{"id":1570,"date":"2018-11-27T15:59:48","date_gmt":"2018-11-27T14:59:48","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1570"},"modified":"2018-11-27T16:01:03","modified_gmt":"2018-11-27T15:01:03","slug":"antwort-auf-die-kritik-von-martin-schlegel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1570","title":{"rendered":"Antwort auf die Kritik von Martin Schlegel"},"content":{"rendered":"<p><em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Von der <strong>Initiative zum Aufbau einer revolution\u00e4ren kommunistischen Partei<\/strong><\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Kritisiert wird, es w\u00fcrde &#8222;nicht genau definiert, was die Autor(in)en unter Digitalisierung verstehen&#8220;. Digitalisierung ist kein marxistischer, sondern ein schwammig b\u00fcrgerlicher Begriff, dazu da, um nichts zu kl\u00e4ren, aber alles zu verwischen und zu verschleiern. Wir haben das ausdr\u00fccklich in der Fu\u00dfnote 1 unseres Textes dargelegt. Eine &#8222;genaue Definition&#8220; eines solchen an und f\u00fcr sich zwielichtigen Begriffs er\u00fcbrigt sich. Wir haben allerdings &#8211; wie im Text erl\u00e4utert &#8211; diesen schwammigen <\/span><\/span><span style=\"font-family: Symbol, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">\uf042<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">egriff wie auch andere derartige b\u00fcrgerliche Begriffe (z.B. &#8222;physisch&#8220; vs. &#8222;virtuell&#8220; &#8211; siehe Fu\u00dfnote 2 unseres Textes) aus praktischen Gr\u00fcnden und dem \u00fcblichen Sprachgebrauch folgend dennoch verwendet. Die &#8222;technischen Bestandteile&#8220; der Digitalisierung im Einzelnen zu er\u00f6rtern, war nicht unser Ziel. Die inkriminierte Definition auf S.8 stammt \u00fcbrigens nicht von uns, sondern ist ein Zitat von Ren\u00e9 Arnsburg (&#8222;Maschinen ohne Menschen? Industrie 4.0&#8220;). Dass der Begriff als solcher nicht nur &#8222;ungl\u00fccklich&#8220; ist, sondern direkt ein Fetischbegriff und dass er &#8222;die Softwareseite \u00fcberbetont&#8220; versteht sich &#8211; unser ganzer Artikel trommelt ja gerade gegen den &#8222;Digitalisierungs&#8220;-Fetisch.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Der Artikel, schreibst Du, h\u00e4tte sich zum Ziel gesetzt, &#8222;zu kl\u00e4ren, ob die Digitalisierung eine Revolution der Produktivkr\u00e4fte im Marx&#8217;schen Sinn ist&#8220;. Kritisiert wird infolgedessen, dass keine klare Begriffsbestimmung erfolge, was wir unter &#8222;Revolution der Produktivkr\u00e4fte&#8220; verst\u00fcnden. Aber das war gar nicht unser Ziel, weil wir &#8211; im Unterschied zu Dir, der Du die von Dir vorgeschlagene &#8222;zweite industrielle Revolution&#8220; begr\u00fcnden musst &#8211; ohnehin der Meinung sind, dass es sich nicht um eine &#8222;Revolution der Produktivkr\u00e4fte&#8220; handelt. Ziel des Artikels war es, Licht in den Radau um den Mythos und Fetisch Digitalisierung zu bringen. Dabei ging es auch (aber nicht nur) darum, ob es sich dabei um eine neue industrielle Revolution handelt oder nicht &#8211; und (damit eng verbunden) ob es sich um die Herausbildung einer neuen Produktionsweise handelt. Es wird dargelegt, dass es sich um keine neue Produktionsweise im Marx&#8217;schen Sinn handelt (d.h. um bestimmte Produktionsverh\u00e4ltnisse auf Basis eines bestimmten Entwicklungsgrades der Produktivkr\u00e4fte) und um eine