{"id":1494,"date":"2018-10-19T19:29:15","date_gmt":"2018-10-19T17:29:15","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1494"},"modified":"2018-10-19T19:29:15","modified_gmt":"2018-10-19T17:29:15","slug":"zwischen-buergerlicher-und-proletarischer-revolution","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1494","title":{"rendered":"Zwischen b\u00fcrgerlicher und proletarischer Revolution"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\"><i>Der folgende Artikel ist zuerst erschienen in: Marxistische Bl\u00e4tter 4\/2018, S.\u00a098-105<\/i><\/p>\n<p class=\"western\"><em>Heiner Karuscheit<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"center\"><b>\u00dcber den historischen Ort der Novemberrevolution<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Der hundertste Jahrestag der Novemberrevolution konfrontiert die Marxisten mit der Erinnerung an eine schwere Niederlage der Arbeiterbewegung. Was war das f\u00fcr eine Revolution? War sie eine erfolgreiche b\u00fcrgerliche Revolution? Eine gescheiterte proletarisch-sozialistische Revolution? Oder war sie &#8222;eine b\u00fcrgerliche Revolution, die in gewissem Umfang mit proletarischen Mitteln und Methoden durchgef\u00fchrt wurde&#8220;, wie die SED 1958 in einem Beschluss festhielt? Stand sie mit der Verbindung zweier verschiedener Elemente an der Schwelle zwischen zwei Epochen, endete also im November 1918 die Epoche der b\u00fcrgerlichen Revolution in Deutschland und begann die Epoche der sozialistischen Revolution?<\/p>\n<p class=\"western\">Da die Folgen dieser Revolution sich \u00fcber die damalige Arbeiterbewegung hinaus sowohl auf die Republik von Weimar als auch die DDR auswirkten, gibt es Gr\u00fcnde genug, sich n\u00e4her mit ihrem Charakter auseinander zu setzen.<\/p>\n<p class=\"western\"><b>Der Vorl\u00e4ufer: die Revolution von 1848\/49<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">1848\/49 hatte die Vorg\u00e4ngerin der Revolution von 1918\/19 ganz Europa ersch\u00fcttert. Anders als in Frankreich 1789 hatte die Revolution in Deutschland vor einer doppelten Aufgabenstellung gestanden: w\u00e4hrend die politische Befreiung des &#8222;dritten Standes&#8220; jenseits des Rheins in einem existierenden Nationalstaat erfolgen konnte, musste die Revolution diesseits des Rheins nicht nur die alten M\u00e4chte st\u00fcrzen, sondern auch einen gemeinsamen Staat schaffen. Anstelle von <i>libert\u00e9, \u00e9galit\u00e9, fraternit\u00e9<\/i> hie\u00df es hier <i>Einheit und Freiheit<\/i>. Durch Freiheit zur Einheit gelangen \u2013 das war das Ziel der deutschen Nationalbewegung. Beides bedingte einander und richtete sich haupts\u00e4chlich gegen die preu\u00dfische Milit\u00e4rmonarchie, die seit dem Wiener Kongress von 1815 durch den Besitz von Rheinpreu\u00dfen auch im Westen Deutschlands dominierte und zusammen mit der Habsburgermonarchie den Deutschen Bund beherrschte.<\/p>\n<p class=\"western\">Als die Revolutionswelle im Fr\u00fchjahr 1848 in den deutschen Teilstaaten liberale Regierungen, die sog. <i>M\u00e4rzregierungen<\/i>, an die Macht brachte und die Frankfurter Nationalsammlung mit dem Auftrag gew\u00e4hlt wurde, die Verfassung f\u00fcr einen deutschen Bundesstaat zu entwerfen, schien das Streben nach b\u00fcrgerlicher Freiheit in einem neuen Nationalstaat gesiegt zu haben. Doch die seit 1815 in der <i>Heiligen Allianz<\/i> verb\u00fcndeten M\u00e4chte des Gottesgnadentums \u2013 Preu\u00dfen, \u00d6sterreich-Ungarn und das Zarenreich \u2013 vermochten es, die revolution\u00e4re Bewegung noch einmal zur\u00fcckzuwerfen und die alte Ordnung zu retten.<\/p>\n<p class=\"western\">Indessen lie\u00df sich die Nationalbewegung nicht mehr dauerhaft unterdr\u00fccken. Vor allem als der Zarismus im Krimkrieg von 1853 bis 1856 eine Niederlage erlitt und nicht l\u00e4nger als R\u00fcckhalt der europ\u00e4ischen Reaktion dienen konnte, schien es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die Vorherrschaft Preu\u00dfens und Habsburgs im Zeichen von deutscher Freiheit und Einheit untergehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p class=\"western\"><b>Reichsgr\u00fcndung durch Preu\u00dfen<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Doch dann vollbrachte der preu\u00dfische Ministerpr\u00e4sident Bismarck, womit weder die Liberalen noch Marx und Engels gerechnet hatten. Er hatte begriffen, dass sich die Milit\u00e4rmonarchie durch eine blo\u00df reaktive