{"id":1722,"date":"2019-10-19T18:10:43","date_gmt":"2019-10-19T16:10:43","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1722"},"modified":"2019-10-19T18:10:43","modified_gmt":"2019-10-19T16:10:43","slug":"novemberdebatte-um-einige-fragen-der-novemberrevolution","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1722","title":{"rendered":"Novemberdebatte: Um einige Fragen der Novemberrevolution"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif; font-size: 18pt;\"><b>Vorbemerkung<\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Ausgangspunkt der im folgenden dokumentierten \u201eNovemberdebatte\u201c ist der Sammel\u00fcberblick zu \u201eNovemberfragen\u201c von H.Karuscheit, der in der \u201eBerliner Debatte Initial\u201c 1\/2019 die Publizistik zum 100.Jahrestag der Novemberrevolution vorstellte (nachgedruckt in AzD\u00a089). Darin stand auch ein Passus zu dem Artikel &#8222;Proletarische Revolution \u2013 b\u00fcrgerliche Konterrevolution&#8220; aus der Zeitschrift Arbeiterpolitik Nr. 5-6\/2018. Die dabei ge\u00e4u\u00dferte Kritik veranlasste die Redaktion der \u201eArbeiterpolitik\u201c zu \u201eKurzen Antworten\u201c, auf die H.Karuscheit in einer Erwiderung reagierte, worauf die \u201eArbeiterpolitik\u201c wiederum eine Replik schrieb. Die Beitr\u00e4ge werden hier ungek\u00fcrzt abgedruckt. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Au\u00dferdem hat WoKu aus Hamburg in einer internen Diskussion eine Stellungnahme zu einem Luxemburg-Text von HK geschrieben, die zusammen mit einer Antwort darauf ebenfalls abgedruckt wird. Der Luxemburg-Text hat in dieser Ausgabe keinen Platz mehr gefunden und wird in der n\u00e4chsten Nummer abgedruckt, die Diskussion ist auch ohne dessen Kenntnis verst\u00e4ndlich.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">In seinen abschlie\u00dfenden \u201eAnmerkungen\u201c geht HK noch einmal auf einige der in der Debatte aufgeworfenen Fragen ein. Dabei bezieht er auch einen Artikel aus der \u201eArbeiterstimme\u201c ein, die in der Tradition der von Heinrich Brandler und August Thalheimer gegr\u00fcndeten \u201eKPD-Opposition\u201c dieselben Auffassungen zur Novemberrevolution vertritt wie die \u201eArbeiterpolitik\u201c (\u201eEine Revolution der Arbeiterklasse, die in der b\u00fcrgerlichen Konterrevolution endete\u201c, in: \u201eArbeiterstimme\u201c Nr.204 vom Sommer 2019).<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif; font-size: 18pt;\"><b>I. Diskussion mit der Redaktion der \u201eArbeiterpolitik\u201c<\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif; font-size: 14pt;\"><b>1. Redaktion Arbeiterpolitik: Kurze Antworten <\/b><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">auf Karuscheits Besprechung des Artikels &#8222;Proletarische Revolution \u2013 b\u00fcrgerliche Konterrevolution&#8220; aus \u201eArbeiterpolitik\u201c Nr. 5\/6 2018<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">a) &#8222;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Die revolutionstheoretisch bestimmende Frage, ob das Proletariat dabei war, eine b\u00fcrgerlich-demokratische oder eine sozialistische Revolution durchzuf\u00fchren, wurde in dem Artikel so wenig beantwortet wie eine Nummer davor.<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8220; <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>(HK: Novemberfragen)<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Wir haben deutlich gemacht in dem Artikel, dass &#8222;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>der Sozialismus \u2026 die gro\u00dfe Hoffnung der Massen in der Arbeiterklasse<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8220; war. Gleichzeitig bestanden aber sehr unterschiedliche, teils unklare Vorstellungen dar\u00fcber, was das sei und welche Strategie dahin einzuschlagen sei. Das Proletariat kann in dieser Hinsicht nicht als politisch einheitlich unterstellt werden. Die Stellung zu den Parteien SPD, USPD und KPD, die Abstimmungen im Reichsr\u00e4tekongress Dezember 1918, die Januark\u00e4mpfe 1919, die Auseinandersetzungen um die Sozialisierung des Ruhrbergbaus u. v. m. zeigen das. Insofern ist festzustellen: &#8222;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Das Proletariat hat also zun\u00e4chst seine eigene Revolution begonnen, \u2026 (ist) aber auf halber Strecke stehen geblieben.<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8220; Auszugehen ist davon, dass auch diejenigen, die im R\u00e4tekongress f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Nationalversammlung stimmten, die Sozialisierung wollten, aber der SPD-Losung vertrauten, dass zun\u00e4chst die Produktion in Gang gesetzt werden m\u00fcsse. Usw. usf.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">b) &#8222;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Vor allem aber fragt sich, woher die Einsch\u00e4tzung kommt, dass die zu Recht konstatierte Konterrevolution b\u00fcrgerlichen Charakter trug. Weder wurden die gro\u00dfen Adelsg\u00fcter und der preu\u00dfische Militarismus zerschlagen noch andere Ma\u00dfnahmen realisiert, die seit der 1848er Revolution auf der Tagesordnung der Geschichte standen.<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8220; <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>(HK: Novemberfragen)<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Das haben wir tats\u00e4chlich im wesentlichen mit der Verb\u00fcrgerlichung des Staatsapparats (Parlamentarisierung, demokratisches Wahlrecht, b\u00fcrgerliches Regierungspersonal) begr\u00fcndet. Das konnte freilich nicht hei\u00dfen, dass &#8222;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>die gro\u00dfen Adelsg\u00fcter und der preu\u00dfische Militarismus<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8220; sofort aus dem gesellschaftlichen Leben und der Politik verschwanden. Das ist eine formale und unrealistische Sicht. Gebrochen war aber die privilegierte Stellung des Adels im Staatsapparat, was f\u00fcr die Bourgeoisie bedeutete, dass bisherige R\u00fccksichtnahmen und Konflikte um die Wirtschaftspolitik potenziell wegfielen (ich denke hier z. B. an die Auseinandersetzungen um die Zollpolitik oder den Bau des Mittellandkanals). Tats\u00e4chlich hat erst die DDR mit den gro\u00dfen Adelsg\u00fctern aufger\u00e4umt. B\u00fcrgerlich hei\u00dft auch in die andere Richtung, dass sie nicht sozialistisch, sondern kapitalistisch war.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">c) &#8222;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Doch &#8218;b\u00fcrgerlich&#8216; war 1918\/19 lediglich die Einf\u00fchrung des Parlamentarismus, und die war bereits im Oktober, vor der Revolution erfolgt.<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8220; <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>(HK: Novemberfragen)<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Im Oktober 1918, also wenige Wochen vor dem Sturz der Monarchie, wurde lediglich ein Passus in die kaiserliche Reichsverfassung eingef\u00fcgt, dass der bis dahin allein vom Kaiser ernannte Reichskanzler zu seiner Amtsf\u00fchrung des Vertrauens des Reichstags bed\u00fcrfe. Was das hei\u00dfen sollte (f\u00fcr uns Nachgeborene heute: dass der Reichskanzler vom Reichstag ggf. entlassen werden k\u00f6nnte, wie es sp\u00e4ter die Weimarer Verfassung vorschrieb), war damals keineswegs klar. Auch hier zeigt sich seitens des Kritikers eine formale Sichtweise (wenn man der folgt, k\u00f6nnte man behaupten, dass der Sturz B\u00fclows 1909 der Beginn der &#8222;Parlamentarisierung&#8220; gewesen sei). Die Parlamentarisierung wurde im materiellen Sinne erst von der Revolution durchgesetzt, und zwar auch hier in doppelter Richtung: gegen die alten Gewalten und gegen die sozialistische Alternative des R\u00e4tesystems.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">d) &#8222;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Deshalb negiert der Artikel das Entscheidende, n\u00e4mlich dass die von der SPD organisierte Konterrevolution keine b\u00fcrgerlichen Zust\u00e4nde zum Ergebnis hatte, sondern die Restauration der alten, vorb\u00fcrgerlichen Ordnung in republikanischer Verkleidung.<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8220; <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Das allerdings. Die Begr\u00fcndung folgt aus den vorigen Punkten.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">22.03.2019 F\/HU (f\u00fcr die Redaktion der Arbeiterpolitik)<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif; font-size: 14pt;\"><b>2. H.Karuscheit: Erwiderung auf die \u201ekurzen Antworten\u201c der \u201eArbeiterpolitik\u201c (31.03.2019)<\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Werter Kollege\/ Genosse,<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">zun\u00e4chst einmal m\u00f6chte ich mich f\u00fcr deine schnelle Antwort auf die Kritik an dem Arpo-Artikel bedanken. Du gestattest, dass ich dein Interesse an der Diskussion gerne aufgreife und darauf etwas erwidere.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Deine Verteidigung der <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>b\u00fcrgerlichen<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> Charakterisierung der Konterrevolution basiert, wenn ich das richtig sehe, auf zwei zusammenh\u00e4ngenden, z.T. unausgesprochenen Grundannahmen: <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Erstens<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">: das Kaiserreich war ein b\u00fcrgerlicher Staat. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Zweitens<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">: im November 1918 stand eine sozialistische Revolution auf der Tagesordnung. Von diesen Grundannahmen ging auch die von Rosa Luxemburg gef\u00fchrte revolution\u00e4re Linke \/<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Spartakusgruppe aus \u2013 und scheiterte mit ihrer Sozialismusstrategie vollst\u00e4ndig.