{"id":2183,"date":"2021-05-04T21:06:18","date_gmt":"2021-05-04T19:06:18","guid":{"rendered":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2183"},"modified":"2021-05-04T21:06:24","modified_gmt":"2021-05-04T19:06:24","slug":"dokumentation-3","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2183","title":{"rendered":"Dokumentation"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Interview der S\u00fcddeutschen Zeitung (SZ) vom 23. Oktober 2020 mit Sahra Wagenknecht (Ausz\u00fcge)<\/b><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">F\u00fcr Renten k\u00e4mpfen oder lieber f\u00fcr Gendersternchen? Sahra Wagenknecht, die nach wie vor bekannteste Politikerin der Linkspartei, \u00fcber die N\u00f6te kleiner Leute &#8211; sowie studierte Politiker, die diese N\u00f6te gar nicht kennen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>SZ: Frau Wagenknecht, Sie haben sich vor anderthalb Jahren aus der ersten Reihe der Linkspartei zur\u00fcckgezogen. Was machen Sie mit Ihrer neu gewonnenen Zeit?<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Sahra Wagenknecht: Ich habe vor allem wieder viel mehr Zeit zum Lesen, zum Nachdenken und um neue Ideen zu\u00a0entwickeln.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Was f\u00e4llt Ihnen ein, wenn Sie \u00fcber den Zustand der Linken nachdenken?<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Man muss erst einmal fragen: Was ist links? Was heute als links gilt, hat mit den traditionellen Anliegen linker Politik oft nicht mehr viel zu tun. Statt um soziale Ungleichheit, Armutsl\u00f6hne und niedrige Renten drehen sich linke Debatten heute oft um Sprachsensibilit\u00e4ten, Gendersternchen und Lifestyle-Fragen. Diejenigen, f\u00fcr die linke Parteien eigentlich da sein sollten, also die Besch\u00e4ftigten, die untere Mittelschicht, die \u00c4rmeren, wenden sich deshalb ab. Von Arbeitern und Arbeitslosen werden linke Parteien kaum noch gew\u00e4hlt. Wir sollten beunruhigt sein angesichts der Serie von Wahlniederlagen, die wir &#8211; mit Ausnahme von Th\u00fcringen &#8211; in den letzten zwei Jahren eingefahren haben. Zumal dieser Niedergang parallel zum Absturz der SPD\u00a0verl\u00e4uft.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Ist das ein rein deutsches Ph\u00e4nomen?<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Nein. Die linken Parteien sind Akademikerparteien geworden. Thomas Piketty weist das ja in seinem neuesten Buch sehr anschaulich nach. Ob USA, Osteuropa oder Westeuropa, es ist \u00fcberall der gleiche Trend: Anders als noch in den F\u00fcnfziger- und Sechzigerjahren sind es nicht mehr die Benachteiligten, sondern die Bessergebildeten und tendenziell auch die Besserverdienenden, die links w\u00e4hlen. Das ist schon ein Armutszeugnis f\u00fcr die Linke, wenn sie die Armen nicht mehr\u00a0erreicht.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Wieso hat die deutsche Linke den Zugang zu ihrer Kernklientel verloren?<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Linke Parteien sind heute vor allem in der urbanen akademischen Mittelschicht verankert, da kommen viele ihrer Mitglieder und Funktionstr\u00e4ger her. Vor allem letztere sind oft unter privilegierten Bedingungen aufgewachsen und haben kaum einen Zugang zum Leben normaler Menschen. Deshalb werden Debatten gef\u00fchrt, die an den Problemen vorbeigehen, die etwa eine Rentnerin hat, die von 900 Euro im Monat leben muss. Oder jemand, der jeden Tag Postpakete die Treppen hochschleppt. Oder als Schichtarbeiter in einem Industriebetrieb arbeitet. Diese Menschen k\u00f6nnen nichts anfangen mit der Debatte \u00fcber Sabbaticals oder die Abschaffung des Autos. Sie reagieren allergisch, wenn der Klimawandel wieder nur das Alibi daf\u00fcr ist, dass ihr Heiz\u00f6l, ihr Strom und ihr Sprit noch teurer werden. Und sie wollen auch nicht daf\u00fcr angemacht werden, dass sie ihr Schnitzel beim Discounter kaufen. Auch wenn man sieht, was in linken Kreisen heute als rassistisch gilt: Das hat mit dem origin\u00e4ren Inhalt dieses Begriffs nichts mehr zu\u00a0tun.