{"id":248,"date":"2016-09-12T09:23:23","date_gmt":"2016-09-12T07:23:23","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=248"},"modified":"2016-09-12T09:23:23","modified_gmt":"2016-09-12T07:23:23","slug":"5-zur-frage-der-modernisierung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=248","title":{"rendered":"5. Zur Frage der &#8222;Modernisierung&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Der Historiker Ernst Nolte stellte schon vor mehr als 20 Jahren \u00fcber die ideologischen Grundlagen des Nationalsozialismus fest: &#8222;Zur Ganzheit zusammengefasst, bilden sie gleichwohl ein Ideengeb\u00e4ude, dessen Folgerichtigkeit und Konsistenz den Atem verschl\u00e4gt.&#8220; [121] Er hat recht. Adolf Hitler griff in &#8222;Mein Kampf&#8220; eine F\u00fclle von Str\u00f6mungen seiner Zeit auf und arbeitete sie zu einer in sich geschlossenen Weltanschauung und politischen Programmatik um, deren verschiedene Teile sich mit innerer Logik miteinander verschlingen. Er betonte immer wieder die &#8222;granitene Grundlage&#8220; der nationalsozialistischen Politik. [122] &#8222;Jede Gewalt, die nicht einer festen geistigen Grundlage entsprie\u00dft, wird schwankend und unsicher sein. Ihr fehlt die Stabilit\u00e4t, die nur in einer fanatischen Weltanschauung zu ruhen vermag.&#8220; [123]<\/p>\n<div>\n<p>In einer idealtypischen Beschreibung des Verh\u00e4ltnisses zwischen &#8222;Programmatiker&#8220; und &#8222;Politiker&#8220; stellte er dem Programmatiker die Aufgabe, die &#8222;granitene Grundlage&#8220; der Weltanschauung auszuarbeiten, die dann vom Politiker in die Tat umgesetzt werden musste. &#8222;Zu einer abstrakt richtigen geistigen Vorstellung, die der Programmatiker zu verk\u00fcnden hat, muss sich die praktische Erkenntnis des Politikers gesellen.&#8220; [124] Die Politik barg jedoch Gefahren in sich, da Irrt\u00fcmer nicht ausgeschlossen waren. Wenn ein Politiker aber einmal in grundlegenden Fragen irrte, konnte das auch ein zweites Mal und \u00f6fter geschehen. Darum m\u00fcsse er schon beim ersten schweren Irrtum die &#8222;letzte Folgerung&#8220; ziehen und abdanken. Aus dieser Einstellung resultierte eine geradezu &#8222;panische Angst&#8220; vor Meinungs\u00e4nderungen. [125] Das machte die Weltanschauung so wichtig, denn je fundierter sie war, desto geringer war die Gefahr von politischen Irrt\u00fcmern. Dann brauchte der F\u00fchrer seine Anschauungen nicht mehr zu \u00e4ndern, sondern nur weiterzuentwickeln. &#8222;Sein Lernen wird kein prinzipielles Umlernen mehr sein, sondern ein Hinzulernen, und seine Anh\u00e4nger werden nicht das beklommene Gef\u00fchl hinunterw\u00fcrgen m\u00fcssen, von ihm bisher falsch unterrichtet worden zu sein, sondern im Gegenteil: das ersichtliche organische Wachsen des F\u00fchrers wird ihnen Befriedigung gew\u00e4hren, da sein Lernen ja nur die Vertiefung ihrer eigenen Lehre bedeutet.