{"id":2644,"date":"2023-02-13T21:52:19","date_gmt":"2023-02-13T20:52:19","guid":{"rendered":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2644"},"modified":"2023-02-13T21:52:23","modified_gmt":"2023-02-13T20:52:23","slug":"eine-verfehlte-debatte","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2644","title":{"rendered":"Eine verfehlte Debatte"},"content":{"rendered":"<p><em>Alfred Schr\u00f6der<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Innerhalb der \u201eKommunistischen Organisation\u201c (KO) gibt es seit Monaten eine heftige Debatte \u00fcber den Ukraine-Krieg und die Leninsche Imperialismustheorie. Diese Debatte hat zur Spaltung der Organisation gef\u00fchrt. Positiv an dieser Debatte ist, dass sie \u00f6ffentlich gef\u00fchrt wird, so dass Interessierten die M\u00f6glichkeit gegeben wird, die Auseinandersetzung nachzuvollziehen bzw. selbst Stellung zu beziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich die unterschiedlichen Positionen richtig verstehe, versucht der eine Fl\u00fcgel den russischen Einmarsch in die Ukraine zu rechtfertigen, w\u00e4hrend der andere ihn f\u00fcr imperialistisch h\u00e4lt. Beide Fl\u00fcgel berufen sich letztendlich auf die Leninsche Imperialismustheorie, die jedoch von Protagonisten der beiden Fl\u00fcgel unterschiedlich interpretiert wird. Dem Wesen der Sache nach ist dies ein scholastischer Streit um die richtige Auslegung der \u201eSchrift\u201c ohne ernsthaften Erkenntnisgewinn, allerdings mit ernsthaften Folgen f\u00fcr die politische Praxis.<\/p>\n<p><strong>Wo liegt das politische Problem?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beide Fl\u00fcgel bewegt die Frage, wie der \u201eDeutsche Imperialismus\u201c im jetzigen Ukraine-Krieg richtig zu bek\u00e4mpfen ist. Muss man sich als deutscher Kommunist nicht notwendig auf die Seite Russlands schlagen, um den \u201eDeutschen Imperialismus\u201c und die Nato zu bek\u00e4mpfen? Ist nicht weiterhin die Losung \u201eDer Feind steht im eigenen Land\u201c als internationalistische Losung richtig?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Pro-Putin Fl\u00fcgel in der KO und ihrem Umfeld folgert daraus, dass Russlands Krieg \u201eein <strong>antiimperialistischer Verteidigungskrieg<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a><\/strong> (ist)<strong>. <\/strong>Die weltweiten Ambitionen der Imperialisten werden durch diesen Krieg ausgebremst. In diesem Sinne ist jede \u00c4quidistanz, jede Verurteilung Russlands als \u201aauch Aggressor\u2018 und \u201aauch Imperialist\u2018 ein Verrat an der internationalen Solidarit\u00e4t.\u201c <a href=\"https:\/\/kommunistische.org\/diskussion\/imperialismus-und-die-spaltung-der-kommunistischen-bewegung\/\">https:\/\/kommunistische.org\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Yana-Imperialismus-und-die-Spaltung-der-kommunistischen-Bewegung<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier wird der russische Einmarsch in die Ukraine zu einem antiimperialistischen Verteidigungskrieg uminterpretiert, da Russland vom \u201ekollektiven Imperialismus\u201c \u2013 so die Argumentation \u2013 \u201eausgebeutet\u201c wird. Mit dieser These umgeht man die Fragestellung, inwiefern Russland nicht auch eine <strong>nichtimperialistische<\/strong> Antwort auf die NATO-Aktivit\u00e4ten in der Ukraine gehabt h\u00e4tte und warum die russische F\u00fchrung dieselbe bewusst ausgeschlossen hat. (siehe dazu weiter unten Fu\u00dfnote 4)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch zur\u00fcck