{"id":1788,"date":"2020-03-26T10:36:17","date_gmt":"2020-03-26T09:36:17","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1788"},"modified":"2020-03-26T11:29:27","modified_gmt":"2020-03-26T10:29:27","slug":"stellungnahme-zu-heiner-karuscheit-rosa-luxemburg-das-scheitern-eines-revolutionsprogramms","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1788","title":{"rendered":"Stellungnahme zu Heiner Karuscheit: Rosa Luxemburg &#8211; Das Scheitern eines Revolutionsprogramms"},"content":{"rendered":"<p><em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">F\/HU, Redaktion Arbeiterpolitik<\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Der Artikel wirft wichtige Fragestellungen auf zum Verh\u00e4ltnis von:<br \/>\n<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8211; Theorie und Praxis,<br \/>\n<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8211; Individuum und Klasse,<br \/>\n<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8211; F\u00fchrung und Bewegung,<br \/>\n<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8211; (speziell Kaiserreich) monarchischer Konstitutionalismus und b\u00fcrgerliche Demokratie,<br \/>\n<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8211; (ebenso) Junkertum und Bourgeoisie,<br \/>\n<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8211; Klassenbewusstsein und materialistische Grundlage,<br \/>\n<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8211; Einbindung der Arbeiterklasse\/-bewegung in die b\u00fcrgerliche Gesellschaft,<br \/>\n<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8211; Differenzierungen in der Arbeiterklasse,<br \/>\n<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8211; Formen und Elemente der b\u00fcrgerlichen Demokratie,<br \/>\n<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8211; Geschichte der SPD,<br \/>\n<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8211; Rolle der Linken in dieser Geschichte<br \/>\n<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">usw. Nur auf einiges will ich eingehen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Ich stimme zu, dass das Kaiserreich nicht als b\u00fcrgerlicher Staat\/b\u00fcrgerliche Gesellschaft (im westeurop\u00e4ischen Sinne) gelten kann. Es gab die herrschenden Klassen -Junkertum und Bourgeoisie-, die -dem Artikel zufolge- sowohl einen &#8222;antagonistischen Konflikt&#8220; als auch einen Klassenkompromiss miteinander hatten. Das bedeutet aber auch, dass die b\u00fcrgerlichen Elemente (\u00f6konomische Macht der Bourgeoisie, Zustimmungserfordernis des Reichstags bei Haushalt und Gesetzen) immerhin so stark waren, dass ein Kompromiss erforderlich war. Wenn das so ist, k\u00f6nnen die Verh\u00e4ltnisse im Kaiserreich nicht in G\u00e4nze als &#8222;vorb\u00fcrgerlich&#8220; bezeichnet werden.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Beide herrschende Klassen verband auf jeden Fall die Gegnerschaft zur Arbeiterklasse. Dieser Konflikt \u00fcberlagerte sehr bald nach der Reichsgr\u00fcndung den \u00e4lteren zwischen Adel und B\u00fcrgertum (auch wenn der nicht ganz verschwand).<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Un\u00fcbersehbar ist eine historische Tendenz zur Verschmelzung beider herrschenden Klassen (b\u00fcrgerliches Kapital in Grundbesitz ehemals adeliger &#8222;Ritterg\u00fcter&#8220;, ehemals adeliges Kapital in Industriebetrieben &#8211; auch au\u00dferhalb der Schnapsbrennereien). Damit tr\u00e4gt das Kaiserreich Z\u00fcge einer \u00dcbergangsgesellschaft. Wie sich das entwickelt h\u00e4tte ohne Krieg und Revolution, kann keiner wissen. Fakt ist, dass es 1918 der Revolution bedurfte und diese eine b\u00fcrgerliche unter F\u00fchrung des Proletariats war, wie im Artikel dargestellt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die These auf Seite 12, dass mit dem Scheitern der B\u00fclow&#8217;schen Steuerreform 2009 das Reich &#8222;unregierbar&#8220; geworden sei, ist \u00fcberzogen. Der Reichskanzler fand &#8211; nach dem Ende des sogenannten B\u00fclow-Blocks &#8211; keine