{"id":226,"date":"2016-09-12T08:33:31","date_gmt":"2016-09-12T06:33:31","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=226"},"modified":"2016-09-12T08:35:51","modified_gmt":"2016-09-12T06:35:51","slug":"vorbemerkung-die-debatte-um-den-faschismusbegriff","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=226","title":{"rendered":"Vorbemerkung: Die Debatte um den Faschismusbegriff"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Nach dem 1. Weltkrieg und der Oktoberrevolution war weit \u00fcber die Reihen der Kommunisten hinaus die \u00dcberzeugung verbreitet, dass das Zeitalter des liberalen Kapitalismus zu Ende sei. Die Konkurrenz schien vor dem Monopol zu kapitulieren und die liberale, b\u00fcrgerliche Gesellschaft von Kommunismus oder Faschismus abgel\u00f6st zu werden. Russland und Italien, sodann Deutschland schienen der \u00fcbrigen Welt auf dem Marsch in eine nichtb\u00fcrgerliche Zukunft nur voranzugehen.<\/p>\n<p>In der Tat offenbarte der 1. Weltkrieg in Europa das Zu-Ende-Gehen einer Epoche. Aber die Frage war, ob die Gesellschaft, die da in Krieg und Nachkriegswirren versank und erst nach einem weiteren Weltkrieg zu einem neuen Gleichgewicht fand, tats\u00e4chlich die b\u00fcrgerliche des industriellen Kapitals war. Auf der anderen Seite des Atlantik, auf dem nordamerikanischen Halbkontinent, hatte sich das Kapital, nicht eingezw\u00e4ngt in \u00fcberkommene Verh\u00e4ltnisse, von Anfang an in ganz anderem Ma\u00dfe entwickeln k\u00f6nnen. Von hier aus wirkte das alte Europa schon lange wie eine urt\u00fcmliche Welt, trotz Einzugs der Industrie und der demokratischen Regierungsformen, die L\u00e4nder wie Frankreich oder Gro\u00dfbritannien hatten.<\/p>\n<p>Nach dem 2. Weltkrieg konnten kommunistische Parteien, abgeschirmt durch die sowjetische Armee, zwar im Osten Europas die Macht \u00fcbernehmen, nicht hingegen in den entwickelteren Staaten des Westens. Die &#8222;Zwei-Lager-Theorie&#8220; formulierte daraus die Gegen\u00fcberstellung eines sozialistischen Ostens und eines kapitalistischen Westens. Indem sie zur Grundlage ihres strategischen Denkens und Handelns wurde, zementierten die Kommunisten selber den Graben zwischen den Bl\u00f6cken &#8211; und den Zusammenhalt der b\u00fcrgerlichen M\u00e4chte. An die Stelle einer Politik der Ausnutzung der Widerspr\u00fcche zwischen den westlichen L\u00e4ndern trat der R\u00fcstungswettlauf der Sowjetunion zur Erreichung der milit\u00e4rischen Parit\u00e4t.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen begann der Marxismus seinen Siegeszug in der 3. Welt. Nicht nur in den Agrargesellschaften Asiens mit China an der Spitze, sondern auch in anderen Teilen der Welt sprengten antiimperialistische Umw\u00e4lzungen unter Berufung auf den Marxismus den kolonialen oder halbkolonialen Status der abh\u00e4ngigen L\u00e4nder auf und ging man in den verschiedensten Staaten daran, einen &#8222;arabischen&#8220; oder &#8222;afrikanischen&#8220; Sozialismus aufzubauen. Und auch dort, wo kein grundlegender Wandel stattfand, bedrohten linksrevolution\u00e4re Bewegungen die alten M\u00e4chte.