&#8220; Darum verlangte Hitler, dass man Politiker erst mit 30 Jahren werden d\u00fcrfe, wenn die eigene Anschauung ausgebildet war. [126]<\/p>\n<p>Ein besonderer Gl\u00fccksfall der Geschichte war es, wenn Programmatiker und Politiker sich in einer Person verk\u00f6rperten. &#8222;Innerhalb langer Perioden der Menschheit kann es dann einmal vorkommen, dass sich der Politiker mit dem Programmatiker verm\u00e4hlt&#8220;. [127] Diese Verschmelzung nahm Hitler f\u00fcr sich selber in Anspruch. Er behauptete, dass seine Wiener Vorkriegsjahre die unersch\u00fctterliche Basis seines sp\u00e4teren Handelns gelegt h\u00e4tten: &#8222;Wien aber war und blieb f\u00fcr mich die schwerste, wenn auch gr\u00fcndlichste Schule meines Lebens. (&#8230;) Ich erhielt in ihr die Grundlagen f\u00fcr eine Weltanschauung im gro\u00dfen und eine politische Betrachtungsweise im kleinen, die ich sp\u00e4ter nur noch im einzelnen zu erg\u00e4nzen brauchte, die mich aber nie mehr verlie\u00dfen.&#8220; [128]<\/p>\n<h3>Eine hegemoniale Programmatik<\/h3>\n<p>Ausgearbeitet w\u00e4hrend der Festungshaft in einem vor\u00fcbergehenden Wellental der Klassenk\u00e4mpfe &#8211; nach Beendigung der Nachkriegskrise und vor Einsetzen der Agrar- und Weltwirtschaftskrise &#8211; diente das Werk, wie Hitler im Vorwort formulierte, zur &#8222;gleichm\u00e4\u00dfigen und einheitlichen Vertretung&#8220; der nationalsozialistischen Lehre. Nach seiner Entlassung aus der Festungshaft musste er zun\u00e4chst die inzwischen im Zerfall begriffene Partei wieder festigen und neu aufbauen. Auch dazu diente <i>Mein Kampf<\/i>. Auf die darin niedergelegten &#8222;Grunds\u00e4tze&#8220; und &#8222;Ziele&#8220; der Bewegung war die nationalsozialistische Bewegung und vor allem ihre F\u00fchrung eingeschworen. Und von dieser in sich geschlossenen Programmatik sollte Hitler sp\u00e4ter abgeschwenkt sein und freiwillig oder unfreiwillig im Dienste des Kapitals eine ganz andere Politik verfolgt haben? Ernsthaft ist nicht zu behaupten, dass er in den ca. 20 Jahren nach der Niederschrift seines zentralen Werks ein anderes Weltbild entwickelt und umgesetzt hat.<\/p>\n<p>Der Nationalsozialismus verkn\u00fcpfte eine auf agrarisch-rassischen Grundlagen fu\u00dfende Weltanschauung mit einer au\u00dfenpolitischen Gro\u00dfstrategie sowie einer sozialen und politischen Programmatik, in deren Mittelpunkt der Staat stand und die ein breites Klassenb\u00fcndnis erm\u00f6glichte:<\/p>\n<ul>\n<li>die Bauern erhielten mit der Autarkie Schutz vor der Weltmarktkonkurrenz und damit vor der Agrarkrise; sie wurden ins Zentrum von Gesellschaft und Staat ger\u00fcckt; ihren S\u00f6hnen und den Landarbeitern winkte unbegrenztes Siedlungsland im Osten;<\/li>\n<li>dem alten Mittelstand verhie\u00df diese Programmatik gleichfalls Schutz vor der Krise und vor der Konkurrenz der &#8222;Gro\u00dfen&#8220;, der \u00fcberm\u00e4chtigen Aktiengesellschaften wie der j\u00fcdischen Warenh\u00e4user; die Handwerker r\u00fcckten neben den Bauern ins Zentrum der Gesellschaft;<\/li>\n<li>den Arbeitern wurde durch die Verbindung mit dem Staat staatlicher Schutz vor Unternehmerwillk\u00fcr, Niederrei\u00dfung der Standesschranken, gleiche Bildungs- und Aufstiegschancen, Hebung des Lebensstandards geboten;<\/li>\n<li>die neuen Mittelschichten konnten auf den Ausbau des Staatsapparats setzen bzw. sahen sich als k\u00fcnftige &#8222;Privatbeamte&#8220; gesichert; alter wie neuer Mittelstand konnten au\u00dferdem direkt von einer Entfernung der Juden profitieren.