{"id":214,"date":"2016-09-12T07:56:29","date_gmt":"2016-09-12T05:56:29","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=214"},"modified":"2017-12-20T13:06:58","modified_gmt":"2017-12-20T12:06:58","slug":"vi-schluss","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=214","title":{"rendered":"VI. Schlu\u00df"},"content":{"rendered":"<h3>1. Hitler &#8211; Vertreter des untergehenden Kleinb\u00fcrgertums<\/h3>\n<p>Die Rolle Hitlers behandelten Politiker und Historiker in der BRD und der DDR lange vorherrschend nur von ideologischen Gesichtspunkten. Um die damalige Bev\u00f6lkerung mit der Frage nach ihrer eigenen Verantwortung nicht vor den Kopf zu sto\u00dfen, bot es sich an, alle Schuld auf den &#8222;F\u00fchrer&#8220; des Nationalsozialismus abzuw\u00e4lzen. Der einst zum Gott erhobene F\u00fchrer verwandelte sich in einen D\u00e4mon. Sp\u00e4ter sahen viele in Hitler nur noch eine Witzfigur. Die Frage, warum der selbst ernannte F\u00fchrer des deutschen Volkes von dessen erdr\u00fcckender Mehrheit tats\u00e4chlich als solcher anerkannt wurde, fiel dabei unter dem Tisch.<\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Verbrecher dieses Jahrhunderts konnte sein Programm nur in Angriff nehmen, weil er auch einer der cleversten Politiker seiner Epoche war. Wie kein anderer deutscher Politiker in dieser Zeit besa\u00df Hitler Gesp\u00fcr f\u00fcr die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse und die sozialen Interessen der Massen. Mitte der 20er Jahre arbeitete er in &#8222;Mein Kampf&#8220; die Strategie zur Gewinnung der Massen aus. Weder die Kommunisten noch die b\u00fcrgerlichen Parteien erkannten die Sprengkraft der sich von der Republik l\u00f6senden Kleinb\u00fcrgermassen. \u00dcber die Wahlen kamen die Nazis durch die Unterst\u00fctzung dieser Schichten an die Macht. Hitler gelang es nun, durch die Politik der sozialen Zugest\u00e4ndnisse an alle gesellschaftlichen Klassen als F\u00fchrer der &#8222;Volksgemeinschaft&#8220; anerkannt zu werden. Bis zum Ende verfolgte Hitler diese &#8222;Massenpolitik&#8220; und konnte nur so den geschlossenen Kompromi\u00df zwischen allen Klassen bis zur endg\u00fcltigen milit\u00e4rischen Niederlage aufrechterhalten.<\/p>\n<p>Von allen F\u00fchrungspersonen der NSDAP stand er dem &#8222;kleinen Mann&#8220; am n\u00e4chsten. Er machte sich zum Anwalt ihrer unmittelbaren sozialen Interessen, wenn es zwischen der Bev\u00f6lkerung und der Partei Spannungen gab. Die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung wollte nach 1933 keinen SA-Staat mit st\u00e4ndiger Unruhe auf der Stra\u00dfe und Ausnahmezustand. So st\u00e4rkte Hitler sein Image, als er mit der Reichswehr den SA-Horden ein Ende bereitete. Auch die Ziele von Walter Darre gingen vielen Bauern zu weit. Schutzpolitik ja, aber mittelalterliche Subsistenzwirtschaft wollten sie nicht. Hitler sorgte f\u00fcr Darres Zur\u00fcckdr\u00e4ngung, und die Bauern bekamen etwas gr\u00f6\u00dfere Spielr\u00e4ume. Im Gegensatz zu den &#8222;Mystikern&#8220; von der SS-F\u00fchrung lie\u00df Hitler Vorstellungen \u00fcber Reinkarnation und andere Merkw\u00fcrdigkeiten nicht nach au\u00dfen dringen. Als man nach dem 20. Juni 1944 die aristokratischen Milit\u00e4rs erschie\u00dfen lie\u00df, konnte er sich sicher sein, da\u00df die &#8222;kleinen Leute&#8220; der alten Elite nicht nachweinten.