Verhinderungspolitik nicht gegen den Ansturm der Zeit halten konnte und die Entstehung eines deutschen Nationalstaats unausweichlich war. Das hie\u00df f\u00fcr ihn: entweder w\u00fcrde der neue Staat das alte Preu\u00dfen \u00fcberw\u00e4ltigen \u2013 oder der Berliner Junkerstaat musste, um zu \u00fcberleben, an die Spitze der Nationalbewegung treten, die demokratische Zielsetzung von der nationalen Triebkraft abtrennen und den neuen Staat unter preu\u00dfischer F\u00fchrung ins Leben rufen, um ihm auf diese Weise den eigenen Stempel aufzudr\u00fccken. An die Stelle der Parole <i>Durch Freiheit zur Einheit<\/i> setzte er das Ziel, die b\u00fcrgerliche Freiheit mit Hilfe der nationalen Einheit niederzuhalten.<\/p>\n<p class=\"western\">Im Verfassungskonflikt der 60er Jahre in Berlin an die Macht gelangt, realisierte er dieses Konzept mit enormem politischem Geschick, spielte in drei Kriegen die Hauptst\u00e4rke des Milit\u00e4rstaats aus und lie\u00df das Deutsche Kaiserreich unter Ausschluss Deutsch-\u00d6sterreichs aus der Taufe heben. &#8222;Zwar wurde der lange ersehnte Nationalstaat gegr\u00fcndet, aber den b\u00fcrgerlichen Schichten wurde der Zugang zu den Kommandoh\u00f6hen des politischen Systems auf Dauer verwehrt.&#8220;<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a> Der Reichstag erhielt in dem neuen Staatsgebilde Mitspracherechte, aber keine reale Macht; er konnte die Regierung nicht bestimmen, bei missliebigen Entscheidungen konnte ihn der Kaiser jederzeit aufl\u00f6sen. Vor allem besa\u00df er keine Verf\u00fcgung \u00fcber die bewaffnete Macht, denn das jederzeit im Innern einsetzbare preu\u00dfische bzw. jetzt preu\u00dfisch-deutsche Heer, dessen Renommee als Geburtshelfer und &#8222;Schule&#8220; der Nation gewaltig gewachsen war, unterstand formal dem Kaiser und real dem ostelbischen Milit\u00e4radel. Au\u00dferdem beherrschte dieser mit Hilfe des Dreiklassenwahlrechts den deutschen Hegemonialstaat Preu\u00dfen, der zwei Drittel der Bev\u00f6lkerungszahl und Fl\u00e4che des neuen Reichs umfasste.<\/p>\n<p class=\"western\">Das hei\u00dft, Preu\u00dfen war durch die Nationalstaatsbildung nicht in Deutschland aufgegangen, sondern hatte durch die &#8222;gro\u00dfpreu\u00dfisch-militaristische Reichsgr\u00fcndung&#8220;<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote2sym\" name=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a> seine Macht umgekehrt auf ganz Deutschland ausgedehnt. Der Nationalstaat war geschaffen \u2013 und die Demokratie verhindert worden. Dem entsprach die Charakteristik, die Marx 1876 in der <i>Kritik des Gothaer Programms der Sozialdemokratie<\/i> gab: das Deutsche Reich war f\u00fcr ihn &#8222;nichts andres als ein mit parlamentarischen Formen verbr\u00e4mter, mit feudalem Beisatz vermischter und zugleich schon von der Bourgeoisie beeinflusster, <em>b\u00fcrokratisch gezimmerter<\/em><i>, <\/i>polizeilich geh\u00fcteter <em>Milit\u00e4rdespotismus&#8220;.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote3sym\" name=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a><\/em> Er fasste den neuen Staat also nicht als b\u00fcrgerliches Gemeinwesen auf, sondern als einen <i>Milit\u00e4r- und Obrigkeitsstaat<\/i>, in dem die Bourgeoisie ihre Interessen geltend machen konnte, den sie aber <i>nicht beherrschte<\/i>.<\/p>\n<p class=\"western\"><b>Die Schw\u00e4che der Bourgeoisie<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Ungeachtet dessen vertrat die Sozialdemokratie die Auffassung, dass &#8222;die deutsche b\u00fcrgerliche Revolution &#8230; 1870 ihr Ende erreichte&#8220;, wie der Parteitheoretiker Kautsky schrieb.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote4sym\" name=\"sdfootnote4anc\"><sup>4<\/sup><\/a> Doch wie sollte dies geschehen sein? Die Reichsgr\u00fcndung hatte \u00e4hnliche Bedingungen wie im vorrevolution\u00e4ren Frankreich hergestellt: sie hatte den Nationalstaat geschaffen, auf dessen Boden nunmehr der Kampf gegen die alte Ordnung ausgetragen werden musste. Indem die <i>nationale <\/i>Aufgabenstellung erledigt war, stand vor der deutschen Revolution dieselbe Aufgabe wie 1789 vor der franz\u00f6sischen Revolution: der Sturz der alten Herrschaft. Die b\u00fcrgerliche Revolution war nicht vorbei, sie musste als demokratische Revolution weitergef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p class=\"western\">Der Bourgeoisie war bewusst, dass sie im Gegensatz zu den Theorien