zwar sprunghafte Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte, aber doch nur um eine spezifische Phase, in der die &#8222;st\u00e4ndige Revolutionierung der Produktivkr\u00e4fte&#8220; (Marx) einen sprunghaften Verlauf annimmt, nicht jedoch um eine so fundamentale Umw\u00e4lzung wie es die (erste) Industrielle Revolution war, die nicht nur einen qualitativen Sprung in der Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte bedeutete, sondern auch eine Revolution war, &#8222;die zugleich die ganze b\u00fcrgerliche Gesellschaft umwandelte&#8220; (Engels, &#8222;Die Lage der arbeitenden Klasse in England&#8220;, MEW 2, S.237), indem sie <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>alle<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> \u00f6konomischen und sozialen Verh\u00e4ltnisse revolutionierte (man denke &#8211; neben der Entwicklung des industriellen Kapitals und des Maschinensystems &#8211; an die Umw\u00e4lzung der Stadt-Land-Beziehungen, der massenhaften Umwandlung von Bauern in Proletarier und vor allem um die Beseitigung des Feudalismus und die Herausbildung neuer Klassenverh\u00e4ltnisse und -widerspr\u00fcche). Wir sprechen deshalb mit Marx von einer &#8222;st\u00e4ndigen Revolutionierung der Produktivkr\u00e4fte&#8220;, aber nicht von &#8222;Revolution der Produktivkr\u00e4fte&#8220;, um die mit dem Begriff &#8222;Revolution&#8220; im Sinne einer Umw\u00e4lzung aller gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse verbundene Konnotation zu vermeiden.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Aus denselben Gr\u00fcnden, aus denen wir meinen, dass es bei der Digitalisierung nicht um eine &#8222;vierte industrielle Revolution&#8220; geht, meinen wir auch, dass es nicht um eine &#8222;zweite&#8220; geht. Du nennst f\u00fcr Deinen Vorschlag als &#8222;Hauptgrund&#8220;, dass so wie seinerzeit die Hand durch die Werkzeugmaschine ersetzt wurde, heute einerseits dieser Ersatz des Menschen durch Maschinen (darunter auch Automaten, Roboter etc.) &#8222;neue Arbeitsbereiche&#8220; erfasst sowie andererseits nicht mehr nur die &#8222;Hand&#8220;, sondern auch das Auge (siehe Dein Tempomat-Beispiel) usw., also andere K\u00f6rperteile bzw. weitere F\u00e4higkeiten einbezieht (insbesondere bei der Steuerung und Regelung von Produktionsprozessen). Aber worum geht es hier der Sache nach? Es geht, wie Du richtig schreibst, einfach darum, dass &#8222;zus\u00e4tzliche Arbeitsschritte vom Menschen an die Maschine abgegeben werden&#8220;. Schon die allerersten Maschinen haben T\u00e4tigkeiten nicht nur der Hand, sondern auch des Auges \u00fcbernommen. Du selbst schreibst, dass die &#8222;Kopplung von Sensoren, eingebetteten Systemen und der Funkverbindung zwischen den Werkzeugmaschinen&#8220; dem &#8222;einen Schritt n\u00e4herkommt&#8220;, was Marx seinerzeit schon als das &#8222;eigentliche Maschinensystem&#8220; bezeichnete. Eben! Das unterstreicht doch, dass es bei der Digitalisierung &#8222;nur&#8220; um die mit der Kapitalverwertung untrennbar verbundene &#8222;st\u00e4ndige Revolutionierung der Produktivkr\u00e4fte&#8220; geht &#8211; und das alles auf einer kapitalistischen Basis, wie sie seit zwei Jahrhunderten besteht. Es geht zwar nicht um das Disputieren \u00fcber Begriffe, aber es erschlie\u00dft sich uns nicht, weder die <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Berechtigung<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> des