{"id":201,"date":"2016-09-12T06:40:03","date_gmt":"2016-09-12T04:40:03","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=201"},"modified":"2016-09-12T07:56:56","modified_gmt":"2016-09-12T05:56:56","slug":"v-die-deutsche-gesellschaft-im-krieg","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=201","title":{"rendered":"V. Die deutsche Gesellschaft im Krieg"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Wenden wir uns nun wieder der deutschen Innenpolitik zu. Der Krieg stellte die Klassenpolitik der NSDAP erneut auf die Probe. Auf dem Schlachtfeld und in der Organisation der Kriegsproduktion zeigte sich, ob der gerade erst geschmiedete Klassenkompromi\u00df hielt. Der Krieg engte die Spielr\u00e4ume der Sozialpolitik ein, schuf aber auch neue M\u00f6glichkeiten, die Entmachtung der alten Elite zu vollenden. Die deutsche Kriegsgesellschaft von 1944\/45 war schon deutlich von der nationalsozialistischen Umw\u00e4lzung gezeichnet.<\/p>\n<h2>1. Die Lage des Kapitals<\/h2>\n<h3>Die &#8222;Selbstverantwortung&#8220; der Industrie und die Kriegsgewinne<\/h3>\n<p>Der Krieg stellte die Frage nach einer effektiven Organisation der Wirtschaft. Die Wehrmacht forderte fortw\u00e4hrend eine zentralistische und planm\u00e4\u00dfige Organisation, da sie sich weniger am Profitinteresse der Unternehmer orientierte, sondern sich von wehrwirtschaftlichen Erw\u00e4gungen leiten lie\u00df. Die Privatwirtschaft trat dagegen mit Unterst\u00fctzung des Reichswirtschaftsministeriums als Verfechter marktwirtschaftlicher Prinzipien auf. Der Wirtschaftsminister Walter Funk setzte sich im Oktober 1939 durch und f\u00fchrte eine gewisse Dezentralisierung der Kriegswirtschaft ein. [325] Mit der Ernennung Todts 1940, einem Verbindungsmann der Bau- und Rohstoffindustrie, zum Minister f\u00fcr Bewaffnung und Munition setzte sich dieser Trend weiter fort. Er schuf ein neues Preissystem zu Gunsten der Unternehmer und rief Selbstverwaltungsorgane ins Leben, die sich aus Kapital und Milit\u00e4r zusammensetzten. Das Wirtschaftsministerium gab allgemeine Ziele vor, deren Umsetzung aber selbstverantwortlich bei den Betrieben lag. Solange die Betriebe die Vorgaben erf\u00fcllten und die Produktion steigerten, mischte sich der Staat nicht weiter in den Wirtschaftsproze\u00df ein. Todt kam 1942 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Sein Nachfolger Albert Speer, einst Hitlers Stararchitekt, perfektionierte Todts System. &#8222;Die praktische wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen der nationalsozialistischen Staatsrepr\u00e4sentanz und der Gro\u00dfindustrie nahm mit Installation des Ministeriums Speer zu.&#8220; [326] Unter &#8222;Selbstverantwortung der Industrie&#8220; verstand Speer: Die &#8222;Durchf\u00fchrung umfassender industrieller Aufgaben kann nur von M\u00e4nnern gelenkt werden, die aus der Industrie selbst hervorgegangen sind.&#8220; [327] Speer stellte sich selber an die Spitze der Leitung der Industrie und ernannte f\u00fcr alle Produktionsbereiche namhafte Vertreter des Kapitals als Bevollm\u00e4chtige, die sogar Betriebe stillegen und in die Produktion eingreifen konnten. Auch das RWM schuf neue Gremien, die die Vertreter der Industrie in die Planungen einbezogen. So kam es 1943 zur Gr\u00fcndung des Arbeitskreises f\u00fcr au\u00dfenwirtschaftliche Fragen. Mitglieder waren so hochrangige Vertreter wie Abs (Deutsche Bank), Karl Rasche (Dresdner Bank), Hugo Stinnes, Max Iglner (IG-Farben), Philipp F. Reemtsma usw. [328]<\/p>\n<p>Neben der st\u00e4rkeren Zusammenarbeit mit der Industrie ordnete Speer sich die R\u00fcstungsinspektionen und Kommandos der Wehrmacht unter. Damit verdr\u00e4ngte er den einflu\u00dfreichen Vertreter der Wehrmacht, General Thomas. Die Wirtschaftspolitik Speers zeigte schnell Erfolge. Die R\u00fcstungsfertigung verdreifachte sich von 1942 bis 1944.<\/p>\n<p>Parallel zur st\u00e4rkeren Einbeziehung der Industriellen in staatliche Aufgaben dehnte der Staat aber sein Eigentum aus. Der Anteil des Staates am gesamten deutschen Aktienkapital stieg auf ca. 25\u00a0%. [329] Damit war der nationalsozialistische Staat der gr\u00f6\u00dfte Aktienbesitzer in Deutschland und kn\u00fcpfte an die Politik an, die mit dem Aufbau der Hermann-G\u00f6ring-Werke begonnen wurde. Auf der einen Seite wollte Hitler durch den Aufbau eines starken Staatssektors die Abh\u00e4ngigkeit vom B\u00fcrgertum weiter abbauen. Auf der anderen Seite konnten die Nazis ohne die Unterst\u00fctzung der Industrie den Krieg nicht gewinnen. Eine direkte Konfrontation mu\u00dfte man um des Sieges Willen vorerst verhindern. Von Hitler gedeckt, sicherte Speer durch seine Politik den Klassenkompromi\u00df mit dem Kapital. Der eigentliche Kitt dieses Kompromisses war der Krieg. Solange das Kapital am b\u00e4uerlichen Siedlungskrieg gut verdienen konnte, r\u00fchrte sich kein Widerstand.<\/p>\n<p>Die Ausbeutung der besetzten L\u00e4nder bescherte der deutschen Industrie gro\u00dfe Gewinne. Viele Konzern\u00fcbernahmen, die im wirtschaftlichen Wettbewerb gescheitert waren, konnten im Schatten der Panzer der Wehrmacht nun \u00fcber die B\u00fchne gehen. Die Ausbeutung von Hunderttausenden Zwangsarbeitern stellte eine andere Profitquelle dar. Der<b> <\/b>Kilgore-Ausschu\u00df des amerikanischen Senats stellte 1945 fest: &#8222;Die Umstellung der deutschen Wirtschaft auf die Kriegswirtschaft und auf die fieberhafte R\u00fcstung zum Angriffskrieg erfolgte unter der unmittelbaren Leitung der deutschen Industriellen.