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><a name=\"ZT14\"><\/a> <span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Zum ersten Punkt: Durch die Reichseinigung 1866-1870 war zwar die <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>nationale<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">, aber nicht die <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>demokratische<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> Aufgabenstellung der 1848\/49 gescheiterten b\u00fcrgerlichen Revolution gel\u00f6st worden. Der Reichstag in dem 1870\/71 gegr\u00fcndeten Deutschen Reich war ohne die entscheidenden Rechte eines Parlaments. Das Milit\u00e4r als das Zentrum der Macht blieb unter dem au\u00dferparlamentarischen Kommando des junkerlich-preu\u00dfischen Milit\u00e4radels, und aufgrund der Bismarckschen Reichskonstruktion agierte der \u2013 mit Hilfe des fortgeltenden Dreiklassenwahlrechts von den Junkern beherrschte \u2013 Staat Preu\u00dfen als deutscher Hegemonialstaat (in meinem 2014 erschienenen Buch \u201eDeutschland 1914\u201c wird diese Frage ausf\u00fchrlich behandelt). Marx bemerkte dazu in der Kritik des Gothaer Programms, dass das Kaiserreich \u201enichts andres als ein mit parlamentarischen Formen verbr\u00e4mter, mit feudalem Beisatz vermischter und zugleich schon von der Bourgeoisie beeinflusster, b\u00fcrokratisch gezimmerter, polizeilich geh\u00fcteter Milit\u00e4rdespotismus\u201c war. Im grunds\u00e4tzlichen Unterschied zu Frankreich und Gro\u00dfbritannien war Deutschland kein b\u00fcrgerlich-parlamentarisch beherrschter Staat, sondern ein vorb\u00fcrgerlicher, halbfeudaler Milit\u00e4r- und Obrigkeitsstaat, mit der Folge, dass die b\u00fcrgerliche Revolution als <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>demokratische Revolution<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> weitergef\u00fchrt werden musste. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Im Gegensatz dazu ist die Bebel-SPD einschlie\u00dflich ihres linken, revolution\u00e4ren Fl\u00fcgels davon ausgegangen, dass das Bismarck-Reich b\u00fcrgerlichen Charakter trug (ohne das jemals konkret untersucht zu haben), mit der Folge, dass allerseits als n\u00e4chstes Ziel der Sozialismus angestrebt wurde.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Zum zweiten Punkt, zur Frage der Revolution selber: Du schreibst mit etwas vagen Worten, dass unter den Arbeitern \u201esehr unterschiedliche, teils unklare Vorstellungen\u201c \u00fcber den Sozialismus bestanden \u201eund welche Strategie dahin einzuschlagen sei. Das Proletariat kann in dieser Hinsicht nicht als politisch einheitlich unterstellt werden.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Das ist nat\u00fcrlich richtig. Wie bei jeder gesellschaftlichen Bewegung gab es auch im November unterschiedliche Vorstellungen und Richtungen, die sich ganz grob dreiteilen lassen: es gab einen rechten, reaktion\u00e4ren Fl\u00fcgel der Arbeiterbewegung, der die Politik Eberts und Noskes ohne Hemmungen mittrug. Ihm gegen\u00fcber stand ein linker, revolution\u00e4rer Fl\u00fcgel, der wesentlich von der Spartakusgruppe und sp\u00e4ter von der KPD repr\u00e4sentiert wurde. Schlie\u00dflich gab es die Masse des Proletariats, die es zu gewinnen galt, wenn die Revolution erfolgreich sein sollte. Zu erg\u00e4nzen ist, dass das Wort \u201eSozialismus\u201c nach dem Sturz der Monarchie zwar in aller Munde war, dies aber mit Sozialismus im eigentlichen Sinn wenig zu tun hatte \u2013 es ging unter diesem Begriff wesentlich um das Ende des Obrigkeitsstaats und des Militarismus, um Demokratie, Freiheit und Selbstverwaltung bis hin zur Forderung nach einer Verstaatlichung der kartellierten Schwerindustrie.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Das vorweg geschickt, muss man feststellen, dass die Spartakusgruppe mit ihrem Sozialismuskonzept nur eine Minderheit des Proletariats, und zwar eine recht kleine Minderheit repr\u00e4sentierte. Zu keinem Zeitpunkt gab es eine Mehrheit in der Arbeiterschaft f\u00fcr die Vergesellschaftung der (aller) Produktionsmittel und f\u00fcr die Errichtung einer Diktatur des Proletariats. In Russland z.B. gab es viele spontane Betriebsenteignungen durch die Arbeiter (was Lenin zu der sorgenvollen Bemerkung veranlasste, dass viel zu viel enteignet worden sei, was der neue Staat gar nicht verwalten k\u00f6nne). Dagegen in Deutschland? \u00c4hnliches gab es hier nirgends; hier beschr\u00e4nkte man sich auf die Forderung nach einer Sozialisierung \/ Verstaatlichung der Schwerindustrie.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Der bekannte Historiker der Revolution und Republik, Arthur Rosenberg, selber ein Teilnehmer der Novemberrevolution und jahrelang ein Vertreter der KPD im Reichstag, bemerkte dazu in seiner bis heute richtungsweisenden Geschichte Weimars: \u201eEin ernster Wille, sozialistische Ma\u00dfregeln durchzuf\u00fchren, zeigte sich im Reich bei den revolution\u00e4ren Massen eigentlich nirgends. Solche Absichten w\u00e4ren schon durch die Haltung der Soldaten vereitelt worden, deren Mehrheit nicht sozialistisch war, entsprechend der politischen Zusammensetzung des deutschen Volkes.\u201c (Entstehung der Weimarer Republik, Nachdruck EVA 1961, S.239) Was Rosenberg als zeitgen\u00f6ssischer Beobachter konstatierte, ist durch die Revolutionsforschung der letzten Jahrzehnte zu den R\u00e4ten vielfach best\u00e4tigt worden (siehe die Zusammenfassung des Forschungsstands in: Kolb\/Schumann: Die Weimarer Republik, M\u00fcnchen 2013, S.170ff) Oder wie Wolfgang Niess schreibt: \u201eEs geht der Revolutionsbewegung neben der schnellen Beendigung des Krieges auch um eine umfassende \u201aDemokratisierung\u2018 der Gesellschaft. Der alte Obrigkeitsstaat soll von Grund auf ver\u00e4ndert werden. Demokratischer Geist soll in die Armee, die Verwaltung, die Justiz, die Schulen und Fabriken, schlicht in die ganze Gesellschaft einziehen. Der Untertan und der Untertanengeist haben ausgedient.\u201c (Niess: Die Revolution von 1918\/19. Europa-Verlag 2017, S.\u00a0166)<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Das hei\u00dft, die spontane Massenbewegung stellte sich die Aufgabe, die historisch auf der Tagesordnung der Geschichte stand, n\u00e4mlich die <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Durchf\u00fchrung einer demokratischen Revolution<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">. Aber anstatt mit einem revolution\u00e4r-demokratischen Programm die F\u00fchrung dieser Bewegung zu \u00fcbernehmen, um so an die Macht zu gelangen (und zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt zum Sozialismus \u00fcberzugehen), isolierte sich die revolution\u00e4re Linke mit ihrem Sozialismusprogramm und erlitt eine vernichtende Niederlage.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Weiter: an anderer Stelle lassen sich deine Anmerkungen so lesen, als ob du selber an der Herrschaft der Bourgeoisie im Kaiserreich zweifelst und meinst, dass diese Bourgeoisie 1918\/19 nicht nur \u00fcber das Proletariat, sondern auch \u00fcber das zuvor herrschende Junkertum siegte \u2013 sie h\u00e4tte also einen doppelten Sieg erfochten, sowohl \u00fcber die Arbeiterklasse als auch \u00fcber die preu\u00dfische Grundbesitzerklasse. So interpretiere ich wenigstens deine Bemerkung: \u201eGebrochen war aber die privilegierte Stellung des Adels im Staatsapparat, was f\u00fcr die Bourgeoisie bedeutete, dass bisherige R\u00fccksichtnahmen und Konflikte um die Wirtschaftspolitik potenziell wegfielen (ich denke hier z.B. an die Auseinandersetzungen um die Zollpolitik oder den Bau des Mittellandkanals)\u201c. Richtig ist, dass die Adelsangeh\u00f6rigen keinen privilegierten Zugriff auf die \u00dcbernahme von Staatsposten mehr hatten und auch die Wirtschaftspolitik nicht mehr wie vorher bestimmen konnten (was indessen nur bedingt gilt, denn in der Zollpolitik z.B. wurden nach Auslaufen der alliierten Verbote die Vorkriegsz\u00f6lle auf Getreide wieder eingef\u00fchrt).<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Aber war das entscheidend? Des weiteren f\u00fchrst du aus: \u201eDas konnte freilich nicht hei\u00dfen, dass \u201adie gro\u00dfen Adelsg\u00fcter und der preu\u00dfische Militarismus\u2018 sofort aus dem gesellschaftlichen Leben und der Politik verschwanden. Das ist eine formale und unrealistische Sicht.\u201c Was du hier mit \u201eformal und unrealistisch\u201c meinst, ist mir offen gestanden schleierhaft, denn Realit\u00e4t ist, dass die Adelsg\u00fcter und der Militarismus weder sofort noch \u00fcberhaupt aus dem gesellschaftlichen Leben verschwanden. Beides war von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung und geh\u00f6rte seit 1848\/49 zu den Kernpunkten einer b\u00fcrgerlichen Revolution. Dank des Ebert-Groener-Pakts vom 10.November 1918 ging das preu\u00dfisch-deutsche Offizierskorps ungebrochen in die Weimarer Republik \u00fcber und baute die Reichswehr als \u201eStaat im Staat\u201c auf. Formal hatte das Parlament nun die Hoheit \u00fcber das Milit\u00e4r (das war anders als im Kaiserreich), aber real bestimmte die weiterhin unter dem Kommando der Junker stehende Reichswehr autonom \u00fcber den eigenen Einsatz im Innern. Gleichzeitig behielt der Milit\u00e4radel seine soziale Basis in Gestalt der ostelbischen Gro\u00dfg\u00fcter.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Was soll an diesen Geschehnissen \u201eb\u00fcrgerlich\u201c gewesen sein? Oder unterstellst du, dass die Reichswehr irgendwie zu einer b\u00fcrgerlichen Armee geworden ist? Wenn nicht, hei\u00dft das nichts anderes, als dass der bewaffnete Kern der Macht weiterhin oder wieder in den H\u00e4nden des Junkertums lag, auch wenn dessen Stellung durch die Novemberrevolution geschw\u00e4cht war. Der konservative Historiker Golo Mann hat diese Problematik fr\u00fch benannt, indem er schrieb, dass durch die Politik der SPD-F\u00fchrung \u201eder ganze Herrschafts- und Geistesapparat des Kaiserreiches erhalten (blieb): Verwaltung, Justiz, Universit\u00e4t, Kirchen, Wirtschaft, Generalit\u00e4t\u201c. (Golo Mann: Deutsche Geschichte des 19.\u00a0und 20.\u00a0Jahrhunderts, Frankfurt\/M 1958, S.670). Das bedeutet in der Konsequenz, dass die Weimarer Republik unter republikanischem Mantel die alte Ordnung fortsetzte \u2013 und diese Ordnung war <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>nicht<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> b\u00fcrgerlich. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Damit es nicht zuviel wird, will ich hier Schluss machen und nur noch versuchen zusammenzufassen, was m.E. der Kern der Novemberproblematik war: Mit den nach dem Sturz der Monarchie geschlossenen B\u00fcndnissen (Ebert-Groener Pakt mit dem preu\u00dfischen Offizierskorps; Stinnes Legien-Abkommen mit der Schwerindustrie) schmiedete die SPD-Spitze eine konterrevolution\u00e4re Allianz gegen die Novemberrevolution, die sich klassenpolitisch auf den rechten Fl\u00fcgel der Arbeiterbewegung und die bisherigen Haupttr\u00e4ger der vorrevolution\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse, das Junkertum und die Montanbourgeoisie, st\u00fctzte. Gemeinsames Ziel war es, hinter der Fassade der Republik die alte Ordnung wiederherzustellen, nur diesmal mit Sozialdemokraten an der Spitze (was von Junkern und Schwerindustrie nur als vor\u00fcbergehende Notl\u00f6sung betrachtet wurde).