der Sozialdemokratie nach 1870 so wenig an der Macht war wie vorher. Zwar hatte sie aufgrund der Erfahrungen von 1848\/49 einer <i>massengest\u00fctzten<\/i> Revolution abgeschworen, aber nicht der \u00dcbernahme der Herrschaft; nach der nationalen &#8222;Einheit&#8220; wollte sie jetzt die b\u00fcrgerliche &#8222;Freiheit&#8220; erreichen. Als die Liberalen in den 70er Jahren zeitweise \u00fcber eine Mehrheit im Reichstag verf\u00fcgten, versuchten sie deshalb wie schon zehn Jahre zuvor im preu\u00dfischen Verfassungskonflikt, das R\u00fcstungsbudget mit Hilfe des Haushaltsrechts in die Hand des Parlaments zu bekommen, um so dessen Machtvorrang zu erreichen. Die Antwort Bismarcks lie\u00df nicht auf sich warten. Durch die Aufl\u00f6sung des Reichstags, das Durchpeitschen des Sozialistengesetzes, den \u00dcbergang zu einer Schutzzollpolitik und andere Ma\u00dfnahmen gelang es ihm, die Liberalen zu spalten und den Angriff abzuwehren. Von der Geschichtsschreibung als &#8222;konservative Neugr\u00fcndung&#8220; des Reichs apostrophiert, war das Ergebnis eine Zementierung der junkerlichen Machtposition.<\/p>\n<p class=\"western\">Endg\u00fcltig kapitulierte die Bourgeoisie Anfang der 80er Jahre vor Bismarck. Weil die SPD auf dem Boden des (von Bismarck zur Schw\u00e4chung der Liberalen eingef\u00fchrten) allgemeinen Wahlrechts bei den Reichstagswahlen trotz des Sozialistengesetzes immer mehr Stimmen aus den Reihen des rasant anwachsenden Proletariats erhielt, griff im b\u00fcrgerlichen Lager die Angst um sich, dass den Sozialdemokraten gelingen k\u00f6nnte, was die Liberalen zuvor vergeblich versucht hatten: n\u00e4mlich \u00fcber den Ausbau der schwachen Ans\u00e4tze des Parlamentarismus an die Macht zu gelangen.<\/p>\n<p class=\"western\">Von ihrem schwerindustriellen Fl\u00fcgel beherrscht, verzichtete die nationalliberale F\u00fchrungspartei des b\u00fcrgerlichen Lagers angesichts dieser Gefahr auf die <i>Verantwortlichkeit<\/i> des Reichstags. Um &#8222;die bestehende Ordnung vor den Gefahren der Revolution zu sch\u00fctzen&#8220;, schwor sie in ihrer <i>Heidelberger Erkl\u00e4rung<\/i> von 1884 allen weiteren Versuchen zur Parlamentarisierung des Reichs ab und legte sich auf ein k\u00fcnftiges Zusammengehen mit Bismarck und der konservativen Junkerpartei fest; nur der linksliberale Fl\u00fcgel des b\u00fcrgerlichen Lagers verfolgte weiter das Ziel einer Parlamentsherrschaft.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote5sym\" name=\"sdfootnote5anc\"><sup>5<\/sup><\/a> Bis dahin hatten die Nationalliberalen nur ein vor\u00fcbergehendes Zusammengehen mit Bismarck zwecks Schaffung eines Nationalstaats gewollt, von nun an datierte endg\u00fcltig das B\u00fcndnis von Roggen und Eisen, von Junkertum und Montanbourgeoisie, das die Klassenbasis des Kaiserreichs bildete.<\/p>\n<p class=\"western\">Mit dieser Entscheidung <i>verabschiedete sich die Bourgeoisie von der Weiterf\u00fchrung der b\u00fcrgerlichen Revolution. <\/i>Indessen stand die Erk\u00e4mpfung der Demokratie gegen das reaktion\u00e4re Preu\u00dfentum weiterhin auf der Tagesordnung, nur musste jetzt das Proletariat die F\u00fchrung in diesem Kampf \u00fcbernehmen \u2013 ohne und gegen die Bourgeoisie.<\/p>\n<p class=\"western\"><b>Revolution &#8222;\u00e0 la francaise&#8220; unter proletarischer F\u00fchrung<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Die bei der Reichsgr\u00fcndung geschaffenen und anschlie\u00dfend zementierten Herrschaftsverh\u00e4ltnisse blieben bis zum Weltkrieg unver\u00e4ndert.<sup> <a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote6sym\" name=\"sdfootnote6anc\">6<\/a><\/sup> Obwohl Deutschland in dieser Zeit einen gewaltigen Aufschwung erlebte, gelangte die Bourgeoisie trotz Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte und erheblicher Ausdehnung der kapitalistischen Produktion nicht in den Besitz der politischen Macht. Sie konnte nach Bismarcks Abdankung ihren Einfluss auf den Staat ausbauen, mehr aber nicht. Durch welche <i>politische Umw\u00e4lzung<\/i> sollte sie auch die Herrschaft \u00fcbernommen haben? W\u00e4hrend die Kluft zwischen \u00f6konomisch-gesellschaftlicher Entwicklung und staatlichem \u00dcberbau immer gr\u00f6\u00dfer wurde, blieb der Bourgeoisie der innere Kern der Macht weiter verschlossen, und das bedeutete, dass die Aufgabe der Fortsetzung der b\u00fcrgerlichen Revolution als demokratische Revolution bestehen blieb.