<\/p>\n<h2>Der Siegeszug der b\u00fcrgerlichen Demokratie<\/h2>\n<p>Im Westen des europ\u00e4ischen Kontinents dagegen bedeutete die Niederlage des Faschismus den Siegeszug der parlamentarischen Demokratie. Zuletzt fiel der Faschismus in den 70er Jahren im S\u00fcden des Kontinents, in Spanien und Portugal, und wiederum war sein Erbe nicht der Sozialismus, sondern die b\u00fcrgerlich-demokratische Ordnung. Zwar st\u00fcrzte in Portugal eine &#8222;Nelkenrevolution&#8220; sozialrevolution\u00e4r gesinnter Offiziere das Salazar-Regime, das im Kolonialkrieg um die Erhaltung der restlichen portugiesischen Afrikakolonien zugrunde ging, aber die revolution\u00e4re Bewegung trug nicht weit. Es musste auch auffallen, welche Rolle die <i>Agrarfrage<\/i> spielte, die die Landarbeiterschaft des Alentejo gegen die vorzeitlich wirtschaftenden Gro\u00dfgrundbesitzer aufbegehren lie\u00df.<\/p>\n<p>In den westeurop\u00e4ischen Kernstaaten des Kapitals f\u00fchrte die Jugend- und Studentenbewegung der ausgehenden 60er Jahre zur Wiedererstehung oder -erstarkung auch der kommunistischen Bewegung. Die Gesellschaft blieb aber weiterhin erstaunlich stabil, nicht zuletzt gest\u00fctzt durch die Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums, die Arbeiterklasse, die sich gegen\u00fcber allen revolution\u00e4ren Parolen als resistent erwies. Dieser Widerspruch brachte zwei Fl\u00fcgelpositionen hervor. Die eine nahm unter der Parole &#8222;Die D\u00f6rfer kreisen die St\u00e4dte ein&#8220; Abschied vom Proletariat. Erst nach dem Sieg der Revolution in den &#8222;Weltd\u00f6rfern&#8220;, sprich in den Kontinenten Afrika, Asien und Lateinamerika, w\u00fcrde die Revolution auch in den Metropolen des Kapitals anstehen. In der Tradition dieser Trikontstrategie stehen heute in Deutschland die &#8222;Antiimperialisten&#8220;. Der andere Fl\u00fcgel versuchte, durch die Strategie einer &#8222;antimonopolistischen Demokratie&#8220; im B\u00fcndnis mit b\u00fcrgerlichen Schichten auf friedlichem Weg zum Sozialismus zu gelangen. Beiden Fl\u00fcgeln und den meisten der dazwischen stehenden Linken, die ml-Bewegung eingeschlossen, gemeinsam war die Auffassung von einer steten &#8222;Rechtsentwicklung&#8220; der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft. Nur im Ausnahmefall wurde daraus eine formelle Theorie der &#8222;Faschisierung&#8220; gemacht, aber im Kern lief die Auffassung von der &#8222;Rechtsentwicklung&#8220; genau darauf hinaus, denn was konnte am logischen Ende einer Rechtsentwicklung anderes stehen als der Faschismus? Der Satz der kritischen Theorie &#8222;Kapitalismus f\u00fchrt zum Faschismus&#8220; beherrschte, von wenigen Organisationen abgesehen, das Denken der Linken; er tut es bis heute.<\/p>\n<p>Gepaart waren diese Strategien meist mit Vorstellungen von einer &#8222;allgemeinen Krise&#8220; des Kapitals. Danach war die Stabilit\u00e4t der westlichen Gesellschaften nicht mehr als ein d\u00fcnner Firnis, hinter dem die Krise von einer Stufe zur n\u00e4chsten eilte, bis es zum Kladderadatsch kam, der das ganze Kartenhaus zusammenbrechen lie\u00df und dem Kommunismus die Macht \u00fcbertragen w\u00fcrde, es sei denn, faschistische oder kryptofaschistische L\u00f6sungen k\u00e4men dazwischen. In welcher Variante auch immer &#8211; die \u00dcberzeugung von Faschismus oder Sozialismus als den unausweichlichen Nachfolgern einer niedergehenden b\u00fcrgerlichen Ordnung war das Credo der Mehrheit der Kommunisten und der Linken insgesamt.