<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Um gegen diese Allianz zu bestehen, h\u00e4tten die Linken das Konzept einer demokratischen Volksrevolution unter F\u00fchrung des revolution\u00e4ren Fl\u00fcgels der Arbeiterklasse verfolgen m\u00fcssen. Nur so h\u00e4tten sie eine Mehrheit der Arbeiterschaft hinter sich versammeln sowie einen mehr oder minder gro\u00dfen Teil des Kleinb\u00fcrgertums als B\u00fcndnispartner gewinnen oder zumindest neutralisieren k\u00f6nnen. Mit der Strategie einer proletarisch-sozialistischen Alleinrevolution k\u00e4mpften sie auf verlorenem Posten.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Je l\u00e4nger ich mich mit der Thematik befasse, desto weniger nachvollziehbar ist f\u00fcr mich, wieso die heutige Linke, die \u201eArbeiterpolitik\u201c eingeschlossen, ein geradezu masochistisches Vergn\u00fcgen daran findet, das damalige praktische Scheitern, dem 14 Jahre sp\u00e4ter eine noch viel schlimmere Niederlage folgte, wieder und wieder theoretisch wiederzuk\u00e4uen, anstatt sich daran zu machen, die damaligen Klassen- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse grundlegend zu untersuchen und daraus Schlussfolgerungen f\u00fcr das damals notwendige Revolutionskonzept zu ziehen.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Mit solidarischen Gr\u00fc\u00dfen \u2013 Heiner Karuscheit, 31.03.2019<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif; font-size: 14pt;\"><b>3. Replik der \u201eArbeiterpolitik\u201c<\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">In dem Beitrag &#8222;Erwiderung auf die Kritik<\/span><\/span><b> <\/b><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">an der Arpo Nr. 5\/6 2018&#8243; nimmt Heiner Karuscheit an, dass unsere Auffassung des b\u00fcrgerlichen Charakters der Konterrevolution auf &#8222;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>zwei zusammenh\u00e4ngenden, z.T. unausgesprochenen Grundannahmen<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8220; beruht.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">a) &#8222;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Das Kaiserreich war ein b\u00fcrgerlicher Staat.<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8220; Nein, das ist so pauschal keineswegs unsere Auffassung, sondern die von Karuscheit in diesem Zusammenhang benannte Charakterisierung von Marx (aus der Kritik des Gothaer Programms: &#8222;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>nichts andres als ein mit parlamentarischen Formen verbr\u00e4mter, mit feudalem Beisatz vermischter und zugleich schon von der Bourgeoisie beeinflu\u00dfter, b\u00fcrokratisch gezimmerter, polizeilich geh\u00fcteter Milit\u00e4rdespotismus<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;) ist auch unsere Sichtweise. Seine und unsere Schlussfolgerungen daraus scheinen aber unterschiedlich zu sein. Wir denken nicht, dass man feudale, semifeudale und b\u00fcrgerliche Staaten aus relativ zeitnahen Epochen so sauber voneinander trennen kann, dass man Klassen, Produktionsweisen, Institutionen etc. eindeutig und ausschlie\u00dflich zuordnen kann. Selbstverst\u00e4ndlich existieren sie auch in ver\u00e4nderter Konstellation eine gewisse Zeit weiter. Es kommt darauf an, das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zwischen ihnen abzusch\u00e4tzen.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die Frage, ob das Kaiserreich ein b\u00fcrgerlicher Staat war oder nicht, ist falsch gestellt. Sie ist gegen\u00fcber der Realit\u00e4t im Kaiserreich nicht angemessen differenziert. Wenn man sich pauschal f\u00fcr die eine oder die andere Seite dieser Alternative entscheidet, wird man dazu tendieren, die jeweils daf\u00fcr sprechenden Argumente \u00fcber- und die dagegen gerichteten unterzubewerten. Die richtige Frage ist vielmehr die nach dem Verh\u00e4ltnis feudaler und b\u00fcrgerlicher Strukturelemente im Staatsaufbau des Kaiserreiches.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Daraus ergibt sich logischerweise, dass wir eine &#8222;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Herrschaft der Bourgeoisie im Kaiserreich<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8220; nur mit Einschr\u00e4nkung feststellen k\u00f6nnen. Sie bestimmte die \u00f6konomische Entwicklung, w\u00e4hrend das Junkertum die politische Macht aus\u00fcbte. Daraus ergaben sich die zentralen Widerspr\u00fcche zwischen diesen beiden privilegierten Klassen und f\u00fcr die Historiker die Schwierigkeit, das sicher zu klassifizieren.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Modellvorstellungen menschlicher Vergesellschaftsformen sind n\u00fctzlich und notwendig f\u00fcr die Analyse. Man darf aber Modelle nicht mit der komplexen Wirklichkeit gleichsetzen. Das gilt auch f\u00fcr Vorstellungen von Etappen der revolution\u00e4ren Entwicklung, etwa die der Komintern (zu Stalins Zeiten), derzufolge eine nationaldemokratische b\u00fcrgerliche Revolution ggf. einer sozialistischen vorauszugehen und f\u00fcr diese die gesellschaftlichen Voraussetzungen zu schaffen habe.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Dass die Bourgeoisie sich in der Novemberrevolution nach zwei Seiten hin (Junker und Arbeiterklasse) mithilfe der SPD durchgesetzt hat, trifft zu. Selbstverst\u00e4ndlich reiften nicht alle Bl\u00fctentr\u00e4ume. Man darf nicht \u00fcbersehen, dass das Deutsche Reich, unter welcher Herrschaft auch immer, die Folgen und Lasten des verlorenen Krieges zu verarbeiten hatte. Die Bourgeoisie mu\u00dfte sie auf jeden Fall auf die Arbeiterklasse abw\u00e4lzen und brauchte daf\u00fcr die SPD und das Milit\u00e4r, also Strukturen des neuen und des alten Staates. Das versch\u00e4rfte die Klassenk\u00e4mpfe au\u00dferordentlich, und niemand kann sagen, was abgelaufen w\u00e4re, wenn es diese externen Bedingungen nicht gegeben h\u00e4tte.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">b) &#8222;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Im November 1918 stand eine sozialistische Revolution auf der Tagesordnung.<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8220; Das sei unsere Auffassung, der Karuscheit die seinige entgegenstellt: &#8222;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Die spontane Massenbewegung stellte sich die Aufgabe, die historisch auf der Tagesordnung der Geschichte stand, n\u00e4mlich die Durchf\u00fchrung einer demokratischen Revolution.<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8220; Welche Tagesordnung ist hier gemeint? Die sehr unterschiedlichen Str\u00f6mungen hatten jeweils ihre eigene &#8222;Tagesordnung&#8220;, der sie folgten. Oder ist die &#8222;Tagesordnung&#8220; eines Historikers gemeint, der r\u00fcckblickend feststellt, welches zentrale Ergebnis die Novemberrevolution hatte? Es hilft nichts: Man mu\u00df zur Kenntnis nehmen, dass unterschiedliche und gegenl\u00e4ufige Kr\u00e4fte am Werk waren, so dass es selbstverst\u00e4ndlich auch eine b\u00fcrgerliche &#8222;Tagesordnung&#8220; gab, die am Ende durchgesetzt wurde. Aber zum Verst\u00e4ndnis der Vorg\u00e4nge geh\u00f6rt das ganze Spektrum der Zeitumst\u00e4nde, darunter nicht zuletzt: Seit einem Jahr hatten die Bolschewiki von Russland aus die sozialistische Revolution auf die Tagesordnung gesetzt.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Nach Auffassung von Marx<\/span><\/span><i> <\/i><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;\u2026 <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie l\u00f6sen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, dass die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer L\u00f6sung schon vorhanden oder wenigstens im Prozess des Werdens begriffen sind <\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">(<a href=\"https:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/Karl_Marx\" target=\"Karl Marx\" rel=\"noopener noreferrer\">Karl Marx<\/a>, Zur Kritik der Politischen \u00d6konomie. Vorwort, 1859, MEW 13, S. 9).&#8220; Die &#8222;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>materiellen Bedingungen<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8220; f\u00fcr die \u00dcberwindung des Kapitalismus waren in Deutschland bekanntlich weiter entwickelt als in Ru\u00dfland.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Karuscheit schreibt: &#8222;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Um gegen diese Allianz <\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">(<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>rechter Fl\u00fcgel der Arbeiterbewegung und die bisherigen Haupttr\u00e4ger der vorrevolution\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse, das Junkertum und die Montanbourgeoisie<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">)<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i> zu bestehen, h\u00e4tten die Linken das Konzept einer demokratischen Volksrevolution unter F\u00fchrung des revolution\u00e4ren Fl\u00fcgels der Arbeiterklasse verfolgen m\u00fcssen. Nur so h\u00e4tten sie eine Mehrheit der Arbeiterschaft hinter sich versammeln sowie ei\u00adnen mehr oder minder gro\u00dfen Teil des Kleinb\u00fcrgertums als B\u00fcndnispartner gewinnen oder zumindest neutralisieren k\u00f6nnen. Mit der Strategie einer proletarisch-sozialistischen Alleinrevolution k\u00e4mpften sie auf verlorenem Posten.<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Das halten wir f\u00fcr eine abstrakte \u2013 um nicht zu sagen: im konkreten Revolutionsverlauf weltfremde \u2013 \u00dcberlegung. Rosa Luxemburg sprach von der &#8222;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Gluthitze der Revolution<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;. Wie h\u00e4tte sich in diesen hin- und herwogenden K\u00e4mpfen eine langfristig m\u00f6glicherweise abstrakt logische Strategie durchsetzen k\u00f6nnen? Wie h\u00e4tte die revolution\u00e4re Linke mit einer begrenzenden Losung der &#8222;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>demokratischen Volksrevolution<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8220; &#8222;<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>eine Mehrheit der Arbeiterschaft hinter sich versammeln<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8220; k\u00f6nnen, ohne damit schlicht der USPD-F\u00fchrung das Feld zu \u00fcberlassen, die nichts tat, um die Forderung nach dem R\u00e4tesystem zu unterst\u00fctzen, und die ihrerseits im Dezember nach dem Reichsr\u00e4tekongress vor der SPD kapitulierte? Selbst innerhalb der radikalen Linken war das schwierig: Dass Rosa Luxemburg mit ihrem Antrag, sich an den Wahlen zur Nationalversammlung zu beteiligen (nachdem sie nun mal beschlossen waren), auf dem Gr\u00fcndungsparteitag der KPD durchfiel, ist ein weiteres Schlaglicht auf die komplizierten Bedingungen dieser Revolutionszeit.