{"id":1558,"date":"2018-11-27T16:00:24","date_gmt":"2018-11-27T15:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1558"},"modified":"2018-11-27T16:00:24","modified_gmt":"2018-11-27T15:00:24","slug":"hundert-jahre-russische-revolutionen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1558","title":{"rendered":"Hundert Jahre russische Revolutionen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><i><\/i><b>Kritische R\u00fcckschau auf einige Publikationen (Teil 1)<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>&#8222;Sich kritisch mit der russischen Revolution in allen historischen Zusammenh\u00e4ngen auseinanderzusetzen, ist die beste Schulung der deutschen wie der internationalen Arbeiter f\u00fcr die Aufgaben, die ihnen aus der gegenw\u00e4rtigen Situation erwachsen.&#8220;<br \/>\nRosa Luxemburg<\/i><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i><\/i><em><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Von Alfred Schr\u00f6der<\/span><\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Rosa Luxemburgs vor 100 Jahren ge\u00e4u\u00dferter Wunsch nach einer kritischen Aufarbeitung der russischen Revolution ist naheliegend und verst\u00e4ndlich, hatte sie doch selbst in der oben zitierten Schrift neben pathetischem Lob auch deutliche Kritik an der Politik der Bolschewiki formuliert. Wie ist der Stand der historischen Aufarbeitung heute, ein Jahrhundert sp\u00e4ter, zu bewerten? <\/span><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Bevor wir uns mit den Publikationen der Linken befassen, soll zun\u00e4chst ein <\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Buch vorgestellt werden, das in gewisser Weise den Stand der b\u00fcrgerlichen Wissenschaft in knapper und gut lesbarer Form zusammenfasst und damit einen tauglichen Parameter liefern kann, an dem die Publikationen der deutschen Linken zu messen sein werden. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Ein Blick auf den Stand der b\u00fcrgerlichen Wissenschaft<\/b><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Gemeint ist das aktuelle Werk von <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Stephen A. Smith: Revolution in Russland, Darmstadt 2017<\/i><\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">. Das Buch von ann\u00e4hernd 500 Seiten Umfang und einem Preis von knapp unter 40 Euro ist auch f\u00fcr den historischen Laien gut lesbar und informativ, ohne langweilig zu werden oder sich in Nebens\u00e4chlichkeiten zu verlieren. Der Autor erweist sich unserer Meinung nach dem Thema in jeder Hinsicht gewachsen, sachkundig und auf dem Stand der wissenschaftlichen Forschung. Der von ihm behandelte Zeitraum reicht von den 80er Jahren des 19.\u00a0Jahrhunderts bis zum Ende der \u201eNeuen \u00f6konomischen Politik\u201c Ende der 20er Jahre, wobei gerade die N\u00d6P in dem Buch besonders ausf\u00fchrlich (weit \u00fcber 100 Seiten) dargestellt wird. In einem Schlusswort bezieht der Autor seine eigene politische Position zu den Ereignissen. Wer die historischen Besonderheiten Russlands und die Triebkr\u00e4fte der Revolution verstehen will, kann in diesem Buch ausreichend Material finden, um sich ein eigenst\u00e4ndiges Bild der historischen Ereignisse zu verschaffen. Wer ist Smith?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Stephen A. Smith ist Professor f\u00fcr Geschichte am All Souls College der Universit\u00e4t Oxford und einer der renommiertesten Russland-Historiker. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Sozialgeschichte Russlands und die Russischen Revolutionen (sowie \u201evergleichende Kommunismusforschung\u201c). Wie uns der Verlag weiter im Klappentext mitteilt, sei er der \u201ebeste englische Kenner der russischen Revolution\u201c. Nach so vielen Vorschusslorbeeren f\u00fcr den Autor nun zum Thema. Was hat die b\u00fcrgerliche Forschung in den letzten Jahrzehnten an neuen Erkenntnissen \u00fcber die Voraussetzungen, gesellschaftlichen Triebkr\u00e4fte und politischen Parteien der russischen Revolution ans Licht gebracht oder problematisiert? Welche Erkenntnisse k\u00f6nnten linke Historiker aus diesem Forschungsstand ziehen?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">An folgenden Fragestellungen, die \u2013 um es vorweg zu nehmen \u2013 von der Mehrzahl der linken deutschen Historiker nicht behandelt werden, werden wir die Positionen Smiths vorstellen:<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<ul>\n<li>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Wie stellt er den russischen Staat vor?<\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Wie stellt er die Klassen der russischen Gesellschaft vor?<\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Was sagt er zur Februar- und Oktoberrevolution, zu den Bolschewiki (und zum deutschen Geld)?<\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Staat<\/b><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die Frage nach den historischen Besonderheiten des zaristischen Staates wird von der marxistischen Geschichtsschreibung selten aufgeworfen. Dabei ist sie f\u00fcr die Revolutionen des Jahres 1917 von entscheidender Bedeutung. Der zaristische Staat war seit Jahrhunderten ein agrarisch gepr\u00e4gter Fl\u00e4chenstaat, der auf Grund seiner \u00f6konomischen Schw\u00e4che keine f\u00fcr eine stabile Herrschaft notwendige B\u00fcrokratie und Ordnungsmacht ausbilden konnte. In Zeiten gesellschaftlicher Krisen und Unruhen war die Armee mit ihrem adligen Offizierskorps, b\u00e4uerlichen Soldaten und kosakischen \u201eSondertruppen\u201c die eigentliche St\u00fctze des zaristischen Regimes. Smith dazu: &#8222;Ungeachtet seiner vielf\u00e4ltig demonstrierten milit\u00e4rischen und administrativen Macht war der zaristische Staat strukturell schwach, wenngleich nicht ineffektiv. Die zentralistische Regierung verf\u00fcgte \u00fcber begrenzte Ressourcen an Material und Menschen, die Steuerertr\u00e4ge waren gering, die Verwaltung nicht ausreichend besetzt und durch unklare Rechtsverh\u00e4ltnisse und Kompetenzbereiche sowie durch Korruption \u2026 beeintr\u00e4chtigt.&#8220; (S.