<\/p>\n<p>Die Jahre 1979 und 1989 bedeuteten den Zusammenbruch der bestehenden Weltordnung, nicht aber der Weltanschauung der Linken. Wenige Jahre nach dem Triumph des vietnamesischen Befreiungskampfes siegte 1979 im Iran eine Revolution unter ganz anderem Kriegszeichen, dem des islamischen Fundamentalismus. Bis dahin hatten in den Agrarstaaten der 3. Welt b\u00e4uerliche Massen unter F\u00fchrung kommunistischer Parteien die Hauptlast des Kampfes gegen den Imperialismus getragen und so die Strategie des B\u00fcndnisses von Arbeiterklasse und Bauernschaft in der revolution\u00e4ren Praxis best\u00e4tigt. 1979 aber machten keine Bauern, sondern die mustafizim der iranischen Vorst\u00e4dte, die &#8222;Armen und Entrechteten&#8220; der vom Land entwurzelten Millionenmassen, die Revolution; ihre F\u00fchrer waren keine Marxisten, sondern islamische Mullahs, und sie folgten nicht den Symbolen von Hammer und Sichel, sondern der gr\u00fcnen Fahne des Propheten.<\/p>\n<p>Diese Massen wenden sich nicht mehr nur gegen den westlichen Imperialismus und seine Statthalter, sondern auch gegen den &#8222;Sozialismus&#8220; arabischer und anderer Pr\u00e4gung, der sich als unf\u00e4hig erwiesen hat, ihnen Arbeit, Brot und ein menschenw\u00fcrdiges Dasein zu verschaffen. Heute steht insbesondere Algerien vor der Herausforderung durch eine islamisch-revolution\u00e4re Bewegung, die das korrupte Regime des arabischen Sozialismus ersch\u00fcttert. Ihr Sieg droht eine Flutwelle auszul\u00f6sen, die die umliegenden Staaten und am Ende auch den &#8222;Damm der Vers\u00f6hnung&#8220; hinweg rei\u00dfen k\u00f6nnte, den Israel und die zur pal\u00e4stinensischen Honoratiorenvertretung gewordene PLO gegen die gemeinsame Bedrohung durch die islamische Revolution zu errichten versuchen.<\/p>\n<p>Zehn Jahre nach dem Sturz des Schahs in Teheran machte eine unblutige Revolution in der DDR Schluss mit der Blockteilung Europas. Als die Arbeiterklasse der DDR 1989 die demokratischen Parolen der &#8222;B\u00fcrgerbewegung&#8220; \u00fcbernahm, aber mit der Parole &#8222;Wir sind ein Volk&#8220; im Unterschied zu den Pfarrern, K\u00fcnstlern und Intellektuellen auch f\u00fcr die dazugeh\u00f6rige b\u00fcrgerlich-kapitalistische Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik auf die Stra\u00dfe und dann an die Wahlurnen ging, brach zuerst der vorgeschobene Eckpfeiler des staatssozialistischen Lagers und anschlie\u00dfend die Zentralmacht zusammen.<\/p>\n<p>Heute haben weder Faschismus noch Kommunismus eine staatliche Verk\u00f6rperung mehr. Die b\u00fcrgerliche Gesellschaft, zu Beginn des Jahrhunderts bereits totgesagt, steht an seinem Ausgang auf dem alten Kontinent als unangefochtene Siegerin da. Der Kampf gegen den Faschismus, f\u00fcr die Kommunisten jahrzehntelang Leitbild und identit\u00e4tsstiftend, hat seinen Sinn verloren.<\/p>\n<h2>Die neuerliche Faschismuskontroverse<\/h2>\n<p>Im Angesicht dieser Entwicklung erweist sich die deutsche Linke noch im Untergang von einer denkw\u00fcrdigen Zeitlosigkeit. Immer noch ist man sich \u00fcber alle Lager hinweg einig im antifaschistischen Kampf &#8222;gegen rechts&#8220;. Nur an den R\u00e4ndern ist eine Diskussion \u00fcber die Neubewertung des Faschismus in Gang gekommen. Unter Berufung auf eine b\u00fcrgerliche Forschungsrichtung um Rainer Zitelmann, die den Nationalsozialismus als totalit\u00e4re Modernisierungsdiktatur im Reifungsprozess der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft deutet, betrachtet die um die Zeitschrift &#8222;Krisis&#8220; gruppierte Str\u00f6mung den deutschen Faschismus nicht l\u00e4nger als Zerfallsprodukt eines niedergehenden Kapitalismus, sondern als &#8222;Moment im Herausbildungsprozess der modernen Marktwirtschaftsdemokratie, als eines ihrer Vor- und Durchsetzungsstadien&#8220;. Nach dem wilhelminischen Kaiserreich soll der Nationalsozialismus die historisch &#8222;n\u00e4chste Stufe des marktwirtschaftsdemokratischen Systemprozesses&#8220; gebildet haben [1]. Nach dieser Auffassung war das Dritte Reich ein &#8222;Modernisierungsregime&#8220; auf dem Weg des sich entwickelnden Kapitalismus, nicht anders als die untergegangene Sowjetunion, die gleicherma\u00dfen als Stufe in der Herausbildung des &#8222;warenproduzierenden Weltsystems&#8220; begriffen wird.