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Aus unserer Sicht tat die Linke das Richtige: Sie sorgte f\u00fcr das zentrale Ergebnis der Novemberrevolution, das sie in der Hand hatte, n\u00e4mlich die Verselbst\u00e4ndigung der kommunistischen Bewegung.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>2.4.2019, F\/HU<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"center\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif; font-size: 18pt;\"><b>II. Diskussion mit einem Leser aus Hamburg<\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Brief WoKu <\/b><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">(Ausz\u00fcge) vom 15.06.2019 an H.Karuscheit <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8230; Du sprichst von dem alternativen Weg der revolution\u00e4r-demokratischen Revolution, der gegangen werden musste. Dahinter verbirgt sich eine bestimmte Auffassung der Abfolge von revolution\u00e4ren Bewegungen und Zielrichtungen. Ich teile diese, denn wie Marx es (so ungef\u00e4hr) formuliert, kann die Bewegung nur das erreichen, was ihr qua sozialer, klassenm\u00e4\u00dfiger und \u00f6konomischer Situation (nach gr\u00fcndlicher Analyse) m\u00f6glich ist. Und eben nicht das, was sie sich vorstellt\/ w\u00fcnscht. Diese implizite These Deiner Darstellung fehlt m.E. f\u00fcr die russische Revolution und die Analyse Lenins (vor seiner radikalen Wende im Oktober, als er sich m.E. von dieser Erkenntnis abgewandt hat und die Minderheiten-Revolution initiierte) (&#8230;) <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Ebenfalls problematisch finde ich, dass Du die entscheidende Kriegsgefahr in der junkerlichen Machtsicherung siehst (S. 13). Da bin ich aber nicht belesen genug, um substantiell dagegen halten zu k\u00f6nnen. Allerdings gibst Du selber noch einen weiteren Grund, den der Bourgeoisie, an, der offensiven \u00f6konomischen Charakter tr\u00e4gt: Inbesitznahme der Atlantikh\u00e4fen Belgiens und Frankreichs (S. 15). Mir scheint dort\/damals auch die Rolle von Pers\u00f6nlichkeiten (die in vorkapitalistischen Gesellschaften m. E. eine gro\u00dfe Rolle spielen) und die europ\u00e4ische (Macht-)Konstellation eine nicht unbedeutende Rolle zu spielen.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Dann habe ich Bedenken wg. der Formulierung, dass das Ziel der MSPD gewesen w\u00e4re, die Republik alter Ordnung wiederherzustellen. Das scheint mir zu apodiktisch formuliert und schadet m.E. Deinem Ansinnen und Ansatz. Sicher stand die MSPD nicht an der revolution\u00e4ren Spitze, sie hat sie sogar abgew\u00fcrgt. Dennoch wurden unter deren \u00c4gide einige Ver\u00e4nderungen erreicht, Parlament, (Frauen-)Wahlrecht, Arbeitsgesetze&#8230;<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Ich sto\u00dfe mich mehr an der Formulierung als an der Einsch\u00e4tzung der MSPD.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Soweit meine Anmerkungen\/Anregungen, 15.06.2019<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Antwort HKs (Ausz\u00fcge) <\/b><\/span><span style=\"font-size: large;\">vom 30.06.2019<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">(&#8230;) Du wendest dich dagegen, dass die entscheidende Kriegsgefahr vom Junkertum ausging, sondern siehst die Bourgeoisie in dieser Rolle. Du hast insoweit recht, als die Bourgeoisie schon in den Jahren vor 1912\/14, d.h. zeitlich <\/span><span style=\"font-size: large;\"><i>vor<\/i><\/span><span style=\"font-size: large;\"> den Junkern, einen Krieg ins Auge fasste, um ein gro\u00dfes Kolonialreich und einen \u201ePlatz an der Sonne\u201c neben Gro\u00dfbritannien zu erobern.<\/span> <span style=\"font-size: large;\"><i>(Anmerkung WoKu: Das habe ich so nicht formuliert und gemeint. Mir ging es darum, einer \u00dcbergangsgesellschaft entsprechend, auf die Unterschiede, aber auch auf Gemeinsamkeiten beider Klassen hinzuweisen, die dann zu einem Kriegswillen f\u00fchrten. Das f\u00fchrst Du selber weiter unten aus (&#8222;zwei Kriege&#8220;)).<\/i><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">Aber was man <\/span><span style=\"font-size: large;\"><i>will<\/i><\/span><span style=\"font-size: large;\">, ist das eine, und was man <\/span><span style=\"font-size: large;\"><i>kann<\/i><\/span><span style=\"font-size: large;\">, etwas anderes. Wie h\u00e4tte die Bourgeoisie ihre Kriegspl\u00e4ne innenpolitisch durchsetzen k\u00f6nnen? Formal war f\u00fcr Kriegserkl\u00e4rungen der Kaiser zust\u00e4ndig, und real konnte kein Krieg ohne den Willen des Milit\u00e4radels gef\u00fchrt werden. Warum sollte das von den Gutsadeligen kommandierte preu\u00dfisch-deutsche Heer jedoch auf Wunsch und im Interesse der Bourgeoisie die Waffen einsetzen? Das w\u00fcrde voraussetzen, dass die Bourgeoisie die Macht im Kaiserreich innehatte und deshalb den Einsatz der Armee bestimmen konnte, und genau diese Position halte ich f\u00fcr falsch.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">Klassisch f\u00fcr diese Situation ist die Marokkokrise 1911, als der deutsche Au\u00dfenminister Kiderlen-W\u00e4chter Frankreich zur Abtretung von dessen mittelafrikanischen Kolonien zwingen wollte und schon kurz vor dem Erfolg stand, weil Russland einen Krieg um Kolonien nicht als B\u00fcndnisfall (in Erf\u00fcllung des 1891 geschlossenen Beistandspakts) ansah, so dass Frankreich dem \u00fcberm\u00e4chtigen Deutschland ganz alleine gegen\u00fcber stand. Doch als die franz\u00f6sische Regierung schon nachgeben wollte, erkl\u00e4rte Gro\u00dfbritannien seine Unterst\u00fctzung f\u00fcr Paris und bekr\u00e4ftigte dies durch das Auslaufen von Schlachtschiffen der Navy.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">Die b\u00fcrgerlichen Imperialisten, angef\u00fchrt von den Nationalliberalen, dr\u00e4ngten in dieser Situation mit Macht auf einen Krieg, denn der R\u00fccken (Russland) war frei und ein Sieg zu Lande gegen Frankreich und die britischen Hilfstruppen mehr als wahrscheinlich. Ihre Kriegsziele waren dieselben wie drei Jahre sp\u00e4ter: ein deutsches Mittelafrika und die Inbesitznahme der Atlantikh\u00e4fen Belgiens und Nordfrankreichs, um von dort den Entscheidungskampf gegen Gro\u00dfbritannien zur Erringung einer Weltmachtstellung zu f\u00fchren. Sowohl in der Presse als auch durch Druck auf die Regierung versuchten die B\u00fcrgerlichen angesichts dieser Perspektive, das Kaiserreich in den Krieg zu bringen. Doch Bethmann Hollweg lenkte auf das britische Ultimatum hin sofort ein. Warum? Abgesehen davon, dass er selber kein Anh\u00e4nger der Weltpolitik war \u2013 wie h\u00e4tte er den Milit\u00e4radel in einen Krieg zwingen k\u00f6nnen, der auf dem Boden der Weltpolitik stand und alleine b\u00fcrgerlichen Interessen diente? Daran war \u00fcberhaupt nicht zu denken.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">Der Milit\u00e4radel wollte erst nach der Reichstagswahl 1912 und den folgenden innenpolitischen Niederlagen den Krieg. Und da setzte er diesen Krieg (jetzt gemeinsam mit der Bourgeoisie) gegen den widerstrebenden Reichskanzler durch, obwohl die Ausgangslage viel schlechter war als 1911, weil Russland diesmal mitk\u00e4mpfte. In dem Buch \u00fcber \u201eDeutschland 1914\u201c habe ich versucht, den verwickelten Weg dorthin nachzuzeichnen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">Die g\u00e4ngige marxistische Geschichtsschreibung hat nicht einmal den <\/span><span style=\"font-size: large;\"><i>Versuch<\/i><\/span><span style=\"font-size: large;\"> unternommen, durch einen Vergleich zwischen 1911 und 1914 den deutschen Weg in den Krieg zu begreifen, weil man dann die Phrase von der Allmacht der Bourgeoisie h\u00e4tte aufgeben m\u00fcssen. August Bebel hat die klassenpolitischen Alternativen bei den Aufr\u00fcstungsbeschl\u00fcssen 1913 noch selber mitbekommen und die Niederlage der b\u00fcrgerlichen Imperialisten plastisch geschildert, ohne den Hintergrund zu begreifen (siehe \u201eBebel als Vaterlandsverteidiger\u201c in den AzD 88 bzw. auf der Webseite der Kommunistischen Debatte).<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">Das bedeutet, auf Seiten des Kaiserreichs verflochten sich faktisch zwei Kriege miteinander: ein junkerlicher Machtsicherungskrieg und ein b\u00fcrgerlich-imperialistischer Krieg. Bestimmt wurde der Krieg allerdings sowohl milit\u00e4risch (als Landkrieg durch die ausschlaggebende Rolle des Heeres) als auch politisch durch die junkerliche OHL: sie entschied \u00fcber den Einsatz der U-Bootflotte, \u00fcber das Vaterl\u00e4ndische Hilfsdienstgesetz, den Kanzlersturz und \u00fcbte durch Hindenburg und Ludendorff ab 1917 eine Milit\u00e4rdiktatur aus. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">Noch bei den K\u00e4mpfen um die neue Staatsform am Ende des Kriegs ergab sich dasselbe Bild: Gest\u00fctzt auf die von ihr kommandierten milit\u00e4rischen Verb\u00e4nde (Freikorps, neue Reichswehr) bestimmte die OHL im B\u00fcndnis mit der SPD-F\u00fchrung den Ausgang der Novemberrevolution. Dagegen verf\u00fcgte die Bourgeoisie \u00fcber keine bewaffneten Formationen und spielte in den Auseinandersetzungen nur eine rudiment\u00e4re Rolle \u2013 sie konnte dem konterrevolution\u00e4ren B\u00fcndnis von SPD-F\u00fchrung und Junkertum <\/span><span style=\"font-size: large;\"><i>beitreten<\/i><\/span><span style=\"font-size: large;\">, es aber weder eingehen noch gestalten. <\/span><span style=\"font-size: large;\"><i>(Anmerkung WoKu: Das finde ich nun wiederum zu apodiktisch. Weil ich meine, dass die Bourgeoisie sich sehr wohl mit solchen B\u00fcndnissen\/Vereinbarungen gegen die die feudal-junkerliche Auffassung (Gewerkschaften als erkl\u00e4rte Feinde; insbesondere auf ihren G\u00fctern) durchgesetzt hat.)<\/i><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">Oder worauf st\u00fctzt du deine Auffassung von der (mit-) entscheidenden Rolle der Bourgeoisie? Wo und wie soll sie anstelle des Junkertums \u00fcber den Krieg entschieden haben? Du hast dazu nichts N\u00e4heres ausgef\u00fchrt, und mir ist auch bis heute keine Untersuchung von marxistischer Seite bekannt, die die konkrete Machtverteilung zwischen Junkertum und Bourgeoisie in Gesellschaft, Staat und Armee zum Gegenstand hat.