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ebenso wichtig war eine zweite Funktion dieser Programmatik. Nach dem niedergeschlagenen M\u00fcnchener Putsch von 1923 hatte Hitler die Schlussfolgerung gezogen, dass eine Machtergreifung nur auf legalem Wege m\u00f6glich sei. Daf\u00fcr brauchte er die Zustimmung der herrschenden Klassen, und dies umso mehr, als der R\u00fcckgang der W\u00e4hlerstimmen Ende 1932 signalisierte, dass die NSDAP keine eigene Mehrheit im Parlament gewinnen w\u00fcrde. Die Programmatik lie\u00df auch f\u00fcr ein solches Zusammengehen mit den herrschenden Klassen Raum.<\/p>\n<p>Im Prinzip resultierte aus der b\u00e4uerlichen Fundierung die Gegnerschaft gegen den Gro\u00dfgrundbesitz. Dem entsprach die Bodenreform-Forderung des Parteiprogramms, \u00fcber die es regelm\u00e4\u00dfig zu Auseinandersetzungen kam. Aber schon in &#8222;Mein Kampf&#8220; hatte Hitler die &#8222;innere Kolonisation&#8220;, die auf die Enteignung von Junkerg\u00fctern im Osten zugunsten der Ansiedlung von Kleinbauern hinauslief, als zwar gutgemeint, aber g\u00e4nzlich unzureichend verworfen, weil damit kein &#8222;Lebensraum&#8220; gewonnen war. [129] Der Nationalsozialismus an der Macht brauchte die Ritterg\u00fcter darum nicht anzutasten und blieb seinem Hauptziel trotzdem treu. F\u00fcr die Bourgeoisie war die Bef\u00fcrwortung des Privateigentums an Produktionsmitteln die Grundbedingung f\u00fcr eine Bejahung der Kanzlerschaft Hitlers. Beide Klassen zielten schlie\u00dflich auf die milit\u00e4rische Wiedererstarkung Deutschlands und die Revision des ersten Weltkriegs, die mithilfe der nationalsozialistischen Massenbewegung n\u00e4her r\u00fcckte. Obwohl der Nationalsozialismus ein anderes Klassenwesen mit einer im Kern antib\u00fcrgerlichen und antijunkerlichen Sto\u00dfrichtung trug, konnte er also mit beiden Klassen Kompromisse eingehen.<\/p>\n<h3>Der Grundirrtum des Marxismus<\/h3>\n<p>Die Tatsache, dass die ersten Jahre von Hitlers Kanzlerschaft die offenkundige Billigung des gro\u00dfen Kapitals fanden, bildete den Hintergrund, vor dem die Kommunistische Internationale den Faschismus als &#8222;offen terroristische Herrschaft der reaktion\u00e4rsten Kr\u00e4fte des Finanzkapitals&#8220; betrachtete, wie der VII. Weltkongress der Komintern es 1935 formulierte. Damit beendete die Komintern politisch die Strategie des Kampfes &#8222;Klasse gegen Klasse&#8220; und er\u00f6ffnete die M\u00f6glichkeit antifaschistischer B\u00fcndnisse bis hin zu den &#8222;fortschrittlichen&#8220; Teilen der Bourgoisie. Theoretisch war diese Definition jedoch von Anfang an falsch. Ihren Grundmangel teilte sie mit der vorangegangenen Politik &#8222;Klasse gegen Klasse&#8220;: fixiert auf die Entwicklung des Kapitals, ohne gleichzeitig seine Nichtentwicklung zu sehen, finden weder Bauern noch Handwerker noch junkerliche Gro\u00dfgrundbesitzer in ihr Platz, sondern existieren lediglich Bourgeoisie und Proletariat.