<\/p>\n<p>Die historische R\u00fcckdatierung des Nationalsozialismus h\u00e4lt die &#8222;Krisis&#8220; nicht davon ab, mindestens ebenso entschieden wie die restliche Linke gegen die heutige &#8222;Rechtsentwicklung&#8220; zu sein, mit der folgenden Begr\u00fcndung: Fr\u00fcher war die &#8222;Marktwirtschaftsdemokratie&#8220; eine fortschrittliche <i>Alternative<\/i> zum barbarischen Nationalsozialismus. Diese Zeiten sind vorbei, weil der Faschismus geschichtlich \u00fcberholt und die &#8222;Marktwirtschaftsdemokratie&#8220; zur alleinigen Herrschaftsform des Kapitals geworden ist. Aber nunmehr wird diese Demokratie als solche barbarisch. &#8222;Mord, Terror, Wahnsinn, Rassismus und z\u00e4hnefletschende Irrationalit\u00e4t&#8220; [2] werden Wesensmerkmale der b\u00fcrgerlichen Ordnung. Es gibt keinen Ausweg aus der Barbarei mehr, es sei denn, die &#8222;Herrschaft des Werts&#8220; wird gest\u00fcrzt. Auf diese Weise wird die fr\u00fchere Alternative &#8222;Sozialismus oder Barbarei&#8220;, die als &#8222;Kommunismus oder Faschismus&#8220; f\u00fcr ihre Zeit kritisiert wird, f\u00fcr die Gegenwart als wurzelhafte Neuerkenntnis aus dem Grab geholt.<\/p>\n<p>Nur ist nicht l\u00e4nger das Proletariat Tr\u00e4gerin des gesellschaftlichen Umsturzes. Es hat &#8222;seine Chance gehabt&#8220; &#8211; und verspielt. Die Arbeiterklasse wird heute im Gegenteil dem Lager der offenen Reaktion zugerechnet, weil sie einem &#8222;altproletarischen Rechtsradikalismus&#8220; huldigt &#8211; gemeint ist die Ablehnung von offenen Grenzen f\u00fcr alle Zuwanderer sowie die Stimmabgabe f\u00fcr die Partei der Republikaner. Statt dessen propagiert man die &#8222;neue Klasse&#8220; aus Jobbern, alternativen Kleinunternehmern, Arbeitslosengeld-Beziehern und Baf\u00f6g-Empf\u00e4ngern, die den Kampf gegen die &#8222;Wertherrschaft&#8220; aufnehmen und den sonst drohenden Verfall in Rassismus und Mordbrennerei verhindern sollen. Von diesen Bez\u00fcgen abgesehen, die die &#8222;Krisis&#8220; zu einem unverkennbaren Bestandteil der Linken machen, handelt es sich bei der Auffassung vom Faschismus als einem historisch vergangenen und nicht wiederholbaren Stadium um eine &#8211; f\u00fcr die Linke &#8211; neue Interpretation.<\/p>\n<p>Die Gegenposition zum &#8222;modernisierenden&#8220; Nationalsozialismus wurde in den Aufs\u00e4tzen zur Diskussion (AzD) bereits einige Jahre zuvor vertreten: Ankn\u00fcpfend u.\u00a0a. an die Historiker H.\u00a0A. Winkler und H.\u00a0A. Turner sah Frank Grabow die &#8222;Grundelemente nationalsozialistischer Politik und Programmatik (&#8230;) von den agrarischen Dogmen und W\u00fcnschen der Bauern diktiert&#8220;, fasste die SS als &#8222;Pr\u00e4torianergarde der Bauernklasse&#8220; auf [3] und erkl\u00e4rte die Reagrarisierung der deutschen Gesellschaft zum eigentlichen Ziel des Nationalsozialismus [4].