{"id":2146,"date":"2021-05-04T21:12:01","date_gmt":"2021-05-04T19:12:01","guid":{"rendered":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2146"},"modified":"2021-05-04T21:12:01","modified_gmt":"2021-05-04T19:12:01","slug":"die-linke-nach-ihrem-bundesparteitag","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2146","title":{"rendered":"Die Linke nach ihrem Bundesparteitag"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: x-large;\"><span style=\"font-size: 14pt;\"><em>Andreas Wehr, M\u00e4rz 2021<\/em><\/span><b><br \/>\n<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: x-large;\"><b>Die Post-Wagenknecht-Linke<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Die Linke nach ihrem Bundesparteitag: F\u00fcr kommende Auseinandersetzungen gut aufgestellt?<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;Die linken Parteien haben ihre fr\u00fchere W\u00e4hlerschaft im Stich gelassen.&#8220; So beschrieb Sahra Wagenknecht in einem Interview mit der S\u00fcddeutschen Zeitung die Situation der Linken:<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">\u201eWas heute als links gilt, hat mit den traditionellen Anliegen linker Politik oft nicht mehr viel zu tun. Statt um soziale Ungleichheit, Armutsl\u00f6hne und niedrige Renten drehen sich linke Debatten heute oft um Sprachsensibilit\u00e4ten, Gendersternchen und Lifestyle-Fragen. Diejenigen, f\u00fcr die linke Parteien eigentlich da sein sollten, also die Besch\u00e4ftigten, die untere Mittelschicht, die \u00c4rmeren, wenden sich deshalb ab. Von Arbeitern und Arbeitslosen werden linke Parteien kaum noch gew\u00e4hlt. Die linken Parteien sind Akademikerparteien geworden.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Linke Parteien sind heute vor allem in der urbanen akademischen Mittelschicht verankert, da kommen viele ihrer Mitglieder und Funktionstr\u00e4ger her. Vor allem letztere sind oft unter privilegierten Bedingungen aufgewachsen und haben kaum einen Zugang zum Leben normaler Menschen.\u201c<\/span><\/span><sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\">1<\/a><\/span><\/span><\/sup><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Ganz \u00e4hnlich formulierte es der Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, Fabio de Masi, in einem Schreiben, in dem er seine Gr\u00fcnde daf\u00fcr nannte, weshalb er nicht noch einmal f\u00fcr den Bundestag antritt: \u201eParteien in der Tradition der Arbeiterbewegung waren immer lebensnah. Sie kannten die Lebenswirklichkeit der Menschen, die von ihrer H\u00e4nde Arbeit lebten. Sie haben Grundwerte wie Solidarit\u00e4t durch Verankerung in der Lebenswelt der Besch\u00e4ftigten verteidigt. Die Debatten der Meinungsf\u00fchrer in den akademischen Milieus, die Codes der digitalen Emp\u00f6rung und Hashtags, die h\u00e4ufig nur wenige Stunden \u00fcberdauern und nichts kosten, sind daf\u00fcr kein Ersatz. (\u2026) Identit\u00e4t ist wichtig im Leben. Sie darf aber nicht dazu f\u00fchren, dass nur noch Unterschiede statt Gemeinsamkeiten zwischen Menschen betont werden und sich nur noch &#8218;woke&#8216; Akademiker in Innenst\u00e4dten angesprochen f\u00fchlen. Eine Politik, die nur noch an das Ego und die individuelle Betroffenheit, aber nicht mehr an die Gemeinschaft appelliert, ist auch Donald Trump nicht fremd.\u201c<\/span><\/span><sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote2sym\" name=\"sdfootnote2anc\">2<\/a><\/span><\/span><\/sup><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die so von Wagenknecht und de Masi kritisierte Partei Die Linke denkt aber nicht daran, sich dieser Sicht anzuschlie\u00dfen. Auf ihrem Ende Februar 2021 online abgehaltenen Bundesparteitag blickte Katja Kipping vielmehr selbstzufrieden auf fast neun Jahre Politik an der Parteispitze zur\u00fcck. Unter der \u00dcberschrift &#8222;Was wir in den letzten Jahren erreicht haben&#8220; nannte sie an erster Stelle &#8222;die neuen Mitglieder&#8220;.