\u00a028)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;\u00dcberdies ist augenf\u00e4llig, wie schwach die Polizeikr\u00e4fte tats\u00e4chlich waren: Bis in die 1890er Jahre waren sie unterhalb der Ebene der Verwaltungsbezirke die einzigen Repr\u00e4sentanten der Regierung, doch musste um 1900 ein einzelner Landkonstabler mit der Unterst\u00fctzung von ein paar Polizeibeamten niederen Ranges bis zu 2,6 Quadratkilometer und zwischen 50.000 und 100.000 Einwohner \u00fcberwachen. Da Polizisten sehr viel kostentr\u00e4chtiger waren als Soldaten, lie\u00df das Regime gef\u00e4hrlichere Aufruhrversuche durch die Armee niederschlagen. Insofern war die Regierungsgewalt im zaristischen Russland zu wenig durchschlagkr\u00e4ftig und die B\u00fcrokratie zu schw\u00e4chlich, als dass von einem Polizeistaat \u2026 gesprochen werden k\u00f6nnte.&#8220; (S.\u00a030)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Im vierten Kriegsjahr war das adlige Offizierskorps durch Verluste deutlich dezimiert und inzwischen durch Offiziere aus dem B\u00fcrgertum und dem st\u00e4dtischen Kleinb\u00fcrgertum ersetzt worden. Die Masse der Bauernschaft verabscheute den Krieg und hasste ihre Offiziere. Dies erkl\u00e4rt die Schnelligkeit und Gr\u00fcndlichkeit, mit der der zaristische Staat im Februar\/M\u00e4rz 1917 gest\u00fcrzt und zerschlagen werden konnte. Nachdem die b\u00e4uerlichen Armeeregimenter zum proletarischen Aufstand \u00fcbergelaufen waren, wurden Polizei und Gendarmerie mit Waffengewalt zerschlagen. Ihre den Aufstand \u00fcberlebenden Mitglieder verschwanden im Untergrund, um nicht von den aufst\u00e4ndischen Arbeitern get\u00f6tet zu werden. Die kosakischen \u201eSondertruppen\u201c allein konnten den Zarismus nicht retten und versuchten es im Fr\u00fchjahr 1917 erst gar nicht.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Der alte zaristische Gewaltapparat war durch die Februarrevolution weitgehend beseitigt worden und l\u00f6ste sich in den folgenden Monaten vollst\u00e4ndig auf. Die Grundlage der neuen Macht bildeten die Bajonette der Bauernarmee. (Welch fundamentaler Gegensatz zu der deutschen Novemberrevolution 1918, in der die Sozialdemokratie den preu\u00dfisch-deutschen Beamtenstaat und das Fundament der junkerlichen Armee vor der Revolution \u201erettete\u201c.)<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a> Die sich abl\u00f6senden \u201eProvisorischen Regierungen\u201c Russlands hatten keinen intakten zaristischen Staatsapparat als Grundlage ihrer Macht \u201egeerbt\u201c, sondern als Fundament ihrer Legitimation nur die Sowjets, die die bewaffnete Macht der vom Kleinb\u00fcrgertum dominierten Bauernregimenter verk\u00f6rperten. Ohne Staatsapparat l\u00e4sst sich aber schlecht \u201eherrschen\u201c, und die Schw\u00e4che der Provisorischen Regierungen war allgemein bekannt. F\u00fcr den weiteren Verlauf der Revolution 1917 war dies von entscheidender Bedeutung (wie umgekehrt die sozialdemokratische \u201eRettung\u201c des preu\u00dfischen Milit\u00e4r- und Junkerstaats ein Jahr sp\u00e4ter in Deutschland den Sieg der Konterrevolution sicherte).<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Wie sah es mit der Staatsmacht nach der bolschewistischen Machteroberung aus? Konnte das historische Erbe des agrarisch gepr\u00e4gten Fl\u00e4chenstaates (keine ausreichende staatliche Verwaltung) durch die \u201ebolschewistische Diktatur\u201c \u00fcberwunden werden?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Dennoch blieb auch der bolschewistische Staat in vieler Hinsicht &#8217;schwach&#8216;. Seine F\u00e4higkeit, den Bauern die zur Industrialisierung ben\u00f6tigten Ressourcen abzuringen, blieb begrenzt, und auf das Land hatte die Regierung nur wenig Einfluss. Wenn ein Staat stark genannt werden darf, der sich auf eine reibungslos funktionierende B\u00fcrokratie und eingeschliffene Verfahrensweisen der Regierung verlassen kann, dann war der Staat der Bolschewiki schwach &#8230;\u201c (S.\u00a0433)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Nicht anders schildert Helmut Altrichter in seiner Habilitationsschrift \u201eDie Bauern von Tver\u201c die Situation auf dem Dorf, wo ja noch immer die gro\u00dfe Masse der russischen Bev\u00f6lkerung lebte: \u201eDas flache Land blieb von den Vorg\u00e4ngen in Petrograd \u2026 unber\u00fchrt. \u2026 An die Ausweitung der R\u00e4tebildung aufs Dorf &#8218;von oben&#8216; war nicht zu denken, daf\u00fcr fehlten alle Voraussetzungen: neben den geeigneten Kandidaten, die Macht und die Argumente, um die Bauern von der Notwendigkeit der neuen Institution zu \u00fcberzeugen. Weiterhin entschieden Dorfversammlung (schod) und Dorf\u00e4ltester (starosta) alle wichtigen, das Gemeinwesen ber\u00fchrenden Fragen. \u2026 Was sich auf dem Dorf wirklich \u00e4nderte, waren Tempo und Ausma\u00df der Enteignungen.\u201c<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote2sym\" name=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die \u201ebolschewistische Diktatur\u201c war in ihrem ersten Jahrzehnt eine st\u00e4dtische Herrschaft. Sie auf das Land auszudehnen, wo die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung lebte, war nach der Revolution in den 20er Jahren nur sporadisch und nur f\u00fcr kurze Zeit mit bewaffneten Trupps von Arbeitern m\u00f6glich. Zogen die bewaffneten Trupps ab, \u00fcbernahm die Dorfversammlung wieder das Zepter. Ein \u201estarker Staat\u201c sieht anders aus. Erst mit der Kollektivierung bekam der Staatsapparat Einfluss auf den agrarisch gepr\u00e4gten Teil Russlands.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Bauernschaft<\/b><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Kommen wir nun zur Bauernschaft, jenen 80 Prozent der russischen Bev\u00f6lkerung, die allein auf Grund ihrer Masse das Schicksal der Revolution entscheiden mussten. Wie war ihre gesellschaftliche Verfasstheit und wie war sie politisch organisiert?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;An der Wende zum 20. Jahrhundert waren etwa drei Viertel des in b\u00e4uerlichem Besitz befindlichen Landes, darunter fast die H\u00e4lfte des Ackerlands, einer einzigartigen Form von Verwaltung unterworfen, in der die Haushaltsvorst\u00e4nde das der Gemeinschaft geh\u00f6rende Ackerland periodisch neu unter die betreffenden Haushalte aufteilten. Des Weiteren entschied diese Dorfversammlung dar\u00fcber, wann die Haushalte pfl\u00fcgen, s\u00e4en, ernten oder Heu machten sollten. Solche Art von kollektiver Kontrolle hatte den Zweck, unw\u00e4gbare Umweltrisiken zu minimieren und daf\u00fcr zu sorgen, dass die Armen nicht zur Belastung wurden. Die Dorfversammlung war auch f\u00fcr die Steuerzahlung der Haushalte verantwortlich und musste Recht und Ordnung aufrechterhalten.