<\/p>\n<p>Um zu einem richtigen Begriff zu gelangen, musste der Marxismus von der apriorischen Festlegung auf den &#8222;b\u00fcrgerlichen&#8220; Charakter des Nationalsozialismus Abschied nehmen. Aber so wenig die deutschen Kommunisten den Nationalsozialismus lange Zeit in der Praxis ernst nahmen, so wenig nimmt die marxistische Geschichtsschreibung ihn bis heute in der Wissenschaft ernst, sondern betrachtet ihn als eine Funktion des Kapitals. Daraus resultiert eine Haltung, die Wolfgang Ruge, ein f\u00fchrender Faschismusforscher der vergangenen DDR, 1983 in die Worte kleidete, dass in bestimmten Situationen &#8222;einf\u00e4ltige, ordin\u00e4re oder gar l\u00e4cherliche Personen von einer reaktion\u00e4ren Klasse oder Schicht vorgeschoben, gest\u00fctzt und in eine Position gebracht werden, von der aus sie historische Wirksamkeit zu erlangen verm\u00f6gen.&#8220; Adolf Hitler war seiner Meinung nach durch ein &#8222;\u00fcbersteigertes Geltungsbed\u00fcrfnis&#8220; getrieben und brachte so viele weitere intellektuelle und charakterliche M\u00e4ngel mit, dass er schlie\u00dflich f\u00fcr die Bourgeoisie interessant werden musste: &#8222;obskurer Schicksalsglaube auf der Basis einer erb\u00e4rmlichen Halbbildung, mit Labilit\u00e4t gepaarte Besessenheit, Geschw\u00e4tzigkeit und Schwadroniersucht als Kehrseite einer in Hektik ausartenden Tatenfurcht, mit schlauer Anpassungsf\u00e4higkeit gekoppelte ma\u00dflose Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung, Skrupellosigkeit und Missachtung fremden Lebens. Diese Eigenschaften &#8230; lie\u00dfen Hitler schlie\u00dflich zur Gallionsfigur einer Klasse werden, die historisch abgewirtschaftet hatte und sich nur noch mit grenzenloser Brutalit\u00e4t und nicht mehr zu \u00fcberbietender Unmenschlichkeit an der Macht halten konnte.&#8220; [130]<\/p>\n<p>Diese Einsch\u00e4tzung ist an Inhaltsleere und Ignoranz &#8222;nicht mehr zu \u00fcberbieten&#8220;, aber nichtsdestotrotz charakteristisch f\u00fcr fast die gesamte marxistische Faschismusforschung. Der &#8222;historisch abgewirtschafteten Klasse&#8220; der deutschen Bourgeoisie wird eine Gr\u00f6\u00dfe angedichtet, die sie nicht einmal im Verbrechen besessen hat. Umgekehrt wird dem Nationalsozialismus eine eigenst\u00e4ndige Zielsetzung abgesprochen und wird speziell Adolf Hitler, dieser &#8222;ungew\u00f6hnliche programmatische Geist&#8220;, der &#8222;zugleich eine ungew\u00f6hnliche politische Kraft&#8220; war, [131] mit einer Geringsch\u00e4tzung abgetan, die es nur mit der Selbstgef\u00e4lligkeit aufnehmen kann, die aus den obigen S\u00e4tzen spricht.<\/p>\n<p>Wem die aus dem politischen Kampf geborene Definition des VII. Weltkongresses der Komintern allzu vereinfachend vorkam, konnte auf den Faschismusbegriff von Brandler und Thalheimer zur\u00fcckgreifen, den f\u00fchrenden K\u00f6pfen der Kommunistischen Partei\/Opposition (KPO). Sie fassten den Nationalsozialismus als &#8222;Bonapartismus&#8220; auf und kamen damit seiner Selbst\u00e4ndigkeit erheblich n\u00e4her. Da sie das NS-Regime aber ebenfalls als &#8211; wenngleich indirekte &#8211; Herrschaft des Monopolkapitals betrachteten, f\u00fchrte auch diese Definition in eine Sackgasse. Als die Jugend- und Studentenbewegung zu einem Neuaufschwung auch der kommunistischen Bewegung f\u00fchrte, sorgte die kritische Theorie mit ihrem Satz &#8222;Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll vom Faschismus schweigen&#8220; daf\u00fcr, dass es schon aus moralischen Gr\u00fcnden ausgeschlossen blieb, Faschismus und Kapital voneinander zu trennen. In welcher Variante auch immer &#8211; jenseits aller sonstigen Differenzen war man gemeinsam der \u00dcberzeugung, dass &#8222;der Faschismus&#8220; eine &#8222;Form b\u00fcrgerlicher Herrschaft&#8220; war, wie der Titel eines weitverbreitetes Buch von Reinhard K\u00fchnl lautete, [132] der damit das ideologische Credo der Linken zusammenfasste.