<\/p>\n<p class=\"western\">Den Grundgedanken f\u00fcr ein solches Konzept des Zu-Ende-F\u00fchrens der b\u00fcrgerlichen Revolution unter proletarischer F\u00fchrung hatte Karl Marx Mitte der 70er Jahre formuliert. Zur selben Zeit, als er seine Kritik des Gothaer Programms schrieb, bemerkte er \u00fcber die Erfolgsaussichten einer k\u00fcnftigen sozialen Revolution in Deutschland, dass das Proletariat, um zu siegen, bereit sein m\u00fcsse, &#8222;soviel unmittelbar mutatis mutandis f\u00fcr die Bauern zu tun, als die franz\u00f6sische Bourgeoisie in ihrer Revolution f\u00fcr die damaligen franz\u00f6sischen Bauern tat.&#8220;<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote7sym\" name=\"sdfootnote7anc\"><sup>7<\/sup><\/a> Er ging also davon aus, dass die Eroberung der Macht ohne das Zusammengehen mit dem Kleinb\u00fcrgertum bzw. der Bauernschaft nicht m\u00f6glich war. Um ein solches B\u00fcndnis zu schlie\u00dfen, musste das Proletariat sich darauf einlassen, die sozialen Interessen ihres B\u00fcndnispartners zu befriedigen, wie das seinerzeit die Bourgeoisie in der franz\u00f6sischen Revolution getan hatte, und eine zeitweise St\u00e4rkung der kleinen Warenproduktion in Kauf nehmen. Aber wenn es diesen Preis nicht zahlte, w\u00fcrde es auf sich allein gestellt bleiben und nicht siegen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"western\">Der Krieg 1914-18 brachte die Machtverteilung erneut auf den Punkt. W\u00e4hrend in Frankreich und Gro\u00dfbritannien, beides L\u00e4nder einer b\u00fcrgerlichen Revolution, die Parlamente die Oberhoheit \u00fcber das Milit\u00e4r behielten, \u00fcbte im Kaiserreich ab 1916 die Oberste Heeresleitung eine diktatur\u00e4hnliche Herrschaft aus. Die seit der Reichsgr\u00fcndung bestehende Notwendigkeit einer Vollendung der b\u00fcrgerlichen Revolution best\u00e4tigte sich noch einmal.<\/p>\n<p class=\"western\"><b>Die Novemberrevolution<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Das Ende des Kriegs lie\u00df den Bau der alten Herrschaft wie ein Kartenhaus in sich zusammen fallen. Die sich wie ein Lauffeuer ausbreitende revolution\u00e4re Bewegung fegte die bis dahin unbesiegbar erscheinende preu\u00dfisch-deutsche Staatsmaschinerie im November 1918 binnen weniger Tage hinweg. Sowohl in der Armee als auch in der Verwaltung \u00fcbernahmen R\u00e4te die Macht, und es konnte scheinen, als ob der Erfolg der Revolution unumkehrbar war. Doch die bis dahin herrschenden Kr\u00e4fte waren durch den Umsturz nur von der Macht entfernt und nicht endg\u00fcltig geschlagen worden. Um eine Entwicklung wie 1848\/49 zu verhindern und ihre R\u00fcckkehr auszuschlie\u00dfen, bedurfte es weitergehender Schritte.<\/p>\n<p class=\"western\">Als erstes musste zusammen mit dem Heer das preu\u00dfisch-deutsche Offizierskorps aufgel\u00f6st und eine republiktreue Streitmacht aufgebaut werden. Dasselbe hatte mit dem nur stillgelegten, aber nach wie vor existenten, obrigkeitlichen Verwaltungs-, Polizei- und Justizapparat zu geschehen. Anstelle der vordemokratischen Staatsmaschinerie war also nicht nur dem republikanischen Namen nach, sondern tats\u00e4chlich ein neuer, demokratischer Staat zu errichten. Dar\u00fcber hinaus mussten der junkerliche Gro\u00dfgrundbesitz enteignet und die Schwerindustrie sozialisiert werden, um den Tr\u00e4gern der alten Ordnung die soziale Basis zu entziehen. Schlie\u00dflich waren Kirche und Staat voneinander zu trennen und der Staat Preu\u00dfen aufzuteilen, nicht allein seines reaktion\u00e4ren Charakters, sondern schon seiner erdr\u00fcckenden Gr\u00f6\u00dfe wegen.<\/p>\n<p class=\"western\">Ihrer Mehrzahl nach geh\u00f6rten diese Ma\u00dfnahmen seit 1848\/49 zum Grundkatalog einer <i>b\u00fcrgerlichen Revolution<\/i> gegen die preu\u00dfische Milit\u00e4rmonarchie und wurden 1918\/19 nicht nur von der Masse des Proletariats, sondern auch von gro\u00dfen Teilen des b\u00fcrgerlichen Lagers getragen. So forderte die linksliberale Deutsche Demokratische Partei, die das Kleinb\u00fcrgertum in der Tradition von 1848 repr\u00e4sentierte und bei der Wahl zur Nationalversammlung knapp 19% der Stimmen erhielt, neben der Demokratisierung des Staats die &#8222;<i>entschlossene Aufteilung von Gro\u00dfgrundbesitz zur Schaffung von selbstwirtschaftlichen b\u00e4uerlichen Familienbetrieben und zur Ansiedlung von Landarbeitern&#8220;<\/i>.