<\/span><\/span><sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote3sym\" name=\"sdfootnote3anc\">3<\/a><\/span><\/span><\/sup><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Der Linkspartei geh\u00f6ren gegenw\u00e4rtig 60.350 Mitglieder an. Vergleicht man diesen Stand mit den Zahlen in den Jahren nach der Entstehung der Partei aus dem Zusammenschluss von PDS und WASG 2007, so ist offensichtlich, dass sie seitdem erheblich geschrumpft ist &#8211; damals waren es noch 76.000. Vor allem im Osten verliert sie gegenw\u00e4rtig weiter an Mitgliedern. Etwa in Sachsen: Deren Zahl ging dort von 8.261 im Jahr 2017 auf 7.416 im Jahr 2020 zur\u00fcck. Oder in Brandenburg: Dort schrumpfte die Partei in nur drei Jahren von 6.061 auf 5.229.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Selbst in Th\u00fcringen, wo sie unter Bodo Ramelow bei Landtagswahlen erfolgreich war, ging die Mitgliederzahl zwischen 2017 und 2020 um 398 zur\u00fcck. Der Verlust im Osten konnte immerhin in einem gewissen Umfang mit Zuw\u00e4chsen im Westen &#8211; mit Ausnahme des Saarlands &#8211; ausgeglichen werden, so dass seit 2018 nicht mehr Sachsen, sondern Nordrhein-Westfalen der mitgliederst\u00e4rkste Landesverband ist.<\/span><\/span><sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote4sym\" name=\"sdfootnote4anc\">4<\/a><\/span><\/span><\/sup><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Dass es bei der Mitgliederentwicklung nicht noch schlimmer kam, lag vor allem an den Neueintritten, die f\u00fcr die Amtszeit von Kipping und Riexinger seit 2012 mit 27.000 angegeben wird. Die Partei gewann vor allem junge Mitglieder: &#8222;Der Anteil von unter 35-j\u00e4hrigen Mitglieder stieg von 24 Prozent auf 27 Prozent der Mitgliedschaft. Bei den Neumitgliedern liegt der Anteil von unter 35-j\u00e4hrigen bei 63 Prozent (\u2026), damit verj\u00fcngt sich die Mitgliedschaft weiter deutlich&#8220;, hei\u00dft es im T\u00e4tigkeitsbericht des Parteivorstandes.<\/span><\/span><sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote5sym\" name=\"sdfootnote5anc\">5<\/a><\/span><\/span><\/sup><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Es kam zu erheblichen Verschiebungen in der Zusammensetzung der Mitgliedschaft: &#8222;In den knapp neun Jahren mit Katja Kipping und Bernd Riexinger als Vorsitzende hat sie sich stark demografisch gewandelt. (\u2026) Das liegt daran, dass die vielfach noch DDR-gepr\u00e4gte Mitgliedschaft im Osten stark geschrumpft ist, und zwar weniger durch Austritte als durch Todesf\u00e4lle.&#8220;<\/span><\/span><sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote6sym\" name=\"sdfootnote6anc\">6<\/a><\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> \u00dcber die Zahl der Austritte wurden auf dem Parteitag keine Angaben gemacht. Es d\u00fcrften aber nicht wenige gewesen sein, die die Partei in den letzten Jahren verlie\u00dfen, weil sie etwa mit ihrer Arbeit in L\u00e4nderregierungen nicht einverstanden waren, oder ihr Parteibuch zur\u00fcckgaben, da sie nicht l\u00e4nger einer Organisation angeh\u00f6ren wollten, in der f\u00fchrende ihrer Mitglieder die DDR zum &#8222;Unrechtsstaat&#8220; erkl\u00e4rten.<\/span><\/span><sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote7sym\" name=\"sdfootnote7anc\">7<\/a><\/span><\/span><\/sup><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Die &#8222;Emanzipatorische Linke&#8220;<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Unter den Neumitgliedern d\u00fcrften sich viele jener finden, die Sahra Wagenknecht in ihrem Interview als der &#8222;urbanen akademischen Mittelschicht&#8220; zugeh\u00f6rig ansprach, denen die Alltagssorgen der Lohnabh\u00e4ngigen und sozial Benachteiligten fremd sind. Das aber sind genau diejenigen, die von der von Katja Kipping angef\u00fchrten Parteistr\u00f6mung &#8222;Emanzipatorische Linke&#8220; f\u00fcr die Partei umworben werden, f\u00fcr die eben &#8222;Sprachsensibilit\u00e4ten, Gendersternchen und Lifestyle-Fragen&#8220; entscheidend sind.