<\/p>\n<p>Diese N\u00e4he zu den Massen war das Geheimnis des F\u00fchrermythos. Auf diesem Hintergrund wurde der naive und d\u00fcmmliche Satz &#8222;Wenn das der F\u00fchrer gewu\u00dft h\u00e4tte&#8220; zum Sprichwort. Hitler griff diese Interessen nat\u00fcrlich nur auf, um seine b\u00e4uerlich-kleinb\u00fcrgerliche Programmatik umzusetzen. Der Vertreter des vom Untergang bedrohten Kleinb\u00fcrgertums konnte zum F\u00fchrer der ganzen Nation werden. Ohne den Nationalsozialismus zu personifizieren, mu\u00df man zugestehen, da\u00df Hitler eine zentrale Stellung im Staat hatte. Dabei erhob er den F\u00fchrerstaat zum allgemeinen Prinzip. Es sollte auf allen Ebenen des Staates bestehen und war nicht an seine Person gebunden. &#8222;Der F\u00fchrer vereinigt in sich alle hoheitliche Gewalt des Reiches; alle \u00f6ffentliche Gewalt im Staat wie in der Bewegung leitet sich von der F\u00fchrergewalt ab (&#8230;) Die F\u00fchrergewalt ist umfassend und total; sie vereinigt in sich alle Mittel der politischen Gestaltung (&#8230;) sie erfa\u00dft alle Volksgenossen, die dem F\u00fchrer zu Treue verpflichtet sind. Die F\u00fchrergewalt ist nicht durch Sicherungen und Kontrollen, durch autonome Schutzbereiche und wohlerworbene Einzelrechte gehemmt, sondern sie ist frei und unabh\u00e4ngig, ausschlie\u00dflich und unbeschr\u00e4nkt&#8220; [382], formulierte er schon unmi\u00dfverst\u00e4ndlich in &#8222;Mein Kampf&#8220;. Die Wehrmacht, SS und die Beamten lie\u00df er alle auf sich vereidigen und unterstellte sie sich damit.<\/p>\n<p>Die neuere Forschung hat die Frage aufgeworfen, ob Hitler in diesem System ein starker oder schwacher Diktator war. In erster Linie war er aber ein cleverer Diktator, der nicht versuchte, alles zu kontrollieren und selbst zu entscheiden. Als F\u00fchrer delegierte er viele Aufgaben und \u00fcberlie\u00df den Akteuren die Umsetzung. So \u00fcbernahm Schacht die Wirtschaftspolitik des Reiches und auch Neurath hatte anfangs gro\u00dfe Spielr\u00e4ume als Au\u00dfenminister. Hitler griff erst ein, wenn er zu der Meinung gelangte, die Generallinie seines Programms sei in Gefahr. Auch bei den vielen Konflikten zwischen Wirtschaft, Partei oder Arbeitsfront hielt er sich so lange heraus, bis diese Auseinandersetzungen den Staat gef\u00e4hrdeten. Die rivalisierenden Kr\u00e4fte sollten selbst Kompromisse finden. Nach seinem Einwirken mu\u00dfte R\u00f6hm den Kompromi\u00df mit der Reichswehr eingehen und den Anspruch auf ein braunes Massenheer aufgeben. Als der SA-F\u00fchrer trotzdem die &#8222;zweite Revolution&#8220; gegen die junkerliche Reichswehr vorbereitete, beseitigte Hitler ihn. In dem Konflikt zwischen Ley und Schacht \u00fcber das Kommando \u00fcber die Wirtschaft und die Sozialpolitik traf Hitler monatelang keine Entscheidungen. Schlie\u00dflich wurde mit der &#8222;Leipziger Vereinbarung&#8220; vorerst ein Schlu\u00dfstrich gezogen. Dem starken Diktator gelang es, an allen Wendepunkten des 3. Reiches als Sieger hervorzugehen. Ob bei der Entmachtung Schachts, der Schwerindustrie oder beim Zwist in der Wehrmacht um Blomberg und Fritsch &#8211; immer konnte er sein Programm durchsetzen.