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote8sym\" name=\"sdfootnote8anc\"><sup>8<\/sup><\/a><\/p>\n<p class=\"western\">Verwirklichte man die genannten Punkte, hatte man nicht den Sozialismus erreicht, sondern &#8222;nur&#8220; die b\u00fcrgerliche Revolution zu Ende gef\u00fchrt und eine R\u00fcckkehr der alten Ordnung ausgeschlossen. Aber zugleich hatte man durch die \u00dcbernahme der Staatsmacht (unter Beteiligung des demokratischen Kleinb\u00fcrgertums) sowie die staatliche Verf\u00fcgung \u00fcber einen ma\u00dfgeblichen Sektor der Wirtschaft die Basis f\u00fcr einen sp\u00e4teren \u00dcbergang zum Sozialismus gelegt.<\/p>\n<p class=\"western\"><b>Konterrevolution unter Regie der SPD<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Jedoch wurde nicht einer der angesprochenen Schritte umgesetzt. Die sozialdemokratische Parteif\u00fchrung unter ihrem Vorsitzenden Friedrich Ebert realisierte in Allem das Gegenteil:<\/p>\n<ul>\n<li>Durch ein Abkommen mit General Groener, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Obersten Heeresleitung (<i>Ebert-Groener-Pakt)<\/i>, sorgte sie daf\u00fcr, dass das vom Versailler Vertrag erlaubte 100.000-Mann-Heer unter dem Kommando des alten Offizierskorps als Fortsetzung der kaiserlichen Armee aufgebaut wurde. In der \u00dcbergangszeit bis zur Bildung gen\u00fcgend regul\u00e4rer Reichswehreinheiten lie\u00df sie S\u00f6ldnertruppen in Gestalt von Freikorps aufstellen, die den Arbeiterwiderstand gegen die Wiederkehr der alten Ordnung in den kommenden Monaten blutig niederschlugen.<\/li>\n<li>Eine Landreform wurde von ihr zur\u00fcckgewiesen; stattdessen stellte sie unter Einsatz bewaffneter Kr\u00e4fte gegen aufbegehrende Landarbeiter sicher, dass die Stellung der ostelbischen Latifundienbesitzer gewahrt blieb.<\/li>\n<li>Gleichzeitig wendete das <i>Stinnes-Legien-Abkommen<\/i> zwischen sozialdemokratischer Gewerkschaftsf\u00fchrung und Schwerindustrie die allseits verlangte Sozialisierung der Zechen und Stahlwerke gegen eine Reihe sozialpolitischer Zugest\u00e4ndnisse ab.<\/li>\n<li>Die in der Novemberrevolution entstandenen R\u00e4te, die \u00fcberall die Demokratisierung von Verwaltung und Polizei eingeleitet hatten, wurden sukzessive entmachtet; ebenso wurde das alte Justizwesen wieder in Gang gebracht. Die Weimarer Verfassung schrieb schlie\u00dflich die &#8222;wohlerworbenen Rechte&#8220; des Berufsbeamtentums fest und lie\u00df so den obrigkeitlichen Staatsapparat ungebrochen fortbestehen. Auch erfolgte keine Trennung von Staat und Kirche.<\/li>\n<li>Schlie\u00dflich verhinderten die Sozialdemokraten die Zerschlagung des Landes Preu\u00dfen, weil sie nach den Wahlergebnissen der Vorkriegszeit davon ausgingen, dass sie in der n\u00f6rdlichen H\u00e4lfte Deutschlands dauerhafte Mehrheiten erhalten w\u00fcrden. Das Land Preu\u00dfen, als deutscher Hegemonialstaat bis 1918 in der Hand des Junkertums, sollte nun der SPD als Machtr\u00fcckhalt dienen.<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"western\">Im Ergebnis blieb die Novemberrevolution wie die Revolution von 1848 eine unvollendete b\u00fcrgerliche Revolution. Wie ihre Vorg\u00e4ngerin \u00fcberrannte sie die alte Ordnung im ersten Anlauf, war aber nicht in der Lage, ihren Sieg zu befestigen. 1848\/49 war es die preu\u00dfische Milit\u00e4raristokratie selber gewesen, die nach einem vor\u00fcbergehenden R\u00fcckzug den Gegenangriff organisiert und die Revolution in Blut erstickt hatte. Diesmal erfolgte der Gegenangriff mit Hilfe des alten Offizierskorps im Namen der Republik und unter der Regie der Sozialdemokratie. <i>Der neue Staat war nicht das Ergebnis einer siegreichen Revolution, sondern einer von der SPD organisierten Konterrevolution<\/i>.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote9sym\" name=\"sdfootnote9anc\"><sup>9<\/sup><\/a><\/p>\n<p class=\"western\"><b>Das Scheitern der revolution\u00e4ren Linken<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Die revolution\u00e4re Linke war nicht in der Lage, der SPD-Politik eine realit\u00e4tstaugliche Revolutionsstrategie entgegen zu setzen. Das &#8222;Oktoberprogramm&#8220; der von Luxemburg und Liebknecht gef\u00fchrten Spartakusgruppe zielte nicht auf die Vollendung der demokratischen Revolution, sondern propagierte die Diktatur des Proletariats und rief mit flammenden Worten zur Errichtung einer sozialistischen Republik auf. Nach dieser Ma\u00dfgabe war f\u00fcr eine B\u00fcndnispolitik gegen\u00fcber dem l\u00e4ndlichen und st\u00e4dtischen Kleinb\u00fcrgertum kein Platz \u2013 im Gegenteil.