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Und so orientiert sich die Alltagspolitik der Linken mehr und mehr an Jugendbewegungen wie Fridays for Future und an Demonstrationen von Black Lives Matter. Die Partei beteiligt sich an Aktionen f\u00fcr das Recht auf Migration, an Kampagnen gegen Nazis und alle die, die man f\u00fcr Rechtsradikale h\u00e4lt, schlie\u00dflich engagiert man sich vor allem f\u00fcr die Freiheiten der unter LGBTQ versammelten Gruppen. Zwar wird immer wieder darauf verwiesen, dass sich die politische Arbeit nicht allein auf &#8222;Identit\u00e4tspolitik&#8220; zugunsten einzelner gesellschaftlicher Gruppen verenge, sie sich vielmehr auch an Aktionen der Mieterbewegung, etwa mit der Kampagne &#8222;Bezahlbare Miete statt fetter Rendite&#8220;, und mit der Aktion &#8222;Pflegenotstand stoppen&#8220; auch an gewerkschaftlichen K\u00e4mpfen beteilige. Doch diese Aktivit\u00e4ten stehen nicht im Mittelpunkt ihrer Politik, sie beschr\u00e4nken sich in der Regel auf Auftritte im Internet und auf Unterschriftenlisten.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Gut gemeinte Kampagnen f\u00fcr mehr soziale Gerechtigkeit wie die auf dem Bielefelder Parteitag 2015 beschlossene Aktion &#8222;Das muss drin sein&#8220; blieben folgenlos. Der vor allem vom Co-Vorsitzenden Bernd Riexinger unternommene Versuch, identit\u00e4re Politik mit dem Eintreten f\u00fcr soziale Forderungen unter dem Label &#8222;verbindende Klassenpolitik&#8220; zusammenzubringen, fand allein auf dem Papier statt. Viele der neuen, meist jungen Mitglieder d\u00fcrften hinzugekommen sein, um die Partei nach ihrem Bilde zu formen. Ihnen geht es darum, aus der sich einstmals als sozialistische Kraft verstehenden Linkspartei eine \u00f6kolibert\u00e4re, an identit\u00e4ren Themen orientierte Partei zu machen. Man orientiert sich dabei an den Gr\u00fcnen und neuerdings auch an den Jungsozialisten, die sich unter Kevin K\u00fchnert ebenfalls auf diesen Weg begeben haben.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>F\u00fcr Kritiker dieses Kurses wird der Raum zunehmend enger<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die beiden jetzt so selbstzufrieden auf ihre Amtszeit zur\u00fcckblickenden Katja Kipping und Bernd Riexinger verga\u00dfen in ihrer Bilanz anzuf\u00fchren, dass sich Sahra Wagenknecht 2019 nach einer beispiellosen Ausgrenzungs- und Diffamierungskampagne, an der beide Parteivorsitzende ihren entscheidenden Anteil hatten, entnervt vom Posten der Fraktionsvorsitzenden zur\u00fcckzogen hat.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Gegenw\u00e4rtig k\u00e4mpft sie in Nordrhein-Westfalen um ihre Wiederaufstellung als Kandidatin f\u00fcr den Bundestag &#8211; mit ungewissen Ausgang. Fabio de Masi hat mit seinem R\u00fcckzug aus dem Bundestag bereits resigniert. In dieses Bild passt auch, dass bei den Wahlen f\u00fcr den Parteivorstand auf dem Februar-Parteitag prominente Kritiker durchfielen, etwa der Gewerkschaftssekret\u00e4r und f\u00fchrende Repr\u00e4sentant der Sozialistischen Linken in der Partei, Ralf Kr\u00e4mer. Nicht gew\u00e4hlt wurde auch Harri Gr\u00fcnberg von Cuba Si. Die Parteif\u00fchrung wird es dadurch k\u00fcnftig leichter haben, sich von der bisherigen, gegen\u00fcber Kuba solidarischen Politik zu verabschieden. Bei einem kurz vor dem Parteitag bereits unternommenen Absetzungsversuch von Kuba, musste man am Ende noch Kompromisse im Parteivorstand eingehen. Nun ist das nicht mehr l\u00e4nger notwendig.