{"id":158,"date":"2016-09-11T11:14:38","date_gmt":"2016-09-11T09:14:38","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=158"},"modified":"2017-12-20T12:58:14","modified_gmt":"2017-12-20T11:58:14","slug":"iii-wendepunkte-ss-junker-und-schwerindustrie","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=158","title":{"rendered":"III. Wendepunkte: SS, Junker und Schwerindustrie"},"content":{"rendered":"<h2>1. Einige Gedanken zur sozialen Dynamik des Krieges<\/h2>\n<div>\n<p>Krieg warf im 20. Jahrhundert die soziale Frage auf. Dabei entwickelte der Krieg eine eigene soziale Dynamik. Keine Regierung konnte einen lang andauernden Krieg ohne die Unterst\u00fctzung der Massen f\u00fchren, seit in Europa sp\u00e4testens seit der Jahrhundertwende \u00fcberall Armeen auf Grundlage der allgemeinen Wehrpflicht bestanden. Schon Lenin schrieb, da\u00df durch den Krieg &#8222;alle politischen und sozialen Einrichtungen mit Feuer und Schwert einer Pr\u00fcfung unterworfen werden&#8220;.<\/p>\n<p>Die gesamte rechte Bewegung und vor allem die Nazis wurden durch die Jahre des 1. Weltkrieges gepr\u00e4gt. Die klassen\u00fcbergreifende Volksgemeinschaft im Sch\u00fctzengraben, wo Arbeiter und B\u00fcrger in der gleichen Uniform nebeneinander lagen, wurde zum Idealbild der Gesellschaft erhoben. Der Krieg spielte in dieser &#8222;Frontsoldatenideologie&#8220; eine zentrale Rolle, da nur in ihm das ganze Volk in gleichrangige Soldaten verwandelt w\u00fcrde. &#8222;Kriege sind f\u00fcr Hitler die Revolutionen gesunder V\u00f6lker. Deshalb nennt er den Krieg \u2018st\u00e4rkste und klassischste Auspr\u00e4gung des Lebens\u2019.&#8220; [172] Der Krieg war f\u00fcr Hitler nicht nur Mittel zur Durchsetzung des b\u00e4uerlichen Massenstaates, sondern Teil des Ziels selbst. Ludendorffs Buch &#8222;Der totale Krieg&#8220; zeigt beispielhaft diese Vorstellung. Auch wenn Hitler Ludendorff schon mal als &#8222;Freimaurer&#8220; bezeichnete, d\u00fcrften die Thesen des Buches mit Hitlers Auffassungen \u00fcbereinstimmen: &#8222;die Zeiten der Kabinettskriege (sind) vorbei, d. h. von Kriegen, die von der Regierung mit ihren Heeren gef\u00fchrt&#8220; werden. [173] Seit dem 1. Weltkrieg sah Ludendorff die Zeit der &#8222;Welt- und Volkskriege&#8220; gekommen, die nur noch als &#8222;totaler Krieg&#8220; zu f\u00fchren seien. Den ber\u00fchmten Satz von Clausewitz, da\u00df der Krieg eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei, drehten M\u00e4nner wie Hitler und Ludendorff um: &#8222;Alle Theorien von Clausewitz sind \u00fcber den Haufen zu werfen. Krieg und Politik dienen der Lebenserhaltung des Volkes, der Krieg ist aber die h\u00f6chste \u00c4u\u00dferung v\u00f6lkischen Lebenswillens. Darum hat die Politik der Kriegsf\u00fchrung zu dienen.&#8220; [174] In der Friedenszeit h\u00e4tte die Politik deshalb die Aufgabe, auf den Krieg vorzubereiten. Ludendorff formulierte im Gegensatz zu Hitler, der nach 1933 in der \u00d6ffentlichkeit vorsichtig war, offen das Kriegsprogramm. Der totale Krieg w\u00e4re die totale Mobilisierung des Volkes. Dazu m\u00fc\u00dfte eine soziale \u00d6ffnung der Armee stattfinden, um diese im Volk zu verwurzeln. Armee, Wirtschaft und Volk m\u00fc\u00dften unter den Befehl eines &#8222;Feldherren&#8220; gestellt werden, der sich nur von dem Gesamt-, nicht vom Einzelinteresse leiten lie\u00dfe. So sah also die Volksgemeinschaft im Sch\u00fctzengraben in der militaristischen Welt Hitlers und Ludendorffs aus.<\/p>\n<p>Der Krieg schuf die gesellschaftliche Situation, in der die nationalsozialistischen Ziele umgesetzt werden konnten, die zuvor aus b\u00fcndnispolitischen Gr\u00fcnden auf die lange Bank geschoben wurden. Der Krieg war z.\u00a0B. f\u00fcr Goebbels das Mittel, durch den Sieg \u00fcber die anderen V\u00f6lker die eigene Gesellschaft zu revolutionieren. Er bezeichnete ihn deshalb als &#8222;Klassenkampf der V\u00f6lker&#8220;. Am Vorabend des 2. Weltkrieges schrieb er, da\u00df &#8222;die Auseinandersetzungen, die heute Europa durchzittern, (&#8230;) vielmehr in ihrem Wesen die gleichen geblieben sind, die ehedem im Rahmen unseres Volkes und heute noch im Rahmen vieler anderer V\u00f6lker ausgetragen werden (&#8230;) Denn das, was sich augenblicklich in Europa abspielt, ist tats\u00e4chlich eine Art von V\u00f6lkerklassenkampf, und dieser V\u00f6lkerklassenkampf findet seine eigentliche Ursache in der Tatsache, da\u00df die einen Nationen augenblicklich alles besitzen, w\u00e4hrend die anderen nichts eigen nennen k\u00f6nnen.&#8220; [175]<\/p>\n<p>In der Realit\u00e4t brachte der Krieg andere soziale Ver\u00e4nderungen mit sich, wie die folgenden Kapitel zeigen. Zum Teil waren die Ver\u00e4nderungen Nebenprodukte des Krieges, die die Machthaber nicht beabsichtigten. Die soziale Dynamik des Krieges entwickelte sich nicht erst 1939, sondern schon mit den Kriegsvorbereitungen, die bekanntlich 1933 begannen. Einige seien hier benannt: Durch die Aufr\u00fcstung brauchte die Industrie immer mehr Arbeitskr\u00e4fte. Landarbeiter, ausl\u00e4ndische Arbeiter, aber auch immer mehr Frauen str\u00f6mten in die Fabriken. F\u00fcr alle drei Gruppen hatten die NS-Ideologen eigentlich andere Pl\u00e4ne. Die Millionenmasse der Industriearbeiter, vor allem in der R\u00fcstungsindustrie, stieg zum wichtigsten Faktor der politischen Stabilit\u00e4t auf. Die Gewinnung der Arbeiter wurde wichtiger als die Befriedigung des Mittelstandes, der f\u00fcr Sozialpolitik viel geringere Spielr\u00e4ume als die Gro\u00dfindustrie hatte. Die soziale \u00d6ffnung der Armee, besonders des Offizierskorps, wurde unausweichlich. Mit der unbeliebten Junkerarmee konnte man langfristig keinen Krieg f\u00fchren. Durch die Modernisierung der Armee wie Einf\u00fchrung moderner Panzertechnik und gr\u00f6\u00dfere Bedeutung der Luftwaffe wurde Fachwissen wichtiger als Titel und Herkunft. In den modernen Waffengattungen reichten weder die oft traditionellen Kriegsvorstellungen der Junker noch die ihrer ungebildeten Landarbeiter aus. Die Modernisierung der Armee ver\u00e4nderte ihr soziales Antlitz. Auch in der Gro\u00dfindustrie mu\u00dfte der Staat stark genug sein, um die kapitalistischen Einzelinteressen im Sinne der Kriegsf\u00fchrung zur\u00fcckzudr\u00e4ngen.