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">1905 verf\u00fcgten in den 46 Provinzen des europ\u00e4ischen Teils von Russland 8,68 Millionen Haushalte \u00fcber Land, das formell der kommunalen Neuaufteilung unterstand, w\u00e4hrend 2,3 Millionen \u00fcber Landbesitz auf erblicher Basis verf\u00fcgten (das also vom Vater auf den Sohn \u00fcberging). \u2026 Im Baltikum gab es keine derartigen Dorfgemeinschaften, und in der Ukraine herrschte die Erbfolge vor.&#8220; (S.\u00a037f)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Bemerkenswert sind hier zwei Dinge. Zum einen die regionalen Unterschiede der b\u00e4uerlichen Besitzverh\u00e4ltnisse. Das Baltikum mit seinen adligen Gutswirtschaften hatte ebenso &#8211; wie die im west- und mitteleurop\u00e4ischen Sinne b\u00e4uerlich gepr\u00e4gte Ukraine und die Kosakenregionen &#8211; andere Eigentumsrechte am Ackerland als der weit \u00fcberwiegende Teil der russischen Bauernschaft. Die regionalen Unterschiede agrarischer Besitzverh\u00e4ltnisse spiegelten sich auch in den politischen und milit\u00e4rischen Frontbildungen w\u00e4hrend der Revolution und des B\u00fcrgerkrieges wider. Dreiviertel des b\u00e4uerlichen Landes im Zentrum Russlands, die gro\u00dfe Masse also, waren Obcina-Land und unterlagen in gewissen Zeitabst\u00e4nden einer Umteilung der Ackerlandes, w\u00e4hrend der Boden im Besitz der Dorfgemeinde verblieb. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Wie wirkte sich diese Umteilung des genutzten Ackerbodens nun auf die Entwicklung des Kapitalismus in der Landwirtschaft und die Herausbildung und Verfestigung von Klassengegens\u00e4tzen innerhalb der Obcina-Bauernschaft aus? Das war die Frage, die die Marxisten in ihrer Auseinandersetzung mit den Volkst\u00fcmlern seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bewegte. Die Antwort der Marxisten und hier allen voran Lenins war, dass der Kapitalismus sich in der Dorfgemeinde entwickeln und dieselbe sich deshalb in Kulaken, Mittelbauern, arme Bauern und Landarbeiter aufspalten w\u00fcrde.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Einige Zeitgenossen waren davon \u00fcberzeugt, dass sich die Bauern in dem Ma\u00dfe, wie der Kapitalismus sich auf dem Lande entwickelte, zu Klassen schichteten. Soziale Ungleichheit war typisch f\u00fcr das Dorfleben. Zur Jahrhundertwende erstellte Statistiken besagten, dass 17 bis 18 Prozent der Haushalte \u2026 als wohlhabend eingestuft werden konnten, was besagt, dass sie \u00fcber gen\u00fcgend Landbesitz sowie Nutzvieh, Maschinen und Geld in einer Sparkasse verf\u00fcgten. Am unteren Ende der Skala besa\u00dfen 11 Prozent der Bauernschaft kein Ackerland oder Nutzvieh. Diejenigen Personen, die die Bauern &#8218;Kulaken&#8216; (deutsch: F\u00e4uste) nannten, wurden gew\u00f6hnlich nicht nach der von ihnen bewirtschafteten Fl\u00e4che an Land bemessen, sondern mittels der Tatsache, dass sie Geld, Ger\u00e4tschaften oder Zugtiere, L\u00e4den oder M\u00fchlen besa\u00dfen.<br \/>\nEinige Historiker f\u00fchren an, dass solche Statistiken soziale Prozesse, in denen die Lebensumst\u00e4nde individueller Haushalte sich bald zum Schlechteren, bald zum besseren hin ver\u00e4ndern, zeitlich stillstellen. Sie behaupten, die Wohlhabenheit von Haushalten sei durch Arbeit, nicht durch Landbesitz bestimmt worden. Wohlhabende Haushalte h\u00e4tten einfach \u00fcber mehr arbeitende Mitglieder verf\u00fcgt. Sobald jedoch erwachsene S\u00f6hne ihren eigenen Haushalt errichteten, sei das Verm\u00f6gen des elterlichen Haushalts geringer geworden. Dieser Auffassung zufolge wurde der Hang zur sozialen Differenzierung durch die Teilung der Haushalte und die periodische Neuaufteilung des Ackerlands durch die Gemeinschaft wieder aufgehoben.\u201c (S.\u00a042f)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Smith stellt hier die beiden gegens\u00e4tzlichen Theorien zur Entwicklung der russischen Dorfgemeinde vor. Die erste ist unschwer als Position der russischen \u2013 und insoweit sie sich dazu \u00e4u\u00dferten, auch der westeurop\u00e4ischen \u2013 Marxisten (Kautsky) zu erkennen. F\u00fcr Lenin war das B\u00fcndnis mit den landarmen Bauern und den Landarbeitern (f\u00fcr die er 1917 fortw\u00e4hrend eine eigenst\u00e4ndige Sowjetorganisation forderte, 1918 die Komitees der Dorfarmut per Gesetz verordnete \u2013 und beide Male scheiterte) wesentlich f\u00fcr das klassenpolitische Fundament seiner Aprilthesen. Gerade dieses B\u00fcndnis sollte die T\u00fcr zum Sozialismus aufsto\u00dfen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Was nun, wenn es diese Klassenspaltung im Dorf gar nicht gab? Wenn das Umteilungs-Dorf zwar sozial differenziert, aber keineswegs in antagonistischen Klassen zerfallen war, wie es die zweite von Smith geschilderte Position behauptet? Die Mehrheit der b\u00fcrgerlichen Historiker in Deutschland, die sich mit der russischen Dorfgemeinde besch\u00e4ftigt haben, beziehen inzwischen diese zweite Position. So etwa Carsten Goehrke in seiner dreib\u00e4ndigen Geschichte des russischen Alltags,<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote3sym\" name=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a> Hans-Heinrich Nolte in seiner \u201eKleinen Geschichte Russlands\u201c<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote4sym\" name=\"sdfootnote4anc\"><sup>4<\/sup><\/a> oder Manfred Hildermeier in seiner \u201eGeschichte Russlands\u201c.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote5sym\" name=\"sdfootnote5anc\"><sup>5<\/sup><\/a> Diese unterschiedlichen Vorstellungen zur Entwicklung der sozialen Differenzen in der russischen Dorfgemeinde anzusprechen und damit den Leser auf die Problematik der inneren Entwicklung der Dorfgemeinde hinzuweisen, ist eine St\u00e4rke dieser Ver\u00f6ffentlichung. Bei den meisten l<\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">inken deutschen Historikern wird dieses Problem, trotz seiner Bedeutung f\u00fcr den Verlauf der Revolution und der Beurteilung der Leninschen Politik, schlichtweg ignoriert.