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">Sobald man sich einmal n\u00e4her mit der Theorie von der Macht der Bourgeoisie in Krieg und Frieden auseinandersetzt, wird man feststellen, dass es sich dabei entweder um eine apriorische Setzung aufgrund der \u201ekapitalistischen Entwicklung\u201c handelt oder das Junkertum der Bourgeoisie zugeordnet wird \u2013 beides ging in der Bebel-SPD ineinander \u00fcber, Rosa Luxemburg eingeschlossen, und ist bis heute Allgemeingut in der deutschen Linken<\/span><span style=\"color: #ff0000;\"><span style=\"font-size: large;\">. <\/span><\/span><span style=\"font-size: large;\"><i>(Anmerkung WoKu: Diese Kritik teile ich vollst\u00e4ndig.)<\/i><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">Dieser Sachverhalt ist in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts insbesondere durch die Ver\u00f6ffentlichungen von Fritz Fischer zur deutschen Kriegsschuld verwirrt worden. Fischers Verdienst ist es, dass er gegen die seinerzeit vorherrschende Lehrmeinung den \u00fcberwiegenden Anteil des Reichs am Zustandekommen des Weltkriegs offengelegt hat. Bei der Gelegenheit hat er u.a. die deutsche Kriegszieldebatte in aller Gr\u00fcndlichkeit dargestellt, und die Linken haben sich darauf mit Begeisterung gest\u00fcrzt, weil man darin den deutschen Imperialismus in seiner ganzen Z\u00fcgellosigkeit wiedererkennen konnte, jetzt auch noch beglaubigt durch einen renommierten Geschichtswissenschaftler.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">Als b\u00fcrgerlicher Historiker hat Fischer mit den Klassen nicht viel am Hut gehabt (was man ihm nicht vorwerfen kann). Bezeichnend ist indessen, dass buchst\u00e4blich nicht <\/span><span style=\"font-size: large;\"><i>ein<\/i><\/span><span style=\"font-size: large;\"> marxistischer Historiker (soweit mir bekannt) den Versuch unternommen hat, das Sammelsurium der von allen Seiten \u2013 politische Gruppierungen, Interessenverb\u00e4nde, Personen etc \u2013 aufgestellten Kriegsziele den existierenden Klassenkr\u00e4ften zuzuordnen, d.h. zu untersuchen, welche Klassen in Fortsetzung ihrer vorherigen Politik welche Ziele verfolgten. H\u00e4tte man das getan, h\u00e4tte man sehr schnell feststellen k\u00f6nnen, dass die Kriegsziele des preu\u00dfischen Junkertums ganz andere waren als die Kriegsziele der gro\u00dfen Bourgeoisie.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">Besonders verwirrend wurde das Ganze noch dadurch, dass von Seiten des Kleinb\u00fcrgertums erste Besiedlungspl\u00e4ne im Osten als Kriegszielforderungen aufgestellt wurden. Und endg\u00fcltig undurchdringlich wurde es, als Fritz Fischer in weiteren Ver\u00f6ffentlichungen auf einige Kontinuit\u00e4ten zwischen 1871 und 1945 aufmerksam machte. Jetzt erschien der rassistisch fundierte Lebensraum- und Vernichtungskrieg des Nationalsozialismus gegen Russland endg\u00fcltig als einfache Fortsetzung des vorangegangenen Weltkriegs.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">Auf diesem Boden konnte man mehrere Jahrzehnte deutscher Geschichte in einen gro\u00dfen Topf werfen, alles miteinander verr\u00fchren, und heraus kam \u201eder\u201c deutsche Imperialismus (die Theorien der \u201eAntideutschen\u201c sind ein Aufguss davon). <\/span><span style=\"font-size: large;\"><b>Nur leider blieb dabei der Marxismus als Theorie von Klassen und Klassenk\u00e4mpfen auf der Strecke.<\/b><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Zur Rolle der SPD<\/b><\/span><span style=\"font-size: large;\">: du h\u00e4ltst es f\u00fcr zu apodiktisch formuliert, dass die SPD die alte Ordnung (du schreibst versehentlich: \u201edie <\/span><span style=\"font-size: large;\"><i>Republik<\/i><\/span><span style=\"font-size: large;\"> alter Ordnung\u201c) wiederherstellen wollte; als Gegenbeweis verweist du auf die seinerzeitigen Ver\u00e4nderungen: \u201eParlament, (Frauen-) Wahlrecht, Arbeitsgesetze &#8230;\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">Hierzu einige Bemerkungen vorweg: man darf nicht vergessen, dass die SPD-F\u00fchrung eigentlich die <\/span><span style=\"font-size: large;\"><i>Monarchie<\/i><\/span><span style=\"font-size: large;\"> beibehalten wollte (wenngleich auf parlamentarischer Grundlage). Dazu ist es nur deswegen nicht gekommen, weil Scheidemann aufgrund des internen Machtkampfs mit Ebert gegen den Willen der sozialdemokratischen F\u00fchrungsmehrheit im Alleingang die Republik ausgerufen hat, um Eberts Reichskanzlerschaft zu beenden. Dahinter konnte man anschlie\u00dfend nicht mehr zur\u00fcck, so dass die Republik bis heute als Produkt der SPD gilt.<\/span> <span style=\"font-size: large;\"><i>(Anmerkung WoKu: Wenn es denn so ist, dass die F\u00fchrer der verschiedenen Machtbl\u00f6cke\/Parteien immer auch Repr\u00e4sentanten von Klasseninteressen\/Vorstellungen sind, dann meine ich, dass Du selber erw\u00e4hnt hattest, dass eine Mehrheit der MSPD-Mitglieder und einige in der Parteif\u00fchrung durchaus eine parlamentarische Demokratie anstrebten. Da sehe ich einen Widerspruch zwischen Mitgliedern und zumindest Teilen der F\u00fchrung (und nebenbei die Rolle der Pers\u00f6nlichkeit) und argumentiere gegen die Behauptung, dass Weimar gegen die MSPD gegr\u00fcndet wurde.<\/i><\/span><span style=\"font-size: large;\">) <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">Ansonsten muss man zur Weimarer Verfassung bemerken, dass diese wesentlich von der linksliberalen DDP, d.h. von der kleinb\u00fcrgerlichen Demokratie gestaltet worden ist (in gro\u00dfen Teilen halte ich die Weimarer Verfassung f\u00fcr demokratischer und fortschrittlicher als das Grundgesetz). Der Beitrag der SPD betraf wesentlich zwei Punkte: Das eine waren sozialpolitische Rechte, vor allem der Achtstundentag sowie die Anerkennung der Gewerkschaften und des Tarifvertragssystems; das andere war die Ausgestaltung der Funktionen des Reichspr\u00e4sidenten. Das geschah wesentlich auf Betreiben Eberts, der so etwas wie das franz\u00f6sische Pr\u00e4sidialsystem einf\u00fchren wollte, mit sich selber als oberstem Repr\u00e4sentanten. Die Ausgestaltung dieser Schl\u00fcsselfunktion scheiterte zum einen an seinen Gegnern, zum andern reduzierte der Absturz der SPD auf 22% der Stimmen bei der ersten Reichstagswahl 1920 mit dem Einfluss der SPD auch seine eigenen Handlungsm\u00f6glichkeiten.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">Doch diese Bemerkungen nur nebenher. Entscheidend ist, dass alles, was du an demokratischen Errungenschaften nennst, lediglich den <\/span><span style=\"font-size: large;\"><i>politischen \u00dcberbau<\/i><\/span><span style=\"font-size: large;\"> betrifft. <\/span><span style=\"font-size: large;\">Revolutionen, wenn sie denn diesen Namen verdienen, sind jedoch immer wesentlich soziale Revolutionen, d.h. sie sind mit einem grundlegenden Wandel der Gesellschaftsstruktur und des Staates verbunden.<\/span> <span style=\"font-size: large;\"><i>(Anmerkung WoKu: Ich spreche ja auch nicht von einer Revolution, sondern von einer \u00dcbergangsgesellschaft, die eben ohne Revolution zustande kam.)<\/i><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">Die Frage einmal so gestellt \u2013 wo hat dieser Wandel stattgefunden bzw. was hat die SPD davon realisiert? Es ist buchst\u00e4blich nichts erfolgt bzw. im Gegenteil: die von der R\u00e4tebewegung in Gang gesetzten und dar\u00fcber hinaus geforderten Ver\u00e4nderungen wurden s\u00e4mtlich von der SPD-F\u00fchrung r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht bzw. verhindert. Wenn man pr\u00fcft, worin sich Gesellschaftsstruktur und Staatsapparat (Beamtenschaft und Armee) in der Weimarer Republik letztlich vom Kaiserreich unterschieden haben, muss man m.E. zu der Schlussfolgerung gelangen, dass der Staat von Weimar nichts anderes war als die alte Ordnung in neuem, parlamentarischen Gewand, zus\u00e4tzlich ausgestattet mit einigen neuen sozialen Rechten f\u00fcr die Kernklientel der Sozialdemokratie.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">Das war schlie\u00dflich auch das, was die damalige SPD-F\u00fchrung intern offen kundgetan hat. Sie <\/span><span style=\"font-size: large;\"><i>wollte<\/i><\/span><span style=\"font-size: large;\"> keinen neuen Staat, sie wollte die Revolution nicht, sie wollte den <\/span><span style=\"font-size: large;\"><i>gegebenen<\/i><\/span><span style=\"font-size: large;\"> Staat \u00fcbernehmen \u2013 nicht mehr und nicht weniger, und genau das hat sie umgesetzt. Das ging so weit, dass die ab 1919 gegebene formale Zust\u00e4ndigkeit des Reichstags f\u00fcr die bewaffnete Macht (<\/span><span style=\"font-size: large;\"><i>der<\/i><\/span><span style=\"font-size: large;\"> zentrale Streitpunkt im preu\u00dfischen Verfassungskonflikt der 60er Jahre des 19.Jahrhunderts) in der Weimarer Verfassungs<\/span><span style=\"font-size: large;\"><i>realit\u00e4t<\/i><\/span><span style=\"font-size: large;\"> gegenstandslos war, weil mit Ausnahme der KPD alle Parteien, die SPD vorweg, damit einverstanden waren, dass die Reichswehr als \u201eStaat im Staat\u201c aufgebaut wurde und unabh\u00e4ngig vom Parlament agierte. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">Nenn mir jenseits des in der Luft schwebenden politischen \u00dcberbaus einen einzigen ma\u00dfgeblichen Bruchpunkt, eine einzige tiefergehende Ver\u00e4nderung, worin der neue Staat einen Bruch mit dem Kaiserreich vollzogen hat. In diesem Fall bin ich gerne (nein: ungerne) bereit, mein \u201eapodiktisches\u201c Urteil \u00fcber die SPD zu korrigieren. Bis dahin bleibe ich dabei, dass die Bebel-SPD vor dem Weltkrieg zu einer preu\u00dfisch-sozialpatriotischen Arbeiterpartei geworden ist, die in der Novemberrevolution durch eine von ihr organisierte Konterrevolution daf\u00fcr gesorgt hat, dass die alte Ordnung erhalten blieb und die Republik nicht auf einer Revolution, sondern auf einer siegreichen Konterrevolution gr\u00fcndete.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-size: large;\">Mir ist dieser Punkt auch deswegen so wichtig, weil sich die von Anfang an marode Existenz der Republik nur so erkl\u00e4ren l\u00e4sst \u2013 es gab <\/span><span style=\"font-size: large;\"><b>zu keinem Zeitpunkt<\/b><\/span><span style=\"font-size: large;\"> eine W\u00e4hlermehrheit f\u00fcr die Parteien der Republik. Vor allem l\u00e4sst sich m.E. auch die Machtergreifung des Nationalsozialismus nur von diesem Ausgangspunkt aus erkl\u00e4ren. Um es erneut \u201eapodiktisch\u201c zu formulieren: der von der SPD verantwortete Sieg der Konterrevolution 1918\/19 war die \u201econditio qua non\u201c, die grundlegende Voraussetzung f\u00fcr den Nationalsozialismus und den von ihm errichteten Staat, der gegen\u00fcber Kaiserreich und Republik in der Tat ein neuer Staat war.<\/span> <span style=\"font-size: large;\"><i>(Anmerkung WoKu: War denn dann, nach Deiner Argumentation, die Gesellschaft\/Klassen nicht &#8218;weit genug&#8216; gewesen, um eine demokratische Revolution herbeizuf\u00fchren und die MSPD damit deren Sachwalter?)