<\/p>\n<h2>2. Wendepunkt : Die Entmachtung der Schwerindustrie<\/h2>\n<p>&#8222;Und es darf keinen Zweifel geben: Entweder die sogenannte freie Wirtschaft ist f\u00e4hig, diese Probleme zu l\u00f6sen, oder sie ist nicht f\u00e4hig, als freie Wirtschaft weiterzubestehen.&#8220; (Hitler anl\u00e4\u00dflich der Er\u00f6ffnung der Internationalen Automobilausstellung 1937) [176]<\/p>\n<h3>Aufstieg der IG-Farben<\/h3>\n<p>1936 kam es zu einer ersten Ver\u00e4nderung im Verh\u00e4ltnis zwischen Gro\u00dfindustrie und NSDAP. Mit dem Forcieren der Aufr\u00fcstung wurde der Mangel an Rohstoffen immer akuter. Um trotzdem die Kriegsvorbereitungen im gleichen Tempo voranzutreiben, versuchte man zum einen, den Balkan als \u00f6konomische Interessensph\u00e4re zu erschlie\u00dfen, und zum anderen, die fehlenden Waren im Inland zu produzieren. Die gro\u00dfe Mehrheit der Industriellen hatte aber weder an der synthetischen Herstellung von Kautschuk und Benzin noch an der Erschlie\u00dfung der deutschen Erzvorkommen Interesse, da diese Projekte unrentabel waren und die Kosten weit \u00fcber den Weltmarktpreisen lagen. Hitler zog aus dem 1. Weltkrieg die Lehre, nie wieder von ausl\u00e4ndischen Lieferungen abh\u00e4ngig zu sein, und wollte deshalb die Autarkie herstellen, ob es den Industriellen nun pa\u00dfte oder nicht.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich fand sich die IG-Farben, um die synthetische Produktion von Kautschuk und Benzin ins Leben zu rufen. Die IG-Farben war einer der Konzerne gewesen, die am Ende der Weimarer Republik noch auf die Pr\u00e4sidialdiktatur anstelle auf Hitlers Machtantritt setzten. Nun fanden NS-Regime und der Chemiekonzern zusammen und die IG-Farben stieg bald zu einem der m\u00e4chtigsten Konzerne in Deutschland auf.<\/p>\n<p>Schacht trat ab 1935 f\u00fcr eine &#8222;R\u00fcstungspause&#8220; ein, um durch mehr Warenexport Devisen zu beschaffen und die W\u00e4hrung zu stabilisieren. Das Tempo der Aufr\u00fcstung heizte die Inflation n\u00e4mlich m\u00e4chtig an. Au\u00dferdem weigerte er sich, wie gro\u00dfe Teile der Schwerindustrie, den Pl\u00e4nen der synthetischen Treibstofferzeugung zuzustimmen und forderte eine &#8222;realistische Wirtschaftspolitik&#8220;. Schacht war keineswegs gegen die Aufr\u00fcstung und gegen den Krieg. Er war aber der Meinung, die Fortsetzung der bisherigen Wirtschaftspolitik w\u00fcrde in einer Krise enden.<\/p>\n<p>Die IG-Farben wurde durch die neue Zusammenarbeit mit dem Parteiapparat zum Anh\u00e4nger einer beschleunigten Aufr\u00fcstung und stellte nun ihre besten Kr\u00e4fte f\u00fcr die Planung des Krieges zur Verf\u00fcgung. Auf Grundlage des IG-Farben-Materials stellte Hitler 1936 seine 4-Jahresplan-Denkschrift zusammen. Innerhalb von 4 Jahren sollte Deutschland durch diesen Wirtschaftsplan f\u00fcr den Krieg einsatzbereit sein. IG-Farben-Direktor Karl Krausch wurde neben G\u00f6ring zum m\u00e4chtigsten Mann der Beh\u00f6rde. [177] Er schlug Hitler in seiner 4-Jahresplan-Denkschrift vor, &#8222;eine wehrwirtschaftliche Neuorganisation zu schaffen, die den letzten Mann und die letzte Frau, die letzte Produktionseinrichtung und Maschine sowie den letzten Rohstoff der Erzeugung der kriegswichtigen Produktion zuf\u00fchrt und alle Arbeitskr\u00e4fte, Produktionseinrichtungen und Rohstoffe in einen straff milit\u00e4risch gef\u00fchrten wirtschaftlichen Organismus eingliedert.&#8220; [178] In diesem Zusammenhang forderte Krausch die &#8222;Blitzkriegsstrategie&#8220; als konzeptionelles Erfordernis, da Deutschland wegen der knappen Ressourcen keinen langen Krieg f\u00fchren k\u00f6nne. Auch G\u00f6ring sah den 4-Jahresplan nicht als planwirtschaftliches Element in der Wirtschaft, sondern als Kriegsvorbereitung. F\u00fcr ihn war der 4-Jahresplan &#8222;letzten Endes nichts anderes, als die h\u00f6chste und \u00e4u\u00dferste Zusammenballung und Zusammenfassung all der wirtschaftlichen Kr\u00e4fte, um die R\u00fcstung des Reiches zu kr\u00e4ftigen und auszugestalten.&#8220; [179]<\/p>\n<p>Um diesem Anliegen n\u00e4her zu kommen, bildete er 1936 den &#8222;Gutachterausschu\u00df zur Rohstoff- und Devisenlage&#8220;, dem Krupp, Thyssen, Flick, Schacht, V\u00f6gel, Blessing, Pleiger usw. beisa\u00dfen. Das &#8222;Amt f\u00fcr deutsche Roh- und Werkstoffe&#8220; war hingegen zu \u00fcber 80\u00a0% mit Mitarbeitern der IG-Farben besetzt. [180] Der Aufstieg der IG-Farben zeigte sich im Zusammenhang mit dem 4-Jahresplan unaufhaltsam. Albert Pietzsch aus dem Umfeld der IG-Farben von den M\u00fcnchner Elektro-Chemischen Werken wurde Leiter der Reichswirtschaftskammer. Der von der Schwerindustrie dominierte &#8222;Generalrat der deutschen Wirtschaft&#8220; wurde umgebildet und der 4-Jahresplanbeh\u00f6rde untergeordnet. [181] Fast alle staatlichen Gremien, in denen Industrielle sa\u00dfen, waren von der IG-Farben dominiert. Auch auf wirtschaftlicher Ebene konnte der Konzern seine Stellung ausbauen. 1939 arbeiteten bei der IG-Farben 25\u00a0% der Besch\u00e4ftigten der gesamten deutschen Chemieindustrie, sie t\u00e4tigte 40\u00a0% der Investitionen, hatte 33\u00a0% des Kapitals und 66\u00a0% des Exports der Chemieindustrie. [182]<\/p>\n<p>Das vorl\u00e4ufige B\u00fcndnis zwischen Kapital und Nationalsozialismus bestand nach dem Beginn des 4-Jahresplanes in erster Linie zwischen IG-Farben und NSDAP. Die Schwerindustrie trat in den Hintergrund. Die ungleichen Partner hatten aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden zusammengefunden. Hitler brauchte die IG-Farben, um die wirtschaftlichen Ressourcen f\u00fcr einen langen Siedlungskrieg zu haben. Der Konzern sah durch die Zusammenarbeit mit den Nazis die Chance, neue Produktionszweige auf Staatskosten zu erschlie\u00dfen und durch den Krieg riesigen Gewinn zu machen. Langfristig verfolgten Krausch und Hitler v\u00f6llig unterschiedliche Ziele. Auch die Vertreter der IG-Farben konnten nur solange in staatlichen Positionen arbeiten, wie es im Interesse der Ziele der Nazis lag.