sichere parlamentarische Mehrheit mehr (was nach dem konstitutionellen System bekanntlich nicht zwingend erforderlich war, aber Folgen hatte). Ich stimme zu, dass damit die &#8222;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Vorherrschaftsstellung der Junker immer mehr unter Druck<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8220; geriet und sie einen Ausweg in einem Krieg (bzw. Staatstreich) sahen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Im Artikel wird aber der Eindruck erweckt, dass die Kanzlerwechsel von 1909 (B\u00fclow zu Bethmann Hollweg) und 1917 (Bethmann Hollweg zu Michaelis) derart einschneidende Br\u00fcche im politischen System des Kaiserreichs gewesen seien, dass hier ein Vorantreiben zu demokratisch-parlamentarischen Verh\u00e4ltnissen m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. Wer h\u00e4tte das umsetzen und daf\u00fcr 1909 bessere Voraussetzungen als 1918 finden k\u00f6nnen &#8211; die schwache Linke? Oder der Teil der SPD, der erst 1917 aufgrund seiner Weigerung, weiteren Kriegskrediten zuzustimmen, aus der SPD ausgeschlossen wurde und sich dann als USPD konstituierte?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Ich stimme der Beschreibung der Kriegsziele der imperialistischen Bourgeoisie, resultierend aus der Weltpolitik, und der Junker, resultierend aus dem Trieb der Machterhaltung, beides S.\u00a015, zu. Diese jeweiligen Kriegsziele waren nicht deckungsgleich, gingen aber in die gleiche Richtung und erg\u00e4nzten sich faktisch. Die Verf\u00fcgung \u00fcber Krieg und Frieden lag beim Milit\u00e4radel (juristisch: bei Kaiser und Bundesrat), die Zustimmung zur Finanzierung des Krieges bei allen Volksklassen (juristisch: beim Reichstag), die Verantwortung damit auch bei der SPD.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Damit steht aber die Frage nach den Kriegsursachen doppelt: F\u00fcr die Bourgeoisie ging es um die Stellung in der Weltwirtschaft, f\u00fcr die Junker (Repr\u00e4sentanten eines niedergehenden Systems) innenpolitisch um die Machterhaltung. Die sich zuspitzende imperialistische Konkurrenz hatte das Klima geschaffen, in dem ein drittklassiger Kriminalfall (Ermordung des \u00f6sterreichischen Thronfolgers) den zuf\u00e4lligen Anlass &#8211; nicht mehr- bot.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Zum &#8222;Revolutionskonzept Rosa Luxemburgs&#8220;<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Ich stimme allem zu, was mit dem Schlagwort &#8222;Verpreu\u00dfung der SPD&#8220; zusammenh\u00e4ngt. Es geht fehl, hierbei von &#8222;Verrat&#8220; zu reden. Damit ist aber auch klar, dass man die materialistischen Grundlagen der Einbeziehung mindestens der oberen Schichten der Arbeiterklasse, aber auch immer weiterer Kreise, in die b\u00fcrgerliche (!) Gesellschaft, herausarbeiten muss.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Dass ein Artikel sich mit der Auffassung von Rosa Luxemburg auseinandersetzt, ist selbstverst\u00e4ndlich legitim und im Rahmen der Vervollst\u00e4ndigung des Wissens zu den historischen Vorg\u00e4ngen sowie des Lernens daraus notwendig. Dabei kommt es zwangsl\u00e4ufig zu einer gewissen &#8222;Theorielastigkeit&#8220;. Die Theorie ist dazu da, die Praxis anzuleiten, die Praxis dazu, die Theorie zu korrigieren.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Es sollte nicht der Eindruck entstehen, als sei die Novemberrevolution an der Unzul\u00e4nglichkeit der Theorie Rosa Luxemburgs (und anderer in ihrem Umfeld) gescheitert. Daf\u00fcr sind die Vorg\u00e4nge viel zu komplex. &#8222;M\u00e4ngel&#8220; in der Theorie sind im Nachhinein aus der zeitlichen Distanz immer feststellbar. Sie sind aber in der fraglichen Zeit und auf der Grundlage vorhergehender Entwicklungen und Erfahrungen entstanden. Von daher sind die &#8222;M\u00e4ngel&#8220; in der Auffassung Rosa Luxemburgs, etwa die sogenannte &#8222;Spontaneit\u00e4tstheorie&#8220;, zu verstehen. Wir k\u00f6nnen nur daraus lernen, nicht im Nachhinein uns ausmalen, was h\u00e4tte sein