<\/p>\n<p class=\"western\">Ohne zwischen junkerlichem Gro\u00dfgrundbesitz und Bauernland zu unterscheiden, k\u00fcndigte das Programm die &#8222;Enteignung alles Gro\u00df- und Mittelgrundbesitzes&#8220; an.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote10sym\" name=\"sdfootnote10anc\"><sup>10<\/sup><\/a> Der Enteignung entgehen w\u00fcrden also nur die Kleinbauern, die in Deutschland eine Minderheit bildeten. Wo Marx vom Proletariat verlangt hatte, den Bauern so weit entgegenzukommen, wie dies seinerzeit die Bourgeoisie in der franz\u00f6sischen Revolution getan hatte, erkl\u00e4rte dieses Programm der breiten Mehrheit der Bauernschaft den Krieg. Es konnte nicht einmal die Millionenmasse der Landarbeiter gewinnen, da diese nach eigenem Landbesitz durch Aufteilung der Junkerg\u00fcter strebten und nicht danach, auf Staatsg\u00fctern weiter zu arbeiten.<br \/>\nZum st\u00e4dtischen Kleinb\u00fcrgertum schwieg das Programm sich aus. Doch da die eingeschlagene Sozialismusstrategie die Vergesellschaftung der Produktionsmittel verlangte, w\u00fcrde es den Handwerkern und Kleinh\u00e4ndlern der St\u00e4dte nicht anders ergehen als der Bauernschaft.<\/p>\n<p class=\"western\">Alles in allem stellte das Oktoberprogramm das linksradikale Konzept einer proletarischen Alleinrevolution nicht nur gegen die herrschenden Gewalten, sondern auch gegen die nichtproletarischen Teile des Volkes dar. Auf dem Boden dieser Zielsetzung war die Spartakusgruppe bzw. die an der Jahreswende 1918\/19 gegr\u00fcndete KPD nicht in der Lage, den Widerstand der Massen gegen die von der SPD gef\u00fchrte Konterrevolution zu organisieren, selbst in den Arbeiter- bzw. Arbeiter- und Soldatenr\u00e4ten blieben ihre Anh\u00e4nger isoliert. Die von ihr verfolgte Sozialismusstrategie war zum Scheitern verurteilt.<\/p>\n<p class=\"western\"><b>Junkerland in Bauernhand<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Als die KPD\/SED keine drei\u00dfig Jahre nach der Novemberrevolution in der Sowjetischen Besatzungszone an die Macht kam, war eine ihrer ersten Ma\u00dfnahmen eine Landreform, die unter der Parole <i>Junkerland in Bauernhand<\/i> die Gutsl\u00e4ndereien der Gro\u00dfgrundbesitzer an Landarbeiter, kleine Bauern und Vertriebene verteilte. Das hei\u00dft, sie folgte &#8222;mutatis mutandis&#8220; der Empfehlung, die Karl Marx nach der Reichsgr\u00fcndung gegeben hatte, und betrieb eine prob\u00e4uerliche Agrarpolitik zur Sicherung der Arbeitermacht.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote11sym\" name=\"sdfootnote11anc\"><sup>11<\/sup><\/a> Mit der Enteignung und Verteilung des Landes wurde die Gefahr des Wiedererstarkens der Gutsadeligen beseitigt und die soziale Basis der SED-Herrschaft verbreitert. Ihre theoretische Legitimation fand diese Politik in der Errichtung einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung, d.h. in einer dem Wesen nach b\u00fcrgerlichen Umw\u00e4lzung.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote12sym\" name=\"sdfootnote12anc\"><sup>12<\/sup><\/a><\/p>\n<p class=\"western\"><a name=\"_GoBack\"><\/a> Zehn Jahre sp\u00e4ter setzte aus Anlass des 40.Jahrestags eine breitere Diskussion um die Bewertung der Novemberrevolution ein, in deren Verlauf alle hier angesprochenen Fragen nach dem Verh\u00e4ltnis von b\u00fcrgerlicher zu proletarischer Revolution sowie nach der Richtigkeit oder Fehlerhaftigkeit der Novemberstrategie 1918 aufs Tapet kamen.<\/p>\n<p class=\"western\">Die in der Debatte vorgebrachten Einsch\u00e4tzungen waren im Ausgangspunkt gegens\u00e4tzlich. Auf der einen Seite hatten die sowjetischen Kommunisten Ende der 30er Jahre die Novemberrevolution als <i>unvollendete b\u00fcrgerliche Revolution<\/i> eingestuft, und diese Position konnte man nicht einfach negieren (auch die Verteilung der Gutsl\u00e4ndereien an Landarbeiter und Kleinbauern ging wohl haupts\u00e4chlich auf sowjetische Initiative zur\u00fcck). Auf der anderen Seite beharrten die Luxemburg-Anh\u00e4nger aus der KPD darauf, dass 1918\/19 eine <i>fehlgeschlagene sozialistische Revolution<\/i> stattgefunden hatte.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote13sym\" name=\"sdfootnote13anc\"><sup>13<\/sup><\/a> Zwischen diesen beiden im Prinzip unvereinbaren Polen bewegte sich die Debatte, wenngleich nur z\u00f6gerlich und ohne dass es zu einer Zuspitzung kam.