<\/p>\n<p>Diese Positionen verschieben die Schlachtordnung in der Faschismusfrage vollst\u00e4ndig. Bislang begriff die kommunistische wie die nichtkommunistische Linke den Faschismus \u00fcber alle Differenzen hinweg als Produkt des <i>niedergehenden<\/i> Kapitalismus und folgerichtig als Herrschaftsform, die in jeder Krise wieder aktuell werden kann, wenngleich nicht unbedingt in derselben Art wie in der ersten H\u00e4lfte des Jahrhunderts. Jetzt treten sich zwei Positionen gegen\u00fcber, die den Faschismus in Deutschland <i>gemeinsam<\/i> der Zeit des <i>aufstrebenden<\/i> Kapitalismus zuordnen. Auf dieser Basis wird er das eine Mal als vorw\u00e4rtsgerichtete Modernisierungsdiktatur und das andere Mal als Versuch einer R\u00fcckkehr in die agrarische Vergangenheit bewertet. Beide Male h\u00e4lt man ihn aber f\u00fcr historisch abgeschlossen.<\/p>\n<p>In den AzD wurde die Diskussion seinerzeit nicht fortgesetzt, u.\u00a0a. weil der Urheber der Reagrarisierungsthese sich aus dem Tr\u00e4gerkreis der AzD verabschiedete und bald g\u00e4nzlich aufh\u00f6rte zu publizieren. Erst vor einigen Monaten ist Klaus Lehmann in den AzD 58 und 59 auf die zugrundeliegende Fragestellung zur\u00fcckgekommen. Er h\u00e4lt es f\u00fcr absurd, dem Nationalsozialismus ein b\u00e4uerlich-r\u00fcckw\u00e4rtsgewandtes Wesen zu unterstellen, und ordnet ihn im Gegenteil einer Modernisierungspolitik zu. Seiner Auffassung nach war das ma\u00dfgebliche Ziel des NS-Regimes &#8222;der mit &#8218;totalit\u00e4ren&#8216; und terroristischen Mitteln vorangetriebene Aufbruch des in der Geschichte &#8218;zu sp\u00e4t gekommenen Deutschland&#8216; in die Modernisierung&#8220; [5]. Mit dieser Einsch\u00e4tzung als &#8222;Modernisierungsdiktatur&#8220; gesellt er sich an die Seite von Kurz (den er nicht zitiert, vielleicht auch nicht kennt) und Zitelmann (den er seitenweise zitiert).<\/p>\n<p>Die These vom &#8222;modernen&#8220; Nationalsozialismus versucht Lehmann, klassenm\u00e4\u00dfig zu untermauern. Bisher verwiesen nicht nur die Zeitgenossen des Nationalsozialismus, sondern auch sp\u00e4tere Forschungen regelm\u00e4\u00dfig auf dessen Verbindung mit den <i>alten<\/i> Mittelklassen, d.\u00a0h. mit den selbst\u00e4ndigen, \u00fcber einige Produktionsmittel verf\u00fcgenden Kleinb\u00fcrgern in Stadt und Land (Handwerker, Kleinh\u00e4ndler, Bauern). Demgegen\u00fcber hat Lehmann als entscheidende Tr\u00e4ger des NS die <i>modernen<\/i> st\u00e4dtischen Mittelschichten ausgemacht, also die mit der Industrialisierung emporgestiegenen, nichtproletarischen Teile der Gesellschaft, die \u00fcber keine eigenen Produktionsmittel verf\u00fcgen. F\u00fcr ihn steht &#8222;der durch die Mittelschichten gepr\u00e4gte soziale Charakter des nationalsozialistischen Staates, seiner Kriegs- und Gro\u00dfraumplanungen&#8220; au\u00dfer Frage. Der Nationalsozialismus stelle &#8222;im Kern (&#8230;) die spezifisch &#8218;deutsch&#8216; (v\u00f6lkisch\/rassistisch) gepr\u00e4gte soziale und nationale Aufstiegsbewegung&#8220; der modernen Mittelklassen dar. Ihr Vertreter sei Hitler gewesen, &#8222;dessen Politik aber die aufstrebenden Mittelklassen nicht nur in die Armee- und Staatsf\u00fchrung <i>integrierte<\/i>, sondern sie <i>ans Ruder des Staates brachte<\/i>.&#8220; Waren also die neuen Mittelschichten die herrschende Klasse im Dritten Reich?<\/p>\n<p>An anderer Stelle schreibt er, dass der Nationalsozialismus seit der Niederschlagung der SA im Jahr 1934 &#8222;ein gut funktionierendes Interessenb\u00fcndnis zwischen Bourgeoisie und neuen st\u00e4dtischen Mittelklassen&#8220; verk\u00f6rperte. Das h\u00f6rt sich so an, als ob die Mittelschichten ab 1934 die Macht mit der Bourgeoisie teilten. Mit diesen Widerspr\u00fcchen wollen wir uns indes nicht l\u00e4nger aufhalten.