<\/p>\n<p>Auf diesen Horizont festgelegt, konzentrierte man sich darauf, das Zusammenwirken des Kapitals mit dem Nationalsozialismus zu untersuchen, und hier gab es genug aufzudecken. Die deutsche Bourgeoisie war schon am Ende des ersten Weltkriegs unf\u00e4hig gewesen, die Republik zu erk\u00e4mpfen; sie musste ihr von den Arbeitern und Soldaten in den Scho\u00df gelegt werden. Sie war am Ende der Republik unf\u00e4hig, die b\u00fcrgerliche Herrschaftsordnung zu verteidigen und \u00fcberantwortete ihr Schicksal den Nationalsozialisten. Aber sie war an der Seite der Nazis zur Beteiligung an jedem Verbrechen f\u00e4hig, wenn es einen Gewinn versprach. Weder bei der Verwertung des Verm\u00f6gens der vertriebenen Juden, noch bei der Auspl\u00fcnderung der besiegten L\u00e4nder noch erst recht bei der millionenfachen Sklavenarbeit von Juden und Kriegsgefangenen hatte sie Skrupel, sich an den Opfern zu bereichern. Und w\u00e4hrend aus den Reihen der Arbeiterklasse Zehntausende ihren Kampf gegen die Nazis mit dem Tod bezahlten und selbst die Junkerschaft im Juli 1944 aufbegehrte, als der Krieg die ostpreu\u00dfischen Ritterg\u00fcter in Gefahr brachte, war die Bourgeoisie zu keiner eigenen Widerstandsaktion f\u00e4hig, sondern bestand ihr Beitrag darin, sich an die Rocksch\u00f6\u00dfe der Junker zu h\u00e4ngen. Darum bot sich ein weites Feld der Entlarvung und Kritik des Kapitals, auf dem man von Sieg zu Sieg eilen konnte. Aber dem Wesen des Nationalsozialismus kam man um kein Jota n\u00e4her und merkte nicht, dass man aus jeder gewonnenen Schlacht schw\u00e4cher hervorging.<\/p>\n<p>Bis zur Aufl\u00f6sung der Sowjetunion konnten die Marxisten mit der alten Faschismustheorie noch einigerma\u00dfen auskommen, wenngleich immer bescheidener, weil das r\u00fcckw\u00e4rtsgerichtete Wesen des Nationalsozialismus mit dem allgemeinen Niedergang, der &#8222;Stagnation und F\u00e4ulnis&#8220; des Imperialismus erkl\u00e4rt werden konnte. Dagegen stehen die heutigen Marxisten vor dem Problem, nicht den Niedergang des Monopolkapitalismus, sondern den Aufstieg der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, das Verschwinden des Faschismus und den Untergang des Sozialismus erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen.<\/p>\n<h3>Der Weg der b\u00fcrgerlichen Forschung<\/h3>\n<p>Angesichts eines Marxismus, der sich selber zur Ideologie gemacht hatte, mussten die entscheidenden Anst\u00f6\u00dfe zur wissenschaftlichen Ergr\u00fcndung des Nationalsozialismus aus der b\u00fcrgerlichen Forschung kommen. Hier stand am Beginn die Einsch\u00e4tzung Hitlers als &#8222;Opportunist&#8220;, als skrupelloser, reiner Machtpolitiker ohne Moral und ohne Programm, der allen alles versprach und jede sich bietende Gelegenheit zur Machterweiterung um ihrer selbst willen nutzte. Anders konnte man sich weder die Kompromisspolitik gegen\u00fcber den unterschiedlichen Klassen und Schichten erkl\u00e4ren, noch erst recht die scheinbar