<\/p>\n<p class=\"western\"><b>Der SED-Beschluss zur Novemberrevolution<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Bevor die Auseinandersetzung weiter in die Tiefe gehen konnte, wurde sie durch den eingangs zitierten Beschluss des ZK der SED beendet, dessen Kernsatz lautete, dass die Novemberrevolution &#8222;ihrem Charakter nach eine b\u00fcrgerlich-demokratische Revolution (war), die in gewissem Umfange mit proletarischen Mitteln und Methoden durchgef\u00fchrt wurde&#8220;.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote14sym\" name=\"sdfootnote14anc\"><sup>14<\/sup><\/a> Indem die salomonisch \u00fcbergreifende Formulierung beiden Seiten etwas gab, entzog sie dem beginnenden Disput die Luft und wurde sp\u00e4ter nicht mehr in Zweifel gezogen. Die grundlegende Fragestellung war damit jedoch nicht gel\u00f6st.<\/p>\n<p class=\"western\">Wenn die Novemberrevolution eine b\u00fcrgerliche Revolution war, stellt sich als erstes das elementare Problem, wie eine solche Revolution 1918\/19 auf die Tagesordnung treten konnte. War die Epoche der b\u00fcrgerlichen Revolution in Deutschland denn nicht seit 1870 beendet, wie die Bebel-SPD konstatiert hatte und wovon auch Luxemburg und die Spartakusgruppe\/KPD \u00fcberzeugt waren? Wie konnte dann aber 1918\/19 eine b\u00fcrgerliche Revolution stattfinden \u2013 etwa gegen eine b\u00fcrgerliche Herrschaft und Gesellschaft?<\/p>\n<p class=\"western\">An anderer Stelle verk\u00fcndete der Beschluss, dass es die Aufgabe gewesen sei, gleich nach der demokratischen Revolution &#8222;zur proletarischen Revolution, die objektiv auf der Tagesordnung stand, \u00fcberzugehen&#8220;. Ohne sich auf Trotzki und dessen Theorie der permanenten Revolution zu beziehen, versuchte diese Formulierung, den Widerspruch zwischen b\u00fcrgerlicher und sozialistischer Revolution terminologisch durch einen flie\u00dfenden Wechsel zu gl\u00e4tten. Doch wie und wann h\u00e4tte dieser \u00dcbergang stattfinden sollen? Die 1918\/19 real stattfindende Revolution trug b\u00fcrgerlichen Charakter, wie die SED soeben selber festgestellt hatte, und diese Revolution war <i>nicht erfolgreich<\/i>, denn in ihrem Ergebnis wurde lediglich die staatliche Fassade ausgewechselt, w\u00e4hrend mit der Fortf\u00fchrung der junkerlich-preu\u00dfischen Armee in Gestalt der Reichswehr, der Weiterexistenz des obrigkeitlichen Beamtenstaats sowie der Erhaltung von Gro\u00dfgrundbesitz und Schwerindustrie die alten gesellschaftlichen Strukturen unver\u00e4ndert blieben. Sollte man also zu einer sozialistischen Revolution \u00fcbergehen, <i>ohne <\/i>zuvor die demokratische Revolution zu Ende gebracht zu haben?<\/p>\n<p class=\"western\">Oder anders herum gefragt: wenn 1918\/19 eine proletarisch-sozialistische Revolution &#8222;objektiv auf der Tagesordnung stand&#8220; \u2013 wieso konnte die SED dann nach 1945 unter ihrer eigenen Herrschaft eine b\u00fcrgerliche Umw\u00e4lzung in Gestalt der &#8222;Junkerland-in-Bauernhand&#8220;-Kampagne durchf\u00fchren?<\/p>\n<p class=\"western\"><b>Wann endete die Epoche der b\u00fcrgerlichen Revolution?<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Wie auch immer man den SED-Beschluss von 1958 wendet, sobald man sich n\u00e4her mit ihm befasst, muss man feststellen, dass es sich um einen theoretischen Formelkompromiss handelt, der voll unaufgel\u00f6ster Widerspr\u00fcche steckt und mehr Fragen aufwirft als beantwortet.<\/p>\n<p class=\"western\">Diese Widerspr\u00fcche spiegeln die historischen Bedingungen, unter denen die Novemberrevolution stattfand: Sie war eine b\u00fcrgerliche Revolution, die aber nur unter F\u00fchrung des Proletariats im B\u00fcndnis mit dem Kleinb\u00fcrgertum durchzufechten war, gegen das Klassenb\u00fcndnis von Junkertum und Montanbourgeoisie. Um sie zu vollbringen, mussten die Revolution\u00e4re das Ziel des Sozialismus zur\u00fcckstellen und eine Etappenstrategie einschlagen, die den \u00dcbergang dorthin erst zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt auf die Tagesordnung setzte. Das verlangte einen erheblich weiter gehenden Bruch mit der Bebel-SPD, als den Anh\u00e4ngern der Spartakusgruppe bewusst war.