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Adel und Landadel<\/b><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Im Gegensatz zu der g\u00e4ngigen marxistischen Geschichtsschreibung war die Bedeutung des Adels in der Revolution gering. F\u00fcr den Landadel bedeutete die Bauernbefreiung von 1861 einen grundlegenden Bruch, denn das Ende der Leibeigenschaft zerst\u00f6rte die bisherige sozial\u00f6konomische Basis seiner Lebensweise. Obwohl der Adel bei der Reform von 1861 \u201eein gutes Gesch\u00e4ft gemacht hatte\u201c, nahm sein Landbesitz w\u00e4hrend des folgenden halben Jahrhunderts rapide ab. In den Jahrzehnten nach 1861 \u00e4nderte der Adel seine Gestalt so weitgehend und differenzierte sich in einem Ma\u00dfe, dass man am Vorabend der Revolution nicht mehr von <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>einer<\/i><\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> Klasse sprechen konnte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;Obwohl der Adel bei der Emanzipation der Leibeigenen ein gutes Gesch\u00e4ft gemacht hatte, nahm sein Verm\u00f6gen w\u00e4hrend des folgenden halben Jahrhunderts rapide ab. 1917 gab es etwa 100.000 Familien mit Landbesitz, von denen ca. 61.000 dem Landadel angeh\u00f6rten. Diese Grundbesitzer hatten ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte des Landes, das sie zur Zeit der Emanzipation besa\u00dfen, verloren \u2026 Die Besitzungen des Landadels waren gr\u00f6\u00dfenm\u00e4\u00dfig h\u00f6chst unterschiedlich: Es gab einige sehr gro\u00dfe Dom\u00e4nen, doch mehr als 60.000 Familien besa\u00dfen weniger als 145 Hektar. Zudem waren zwar manche Gro\u00dfgrundbesitzer zu kapitalistisch produzierenden Landwirten geworden, doch war das durchschnittliche Adelsgut &#8230; unterkapitalisiert &#8230;. Bezeichnenderweise war um 1903 fast die H\u00e4lfte des Landes der landbesitzenden Klasse an Bauern verpachtet, und einige Bauern hatten Kredite von ihrer Bank aufgenommen, um dem Adel Land abzukaufen. Wie erw\u00e4hnt, bet\u00e4tigten sich die liberalen Angeh\u00f6rigen des Adels w\u00e4hrend der 1890er Jahre und bis 1905 in den Semstwos, aber der zunehmend urbane Lebensstil einer gro\u00dfen Anzahl von ihnen und das nachlassende Interesse an der Verwaltung ihrer G\u00fcter untergrub ihr Ansehen in der l\u00e4ndlichen Gesellschaft.&#8220; (S.\u00a0 44f)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Politisch folgte der noch verbliebene alte Gro\u00dfgrundbesitz \u2013 eine dreistellige Zahl von Adelsfamilien \u2013 der politischen Reaktion und war eine St\u00fctze des Zarismus, w\u00e4hrend eine Mehrheit des verbliebenen Landadels die l\u00e4ndliche Basis der b\u00fcrgerlichen Kadettenpartei bildete.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die Mehrzahl der Adeligen diente im zaristischen Staatsapparat und in der Armee. Von der ehemals den zaristischen Staat tragenden St\u00fctze war der Adel auf dem Land durch die Reformen von 1861 entweder zu einem \u201ekapitalistisch produzierenden Landwirt\u201c und somit Bestandteil der liberalen Opposition gegen den Zarismus geworden, oder in der Stadt zu einem \u201cFreiberufler\u201c oder Staatsangestellten. Die Enteignung der Landbesitzer durch die Dorfgemeinde geschah \u00fcberwiegend unblutig, da es 1917 keine Staatsmacht mehr gab, um seine Eigentumstitel zu verteidigen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Industriekapital \/ Handelskapital<\/b><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Etwas komplexer stellt sich die Situation beim russischen Kapital dar. Diese Klasse, die in der marxistischen Geschichtsschreibung sp\u00e4testens seit M\u00e4rz 1917 im Besitz der politischen Macht ist,<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote6sym\" name=\"sdfootnote6anc\"><sup>6<\/sup><\/a> erweist sich bei n\u00e4herer Betrachtung als schwach entwickelt und politisch zersplittert.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;1913 machte ausl\u00e4ndisches Kapital etwa 41\u00a0Prozent der in der Industrie und Bankwesen get\u00e4tigten Gesamtinvestitionen aus. Eine m\u00f6gliche Sorgenquelle war das Ausma\u00df des Handelsvolumens mit Deutschland, das sich per Valuta auf etwa 40 Prozent des gesamten Au\u00dfenhandels belief. Die staatlich gef\u00f6rderte Industrialisierung wurde finanziell durch den Getreideexport abgesichert \u2026<br \/>\nJedoch sollte man bei der zweifellos wichtigen Rolle des Staates nicht vergessen, dass die russische Industrie \u00fcber einen robusten Privatsektor verf\u00fcgte. Die Industrieproduktion wurde von Konsumg\u00fctern beherrscht, wobei Textilien und Lebensmittel 1914 etwa die H\u00e4lfte des Bruttoaussto\u00dfes ausmachten.&#8220; (S.\u00a047)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;Die Textilfabrikanten in der Moskauer Industrieregion bildeten den einflussreichsten Sektor der einheimischen Kapitalisten; sie waren in der F\u00fchrung ihrer Betriebe eher konservativ und paternalistisch. Viele entstammten einer Familie von Altgl\u00e4ubigen. Anders als die Eisen- und Stahlfabrikanten waren sie nicht von staatlichen Auftr\u00e4gen abh\u00e4ngig und unterst\u00fctzten nach 1905 die Forderung nach politischen Reformen.&#8220; (Anders die \u00fcberwiegend deutschen Textilfabrikanten in Russisch-Polen, die dem Zarismus anhingen) (S.\u00a049)<br \/>\n&#8222;Die entscheidenden Sektoren der Schwerindustrie und des Transportwesens hingen von staatlichen Auftr\u00e4gen, Subventionen und Vorzugsz\u00f6llen ab, weshalb die Unternehmer, <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>die oftmals Ausl\u00e4nder waren<\/b><\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">, hier kaum mehr taten, als sich \u00fcber b\u00fcrokratische Kontrollen zu beschweren.<br \/>\nIn St. Petersburg waren die Besitzer der Fabriken f\u00fcr Metallverarbeitung und Maschinenbau zusammen mit den Gro\u00dfbankiers recht gut organisiert, vor allem um ihren Einfluss auf Regierungskreise bem\u00fcht, statt politische Reformen oder die Modernisierung der Produktionsverh\u00e4ltnisse zu unterst\u00fctzen. \u2026<br \/>\nIm Allgemeinen waren die Industriellen von S\u00fcdrussland<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote7sym\" name=\"sdfootnote7anc\"><sup>7<\/sup><\/a> (wie sie sich selbst nannten) damit zufrieden, Verh\u00e4ltnisse zu tolerieren, die bestenfalls paternalistisch und schlimmstenfalls mehr als raubeinig waren. F\u00fcr politische Reformen waren sie nicht zu haben.