&#8220; [330] Nicht zu vergessen ist dabei allerdings, da\u00df Hitler die Kriegsziele und die Au\u00dfenpolitik bestimmte.<\/p>\n<p>Das Beispiel der Deutschen Bank verdeutlicht die skrupellose Gewinnpolitik der deutschen Konzerne. Im Bericht des B\u00fcros der US-Milit\u00e4rregierung hie\u00df es zu den Ermittlungen gegen die Deutsche Bank: &#8222;Seit dem Anschlu\u00df im Jahre 1938 ging sie weiterhin mit gro\u00dfer Aggressivit\u00e4t daran, ihr Bankherrschaftssystem \u00fcber die alten Grenzen Deutschlands hinaus auszudehnen.&#8220; Der Bericht nannte als Kriegsbeute die \u00dcbernahme der Creditanstalt- Bankverein Wien, also der gr\u00f6\u00dften Bank in \u00d6sterreich, der B\u00f6hmischen Unionsbank in der Tschechoslowakei und den &#8222;gr\u00f6\u00dften Teil des Aktienbesitzes der Societe General de Belgique im Bank- und Industriewesen des Balkan, d.\u00a0h. einer der gr\u00f6\u00dften Holdinggesellschaften Europas (&#8230;) Die Auslandserwerbungen der Deutschen Bank wurden so umfangreich, da\u00df sich die Zahl ihrer Zweigstellen und Filialen au\u00dferhalb Deutschlands von 1938 bis 1941 versechsfachte.&#8220; [331] Die IG- Farben ri\u00df sich die Skodawerke, die gesamte Farbstoffindustrie der Tschechoslowakei unter den Nagel und eignete sich per billigem Aktieneinkauf die gesamte franz\u00f6sische Chemieindustrie<b> <\/b>an.<b> <\/b>In Polen &#8222;arisierte&#8220; G\u00f6rings &#8222;Haupttreuhandstelle Ost&#8220; in Zusammenarbeit mit der Reichsgruppe der Industrie \u00fcber 130.000 polnische Betriebe. 100.000 schlo\u00df man wegen mangelnder Eignung und 30.000 gingen in deutsche H\u00e4nde \u00fcber. [332]<\/p>\n<p>Auch die Dokumentensammlung &#8222;Anatomie des Krieges&#8220; dokumentiert fundiert den Wettkampf der Konzerne um die Aneignung von Kriegsbeute, sowie den Drang nach Zwangsarbeitern und die direkte Beteiligung an der Judenvernichtung. Die<b> <\/b>Zwangsarbeiter stellten im Sommer 1944 4\u00a0% der in der deutschen Industrie Besch\u00e4ftigten. [333]<\/p>\n<p>Der Aufstieg der deutschen Industrie in Europa war ein Nebenprodukt des Krieges. Im Westen, wo sich die lukrativsten \u00dcbernahmem\u00f6glichkeiten fanden, wollte Hitler den Krieg urspr\u00fcnglich gar nicht f\u00fchren. Der Spruch &#8222;Hinter dem ersten Tank &#8211; kommt die Dresdner Bank&#8220; war zwar richtig. Das Kriegsziel, die Errichtung des Bauernreiches im Osten, stand aber grunds\u00e4tzlich gegen die Interessen der deutschen Industrie. Gerade der Krieg gegen die Sowjetunion zeigte, da\u00df Hitler die Industriellen nur da schalten und walten lie\u00df, wo er es f\u00fcr richtig hielt. Zu gro\u00dfen Konflikten kam es zum Beispiel mit der rheinischen Schwerindustrie, da die gesamte Mineral\u00f6lwirtschaft der Sowjetunion w\u00e4hrend des Krieges staatlich blieb. [334] Die meisten Betriebe im Westen erbeuteten weder die Deutsche noch die Dresdner Bank, sondern die mehrheitlich staatlichen Hermann-G\u00f6ring-Werke.<\/p>\n<h3>Der Kampf der SS gegen den wachsenden Einflu\u00df des Kapitals<\/h3>\n<p>Die SS betrachtete die &#8222;Selbstverantwortung der Industrie&#8220; sehr kritisch. Der<b> <\/b>Einflu\u00df der Industrie gef\u00e4hrdete ihrer Meinung nach den weiteren Kampf f\u00fcr den kleinb\u00fcrgerlich-b\u00e4uerlichen Massenstaat. Otto Ohlendorf, Wirtschaftsideologe der SS,<i> <\/i>war der Vorreiter einer Politik gegen Speer und das Kapital.<\/p>\n<p>Schon am 26. August 1942 wetterte Ohlendorf in einem Bericht \u00fcber &#8222;die Verflechtung staatlicher und privatwirtschaftlicher Interessen durch die gleichen Personen&#8220; und griff die &#8222;Selbstverantwortung der Industrie&#8220; scharf an. [335] &#8220; Man mu\u00df sich dar\u00fcber im klaren sein, da\u00df es sich um eine Kriegseinrichtung handelt, die nicht in den normalen Zeiten \u00fcbernommen werden darf, wenn wir an der Trennung zwischen Staat und Wirtschaft festhalten und die Hoheit des Staates auch weiterhin klar herausgestellt sehen wollen.&#8220; [336], legte er dar. Seine Kritik richtete sich au\u00dferdem gegen die Verdr\u00e4ngung der Kleinunternehmer und die Schw\u00e4chung der Bauern durch die Kriegsproduktion. [337] Der Ohlendorf unterstehende Sicherheitsdienst verfa\u00dfte wiederholt<i> <\/i>kritische Berichte \u00fcber R\u00fcstungsindustrielle. Strafandrohung der SS und Verhaftungen von Industriellen waren die Folge. Das eigenm\u00e4chtige Handeln der SS ging so weit, da\u00df Hitler selbst eingreifen mu\u00dfte. Die &#8222;Verordnung zum Schutz der R\u00fcstungswirtschaft vom 21. M\u00e4rz 1942&#8220; legte fest, da\u00df Strafverfolgungen wegen Sch\u00e4digung der R\u00fcstungsindustrie nur auf Speers Antrag stattfinden durften. [338] Speer konnte durch Hitlers R\u00fcckendeckung die Freilassung mehrerer Verhafteter, wie z.\u00a0B. des Generaldirektors der Demag, Reuter, durchsetzen.