Begriffs der &#8222;zweiten industriellen Revolution&#8220; (also einer &#8222;Revolution&#8220;, die sich historisch auch nur ann\u00e4hernd mit der (ersten) Industriellen Revolution messen k\u00f6nnte; sonst w\u00e4re ja der Begriff genauso unangebracht wie der der &#8222;vierten&#8220;), noch der <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Nutzen<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> dieses Begriffs f\u00fcr eine marxistische Analyse. Wir sehen umgekehrt die Gefahr, damit, ob man will oder nicht, unfreiwillig dem bourgeoisen Fetisch der &#8222;vierten&#8220; zuzuarbeiten (&#8222;neue Produktionsweise&#8220;).<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Inwiefern wir &#8222;die in den Industrie 4.0 -Papieren behauptete (vierte) industrielle Revolution (Anm.: Du schreibst in Deiner Kritik &#8222;zweite&#8220;, aber das ist offenbar ein Schreibfehler) kritiklos \u00fcbernehmen&#8220; (angeblich auf S.20), um indes anschlie\u00dfend das genaue Gegenteil zu schreiben (S. 21), hier also irgendwie &#8222;schwanken&#8220;, erschlie\u00dft sich uns nicht. Der ganze Artikel ist doch eine einzige Kritik an dem &#8222;Industrie 4.0&#8220;-Gelaber. Was die Sache selbst betrifft, stimmst Du aber offenbar den von Dir angef\u00fchrten Zitaten aus unserem Artikel zu, n\u00e4mlich dass es sich bei der angeblichen &#8222;vierten industriellen Revolution&#8220; nur um die &#8222;Fortsetzung, eine neue Phase der dritten, die n\u00e4chste Stufe der Automatisierung&#8220; handelt. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Was die Studien zur Propagierung massenhafter Arbeitsplatzvernichtung (Frey Osborne und Nachfolger) betrifft, wirfst Du uns dar\u00fcber hinaus einen &#8222;sachlichen Fehler&#8220; vor. Du sagst, diese Studien w\u00fcrden sehr wohl auf &#8222;zum Zeitpunkt der Untersuchungen (bereits) marktreifen Technologien&#8220; beruhen und zitierst sie auch positiv in Deiner Arbeit &#8222;Industrie 4.0&#8220;. Du irrst. Die Autoren der Studien behaupten das zwar, aber es muss ja deshalb nicht wahr sein. Ein schlagendes Beispiel ist der\/die &#8222;N\u00e4her\/in (Hand)&#8220;, der\/die bei Frey Osborne mit einer Wahrscheinlichkeit von 99%, erwischt zu werden, in der Rangfolge der &#8222;probability of computerisation&#8220; auf dem dritt-most-probable Rang 700 rangiert (von 702 &#8222;Berufsbildern&#8220; auf einer aufsteigenden Skala je nach Wahrscheinlichkeit, wegcomputerisiert oder wegrobotisiert zu werden). Glaubte man dieser Studie, w\u00e4ren &#8222;in zehn bis zwanzig Jahren&#8220; alle N\u00e4herinnen weltweit wegrobotisiert. Diesbez\u00fcgliche marktschreierische Artikel in den Bourgeoismedien titeln dementsprechend z.B. &#8222;Der Todesstich des N\u00e4hroboters&#8220; (&#8222;Welt online&#8220;). Aber von wegen &#8222;marktreife Technologien&#8220;! Es gibt derzeit noch gar keine N\u00e4hroboter in nennenswertem Umfang im Einsatz, es gibt lediglich zwei erste bescheidene Versuchsprojekte von Adidas und die auch mit gemischten technischen Erfahrungen (siehe den Kasten auf S.19 unseres Artikels). Anderes Beispiel: Die Firma MX3D, die die ber\u00fchmte Br\u00fccke in Amsterdam &#8222;sich selbst bauen l\u00e4sst&#8220;, h\u00e4lt ihr Verfahren f\u00fcr das &#8222;Drucken&#8220; von Stahlbr\u00fccken f\u00fcr &#8222;in B\u00e4lde marktreif&#8220;, aber in