&#8220; (S.\u00a049-50)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Zusammengefasst ist festzustellen, dass die russische Bourgeoisie nicht nur zahlenm\u00e4\u00dfig schwach entwickelt, sondern auch <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i><b>in unterschiedliche politische Lager gespalten <\/b><\/i><\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">war. W\u00e4hrend der schwerindustrielle Sektor von staatlichen Auftr\u00e4gen abh\u00e4ngig und konsequent zaristisch eingestellt war, entwickelte <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">die Leichtindustrie (Textilindustrie) zu Beginn des 20.\u00a0Jahrhunderts entweder oppositionelle oder oktobristische Positionen,<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote8sym\" name=\"sdfootnote8anc\"><sup>8<\/sup><\/a> w\u00e4hrend der liberale Landadel und die Freien Berufe der St\u00e4dte die Basis der Kadetten bildeten, der einflussreichsten b\u00fcrgerlichen Partei. In diesem Zustand konnte die Bourgeoisie unm\u00f6glich zur f\u00fchrenden Kraft des Revolutionsjahres werden.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Arbeiterschaft<\/b><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Hier gilt es die Frage zu beantworten, wie ein so zahlenm\u00e4\u00dfig schwacher Teil der Gesamtbev\u00f6lkerung in den russischen Revolutionen eine so bedeutende, ja letztendlich entscheidende Rolle spielen konnte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Im europ\u00e4ischen Teil waren etwa 58 Prozent der Industriearbeiter in Betrieben mit mehr als 500 Arbeitern besch\u00e4ftigt; das war ein viel h\u00f6herer Konzentrationsgrad als in Westeuropa, und das erkl\u00e4rt auch, warum es verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig einfach war, diese Arbeiter f\u00fcr Streiks und Demonstrationen zu mobilisieren. \u2026 Bereits 1897 waren die H\u00e4lfte aller m\u00e4nnlichen urbanen Arbeiter und zwei Drittel aller Metallarbeiter alphabetisiert.&#8220; (S.\u00a053)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Das russische Proletariat war nicht wie im Westen Europas aus der Handwerkerschaft entstanden, sondern direkt aus der Bauernschaft, und es besa\u00df zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch immer enge Bindungen an das Dorf. <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Bis zur Agrarreform 1906 war fast <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">jeder st\u00e4dtische Arbeiter noch Mitglied der Dorfgemeinde<\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> und hatte dort Anspruch auf ein St\u00fcck Land. <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Zugleich war es in den russischen Metropolen in Gro\u00dfbetrieben konzentriert, was nicht nur zu einer schnelleren Radikalisierung beitrug, sondern ihm ein deutlich st\u00e4rkeres politisches Gewicht verlieh, als es zahlenm\u00e4\u00dfig zu erwarten war.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Weiterhin war es als Ergebnis staatlicher und ausl\u00e4ndischer Investitionen in wenigen industriellen Zentren und dort wiederum in Gro\u00dfbetrieben konzentriert; <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">\u00fcber die H\u00e4lfte der Arbeiter arbeitete in Betrieben von mehr als 500 Personen. <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Obwohl es mit 3-4 Mio. nur eine absolute Minderheit der zwischen 165 und 175 Mio. z\u00e4hlenden Bev\u00f6lkerung Russlands ausmachte, war es durch seine Ballung in den politischen und industriellen Zentren (in erster Linie Petersburg und Moskau) ein wesentlicher politischer Faktor.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;Gerade das enge Verh\u00e4ltnis der Regierung zu den Arbeitgebern verhinderte die Trennung \u00f6konomischer von politischen Konflikten, die im Westen vorherrschte und die Integration der Arbeiterschaft in das kapitalistische System erleichterte. In Russland aber sah es so aus, dass Staat und Kapital einen Gesamtmechanismus von Ausbeutung und Herrschaft darstellten.<br \/>\n\u2026 die Kombination der elementaren Energie der b\u00e4uerlichen gewaltt\u00e4tigen Emp\u00f6rung (russisch blunt) mit den tagt\u00e4glich frustrierenden Mechanismen kollektiver Arbeitsorganisation war hochexplosiv. \u2026 Nirgendwo in Europa war die Intensit\u00e4t der Streikbewegung so hoch: In den Hochzeiten, den Jahren 1905\/06 und 1912\/14 waren durchschnittlich pro Jahr fast dreiviertel der Industriearbeiter an Streiks beteiligt.&#8220; (S.88f)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Obige kurze Zusammenfassung der Smithschen Darstellung liefert einen schl\u00fcssigen Erkl\u00e4rungsansatz f\u00fcr die politische Sprengkraft, die das russische Proletariat, trotz seiner auf die Gesamtbev\u00f6lkerung bezogenen geringen Anzahl, in der russischen Revolution entfalten konnte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Februarrevolution, Sowjets, Bolschewiki und Oktoberumsturz<\/b><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Soweit zu den staatlichen und gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen und den damit in Russland tats\u00e4chlich vorhandenen Klassenkr\u00e4ften. Kommen wir nun zu den Revolutionen im Februar und Oktober. Wie stellt Smith sie dar?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;Am 23. Februar 1917, dem internationalen Frauentag, f\u00fcllten tausende von Textilarbeiterinnen und Hausfrauen die Stra\u00dfen von Petrograd, um gegen die Brotknappheit zu demonstrieren. Die Kundgebung fand einen Tag nach der Aussperrung der Arbeiter aus den riesigen Putilow-Fabriken (ca. 30 000) statt. So schlossen sich viele Arbeiter den Frauen an \u2026 Keine der revolution\u00e4ren Parteien hegte die Erwartung, dass sich daraus eine Kette von Ereignissen entwickeln w\u00fcrde, die schon bald zur Abdankung des Zaren f\u00fchren sollte.&#8220; (S.\u00a0121) Auf den folgenden Seiten folgt dann eine kurze Darstellung der Ereignisse, die im \u00dcberlaufen der Armeeregimenter und dem Sieg der Revolution gipfelt. Doch wie ist diese Revolution einzusch\u00e4tzen?