<\/p>\n<p>Als wichtigsten empirischen Beleg f\u00fcr seine Theorie f\u00fchrt Lehmann die soziale Zusammensetzung der NS-F\u00fchrung und insbesondere des SS-F\u00fchrerkorps an. Weil nicht die Bauern, sondern die &#8222;st\u00e4dtischen Mittelschichtler (&#8230;) den tonangebenden, sozialen <i>Kern<\/i> der SS&#8220; bildeten, k\u00f6nne es sich bei der SS nicht um die &#8222;Pr\u00e4torianergarde der Bauernklasse&#8220; gehandelt haben, sondern um die Herrschaftsorganisation der modernen Mittelschichten [6]. Aus der sozialen Herkunft des F\u00fchrungspersonals auf das Klassenwesen einer Massenbewegung zu schlie\u00dfen, ist sicherlich k\u00fchn. Mit dieser Beweisf\u00fchrung l\u00e4sst sich seit bald zweihundert Jahren die Herrschaft der gebildeten Mittelschichten behaupten. Davon abgesehen ist die aufgestellte Theorie in sich selber logisch. Das alte Kleinb\u00fcrgertum ist schwerlich als sozialer Tr\u00e4ger der Modernisierung vorstellbar, die von Zitel- wie Lehmann und Kurz als das Hauptmerkmal des Nationalsozialismus angesehen wird.<\/p>\n<p>Von seinem Ausgangspunkt aus bewertet K. Lehmann auch den 2. Weltkrieg seit dem \u00dcberfall auf die Sowjetunion prinzipiell anders als F. Grabow, n\u00e4mlich nicht als v\u00f6lkischen Vernichtungskrieg zwecks Ansiedlung germanischer Wehrbauern im Osten, sondern als einen normalen Krieg mit dem Ziel, ein &#8222;agrarisches Anh\u00e4ngsel&#8220;, eine &#8222;Rohstoffquelle&#8220; und einen &#8222;Absatzmarkt&#8220; f\u00fcr Deutschland zu erobern [7]. Darum meint er im Anschluss an Zitelmann: &#8222;Der Griff nach dem agrarischen Hinterland ist kein Ausdruck <i>r\u00fcckw\u00e4rtsgewandter<\/i> Bauernromantik, sondern des <i>vorw\u00e4rtsgewandten<\/i> Bestrebens, das <i>wirtschaftliche Entwicklungsniveau der USA<\/i> zu erlangen bzw. zu \u00fcberholen.&#8220; [8] Wieso ein hohes wirtschaftliches Entwicklungsniveau ein ausgedehntes &#8222;agrarisches Hinterland&#8220; voraussetzt und der Griff danach &#8222;vorw\u00e4rtsgewandt&#8220; sein soll &#8211; auch dieses Geheimnis wollen wir hier ungel\u00fcftet sein lassen und uns statt dessen weiteren Gemeinsamkeiten zwischen Lehmann, Kurz und Zitelmann zuwenden.<\/p>\n<p>Die Ausrottung des europ\u00e4ischen Judentums erw\u00e4hnt Lehmann nicht. Da ihm nicht zu unterstellen ist, dass er sie der &#8222;Modernisierung&#8220; zuordnet, kann sie vom Boden seiner Theorie aus nur als irrational erkl\u00e4rt werden. \u00c4hnlich verfahren auch Zitelmann und Kurz. Sie haben keine Erkl\u00e4rung f\u00fcr den systematischen V\u00f6lkermord und speisen den Leser mit allgemeinen Redensarten \u00fcber &#8222;Barbarei&#8220; und &#8222;verbrecherische Komponenten&#8220; der NS-Herrschaft ab. Das ist nat\u00fcrlich unbefriedigend.<\/p>\n<h2>Zur Widerspr\u00fcchlichkeit des Nationalsozialismus<\/h2>\n<p>In Widerspruch zu seiner &#8222;modernistischen&#8220; Interpretation sieht Lehmann lediglich die von der NS-F\u00fchrung propagierte &#8222;germanische Demokratie&#8220;. Er betrachtet den b\u00fcrgerlichen Parlamentarismus als die der kapitalistischen Moderne ad\u00e4quate Herrschaftsform, weil sich darin die formale Gleichheit aller Warenbesitzer &#8211; der von Produktionsmitteln wie von Arbeitskraft &#8211; widerspiegelt. Darum kann er die nationalsozialistischen Versuche, &#8222;das Verh\u00e4ltnis von Kapitalist und Arbeiter als Warenbesitzer in ein Gefolgschaftsverh\u00e4ltnis nach vorkapitalistischen