ziellose Sprunghaftigkeit in der Au\u00dfenpolitik, die von den Angeboten an Gro\u00dfbritannien \u00fcber den Moskauer Vertrag von 1939 bis zum Krieg mit der ganzen Welt f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Dann rekonstruierten einige westdeutsche Historiker mit Andreas Hillgruber und Dieter Hildebrand an der Spitze, dass die nationalsozialistische Reichsf\u00fchrung zumindest in der Au\u00dfenpolitik einem &#8222;Programm&#8220; gefolgt war, dessen Umsetzung zwar mit gr\u00f6\u00dfter Flexibilit\u00e4t, ja im Zickzacklauf erfolgte, aber zum unwiderruflichen Ziel die Eroberung von Lebensraum im Osten hatte. [133] Eberhard J\u00e4ckel wies nach, dass die Kriegs- und Rassenpolitik einander bedingten und ihre Fundierung in einer geschlossenen Weltanschauung besa\u00dfen, die in &#8222;Mein Kampf&#8220; ausgearbeitet war. Wiederum Andere wie Heinrich August Winkler oder Henry Ashby Turner schlussfolgerten, dass die Reagrarisierung das eigentliche Ziel des Nationalsozialismus gewesen sei.<\/p>\n<p>In der Wirtschafts- und Sozialpolitik dagegen war lange Zeit eine auf der nationalsozialistischen Weltanschauung beruhende Linie nicht sichtbar. Hitler und der Nationalsozialismus galten im Gegenteil als ebenso ahnungs- wie konzeptlos und desinteressiert. Lediglich einzelne Arbeiten am Rande des Hauptstroms der Debatte deuteten darauf hin, dass das anders aussah. In diese L\u00fccke stie\u00df Zitelmann. Andere hatten schon vor ihm auf die &#8222;modernisierenden&#8220; Wirkungen des Nationalsozialismus hingewiesen, sie jedoch als unbeabsichtigte Kriegsfolgen eingestuft. Nunmehr sichtete Zitelmann &#8211; was bis dahin niemand getan hatte &#8211; die offiziellen Reden und Schriften Adolf Hitlers, verglich sie mit den inoffiziellen \u00c4u\u00dferungen im internen Kreis (Tischgespr\u00e4che, Monologe im F\u00fchrerhauptquartier) und ma\u00df sie punktuell an vorhandenen Forschungsergebnissen zur inneren Politik des Dritten Reichs. Dadurch konnte er nachweisen, dass der Abbau von Standesschranken, die Bef\u00fcrwortung der technischen Entwicklung und des Konsums ebenso wie die Gegnerschaft gegen das B\u00fcrgertum und die F\u00f6rderung der unteren Klassen keineswegs blo\u00dfe Propaganda\u00e4u\u00dferungen oder unwillkommene Nebenfolgen des Kriegs gewesen waren, sondern die erkl\u00e4rte und in Ans\u00e4tzen verwirklichte Zielsetzung des Regimes, wenn auch die Umgestaltung der Gesellschaft im Gro\u00dfen erst nach dem gewonnenen Krieg stattfinden sollte. Insoweit war ein weiterer Schritt voran in der Geschichtsschreibung \u00fcber den Nationalsozialismus getan.<\/p>\n<h3>Klassenb\u00fcndnisse f\u00fcr und gegen die &#8222;Moderne&#8220;<\/h3>\n<p>Aber Zitelmann war nicht in der Lage, die Ergebnisse seiner Untersuchung mit den Forschungsergebnissen in der Rassen- und Au\u00dfenpolitik in Einklang zu bringen. Um einen Zusammenhang herzustellen, fiel er im Gegenteil hinter den Stand der Wissenschaft zur\u00fcck, erkl\u00e4rte die agrarischen Z\u00fcge des Nationalsozialismus f\u00fcr eine vor\u00fcbergehende Erscheinung, spielte die Bedeutung des Rassismus herunter, nahm eine Umwertung der Kriegspolitik vor, betrachtete den Kampf mit der Sowjetunion wesentlich als Rohstoffkrieg f\u00fcr