zu der Ausgangsfragestellung, deren Beantwortung wir f\u00fcr essentiell halten. In der Tat ist es richtig, f\u00fcr die Niederlage der Nato und ihrer ukrainischen Vasallen einzutreten. Jede Schw\u00e4chung der NATO st\u00e4rkt die Kampfpositionen der revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte weltweit. Und deshalb ist es umso unverst\u00e4ndlicher, warum die sich aufdr\u00e4ngenden und eindeutig antiimperialistisch-revolution\u00e4ren Positionen weder in der theoretischen Auseinandersetzung noch bei der politischen Arbeit ins Zentrum ger\u00fcckt werden:<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\"><strong>Deutschland raus aus der Nato \u2013 Nato raus aus Deutschland!<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\"><strong>Keine Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Kriegsukraine &#8211; keine Sanktionen gegen Russland!<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\"><strong>Frieden auf dem Bodes des Selbstbestimmungsrechts der V\u00f6lker und Nationen!<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Forderungen werden in der Linken kaum diskutiert und noch weniger \u00f6ffentlich propagiert. Auch die Debatten in der KO und in ihrem politischen Umfeld behandeln diese <strong>zentralen<\/strong> politischen Forderungen gegen die NATO &#8211; um es h\u00f6flich zu formulieren &#8211; \u201estiefm\u00fctterlich\u201c; praktisch ignoriert man sie so gut wie vollst\u00e4ndig. Und dies, obwohl eigentlich nur auf dem Boden dieser Forderungen <strong>eine eigenst\u00e4ndige politische Position der Kommunisten<\/strong> sowohl gegen die eigene Bourgeoisie (dem von beiden Fl\u00fcgeln heftig kritisierten immerw\u00e4hrenden \u201eDeutschen Imperialismus\u201c), gegen den allseits propagierten Sozialchauvinismus (Unterst\u00fctzung der angegriffenen Ukraine), als auch gegen den kleinb\u00fcrgerlichen Pazifismus (Waffenstillstand und Frieden ohne Selbstbestimmungsrecht) bezogen werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne klare Positionen, die sich in den entsprechenden politischen Forderungen (siehe oben) manifestieren, ist der stets beschworene Kampf gegen den immerw\u00e4hrenden \u201eDeutschen Imperialismus\u201c<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a> mit allen seinen realen bzw. von den Linken angedichteten Eigenschaften<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a> nur ideologisches Geschw\u00e4tz ohne ernsthafte politische Konsequenz.<\/p>\n<p><strong>Imperialismus in zaristischer Tradition <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So richtig es ist, f\u00fcr die Niederlage der \u201eeigenen Seite\u201c in einem imperialen Krieg einzutreten, so falsch ist es, deshalb im Umkehrschluss f\u00fcr den Sieg des anderen imperialen R\u00e4ubers einzutreten. Ganz im Gegenteil. Die eigene politische Position verliert jegliche Glaubw\u00fcrdigkeit, wenn die Kritik an der imperialistisch agierenden NATO mit einer besch\u00f6nigenden Darstellung des russischen Imperialismus verbunden wird, wie das bei den Putin-Unterst\u00fctzern in der KO der Fall ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tatsache, dass die NATO bzw. Teile der NATO unter F\u00fchrung der USA die Ukraine als Frontstaat gegen Russland ausgebaut haben, legitimiert keineswegs den ebenfalls imperialen Kriegsgrund Russlands: \u201eSeit jeher nannten sich die Bewohner der s\u00fcd\u00f6stlichen, historischen altrussischen Lande Russen und Orthodoxe. So war es vor dem 17.