Vorbildern einzuzw\u00e4ngen&#8220;, im Unterschied zu anderen Seiten des Dritten Reichs nicht als fortschrittlich ansehen. Hier walte vielmehr &#8222;<i>der grunds\u00e4tzliche innere Widerspruch des Nationalsozialismus in Hinblick auf die &#8218;Moderne&#8216;, der bislang weder in der marxistischen noch in der b\u00fcrgerlichen Faschismusforschung deutlich genug herausgearbeitet worden ist<\/i>&#8222;. [9]<\/p>\n<p>Damit sind wir um nichts kl\u00fcger als vorher, denn jedes einigerma\u00dfen komplexe Ding hat widerspr\u00fcchliche Seiten. Darauf hinzuweisen, hei\u00dft daher nichts anderes, als die Oberfl\u00e4che der Dinge &#8211; ihre <i>Erscheinung<\/i> &#8211; zu benennen. Daran \u00e4ndert sich auch nichts, indem man das Ganze einen &#8222;inneren&#8220; Widerspruch nennt und so den Anschein von Dialektik erweckt. Wenn Lehmann davon ausgeht, dass der Nationalsozialismus dem Wesen nach &#8222;modernisierend&#8220; war, muss er erl\u00e4utern, wie sich das germanische Gefolgschaftsverh\u00e4ltnis damit vermittelt. Schlie\u00dflich geht es um nichts weniger als um die angestrebte Gesellschaftsform. Wenn er diese f\u00fcr &#8222;vorkapitalistisch&#8220; h\u00e4lt (genauer gesagt, war das Gesellschaftsideal sogar vormittelalterlich, n\u00e4mlich germanisch-vorfeudal) &#8211; worin bestand dann das modernisierende <i>Wesen<\/i> des Nationalsozialismus? In der Bef\u00fcrwortung der Technik?<\/p>\n<p>So wenig Lehmann die Gesellschaftsvorstellungen des Nationalsozialismus der behaupteten &#8222;Modernisierung&#8220; zuordnen kann, so \u00fcberfordert ist auch sein Vorbild mit dieser Aufgabe und bem\u00fcht statt dessen die Dialektik. Zitelmann schreibt \u00fcber Hitlers Weltanschauung: &#8222;Dabei ist die Verbindung von antidemokratischen und modernen Elementen sowie von elit\u00e4ren und egalit\u00e4ren Komponenten charakteristisch f\u00fcr Hitlers Vorstellungswelt. Die antidemokratischen und die modernen Elemente, die verbrecherischen und die progressiven Komponenten seiner Weltanschauung sind nicht im Sinne von unvers\u00f6hnlichen Antagonismen zu begreifen, sondern bestenfalls als dialektische Gegens\u00e4tze, die in einem konsistenten weltanschaulichen System aufgehoben sind.&#8220; [10] Das ist die Art Dialektik, die Nilpferd und Zahnb\u00fcrste zur Einheit erkl\u00e4rt, weil beide Borsten haben, und die aus den vier Beinen des Nilpferdes im Unterschied zur Zahnb\u00fcrste einen &#8222;inneren Widerspruch&#8220; macht.<\/p>\n<p>Ein &#8222;konsistentes weltanschauliches System&#8220; hat der Nationalsozialismus in der Tat gehabt, aber eines, das keineswegs aus unvermittelten Gegens\u00e4tzen bestand. Im Gegenteil verf\u00fcgte er \u00fcber eine in sich geschlossene Weltanschauung und Programmatik, deren verschiedene Seiten (Rassen-, Au\u00dfen- und Innenpolitik, Wirtschafts- und Sozialpolitik) logisch miteinander zusammenhingen und deren Verwirklichung er Schritt f\u00fcr Schritt anstrebte. Darin waren der Antisemitismus und das pers\u00f6nliche Gefolgschaftswesen keine irrationalen Bestandteile oder wesensfremde Aufpfropfungen, sondern tragende Pfeiler.