Wirklichkeit sind sie meilenweit davon entfernt und selbst f\u00fcr die l\u00e4cherliche 8-Meter-Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke ist noch nicht ausgemacht, ob das technische Verfahren h\u00e4lt, was es verspricht &#8211; von der dreij\u00e4hrigen Bauzeit und den enormen Kosten gar nicht zu reden. Also: nicht nur kommerzielle (das sowieso), sondern auch technische Probleme sind noch ungel\u00f6st. Die Prognose von Frey Osborne ist daher pures Geschw\u00e4tz &#8211; selbst wenn noch so gute Robotikexperten glauben, dies aufgrund einer abstrakten &#8222;Analyse&#8220; abstrakter taktiler, intellektueller und sonstiger Fertigkeiten behaupten zu k\u00f6nnen, obwohl sie wahrscheinlich keine Ahnung von den respektiven Produktionsprozessen und noch nie eine N\u00e4hfabrik von innen gesehen haben. Wie kann man solchen Studien auch nur einen Funken an Plausibilit\u00e4t zusprechen? (Siehe dazu auch den Exkurs zur Frey Osborne Studie am Ende des Textes.) Du wirfst uns Laxheit vor? Laxheit gegen\u00fcber diesen Studienfabrikanten? Das sind interessierte Schreibknechte der Bourgeoisie, bestenfalls in ihrer eigenen bourgeoisen Borniertheit verfangen, meist direkte Auftragsschreiber. Wie stehst eigentlich Du dazu? Einerseits konzedierst Du in Deiner &#8222;Industrie 4.0&#8220;, dass auf Basis dieser Studien &#8222;keine seri\u00f6sen Angaben gemacht werden k\u00f6nnen&#8220; (AzD 87, S.57), andererseits schreibst Du z.B.: &#8222;Auch wenn die Boston Consulting Group in ihrer Studie ihre Prognosemethoden nicht beschreibt, so ist davon auszugehen, dass sie das n\u00f6tige Fachwissen daf\u00fcr besitzt.&#8220; (ebenda, S.56) Wie bitte? &#8222;Fachwissen&#8220; &#8211; dass wir nicht lachen! als ob es darauf ank\u00e4me! Das hei\u00dft \u00fcbrigens nicht, dass man ggf. aus solchen Studien auch Nutzen ziehen kann, v.a. aus tats\u00e4chlichem Datenmaterial, nicht aber aus Prognosen, die Prognosen sind immer interessengesteuert, und zwar durch direkt bezahlte und\/oder ideologieinduzierte Bourgeoisieinteressen.<\/span><\/span><i> <\/i><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"en-US\">&#8222;It is difficult to get a man to understand something, when his salary depends upon his not understanding it!&#8220; <\/span><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">(Upton Sinclair) <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Relative Arbeitsplatzvernichtung ist eine best\u00e4ndige und gesetzm\u00e4\u00dfige Erscheinung im Zuge der kapitalistischen Akkumulation, einmal st\u00e4rker, einmal schw\u00e4cher. Relativ nat\u00fcrlich nur, nicht zwingend absolut. Selbstverst\u00e4ndlich wird die weitere und forcierte Digitalisierung, eigentlich Automatisierung massenhaft weitere Arbeitspl\u00e4tze vernichten. Dies findet best\u00e4ndig und systematisch statt. Z.B. wurden zwischen 1980 und 2015 70% der deutschen Stahlarbeiter wegrationalisiert, und zwar ganz ohne nennenswerte Auswirkungen der Digitalisierung (siehe unser Beispiel auf S. 37\/38 in unserem Artikel). Es gibt viele Beispiele dieser Art. Und jetzt gibt es gro\u00dfe Studien und Debatte, ob es in Zukunft Arbeitsplatzvernichtung durch kapitalistische Rationalisierung geben wird? Klar wird es das geben &#8211; allerdings wird es nicht nur an der Digitalisierung liegen. Daf\u00fcr br\u00e4uchte man keine dieser Studien und alle deren Aussagen \u00fcber Ausma\u00df und konkrete Auspr\u00e4gung dieser Entwicklung sind sowieso nur Hellseherei oder blanke auftragsorientierte Scharlatanerie. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Schlie\u00dflich noch zu Deiner Kritik an der Formulierung &#8222;ob das eine das andere kompensiert&#8220; (im Zusammenhang mit der Frage Arbeitsplatzvernichtung vs. -Neuschaffung) und dessen &#8222;Widerlegung&#8220; mit dem anschlie\u00dfenden Marx-Zitat. Das ist reine Wortklauberei. Der inkriminierte Passus unseres Artikels hat mit der seinerzeitigen apologetischen &#8222;Kompensationstheorie&#8220; (die behauptete, durch den Ersatz des Menschen durch die Maschine ginge keine Arbeit, also keine Arbeitspl\u00e4tze verloren) \u00fcberhaupt nichts zu tun &#8211; au\u00dfer dem Wort &#8222;kompensiert&#8220;. Er meint ganz im Gegenteil eben das, was Marx im ersten Satz des von Dir angef\u00fchrten Zitats schreibt: &#8222;Obwohl die Maschinerie notwendig Arbeiter verdr\u00e4ngt in Arbeitszweigen, wo sie eingef\u00fchrt wird, so kann sie dennoch eine Zunahme von Besch\u00e4ftigung in anderen Arbeitszweigen hervorrufen.&#8220; Bei uns hei\u00dft es: &#8222;&#8230; werden f\u00fcr den Digitalisierungsprozess, wie \u00fcberhaupt f\u00fcr Rationalisierungen jeder Art, Arbeiter nicht nur an einer Stelle \u00fcberfl\u00fcssig, sondern auch an andere Stelle ben\u00f6tigt, sei es in anderen Produktionsprozessen, in anderen Funktionen, mit anderer Qualifikation usw. &#8222;. Und dann folgt der Anlass Deiner Entr\u00fcstung: &#8222;Nun kann man lange dar\u00fcber diskutieren, ob das eine das andere kompensiert oder nicht und welche Umschichtung der Gesamtarbeitskraft erfolgen werden &#8211; solange es gar kein klares Bild gibt, was genau an Digitalisierung in den verschiedenen Branchen konkret auf uns zukommt, ist das eine m\u00fc\u00dfige Debatte.&#8220; Au\u00dfer der Wortklauberei um das W\u00f6rtchen &#8222;kompensiert&#8220; f\u00fchrt das nur wieder auf die obige Frage zur\u00fcck, inwieweit im Zusammenhang mit der Digitalisierung bereits &#8222;marktreife Technologien&#8220; vorliegen oder eben (noch) nicht. Vielleicht h\u00e4tten wir halt besser &#8222;ob bzw. inwieweit&#8220; schreiben sollen oder &#8222;mehr oder weniger&#8220; einf\u00fcgen, um solcher Wortklauberei den Boden zu entziehen. Aber der Sache nach ist es nur Wortklauberei.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Exkurs zur Frey Osborne Studie, der Mutter aller diesbez\u00fcglichen Studien<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Wir haben nicht alles, was es zu dieser und daran angelehnten Studien zu sagen g\u00e4be, in unseren Artikel hineingepackt, daher hier einige zus\u00e4tzliche Anmerkungen. Frey Osborne (bzw. die Robotikexperten, die ihnen zuarbeiteten) haben sich offenbar \u00fcberhaupt nicht mit konkreten Produktionsprozessen bzw. Branchen besch\u00e4ftigt, sondern nur ein statistisches Konstrukt fabriziert, indem sie einfach \u00fcber eine Statistik von &#8222;Berufsbildern&#8220; (nach der Klassifikation des US Department of Labor) eine von ihnen angenommene und durch keinen Gegencheck mit der wirklichen Industrie gewonnene hypothetische Wahrscheinlichkeitsstruktur (&#8222;probabilities of computerisation&#8220;) der Ersetzungsm\u00f6glichkeit des Arbeiters durch die Maschine gelegt haben. Die Studie schaut sehr wissenschaftlich aus, in jeder Hinsicht breit ausgew\u00e4lzt, mit f\u00fcr den Laien kompliziert aussehenden Formeln (obwohl banale Mathematische Statistik), auch sehr detailliert &#8211; alles um, wie in diesem Metier \u00fcblich, ihr einen wissenschaftlichen Anstrich zu verpassen und ihre Haltlosigkeit zu \u00fcbert\u00fcnchen. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><span lang=\"en-US\">Sogar Selbstrelativierungen fehlen nicht: &#8222;Making predictions about technological progress is notoriously difficult.&#8220; <\/span><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">(S.43) Wie wahr! Aber das spielt keine weitere Rolle, es dient vielmehr eher der Selbstbeweihr\u00e4ucherung (Meisterung einer notoriously difficult challenge), unbeirrt wird das abstrakte statistische Konstrukt fortgesponnen. Frey Osborne prognostizieren detailliert die Zukunft von 702 Berufsbildern (!). Das ist viel und macht Eindruck. Ob man freilich f\u00fcr eine derartige Prognose z.B. die Zukunft der Handvoll &#8222;Schiedsrichter und Sportfunktion\u00e4re&#8220; prognostizieren muss (f\u00fcr sie schaut es \u00fcbrigens gar nicht gut aus &#8211; Nr. 684 mit 98% Risiko), ist nat\u00fcrlich fraglich &#8211; aber irgendwie muss man ja auf die beeindruckende Zahl von 702 kommen. Daf\u00fcr sind &#8222;Juweliere, Edelsteinbearbeiter und Metallarbeiter&#8220; wiederum in einer Kategorie zusammengefasst (das spricht f\u00fcr eine &#8222;brutale Interessiertheit f\u00fcr den Stoff&#8220;, wie Marx sagen w\u00fcrde &#8211; \u00fcbrigens liegen sie mit 95% Risiko auf Platz 626). Es fehlt nicht an Kuriosit\u00e4ten in der Liste auf den Seiten 57 bis 72. K\u00f6che z.B. werden mit 96% &#8222;probability of computerisation&#8220; erwischt (d.h. es w\u00fcrde au\u00dfer den paar f\u00fcr die Luxusetablissements der Bourgeoisie keine K\u00f6che mehr geben, wahrscheinlich weil die Studie annimmt, dass bis dahin ohnehin alle nur mehr von Automaten erzeugte instant fast food fressen), Kellner mit 96% (weil man sich diesen Dreck ebenfalls aus einem Automaten holt), Uhrmacher (Uhrenreparateure) mit 99% und Fahrradreparateure mit 94% (wahrscheinlich weil alle nur mehr Wegwerfuhren und Wegwerffahrr\u00e4der benutzen, letzteres vielleicht auch, weil &#8222;in zehn bis zwanzig Jahren&#8220; die meisten aus dem obigen Grund ohnehin zu fett sein werden). An Chuzpe dieser Art gibt es vieles. Folgende Punkte sind ganz generell gegen die gegenst\u00e4ndliche Studie (und in \u00e4hnlicher Weise angelegte und auf ihr aufbauenden Studien) einzuwenden. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Erstens <\/b><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">sind &#8222;Berufsbilder&#8220; ohne R\u00fccksicht auf die konkreten T\u00e4tigkeiten und quer durch alle Branchen ein nutz- und sinnloser Ausgangspunkt. Ein Schlosser z.B. (Nr. 420 mit 77% probability to get redundant) kann alle m\u00f6glichen T\u00e4tigkeiten in allen m\u00f6glichen Produktionszusammenh\u00e4ngen verrichten, vom Aufsperrdienst f\u00fcr den Privathaushalt bis zum hochspezialisierten Maschinenschlosser in der gro\u00dfen Fabrik. Man muss sich die konkreten Produktionsprozesse anschauen. &#8222;Berufsbilder&#8220; sind nicht T\u00e4tigkeiten und T\u00e4tigkeiten werden immer in konkreten arbeitsteiligen Zusammenh\u00e4ngen geleistet. Die 77% sind von Robotikexperten, die wahrscheinlich nicht viel \u00fcber die konkreten Arbeitsprozesse wissen, aus den abstrakten Elementen von &#8222;Schlosserarbeit&#8220;, dem &#8222;Berufsbild&#8220; eben, abgeleitet. Eine Projektion auf Basis von &#8222;Berufsbildern&#8220;, ohne Ber\u00fccksichtigung der konkreten Realit\u00e4t in den konkreten Branchen, ist nur eine abstrakte Fiktion. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Zweitens<\/b><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> sind die &#8222;Wahrscheinlichkeiten&#8220;, mit denen gearbeitet wird, haltlos und unnachvollziehbar. Kompliziert erscheinender Formelkram und wissenschaftliches Larifari sollen die Hohlheit verbergen. Haupts\u00e4chlich bedienen sie sich mehr oder weniger willk\u00fcrlicher statistischer Kr\u00fccken. Dazu kommen einige elementare Annahmen. Zu den Annahmen, die dahinter stecken, geh\u00f6ren z.B. das &#8222;Streben des Arbeiters nach Maximallohn&#8220; (als ob das &#8222;Streben&#8220; reichen w\u00fcrde &#8211; aber Lohnraub und -dr\u00fcckerei werden auf diese Art wegeskamotiert!) und die Existenz &#8222;perfekt-elastischer M\u00e4rkte&#8220; mit freier Marktpreisbildung (&#8222;perfectly elastically at market price&#8220; &#8211; im Zeitalter des Monopolkapitals und des Imperialismus!). <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Drittens<\/b><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> erfolgt keinerlei Quercheck mit Projektionen f\u00fcr konkrete Produktionsprozesse und Branchen. So zeigt z.B. die &#8222;strategische Planung&#8220; der realen Stahlkapitalisten ein ganz anderes Bild als diese Studien. Die Frage &#8222;marktreifer Technologien&#8220; stellt sich halt deren Entwickler bzw. Vermarktungsaspirant, der das Ding auf Teufel komm raus verkaufen will, oder der Robotikprofessor, der gl\u00e4nzen will, meist ganz anders vor als der Kapitalist, der das Risiko seiner Investition konkret einsch\u00e4tzen wollen wird. Ein gutes Beispiel ist die Bauwirtschaft, in der sich die Digitalisierung (Stichwort: irgendetwas &#8222;baut sich selbst&#8220;) bisher praktisch nur in (meist staatsfinanzierten) F&amp;E-Projekten abspielt und sogar die Optimisten der ETH Z\u00fcrich davon ausgehen, dass noch &#8222;zwei bis drei Jahrzehnte bis zur kommerziellen Verwertbarkeit&#8220; vergehen werden (siehe dazu aufschlussreich den Kasten auf S.18 unseres Artikels). Auch eine Untersuchung der Stahlindustrie, der Papierindustrie, des Kraftwerksbaus und einiger weiterer Produktionszweige, die wir uns konkret angeschaut haben, sowie der Digital Factory von Siemens zeigt ein wesentlich &#8222;bescheideneres&#8220; Bild der Marktreife so mancher Technologie und damit die Haltlosigkeit der angesprochenen Studien. Dazu kommt <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>viertens<\/b><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> das Thema, dass nicht nur technische Faktoren ma\u00dfgeblich sind, sondern &#8211; wir leben im Kapitalismus! &#8211; in allererster Linie die Profitabilit\u00e4t sowie auch die gesellschaftliche Durchsetzbarkeit. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>F\u00fcnftens <\/b><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">wird in der Studie ausgeblendet, dass ja auch die neuen Technologien praktisch angewendet werden m\u00fcssen und daher f\u00fcr Entwicklung, Konstruktion, Produktion, Instandhaltung, Betrieb, technische Weiterentwicklung usw. ebenfalls Arbeiter notwendig sind, wenn auch mit anderen &#8222;Berufsbildern&#8220;. Vielleicht glauben manche, man brauche irgendwann keine Schwei\u00dfer mehr, weil es ja Schwei\u00dfroboter g\u00e4be. Aber es \u00e4ndert sich &#8222;nur&#8220; die Art der T\u00e4tigkeit, an der Notwendigkeit der technologischen und technischen Kenntnis, F\u00e4higkeit, Erfahrung etc. \u00e4ndert sich nichts. Ohne Beherrschung von Schlosserei, Werkzeugmacherei, Schwei\u00dferei usw. usf. wird man keine Roboter bauen k\u00f6nnen, die die diesbez\u00fcgliche menschliche Arbeit ersetzen. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Sechstens<\/b><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> setzt<\/span><\/span><b> <\/b><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">der lange Zeithorizont ein gewaltiges Fragezeichen, im gegenst\u00e4ndlichen Fall &#8222;nur&#8220; von &#8222;zehn bis zwanzig Jahren&#8220;, nicht selten aber noch viel l\u00e4nger. Man braucht sich nur vergleichbare Prognosen von vor zehn, zwanzig oder drei\u00dfig Jahren (z.B. \u00fcber den zu erwartenden Verlust von Arbeitspl\u00e4tzen durch dies oder das) anschauen und sie mit der heutigen Realit\u00e4t vergleichen, um sich ein Bild der Reliabilit\u00e4t dieser Studien zu machen. Genauso wird es den heutigen Prognosen ergehen. Kein Wunder in einer anarchischen kapitalistischen Wirtschaft und einer Imperialismuslandschaft im Umbruch. Abgesehen von der ebenfalls ungewissen weiteren technologischen und technischen Entwicklung (die wiederum von der Entwicklung der kapitalistischen Akkumulation und speziell der Profitrate getrieben wird) wird es in den n\u00e4chsten &#8222;zehn bis zwanzig Jahren&#8220; vermutlich zu betr\u00e4chtlichen Verwerfungen und Ersch\u00fctterungen der Kapitalverwertung kommen, schwere Kriseneinbr\u00fcche, Kriege &#8230; Wahrscheinlicher als dass diese Studien sich bewahrheiten ist es, dass die Kapitalisten &#8222;in zwanzig Jahren&#8220; mit dem Wiederaufbau der zerst\u00f6rten Industrie nach dem n\u00e4chsten gro\u00dfen Krieg besch\u00e4ftigt sein werden. Studien dieser Art, wie man sie zu Hauf auf allen Gebieten findet, um aus &#8222;brutaler Interessiertheit&#8220; (sch\u00f6ne Formulierung von Marx!) irgendetwas f\u00fcr die Zukunft zu behaupten und die Behauptung &#8222;wissenschaftlich&#8220; zu begr\u00fcnden, m\u00f6gen als Doktorarbeit in Mathematischer Statistik mit Ach und Krach durchgehen, rufen interessiertes bis l\u00e4rmendes &#8222;Medieninteresse&#8220; hervor und erscheinen vielleicht dem unbedarften und staunenden Gutgl\u00e4ubigen unglaublich &#8222;wissenschaftlich&#8220;, sind aber nur professorale Rosst\u00e4uscherei und Medienhype. Dass in der Realit\u00e4t bei weitem nicht so hei\u00df gegessen wird wie gekocht wei\u00df \u00fcbrigens auch die Bourgeoiswissenschaft selbst &#8211; siehe z.B. Bonin &amp; Co, wenn aus 42% Bedrohungspotential letztlich nur 12% werden (siehe S. 35 unseres Artikels, aber ebenso bei Dir in AzD 87, S.54).<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der Initiative zum Aufbau einer revolution\u00e4ren kommunistischen Partei Kritisiert wird, es w\u00fcrde &#8222;nicht genau definiert, was die Autor(in)en unter Digitalisierung verstehen&#8220;. Digitalisierung ist kein marxistischer, sondern ein schwammig b\u00fcrgerlicher Begriff, dazu da, um nichts zu kl\u00e4ren, aber alles zu verwischen und zu verschleiern. 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