<\/p>\n<h3>Die &#8222;Reichswerke&#8220; und der Widerstand der Schwerindustrie<\/h3>\n<p>Hjalmar Schacht, der den Aufstieg der IG-Farben mi\u00dftrauisch verfolgte und durch die 4- Jahresplanbeh\u00f6rde seine Macht als Wirtschaftsminister beschnitten sah, wurde immer unzufriedener mit der Entwicklung. Zum Bruch mit Hitler sollte es durch den Aufbau der Reichswerke Hermann G\u00f6ring kommen. In Salzgitter wurden die G\u00f6ring-Werke gegr\u00fcndet, um die dortigen Erzvorkommen zu erschlie\u00dfen. Die Schwerindustrie stellte sich gegen dieses unprofitable Vorhaben. Die Unternehmer bef\u00fcrchteten Absatzschwierigkeiten des neu gewonnenen Erzes nach Abflachen des R\u00fcstungsbooms. Au\u00dferdem war der Import aus dem Ausland sowieso um ein Vielfaches billiger. Schacht wollte den Widerstand der Schwerindustrie organisieren und war \u00fcberzeugt, &#8220; da\u00df sein Einspruch ein solches Projekt (&#8230;) zu Fall&#8220; bringen k\u00f6nnte. [183] Pleiger, Chef der Reichswerke, beschwerte sich darauf \u00fcber die &#8222;Sabotage&#8220; der &#8222;Wirtschaftsgruppe der eisenschaffenden Industrien&#8220;. [184] Aller Widerstand nutzte nichts. Die Erzlagerst\u00e4tten der anliegenden Unternehmen enteignete der Staat, zahlte allerdings Entsch\u00e4digung. [185]<\/p>\n<p>Im Zuge dieser K\u00e4mpfe trat Schacht im November 1937 zur\u00fcck und r\u00e4umte 1939 auch seinen Posten als Reichsbankpr\u00e4sident. Auch wenn der Vertreter der Banken noch bis 1943 Reichsminister ohne Gesch\u00e4ftsbereich blieb, hatte der einst so m\u00e4chtige Mann seinen Einflu\u00df g\u00e4nzlich verloren. Laut SS-Ideologe Ohlendorf galt er ab 1938 intern als Parteifeind. Im Zusammenhang mit dem Aufstand am 20.Juni 1944 wurde er verhaftet und ins KZ Ravensbr\u00fcck gebracht. Auch Fritz Thyssen traf ein \u00e4hnliches Schicksal wie Schacht. 1938 emigrierte er aus Deutschland, da er im &#8222;Dritten Reich&#8220; nicht den Staat sah, den er vor Augen gehabt hatte, als er vor 1933 Millionen an die NSDAP spendete. Nach seiner Verhaftung 1941 wurde auch er in einem Konzentrationslager interniert.<\/p>\n<p>Schacht schrieb nach dem Krieg voller Verbitterung \u00fcber G\u00f6ring: &#8222;Eines seiner tollsten St\u00fccke war die Errichtung der Hermann-G\u00f6ring-Werke (&#8230;) Jedem Laien mu\u00dfte es einleuchten, wieviel kostspieliger die Verarbeitung eines h\u00f6chstens 30%igen Erzes gegen\u00fcber einem 45%igen sein mu\u00df (&#8230;) Dieser Mehraufwand blieb bei G\u00f6ring ohne Eindruck.&#8220; [186] Der Staat hatte bewiesen, auch gegen die Profitinteressen des Kapitals handeln zu k\u00f6nnen. Schacht und die Schwerindustrie gaben klein bei. Die Reichswerke wurden zum gr\u00f6\u00dften schwerindustriellen Konzern in Europa. 1942 lieferte die &#8222;Reichswerke AG&#8220; 43\u00a0% der deutschen Eisenerzproduktion und besch\u00e4ftigte \u00fcber 600.000 Arbeiter. [187] Mit einem Nominalkapital von 2,8 Milliarden Reichsmark stand sie an der Spitze aller deutschen Konzerne. [188] \u00dcber 70 % der Aktien waren in H\u00e4nden des Staates.<\/p>\n<p>Damit war eine neue Politik eingeleitet. Staatskonzerne reprivatisierte man nicht mehr, sondern schuf m\u00e4chtige Aktiengesellschaften mit staatlicher Mehrheit. Die Schwerindustrie an Ruhr und Rhein verlor ein ganzes St\u00fcck an Bedeutung. Der Staat hatte die Abh\u00e4ngigkeit von ihr beseitigt. Die Nazis f\u00fchrten ihren ehemaligen G\u00f6nnern die Macht des Staates vor Augen. Schacht hatte mit seinem Widerstand gegen die G\u00f6ring-Werke die Machtfrage gestellt und verloren. Da, wo die Unternehmer nicht im Interesse der kleinb\u00fcrgerlichen Massenbewegung handelten, wurde Zwang angewandt oder der Staat \u00fcbernahm die Aufgaben. Die Nazis hatten sich von ihren B\u00fcndnispartnern emanzipiert.<\/p>\n<h2>3. Der Angriff auf die Junker<\/h2>\n<p>&#8222;Wir haben die linken Klassenk\u00e4mpfer liquidiert, aber leider haben wir dabei vergessen, auch den Schlag gegen rechts zu f\u00fchren. Das ist unsere gro\u00dfe Unterlassungss\u00fcnde.&#8220; [189] (Hitler am 24. Februar 1945)<\/p>\n<h3>Die Nazifizierung der Wehrmacht<\/h3>\n<p>Wie stand es nach 1933 mit der politischen Stellung der von Darre und Hitler so geha\u00dften preu\u00dfischen Elite? Viele Positionen im Staatsapparat und in der Landwirtschaft b\u00fc\u00dften sie gleich 1933 ein. Die letzte Bastion, die ihnen blieb, war die Reichswehr. Die Generalit\u00e4t hatte anfangs gro\u00dfe Freir\u00e4ume bei der F\u00fchrung der Armee. Hitlers au\u00dfenpolitisches Ziel, den Versailler Vertrag zu sprengen und aufzur\u00fcsten, lag allein schon aus beruflichen Gr\u00fcnden im Interesse der Soldaten. Reichswehrminister von Blomberg, der ab 1935 Oberbefehlshaber der in &#8222;Wehrmacht&#8220; umbenannten Armee war, integrierte das Heer in den NS-Staat. Nach dem 30. Januar erkl\u00e4rte Blomberg: &#8222;Jetzt ist das Unpolitische vorbei, und es bleibt nur eins: der nationalen Bewegung mit Hingabe zu dienen.&#8220; [190] Schon am 28. Februar 1934 erlie\u00df Blomberg f\u00fcr die Wehrmacht einen &#8222;Arierparagraphen&#8220;, ohne da\u00df Hitler es bereits verlangt h\u00e4tte. [191] Wegen seiner Anbiederung an den nationalsozialistischen Staat erhielt von Blomberg den Spitznamen &#8222;Gummil\u00f6we&#8220; und &#8222;Hitlerjunge Quex&#8220;. Als Ausdruck der Anerkennung der starken Stellung der Armee formulierte Hitler 1934 die &#8222;Zwei-S\u00e4ulen-Theorie&#8220;: &#8222;Die Staatsf\u00fchrung (&#8230;) wird von zwei S\u00e4ulen getragen: politisch von der in der nationalsozialistischen Bewegung organisierten Volksgemeinschaft, milit\u00e4risch von der Wehrmacht.&#8220; [192] Dar\u00fcber hinaus erkl\u00e4rte er die NSDAP zum &#8222;alleinigen politischen Willenstr\u00e4ger der Nation&#8220; und die Wehrmacht zum einzigen &#8222;Waffentr\u00e4ger&#8220;. Damit erweckte er den Eindruck, da\u00df die Armee als eigenst\u00e4ndiger Machtfaktor bestehen bleiben sollte und nicht unter das Kommando der Partei gestellt w\u00fcrde. Zudem war die &#8222;Zwei-S\u00e4ulen-Theorie&#8220; eine Best\u00e4tigung, keine SA- oder SS-Kaderarmee neben der Wehrmacht aufstellen zu wollen. Die Gener\u00e4le nahmen Hitler zun\u00e4chst seinen Kniefall ab.