k\u00f6nnen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Zweifel sind angebracht gegen\u00fcber den durchg\u00e4ngigen \u00dcberlegungen, dass die Linke besser eine breite B\u00fcndnispolitik mit kleinb\u00fcrgerlichen Schichten praktiziert h\u00e4tte, um eine b\u00fcrgerliche Republik durchzusetzen. Dies h\u00e4tte auch im Proletariat besser verstanden werden k\u00f6nnen. Der Artikel erweckt den Eindruck, als sei diese Blockade in der politischen Strategie der (oder ein) Hauptgrund daf\u00fcr gewesen, dass nicht einmal dieses historisch notwendige Etappenziel in der Novemberrevolution erreicht worden sei, sondern eine viel gr\u00f6\u00dfere Niederlage (der Faschismus) gefolgt sei. Dies sind m. E. Sandkasten\u00fcberlegungen. Sie erscheinen nicht aus der damaligen Zeit und Erfahrung entwickelt, sondern aus unserem heutigen Wissen des Gangs der Geschichte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Wir haben in unserem Artikel zur Novemberrevolution (Eine Revolution der Arbeiterklasse, die in der b\u00fcrgerlichen Konterrevolution endete, Arbeiterpolitik 5\/6 2018, S. 10) Unterschiede zwischen der russischen Oktoberrevolution 1917 und der deutschen Novemberrevolution 1918 herausgearbeitet, die Hindernisse f\u00fcr eine revolution\u00e4re Macht\u00fcbernahme bilden konnten: in Russland die Situation einer kleinen, hochkonzentrierten Arbeiterklasse in einer gro\u00dfen Masse armer Bauern, in Deutschland den Reformismus in der Arbeiterbewegung in Gestalt der SPD und gro\u00dfer Teile der USPD.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Nach unserer Auffassung entsprach die Orientierung auf die sozialistische Revolution den Erwartungen der Massen in der Arbeiterschaft in Deutschland, wenn auch nicht dem Stand des politischen Bewusstseins. Wie aber h\u00e4tte die organisatorisch schwache Linke das zentrale Problem, n\u00e4mlich das B\u00fcndnis von SPD und kaiserlichem Milit\u00e4r, ausgerechnet in einer Zusammenarbeit mit kleinb\u00fcrgerlichen und b\u00e4uerlichen Schichten sprengen k\u00f6nnen? M. E. hat die F\u00fchrung des Spartakusbundes\/der KPD das Richtige getan, indem sie nach dem Scheitern im R\u00e4tekongress (wie immer man die Taktik bewerten mag) auf Langfristiges orientierte: die Klassenk\u00e4mpfe in der kommenden Weimarer Republik und damit die Weiterentwicklung des Klassenbewusstseins im Proletariat. Daf\u00fcr brauchte es eine selbst\u00e4ndige kommunistische Organisation. Das war, realistisch betrachtet, der Ertrag der Novemberrevolution. Schon der Anfang -die Weigerung, an der Wahl zur Nationalversammlung teilzunehmen- zeigte Problematiken dieses Weges auf, sp\u00e4ter auch das Scheitern im Kampf gegen den Faschismus. Aber einfache L\u00f6sungen gab es nicht.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>15.2.2020<\/b><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\/HU, Redaktion Arbeiterpolitik Der Artikel wirft wichtige Fragestellungen auf zum Verh\u00e4ltnis von: &#8211; Theorie und Praxis, &#8211; Individuum und Klasse, &#8211; F\u00fchrung und Bewegung, &#8211; (speziell Kaiserreich) monarchischer Konstitutionalismus und b\u00fcrgerliche Demokratie, &#8211; (ebenso) Junkertum und Bourgeoisie, &#8211; Klassenbewusstsein und materialistische Grundlage, &#8211; Einbindung der Arbeiterklasse\/-bewegung in die b\u00fcrgerliche Gesellschaft, &#8211; Differenzierungen in der Arbeiterklasse, &hellip; <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1788\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Stellungnahme zu Heiner Karuscheit: Rosa Luxemburg &#8211; Das Scheitern eines Revolutionsprogramms<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1788","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1788","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1788"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1788\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1792,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1788\/revisions\/1792"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1788"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}