\u00a0Jahrhundert, als sich ein Teil dieser Gebiete wieder mit dem Russl\u00e4ndischen Staat vereinte, und so blieb es danach.\u201c F\u00fcr Putin wie f\u00fcr die Romanow-Zaren waren die Ukrainer danach schon immer Russen, und die Ukraine eine Sch\u00f6pfung Lenins und der Bolschewiki und damit eigentlich keine eigenst\u00e4ndige Nation, sondern ein im Westen liegender Teil der russischen Nation, der zum Mutterland zur\u00fcckgef\u00fchrt werden muss, um die Fehler Lenins zu korrigieren. (siehe dazu: <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2523\">https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2523<\/a>) Dies ist russischer Gro\u00dfmachtchauvinismus wie aus der Zarenzeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dank dieser russischen Politik erstarkte in der Ukraine der Nationalismus ebenso wie im Baltikum, in Polen oder in Finnland \u2013 alles Staaten, die in der Zarenzeit zu Russland \u201egeh\u00f6rten\u201c, richtiger gesagt, vom Zarismus annektiert worden waren. Und diese politische Reaktion in den genannten Staaten beruht auf der kaum bestreitbaren Tatsache, dass Putin mit seinen Ausf\u00fchrungen an die imperiale Politik des russischen Zarismus der vergangenen Jahrhunderte ankn\u00fcpft und dies mit Absicht. Der Nationalismus soll in Russland an die Stelle der sozialen Frage treten, die f\u00fcr das Regime ungleich gr\u00f6\u00dfere Sprengkraft birgt als das nationalistisch chauvinistische B\u00fcndnis mit der KP und der Russisch-Orthodoxen Kirche (deren Mitglied und Ordenstr\u00e4ger der KP-Vorsitzende ist).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass Russland auf die unbestreitbare Einkreisungs- und Aufr\u00fcstungspolitik der NATO nur mit einem durch zaristische Eroberungen der vergangenen Jahrhunderte begr\u00fcndeten Krieg gegen die Ukraine antworten konnte, sagt viel \u00fcber das politische System und sein au\u00dfenpolitisches Programm aus: \u201eDa die russische Politik selbst oligarchisch gepr\u00e4gt und damit reaktion\u00e4r ist, blieb auch nur eine reaktion\u00e4re, imperiale Politik als Antwort auf die imperiale Politik der USA und NATO \u00fcbrig. Dieser Krieg ist von allen beteiligten Seiten reaktion\u00e4r und dies trifft auch auf jene Kr\u00e4fte zu, die ihn \u201enur\u201c politisch, \u00f6konomisch und mit Waffen unterst\u00fctzen. \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da die russische Politik diese Ausweitung nicht auf demokratische oder revolution\u00e4re Weise mit der Forderung nach dem Selbstbestimmungsrecht der V\u00f6lker und Nationen verhindern konnte und <em>wollte \u2013<\/em> eine f\u00fcr den Mehrv\u00f6lkerstaat Ukraine sehr gef\u00e4hrliche Forderung -, blieb nur der imperiale Krieg zur Zerschlagung der Ukraine.\u201c<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p><strong>Revolution\u00e4rer Def\u00e4tismus statt neuem \u201eWerkzeugkasten\u201c oder eine falsch verstandene Kritik Lenins an den Positionen von R. Luxemburg<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die heutige russische Politik mit Lenins Position zum 1.\u00a0WK begr\u00fcnden zu wollen, wie der KAZ-Autor Corell es mit dem Verweis auf Lenins Kritik an R. Luxemburg<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a> ohne n\u00e4here Belege andeutet, entbehrt jeder Grundlage. Lenin trat von Beginn des Weltkrieges f\u00fcr die Niederlage des Zarismus im Krieg ein und begr\u00fcndete dies mit der Absicht, damit eine Verbesserung der Kampfm\u00f6glichkeiten der revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte zu erzielen. \u201eHaben wir nicht immer gesagt, und lehrt die historische Erfahrung der reaktion\u00e4ren Kriege nicht, dass Niederlagen das Werk der revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte erleichtern.