<\/p>\n<p>Am 2.8.1934 starb der prominenteste Junkervertreter Hindenburg. Die NSDAP vereinigte das Amt des Reichspr\u00e4sidenten und Reichskanzlers in einer Person. Der Oberbefehl \u00fcber die Streitkr\u00e4fte blieb trotzdem weiter dem Reichskriegsminister von Blomberg vorbehalten. Die Nazis wagten also noch nicht, die preu\u00dfische Elite anzugreifen. Die Nazifizierung der Armee schritt dennoch weiter voran. Blomberg lie\u00df am 2.8.34 ohne gesetzliche Grundlage die Wehrmacht auf Hitler vereidigen. Mit diesem Eid hatten sich die deutschen Soldaten dem Nationalsozialismus und vor allem dem F\u00fchrerstaat zu unterwerfen.<\/p>\n<p>Widerspruch meldete die Armeef\u00fchrung aus ganz anderen Gr\u00fcnden an. Der Nichtangriffspakt mit Polen 1934 pa\u00dfte den adligen Gener\u00e4len gar nicht. Durch die Gr\u00fcndung des ihnen verha\u00dften Staates und durch die Annexion von Schlesien hatten sie nach dem 1. Weltkrieg viele Ritterg\u00fcter verloren. Das Junkertum war schon in der Weimarer Republik am entschiedensten f\u00fcr die Zerschlagung Polens eingetreten. [193] Der Einzige, der taktische Bedenken gegen Hitlers offensive Au\u00dfenpolitik gegen den Westen hegte, war Generalstabschef Beck. Er \u00e4u\u00dferte schon im Mai 1934 Kritik an der Aufstellung eines 300.000-Mann-Heeres. Dies k\u00f6nnte in internationaler Hinsicht &#8222;tats\u00e4chlich der Tropfen sein, der das Fa\u00df zum \u00dcberlaufen bringt.&#8220; [194]<\/p>\n<p>Die starke, unabh\u00e4ngige Stellung konnte die Wehrmachtsf\u00fchrung bis 1938 behaupten. Die sogenannte Blomberg-Fritsch-Krise brachte eine entscheidende Wende. Um diese Krise wurden in der Nachkriegszeit verschiedene Legenden gesponnen. Von Blomberg verwickelte sich in einen Heiratsskandal. Seine Frau, Luise Gruhun, war bei der Polizei wegen Sexfotos aktenkundig und kam nicht aus den gehobenen Kreisen. Dieser Skandal war Anla\u00df f\u00fcr die Entlassung des Oberbefehlshabers der Wehrmacht. In der Bundesrepublik entwarfen Historiker nach dem Krieg die Legende, der Heiratsskandal sei von G\u00f6ring und Himmler inszeniert worden, um Blomberg und Fritsch als Gegner der expansiven Au\u00dfenpolitik loszuwerden. Die beiden Journalisten Jan\u00dfen und Tobias widerlegten dieses M\u00e4rchen und setzten sich in der neueren Geschichtsforschung mit ihrer Darstellung durch. F\u00fcr Hitler gab es \u00fcberhaupt keinen Grund, sich von seinen Sch\u00fctzlingen zu trennen. Mit der aggressiven Au\u00dfenpolitik waren sowohl Fritsch als auch von Blomberg einverstanden. Zum Beispiel verfa\u00dfte Blomberg auf Wunsch Hitlers 1937 &#8222;Weisungen f\u00fcr die einheitliche Kriegsvorbereitung der Wehrmacht&#8220;, die einen &#8222;Angriffskrieg gegen die Tschechoslowakei&#8220; [195] vorsahen. Fritsch legte in einem Rundschreiben an alle Kommandierenden Gener\u00e4le vom 19. August 1935 dar: &#8222;Nach meiner festen \u00dcberzeugung ist Deutschlands Zukunft auf Gedeih und Verderb mit dem Nationalsozialismus fest verbunden. Wer sch\u00e4digend gegen den nationalsozialistischen Staat handelt, ist ein Verbrecher.&#8220; [196] Hitler mu\u00dfte sich auf Druck der Generalit\u00e4t von seinem &#8222;Hitlerjungen Quex&#8220; trennen, weil sie durch Blombergs Heirat ihren Ehren- und Heiratskodex verletzt sah. So notierte auch Goebbels in sein Tagebuch: &#8222;Die Helldorf bringt mir den Akt, Frau Generalfeldmarschall Blomberg. Die Haare stehen einem zu Berge (&#8230;) Die schwerste Krise des Regimes seit der R\u00f6hm-Aff\u00e4re. Ich bin ganz zerschmettert. Der F\u00fchrer sieht aus wie eine Leiche.&#8220; [197]<\/p>\n<p>Auch wenn Hitler die Aff\u00e4re nicht inszenierte und \u00fcber den Skandal entsetzt war, stand er doch am Ende als Gewinner da. Den Oberbefehl \u00fcber die Wehrmacht bekam er jetzt auch faktisch in die Hand und hatte den Freiraum der Armee enorm eingeschr\u00e4nkt. Der Ausgang der Blomberg-Fritsch-Krise war der erste gro\u00dfe Sieg der nationalsozialistischen Massenbewegung \u00fcber die alte aristokratische Elite.<\/p>\n<h3>Die Wehrmacht und die Aggression<\/h3>\n<p>Die F\u00fchrung der Wehrmacht billigte aus ihrer alten wilhelminischen Tradition heraus grunds\u00e4tzlich eine aggressive Au\u00dfenpolitik und nahm den Krieg als Mittel zur Durchsetzung &#8222;deutscher<b> <\/b>Interessen&#8220; billigend in Kauf. Als Hitler 1938 von der &#8222;friedlichen&#8220; Sprengung zur milit\u00e4rischen L\u00f6sung \u00fcberging, konnte er sich der Unterst\u00fctzung der Mehrheit der Armee sicher sein. Widerstand brachte dieser Politik nur ein kleiner Kreis um Beck entgegen, der ein Angreifen der Westm\u00e4chte und eine verheerende Niederlage f\u00fcr Deutschland bef\u00fcrchtete. Beck verfa\u00dfte am 16. Juni 1938 eine Denkschrift, die vor dem Angriff auf die Tschechoslowakei warnte. Ein \u00dcberfall w\u00fcrde in einer allgemeinen Katastrophe enden, da es zum &#8222;sofortigen Eingreifen Frankreichs und damit auch Englands gegen uns f\u00fchren w\u00fcrde (&#8230;)&#8220;. [198] Zusammen mit von Witzenleben, Befehlshaber des Berliner Wehrkreises (3), Generalleutnant Carl Heinrich von St\u00fclpnagel und einigen anderen Milit\u00e4rs aus der zweiten Reihe plante Beck f\u00fcr den Fall des Angriffs einen Staatsstreich. Das M\u00fcnchener Abkommen machte diese Aktion aber zunichte, da nun der Anla\u00df zum Losschlagen fehlte. Danach zerfiel die Opposition, da Hitler in der Wehrmacht durch die au\u00dfenpolitischen Erfolge gro\u00dfe Prestigegewinne erzielte. Beck trat nun als Generalstabschef zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Beim \u00dcberfall auf Polen starteten die Nazis die Aggression mit Zustimmung der gesamten Wehrmachtsf\u00fchrung. [199] Mit der Zerschlagung des verha\u00dften Staates des Versailler Vertrages war die Armee einverstanden. Bei der Planung des \u00dcberfalls im Westen hegten die Gener\u00e4le hingegen Bedenken. Nicht, da\u00df sie gegen einen Angriff auf den alten Erzfeind Frankreich gewesen w\u00e4ren. Sie hielten Hitlers Pl\u00e4ne f\u00fcr zu &#8222;k\u00fchn&#8220; und glaubten nicht an einen schnellen Sieg. Ende 1939 vertrat das OKH die Auffassung, &#8220; im Westen noch auf Jahre hinaus den Krieg nur verteidigungsweise f\u00fchren zu k\u00f6nnen&#8220; [200]. Hitler wandte sich daraufhin in einer Denkschrift am 9. Oktober gegen die Bedenken des OKH und bekr\u00e4ftigte die Absicht, noch im Herbst im Westen anzugreifen. Nachdem der &#8222;F\u00fchrer&#8220; ein Machtwort gesprochen hatte, verstummten die Zweifel, und die Aggression wurde weiter vorbereitet.