein St\u00fcck des Walles gegen Asien bilden; wir w\u00fcrden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen.\u201c<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Den dort angebotenen \u201eVorpostendienst\u201c hat Israel in der Tat \u00fcbernommen, nur die Gro\u00dfm\u00e4chte haben gewechselt. Heute leistet Israel den \u201eVorpostendienst\u201c \u2013 nicht f\u00fcr die \u201eKultur gegen die Barbarei\u201c, sondern f\u00fcr die amerikanische Vorherrschaft in der arabischen Welt. Dort, wo sich die Ideen und politischen Programme Jabotinsky und Herzls treffen, dort liegt auch der politische Kern des Zionismus, dort findet sich auch das Wesen des Staates Israel: europ\u00e4ische Siedlungskolonie und ausl\u00e4ndischer \u201eVorposten\u201c in der arabischen Welt zu sein.<\/p>\n<p>Bryms Geschichte des Zionismus ist in der Tat nur f\u00fcr Universit\u00e4tsseminare geeignet, weil sie vollst\u00e4ndig unpolitisch ist, den Zionismus allein in seiner Periode als ideologische Str\u00f6mung und bei der Formierung in politische Parteien behandelt. Dort, wo er geschichtswirksam wird und die Formierung des israelischen Staates beginnt, dort schweigt er, vermutlich aus Kenntnis. Dieser unpolitischen Geschichte des Zionismus gewinnt er aber eine <em>politische<\/em> <em>Schlussfolgerung<\/em> ab. Wer \u201eauf der Stra\u00dfe\u201c, also <em>\u00f6ffentlich<\/em>, die Siedlungs- und Vertreibungspolitik Israels kritisiert, ist \u201eAntisemit\u201c. Damit aber sind wir zu unserem Ausgangspunkt zur\u00fcckgekehrt. Die \u201ekenntnisreiche\u201c Einf\u00fchrung in die Geschichte des Zionismus diente keineswegs der theoretischen oder politischen Belehrung der \u201eHirn- und Kenntnislosen\u201c, sondern, wie bereits im ersten Artikel, der moralischen und politischen Denunziation der Kritiker der israelischen Siedlungspolitik als \u201eAntisemiten\u201c.<\/p>\n<p>W\u00e4re es nicht an der Zeit, das Gespenst des Antisemitismus zu begraben und sich der Realit\u00e4t der amerikanischen, der israelischen und auch der deutschen Politik zuzuwenden? Diese heutige Politik und die sie betreibenden Kr\u00e4fte sind finster genug.<\/p>\n<p>Alfred Schr\u00f6der, 2002<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Siehe zu diesen Definitionen im Internet die Seiten des IDGR (Informationsdienst gegen Rechtsextremismus) unter dem Stichwort \u201eAntisemitismus\u201c oder unter Antisemitismus-Info. (Diese Seiten sind 2006 abgeschaltet worden.)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Ebenda<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hier wird gemeinsam der Irakkrieg propagandistisch vorbereitet und derselbe als Schutz und Verteidigung Israels verkauft.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> 1922 war durch ein V\u00f6lkerbundmandat der Jordan als Besiedlungsgrenze der \u201ej\u00fcdischen Heimst\u00e4tte\u201c definiert worden. Jabotinskys Gruppierung forderte die \u201eRevision der Jordangrenze\u201c sowie die Errichtung eines j\u00fcdischen <em>Staates,<\/em> nicht nur einer \u201ej\u00fcdischen Heimst\u00e4tte\u201c einschlie\u00dflich der Vertreibung der Araber. Da der Zionistenkongress 1935 dies nicht offen und klar formulieren w\u00fcrde, boykottierte seine Gruppierung den Kongress.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Stenographisches Protokoll des XIX. Zionistenkongresses.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Dieser T. Herzl zugeschriebene Ausspruch, stammt vermutlich urspr\u00fcnglich von Israel Zangwill, einem in Gro\u00dfbritannien geborenen und eher links einzuordnenden Schriftsteller und Zionisten. Er spiegelt geradezu klassisch das dem Zionismus zugrundeliegende Weltbild und Rechtfertigungsschema der Mehrheit aller zionistischen Str\u00f6mungen wider.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Vladimir Jabotinsky, Die pal\u00e4stinensischen Araber, in: Zionismus. Herausgeber. Julius Schoeps, M\u00fcnchen 1973, S.\u00a0278\/279.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Theodor Herzl, Bd. 1, S.\u00a045.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung (November 2023) Der hier vorlegte Artikel wurde im Juli 2002 auf der online-Plattform www.Kalaschnikow.net und anschlie\u00dfend im selben Jahr in der AzD\u00a072 ver\u00f6ffentlicht. Anlass war eine Debatte \u00fcber den Ursprung und die Bedeutung des Antisemitismus in der Gegenwart Deutschlands. Warum ver\u00f6ffentlichen wir erneut einen \u00fcber 20 Jahre alten Artikel zu diesem Thema? 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