<\/p>\n<p>Die Angriffe der SS liefen bald ins Leere, da auch Himmler die Notwendigkeit der B\u00fcndnispolitik erkannte. Nach dem Druck auf Ohlendorf sagte er intern, da\u00df er Ohlendorfs Absichten nicht billige, denn &#8222;w\u00e4hrend der Kriegszeit ist eine grunds\u00e4tzliche \u00c4nderung unserer total kapitalistischen Wirtschaft nicht m\u00f6glich&#8220;. [339] Ein SS- Wirtschaftsimperium aufzubauen, wurde vom &#8222;F\u00fchrer der SS&#8220; aber voll unterst\u00fctzt. Laut Albert Speer steckte die Absicht der SS dahinter, ein eigenes finanzielles Fundament der SS zu schaffen, das sie sowohl vom Staat als auch von der verha\u00dften Schwerindustrie unabh\u00e4ngig machen sollte. Wie bei dem Aufbau des parallelen Staatsapparates schaffte man auch hier einen nationalsozialistischen Keim neben der traditionell kapitalistischen Industrie. Nat\u00fcrlich hatten auch die SS- Betriebe kapitalistischen Charakter oder basierten sogar auf Sklavenarbeit. Doch sie unterstanden der nationalsozialistischen Eliteorganisation in Abgrenzung zu Krupp und anderen klassischen Vertretern der deutschen Industrie.<\/p>\n<p>Ein Beispiel aus Polen: In der Besprechung des Generalgouverneurs Frank und SS-Gruppenf\u00fchrers Koppe vom 3. Juli 1944 sprachen sie sich f\u00fcr den Aufbau von SS-Konzernen aus. Da es die &#8222;Konzerne und Trusts&#8220; nicht gern sehe w\u00fcrden, wenn in Polen zus\u00e4tzlich Eisen gef\u00f6rdert w\u00fcrde, schlug Koppe vor, &#8222;einige Stahlwerke aufzuziehen, die mit diesem Interessenkl\u00fcngel nichts zu tun haben&#8220;. [340] In Ungarn \u00fcbernahm die SS mit dem Weiss-Konzern gleich das wichtigste R\u00fcstungsunternehmen. Auch in Deutschland wuchs das SS-Imperium sprunghaft an. Die SS schuf z.\u00a0B. den Riesenkonzern &#8222;Deutsche Wirtschaftsbetriebe GmbH&#8220;, eine Holdinggesellschaft von 4 SS-Unternehmen. Schon bei Kriegsausbruch verf\u00fcgte die SS \u00fcber die &#8222;Erd- und Steinwerke GmbH&#8220;, die &#8222;Deutsche Ausr\u00fcstungswerke GmbH&#8220; und andere gro\u00dfe Betriebe. Besonders auf dem Sektor der nicht alkoholischen Getr\u00e4nkeindustrie expandierte die SS. Pohl, der stellvertretende Chef des WVHA, kontrollierte 1944 75\u00a0% des deutschen Mineralwassermarktes. [341] Die Geschwindigkeit des Ausbaus eines eigenen Sektors war Folge der Verf\u00fcgungsgewalt der SS \u00fcber die Zwangsarbeiter in den Konzentrationslagern. Sie stellten einen gro\u00dfen Teil der Belegschaft in den SS-Betrieben.<\/p>\n<h2>2. Bis zur letzten Kugel &#8211; Die Arbeiterklasse<\/h2>\n<p>Der Nationalsozialismus gewann die gro\u00dfe Mehrheit der Arbeiterklasse bis 1936. Wie gelang es aber, die sozial zufriedengestellten Arbeiter in einen Krieg zu f\u00fchren, der nicht f\u00fcr ihre Interessen gef\u00fchrt wurde, und soziale Unruhen an der &#8222;Heimatfront&#8220; zu verhindern?<\/p>\n<h3>Lohn- und Sozialpolitik<\/h3>\n<p>Trotz der geringen \u00f6konomischen Spielr\u00e4ume im Krieg versuchte die NSDAP, die Sozialpolitik gegen\u00fcber der Arbeiterklasse aufrecht zu erhalten. Ohne Ruhe in den Betrieben der R\u00fcstungsindustrie konnte man den Krieg nicht gewinnen. Um durch die Einberufung zur Front f\u00fcr die Familien gr\u00f6\u00dfere soziale Nachteile zu verhindern, zahlte der Staat Unterhalt an die Ehefrauen der Soldaten w\u00e4hrend des Krieges. In den ersten Kriegsjahren schr\u00e4nkte die Regierung die Konsumg\u00fcterindustrie nicht ein, obwohl es den Kriegserfordernissen entsprochen h\u00e4tte. [342] &#8222;Kanonen und Butter&#8220; war die reale Politik in dieser Zeit.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Angst der Nazis vor der Konfrontation mit der Arbeiterklasse zeigte sich vor allem an der Kriegswirtschaftsverordnung sehr deutlich. Diese Verordnung vom September 1939 verh\u00e4ngte eine Urlaubssperre, strich Zuschl\u00e4ge f\u00fcr \u00dcberstunden und hob die Arbeitszeitbegrenzung auf. Gro\u00dfe Unzufriedenheit in den Betrieben war die Folge. He\u00df schrieb daraufhin an G\u00f6ring: &#8222;der F\u00fchrer und wir alle mit ihm haben nicht zwei Jahrzehnte lang um das Vertrauen der Arbeiterklasse gerungen, damit dieses dann im kritischen Augenblick aus mehr oder weniger theoretischen Gedankeng\u00e4ngen heraus aufs Spiel gesetzt wird.&#8220; [343] Es folgte die stufenweise Aufhebung der Verordnung. Am 17.11. fiel die Urlaubssperre, ab dem 12.12 wurden Zuschl\u00e4ge wieder bezahlt, und die Arbeitszeit begrenzte man auf maximal 10 Stunden. [344]<\/p>\n<p>Auch die Lohnpolitik blieb konstant. Die Verst\u00e4rkung des Leistungslohns f\u00fchrte in einigen Teilen der Wirtschaft sogar zu weiteren Lohnsteigerungen. Am 1. April 1939 trat die Verordnung f\u00fcr den Vierjahresplan zur Erh\u00f6hung der F\u00f6rderleistung und des Leistungslohnes im Bergbau in Kraft. Die Schicht wurde um 45 Minuten l\u00e4nger, doch die Leistungspr\u00e4mien steigerten die Hauerl\u00f6hne um 15-16\u00a0%. [345]<\/p>\n<p>Erst gegen Ende des Krieges \u00e4nderte sich diese Politik der Zugest\u00e4ndnisse. Die Verordnung vom 31. August 1944 f\u00fchrte die 60-Stundenwoche ein [346], und auch der Lohnpolitik waren jetzt sehr enge Grenzen gesetzt. Hinzu kam die steigende Konkurrenz, da immer mehr Fremd- und Zwangsarbeiter ins Reich geholt wurden. Hier versuchten die Nazis Abhilfe zu schaffen, indem sie die deutschen Arbeiter auf Kosten der Fremdarbeiter privilegierten. &#8222;Hinter der Verstimmung deutscher Bergleute stand die Tatsache, da\u00df es schwieriger geworden war, zusammen mit den begreiflicherweise niedrigere Arbeitsleistungen vollbringenden Ostarbeitern einen angemessenen Lebensunterhalt zu verdienen. (&#8230;) In der Folge wurden die Lohnraten im September 1942 zugunsten der deutschen Arbeiter und auf Kosten der Fremdarbeiter ge\u00e4ndert. (&#8230;) Auf Grund dieser Ma\u00dfnahme stiegen die Hauerdurchschnittsl\u00f6hne von 8,64 RM auf 9,40 RM.