{"id":189,"date":"2016-09-12T06:27:47","date_gmt":"2016-09-12T04:27:47","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=189"},"modified":"2017-12-20T12:59:51","modified_gmt":"2017-12-20T11:59:51","slug":"4-siedlungskrieg-im-osten","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=189","title":{"rendered":"4. Siedlungskrieg im Osten"},"content":{"rendered":"<div>\n<h3>Sieg der Siedlungskrieger<\/h3>\n<p>Mit dem \u00dcberfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 setzten Hitler und die SS ihre Au\u00dfenpolitik durch. Die Marine bem\u00fchte sich im Vorfeld, Hitler doch noch umzustimmen. &#8222;Raeder versuchte, Hitler von einem Angriffsunternehmen gegen die UdSSR abzubringen. Im September 1940 dr\u00e4ngte er Hitler zu einer Angriffspolitik im Mittelmeer als Ersatz f\u00fcr einen Angriff auf Ru\u00dfland. Am 14. November 1940 dr\u00e4ngte er auf einen Krieg gegen England &#8222;als unserem Hauptgegner&#8220; und die Fortsetzung des Unterseeboot- und Marineflugzeugbaus.&#8220; [293] Auch Ribbentrop warnte am 28. April 1941 vor einem Krieg gegen die Sowjetunion. \u00dcber E. von Weizs\u00e4cker, Staatssekret\u00e4r im Ausw\u00e4rtigen Amt, wandte er sich an Hitler: &#8222;Wir h\u00e4tten also wahrscheinlich mit dem Fortbestand des Stalin-Systems in Ostru\u00dfland und in Sibirien und mit dem Wiederaufleben von Feindseligkeiten im Fr\u00fchjahr 1942 zu rechnen. Das Fenster nach dem Pazifischen Ozean bliebe zugeschlagen. Ein deutscher Angriff auf Ru\u00dfland w\u00fcrde den Engl\u00e4ndern nur neuen moralischen Auftrieb geben. Er w\u00fcrde dort bewertet als deutscher Zweifel am Erfolg unseres Kampfes gegen England.&#8220; [294] Hitler lie\u00df sich von niemandem von dem &#8222;Feldzug gegen den Bolschewismus&#8220; abbringen. Auch Ribbentrop trat nicht in den Widerstand, als man seine Bedenken ignorierte. Doch seit dem Krieg gegen die Sowjetunion verlor der deutsche Au\u00dfenminister betr\u00e4chtlich an Einflu\u00df.<\/p>\n<p>Hitler, der eigentlich den Zweifrontenkrieg vermeiden wollte, hatte noch im Fr\u00fchjahr 1941 vertreten: &#8222;Wir k\u00f6nnen Ru\u00dfland nur entgegentreten, wenn wir im Westen frei sind.&#8220; [295] Da das Empire nicht nachgab und sogar das B\u00fcndnis mit der Sowjetunion schlo\u00df, drehte Hitler die Argumentation um. &#8222;Das einzige Mittel, die Engl\u00e4nder zum Frieden zu zwingen, war, ihnen durch Vernichtung der Roten Armee die Hoffnung zu nehmen, uns auf dem Kontinent einen ebenb\u00fcrtigen Gegner entgegenzustellen.&#8220; [296] Zwischen der Niederlage Frankreichs und dem deutschen \u00dcberfall auf die Sowjetunion k\u00e4mpfte England alleine gegen die Achsenm\u00e4chte. Durch die Bildung der Anti-Hitler-Koalition sah der &#8222;F\u00fchrer&#8220; Ru\u00dfland als &#8222;Festlanddegen&#8220; der Briten. Da er ohnehin glaubte, den &#8222;Kolo\u00df auf t\u00f6nernen F\u00fc\u00dfen&#8220; wie in einem &#8222;Sandkastenspiel&#8220; in einem Blitzkrieg besiegen zu k\u00f6nnen, w\u00fcrde dann England schon nachgeben. Der Siedlungskrieg durfte deshalb nicht aufgeschoben werden.<\/p>\n<p>Jetzt stand der Siedlungskrieg in Ru\u00dfland auf der Tagesordnung, da waren die Nazis zu keinen Kompromissen und Zugest\u00e4ndnissen bereit. Als erstes setzte Hitler den Kolonialisten und ihren Organisationen ein Ende. Am 20. Januar 1942 teilte Hitlers Sekret\u00e4r und Leiter der Reichskanzlei, Martin Bormann, dem Ritter von Epp mit, da\u00df das KPA und der RKB ihre T\u00e4tigkeiten bis zum 15. Februar einzustellen haben. [297] Die Aufl\u00f6sung des KPA erfolgte also nicht mit der Kriegswende an der Ostfront, sondern zu einem Zeitpunkt, wo die deutsche Niederlage sich noch nicht abzeichnete. Epps heftige Proteste konnten die Aufl\u00f6sung noch um einige Monate hinausz\u00f6gern.