\u201c<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[6]<\/a> F\u00fcr die Niederlage des Zarismus, um die Revolution zu forcieren \u2013 das war Lenins Position.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies bedeutete allerdings nicht, dass er im Umkehrschluss f\u00fcr den Sieg der Mittelm\u00e4chte oder der restlichen Entente Staaten eintrat. Vielmehr forderte er von den revolution\u00e4ren Kr\u00e4ften in diesen L\u00e4ndern, eine ebensolche revolution\u00e4r-defaitistische Position zu beziehen. Das ist neben der nationalen Frage sein zweiter grundlegender Kritikpunkt an Luxemburg und ihrer Junius Brosch\u00fcre. F\u00fcr Luxemburg war Sieg oder Niederlage des eigenen Landes \u201ebeides gleich schlecht\u201c.<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Corell von der KAZ argumentiert; \u201eWas haben wir in unserem Werkzeugkasten und was davon wurde aus verschiedenen Gr\u00fcnden nicht genutzt? Zu diesen nicht genutzten Werkzeugen geh\u00f6ren die Fragen der Halbkolonie, Kompradoren und der nationalen Bourgeoisie.\u201c Die \u201everschiedenen Gr\u00fcnde\u201c, die Corell nicht n\u00e4her ausf\u00fchrt, sind einfach zu erkennen. Vor dem Ukraine-Krieg w\u00e4re kaum ein Mensch, geschweige denn ein revolution\u00e4rer Marxist, auf die Idee gekommen, Russland als \u201eHalbkolonie\u201c \u2013 von welchem Land auch immer \u2013 zu definieren. Aber die theoretische Not, einen milit\u00e4rischen \u00dcberfall zu legitimieren, macht erfinderisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dazu handelt Lenins Kritik an der Junius-Brosch\u00fcre nicht von Corells \u201eWerkzeugen\u201c, die auf das heutige Russland gar nicht anwendbar sind, sondern von den Fehlern R.\u00a0Luxemburgs in der nationalen Frage (mit der Corell sich durchaus n\u00e4her besch\u00e4ftigen sollte), von der unzureichenden Abgrenzung zum Kautskyanismus (\u201ein der Junius-Brosch\u00fcre \u2026 ist weder vom Opportunismus noch vom Kautskyanertum die Rede.\u201c \u2013 so Lenin, LW\u00a022, S.\u00a0312) und der angesprochenen Position des fehlenden revolution\u00e4ren Def\u00e4tismus. R.\u00a0Corells Versuch, in Lenins Kritik an der Brosch\u00fcre Luxemburgs einen neuen \u201eWerkzeugkasten\u201c mit Argumenten zur Unterst\u00fctzung und Legitimierung der russischen Aggression zu finden, geht fehl.<\/p>\n<p><strong>Das theoretische Debakel<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beide Fl\u00fcgel der KO suchen ihre Positionen mit unterschiedlichen Interpretationen der Leninschen Imperialismustheorie zu begr\u00fcnden. Diese <strong>Imperialismusdebatte<\/strong> hat zwei un\u00fcbersehbare M\u00e4ngel, die den Beteiligten offensichtlich nicht bewusst sind. Ihre Debatte behandelt nicht den <strong><em>Imperialismus<\/em><\/strong>, sondern erstens eine Variante der <strong><em>\u00f6konomischen<\/em><\/strong> <strong><em>Imperialismustheorie<\/em><\/strong> des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts und zweitens den Versuch, die politische Realit\u00e4t des 21.\u00a0Jahrhunderts aus der \u00f6konomisch begr\u00fcndeten Imperialismustheorie der II.\u00a0Internationale herzuleiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Imperialismus ist aber keine Erfindung des 19. oder 20.