&#8220; [347].<\/p>\n<p>Neben den L\u00f6hnen war im Krieg die Versorgungslage wichtig. Die Hungersnot 1917\/18 f\u00fchrte im 1. Weltkrieg zu Unruhen und war ein wesentlicher Grund f\u00fcr den revolution\u00e4ren Aufstand und die Streiks in Deutschland. Den Nationalsozialisten war klar, da\u00df die Sicherstellung der Versorgungslage eine wichtige Voraussetzung f\u00fcr den Sieg war. So mu\u00dfte selbst die SED-Geschichtsschreibung zubilligen, da\u00df es gelang &#8222;eine relativ stabile Versorgung mit allem Lebensnotwendigen zu organisieren, so da\u00df die Bef\u00fcrchtung, es werde durch den Krieg eine Hungersnot wie im ersten Weltkrieg ausbrechen, sich nicht bewahrheitete.&#8220; [348] Die Lebensmittel wurden knapper, aber den gro\u00dfen Hunger gab es nicht. So betrug der Kalorienverbrauch 1939\/40 f\u00fcr den Normalverbraucher 20\u00a0% weniger als im Frieden. [349] Im M\u00e4rz 1942 kam es zu Rationsk\u00fcrzungen, und der SD berichtete, dies habe &#8222;auf einen gro\u00dfen Teil der Bev\u00f6lkerung geradezu \u2018niederschmetternd\u2019 gewirkt, und zwar in einem Ausma\u00dfe, wie kaum ein anderes Ereignis w\u00e4hrend des Krieges&#8220;, &#8222;insbesondere in Arbeiterkreisen&#8220;. [350] F\u00fcr den &#8222;Endsieg&#8220; war man aber bereit, den G\u00fcrtel enger zu schnallen. Auch als man im Winter 43\/44 mit 45,1\u00a0% weniger Kalorien als im Frieden auskommen mu\u00dfte, akzeptierten es die Deutschen. [351]<\/p>\n<p>Als Deutschland 1939 den Krieg begann, gab es keine Kriegsbegeisterung wie im 1. Weltkrieg. Selbst die Nazi- Wochenschau konnte nicht viele Bilder von jubelnden Massen zeigen. Viele f\u00fcrchteten einen vernichtenden Gegenschlag der Westm\u00e4chte. Mit den milit\u00e4rischen Erfolgen ver\u00e4nderte sich das Bild. Ein Siegesrausch brach in allen Klassen und Schichten aus. So berichtete der SD nach den Siegen im Westen: &#8222;\u2018im Banne der milit\u00e4rischen Erfolge\u2019 habe sich \u2018eine bisher noch nicht erreichte innere Geschlossenheit\u2019 in der Bev\u00f6lkerung gebildet, w\u00e4hrend der \u2018T\u00e4tigkeit der Gegnergruppen (&#8230;) \u00fcberall der aufnahmef\u00e4hige Boden entzogen\u2019 sei.&#8220; [352] In den Betrieben sah es da nicht anders aus. In einem SD-Bericht vom 22.4.1941 hie\u00df es: &#8222;in Bezug auf die Gesamtzahl der Besch\u00e4ftigten&#8220; sei &#8222;auch kein Grund vorhanden (&#8230;), von einer schlechten Stimmung oder Haltung der Arbeiterschaft zu sprechen.&#8220; [353] Vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Kriegsniederlage \u00e4nderte sich diese Situation nicht. Auch jetzt verteidigten die Arbeiter den Nationalsozialismus und waren bereit, gro\u00dfe Opfer an der Front und im Reich durch die alliierten Bombenangriffe auf sich zu nehmen. Noch am 21.2.1945 vermerkten Meinungsforscher im Reichspropagandaministerium: &#8222;1. Das B\u00fcrgertum ist in tiefgreifender Lethargie und h\u00e4lt den Krieg f\u00fcr verloren, ebenso die Bauernschaft besonders in den katholischen Gebieten. 2. Die Arbeiterklasse erf\u00fcllt vorbildlich ihre Pflicht, ist gegen\u00fcber kommunistischer Zersetzung immun&#8220;. [354]<\/p>\n<h3>Durchhalten f\u00fcr den Sieg<\/h3>\n<p>In der Kriegspropaganda kn\u00fcpfte die NSDAP an den sozialen Interessen der Arbeiter an. So verk\u00fcndete Goebbels, da\u00df dieser Krieg nicht &#8222;f\u00fcr Thron und Altar&#8220; gef\u00fchrt werde, sondern &#8222;f\u00fcr Getreide und Brot, f\u00fcr einen vollgedeckten Fr\u00fchst\u00fcckstisch -, Mittags- und Abendtisch, ein Krieg f\u00fcr die Erringung der materiellen Voraussetzung zur L\u00f6sung der sozialen Frage, der Frage des Wohnungs- und Stra\u00dfenbaus (&#8230;), des Baus von Volkswagen und Traktoren, von Kinos und Theatern bis ins letzte Dorf hinein, ein Krieg um Rohstoffe, um Gummi, um Eisen und Erze.&#8220; [355]<b> <\/b>Durch diese &#8222;Erringung der materiellen Voraussetzung zur L\u00f6sung der sozialen Frage&#8220; auf Kosten der unterdr\u00fcckten und ausgebeuteten V\u00f6lker wollten die Nazis die Arbeiter fest in das &#8222;tausendj\u00e4hrige Reich&#8220; einbinden. Dem deutschen Arbeiter wies die Nachkriegsplanung eine Vorreiterstellung in Europa zu und sah einen wesentlichen Ausbau des Sozialstaates vor. Kehrl malte die Nachkriegszeit wie folgt aus: &#8222;Im Gro\u00dfraum k\u00f6nnen deutsche Arbeiter in der Zukunft nur f\u00fcr hochwertige und bestbezahlte Arbeit, die den h\u00f6chsten Lebensstandard erm\u00f6glicht, angesetzt werden. Produkte, die diese Voraussetzung nicht erf\u00fcllen, werden wir (&#8230;) den Randv\u00f6lkern zur Produktion \u00fcberlassen und \u00fcberlassen m\u00fcssen. Wir werden uns f\u00fcr den deutschen Arbeiter bei der industriellen Produktion Europas die Rosinen heraus picken.