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Nennen Sie mal ein Beispiel.<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Nach Umfragen sind sehr viele Leute &#8211; zum Gl\u00fcck &#8211; der Meinung, dass man Menschen in Not helfen muss. Aber sie sind zugleich der Auffassung, dass Zuwanderung begrenzt werden muss. Das ist nach linker Auffassung Rassismus. Absurd! Hier gibt es gro\u00dfe Tabuzonen. Aber man muss doch dar\u00fcber reden k\u00f6nnen, ob die F\u00f6rderung von Migration \u00fcberhaupt eine linke Position\u00a0ist.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Das geht. Wir reden ja gerade dar\u00fcber.<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">F\u00fcr die Herkunftsl\u00e4nder ist Migration ruin\u00f6s, weil es in der Regel die Besserqualifizierten sind, die abwandern. Alle seri\u00f6sen Entwicklungs\u00f6konomen best\u00e4tigen das. Wenn wir wirklich den Bed\u00fcrftigen helfen wollten, dann m\u00fcssten wir vor Ort helfen. Und nat\u00fcrlich gibt es in den Einwanderungsl\u00e4ndern auch gro\u00dfe Probleme, soziale und kulturelle, deren Thematisierung man nicht den Rechten \u00fcberlassen\u00a0darf.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Was ist f\u00fcr Sie rechts?<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Rechts ist f\u00fcr mich die Bef\u00fcrwortung von Krieg, Sozialabbau, gro\u00dfer Ungleichheit. Und das, was Rassismus in seinem Wortsinn ausmacht: Menschen herabzusetzen, die woanders geboren sind, eine andere Hautfarbe haben. Gegen diese Menschen zu hetzen und ihnen die Verantwortung f\u00fcr Probleme zuzuschieben, f\u00fcr die sie nicht verantwortlich sind. Nicht rechts ist es anzusprechen, dass Zuwanderer f\u00fcr Lohndr\u00fcckerei missbraucht werden, dass es kaum m\u00f6glich ist, eine Schulklasse zu unterrichten, in der mehr als die H\u00e4lfte der Kinder kein Deutsch spricht, oder dass wir auch in Deutschland ein Problem mit dem radikalen Islamismus haben. Wenn Linke das alles ausblenden, muss man sich nicht wundern, wenn manche Menschen das Gef\u00fchl bekommen, die AfD sei die einzige Partei, die ihre Probleme ernst\u00a0nimmt.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Das h\u00f6rt sich an, als ob Sie die Politik der linken Parteien mitverantwortlich machen f\u00fcr den Aufstieg des Rechtspopulismus.<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Ja, nat\u00fcrlich. \u00dcberall. Die linken Parteien haben ihre fr\u00fchere W\u00e4hlerschaft im Stich gelassen. Die ist zun\u00e4chst einmal den Wahlen ferngeblieben. Erst dann kamen die Rechten und haben in diesen Milieus Stimmen gesammelt. Mir schreiben viele ehemalige W\u00e4hler der Linken, weshalb sie jetzt AfD w\u00e4hlen. Sie hatten nicht mehr das Gef\u00fchl, dass wir ihre Interessen vertreten, dass sie mit dem Kreuz bei uns ihren \u00c4rger \u00fcber die herrschende Politik ausdr\u00fccken\u00a0k\u00f6nnen.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Gerade in l\u00e4ndlichen Gegenden Ostdeutschlands ist die W\u00e4hlerschaft der Linken relativ alt. Muss die Partei sich da nicht zwingend auch um junge, liberale Gro\u00dfst\u00e4dter k\u00fcmmern?<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Es gibt auch junge Leute, die in Bottrop oder Bitterfeld leben. Und viele, die keine Chance haben, je zu studieren. Die brauchen unsere Unterst\u00fctzung mehr als gut beh\u00fctete Kinder der Mittelschicht. Nat\u00fcrlich freue ich mich auch \u00fcber jeden gut bezahlten Akademiker, der uns w\u00e4hlt. Die Frage ist nur, f\u00fcr wen wir in erster Linie Politik machen &#8211; orientieren wir uns vor allem an sozialen Problemen oder bedienen wir hippe gr\u00fcnliberale Modethemen. Wie wir in den letzten Jahren Politik gemacht haben, sollten wir nicht\u00a0weitermachen.