<\/i><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"center\"><span style=\"font-size: 18pt;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><b>III. Erg\u00e4nzende Anmerkungen<\/b><\/span><b> <\/b><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\">(H.Karuscheit)<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">An einigen Punkten soll versucht werden, \u00fcber die bisherige Diskussion hinaus neue Gesichtspunkte einzubringen, um der Kl\u00e4rung der aufgeworfenen Fragen n\u00e4her zu kommen. Dabei wird auch ein Artikel aus der \u201eArbeiterstimme\u201c einbezogen, die zur Novemberrevolution dieselben Auffassungen vertritt wie die \u201eArbeiterpolitik\u201c.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>1. Noch einmal zum Charakter des Kaiserreichs<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Es d\u00fcrfte unstrittig sein, dass das Kaiserreich den klassenpolitischen Ausgangspunkt f\u00fcr die Einsch\u00e4tzung der Novemberrevolution bilden muss. Allerdings erkl\u00e4rt F\/HU von der Redaktion der \u201eArbeiterpolitik\u201c die \u201eFrage, ob das Kaiserreich ein b\u00fcrgerlicher Staat war\u201c, f\u00fcr \u201efalsch gestellt\u201c. Die \u201erichtige Frage\u201c ist f\u00fcr ihn \u201edie nach dem Verh\u00e4ltnis feudaler und b\u00fcrgerlicher Strukturelemente im Staatsaufbau des Kaiserreiches\u201c. Dabei kommt er \u201elogischerweise\u201c zu dem Schluss, \u201edass wir eine \u201a<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Herrschaft der Bourgeoisie im Kaiserreich\u2018<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> nur mit Einschr\u00e4nkung feststellen k\u00f6nnen. Sie bestimmte die \u00f6konomische Entwicklung, w\u00e4hrend das Junkertum die politische Macht aus\u00fcbte.\u201c Der langen Rede kurzer Sinn ist also: die Bourgeoisie beherrschte die Wirtschaft und das Junkertum den Staat. Die \u201eArbeiterstimme\u201c kommt ohne weitere Erl\u00e4uterungen zu demselben Ergebnis. Sie stellt fest, dass die Bourgeoisie die Wirtschaft bestimmte; \u201eim politischen \u00dcberbau aber war der preu\u00dfische Adel weiterhin die bestimmende und gesellschaftlich tonangebende Macht.\u201c (\u201eArbeiterstimme\u201c Nr.204, S.32) Daraus folgert sie, dass in Deutschland ein \u201eFeudalregime\u201c existierte (ebd S.40). <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Dass im Kaiserreich <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>\u00f6konomisch<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> das Kapital dominierte, wird von niemandem bezweifelt. Es ging und geht immer nur um die <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Herrschaftsverh\u00e4ltnisse<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">, denn daraus ergibt sich die entscheidende Frage nach der Aufgabenstellung und dem Charakter der anstehenden Revolution. F\u00fcr Arpo und Arsti ist dieser Ausgangspunkt jedoch nicht so einfach, denn das Feudalregime wies ihnen zufolge eine entscheidende Besonderheit auf: \u201eseine materielle Basis \u2013 die sp\u00e4tfeudale Gutsherrschaft \u2013 (war) durch den Kapitalismus des 19.Jahrhunderts weitgehend zerst\u00f6rt worden\u201c (\u201eArbeiterstimme\u201c Nr. 204, S.32). Wenn die \u201esp\u00e4tfeudale Gutsherrschaft\u201c Ostelbiens aber durch die kapitalistische Produktionsweise zerst\u00f6rt bzw. ersetzt worden war, h\u00e4tten wir es im Kaiserreich mit einem Feudalregime ohne Basis in den Produktionsverh\u00e4ltnissen zu tun gehabt. Dann w\u00e4ren die Junker zu einem (grundbesitzenden) Teil der Bourgeoisie geworden und beide Klassen w\u00e4ren auf dem gemeinsamen Boden der kapitalistischen Produktionsweise miteinander verschmolzen. Das wiederum hie\u00df, dass es keinen Raum mehr f\u00fcr eine b\u00fcrgerliche Revolution gab, sondern dass der n\u00e4chste Schritt eine sozialistische Revolution sein musste, die nebenher die noch vorhandenen junkerlich-feudalen \u00dcberreste zu beseitigen hatte.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Der Ursprung dieser Theorie ist problemlos dingfest zu machen \u2013 es ist die Vorkriegs-SPD August Bebels und Karl Kautskys. Sie leitete sie aus dem Kapitalismus die Herrschaft der Bourgeoisie ab, begleitet von der Erwartung, dass die b\u00fcrgerliche Gesellschaft bald in einem \u201eKladderadatsch\u201c zusammenbrechen w\u00fcrde. Rosa Luxemburg ging in dieser Frage mit der SPD konform. Angesichts der politischen Realit\u00e4t des Kaiserreichs kritisierte sie regelm\u00e4\u00dfig den reaktion\u00e4ren Einfluss des Junkertums \u2013 um sich anschlie\u00dfend \u00fcber alle Widerspr\u00fcche hinweg auf die \u201ekapitalistische Entwicklung\u201c zu berufen, eine b\u00fcrgerliche Herrschaft zu unterstellen und daraus die Notwendigkeit einer sozialistischen Revolution abzuleiten.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Vorkapitalistische Produktionsverh\u00e4ltnisse<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Im Gegensatz zu den Sozialdemokraten machten sich b\u00fcrgerliche Sozialwissenschaftler wie Max Weber oder Werner Sombart die M\u00fche, die Produktionsverh\u00e4ltnisse auf den ostelbischen Ritterg\u00fctern n\u00e4her zu untersuchen. Sie arbeiteten heraus, dass die Agrarproduktion nicht auf freier Lohnarbeit, sondern auf Verh\u00e4ltnissen pers\u00f6nlicher Abh\u00e4ngigkeit beruhte, und kamen aufgrund der Arbeitsverfassung zu dem Schluss \u2013 so Sombart, dass die \u201eJunker als soziale Klasse &#8230; nichts anderes als die Vertreter einer vor- und antikapitalistischen Gro\u00dfgutswirtschaft\u201c sind. Sp\u00e4tere Studien etwa von Jens Flemming best\u00e4tigten diesen Befund (Nachweise in: Karuscheit 1914, S.53ff; Zitat Sombart S.60).<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Der Konkurrenzdruck des zunehmend von Dampfschiffen nach Europa bef\u00f6rderten, amerikanischen Getreides zwang die Latifundienbesitzer dazu, rationellere Anbaumethoden einzuf\u00fchren. Aber die Zeit bis zum Weltkrieg war zu kurz, als dass die halben Leibeigenschaftsverh\u00e4ltnisse sich aufl\u00f6sen und die b\u00fcrgerliche Produktionsweise sich fl\u00e4chendeckend durchsetzen konnte, zumal die Einf\u00fchrung von Getreidez\u00f6llen die Konkurrenz zur\u00fcckhielt. Der behauptete Siegeszug des Kapitalismus in Ostelbien und die \u201eVerschmelzung\u201c von Junkertum und Bourgeoisie ist ein Phantom, das in sozialdemokratischen Ver\u00f6ffentlichungen herumgeisterte, aber in der Klassenrealit\u00e4t des Kaiserreichs keine Entsprechung fand. Das hei\u00dft: der preu\u00dfisch-deutsche Milit\u00e4r- und Obrigkeitsstaat hatte seine Grundlage bis zuletzt nicht in zur\u00fcckgebliebenen <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>politischen Zust\u00e4nden<\/b><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">, nicht in \u00dcberbau-Relikten, sondern in der vorkapitalistischen ostelbischen Gutsherrschaft.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Der Autor der Arbeiterpolitik bestreitet indessen, \u201edass man feudale, semifeudale und b\u00fcrgerliche Staaten (Strukturen?) aus relativ zeitnahen Epochen so sauber voneinander trennen kann, dass man Klassen, Produktionsweisen, Institutionen etc. eindeutig und ausschlie\u00dflich zuordnen kann. Selbstverst\u00e4ndlich existieren sie auch in ver\u00e4nderter Konstellation eine gewisse Zeit weiter.\u201c Diese S\u00e4tze machen aus der Not der SPD, die das Herrschaftssystem im Kaiserreich niemals ernsthaft untersucht hat, noch im Nachhinein eine Tugend, indem erkl\u00e4rt wird, dass alles sowieso eins ist, weil es ineinander \u00fcbergeht, so dass es \u00fcberfl\u00fcssig ist, die Klassen und Produktionsverh\u00e4ltnisse genauer zu analysieren, um auf dieser Basis die Politik zu begreifen. Das war auch die stillschweigende Legitimation f\u00fcr die \u00f6konomistische Handhabung des Marxismus durch Bebel und Kautsky. Sie \u00fcberlie\u00dfen die origin\u00e4re Aufgabe des Marxismus, die Erforschung der sozialen Verh\u00e4ltnisse, im Vertrauen auf die alles bestimmende \u201ekapitalistische Entwicklung\u201c den B\u00fcrgerlichen.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>2. Noch einmal zur Novemberrevolution <\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">In der Stellung zur Novemberrevolution setzt sich dieses Herangehen fort. Die \u201eArbeiterstimme\u201c schreibt dazu, dass das Proletariat \u201ezun\u00e4chst seine eigene Revolution begonnen (hat). Es hat sie aber nicht vorangetrieben, sondern ist auf halber Strecke stehen geblieben, nachdem es die politische Macht schon fast in den H\u00e4nden gehabt hatte.\u201c (Arsti S.41) Mit der \u201eeigenen\u201c Revolution des Proletariats ist eine <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>sozialistische<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> Revolution gemeint, und so sieht das auch die \u201eArbeiterpolitik\u201c, weshalb beide gemeinsam von einer b\u00fcrgerlichen Konterrevolution ausgehen, welche die sozialistische Novemberrevolution niedergeschlagen hat.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Seit den 60er\/70er Jahren des vorigen Jahrhunderts sind eine Reihe von Studien zur Novemberrevolution erschienen, welche die Soldatenbewegung ebenso wie die Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te bis hin zu lokalen R\u00e4ten detailliert untersuchten. Sie machten darauf aufmerksam, dass die damaligen Auseinandersetzungen \u00fcber den weiteren Weg der Revolution zwar in der politischen Terminologie der sozialistischen Arbeiterbewegung gef\u00fchrt wurden, sich dahinter aber \u00fcberwiegend demokratische Zielsetzungen verbargen. Als einer der ersten kam der Historiker Rainer R\u00fcrup zu dem Ergebnis: \u201cBis weit in den Januar hinein waren die Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te in ihrer Mehrzahl nicht eigentlich sozialistisch, sondern einfach entschieden demokratisch eingestellt. Ihre Parole war nicht \u201aSozialismus\u2018, sondern \u201aDemokratisierung\u2018 \u2013 Demokratisierung der Verwaltung, des Heeres und schlie\u00dflich auch der Wirtschaft. Nicht die klassenlose Gesellschaft war ihr Ziel, sondern eine parlamentarische Demokratie, die frei sein sollte von allen Elementen des Obrigkeitsstaats.