\u00a0Jahrhunderts, ebenso wenig wie imperialistische Kriege eine Erfindung diese Zeit sind. Imperialismus hat es zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte seit der Staatenbildung gegeben und damit ebensolche Kriege. Man h\u00f6re dazu Lenin: \u201eEin Beispiel: England und Frankreich haben im Siebenj\u00e4hrigen Krieg um Kolonien gek\u00e4mpft, d. h. einen imperialistischen Krieg gef\u00fchrt (der ebenso auf der Basis der Sklaverei und der Basis des primitiven Kapitalismus wie auf der gegenw\u00e4rtigen Basis des hochentwickelten Kapitalismus m\u00f6glich ist). \u2026 Daraus ist ersichtlich, wie sinnlos es w\u00e4re, den Begriff Imperialismus schablonenhaft anzuwenden\u201c.<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinter allen diesen Kriegen steckten Rivalit\u00e4ten zwischen Staaten um Einflu\u00dfsph\u00e4ren, politische und milit\u00e4rische Macht, \u00f6konomische Interessen und territoriale Anspr\u00fcche. Und in den jeweiligen Staaten gab es unterschiedliche soziale Kr\u00e4fte (St\u00e4nde\/Klassen) und durch sie gebildete politische Gruppierungen, die die jeweiligen Kriege herbeif\u00fchrten oder kritisierten. Die Untersuchung dieser Ereignisse ist das Thema der Geschichtsschreibung, vorz\u00fcglich als Geschichte von Klassenk\u00e4mpfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ukrainekrieg l\u00e4sst sich mit imperialistischer Politik, wie wir sie seit wenigsten zweitausend Jahre kennen, ganz ohne eine \u00f6konomische Imperialismustheorie erkl\u00e4ren. Zwei Gro\u00dfm\u00e4chte oder B\u00fcndnisse f\u00fchren Krieg miteinander auf dem Territorium eines anderen Staates, wie z.B. im 30j\u00e4hrigen Krieg das Haus Habsburg gegen Frankreich in Deutschland mit deutschen und spanischen Truppen, w\u00e4hrend das katholische Frankreich die protestantischen deutschen F\u00fcrsten und das ebenso protestantische Schweden finanzierte, um das Reich und die Habsburger Monarchie zu schw\u00e4chen. Oder nehmen wir den gerade erw\u00e4hnten Siebenj\u00e4hrigen Krieg zwischen England und Frankreich, in dem England Preu\u00dfen finanzierte, um Frankreich einige Besitzungen in der Karibik, Nordamerika und in Indien abzunehmen usw.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und genau einen solchen Krieg sehen wir in der Ukraine. Die US-gef\u00fchrte NATO finanziert die Aufr\u00fcstung der Ukraine, wohlwissend, dass Russland diese NATO-Ausdehnung nicht hinnehmen wird. Da Russland \u2013 bedingt durch die eigene oligarchisch gepr\u00e4gte Herrschaft \u2013 darauf nicht nationalrevolution\u00e4r (Selbstbestimmungsrecht der V\u00f6lker), sondern nur nationalistisch reaktion\u00e4r reagieren konnte, kam es zum jetzigen Ukraine-Krieg. Ausgefochten wird er auf ukrainischem Territorium mit dem massiven Einsatz von S\u00f6ldnerverb\u00e4nden und Vertrags- und Zeitsoldaten. Und dies von beiden Seiten. Jegliche umfangreichere Einbeziehung von Wehrpflichtigen wird von beiden Kriegsparteien wenn irgend m\u00f6glich vermieden, was den reaktion\u00e4ren Charakter des Krieges zus\u00e4tzlich illustriert. Je mehr Wehrpflichtige durch Niederlagen an der Front in diesen Krieg einbezogen werden m\u00fcssen, desto instabiler wird die Oligarchen-Herrschaft sowohl in Russland wie in der Ukraine.