<\/p>\n<p>Beck versuchte unterdessen weiter, in der Wehrmacht eine Opposition zu sammeln. Becks Nachfolger Halder lie\u00df sich von der Notwendigkeit eines Staatsstreiches nicht \u00fcberzeugen. Halder wollte sich nicht zu einem neuen &#8222;Kapp-Putsch&#8220; dr\u00e4ngen lassen. &#8222;Nach seiner Einsch\u00e4tzung war keine breite Basis f\u00fcr ein Losschlagen vorhanden, da die Truppe nach wie vor an den \u2018F\u00fchrer\u2019 glaube.&#8220; [201] In dieser \u00c4u\u00dferung spiegelte sich das Dilemma des milit\u00e4rischen Widerstands wieder. Ein Staatsstreich der Milit\u00e4rs h\u00e4tte in der Bev\u00f6lkerung keine Basis gefunden. Die alte aristokratische Elite war bei den breiten Massen nicht gerade beliebt. Die Einzigen, die noch ein gewisser Mythos umgab, waren Hindenburg und Ludendorff.<\/p>\n<p>Nach der verheerenden Niederlage Frankreichs war Hitler endg\u00fcltig als der &#8222;gr\u00f6\u00dfte deutsche Feldherr&#8220; bei den Soldaten etabliert. Das &#8222;Unternehmen Barbarossa&#8220;, der &#8222;Kommissarbefehl&#8220; und damit der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion wurde von allen f\u00fchrenden Gener\u00e4len gebilligt. Erst am 20. Juni 1944 meldete sich der Widerstand zur\u00fcck.<\/p>\n<h3>Von der Junker- zur Volksarmee<\/h3>\n<p>Nachdem der Staatsapparat 1933 f\u00fcr die kleinb\u00fcrgerliche Elite ge\u00f6ffnet war, kam mit der Einf\u00fchrung der allgemeinen Wehrpflicht die Armee an die Reihe. Die \u00fcberwiegend adeligen Offiziere hatten im Kaiserreich und der Weimarer Republik ausgekl\u00fcgelte Verordnungen geschaffen, um das Offizierskorps ihrer Schicht vorzubehalten. Mit der Einf\u00fchrung der allgemeinen Wehrpflicht 1936 wurden Forderungen nach der sozialen \u00d6ffnung der Armee laut. Nun str\u00f6mten Arbeiter und Leute aus der einfachen Bev\u00f6lkerung in die Armee, die vorher nur vom Berufssoldatentum gepr\u00e4gt war. Die Nazis wollten im Sinne ihres Massenstaates die Armee in eine nationalsozialistische Volksarmee umwandeln.<\/p>\n<p>Im diesem Kontext sprach auch der Reichskriegsminister Blomberg 1937: &#8220; Im 20. Jahrhundert wird jedem Volksgenossen (&#8230;) die Offizierslaufbahn erschlossen (&#8230;) Ich erblicke in der schrittweisen Durchf\u00fchrung des Leistungsprinzips ohne R\u00fccksicht auf Herkunft, Stand und Geldbeutel des Vaters eine wichtige Forderung des neuen deutschen Sozialismus.&#8220; [202] Doch die soziale \u00d6ffnung des Offizierskorps und Kaders der Wehrmacht lie\u00df zun\u00e4chst auf sich warten. Hitler wandte sich in seinen &#8222;Tischgespr\u00e4chen&#8220; mehrfach gegen Heiratsordnungen, Moralvorstellungen und mangelnde Aufstiegschancen in der Wehrmacht. [203]&#8220;Neben unerh\u00f6rt Gutem war in der deutschen Armee unerh\u00f6rt viel Veraltetes. Daraus ist die Sozialdemokratie geboren worden, was nie geschehen w\u00e4re, wenn nicht Heer und Marine alles getan h\u00e4tten, um den Arbeiter dem Volk zu entfernen. [204] Um &#8222;den Arbeiter&#8220; in die &#8222;Volksgemeinschaft&#8220; wieder zu reintegrieren, wollten die Nazis auch ihm Aufstiegschancen in der Armee bieten.<\/p>\n<p>Auch aus innenpolitischen Gr\u00fcnden mu\u00dfte die NSDAP die Armee umgestalten. Auch wenn es bei der Au\u00dfenpolitik nicht viele Konflikte gab, pa\u00dfte den Nazis das \u00fcberwiegend preu\u00dfisch-monarchistische Gedankengut der Generalit\u00e4t nicht. So schrieb Goebbels z. B. am 28. Oktober 1937 in sein Tagebuch: &#8222;Die Wehrmacht wird ein Staat im Staate. Das darf nicht sein. Die Generalit\u00e4t hat politisch nichts zugelernt und wird auch nie etwas hinzulernen.&#8220; Und noch einmal am 2. November 1937: &#8222;In der Wehrmacht sind immer noch monarchistische Tendenzen bemerkbar. Der F\u00fchrer ist w\u00fctend dar\u00fcber (&#8230;) Sie wollen einen Staat im Staate. Und sind schon weit damit gekommen.&#8220; [205] Der durchschlagende Angriff auf die Junkerarmee lie\u00df trotzdem bis zum 2. Weltkrieg auf sich warten. Noch trauten sich die Nazis nicht. Alle Mechanismen und Schutzregelungen, die die Dominanz der ostelbischen Junker und ihrer S\u00f6hne seit \u00fcber 100 Jahren sicherten, blieben bis zum 2. Weltkrieg erhalten: Die Heiratsordnung der Offiziere erlaubte die Ehe erst ab 27 Jahren, und die Frau mu\u00dfte aus einer wohlhabenden Familie kommen. Die Bef\u00f6rderung wurde nicht nach Leistung, sondern nach dem Dienstalter vollzogen. Es gab einen richterlichen Ehrenkodex und psychologische Tests, die die Instrumente des Milit\u00e4rs zur Sicherung ihre Vormachtstellung waren. [206]<\/p>\n<p>Durch den Zweifrontenkrieg brauchte man eine riesige Armee und mu\u00dfte die hohen Verluste an der &#8222;Ostfront&#8220; ersetzen k\u00f6nnen. In dieser Situation konnte Hitler die Umwandlung der Wehrmacht in eine Volksarmee durchf\u00fchren. Der Umfang des aktiven Offizierskorps stieg innerhalb nur weniger Jahre von 3.852 (1935) auf 42.709 (1943). [207] Die Zahl der Reserveoffiziere im Apparat der Wehrmacht stieg von ca. 50.000 (1936) auf \u00fcber 250.000 (1943). Gegen den Willen vieler Gener\u00e4le wurde das Offizierskorps der Wehrmacht nun ge\u00f6ffnet. Ab 1941 wurden die psychologischen Tests und die reaktion\u00e4re Heirats- und Familienordnung f\u00fcr die Offiziere v\u00f6llig abgeschafft. 1942 konnte die Bef\u00f6rderung nach Leistung in den meisten Heeresteilen durchgesetzt werden. Die soziale Zusammensetzung der Wehrmacht \u00e4nderte sich schlagartig: &#8222;Lie\u00dfen sich noch 62,9\u00a0% der Offiziersanw\u00e4rter der Jahre 1928\/1930 den sozial gehobenen Schichten zuordnen, w\u00e4hrend nur 36\u00a0% dem mittleren B\u00fcrgertum und 0,4\u00a0% den Unterschichten entstammten, so hatte sich Ende 1942 das Verh\u00e4ltnis radikal ver\u00e4ndert: Nur noch 21\u00a0% lie\u00dfen sich jetzt der oberen Kategorie zuordnen, w\u00e4hrend 51\u00a0% der mittleren und 28\u00a0% der unteren entstammten.