<\/p>\n<p>Diese Geschlossenheit wird leicht durch das Vorhandensein einer Vielzahl unterschiedlicher Str\u00f6mungen verdeckt, die vor wie nach der Machtergreifung Einfluss aus\u00fcbten. Ideologisch wie politisch entscheidend war aber die um Adolf Hitler gruppierte F\u00fchrung der NS-Bewegung, die k\u00fcnftig als &#8222;der Nationalsozialismus&#8220; gemeint ist. Deren gemeinsame Grund\u00fcberzeugung fu\u00dfte auf <i>Mein Kampf<\/i>, geschrieben in der Festungshaft 1924. [11] Eine Erg\u00e4nzung dazu ist das sogenannte <i>Zweite Buch <\/i>Hitlers. [12] 1928 verfasst, aber seinerzeit nicht ver\u00f6ffentlicht, sollte es vor allem die nationalsozialistische Stellung zum S\u00fcdtirolproblem erl\u00e4utern und vertieft <i>Mein Kampf<\/i> insbesondere in au\u00dfenpolitischen Fragen.<\/p>\n<p align=\"CENTER\">* * *<\/p>\n<p>Jede Besch\u00e4ftigung mit dem Thema st\u00f6\u00dft auf zwei gro\u00dfe Schwierigkeiten:<\/p>\n<ul>\n<li>erstens die ungeheure Flexibilit\u00e4t, mit der Adolf Hitler als der F\u00fchrer von Bewegung und Staat Kompromisse schloss, Umwege ging und R\u00fcckz\u00fcge antrat, wenn das seiner Sache nutzte. Darum kann es so scheinen, als ob der Nationalsozialismus keine wesensm\u00e4\u00dfig eigene Zielsetzung gehabt habe, sondern ausschlie\u00dflich &#8222;von Fall zu Fall&#8220; vorgegangen sei;<\/li>\n<li>zweitens existierte das Dritte Reich nur zw\u00f6lf Jahre und lag die H\u00e4lfte davon im Krieg. Dieser Krieg war einesteils das Mittel zur Erreichung des Hauptziels; darum spiegelt sich in ihm das Wesen des Nationalsozialismus deutlicher wieder als anderswo. Andernteils konnten alle Pl\u00e4ne zu einer tiefer greifenden Umgestaltung der Gesellschaft so lange nur beschr\u00e4nkt verwirklicht werden und mussten sich ansonsten auf die Zeit nach einem gewonnenen Krieg verschieben lassen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Trotz dieser Einschr\u00e4nkungen muss ein Vergleich zwischen Programmatik und tats\u00e4chlicher Politik des Dritten Reiches zu dem Schluss f\u00fchren, dass die programmatischen Ziele keineswegs blo\u00df propagandistischen Charakter hatten. Ein solcher Vergleich wird hier nur ansatzweise vorgenommen. Im Mittelpunkt steht die Programmatik des Nationalsozialismus. Die Klassenpolitik vor und nach der Machtergreifung, die Innen-, Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie die Au\u00dfenpolitik des Dritten Reichs werden nur an einzelnen Punkten beleuchtet, um nachzuweisen, dass die nationalsozialistischen Aussagen ernst gemeint waren.<\/p>\n<p>Der Artikel kn\u00fcpft an die jetzt von Lehmann wiederaufgenommene geschichtliche Diskussion in den AzD an, deren Zwischenbilanz in den Thesen der AzD-Redaktion &#8222;\u00dcber die Zielrichtung einer revolution\u00e4ren Programmdiskussion&#8220; enthalten ist [13] und in deren Verlauf auch der Verfasser dieser Zeilen andere Auffassungen \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Bourgeoisie und Nationalsozialismus hatte als heute. Von &#8222;Nationalsozialismus&#8220; statt von &#8222;Faschismus&#8220; wird bewusst gesprochen, weil der Begriff des Faschismus eine wesensm\u00e4\u00dfige Identit\u00e4t der verschiedenen &#8222;faschistischen&#8220; Bewegungen und Staaten voraussetzt, die erst noch untersucht werden muss.<\/p>\n<\/div>\n<div align=\"right\">\n<p><a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=229&amp;preview=true\">[Weiter]<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem 1. Weltkrieg und der Oktoberrevolution war weit \u00fcber die Reihen der Kommunisten hinaus die \u00dcberzeugung verbreitet, dass das Zeitalter des liberalen Kapitalismus zu Ende sei. Die Konkurrenz schien vor dem Monopol zu kapitulieren und die liberale, b\u00fcrgerliche Gesellschaft von Kommunismus oder Faschismus abgel\u00f6st zu werden. 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