<\/p>\n<p>Besondere Aufmerksamkeit widmete Hitler der Au\u00dfenpolitik, da seine Ziele nur durch den Krieg umgesetzt werden konnten. In der &#8222;friedlichen&#8220; Vorbereitungsphase \u00fcberlie\u00df er Neurath und dann Ribbentrop die Verhandlungen mit den anderen M\u00e4chten. Mit dem Krieg entschied er pers\u00f6nlich. Gegen alle Bedenken der Armeef\u00fchrung bestimmte er den Zeitpunkt f\u00fcr die Angriffe im Westen und die Taktik im Krieg gegen die Sowjetunion. Gerade die F\u00e4higkeiten, die Hitlers historische Gr\u00f6\u00dfe ausmachten, erm\u00f6glichten das Verbrechen.<\/p>\n<h2>2. Eine Herrschaft f\u00fcr Bauernschaft und Kleinb\u00fcrgertum<\/h2>\n<p>Der Nationalsozialismus in der Weimarer Republik wurde eingangs als kleinb\u00fcrgerlich-b\u00e4uerliche Massenbewegung bezeichnet, die sich zum Schutz der Kleinproduktion gegen die Moderne richtete. Nach der Zerschlagung der SA 1934 trat die Bedeutung dieser Massenbewegung zur\u00fcck. Aus den Kompromissen der Parteif\u00fchrung mit Junkern und Kapital entstand eine von Widerspr\u00fcchen und von Machtk\u00e4mpfen gepr\u00e4gte Gesellschaft. Die deutsche Wirtschaft l\u00e4\u00dft sich seit der Durchsetzung des Primats der Politik nach der Absetzung Schachts in 4 Sektoren einteilen:<\/p>\n<p>1. In der Industrie entstand mit dem ersten 4-Jahresplan ein starker staatskapitalistischer Sektor. Wie bei den G\u00f6ring-Werken \u00fcbernahm der Staat wichtige Teile der Produktion. Mit der Ausbeutung der besetzten L\u00e4nder weitete sich dieser Staatsbesitz aus. Dazu verwaltete er Betriebe mit vorerst ungekl\u00e4rten Eigentumsverh\u00e4ltnissen, wie die Industrie der Sowjetunion. Der Staat wurde zum Hauptinvestor [383] und hatte 1943 ca. 25\u00a0% des gesamten deutschen Aktienkapitals in der Hand. [384] Eine \u00dcbernahme so gro\u00dfer Teile der Wirtschaft sah die Parteif\u00fchrung nach der Macht\u00fcbernahme nicht vor. Aus der Notwendigkeit der Organisation der Kriegswirtschaft und dem Primat der Politik gegen\u00fcber der sich nicht f\u00fcgenden Schwerindustrie legte Hitler seit 1936 die Priorit\u00e4t auf die Staatswirtschaft. F\u00fcr Hitler war klar: &#8222;Auch nach dem Krieg werden wir auf eine staatliche Lenkung der Volkswirtschaft nicht verzichten k\u00f6nnen&#8220;. [385]<\/p>\n<p>2. Neben dem neuen Staatssektor blieb nat\u00fcrlich der alte privatkapitalistische Sektor bestehen. Profite als Privateigent\u00fcmer durften die Kapitalisten weiter machen, nur sprach auch hier der Staat ein entschiedenes Wort mit und diktierte die Rahmenbedingungen. Die L\u00f6hne setzten die Treuh\u00e4nder der Arbeit fest, die Preise die Beh\u00f6rden, und freie Investitionen konnten nur noch sehr eingeschr\u00e4nkt get\u00e4tigt werden. [386] Die freie Lohnarbeit war durch die Zwangsverpflichtung der Arbeiter eingeschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>3. Als drittes gab es den k\u00fcnstlich konservierten vorkapitalistischen Sektor in der Landwirtschaft. Die Klein- und Mittelbetriebe wurden mit der Erbhofgesetz weitgehend vor dem Zugriff der Banken gesch\u00fctzt. Auch die Junkerg\u00fcter brauchten durch die Fideikommisse bis 1938 keine Kapitalisierung f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>4. Ein weiterer bedeutender Bereich f\u00fcr die deutsche Wirtschaft stellte mit dem Krieg der Sklavensektor dar. Die Millionen ausl\u00e4ndischen Zwangsarbeiter unterstanden der SS. Dieser Sektor war ebenfalls ein nicht-kapitalistischer Sektor, da die Arbeitskraft keine Ware darstellte und freie Lohnarbeit nicht existierte. Nach dem Krieg sollte die Wirtschaft im Altreich in diesen Formen weiterbestehen. Das Gewicht zwischen Landwirtschaft und Industrie w\u00e4re durch die Siedlung zu Gunsten der Landwirtschaft bedeutend ver\u00e4ndert worden: Im Osten also ein Reich von Millionen &#8222;Wehrbauern&#8220; und Handwerkern, im Altreich verschiedene Eigentumsformen unter der Kontrolle des Staates. Hatte wirklich eine Klasse die Macht im &#8222;Dritten Reich&#8220;?