&#8220; Der Anteil der Offiziersbewerber aus dem Stadt- und Landproletariat stieg von 0\u00a0% (1936) auf 9\u00a0% bis Ende 1942. [208]<\/p>\n<p>Hitler begr\u00fc\u00dfte es, da\u00df &#8222;diese Wehrmacht von Monat zu Monat nationalsozialistischer wird (&#8230;) wie alle Vorrechte, Klassenvorteile usw. immer mehr beseitigt werden.&#8220; [209] Am 30.9.1942 verk\u00fcndet er in einer Rede stolz: &#8222;wenn sie die Bef\u00f6rderung unserer jungen Offiziere sehen, hier beginnt der Einbruch der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft in vollem Umfang. Es gibt keine Vorrechte der Geburtsurkunden (&#8230;) Es ist wirklich eine alte Welt zum Einsturz gebracht worden.&#8220; [210] Die alte Elite war damit weitgehend entmachtet. Hitler revidierte jetzt auch die &#8222;Zwei-S\u00e4ulen-Theorie&#8220;. In Wahrheit sei die Wehrmacht, &#8222;was 1934 als Parole noch unverstanden geblieben w\u00e4re, (&#8230;) Funktionstr\u00e4gerin der Partei&#8220; [211] und stehe nicht als S\u00e4ule neben ihr. Damit waren die neu geschaffenen Machtverh\u00e4ltnisse auf den Punkt gebracht.<\/p>\n<p>Die Einf\u00fchrung der &#8222;NS-F\u00fchrungsoffiziere&#8220; beschnitt weiter die Macht der Generalit\u00e4t. Die NSFO sollten &#8222;das Einvernehmen mit der NSDAP als Tr\u00e4gerin des politischen Willens herstellen&#8220;. Die NSFO unterstanden dem jeweiligen Truppenbefehlshaber, ihre Auswahl wurde aber in Zusammenarbeit mit dem Leiter der Reichskanzlei Martin Bormann getroffen. [212] Hitler, der immer Stalins Armees\u00e4uberungen bewunderte, scheint sich diese Regelung vom sowjetischen Kommissarprinzip abgeguckt zu haben.<\/p>\n<p>Obwohl sich die soziale Zusammensetzung der Armee \u00e4nderte, blieb die Spitze der Wehrmacht, wenn auch der Partei untergeordnet, noch in den H\u00e4nden der alten Elite. Hitler stellte deshalb r\u00fcckblickend unzufrieden fest: &#8222;In Ermangelung der Elite, wie sie uns vorschwebte, mu\u00dften wir uns mit dem vorhandenen Menschenmaterial begn\u00fcgen. Das Ergebnis sieht danach aus! Dadurch, da\u00df die geistige Konzeption mit der praktisch m\u00f6glichen Verwirklichung nicht \u00fcbereinstimmte, wurde aus der Kriegspolitik eines revolution\u00e4ren Staates, wie das Dritte Reich, notwendigerweise eine Politik reaktion\u00e4rer Spie\u00dfb\u00fcrger. Unsere Gener\u00e4le und unsere Diplomaten sind mit wenigen Ausnahmen M\u00e4nner von gestern, die den Krieg ebenso wie die Politik einer \u00fcberlebten Zeit f\u00fchren.&#8220; [213]<\/p>\n<p>Die radikalste soziale Ver\u00e4nderung, die der Nationalsozialismus hervorbrachte, war die Entmachtung der Junker. Vor 1933 dominierte die preu\u00dfische Elite noch den Staatsapparat und konnte ihn immer wieder f\u00fcr ihre Belange einsetzen. Damit war es nach der Macht\u00fcbernahme der NSDAP vorbei. Mit der sozialen \u00d6ffnung der Armee verlor das Junkertum die letzte Bastion im Staatsapparat und so auch das letzte St\u00fcck politischer Macht. Wie auch die Aufl\u00f6sung der Fideikommisse im Jahr der Blomberg-Fritsch-Krise zeigte, war die NSDAP stark genug, sich gegen ihren alten B\u00fcndnispartner zu richten. Mit dem Ende der Osthilfe und des Fideikommis war auch der Untergang der maroden Ritterg\u00fcter nur noch eine Frage der Zeit. Den endg\u00fcltigen \u00f6konomischen Todessto\u00df versetzten den Junkern schlie\u00dflich die sowjetische Besatzungsmacht und die Arbeiterparteien durch die Bodenreform nach dem 2. Weltkrieg. Vergessen sollte man dabei aber nicht, da\u00df sie politisch von Hitler und dem Nationalsozialismus entmachtet wurden.<\/p>\n<h2>4. Auf dem Weg zum SS-Staat<\/h2>\n<h3>Die Pr\u00e4torianergarde der Bauernschaft<\/h3>\n<p>Die SS stellte die neue Elite des &#8222;3. Reiches&#8220; dar. Ihr Aufstieg begann mit der Zerschlagung der SA und setzte sich unaufhaltsam bis zum Kriegsende fort. Die nach rassistischen und politischen Kriterien ausgesuchten Elitesoldaten sollten an die Stelle der alten F\u00fchrungsschicht treten und stellten den Keim des neuen b\u00e4uerlich-kleinb\u00fcrgerlichen Massenstaat in dem noch von Kompromissen gepr\u00e4gten &#8222;Vorkriegs&#8220;-Staat dar.<\/p>\n<p>Ideologisch stand die SS wie keine andere Organisation f\u00fcr die Besiedlung des Ostens und den Blut- und Bodenwahn. Heinrich Himmler, der Reichsf\u00fchrer der SS, war schon als Jugendlicher von dieser Idee besessen. Er schlo\u00df sich im jungen Alter der sogenannten Atamanenbewegung an. Diese Bewegung ging aus der B\u00fcndischen Jugend hervor und sah in der Neuverwurzelung des Menschen im Boden ein Mittel zur &#8222;Volksgesundung&#8220;. Himmler notierte 1921 in sein Tagebuch: &#8222;Das wei\u00df ich bestimmter jetzt als je, wenn im Osten wieder ein Feldzug ist, so gehe ich mit. Der Osten ist der (?) Wichtigste f\u00fcr uns (&#8230;) Im Osten m\u00fcssen wir k\u00e4mpfen und siedeln.&#8220; [214] Diesen Grundgedanken betonte Himmler bis zu seinem Tod immer wieder. &#8222;Das deutsche Volk war ein Bauernvolk und mu\u00df es in seiner Grundsubstanz wieder werden. Der Osten soll dazu dienen, diese b\u00e4uerliche Seite des deutschen Volkes zu st\u00e4rken (&#8230;)&#8220; [215] Durch den Siedlungskrieg in Ru\u00dfland und Polen sollte Deutschland teilreagrarisiert werden, um die Moderne zu \u00fcberwinden und die Industrie zum Hilfsinstrument des Bauernreiches zu machen. In diesem Kampf sah sich die SS als rassische Elite der &#8222;Germanen&#8220;. Die SS gr\u00fcndete Institute, um \u00fcberall germanische Siedlungen zu suchen und so die mittelalterliche Ostsiedlung wieder aufnehmen zu k\u00f6nnen. Im Kampf um die &#8222;Reinheit der Rasse&#8220; spielten die Bauern die zentrale Rolle, von denen Millionen f\u00fcr den &#8222;Ritt nach Osten&#8220; vorgesehen waren. Himmler betonte in einem Aufsatz: &#8222;Ich darf versichern, da\u00df es kein Zufall ist, da\u00df der Reichsbauernf\u00fchrer des Deutschen Reiches seit Jahren als F\u00fchrer der SS angeh\u00f6rt, sowie es kein Zufall ist, da\u00df ich von Abstammung, Blut und Wesen Bauer bin und dem Reichsbauernrat angeh\u00f6re.