&#8220; [356] Die Nachkriegsplanungen der DAF enthielten in diesem Kontext das Recht auf Arbeit, den 8- Stundentag, Vereinheitlichung der Sozialversicherungen und gro\u00dfe Wohnungsbauprojekte. Den Unternehmern pa\u00dften diese Planungen gar nicht. In einer Denkschrift der Reichsgruppe Industrie vom 1.8.1940 wandten sie sich gegen die DAF und sprachen sich gegen die Gleichstellung von Arbeitern und Angestellten und gegen den 8-Stundentag aus. [357]<\/p>\n<p>Trotz dieser Versprechen an die Arbeiterklasse sollte man nicht vergessen, da\u00df der Krieg in erster Linie als Siedlungskrieg f\u00fcr ein Bauernreich gef\u00fchrt wurde. Auch wenn der einzelne Arbeiter an diesem Raubkrieg nach dem Sieg profitieren sollte, war es ein Krieg f\u00fcr die \u00dcberwindung der modernen Industriegesellschaft. Ein Sieg h\u00e4tte das Rad der Geschichte auch f\u00fcr die Arbeiterklasse zur\u00fcckgedreht und ihre Bedeutung als Klasse in der Nachkriegsgesellschaft bedeutend vermindert. Schon der Krieg ver\u00e4nderte das alte Arbeitermilieu deutlich. Ein gro\u00dfer Teil der Arbeiter k\u00e4mpfte als Soldaten in der Wehrmacht. Nur Arbeiter wichtiger R\u00fcstungsbetriebe kamen nicht an die Front. Die Armee war eine M\u00e4nnergemeinschaft aus allen Klassen der Bev\u00f6lkerung und unterschied sich damit grundlegend von dem sozialen Umfeld in den Betrieben. Ein Arbeiter, der zum Beispiel 1939 eingezogen wurde und bis 1945 in der Armee blieb, ver\u00e4nderte sich. Er war in erster Linie Soldat und nur in zweiter Linie noch Arbeiter. Die Arbeiter k\u00e4mpften in der Armee aufopferungsvoll f\u00fcr den Nationalsozialismus. Die alte Frontsoldatenideologie, in der der B\u00fcrgersohn neben dem Arbeiter f\u00fcr das Vaterland im Sch\u00fctzengraben lag, setzte sich wieder durch.<\/p>\n<p>In den Betrieben boten sich viele Aufstiegsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr die verbliebenen Facharbeiter. Hier ein Beispiel aus dem Ruhrgebiet: &#8222;Die Produktionssteigerungen bewirkten zugleich eine erhebliche Ver\u00e4nderung der Arbeitsqualifikationen. W\u00e4hrend des Krieges verwandelten sich Zehntausende deutsche Hauer von Produktionsarbeitern zu Aufsehern \u00fcber die Fremdarbeiter, die zur Zwangsarbeit in die Bergwerke abkommandiert wurden.&#8220; [358] Auch in anderen Bereichen der Wirtschaft \u00fcbernahmen Arbeiter die Rolle des Vorgesetzten.<\/p>\n<p>Auch die Bombenangriffe der Alliierten, die die Arbeiterviertel und die Fabriken am st\u00e4rksten trafen, ver\u00e4nderten viele Arbeitsverh\u00e4ltnisse. Die Fabriken verwandelten sich f\u00fcr viele zum letzten Zufluchtsort. Die Regelung, die Lebensmittelkarten \u00fcber den Betrieb auszugeben, verst\u00e4rkte die Bindung der Arbeiter an die Betriebe.<\/p>\n<p>Die Bombenangriffe der Alliierten richteten sich im Laufe des Krieges gezielt gegen die deutsche Bev\u00f6lkerung. Durch die Zerst\u00f6rung ganzer Wohngebiete glaubten vor allem die Briten, dem Widerstand gegen Hitler Auftrieb zu geben. Die Bombardements bewirkten aber genau das Gegenteil. Die Geschlossenheit der &#8222;Volksgemeinschaft&#8220; verst\u00e4rkte sich wie in keiner anderen Situation. Statt wie im 1. Weltkrieg die Gewehre umzudrehen und die eigene Regierung zu st\u00fcrzten, k\u00e4mpfte die gro\u00dfe Mehrheit der Arbeiter bis zum 8. Mai weiter. Die positiven sozialen Erfahrungen der Arbeiterklasse mit dem Nationalsozialismus spielten dabei die entscheidende Rolle. Nach dem kl\u00e4glichen Scheitern der Weimarer Republik bot der Nationalsozialismus mehr als jede Regierung in Deutschland zuvor. Daf\u00fcr nahmen sie die Zerschlagung der marxistischen Bewegung hin und hielten auch im Krieg zu den Nazis.<\/p>\n<p>Viele sahen keine konkrete Alternative zum Durchhalten. Den deutschen Kommunismus kannten gerade die jungen Arbeiter haupts\u00e4chlich aus der Nazipropaganda. Weder die SPD, die f\u00fcr die marode Weimarer Republik stand, noch die KPD, die seit ihrer Gr\u00fcndung von einer Niederlage in die andere geschlittert war, kannten sie aus pers\u00f6nlicher Erfahrung. Als Soldaten in der Sowjetunion, die sich gerade erst im \u00dcbergang zur Industriegesellschaft befand, f\u00fchlten sich viele durch die R\u00fcckst\u00e4ndigkeit auf dem Land in ihren Rassendogmen best\u00e4tigt. Stalins Bekenntnis, Deutschland und das deutsche Volk nicht zerst\u00f6ren zu wollen, sondern nur den Faschismus zu zerschlagen, glaubten die Deutschen nicht. Zu tief sa\u00df das Mi\u00dftrauen. Auch die Versuche, durch das &#8222;Nationalkommitee Freies Deutschland&#8220;, in dem auch Generalfeldmarschall Paulus mitarbeitete, &#8222;nationalen&#8220; Widerstand gegen Hitler zu entfachen, scheiterten.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite standen die Westalliierten. F\u00fcr die Arbeiter stand der angels\u00e4chsische Kapitalismus f\u00fcr die Herrschaft der &#8222;Plutokratie&#8220;, und es war in der Tat ein Kapitalismus ohne Sozialstaat. Mit der Maxime der bedingungslosen Kapitulation erweiterten die Westm\u00e4chte den Spielraum f\u00fcr den Widerstand nicht gerade. Verhandlungen mit einer m\u00f6glichen Widerstandsregierung wollten weder England noch die USA, wie ihr Verh\u00e4ltnis zum 20. Juli und zum NKFD zeigte. Solche Verhandlungen h\u00e4tten die M\u00f6glichkeit der langfristigen Besetzung verbauen k\u00f6nnen. Mit dem Morgenthau-Plan sch\u00fctteten sie reichlich Wasser auf Goebbels Propagandam\u00fchlen. Morgenthaus Plan, Deutschland in zersplitterte Agrarstaaten zu verwandeln, unterschrieb der amerikanische Pr\u00e4sident Roosevelt, um Deutschland endg\u00fcltig als Weltmarktkonkurrenten f\u00fcr das US- Kapital zu beseitigen. Auch Churchill sprach davon, Deutschland in einen &#8222;Kartoffelacker&#8220; zu verwandeln. Die Vernichtung der deutschen Industrie h\u00e4tte auch das Ende des Proletariats bedeutet und es in sozial schlechter gestellte Bauern verwandelt. Erst im September 1944 zog Roosevelt seine Unterschrift unter den Morgenthau-Plan zur\u00fcck, da die US-Regierung neue Kriegsziele hatte.