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Doch war von Anbeginn der Charakter der Revolution umstritten. War es eine politische Revolution, die zugunsten der Demokratie die Autokratie beseitigt hatte, die aber an der Seite der Alliierten den Krieg fortsetzen w\u00fcrde? Oder war es eine Revolution, die die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen Russlands gr\u00fcndlich umkrempeln w\u00fcrde? Viele Gener\u00e4le und Duma-Politiker hatten den Umsturz der Autokratie nur deshalb unterst\u00fctzt, weil sie sich davon eine Neubelebung der Kriegsanstrengungen erhofften. Die unteren Klassen jedoch begriffen Freiheit und Demokratie nicht nur als Grunds\u00e4tze f\u00fcr die Neugestaltung der Regierung, sondern auch als Leitmotive f\u00fcr den Aufbau eines neuen Gesellschaftstyps.\u201c (S.\u00a0124)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die Februarrevolution lie\u00df diese Fragen offen. Und die Mehrzahl der handelnden Politiker taten dasselbe. Nur Gutschkow und Miljukow, die f\u00fchrenden K\u00f6pfe der Oktobristen und Kadetten, versuchten hartn\u00e4ckig, den Zarismus in eine konstitutionelle Monarchie hin\u00fcberzuretten.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote9sym\" name=\"sdfootnote9anc\"><sup>9<\/sup><\/a> Die Fragen von Krieg und Frieden, der notwendigen Agrarreform und der zuk\u00fcnftigen Staatsform blieben ungel\u00f6st und wurden auf eine zuk\u00fcnftige \u201eKonstituierende Versammlung\u201c verschoben.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Die politische Stimmung der Arbeiterklasse<\/b><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Was kann man \u00fcber die politische Stimmung der Arbeiterklasse zu diesem Zeitpunkt sagen?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;Die starke Zunahme von Arbeitsk\u00e4mpfen l\u00e4sst vermuten, dass Millionen von Arbeitern revolution\u00e4r gestimmt waren, aber die Internationalisten r\u00e4umten ein, dass sich die Stimmung genauer als &#8218;revolution\u00e4r-defentistisch&#8216; beschreiben lasse. Revolution\u00e4r war sie insofern, als gro\u00dfe Teile der Arbeiterschaft der Autokratie und den Kriegsprofiteuren h\u00f6chst feindselig gesonnen waren; defentistisch indes, weil kein Bed\u00fcrfnis bestand, die russischen Armeen im Kampf gegen Deutschland untergehen zu sehen, auch wenn sie das Ende des Krieges verzweifelt herbeisehnten.&#8220; (S.\u00a0119) Dies trifft ebenso auf die politische Stimmung der Bauernschaft und damit auf die Armee zu.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die sich in der Februarrevolution neu bildenden Sowjets, diesmal als Arbeiter- und Soldatensowjets, sp\u00e4ter sto\u00dfen auch noch Bauernsowjets hinzu, spiegeln diese politischen Stimmungen wider und stehen damit unter der politischen F\u00fchrung der Sozialrevolution\u00e4re und Menschewiki. Insofern f\u00e4llt es schwer davon zu sprechen, dass die Februarrevolution bereits \u201eeine Revolution f\u00fcr den Frieden\u201c war.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;Im Februar 1917 wurden an die 700 Sowjets mit insgesamt 200.000 Delegierten als Repr\u00e4sentanten der arbeitenden Bev\u00f6lkerung ins Leben gerufen. Im Oktober gab es im gesamten Reich bereits 1429 Sowjets: Bei 706 waren die Delegierten Arbeiter und Soldaten, bei 235 waren es Arbeiter, Soldaten und Bauern, bei 455 nur Bauern und bei 33 nur Soldaten. Sch\u00e4tzungen zufolge repr\u00e4sentierten die Sowjets etwa ein Drittel der Bev\u00f6lkerung des russischen Reiches.<br \/>\nGenerell sahen Menschewiki und Sozialrevolution\u00e4re die Sowjets als zeitlich begrenzte K\u00f6rperschaft mit der Aufgabe, im Interesse der revolution\u00e4ren Demokratie &#8218;Kontrolle&#8216; \u00fcber die lokalen Regierungsorgane auszu\u00fcben. \u2026 De facto aber wurden die Sowjets rasch zu lokalen Regierungsorganen \u2026 und (die) dabei zumeist mit den demokratisierten Organen der lokalen Regierung konkurrierten.&#8220; (S.\u00a0128f<\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">) Was diese Aufz\u00e4hlung deutlich macht, ist die massive b\u00e4uerliche Pr\u00e4senz (als Soldaten wie auch als Bauern) in den Sowjets. Sie bestimmte das politische Gesicht der Sowjets bis zum Bodendekret und der Armeeaufl\u00f6sung, sie bildete die Grundlage f\u00fcr die Vorherrschaft der Sozialrevolution\u00e4ren Partei im B\u00fcndnis mit den rechten Menschewiki in den Sowjetorganen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Jenseits des Sowjets, der sich als Lager der Demokratie verstand, sozusagen auf der anderen Klassenseite, stand die 1.\u00a0Provisorische Regierung, die sich aus b\u00fcrgerlichen Duma-Abgeordneten rekrutierte, aber keine vom Sowjet unabh\u00e4ngige eigenst\u00e4ndige Machtbasis besa\u00df. <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;Die Provisorische Regierung wiederum, die sich der schmalen Basis ihres gesellschaftlichen Fundaments und des fehlenden demokratischen Mandats wohl bewusst war, versuchte, Vertreter der sozialistischen Parteien zum Eintritt in die Regierung zu bewegen. Doch nur Kerenski kam dem Ansinnen nach. So entstand die &#8218;Doppelherrschaft&#8216;, ein institutionelles Arrangement, bei dem die Provisorische Regierung formelle Autorit\u00e4t genoss, w\u00e4hrend die wirkliche Macht in den H\u00e4nden des Exekutivkomitees des Sowjets lag, weil es die Unterst\u00fctzung der Garnisonstruppen und des Gro\u00dfteils der Stadtbev\u00f6lkerung genoss, und durch seinen Einfluss auf die Eisenbahnarbeiter die Transport- und Verkehrswege kontrollieren konnte.&#8220; (Was fehlt in der Aufz\u00e4hlung, sind die Frontkomitees, die ebenfalls als Folge der Februarrevolution und dem Befehl Nr.\u00a01 des Sowjets zu den demokratischen Rechten der Soldaten entstanden; A.S.)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;Au\u00dferhalb der Hauptstadt gab es so gut wie keine Doppelherrschaft&#8220; &#8211; stattdessen spontan gebildete Komitees unterschiedlicher Zusammensetzung. \u2026 \u201eDie Provisorische Regierung (war) entschlossen, ihre Autorit\u00e4t durch die Ernennung von Kommissaren durchzusetzen, die zumeist Vorsitzende der \u00f6rtlichen Semstwos waren und somit die Interessen von Grundbesitzern und Gesch\u00e4ftsleuten vertraten.