&#8220; Die Schutzstaffel s\u00e4he den Bauern als &#8222;besten Kamerad und Freund&#8220; an. [216]<\/p>\n<p>Die SS brach fast vollst\u00e4ndig mit der konservativen Ideologie des Kaiserreiches und der Weimarer Republik. Neben den Kommunisten und b\u00fcrgerlichen Demokraten wurde die christliche Kirche als Hauptfeind angesehen. Im SS-Plan zur &#8222;Erschlie\u00dfung des germanischen Erbes&#8220; von 1938 hie\u00df es deshalb: &#8220; Wir leben im Zeitalter der endg\u00fcltigen Auseinandersetzung mit dem Christentum. Es liegt in der Sendung der Schutzstaffel, dem deutschen Volk im n\u00e4chsten Jahrhundert die au\u00dferchristlichen Grundlagen der Lebensf\u00fchrung und Lebensgestaltung zu geben.&#8220; [217] Die &#8222;au\u00dferchristlichen Grundlagen&#8220; waren die Siedlungs- und Rassenideologie, die alle Lebensbereiche der Deutschen bestimmen sollten. Wenn es auch richtig ist, da\u00df sich die Kirche bei den Nazis anbiederte und viele Geistliche Sympathien f\u00fcr die Bewegung hatten, war das umgekehrt kaum der Fall. Leute wie Himmler und Hitler lie\u00dfen die Kirche aus b\u00fcndnispolitischen Gr\u00fcnden vorerst bestehen. Nach dem Krieg war aber ihre Zerschlagung vorgesehen. &#8222;Mit dem Christentum als einer \u2018perversen und lebensfremden Weltanschauung\u2019, \u2018dieser gr\u00f6\u00dften Pest, die uns in der Geschichte anfallen konnte\u2019, m\u00fcsse man eben noch fertig werden, lautete Himmlers unabdingbare Forderung.&#8220; [218] Damit lag Himmler voll auf Hitlers Linie, der in seinen &#8222;Tischgespr\u00e4chen&#8220; wiederholt die Zerschlagung der Kirche nach dem Krieg angek\u00fcndigt hatte und ihr Verm\u00f6gen f\u00fcr die Siedlung einsetzen wollte.<\/p>\n<p>Der Antisemitismus und der Rassismus der SS waren eng mit dem Siedlungsgedanken verbunden. Durch Krieg und auf Grundlage der Vernichtung der &#8222;slawischen&#8220; V\u00f6lker und Juden sollte der Raum f\u00fcr die deutschen Siedler frei gemacht werden. Der &#8222;Generalplan Ost&#8220; konkretisierte sp\u00e4ter diese Vorstellungen. Nicht zuf\u00e4llig \u00fcbernahm die SS das Konzentrationslagersystem.<\/p>\n<p>Bei der rassistischen Bauernideologie war es kein Wunder, da\u00df sich die Mannschaften der SS vor allem aus landwirtschaftlichen Gebieten rekrutierten. Die F\u00fchrungsspitze setzte sich dagegen haupts\u00e4chlich aus Akademikern zusammen, die von der &#8222;Rassenwissenschaft&#8220; besessen waren. Ende 1938 waren 12.000 Akademiker Mitglied der SS. [219] Adelige stellten 9\u00a0% der F\u00fchrungskr\u00e4fte ab dem Oberst und waren damit relativ gut vertreten. Auch bei den N\u00fcrnberger Prozessen fiel der hohe Akademikeranteil bei den angeklagten SS-F\u00fchrern auf. [220] Eine Untersuchung der sozialen Zusammensetzung der F\u00fchrerkorps der Waffen-SS zeigte deren haupts\u00e4chlich mittelst\u00e4ndische Pr\u00e4gung, wobei die Mehrheit aus dem gehobenen Mittelstand kam. [221] Viele dieser Mittelst\u00e4ndler oder Intellektuellen konnten auf eine gescheiterte Karriere in der Weimarer Republik zur\u00fcckblicken und vertraten mehr aus &#8222;Idealismus&#8220; als aus sozialen Gr\u00fcnden den Siedlungsgedanken.<\/p>\n<p>Nun zu den einfachen SS-M\u00e4nnern. 1937 sch\u00e4tzten SS-Statistiker den Anteil der Bauern nur auf 9\u00a0%. [222] Zu diesem Zeitpunkt war die SS noch eine relative kleine Organisation. Der Siedlungsgedanke war ohne den dazu geh\u00f6rigen Krieg reine Theorie und wurde von vielen Deutschen als Spinnerei angesehen. Doch mit dem Krieg gegen Polen und die Sowjetunion konnte damit begonnen werden, Himmlers und Hitlers &#8222;Jugendtr\u00e4ume&#8220; in die Realit\u00e4t umzusetzen. Die Landfrage stellte sich f\u00fcr die SS- M\u00e4nner nun konkret. Heinz H\u00f6hne meinte, da\u00df 90 % der F\u00fchrer der SS-Verf\u00fcgungstruppen b\u00e4uerlicher Herkunft waren. &#8222;Die Verf\u00fcgungstruppe konnte nie das B\u00fcrgertum und die Gro\u00dfst\u00e4dter f\u00fcr sich engagieren, die VT blieb eine Bauern- und Handwerkerarmee. In Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Franken und an der Saar trat fast jeder dritte Bauernsohn in die VT oder sp\u00e4ter in die Waffen-SS ein.&#8220; [223] Die Waffen-SS bot den Bauerns\u00f6hnen neue Aufstiegschancen. Zur Ausbildung richtete die SS sogenannte Junkerschulen ein. Dass \u00fcber 40 % der Besucher der SS-Junkerschulen kein Abitur hatten, [224] zeigte, f\u00fcr wen die neuen Ausbildungsm\u00f6glichkeiten geschaffen wurden.<\/p>\n<p>Die SS stellte die Pr\u00e4torianergarde der Bauernschaft dar. Sie war die Organisation der Siedlung, auf der der neue Herrenmensch gedeihen sollte. Die SS verstand sich als politische und rassische Avantgarde im Kampf f\u00fcr den b\u00e4uerlich dominierten Rassenstaat. Mit diesem Programm gelang es der Organisation, mit der Unterst\u00fctzung von Hitler entscheidende Machtpositionen zu erk\u00e4mpfen.<\/p>\n<h3>Der doppelte Staatsapparat<\/h3>\n<p>W\u00e4ren die Nazis nicht auf das B\u00fcndnis mit Kapital und Junkertum angewiesen gewesen, h\u00e4tten sie einfach den alten Staatsapparat zerschlagen k\u00f6nnen. Doch Hitler entschied sich f\u00fcr die schleichende Entmachtung der alten machthabenden Klassen. Die NSDAP begann darum schon ab 1933, neben dem alten Staatsapparat parallel einen neuen aufzubauen: den SS-Staat.<\/p>\n<p>Als erstes wurde ein Dualismus zwischen Justiz und SS-Polizei geschaffen, der sich auch im Strafrecht widerspiegelte. Die &#8222;Verordnung zum Schutz von Volk und Staat&#8220; vom 28. Februar 1933 erm\u00e4chtigte die Polizei, Verhaftungen und Freiheitsstrafen ohne richterliche Entscheidung vorzunehmen. Mit dem &#8222;Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums&#8220; vom 7. April 1933 konnte die politische F\u00fchrung mi\u00dfliebige Richter einfach absetzen. Damit war die Gewaltenteilung aufgehoben. Justiz und Polizei verloren an Einflu\u00df. Ab 1939 verk\u00fcndete man, Erschie\u00dfungen auch ohne Gerichtsurteil vorzunehmen, &#8222;weil die Gerichte (&#8230;) den besonderen Verh\u00e4ltnissen des Krieges sich nicht gewachsen zeigten&#8220;. [225] Die SS durfte jetzt auch offiziell nach Lust und Laune verhaften und morden.