<\/p>\n<p>Der Krieg wurde bekanntlich verloren, und damit scheiterte auch die Errichtung der neuen Gesellschaft auf b\u00e4uerlicher Grundlage. Der NS-Staat von 1933 bis 1945 war sowohl von der nationalsozialistischen Programmatik, aber auch vom Krieg und der alten Gesellschaft gepr\u00e4gt. Es scheint verfehlt, ihn als Klassenherrschaft der Bauernschaft und des Kleinb\u00fcrgertums zu bezeichnen. Diese Klassen brachten die NSDAP zwar an die Macht und stellten die zentrale St\u00fctze der Herrschaft dar. Die politische Macht lag jedoch in den H\u00e4nden der F\u00fchrung der NSDAP und allen voran bei Hitler. Diese Spitze befehligte den nach dem F\u00fchrerprinzip aufgebauten Staat. Diese F\u00fchrung stand \u00fcber den Klassen und war nicht dem spontanen Willen und den Launen ihrer Massenbasis unterworfen. Sie war aber keineswegs klassenlos. Die nationalsozialistische Elite verfolgte das Programm zur Rettung der Kleinproduktion vor der Moderne, die Besiedlung des Ostens. Hitler verstand sich zwar nicht als blo\u00dfer Interessenvertreter der Bauernschaft, sondern als F\u00fchrer der ganzen deutschen Nation. Auch die Arbeiter und Unternehmer sollten durch den sozialen Ausgleich fest in die Volksgemeinschaft auf b\u00e4uerlichem Fundament integriert werden. Indem Hitler aber die &#8222;Gewinnung von Lebensraum&#8220; und damit die Teilreagrarisierung Deutschlands zum zentralen Programmpunkt erhob, vertrat er faktisch die vorindustriellen Klassen gegen die moderne Industriegesellschaft. Diese Klassenpolitik Hitlers verschmolz in seinem Verst\u00e4ndnis mit der Rassenpolitik. Mit der Rettung der Bauernschaft als &#8222;Blutsquelle&#8220; des deutschen Volkes sollte gleichzeitig der Arier im &#8222;Kampf der Rassen&#8220; gest\u00e4rkt werden.<\/p>\n<p>Durch den Aufbau des doppelten Staatsapparates und den Aufstieg der SS, der Pr\u00e4torianergarde der Bauernschaft, versuchte dieses F\u00fchrungszentrum, den alten junkerlich-b\u00fcrgerlichen Apparat schrittweise abzubauen. Nach der Entmachtung der Schwerindustrie 1936 und der Junker im Zuge des Krieges stand der doppelte Staatsapparat unter dem Kommando der Parteif\u00fchrung. \u00dcbrig bleiben sollte am Ende nur der neue Staatsapparat in den H\u00e4nden der kleinb\u00fcrgerlichen Elite und SS. Der Nationalsozialismus stellte also eine Herrschaft f\u00fcr die Bauernschaft und das Kleinb\u00fcrgertum dar. Der nationalsozialistische Siedlungskrieg als Kern des Programms war der gr\u00f6\u00dfte, aber auch der letzte Krieg gegen die Entwicklung zur modernen Industriegesellschaft in Europa.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=218\">[Weiter]<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Hitler &#8211; Vertreter des untergehenden Kleinb\u00fcrgertums Die Rolle Hitlers behandelten Politiker und Historiker in der BRD und der DDR lange vorherrschend nur von ideologischen Gesichtspunkten. 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