die Industrie, taufte die weiterhin vorhandenen Unvereinbarkeiten in &#8222;dialektische Gegens\u00e4tze&#8220; um und konnte so den Nationalsozialismus als die &#8222;totalit\u00e4re M\u00f6glichkeit der Moderne&#8220; fassen. An dieser Stelle hat Lehmann, zu seiner Ehrenrettung sei es gesagt, den Widerspruch wenigstens <i>benannt<\/i>, der darin liegt, dass der angeblich moderne Nationalsozialismus eine &#8222;germanische&#8220; Gesellschaftsordnung anstrebte. Das hinderte Lehmann aber nicht daran, ihn als einen &#8222;mit totalit\u00e4ren Mitteln vorgenommenen Aufbruch in die Moderne&#8220; zu charakterisieren. Darum hat Grabow dem Wesen der Sache nach recht gegen Lehmann, wenn er statt dessen den agrarischen Kern der nationalsozialistischen Ideologie und Politik benennt. Das Dritte Reich verk\u00f6rperte in der Tat keinen neuen Zugang zur Moderne &#8211; weder in ihrer b\u00fcrgerlichen noch in ihrer proletarischen Form -, sondern stellte den Versuch eines &#8222;Dritten Wegs&#8220; jenseits davon dar.<\/p>\n<p>Aber Grabow hat unrecht, wenn er die angestrebte Reagrarisierung unter der Hand als R\u00fcckkehr in die mittelalterliche Vergangenheit auffasst. Die Hinwendung zu den Bauern erfolgte unter den Bedingungen des 20. Jahrhunderts, d.\u00a0h. der gro\u00dfen Industrie und der Massendemokratie. Daraus folgte <i>\u00f6konomisch die Kombination von agrarischer Fundierung und industrieller Entwicklung<\/i> der Gesellschaft, <i>klassenm\u00e4\u00dfig das B\u00fcndnis von Bauern und Kleinb\u00fcrgern mit der Arbeiterschaft<\/i> in der Programmatik und Politik des Nationalsozialismus.<\/p>\n<p>In Russland wie in Deutschland wurde die Antwort auf die Herausforderungen einer Umbruchperiode in der Konzeption eines B\u00fcndnisses der entscheidenden Klassen der alten und der neuen Gesellschaft &#8211; Bauernschaft und Arbeiterklasse &#8211; gegen die herrschenden M\u00e4chte gesucht. Aber w\u00e4hrend dieses B\u00fcndnis in dem &#8222;zur\u00fcckgebliebenen&#8220; Russland unter F\u00fchrung des Proletariats um den Durchbruch zum Sozialismus k\u00e4mpfte, wollten die Nationalsozialisten in dem &#8222;fortgeschrittenen&#8220; Deutschland einen b\u00e4uerlich gef\u00fchrten, v\u00f6lkischen Massenstaat gegen die Moderne errichten. Dieser Versuch ist im Vernichtungskampf mit der UdSSR gescheitert. Die Tragik der Geschichte wollte es, dass der sowjetische Arbeiter- und Bauernstaat durch die dabei gebrachten Opfer auf der Schwelle zur Moderne stehen blieb, w\u00e4hrend Deutschland durch die Niederlage den Weg in eine stabile b\u00fcrgerliche Ordnung fand.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Historiker Ernst Nolte stellte schon vor mehr als 20 Jahren \u00fcber die ideologischen Grundlagen des Nationalsozialismus fest: &#8222;Zur Ganzheit zusammengefasst, bilden sie gleichwohl ein Ideengeb\u00e4ude, dessen Folgerichtigkeit und Konsistenz den Atem verschl\u00e4gt.&#8220; [121] Er hat recht. Adolf Hitler griff in &#8222;Mein Kampf&#8220; eine F\u00fclle von Str\u00f6mungen seiner Zeit auf und arbeitete sie zu einer &hellip; <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=248\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">5. 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