<\/p>\n<p>&#8222;Der Aufstieg der SS und Arbeitsfront ging mit dem Abstieg der SA und der Partei einher.&#8220; [226] Den Aufstieg der SS im &#8222;Dritten Reich&#8220; kann man an der pers\u00f6nlichen Karriere des SS-Chefs Himmler nachvollziehen. 1934 ernannte ihn Hitler zum Chef des m\u00e4chtigen Sicherheitsdienstes, der Gestapo. 1936 wurde Himmler &#8222;Reichsf\u00fchrer der SS&#8220; und Chef der Polizei. 1937 begann Himmler die Ordnungspolizei mit der SS auch personell zu verschmelzen. [227]<\/p>\n<p>Auch in der Planung der Siedlung behielt die &#8222;Pr\u00e4torianergarde&#8220; der Bauernschaft die Oberhand. Himmler wurde 1941 Beauftragter der NSDAP f\u00fcr Volkstumsfragen. Ihm unterstand damit die &#8222;Ostsiedlung&#8220;. Sein Aufstieg kr\u00f6nte 1943 seine Ernennung zum Reichsinnenminister. Sp\u00e4ter \u00fcbernahm er noch die Leitung der Raketenfertigung und sorgte daf\u00fcr, da\u00df die SS das Wirtschaftsverwaltungshauptamt (WVHA) dominierte. Im Zuge des 2. Weltkrieges wurde der Reichsf\u00fchrer der SS der m\u00e4chtigste Mann neben Hitler.<\/p>\n<p>Den gr\u00f6\u00dften Beitrag zum Aufbau des dualen Staatsapparats stellte aber der Aufbau der Waffen-SS dar. Der Nationalsozialismus begn\u00fcgte sich nicht damit, die Wehrmacht Schritt f\u00fcr Schritt von einer Junker- in eine Volksarmee zu verwandeln. Mit der Waffen-SS stellte er einfach eine zus\u00e4tzliche nationalsozialistische Elitearmee neben der &#8222;alten&#8220; Wehrmacht auf. Auch das geschah, um die Generalit\u00e4t nicht zu verprellen, nicht auf einen Schlag, sondern nahm einen langen Zeitraum in Anspruch. Der erste Schritt war die Schaffung von Waffen-SS-Schulen au\u00dferhalb des Zugriffs der Wehrmacht. Aus den gesagten b\u00fcndnispolitischen Gr\u00fcnden mu\u00dfte Hitler den Aufbau der Waffen-SS mehrfach bremsen. Der Armeef\u00fchrung blieben die Absichten der SS nicht verborgen. Fritsch sagte am 1. Februar 1938, &#8222;da\u00df das Verh\u00e4ltnis der SS-Verf\u00fcgungstruppen zum Heer ein sehr k\u00fchles, wenn nicht ablehnendes sei. Man kann sich den Eindrucks nicht erwehren, da\u00df die ablehnende Haltung gegen das Heer in der SS- Verf\u00fcgungstruppe geradezu gef\u00f6rdert wird&#8220;. [228]<\/p>\n<p>Mit dem Krieg nahm die NSDAP auf die Generalit\u00e4t keine R\u00fccksicht mehr. Die Waffen-SS wurde zur Massenarmee und schnellte von 100.000 Mann 1940 auf 220.000 Ende 1941. 1943 waren es schlie\u00dflich 540.000 Mann und Ende 1944 sogar 910.000. [229] Der b\u00e4uerlichen Massenarmee traten aber nicht nur Deutsche bei. Die sogenannten Volksdeutschen stellten 1943 ein Viertel der Waffen-SS, [230] und auch Niederl\u00e4nder und Skandinavier waren h\u00e4ufig vertreten, die man mit Siedlungsversprechen anwarb. Sp\u00e4testens 1943 waren die Divisionen der Waffen-SS zur Kerntruppe der deutschen Ostfront geworden. Diese Tatsache war sicherlich ein Grund, warum der Vernichtungskrieg so erbarmungslos gef\u00fchrt wurde. Der Oberbefehlshaber des Ersatzheeres wurde am 20. Juni 1944 Himmler. Damit hatte er auch in der Wehrmacht eine wichtige Position inne.<\/p>\n<p>Zusammengefa\u00dft bestand der doppelte Staatsapparat in der Dualit\u00e4t von Waffen-SS und Wehrmacht, sowie zwischen der alten \u00fcbernommenen Justiz und dem SD und der Polizei in SS-H\u00e4nden auf der anderen Seite. Wirtschaftspolitisch stand auf der einen Seite das RWM bis 1937 mit Hjalmar Schacht als Vertreter der Banken und Gro\u00dfindustrie an der Spitze. Den nationalsozialistischen Gegenpol bildete die Vierjahresplanbeh\u00f6rde von G\u00f6ring, die den Keim der zuk\u00fcnftigen Staatswirtschaft darstellte, in der der einzelne Kapitalist als Eigent\u00fcmer im Interesse der Staates zu wirtschaften hatte. Auch im Bildungswesen existierten neben dem b\u00fcrgerlichen Schulsystem die NAPOLAs und Adolf-Hitler-Schulen.<\/p>\n<p>Durch den doppelten Staatsapparat gab es zwangsl\u00e4ufig viele Kompetenz\u00fcberschneidungen und Machtk\u00e4mpfe. Viele Institutionskonflikte dauerten bis zum Ende des NS-Staates an. Die Macht der Junker, aber auch der Schwerindustrie, schr\u00e4nkte der neue Teil des Staatsapparates enorm ein. Auch wenn der alte Staatsapparat unter dem Kommando der NSDAP stand, entsprachen seine privilegierten Repr\u00e4sentanten aus den besitzenden Schichten und ihre konservativen oder monarchistischen Weltanschauungen nicht den nationalsozialistischen Vorstellungen. In den SS-Organisationen herrschte schon die neue Elite, die sich haupts\u00e4chlich aus dem Kleinb\u00fcrgertum rekrutierte. Die Nazis wollten die Macht ihres Apparats immer weiter ausdehnen und den alten Staatsapparat sp\u00e4testens nach dem Krieg ganz verschwinden lassen.<\/p>\n<\/div>\n<div align=\"right\">\n<p><a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=162\">[Weiter]<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Einige Gedanken zur sozialen Dynamik des Krieges Krieg warf im 20. Jahrhundert die soziale Frage auf. Dabei entwickelte der Krieg eine eigene soziale Dynamik. Keine Regierung konnte einen lang andauernden Krieg ohne die Unterst\u00fctzung der Massen f\u00fchren, seit in Europa sp\u00e4testens seit der Jahrhundertwende \u00fcberall Armeen auf Grundlage der allgemeinen Wehrpflicht bestanden. Schon Lenin &hellip; <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=158\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">III. Wendepunkte: SS, Junker und Schwerindustrie<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-158","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/158","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=158"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/158\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":807,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/158\/revisions\/807"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=158"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}