&#8220; (S.\u00a0126-128) Was ihr allerdings nicht gelang, da die sich bildenden Sowjets oder \u00f6rtlichen Komitees rasch zu tats\u00e4chlichen lokalen Verwaltungsorganen wurden.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Bolschewiki<\/b><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;In der zweiten H\u00e4lfte des Jahres 1914 waren die Bolschewiki durch Verhaftungen und Einberufungen dezimiert. Ab 1916 fassten sie wieder Fu\u00df, doch am Vorabend der Februarrevolution gab es im Land vielleicht nicht mehr als 12 000 Bolschewiki.\u201c (S.\u00a0119) Eine f\u00fchrende Rolle der Partei ist f\u00fcr die Februarrevolution nicht nachweisbar. Die Bolschewiki besa\u00dfen im Februar weder eine gemeinsame politische Linie, noch hatten sie die Mehrheit des Proletariats in den beiden Hauptst\u00e4dten hinter sich.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;Vor seiner (Lenins) R\u00fcckkunft waren die Bolschewiki politisch uneins gewesen. In Petrograd gab es drei verschiedene Parteizentren, die sich nicht auf eine gemeinsame Linie einigen konnten. Nachdem Lew Kamenew und Josef Stalin aus dem sibirischen Exil zur\u00fcckgekehrt waren, hatte sich die Partei auf begrenzte Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Provisorische Regierung, auf eine revolution\u00e4r-defentistische Haltung zum Krieg und auf Verhandlungen mit den Menschewiki zur Wiedervereinigung der SDAPR festgelegt. In seinen &#8218;Aprilthesen&#8216; (eigentlicher Titel: \u00dcber die Aufgaben des Proletariats in der gegenw\u00e4rtigen Revolution), die Lenin einer weitgehend mit Unverst\u00e4ndnis reagierenden Partei vortrug, verurteilte er diese drei Festlegungen, indem er darauf beharrte, das es &#8218;f\u00fcr eine Regierung von Kapitalisten und Grundbesitzern&#8216; keine Unterst\u00fctzung geben k\u00f6nne, dass der Charakter des Kriegs sich nicht um ein Jota ver\u00e4ndert habe und dass die Bolschewiki f\u00fcr eine \u00dcbertragung der Macht auf ein den ganzen Staat erfassendes System von Sowjets eintreten sollten.\u201c (S.\u00a0134)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Zu dem immer wieder aufgestellten Behauptungen zum \u201eDeutsche Gold\u201c, das die russische Revolution finanziert habe, bemerkt Smith: <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;Trotz aller damaligen und bis heute w\u00e4hrenden Anschuldigungen gibt es keinen Beweis daf\u00fcr, dass die Bolschewiki von den Deutschen bezahlt wurden.&#8220; (S.\u00a0131) Daf\u00fcr, dass einige Linke diese Anschuldigung teilen (z. B. Stefan Bollinger) und die b\u00fcrgerliche Geschichtsschreibung von diesem Thema nicht lassen kann, ist diese Stellungnahme eines \u201e<\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Kenners der russischen Revolution\u201c umso bemerkenswerter.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Um Smith\u2018 Buch nicht detailliert nachzuerz\u00e4hlen, verzichten wir auf seine weitere Darstellung der Ereignisse 1917 sowie seine ausf\u00fchrliche Behandlung der Neuen \u00f6konomischen Politik. Hier verweisen wir den am Thema interessierten Leser auf das Buch selbst. Wir schlie\u00dfen die Vorstellung dieser Ver\u00f6ffentlichung mit seiner durchaus lapidaren Beschreibung der Oktoberrevolution.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die bolschewistische Machtergreifung wird oft als konspirativer Putsch gegen eine demokratische Regierung interpretiert. Zweifellos besa\u00df sie Merkmale eines Putsches, doch Ank\u00fcndigungen hatte es zuvor schon gegeben, und die gest\u00fcrzte Regierung war nicht demokratisch gew\u00e4hlt worden.\u201c (Ein Aspekt, den die b\u00fcrgerlichen Historiker gerne vergessen. Die einzige Legitimation der Provisorischen Regierungen war ihre Duldung durch den Sowjet. Und die letzte Kerenski-Regierung besa\u00df selbst die nicht mehr; A.S.) \u201eEs ist bemerkenswert, dass nur wenige Offiziere bereit waren, der Regierung zur Hilfe zu kommen \u2026 Im Wesentlichen aber war der Provisorischen Regierung schon die Luft ausgegangen, bevor die Bolschewiki ihr das Ende bereiteten.\u201c (S.\u00a0177) Oder wie wir es formulierten: \u201eEs reichte v\u00f6llig aus, sie zu verhaften, da sie \u00fcber keinerlei reale Macht verf\u00fcgte.\u201c<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote10sym\" name=\"sdfootnote10anc\"><sup>10<\/sup><\/a><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Soweit die Vorstellung von Stephen A. Smiths neuem Buch zur \u201eRevolution in Russland\u201c, aus dem der Leser wichtige Hinweise auf die historischen Besonderheiten Russlands (schwacher Staat) sowie die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse und Klassenkr\u00e4fte auf dem heutigen Stand der b\u00fcrgerlichen Wissenschaft gewinnen kann.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Im folgenden Teil werden wir die Publikationen von (alphabetisch geordnet) Stefan Bollinger, Michael Brie, Frank Deppe, Wladislaw Hedeler und Joachim H\u00f6sler besprechen und dabei versuchen, ihre Interpretationsversuche der russischen Revolutionen und der bolschewistischen Politik (soweit behandelt) dem Leser vorzustellen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\">\n<p><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Hierzu der Artikel von H.Karuscheit in dieser AzD-Ausgabe sowie ders.: Die SPD und der \u201aJunkerstaat\u2018; in: Karuscheit\/ Sauer\/ Wernecke: Vom \u201aKriegssozialismus\u2018 zur Novemberrevolution; VSA: Hamburg 2018<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote2\">\n<p><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote2anc\" name=\"sdfootnote2sym\">2<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Helmut Altrichter: Die Bauern von Tver. Vom Leben auf dem russischen Dorfe zwischen Revolution und Kollektivierung, R. Oldenburg: M\u00fcnchen 1984, S. 32-33<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote3\">\n<p><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote3anc\" name=\"sdfootnote3sym\">3<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> \u201eDoch schon Teodor Shanin hat darauf aufmerksam gemacht, dass man es bei der sozialen Differenzierung auf dem russischen Dorf nicht mit einer linearen, sondern