<\/p>\n<p>Die Siedlungskrieger setzten sich gegen alle durch, die einen Separatfrieden mit der Sowjetunion abschlie\u00dfen wollten. Selbst ein Raubdiktat, wie der Frieden von Brest-Litowsk, stand im Widerspruch zu der Vernichtungsabsicht des Generalplan Ost. Goebbels schlug am 28. Juli 1942 auf der Ministerkonferenz einen Separatfrieden mit Ru\u00dfland vor, wenn Stalin &#8222;eine strategisch gute Grenze und die Sicherheit gegen eine Neuaufr\u00fcstung Ru\u00dflands gibt.&#8220; [298] Dieser Vorschlag blieb ungeh\u00f6rt. Totaler Sieg oder Untergang war Hitlers Devise.<\/p>\n<p>Schon beim \u00dcberfall der Wehrmacht auf Polen folgten 100 Agrarbeamte der Wehrmacht. [299] Es entwickelte sich eine st\u00e4ndige Konkurrenz zwischen der Wehrmacht, SS und Rosenbergs Ostministerium um die Kompetenzen bei der Siedlung. Mit der Zeit stieg aber das SS- Reichskommissariat f\u00fcr die Festigung deutschen Volkstums (RKF) zur entscheidenden Organisation auf. Im Schatten der Frontlinie begann die SS mit der Vernichtung der j\u00fcdischen und slawischen Bev\u00f6lkerung, an der sich auch die Wehrmacht beteiligte.<\/p>\n<p>Der erste schwere Konflikt zwischen Wehrmacht und SS entstand in Polen. Die sofortige Siedlung in Polen, die die &#8222;Pr\u00e4torianergarde der Bauern&#8220; forderte, hielt die F\u00fchrung der Wehrmacht wegen der milit\u00e4rischen Lage f\u00fcr zu gef\u00e4hrlich. Statt dessen schlug die Wehrmacht vor, einen &#8222;Ostwall&#8220; als Befestigungslinie zu bauen. Eine Besiedlung w\u00e4hrend des Krieges hielt die milit\u00e4rische F\u00fchrung f\u00fcr eine Bedrohung des Sieges. Auch mit dem Ostminister Alfred Rosenberg entbrannte ein heftiger Streit. Rosenberg setzte sich f\u00fcr die Aufl\u00f6sung der sowjetischen Kolchosen und Verteilung des Landes unter die russischen Bauern ein, um sie f\u00fcr die Zusammenarbeit mit der deutschen Besatzungsmacht zu gewinnen. Die Wehrmacht verhinderte dieses Vorhaben hartn\u00e4ckig. [300] W\u00e4hrend des Krieges konnte man aus den Gro\u00dfbetrieben mehr herauspressen, und nach dem Krieg warteten die deutschen Siedler auf ihr Land. Einen B\u00fcndnispartner konnte eine Bev\u00f6lkerung eben nicht darstellen, die vernichtet werden sollte.<\/p>\n<h3>Vernichtung und Siedlung<\/h3>\n<p>Nicht nur in der SS, sondern auch in den Wehrmachtssoldaten sah Hitler die Speerspitze der Siedler. Nach dem &#8222;Endsieg&#8220; sollten &#8222;tapfere&#8220; Soldaten als erstes angesiedelt werden. &#8222;Ritterkreuz = Rittergut&#8220; [301] gab die SS zum Ansporn der Soldaten als Parole aus. Zu diesem Zweck gr\u00fcndete die Wehrmacht Landwirtschaftsschulen f\u00fcr Kriegsinvaliden, um sie als &#8222;Wehrbauern&#8220; zu schulen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen begannen SS und Wehrmacht den Generalplan Ost in die Praxis umzusetzen. Bis 1941 vertrieben die deutschen Truppen 2.300.000 Polen und siedelten sie ins &#8222;Generalgouvernement&#8220; um. Schon Mitte 1941 versorgten die Nazis 200.000 deutsche R\u00fcckwanderer mit Millionen ha Land als Neubesitz in den westlichen Gebieten Polens. [302] 1942 lie\u00df Himmler das erste &#8222;Volksdeutsche Siedlungsgebiet Hegewald&#8220; gr\u00fcnden. [303] Im November desselben Jahres vertrieb man die polnische Bev\u00f6lkerung des sogenannten Zamosc-Gebietes und brachte die Bewohner zur Vernichtung nach Auschwitz, um Raum f\u00fcr deutsche Siedler zu schaffen. Das Projekt mu\u00dfte allerdings ebenso wie die Aussiedlung der Bewohner wegen des gro\u00dfen Widerstandes abgebrochen werden. [304] Der Kampf der Opfer gegen ihre Vernichtung gef\u00e4hrdete die deutsche Besatzungsmacht. In diesen Gebieten verschob Hitler die Siedlung bis zum &#8222;Endsieg&#8220;.<\/p>\n<p>Die Kriegswende von Stalingrad f\u00fchrte keineswegs zum Abbruch der riskanten Besiedlung. Im Gegenteil, vor dem Hintergrund der deutschen Kriegsniederlage forcierte die SS den Siedlungskrieg. Von 1942 bis Ende 1943 wurden 17.000 Litauendeutsche in dem baltischen Staat wieder angesiedelt [305] sowie 4000 Familien im polnischen Warthegau. [306] Die soziale Stellung der deutschen Siedler verbesserte sich erheblich. &#8222;Erreicht wurde immerhin eine soziale \u2018Hebung\u2019 der Umsiedler. Hatten die fr\u00fcher durchschnittlich 5-8 ha Land besessen, so erhielten sie nun H\u00f6fe zwischen 20 und 30 ha, vor allem durch die Beschlagnahme polnischen und j\u00fcdischen Verm\u00f6gens.