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">In einer Stellungnahme der Sozialistischen Linken (SL) in der Partei hei\u00dft es zu den Wahlen zum Parteivorstand: \u201eDie Str\u00f6mung der &#8222;Bewegungslinken&#8220;, die gemeinsam mit der Antikapitalistischen Linken (AKL) und dem linksliberalen Lager der Partei ein paar Dutzend Stimmen mehr mobilisieren konnte, konnte alle ihre 20 KandidatInnen f\u00fcr den Parteivorstand durchsetzen. Dem gegen\u00fcber sind die Vertreter der Sozialistischen Linken, der Kommunistischen Plattform oder der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Hartz IV sowie von Cuba Si nicht mehr in dem 44-k\u00f6pfigen Gremium des Parteivorstands vertreten.\u201c<\/span><\/span><sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote8sym\" name=\"sdfootnote8anc\">8<\/a><\/span><\/span><\/sup><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Es spricht viel daf\u00fcr, dass diese beispiellose Niederlage der sozialistischen Kr\u00e4fte auf einem Bundesparteitag einen Wendepunkt in Politik und Ausrichtung der Partei darstellt, ist sie doch Ausdruck einer tiefgreifenden demografischen Ver\u00e4nderung der Mitgliederstruktur.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Auf dem Weg zur \u00f6kolibert\u00e4ren Partei der urbanen akademischen Mittelschichten<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die Partei Die Linke ist unwiederbringlich auf dem Weg, eine \u00f6kolibert\u00e4re Partei der urbanen akademischen Mittelschichten zu werden, die anschlussf\u00e4hig f\u00fcr SPD und Gr\u00fcne ist. Zwar sprechen die Protagonisten dieser Entwicklung weiterhin viel von &#8222;Sozialismus&#8220;, von &#8222;Kapitalismus&#8220; und sogar von &#8222;System\u00fcberwindung&#8220;. Aber das war bei den Jungsozialisten in der SPD nicht anders, und dies wiederholte sich dann bei den Gr\u00fcnen. Dies sind alles nur Worte, die vergehen. Mit Genugtuung kann denn auch die <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>taz<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> den Ausgang des Parteitags mit den Worten bilanzieren: &#8222;Die Post-Wagenknecht-Linke&#8220;.<\/span><\/span><sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote9sym\" name=\"sdfootnote9anc\">9<\/a><\/span><\/span><\/sup><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Kipping und Riexinger nahmen als Ergebnis ihrer Amtszeit in Anspruch, dass die Linkspartei in den vergangenen neun Jahren &#8222;moderner&#8220; geworden und aus der politischen Landschaft nicht mehr wegzudenken sei. &#8222;Wir \u00fcbergeben eine Partei, die f\u00fcr kommende Auseinandersetzungen gut aufgestellt ist&#8220;, sagte Riexinger in seiner Abschiedsrede.<\/span><\/span><sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote10sym\" name=\"sdfootnote10anc\">10<\/a><\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> Zu solch einer optimistischen Einsch\u00e4tzung kann man aber nur gelangen, wenn man den Niedergang der Partei bei Wahlen ignoriert. Bei nahezu allen Landtagswahlen der vergangenen Jahre b\u00fc\u00dfte die Partei zum Teil erheblich an Stimmen ein.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">In Brandenburg fiel sie von 27,2 Prozent im Jahr 2009 auf 18,6 in 2014. Bei der Wahl im September 2019 ging es weiter bergab: Die Linke verlor dort mit 7,9 Prozent mehr als jede andere Partei. Mit 10,7 Prozent blieb ihr am Ende nur noch ein gutes Drittel der Stimmen von 2009. Auch in Sachsen fiel sie von 20,6 Prozent in 2009 auf 18,9 Prozent in 2014 und schlie\u00dflich auf nur noch 10,4 Prozent im September 2019 &#8211; was einen weiteren R\u00fcckgang um nicht weniger als 8,5 Prozent bedeutete &#8211; dies kommt ann\u00e4hernd einer Halbierung ihrer bisherigen W\u00e4hlerschaft gleich! Die beiden Bundesl\u00e4nder waren keineswegs Ausnahmen: In Sachsen-Anhalt fiel der Anteil von 23,7 Prozent in 2011 auf 16,3 Prozent in 2016. In Mecklenburg-Vorpommern ging es von 18,4 Prozent in 2011 auf 13,2 im Jahr 2016 bergab. Nur in Th\u00fcringen gab es ein leichtes Plus von 27,4 Prozent in 2009 auf 28,2 Prozent 2014. Auch in Berlin konnte Die Linke zulegen, ohne allerdings die guten Ergebnisse von 1999 bzw. 2001 wieder erreichen zu k\u00f6nnen.