\u201c (Reinhard R\u00fcrup: Probleme der Revolution in Deutschland 1918\/19; Wiesbaden 1968, S.22)<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">F\/HU relativiert diesen Befund, indem er von \u201esehr unterschiedlichen Str\u00f6mungen\u201c spricht, die in der Revolution \u201ejeweils ihre eigene \u201aTagesordnung\u2018 hatten\u201c. Nat\u00fcrlich gab es in der R\u00e4tebewegung unterschiedliche Str\u00f6mungen, alles andere w\u00e4re seltsam gewesen. So arbeiten auch die vorgelegten Untersuchungen heraus, dass es auf dem linken Fl\u00fcgel der R\u00e4tebewegung zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich starke Kr\u00e4fte gab, die eine sozialistische R\u00e4tediktatur anstrebten. Doch wurde dies nicht zur Mehrheitsposition; so lange sie existierte, ging es der R\u00e4tebewegung als Ganzes vorrangig um die Beseitigung des preu\u00dfisch-deutschen Milit\u00e4r- und Obrigkeitsstaats. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Das Proletariat f\u00fchrte also in der Tat seine \u201eeigene Revolution\u201c durch, wie Arbeiterpolitik und Arbeiterstimme schreiben \u2013 aber diese \u201eeigene\u201c Revolution war <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>keine sozialistische, sondern eine demokratische Revolution<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">. Die Autoren der \u201eArbeiterpolitik\u201c und \u201eArbeiterstimme\u201c wollen das nicht (an)erkennen. So wie sie die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum vorkapitalistischen Charakter der Gutswirtschaften ignorieren, ignorieren sie die Forschungsergebnisse zum Charakter der Revolutionsbewegung.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Zu Luxemburgs Revolutionsstrategie<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Damit korrespondiert, dass sie sich auch mit den Gr\u00fcnden f\u00fcr das Scheitern von Spartakus \/ KPD nicht auseinandersetzen (wollen). Beide benennen als entscheidendes Verdienst Luxemburgs die \u201eVerselbst\u00e4ndigung der kommunistischen Bewegung in Deutschland durch Gr\u00fcndung der KPD\u201c (Arbeiterstimme, S.41; fast wortgleich der Autor der \u201eArbeiterpolitik\u201c). Zweifelsohne war die Schaffung einer revolution\u00e4ren Partei des Proletariats ein Fortschritt. Aber ist es deswegen irrelevant, die Untersuchung der von den Revolution\u00e4ren verfolgten Strategie \u201ef\u00fcr eine abstrakte \u2013 um nicht zu sagen: im konkreten Revolutionsverlauf weltfremde \u2013 \u00dcberlegung\u201c zu erkl\u00e4ren, wie F\/HU das tut?<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Fixiert auf die \u201ekapitalistische Entwicklung\u201c des Kaiserreichs begriff Luxemburg nicht, was es bedeutete, dass die b\u00fcrgerliche Revolution bis dahin nur in Frankreich und England gesiegt hatte, w\u00e4hrend sie <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>im restlichen Europa noch ausstand<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">. Deshalb erkannte sie auch nicht, dass die in Deutschland heranreifende Revolution b\u00fcrgerlich-demokratischen Charakter tragen w\u00fcrde, sich gegen die vorb\u00fcrgerlichen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse des preu\u00dfisch-deutschen Milit\u00e4rstaats richten musste, und f\u00fcr das Proletariat kein anderer Weg zur Macht und zum Sozialismus als \u00fcber eine demokratische Revolution f\u00fchrte.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">In Russland war Lenin im Revolutionsjahr 1917 f\u00e4hig, das fr\u00fcher von ihm selbst entwickelte Agrarprogramm seiner Partei \u00fcber den Haufen zu werfen und die r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Forderungen der russischen Umteilungsbauern zu akzeptieren, um das st\u00e4dtische Proletariat an die Macht zu f\u00fchren. Luxemburg war zu einem solchen Schwenk nicht in der Lage und hatte aufgrund ihrer Ermordung auch keine Gelegenheit mehr dazu. Ihre Strategie einer proletarisch-sozialistischen Alleinrevolution war ein linkssektiererisches Konzept, das keinerlei Siegchance hatte. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Warum schreckt F\/HU davor zur\u00fcck, sich mit der Politik der Spartakusgruppe zu befassen? Luxemburg selber bemerkte zu einem solchen Herangehen: \u201eVor Fehlern ist niemand gefeit, der in dem gro\u00dfen Drang und Gew\u00fchl des welthistorischen Kampfes Entscheidungen zu treffen hat. Aber die gemachten Fehler nicht einsehen, aus ihnen nicht lernen k\u00f6nnen, aus aller Schmach immer wieder unbelehrbar hervorzugehen \u2013 das grenzt an Verbrechen.\u201c Dem ist wenig hinzuzuf\u00fcgen.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>3. Noch einmal zur SPD<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Von anderen Ver\u00f6ffentlichungen zur Novemberrevolution heben sich die Texte von \u201eArbeiterpolitik\u201c und \u201eArbeiterstimme\u201c dadurch ab, dass sie die Weimarer Republik unter Berufung auf die \u201eIllustrierte Geschichte der deutschen Revolution\u201c von 1929 als Produkt einer Konterrevolution begreifen. Doch sie entwerten diese Erkenntnis im gleichen Atemzug, indem sie diese Konterrevolution als <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>b\u00fcrgerlich<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> einstufen, die von der b\u00fcrgerlichen Arbeiterpartei SPD im Auftrag der Bourgeoisie organisiert worden sein soll. Dahinter steht die seit alters her in der Linken verbreitete Auffassung, dass der b\u00fcrgerliche Reformismus-Revisionismus Bernsteins sich in der Vorkriegs-SPD immer weiter ausgebreitet haben soll, bis er die Arbeiterpartei schlie\u00dflich \u00fcberw\u00e4ltigte, so dass diese 1914 zuerst den Krieg unterst\u00fctzte und vier Jahre sp\u00e4ter die Novemberrevolution niederschlagen lie\u00df.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Auch der Schreiber dieses Textes hat dieser Legende lange Glauben geschenkt. Erst die n\u00e4here Besch\u00e4ftigung mit der Vorgeschichte des Kriegs, dem Krieg selber und der Novemberrevolution hat ihm gezeigt, dass die SPD-Politik sich damit nicht erkl\u00e4ren l\u00e4sst. Bei der Gelegenheit zeigte sich, dass es bis heute nicht eine Untersuchung gibt, die den behaupteten Sieg des Bernstein-Fl\u00fcgels anhand von Fakten nachweist. So wenig wie die Marxisten vor dem Gro\u00dfen Krieg die Herrschaftsverh\u00e4ltnisse in Preu\u00dfen-Deutschland untersuchten, so wenig haben sie sp\u00e4ter die angebliche Durchsetzung des b\u00fcrgerlichen Reformismus in der SPD untersucht.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">In diesem Fall gibt es auch auf b\u00fcrgerlicher Seite keine Studie, auf die zur\u00fcckzugreifen ist. In den Werken von Historiker\/innen der Arbeiterbewegung wie Helga Grebing oder Arno Kl\u00f6nne gibt es Ans\u00e4tze, die die Verb\u00fcrgerlichung der Sozialdemokratie in Zweifel ziehen und stattdessen auf die zunehmende Ann\u00e4herung an den preu\u00dfisch-deutschen Staat \u2013 ihre \u201eVerpreu\u00dfung\u201c, wie Kl\u00f6nne es nennt \u2013 hinweisen. Aber mehr als Ans\u00e4tze sind dort nicht zu finden.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Indessen f\u00f6rdert eine unbefangene Besch\u00e4ftigung mit der Sozialdemokratie jener Tage eine F\u00fclle von Indizien zu Tage, die der Verb\u00fcrgerlichungs-These widersprechen.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a><\/span><\/span><\/p>\n<ul>\n<li>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Im Unterschied zu den sozialistischen Parteien Frankreichs und Gro\u00dfbritanniens entwickelte sich die deutsche Sozialdemokratie nicht<\/span><\/span><i> <\/i><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">in einem b\u00fcrgerlichen Staat, sondern in einem halbfeudalen Milit\u00e4r- und Obrigkeitsstaat.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">W\u00e4hrend die westlichen Arbeiterparteien in der Tradition einer erfolgreichen b\u00fcrgerlich- demokratischen Revolution standen, wurde die deutsche Sozialdemokratie im Zeichen einer gescheiterten b\u00fcrgerlichen Revolution gro\u00df sowie eines Nationalstaats, der <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>gegen die demokratische Bewegung<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> gegr\u00fcndet worden war. Dieses Erbe konnte seine Wirkung ungehindert entfalten, weil es in der Partei keine Klarheit \u00fcber den Charakter des Deutschen Reichs, seiner Klassen- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse gab, sondern die Auffassung vorherrschte, dass mit der Reichseinigung die Bourgeoisie irgendwie an die Herrschaft gekommen und die b\u00fcrgerliche Revolution in Deutschland zu Ende sei, wie Kautsky dekretierte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">W\u00e4hrend das Hineinwachsen in den Staat f\u00fcr die westlichen Parteien der 2.\u00a0Internationale eine <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Verb\u00fcrgerlichung<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> bedeutete, dominierte im Kaiserreich der b\u00fcrgerliche Arbeiterreformismus in Deutschland lediglich im nichtpreu\u00dfischen S\u00fcden, wo die Einzelstaaten als Folge der Napoleonischen Kriege b\u00fcrgerliche Z\u00fcge trugen. Dagegen unterlag die Hauptmasse der SPD einer schleichenden <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Verpreu\u00dfung<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">, die mit einer wachsenden Identifizierung mit dem preu\u00dfisch-deutschen Obrigkeitsstaat einher ging.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Am Vorabend des Weltkriegs war jedes achte Parteimitglied der SPD in den Arbeiterversicherungen engagiert, die Bismarck zum Zweck der Heranziehung der Arbeiter an den monarchischen Staat gegr\u00fcndet hatte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Auf diesem Boden verk\u00fcndete der Parteivorsitzende Bebel 1910, dass es das Ziel der Sozialdemokratie sein m\u00fcsse, den \u201eJunkerstaat\u201c in die Hand zu bekommen, denn \u201edann haben wir alles\u201c. Damit verbunden war der Verzicht auf die Zerschlagung der alten Staatsmaschinerie; sie sollte f\u00fcr den sozialdemokratischen Zukunftsstaat dienstbar gemacht werden.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Der urspr\u00fcnglich in der SPD dominierende und in Teilen der Partei bis zum Schluss vorhandene Antimilitarismus wurde von Bebel mehr und mehr umgedeutet in eine positive Kritik mit dem Ziel, alte Z\u00f6pfe abzuschneiden, um die Kriegstauglichkeit der Soldaten zu verbessern. Bebel f\u00f6rderte und verteidigte auch den offen sozialpatriotisch auftretenden Gustav Noske, den sp\u00e4teren Schl\u00e4chter der Novemberrevolution.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Au\u00dfenpolitisch stellte sich die SPD gegen den b\u00fcrgerlichen Imperialismus, d.h. gegen die Weltpolitik und den Schlachtflottenbau, doch gleichzeitig bef\u00fcrwortete die Parteif\u00fchrung die Vaterlandsverteidigung gegen Russland und bekundete Verst\u00e4ndnis f\u00fcr eine dementsprechende Aufr\u00fcstung des Heeres.