<\/p>\n<p>Die Kriegszielpolitik der Westalliierten erg\u00e4nzte die geschickte Sozial- und Lohnpolitik der Nazis. An den mutigen Aktionen des kommunistischen und sozialdemokratischen Widerstandes beteiligte sich nur eine kleine Minderheit. Beide Parteien verloren die meisten ihrer ehemaligen Anh\u00e4nger, die in der Praxis ganz andere Erfahrungen machten, als die Exilpolitiker mit ihrer These der &#8222;Diktatur des Finanzkapitals&#8220; verk\u00fcndeten. Statt einer permanenten &#8222;Versch\u00e4rfung der Ausbeutung&#8220; erlebten sie einen Ausbau der Lohn- und Sozialpolitik und die \u00dcberwindung der Arbeitslosigkeit.<\/p>\n<h2>3. &#8222;Ausk\u00e4mmung&#8220; und Siedlung: Kleinb\u00fcrgertum und Bauernschaft<\/h2>\n<h3>Unter dem Hammer des Krieges<\/h3>\n<p>Das st\u00e4dtische Kleinb\u00fcrgertum, einst wichtige St\u00fctze der NSDAP, war die Klasse, die am meisten unter den Folgen des Krieges litt. Wenn der Kleinh\u00e4ndler es nicht geschafft hatte, in Partei oder Wehrmacht Karriere zu machen, verschlechterte sich seine soziale Lage enorm. Durch die Notwendigkeit der Zentralisierung der Kriegsproduktion und dem Zufriedenstellen der Arbeiterklasse gerieten viele Betriebe in die M\u00fchlen der Kriegsproduktion. Unter dem Stichwort &#8222;Ausk\u00e4mmung&#8220;, die von 1939 bis 1943 andauerte, schlo\u00df die Regierung Kleinbetriebe, die uneffizient arbeiteten oder f\u00fcr die Kriegsproduktion unwichtig waren. Die Zahl der Handwerksbetriebe verringerte sich so allein in der zweiten Jahresh\u00e4lfte 1939 um 200.000. [359] Im Winter 1942\/43 folgte die Aufl\u00f6sung der Handwerkskammern. Folgenschwer war auch der Erla\u00df vom 30. Januar 1943 zur Schlie\u00dfung aller nicht kriegswichtigen Betriebe. Obwohl die Nazis diese Entscheidung nicht konsequent umsetzten, traf sie den Mittelstand hart.<\/p>\n<p>Um die Lage des Mittelstandes war es so schlecht bestellt, da\u00df Goebbels in seinem ber\u00fchmten Aufruf zum &#8222;totalen Krieg&#8220; auf die Nachkriegszeit vertr\u00f6stete. &#8222;Nach dem Krieg wird der Mittelstand sofort wieder in gr\u00f6\u00dftem Umfang wirtschaftlich und sozial wiederhergestellt.&#8220; [360] Die Drohung der &#8222;Proletarisierung&#8220; war f\u00fcr das Kleingewerbe w\u00e4hrend des 2. Weltkrieges wieder zur\u00fcckgekehrt. [361] Man sollte trotz dieser Entwicklung nicht vergessen, da\u00df die Nationalsozialisten auch den Mittelstand \u00fcber die Siedlung retten wollten. Seine vor\u00fcbergehende Verminderung war ein Opfer, das f\u00fcr die Kriegsproduktion gebracht werden mu\u00dfte. Schon w\u00e4hrend des Krieges trafen die SS und die Handwerkskammern Vereinbarungen f\u00fcr die Siedlung im Osten. Der Siedlungswille des Handwerks und der Kleinunternehmer ist bisher noch kaum erforscht. [362]<\/p>\n<h3>Die stabile Landwirtschaft<\/h3>\n<p>F\u00fcr die Bauernschaft sah die Lage w\u00e4hrend der Kriegsjahre besser aus. Allein aus ern\u00e4hrungspolitischen Gr\u00fcnden konnten die Nazis sich auf diesem Gebiet keine &#8222;Ausk\u00e4mmungen&#8220; leisten. \u00dcber den Apparat des Reichsn\u00e4hrstandes gelang es, die Versorgung weitgehend sicherzustellen. Die Indexziffern trugen f\u00fcr 1944 im Vergleich zur Vorkriegszeit bei Getreide 78\u00a0%, bei Kartoffeln 80\u00a0% und bei Zuckerr\u00fcben 100\u00a0%. [363] Im Vergleich zur Lage im 1. Weltkrieg waren das beachtliche Resultate. Den Arbeitskr\u00e4ftemangel versuchte man durch massiven Einsatz von Zwangsarbeitern und Arbeitsdienstmaiden zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Die Kriegssituation verst\u00e4rkte die R\u00fcckst\u00e4ndigkeit des Landes noch zus\u00e4tzlich. Von der &#8222;Aufr\u00fcstung des Dorfes&#8220; war nicht mehr viel \u00fcbrig geblieben. Agrarexperte W\u00f6rmann stellte im Mai 1944 sogar einen erheblichen Mangel an Sensen, Spaten, Gabeln und Hacken fest. [364] Die Existenz des b\u00e4uerlichen Kleinbetriebes stellte die nationalsozialistische Kriegspolitik aber zu keinem Zeitpunkt in Frage.<\/p>\n<p>Der Siedlungswille der deutschen Bauernschaft geh\u00f6rt merkw\u00fcrdigerweise zu den unerforschten Gebieten der NS- Geschichte. So ist es nur m\u00f6glich, einige Anhaltspunkt zu nennen. Die explosionsartige Aufbl\u00e4hung der Waffen- SS zeigte deutlich, da\u00df es Tausende Bauern gab, die durch die Blut- und Bodenideologie und die Siedlungsversprechen angezogen wurden. Da man die eigentliche Siedlung auf die Nachkriegszeit verschob, ist der Siedlungswille schwer einzusch\u00e4tzen. Heinz H\u00f6hne sprach von 200.000 Bauern und Rolf-Dieter M\u00fcller von \u00fcber 21.000 Familien, die man in Polen und im Baltikum schon w\u00e4hrend des Krieges ansiedelte. In den verschiedenen Gebieten Deutschlands mu\u00df die Lage auch unterschiedlich gewesen sein. So berichtete das Landgericht in K\u00f6ln Ende April 1941 von &#8222;sp\u00fcrbarer Unruhe&#8220; in der b\u00e4uerlichen Bev\u00f6lkerung durch &#8222;Ger\u00fcchte \u00fcber bevorstehende Um- und Aussiedlung gr\u00f6\u00dferen Stils&#8220;. &#8222;Viele Bauern bekundeten ihre Entschlossenheit mit \u00c4u\u00dferungen wie: &#8222;Mir blieven hemm!