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Krieg ist die <strong>Fortsetzung der<\/strong> <strong>Politik<\/strong> der US-gef\u00fchrten NATO einerseits und Russlands anderseits. Er bedarf zu seiner Erkl\u00e4rung keiner \u201e\u00f6konomischen Imperialismustheorie\u201c. Sie dient einzig dazu, mit theoretischen Konstrukten, die sich v\u00f6llig zu Unrecht auf Lenin berufen, die russische Aggression zu legitimieren. Diese Konstrukte nimmt &#8211; au\u00dferhalb jener sich immer mehr politisch isolierenden linken Gruppierungen &#8211; kein politisch interessierter Mensch ernst. Damit desavouiert man den revolution\u00e4ren Marxismus und leistet dem Kampf gegen die imperiale Kriegspolitik einen B\u00e4rendienst.<\/p>\n<p><strong>Eine unsinnige Debatte<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Genosse, der offenkundig die Debatte der KO-Fl\u00fcgel ernsthaft verfolgt, schrieb in einer Mail an uns: \u201eMeine zentrale Frage (ist): Wie kommen wir zu einer korrekten Klassenanalyse Russlands? Imperialistische Regionalmacht mit monopolkapitalistischer Rohstoffwirtschaft? Halbkolonie internationaler Rohstoffkonzerne? Kompradorenbourgeoisie vs. Nationale Bourgeoisie? Postsowjetische Gesellschaft im Transformationsprozess zu Oligarchen-Kapitalismus oder Neuer Demokratie?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Genosse \u00fcbernimmt mit seiner Fragestellung den von Corell und Anh\u00e4ngern eingebrachten \u201eWerkzeugkasten\u201c, aus dem die weitgehend unbewiesene Behauptung ausgepackt wurde, dass es sich bei Russland um eine Halbkolonie des \u201ekollektiven Imperialismus\u201c handelt. In dieser Halbkolonie soll eine nationale Bourgeoisie, wohl von Putin angef\u00fchrt, mit einer Kompradorenbourgeoisie, die weitestgehend im Ausland lebt, um die Macht ringen. Dadurch w\u00fcrde sich die M\u00f6glichkeit eines B\u00fcndnisses von Arbeiterklasse und nationaler Bourgeoisie im Krieg gegen die Ukraine schmieden lassen, welches dann eine nationalrevolution\u00e4re \u201eNeue Demokratie\u201c hervorbringen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese ganzen Begrifflichkeiten haben mit der Realit\u00e4t des Putinschen Russlands nichts zu tun. Hier wurden Bruchst\u00fccke aus \u2013 zumeist unverstandenen \u2013 Schriften Lenins (siehe Corells Erz\u00e4hlungen zur Junius-Brosch\u00fcre) entlehnt und der heutigen politischen und \u00f6konomischen Realit\u00e4t mit Gewalt \u00fcbergest\u00fclpt. Sie dienen dazu, dem mit gro\u00dfrussischen nationalistischen Begr\u00fcndungen vorgenommenen Einmarsch in die Ukraine eine vermeintlich \u201emarxistisch-leninistische\u201c Begr\u00fcndung zu verschaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den tats\u00e4chlichen Verh\u00e4ltnissen im heutigen Russland schrieb Willi Gerns in den Marxistischen Bl\u00e4ttern: \u201eWenn wir diese Grunds\u00e4tze auf das heutige Russland anwenden, m\u00fcssen wir feststellen: Russland ist ein kapitalistisches Land, in dem der gr\u00f6\u00dfte Teil der Produktionsmittel im Zuge der antisozialistischen Konterrevolution in kapitalistisches Privateigentum \u00fcbergegangen ist. Dominierend ist das geraubte Eigentum der Oligarchen-Clans. \u2026 Diese Eigentumsstruktur wird durch die von der russischen staatlichen Beh\u00f6rde f\u00fcr Statistik (Rosstat) ver\u00f6ffentlichten Daten belegt.\u201c Die von dem Genossen Gerns anschlie\u00dfend mit den entsprechenden Angaben zitiert werden. Seine Schlussfolgerung: \u201eDie politische Macht wird in Russland durch eine Herrschaftselite ausge\u00fcbt, in der die Macht der obersten Staatsb\u00fcrokratie mit der Wirtschaftsmacht von Oligarchen zusammenw\u00e4chst.\u201c<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[9]<\/a> Die Konzerne und die sie repr\u00e4sentierenden Personen werden dann im Einzelnen angef\u00fchrt und als \u201ePolitb\u00fcro 2.0\u201c unter Putins F\u00fchrung definiert.