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Auch in den westlichen Bundesl\u00e4ndern sieht die Bilanz nicht viel besser aus. In Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein gelang es w\u00e4hrend der Amtszeit von Kipping und Riexinger nicht, in die Landtage zur\u00fcckzukehren. In Rheinland-Pfalz, Baden-W\u00fcrttemberg sowie in Bayern ist die Linkspartei von der F\u00fcnfprozenth\u00fcrde weit entfernt. Lediglich in Hessen und in den Stadtstaaten Bremen und Hamburg konnte sie leicht zulegen. Mit nur noch 5,5 Prozent fiel schlie\u00dflich das Ergebnis bei den Wahlen zum Europ\u00e4ischen Parlament im Jahr 2019 desastr\u00f6s schlecht aus. Doch \u00fcber all diese Niederlagen schwiegen Kipping und Riexinger in ihren Reden auf dem Parteitag!<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die Serie der Niederlagen wird sich sehr wahrscheinlich bei der anstehenden Bundestagswahl fortsetzen. Nach den gegenw\u00e4rtigen Umfragen wird der Linkspartei nur noch ein Ergebnis zwischen sechs und acht Prozent zugetraut. Vor vier Jahren hatte sie 9,2 Prozent erhalten und lag damit noch vor den Gr\u00fcnen! <\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Ganz anders lauten dagegen die Umfragewerte f\u00fcr die von der Partei kaltgestellte Sahra Wagenknecht. Sie geh\u00f6rt seit Jahren zu den beliebtesten Politikern des Landes.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Andreas Wehr ist Autor von B\u00fcchern und Artikeln zu Europa, Philosophie und Geschichte sowie zur aktuellen Politik und Mitbegr\u00fcnder des Marx-Engels-Zentrums Berlin. Mehr \u00fcber ihn auf der Webseite: <\/i><\/span><\/span><span style=\"color: #0563c1;\"><u><a href=\"https:\/\/www.andreas-wehr.eu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>www.andreas-wehr.eu<\/i><\/span><\/span><\/span><\/a><\/u><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>.<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\">\n<p class=\"sdfootnote-western\" align=\"justify\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1<\/a><span style=\"font-family: Times New Roman, serif; font-size: 12pt;\"> In ihrem Interview mit der S\u00fcddeutschen Zeitung vom 23.10.2021 sprach Sahra Wagenknecht ausdr\u00fccklich von den \u201elinken Parteien\u201c, also auch von SPD und Gr\u00fcnen. Inzwischen hat der Konflikt um die identit\u00e4re Ausrichtung linker Politik die SPD erreicht. So wurde der in der FAZ am 22.02.2021 von Wolfgang Thierse ver\u00f6ffentlichte Artikel \u201eGrabenk\u00e4mpfe gegen Gemeinsinn: Wie viel Identit\u00e4t vertr\u00e4gt die Gesellschaft?\u201c von der SPD-Parteivorsitzenden Saskia Esken und dem stellvertretenden Vorsitzenden Kevin K\u00fchnert scharf kritisiert. Woraufhin Thierse ihnen anbot, die SPD zu verlassen. Vgl. \u201eWolfgang Thierse bietet R\u00fccktritt aus der SPD an nach Kritik \u00fcber \u00c4u\u00dferungen zur Identit\u00e4tspolitik\u201c, in RT Deutsch vom 03.03.2021<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote2\">\n<p class=\"sdfootnote-western\" align=\"justify\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote2anc\" name=\"sdfootnote2sym\">2<\/a><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"> Fabio de Masi will nicht mehr kandidieren &#8211; \u201eEine solche Debattenkultur hat nichts mit Aufkl\u00e4rung zu tun\u201c, in: Cicero vom 24.02.2021<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote3\">\n<p class=\"sdfootnote-western\" align=\"justify\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote3anc\" name=\"sdfootnote3sym\">3<\/a><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"> Das ist die neue Zeit! Rede der Vorsitzenden der Partei DIE LINKE, Katja Kipping auf dem siebten Parteitag am 26.02.2021<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"sdfootnote-western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif; font-size: 