&#8220;. [365] Im Rheinland war auch schon der Widerstand gegen das Reichserbhofgesetz am gr\u00f6\u00dften. Es ist auch anzunehmen, da\u00df viele Landarbeiter ihre Zukunft eher in einem gut bezahlten Arbeitsplatz in der R\u00fcstungsindustrie sahen als in einem ungewissen Leben in der Ukraine.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Siedlungswille war eindeutig in der Junkerschaft und bei vielen Gener\u00e4len der Wehrmacht vorhanden. Sie strebten nach einem gro\u00dfen Rittergut mit slawischen Zwangsarbeitern. &#8222;Einige von Hitlers Gener\u00e4len z\u00e4hlten zu den eifrigsten Bewerbern.&#8220; [366] Das Gerangel um die Ritterg\u00fcter steigerte sich w\u00e4hrend des Krieges so, da\u00df es ein &#8222;F\u00fchrerbefehl&#8220; beendete und auf den &#8222;Endsieg&#8220; verschob. In den unteren Teilen der Wehrmacht standen die Siedlungsw\u00fcnsche hingegen nicht \u00fcberall im Vordergrund. &#8222;Den alten Mythos des &#8222;Wehrbauern&#8220; sah die Wehrmacht also offenbar als nicht so werbewirksam an wie die SS. Sie setzte statt dessen auf jene Lebens- und Berufschancen, die wohl der Mehrheit der deutschen Bev\u00f6lkerung, damit auch den wehrpflichtigen Soldaten erstrebenswert galten. [367]<\/p>\n<p>Die Tatsache, da\u00df die Schaffung eines kleinb\u00fcrgerlich-b\u00e4uerlichen Massenstaats den Kern der nationalsozialistischen Programmatik darstellte, wird durch die Ungewi\u00dfheit \u00fcber den Siedlungswillen keinesfalls in Frage gestellt. Die offene Frage ist auf Grund der historischen Tatsachen nicht, ob Hitler und die SS im Osten einen Siedlungskriegs f\u00fchrten, sondern nur, wie gro\u00df die gesellschaftliche Basis daf\u00fcr war. Um einen Vernichtungs- und Siedlungskrieg gegen die slawische Bev\u00f6lkerung zu f\u00fchren, reichten einige hunderttausend fanatische Waffen- SS-M\u00e4nner und eine Handvoll nach Ritterg\u00fctern strebende Gener\u00e4le damals v\u00f6llig aus.<\/p>\n<h2>4. Der 20. Juli &#8211; Der Aufstand der Junker<\/h2>\n<h3>Das Programm<\/h3>\n<p>Der junkerliche und milit\u00e4rische Widerstand um Beck blieb lange isoliert. Vor dem Hintergrund der Kriegsniederlage sammelte sich um Goerdeler eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe, die das Attentat auf Hitler am 20.Juli 1944 ver\u00fcbte. Die Bedrohung der Junkerg\u00fcter durch die Rote Armee im Osten bildete den au\u00dfenpolitischen Ausl\u00f6ser. Die Rebellion von Teilen des Milit\u00e4rs hatte aber haupts\u00e4chlich innenpolitische Gr\u00fcnde. Hinter dem Putschversuch des 20.Juli standen Teile der alten preu\u00dfischen Elite, vor allem die Junker, um ihre politische Entmachtung wieder r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen. Der 20.Juli hatte eine aristokratische Basis und ein ebensolches Programm.<\/p>\n<p>Die Gruppe des 20.Juli bestand folglich aus Junkern und Offizieren aus alten Adelsfamilien. Nur um einige Namen zu nennen: Henning von Treschkow (Gutsbesitzer in der Neumark), Erwin von Witzleben (stammte aus einer alten th\u00fcringischen Adelsfamilie), Graf von Moltke (schlesischer Junker), Rudolf Christoph (Freiherr von Gersdorf), Fritz Dietlof (Graf von Schulenberg). [368] Selbst der &#8222;Kreisauer Kreis&#8220;, in dem sich auch rechte Sozialdemokraten und Christen sammelten, benannte sich nach dem Gut des schlesischen Grafen von Moltke.<\/p>\n<p>Aus Angst, als privilegierte Klasse zerschlagen zu werden, erhoben die Attent\u00e4ter ihr Programm, dessen Kern der<b> <\/b>Ausschlu\u00df der Massen aus der Politik war. Der Begriff der &#8222;Entmassung der Gesellschaft&#8220; zog sich durch die verschiedenen Denkschriften. Der Graf von Schulenberg sprach noch 1941 &#8222;vom \u2018Daseinsrecht\u2019 des Adels als staatstragende Schicht und blieb Anh\u00e4nger historisch gewachsener Eliten, auch f\u00fcr den Fall, da\u00df die durch einen neuen Gutsbesitz k\u00fcnstlich geschaffen wurden&#8220;. [369] Weil Hitler den Adel nicht erhalten, sondern verdr\u00e4ngen wollte, hielten die M\u00e4nner vom 20. Juli ihn f\u00fcr einen Bolschewisten und zogen Parallelen zu Stalins Offizierss\u00e4uberungen. Mitverschw\u00f6rer Hassell bef\u00fcrchtete, da\u00df der \u2018Sozialismus in Hitlers Form\u2019 unvermeidlich auf dem Weg innerer Bolschewisierung das Zerbrechen der Oberschichten zum Ziel habe. [370] In Liediegs Denkschrift, typisch f\u00fcr das Denken des Widerstandes, sah er Hitler als &#8222;Satrap Stalins&#8220;, der sich als dessen &#8222;russischer Statthalter in Sowjetdeutschland&#8220; entpuppen w\u00fcrde. Die NSDAP befinde sich auf dem Weg zu einer &#8222;zweiten Revolution&#8220;, und ihr Apparat bilde nur &#8222;die Kulisse zur Zersetzung der alten Volksordnung&#8220;. [371] Wie sehr die alte Elite ihre Entmachtung kr\u00e4nkte, zeigten folgende Passage aus der Denkschrift von Beck und Goerdeler: &#8222;Notwendig erscheint, da\u00df die Achselst\u00fccke in der traditionellen Form und Farbe wieder ausschlie\u00dflich Offizieren vorbehalten werden (&#8230;) man wird einen Korpsgeist in der Armee im Sinne der Hochachtung bew\u00e4hrter Tradition nur erzielen, wenn man Portepee und Achselst\u00fccke wieder zur einer selteneren Erscheinung macht.&#8220; [372]<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund der Entmachtung der Junker forderten Beck und Goerdeler den Erhalt der Wehrmacht und die Aufl\u00f6sung der bewaffneten Verb\u00e4nde der NSDAP. Die SS sollte unter das Kommando der Wehrmacht gestellt werden. [373] Durch die Beseitigung der Waffen-SS und der neuen Elite erhofften sich die Junker und Milit\u00e4rs eine Wiederherstellung ihrer alten Machtposition in der Armee. Die Hitlerjugend sollte in &#8222;Staatsjugend&#8220; umbenannt und vom Milit\u00e4r \u00fcbernommen werden [374], um damit eine weitere St\u00fctze der nationalsozialistischen Massenpolitik zu beseitigen.