<a href=\"#_edn10\" name=\"_ednref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcbersetzen wir nun die von Gerns grob umrissenen sozialen Kr\u00e4fte und ihre Herrschaftsform in die Welt der theoretischen Konstrukte von Corell und Anh\u00e4ngern. Die \u201enationale Bourgeoisie\u201c unter Putins F\u00fchrung wird unterst\u00fctzt von einer sozialchauvinistischen KP, die wie die Orthodoxe Kirche den Krieg in der Ukraine mittr\u00e4gt. Die KP nimmt hier dieselbe Rolle ein wie die deutsche Mehrheitssozialdemokratie im 1.\u00a0WK: die Arbeiter und weitere Teile des Volkes f\u00fcr den imperialen Krieg zu begeistern. Im Feld st\u00fctzt sich diese Koalition &#8211; neben Berufs- und Zeitsoldaten &#8211; wesentlich auf die S\u00f6ldner der sog. Wagner-Gruppe (teils verurteilte Kriminelle) und Kadyrows Tschetschenen. Das soll die Klassenbasis einer k\u00fcnftigen \u201eNeuen Demokratie\u201c in Russland darstellen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sobald man versucht, die abstrakten theoretischen Konstrukte (Halbkolonie, nationale Bourgeoisie, Kompradorenbourgeoisie, kollektiver Imperialismus<a href=\"#_edn11\" name=\"_ednref11\">[11]<\/a> etc.) mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu konfrontieren, enth\u00fcllt sich die ganze Absurdit\u00e4t dieser Debatte. Mit einer Handvoll Schlagworten aus den Leninschen Schriften suchen Corell und Co. die Realit\u00e4t zu \u201evernebeln\u201c und statt \u00fcber einen <strong><em>konkreten<\/em><\/strong> imperialen Krieg eine Debatte \u00fcber gefundene und erfundene theoretische Konstrukte zu f\u00fchren. In der Praxis f\u00fchrt dies zur Unterst\u00fctzung eines imperialen, nationalistisch-chauvinistisch begr\u00fcndeten Krieges Russlands und ebenso zur weiteren Isolierung und Diskreditierung der Kommunisten in Deutschland. Es ist eine in jeder Hinsicht verfehlte Debatte.<\/p>\n<p>Gelsenkirchen, 12.\u00a0Februar 2023<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Hervorhebung im Original<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Siehe dazu: Karuscheit: \u201e\u00dcber eine originelle Theoriebildung\u201c \u00a0<a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2382\">https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2382<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> So erz\u00e4hlt R. Corell (KAZ) in einem Interview von der \u201en\u00e4chsten Welle des deutschen Ostlandritts, der gerade eingel\u00e4utet wird\u201c und fabuliert an selber Stelle, dass \u201eein Teil des deutschen Monopolkapitals\u201c auf eine Niederlage der USA in der Ukraine spekuliert, mit dem Plan, \u201edass am Ende Russland geschw\u00e4cht, die USA geschw\u00e4cht (sind) und der deutsche Imperialismus auftreten kann.\u201c Der Phantasie sollen ja keine Grenzen gesetzt sein, dem Verstand sowie der Wahrnehmung der Wirklichkeit zuweilen sehr enge.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> Siehe <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2523\">https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2523<\/a>; wie eine nicht imperialistische Politik Russlands gegen\u00fcber der NATO in der Ukraine auszusehen h\u00e4tte, wurde dort ebenfalls dargestellt.