&#8220; [307] Mit der Einbeziehung anderer &#8222;germanischer&#8220; V\u00f6lker in die Waffen-SS nahmen auch sie an der Siedlung teil. Zwischen 1942 und 1943 bekamen 365 niederl\u00e4ndische Bauern in Wei\u00dfruthenien neues Land. [308] Diese Beispiele zeigen, da\u00df die Siedlungsziele keineswegs Propaganda waren, sondern auch in die Praxis umgesetzt wurden. Der Hauptteil der Siedler sollte seinen &#8222;Ritt nach Ost&#8220; aber erst nach dem deutschen Sieg starten.<\/p>\n<p>Auch den Soldaten der Wehrmacht und SS hielt man das deutsche Bauernreich immer wieder vor Augen. Es schien ein geeignetes Mittel zu sein, den Kampfgeist der Truppen zu st\u00e4rken. &#8222;Es gilt die Besiedlung dieses Raumes mit deutschen S\u00f6hnen und deutschen Familien (&#8230;), so da\u00df ein Pflanzgarten germanischen Blutes wird, damit wir ein Bauernvolk bleiben, was wir fast aufgeh\u00f6rt haben zu sein, da der Anteil des B\u00e4uerlichen in unserm Volk weniger geworden ist&#8220; [309], malte Himmler aus. Im August 1944 versprach der Reichsf\u00fchrer der SS sogar jedem Frontsoldaten einen Bauernhof von 30 ha. [310] Die b\u00e4uerliche Triebkraft des Ostkriegs ist un\u00fcbersehbar.<\/p>\n<p>Die kapitalistischen Profitinteressen spielten beim Krieg gegen die Sowjetunion eine untergeordnete Rolle. Wie in allen von Deutschland besetzten L\u00e4ndern versuchten sich deutsche Konzerne Betriebe und Zwangsarbeiter anzueignen. Da der Ostkrieg f\u00fcr Hitler absolute Priorit\u00e4t hatte, schob er den kapitalistischen Kriegsgewinnlern diesmal f\u00fcr die Dauer des Krieges einen Riegel vor. Alle sowjetischen Betriebe gingen in Besitz des deutschen Reiches \u00fcber. [311] Auch wenn die Historiker Weissbecker und P\u00e4tzold mit dem Einwand, da\u00df nach dem Krieg die Betriebe wieder in privaten Besitz \u00fcbergehen sollten, versuchen, ihre ideologischen Lehrs\u00e4tze zu retten, vergessen sie, da\u00df Hitler beabsichtigte, die sowjetischen St\u00e4dte und damit wohl auch die Industrie &#8222;auszuradieren&#8220;.<\/p>\n<p>In den staatlichen Betrieben durften wichtige Industrielle w\u00e4hrend des Krieges f\u00fchrende Positionen einnehmen. und die deutsche Industrie bekam hunderttausende sowjetische Zwangsarbeiter. Der Krieg im Osten war trotzdem kein Krieg des deutschen &#8222;Monopolkapitals&#8220;. Welches Interesse sollten die Kapitalisten daran gehabt haben, Millionen Kleinbauern zu schaffen und aber Millionen potentielle Arbeitskr\u00e4fte einfach abzuschlachten? Hitlers Bauernreich im Osten h\u00e4tte auch f\u00fcr sie das Rad der Geschichte zur\u00fcckgedreht und die industrielle Entwicklung behindert oder gar gestoppt. Den Krieg in einen Kampf um Rohstoffe und kapitalistische Absatzm\u00e4rkte zu verwandeln, dazu fehlte es dem deutschen Kapital an Macht. Der Siedlungskrieg offenbarte die wirklichen Machtverh\u00e4ltnisse im NS-Staat.<\/p>\n<p>Krieg gegen die Entwicklung zur modernen Industriegesellschaft in Europa.<\/p>\n<\/div>\n<div align=\"right\">\n<p><a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=193\">[Weiter]<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sieg der Siedlungskrieger Mit dem \u00dcberfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 setzten Hitler und die SS ihre Au\u00dfenpolitik durch. Die Marine bem\u00fchte sich im Vorfeld, Hitler doch noch umzustimmen. &#8222;Raeder versuchte, Hitler von einem Angriffsunternehmen gegen die UdSSR abzubringen. Im September 1940 dr\u00e4ngte er Hitler zu einer Angriffspolitik im Mittelmeer als Ersatz f\u00fcr einen &hellip; <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=189\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">4. 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