mit einer zyklischen Entwicklung zu tun hat, die ganz wesentlich durch das generative Verhalten gesteuert wurde (&#8218;zyklische Mobilit\u00e4t&#8216;). Weil die Landzuteilung an die Haushaltungen durch den Mir auf die Anzahl m\u00e4nnlicher Personen abstellte, gerieten Ehepaare, denen nur T\u00f6chter beschert waren, bei der n\u00e4chsten Landumteilung rasch auf den absteigenden Ast. Das Fehlen m\u00e4nnlicher Arbeitskr\u00e4fte, chronische Krankheiten, Start in den Haushalt ohne zureichende Betriebsmittel und Familienzwistigkeiten bildeten daher in dieser Reihenfolge die wichtigsten Ursachen daf\u00fcr, dass ein Hof in das arme Drittel einer Dorfgemeinde absinken konnte. Umgekehrt sorgte das Landumteilungsverfahren aber auch wieder daf\u00fcr, dass jedes junge Ehepaar, das seine eigene Wirtschaft er\u00f6ffnete, zum Start in die Lebenslotterie mit relativ gleichen Chancen entlassen wurde \u2013 vorausgesetzt, es blieb von Krankheiten und S\u00f6hnelosigkeit verschont. In der Tat haben L\u00e4ngsschnittstudien aufgezeigt, dass \u00fcber mehrere Generationen hinweg die meisten wohl situierten Bauernfamilien ihren Status nicht halten konnten.\u201c (Carsten Goehrke: Russischer Alltag, Bd. 2. Auf dem Weg in die Moderne, Cronos-Verlag: Z\u00fcrich 2003, S. 242-243)<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote4\">\n<p><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote4anc\" name=\"sdfootnote4sym\">4<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u201eDie Obschtschiny umfassten besonders in Kernrussland nur kleine Siedlungen mit zehn, zw\u00f6lf H\u00f6fen. Auf dieser Ebene f\u00e4llte die Dorfversammlung, der Schod, die zum Leben wichtigen Entscheidungen \u00fcber Umverteilung und Flurzwang. Hier war jeder Nachbar ja oft Verwandter. Aus der Umverteilung des Landes folgte, dass Armut und Reichtum weithin zyklischen Charakter hatten; wer viele Kinder hatte, bekam viel Land und sammelte &#8218;Produktionsmittel&#8216; an \u2013 ein Pferd, einen modernen Pflug. Dies galt nur, wenn Mann und Frau gesund blieben \u2013 lange Krankheit brachte einer Familie den Ruin.\u201c (Hans-Heinrich Nolte: Kleine Geschichte Ru\u00dflands, Lizenzausgabe f\u00fcr die Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung, Bonn 2006, S. 186-187<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote5\">\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote5anc\" name=\"sdfootnote5sym\">5<\/a><sup><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/sup><span style=\"font-size: medium;\"> Manfred Hildermeier: Geschichte Russlands, M\u00fcnchen 2013, S. 1178 ff. Kurz dargestellt in: Schr\u00f6der\/ Karuscheit: Das Revolutionsjahr 1917; VSA: Hamburg 1917, S. 46 ff<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote6\">\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote6anc\" name=\"sdfootnote6sym\">6<\/a><sup>\u0002<\/sup> <span style=\"font-size: medium;\">Engels unterstellt der russischen Bourgeoisie, bereits in den 90er Jahren den zaristischen Staat in der Hand zu haben. Das eine ist klar: Unter solchen Umst\u00e4nden (Staatsverschuldung des zaristischen Staates in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts; A.S.) hat die junge russische Bourgeoisie den Staat vollkommen in der Gewalt. In allen wichtigen \u00f6konomischen Fragen muss er ihr zu Willen sein. Wenn sie sich inzwischen die despotische Selbstherrlichkeit des Zaren und seiner Beamten noch gefallen l\u00e4sst, so nur, weil diese Selbstherrlichkeit, ohnehin gemildert durch die Begehrlichkeit der B\u00fcrokratie, ihr mehr Garantien bietet als Ver\u00e4nderungen selbst im b\u00fcrgerlich-liberalen Sinn, deren Folgen, bei der inneren Lage Russlands, niemand absehen kann. Damit geht die Umwandlung des Landes in ein kapitalistisch-industrielles, die Proletarisierung eines gro\u00dfen Teils der Bauern und der Verfall der alten kommunistischen Gemeinde in immer rascherem Tempo voran.\u201c (Engels 1894, MEW Bd.\u00a022, S.\u00a0435)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote7\">\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote7anc\" name=\"sdfootnote7sym\">7<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup> <span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Gemeint ist das Donezbecken<\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote8\">\n<p><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote8anc\" name=\"sdfootnote8sym\">8<\/a><sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Oktobristisch: auf dem Boden des Oktober-Manifestes des Zaren von 1905 stehend<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote9\">\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote9anc\" name=\"sdfootnote9sym\">9<\/a><sup>\u0002<\/sup> <span style=\"font-size: medium;\">Siehe dazu: Schr\u00f6der\/Karuscheit: Das Jahr 1917; VSA: Hamburg 2017, S. 38 ff<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote10\">\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote10anc\" name=\"sdfootnote10sym\">10<\/a><sup><span style=\"font-size: medium;\">\u0002<\/span><\/sup><span style=\"font-size: medium;\"> AzD Nr. 86, S. 38<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kritische R\u00fcckschau auf einige Publikationen (Teil 1) &#8222;Sich kritisch mit der russischen Revolution in allen historischen Zusammenh\u00e4ngen auseinanderzusetzen, ist die beste Schulung der deutschen wie der internationalen Arbeiter f\u00fcr die Aufgaben, die ihnen aus der gegenw\u00e4rtigen Situation erwachsen.&#8220; Rosa Luxemburg Von Alfred Schr\u00f6der Rosa Luxemburgs vor 100 Jahren ge\u00e4u\u00dferter Wunsch nach einer kritischen Aufarbeitung der &hellip; <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1558\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Hundert Jahre russische Revolutionen<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1558","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1558","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1558"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1558\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1560,"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1558\/revisions\/1560"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1558"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}