<\/p>\n<p>Illustriert wird die Sprengkraft einer demokratischen und revolution\u00e4ren Politik in der Beilage der Marxistischen Bl\u00e4tter Nr. 4\/2022. In einem Interview mit dem griechischen Professor Dimitrios Patelis berichtet dieser von der Stimmung im Donbass und der Politik der russischen Bourgeoisie: \u201eNoch dazu konnte ich bei meinem Besuch im Donbass 2015 mit eigenen Augen sehen, wie \u2013 gelinde gesagt \u2013 unaufrichtig sich diese russische Bourgeoisie samt ihrem politischen Personal im Kreml gegen\u00fcber der Bev\u00f6lkerung in den beiden Volksrepubliken verhalten hat, als diese \u00fcber Jahre hinweg gegen\u00fcber der Kiewer Junta aufbegehrte und sich der militanten und m\u00f6rderischen Aktionen gegen russischsprachige Mitb\u00fcrger zu erwehren versuchte. Als die fortschrittlichsten Kr\u00e4fte unter den Volksmilizen im Donbass schon tats\u00e4chlich einige erstaunliche Siege gegen die Nazi-Bataillone und Teile der damals noch ziemlich desorientierten ukrainischen Armee in Mariupol und Debalzewe errungen hatten, verschwanden auf mystische Weise nach und nach alle Leute, die noch irgendwelche klaren Vorstellungen vom einstigen Ziel des bewaffneten antioligarchischen, antiimperialistischen, antifaschistischen Aufstands hegten, das mir damals vor Ort zum Beispiel eine Reihe von Bergarbeitern erkl\u00e4rten mit dem Satz: \u201aUnsere Heimat ist die Sowjetunion\u2018. Das war nat\u00fcrlich das letzte, was die F\u00fchrung der russischen Bourgeoisie in ihrer Nachbarschaft gebrauchen konnte.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> LW Bd. 22, \u201e\u00dcber die Junius-Brosch\u00fcre\u201c S. 310 ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a> LW Bd. 22, S. 324<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a> LW Bd. 22, S. 324<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[8]<\/a> LW Bd. 22, S. 316. Eine Textstelle aus Corells neuem \u201eWerkzeugkasten\u201c, die ihm entgangen ist.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[9]<\/a> Marxistische Bl\u00e4tter, Heft 1-15, 53. Jahrgang, S. 67-77<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref10\" name=\"_edn10\">[10]<\/a> Dass W. Gerns im letzten Drittel des Artikels Russlands Politik im Jahr 2015 noch zu verteidigen sucht, ist wohl seiner politischen Herkunft geschuldet. Ob er dies heute noch genauso formulieren w\u00fcrde, ist zu bezweifeln. In <strong><em>der ausgezeichneten marxistischen Arbeit<\/em><\/strong> von Ditte Gerns zur nationalen Frage <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/442254.marxismus-leninismus-eine-klassenfrage.html\">https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/442254.marxismus-leninismus-eine-klassenfrage.html<\/a> wird er mit deutlich kritischeren Positionen gegen\u00fcber der Putinschen Politik zitiert.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref11\" name=\"_edn11\">[11]<\/a> Mir erschlie\u00dft sich der Unterschied zwischen dem \u201ekollektiven Imperialismus\u201c von Corell und Yana zu dem theoretisch bekannten \u201eUltraimperialismus\u201c von Kautsky und Hilferding <strong>nicht<\/strong>. Ist man vielleicht \u2013 nicht ganz zuf\u00e4llig \u2013 im falschen Werkzeugkasten f\u00fcndig geworden?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alfred Schr\u00f6der Innerhalb der \u201eKommunistischen Organisation\u201c (KO) gibt es seit Monaten eine heftige Debatte \u00fcber den Ukraine-Krieg und die Leninsche Imperialismustheorie. Diese Debatte hat zur Spaltung der Organisation gef\u00fchrt. Positiv an dieser Debatte ist, dass sie \u00f6ffentlich gef\u00fchrt wird, so dass Interessierten die M\u00f6glichkeit gegeben wird, die Auseinandersetzung nachzuvollziehen bzw. selbst Stellung zu beziehen. 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