<\/p>\n<p>Die staatspolitischen Forderungen der Attent\u00e4ter pr\u00e4gte auch die Geisteswelt des deutschen Kaiserreiches: [375] Die Macht sollte eine monarchistische Staatsf\u00fchrung \u00fcbernehmen, man war sich noch nicht ganz sicher, ob ein Erb- oder Wahlkaiser. Au\u00dfenpolitisch zeigte man ebenso wenig Bescheidenheit. Die Wiederherstellung der Grenzen Deutschlands von 1914 gegen\u00fcber Polen, Belgien und Frankreich sowie eine &#8222;f\u00fchrende Stellung Deutschlands auf dem Kontinent&#8220; und Kolonien in Afrika schwebten den Attent\u00e4tern vor. Diese Forderungen konnte keiner der Alliierten akzeptieren. Ebenso hinderlich f\u00fcr einen Separatfrieden im Westen waren die Aufrufe, den Krieg bis zu einem Friedensangebot weiter zu f\u00fchren. Die Westm\u00e4chte unterst\u00fctzten den Widerstand des 20.Julis nicht und beharrten auf der bedingungslosen Kapitulation.<\/p>\n<p>Die sozial- und wirtschaftspolitischen Vorstellungen gingen kaum \u00fcber die junkerliche Agrarideologie hinaus. In dem von Popitz verfa\u00dften &#8222;Vorl\u00e4ufigen Staatsgrundgesetz&#8220; wurde die Landwirtschaft als &#8222;bedeutendste Kraftquelle des Volkes&#8220; bezeichnet. [376] Auch Schulenberg f\u00fchrte aus: &#8222;Das deutsche Volk mu\u00df weniger aus Gr\u00fcnden der nationalen Sicherheit als aus Gr\u00fcnden der Gesunderhaltung einen lebensf\u00e4higen Bauernstand haben&#8220; [377] und kn\u00fcpfte damit unmittelbar an die Blut- und Bodenideologie an. Der Graf von Schulenberg war es auch, der vorschlug, die zerst\u00f6rten Gro\u00dfst\u00e4dte als Quellen des geistigen, kulturellen und biologischen Verfalls des deutschen Volkes nach dem Krieg nicht wieder aufzubauen. [378] Eine Ausnahme stellte bei dieser reaktion\u00e4ren Industriefeindlichkeit der Wirtschaftspolitiker Goerdeler dar, der f\u00fcr die kleinb\u00e4uerliche Besiedlung Ostelbiens auf Kosten des Gro\u00dfgrundbesitzes eintrat. [379] Auch wenn der Grad der Ablehnung der Industriegesellschaft bei den Verschw\u00f6rern verschieden ausgepr\u00e4gt war, so traten sie doch alle gegen die Verst\u00e4dterung der Gesellschaft und f\u00fcr den Erhalt eines starken &#8222;Bauerntums&#8220; ein.<\/p>\n<p>Die Arbeiterklasse spielte in den Forderungen der Monarchisten keine Rolle. Goerdeler wandte sich sogar ausdr\u00fccklich gegen einen &#8222;New Deal&#8220; mit der Arbeiterklasse. Die Politik der sozialen Zugest\u00e4ndnisse der Nazis sollte durch die Klassenkonfrontation ersetzt werden.<\/p>\n<h3>Ende der alten Elite<\/h3>\n<p>Das Programm des 20.Juli bot der deutschen Bev\u00f6lkerung nichts. Der Putschversuch war der letzte Aufschrei der alten Elite gegen ihre Entmachtung. Das Scheitern und die brutale Zerschlagung war, wie der Soziologe Dahrendorf feststellte, &#8222;das Ende einer deutschen Elite&#8220;. Angesichts des Programms und der sozialen Herkunft des Widerstandes vom 20. Juli sind zwei Vorstellungen v\u00f6llig unsinnig: Der 20.Juli war weder ein Aufstand f\u00fcr die Demokratie, wie es die Parteien der Bundesrepublik gerne verbreiten, noch war es ein innerfaschistischer Machtkampf, wie es Teile der Linken sehen.<\/p>\n<p>Der Aufstand der Junker scheiterte vor allem deswegen, weil die alte Elite keine soziale Basis in der Bev\u00f6lkerung besa\u00df. Die deutsche Bev\u00f6lkerung verband die alten Milit\u00e4rs mit dem Scheitern der Weimarer Republik und des Kaiserreiches. Mit den Interessen dieser Aristokraten hatten sie nichts gemeinsam. Die soziale \u00d6ffnung der Gesellschaft r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen, lehnte die Mehrheit der Deutschen ebenso ab wie den &#8222;F\u00fchrer&#8220; zu beseitigen. Auch nach dem 20.Juli f\u00fchrten die deutschen Soldaten den Krieg f\u00fcr den Nationalsozialismus entschlossen weiter.<\/p>\n<p>Zum Kapital hatten die Attent\u00e4ter kaum Kontakte. Schacht klagten die Nazis an und brachten ihn ins KZ, obwohl ihm nichts nachzuweisen war. Albert Speer berichtete nach dem Krieg, da\u00df die SS in diesem Zusammenhang Prozesse gegen f\u00fchrende Industrielle plante. [380] &#8222;Die Partei sei der \u00dcberzeugung, da\u00df meine engste Umgebung &#8222;reaktion\u00e4r, wirtschaftlich einseitig gebunden und parteifremd&#8220; sei. Dar\u00fcber hinaus w\u00e4re die von mir aufgebaute Selbstverantwortung der Industrie und mein Ministerium \u2018als Sammelbecken der reaktion\u00e4ren Wirtschaftsf\u00fchrer oder gar als parteifeindlich\u2019 bezeichnet worden.&#8220; [381] Himmler konnte sich aber nicht durchsetzen, und der Schlag gegen die Industriellen blieb aus.<\/p>\n<\/div>\n<div align=\"right\">\n<p><a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=214&amp;preview=true\">[Weiter]<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenden wir uns nun wieder der deutschen Innenpolitik zu. Der Krieg stellte die Klassenpolitik der NSDAP erneut auf die Probe. Auf dem Schlachtfeld und in der Organisation der Kriegsproduktion zeigte sich, ob der gerade erst geschmiedete Klassenkompromi\u00df hielt. 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