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Im Krieg nahm die Parteif\u00fchrung enge Beziehungen zur junkerlichen OHL auf, die das Landheer als den entscheidenden Tr\u00e4ger des Kriegs kommandierte; zur b\u00fcrgerlichen Marine gab es keine gleichartigen Verbindungen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Mit dem Vaterl\u00e4ndischen Hilfsdienstgesetz von 1916 gliederten sich die sozialdemokratischen Gewerkschaften direkt in die Kriegsorganisation des Milit\u00e4rstaats ein (was so in keinem b\u00fcrgerlichen Staat vorkam), ideologisch begleitet und legitimiert durch die Theorie vom Kriegssozialismus als Schritt zu einem \u201edeutschen Sozialismus\u201c.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">In der Julikrise 1917 beteiligte sich die SPD-Spitze am Sturz des zu einem Remisfrieden entschlossenen Kanzlers Bethmann Hollweg durch die OHL, um den Krieg bis zu einem deutschen Sieg weiter zu f\u00fchren.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Als sich am Kriegsende eine revolution\u00e4re Bewegung abzeichnete, machten sich Ebert und Co. umgehend daran, als Teil der Reichsregierung dagegen vorzuzugehen, um die Monarchie zu retten und die alte Staatsmaschinerie zu bewahren.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Nachdem die Novemberrevolution trotz ihrer Bem\u00fchungen ausgebrochen war, setzten sie (unter ver\u00e4nderten Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen) ihr Kriegsb\u00fcndnis mit dem Milit\u00e4radel durch die Vereinbarung fort, die Revolutionsbewegung durch ein gemeinsames milit\u00e4risches und politisches Vorgehen niederzuschlagen (Ebert-Groener-Pakt).<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">In Erg\u00e4nzung dazu schloss die sozialdemokratische Gewerkschaftsf\u00fchrung mit dem antidemokratischen, schwerindustriellen Fl\u00fcgel der Bourgeoisie eine Vereinbarung, die diesen gegen eine Reihe sozialpolitischer Zugest\u00e4ndnisse vor der Sozialisierung der Gro\u00dfbetriebe sch\u00fctzte (Stinnes-Legien-Abkommen).<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Obwohl nicht nur die R\u00e4tebewegung, sondern auch der linke Fl\u00fcgel des B\u00fcrgertums (DDP) f\u00fcr die Zerschlagung des Gro\u00dfgrundbesitzes und die Verstaatlichung der Schwerindustrie eintrat, verhinderte die Parteif\u00fchrung in Umsetzung der getroffenen Vereinbarungen die Durchsetzung dieser Forderungen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Sie l\u00f6ste die Arbeiterwehren auf, die sich \u00fcberall zur Verteidigung der Republik gegr\u00fcndet hatten und sich als demokratische Alternative zum preu\u00dfischen Militarismus verstanden.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Ebenso machte sie alle Schritte zur Demokratisierung von Verwaltung und Polizei r\u00fcckg\u00e4ngig, die lokale und regionale Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te unternommen hatten.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die hier zusammengetragenen Fakten ersetzen keine eigenst\u00e4ndige Untersuchung. Doch sie sollten ausreichen, um die Behauptung einer schleichenden Durchsetzung des b\u00fcrgerlichen Reformismus in der SPD in Zweifel zu ziehen. Dem entgegen f\u00fchren unsere Kritiker als ma\u00dfgebliches Argument f\u00fcr den b\u00fcrgerlichen Charakter der SPD die Einf\u00fchrung des Parlamentarismus an. Aber reicht das? Die Verantwortlichkeit des Reichstags war f\u00fcr die Sozialdemokraten zwingend, weil sie nur mit Hilfe von Wahlen die ihr zugefallene Macht bewahren konnten. Doch w\u00e4re die SPD eine <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>b\u00fcrgerliche Arbeiterpartei<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> geworden, h\u00e4tte sie zumindest zwei der zentralen Forderungen der gescheiterten Revolution von 1848 verwirklicht, n\u00e4mlich die Zerschlagung des adeligen Gro\u00dfgrundbesitzes und des preu\u00dfischen Militarismus. Stattdessen setzte die Parteif\u00fchrung ihr Kriegsb\u00fcndnis mit den Junkern durch den Ebert-Groener-Pakt fort. Was war daran \u201eb\u00fcrgerlich\u201c?<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>4. Zum Begriff der \u201e\u00dcbergangsgesellschaft\u201c<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Zum Abschluss noch ein paar S\u00e4tze zum Begriff der \u201e\u00dcbergangsgesellschaft\u201c, den WoKu in die Debatte eingebracht hat.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Soweit damit die Produktionsverh\u00e4ltnisse gemeint sind, ist zun\u00e4chst zu den Junkerg\u00fctern zu sagen, dass diese von Anfang bis Ende (einfache) Warenproduktion betrieben, weil sie ihr Hauptprodukt (Getreide) immer schon auf den Markt brachten, lange Zeit vorzugsweise nach Gro\u00dfbritannien, um so die Mittel f\u00fcr ihren adeligen Lebensunterhalt zu erzielen. Diese Warenproduktion war nichtkapitalistisch, denn wie oben vermerkt basierte ihre Produktionsweise nicht auf freier Lohnarbeit, sondern auf Verh\u00e4ltnissen halber Leibeigenschaft; zugleich sicherten sie als Milit\u00e4radel ihre Macht im Staat mit Hilfe der Armee. Theoretisch wurde die Polizei- und Ordnungsgewalt auf unterer staatlicher Ebene Ende der 20er Jahre neu geregelt, doch real \u00e4nderte sich bis zum 2.\u00a0Weltkrieg kaum etwas, und letztlich verschwanden diese Zust\u00e4nde erst als Folge au\u00dfer\u00f6konomischer Gewalt durch die Vertreibung und Enteignung der Junker nach dem verlorenen neuerlichen Krieg.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Und die Bauernschaft, die von den Marxisten regelm\u00e4\u00dfig vernachl\u00e4ssigt wird? Sie setzte zwar zunehmend vom industriellen Kapital hergestellte Produktionsmittel ein (Maschinerie und D\u00fcngemittel), durch deren Anwendung die agrarische Produktivit\u00e4t stieg. Aber auf dem Boden der von ihr praktizierten \u201eKreislaufwirtschaft\u201c, einer Mischung aus Subsistenz- und Warenproduktion, blieben die traditionellen Produktions- und Lebensverh\u00e4ltnisse auf dem Dorf bis weit in das 20.Jahrhundert erhalten. Erst im Verlauf der Jahrzehnte nach dem 2.Weltkrieg gelang es dem Kapital, alle Bereiche der Gesellschaft mehr oder minder vollst\u00e4ndig zu unterwerfen. Mittlerweile ist die Mehrzahl der Bauernwirtschaften verschwunden, die Stadt hat das Dorf \u00fcberw\u00e4ltigt, und die verbliebenen Bauern sind bis hin zu ihrer individuellen Reproduktion vollst\u00e4ndig in den Gesamtreproduktionsprozess des Kapitals eingegliedert.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Bezogen auf die Produktionsverh\u00e4ltnisse in Kaiserreich und Weimarer Republik ist der Begriff der \u00dcbergangsgesellschaft daher zwar nicht falsch, verwischt aber die differentia specifica der Produktionsverh\u00e4ltnisse und so die Besonderheiten der Klassengesellschaft des Kaiserreichs. \u00c4hnliches ist zu F\/HU zu sagen, wenn er die Unterscheidung zwischen feudalen, semifeudalen und b\u00fcrgerlichen Strukturen wortreich relativiert, anstatt den Dingen mit Hilfe einer konkreten Analyse auf den Grund zu gehen.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Und soweit der Begriff der \u00dcbergangsgesellschaft im <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>politischen<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> Sinne verwendet wird, um den Staat von Weimar zu charakterisieren \u2013 was ist damit gewonnen? Seit Jahrzehnten behauptet der Mainstream der b\u00fcrgerlichen Historiographie, dass die Weimarer Republik als erste deutsche Demokratie den Vorl\u00e4ufer der Bundesrepublik darstellte und ihr Untergang keineswegs vorprogrammiert war. Tats\u00e4chlich repr\u00e4sentierte dieser Staat jedoch gerade <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>nicht<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> den \u00dcbergang zur Demokratie, sondern versperrte im Gegenteil den Weg dorthin. Aus einer Konterrevolution unter Regie der SPD hervorgegangen, verk\u00f6rperte er eine nicht lebensf\u00e4hige parlamentarische Pseudodemokratie, die \u00fcber keine soziale Basis verf\u00fcgte, bei keiner Reichstagswahl eine W\u00e4hlermehrheit f\u00fcr die Republik erhielt, von einem Regierungswechsel zum n\u00e4chsten taumelte und die Demokratie so lange diskreditierte, bis sie vom \u201eDritten Reich\u201c abgel\u00f6st wurde. Insoweit war der Staat von Weimar in der Tat eine \u201e\u00dcbergangsgesellschaft\u201c, aber in anderem Sinne als gemeint, denn er ebnete dem nationalsozialistischen F\u00fchrer- und Rassenstaat den Weg, einem Gegenentwurf zur Demokratie.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"center\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\">\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Arbeiterpolitik\u201c und \u201eArbeiterstimme\u201c halten mittels der \u201eIllustrierten Geschichte der deutschen Revolution\u201c am revolution\u00e4ren Marxismus fest. Den Autoren ist nicht bewusst, dass sie damit die vergangenen Niederlagen der Arbeiterbewegung in die Gegenwart verl\u00e4ngern. Der revolution\u00e4re Marxismus hat jedoch nur eine Zukunft, wenn er diese Niederlagen von Grund an aufarbeitet, um so seine eigene Geschichte zu begreifen.<\/span><\/span><\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\">\n<p><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Siehe hierzu Karuscheit: Die SPD und der Junkerstaat; in: Karuscheit\/Sauer\/Wernecke: Vom \u201eKriegssozialismus\u201c zur Novemberrevolution; VSA, Hamburg 2018; ders: Bebel als Vaterlandsverteidiger; in: AzD 88 (2018)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung Ausgangspunkt der im folgenden dokumentierten \u201eNovemberdebatte\u201c ist der Sammel\u00fcberblick zu \u201eNovemberfragen\u201c von H.Karuscheit, der in der \u201eBerliner Debatte Initial\u201c 1\/2019 die Publizistik zum 100.Jahrestag der Novemberrevolution vorstellte (nachgedruckt in AzD\u00a089). Darin stand auch ein Passus zu dem Artikel &#8222;Proletarische Revolution \u2013 b\u00fcrgerliche Konterrevolution&#8220; aus der Zeitschrift Arbeiterpolitik Nr. 5-6\/2018. Die dabei ge\u00e4u\u00dferte Kritik veranlasste &hellip; <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1722\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Novemberdebatte: Um einige Fragen der Novemberrevolution<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1722","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1722","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1722"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1722\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1723,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1722\/revisions\/1723"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1722"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}