12pt;\">https:\/\/www.die-linke.de\/partei\/parteistruktur\/parteitag\/siebenter-parteitag\/detail\/das-ist-die-neue-zeit\/<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote4\">\n<p class=\"sdfootnote-western\" align=\"justify\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote4anc\" name=\"sdfootnote4sym\">4<\/a><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"> Vgl. DIE LINKE, Mitgliederzahlen 2017-2020<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"sdfootnote-western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif; font-size: 12pt;\">https:\/\/www.die-linke.de\/partei\/ueber-uns\/mitgliederzahlen-2017-2026\/<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote5\">\n<p class=\"sdfootnote-western\" align=\"justify\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote5anc\" name=\"sdfootnote5sym\">5<\/a><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"> T\u00e4tigkeitsbericht des Parteivorstandes, S. 143<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote6\">\n<p class=\"sdfootnote-western\" align=\"justify\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote6anc\" name=\"sdfootnote6sym\">6<\/a><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"> Die Post-Wagenknecht-Linke, in: taz vom 28.02.2021<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote7\">\n<p class=\"sdfootnote-western\" align=\"justify\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote7anc\" name=\"sdfootnote7sym\">7<\/a><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"> Die Zahl der noch aus der DDR stammenden Mitglieder hat in den letzten Jahren kontinuierlich abgenommen. Ausdruck davon ist die Existenzkrise der Zeitung ND, die fast ausschlie\u00dflich von diesen Mitgliedern gelesen wird.<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote8\">\n<p class=\"sdfootnote-western\" align=\"justify\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote8anc\" name=\"sdfootnote8sym\">8<\/a><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"> Erkl\u00e4rung zum Bundesparteitag: Nur gemeinsam kommen wir nach vorn! vom 04.03.2021, https:\/\/sozialistische-linke.de\/2021\/03\/04\/erklaerung-zum-bundesparteitag-nur-gemeinsam-kommen-wir-nach-vorn\/<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote9\">\n<p class=\"sdfootnote-western\" align=\"justify\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote9anc\" name=\"sdfootnote9sym\">9<\/a><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"> Ebenda<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote10\">\n<p class=\"sdfootnote-western\" align=\"justify\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote10anc\" name=\"sdfootnote10sym\">10<\/a><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: 12pt;\"> So geht das nicht weiter, in: junge Welt vom 27.02.2021<\/span> <\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andreas Wehr, M\u00e4rz 2021 Die Post-Wagenknecht-Linke Die Linke nach ihrem Bundesparteitag: F\u00fcr kommende Auseinandersetzungen gut aufgestellt? &#8222;Die linken Parteien haben ihre fr\u00fchere W\u00e4hlerschaft im Stich gelassen.&#8220; So beschrieb Sahra Wagenknecht in einem Interview mit der S\u00fcddeutschen Zeitung die Situation der Linken: \u201eWas heute als links gilt, hat mit den traditionellen Anliegen linker Politik oft nicht &hellip; <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=2146\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Die Linke nach ihrem Bundesparteitag<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-2146","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2146","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2146"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2146\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2148,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2146\/revisions\/2148"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2146"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}