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Ist der Klimawandel ein hippes Modethema?<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Das ist ein Menschheitsthema und darf kein Modethema der Besserverdienenden bleiben. Der Klimawandel bedroht unsere Lebensgrundlagen. Problematisch ist es, wenn sich der Kampf gegen den Klimawandel auf Lifestyle-Fragen konzentriert. Also: Fahren wir jetzt alle Fahrrad oder E-Auto? Essen wir vegan oder kaufen zumindest unser Fleisch im Bioladen? Viele Menschen k\u00f6nnen sich so einen Lebensstil schlicht nicht leisten. Au\u00dferdem ist das eine Ablenkungsdebatte. Die Globalisierung mit ihren endlosen Transportwegen und dreckigen Containerschiffen sch\u00e4digt das Weltklima ungleich mehr als alle Diesel-Fahrer zusammen. W\u00e4hrend man denen ein schlechtes Gewissen einredet, k\u00fcrzt die Deutsche Bahn weiter ihr Streckennetz und f\u00e4hrt ihren G\u00fctertransport runter. Statt Menschen, die oft schon in den letzten Jahren Einkommen verloren haben, Verzicht zu predigen, sollten wir lieber etwas dagegen tun, dass gro\u00dfe Unternehmen viele Produkte extra so konstruieren, dass sie schnell kaputtgehen. Wir m\u00fcssen weniger dar\u00fcber reden, wie wir konsumieren, und viel mehr dar\u00fcber, wie wir wirtschaften und\u00a0produzieren.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Halten Sie sich selbst f\u00fcr eine Integrationsfigur der Linken?<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Ich erfahre viel Zuspruch von Mitgliedern und m\u00f6glichen W\u00e4hlern. Klar, ich habe \u00dcberzeugungen, die polarisieren. Aber ich denke, dass wir mit einer anderen Politik erfolgreicher w\u00e4ren. Nach Umfragen gibt es seit Jahren Mehrheiten f\u00fcr eine sozialere Politik. Aber diese Mehrheit w\u00e4hlt schon lange nicht mehr links. Das w\u00fcrde ich gern\u00a0\u00e4ndern.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Sie haben es ja versucht mit Ihrer Sammelbewegung &#8222;Aufstehen&#8220;. In Ihrer Partei sagen aber viele, die habe mit ihren spalterischen Tendenzen zum Niedergang beigetragen. <\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Das h\u00e4tte man uns vorhalten k\u00f6nnen, wenn wir eine Partei gegr\u00fcndet h\u00e4tten &#8211; wie das viele Mitglieder von &#8222;Aufstehen&#8220; wollten. Mein Anliegen war, aus einer Bewegung heraus so viel Druck zu erzeugen, um in den F\u00fchrungsebenen der linken Parteien ein Umdenken auszul\u00f6sen. Das ist leider komplett misslungen. Jetzt hat &#8222;Aufstehen&#8220; einen neuen Vorstand. Junge Leute machen einen neuen\u00a0Anlauf.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Treten Sie bei der Bundestagswahl 2021 noch einmal f\u00fcr die Linke an?<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Wenn mein Landesverband Nordrhein-Westfalen meine Kandidatur unterst\u00fctzt,\u00a0ja.<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview der S\u00fcddeutschen Zeitung (SZ) vom 23. Oktober 2020 mit Sahra Wagenknecht (Ausz\u00fcge) F\u00fcr Renten k\u00e4mpfen oder lieber f\u00fcr Gendersternchen? Sahra Wagenknecht, die nach wie vor bekannteste Politikerin der Linkspartei, \u00fcber die N\u00f6te kleiner Leute &#8211; sowie studierte Politiker, die diese N\u00f6te gar nicht kennen. SZ: Frau Wagenknecht, Sie haben sich vor anderthalb Jahren aus &hellip; <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2183\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Dokumentation<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-2183","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2183","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2183"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2183\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2186,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2183\/revisions\/2186"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2183"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}