<\/p>\n<p class=\"western\">In Russland f\u00fchrte Lenin das Proletariat im Jahre 1917 zum Sieg, indem er das von ihm jahrelang verfochtene Revolutionsprogramm \u00fcber Bord warf und das Agrarprogramm der Sozialrevolution\u00e4re \u00fcbernahm. In Deutschland war die von Luxemburg gef\u00fchrte Spartakusgruppe dazu nicht in der Lage. Aber auch wenn ihr Kampf aufgrund einer verfehlten Strategie mit einer Niederlage enden musste \u2013 sie k\u00e4mpfte f\u00fcr die Befreiung der Arbeiterklasse und eine bessere Gesellschaft, und die ihr zukommende Ehre erweisen wir ihr am besten, indem wir ergr\u00fcnden, welche Fehler zu dieser Niederlage gef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p class=\"western\">Wenn der hundertste Jahrestag dieser Revolution jetzt wieder dieselbe Fragestellung auf die Tagesordnung der historischen Debatte setzt, die 1918\/19 in der gesellschaftlichen Praxis vor der deutschen Arbeiterbewegung stand, so ist zu hoffen, dass die Debatte dar\u00fcber diesmal tiefer geht als 1958. Man mag sich \u00fcber die hier dargelegte Auffassung streiten, aber welcher Position auch immer man zuneigt \u2013 die entscheidende Frage lautet: wann endete die Epoche der b\u00fcrgerlichen Revolution in Deutschland?<\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\">\n<p lang=\"en-GB\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1<\/a><sup><span style=\"font-size: small;\">\u0002<\/span><\/sup><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"> Wolfgang J.Mommsen: Der autorit\u00e4re Nationalstaat; Frankfurt 1990, S.\u00a0261<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote2\">\n<p lang=\"en-GB\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote2anc\" name=\"sdfootnote2sym\">2<\/a><sup><span style=\"font-size: small;\">\u0002<\/span><\/sup><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"> So der Titel der von Horst Bartel und Ernst Engelbert herausgegebenen Sammelb\u00e4nde: Die gro\u00dfpreu\u00dfisch-militaristische Reichsgr\u00fcndung 1871 \u2013 Voraussetzungen und Folgen; zwei B\u00e4nde, Akademie-Verlag, Berlin (Ost) 1971<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote3\">\n<p lang=\"en-GB\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote3anc\" name=\"sdfootnote3sym\">3<\/a><sup><span style=\"font-size: small;\">\u0002<\/span><\/sup> <em><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\">MEW 19, <\/span><\/span><\/em><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\">S.\u00a029<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote4\">\n<p lang=\"en-GB\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote4anc\" name=\"sdfootnote4sym\">4<\/a><sup><span style=\"font-size: small;\">\u0002<\/span><\/sup><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"> Karl Kautsky: Der Weg zur Macht. Politische Betrachtungen \u00fcber das Hineinwachsen in die Revolution; Neuauflage hrsg. und eingeleitet von Georg F\u00fclberth, Frankfurt 1972, S.\u00a018<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote5\">\n<p lang=\"en-GB\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote5anc\" name=\"sdfootnote5sym\">5<\/a><sup><span style=\"font-size: small;\">\u0002<\/span><\/sup><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"> H.\u00a0Karuscheit: Deutschland 1914 \u2013 Vom Klassenkompromiss zum Krieg; Hamburg 2014, S.\u00a0113\u00a0ff<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote6\">\n<p class=\"western\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote6anc\" name=\"sdfootnote6sym\">6<\/a><sup><span style=\"font-size: small;\">\u0002<\/span><\/sup><span style=\"font-size: small;\"> F.\u00a0Engels stellte verschiedentlich \u00dcberlegungen an, ob Bismarck in seiner Regierungszeit nicht eine bonapartistische, \u00fcber den Klassen stehende Herrschaft errichtet und das Kaiserreich ungewollt auf einen b\u00fcrgerlichen Weg gebracht habe. Der Autor folgt diesen \u00dcberlegungen nicht.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote7\">\n<p lang=\"en-GB\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote7anc\" name=\"sdfootnote7sym\">7<\/a><sup><span style=\"font-size: small;\">\u0002<\/span><\/sup><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"> Konspekt zu Bakunins Buch &#8222;Staatlichkeit und Anarchie&#8220;, geschrieben 1875\/76; MEW 18, S.\u00a0633<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote8\">\n<p lang=\"en-GB\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote8anc\" name=\"sdfootnote8sym\">8<\/a><sup><span style=\"font-size: small;\">\u0002<\/span><\/sup><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"> Gr\u00fcndungsprogramm der Deutschen Demokratischen Partei von 1919; in: 100(0) Schl\u00fcsseldokumente zur deutschen Geschichte im 20.\u00a0Jahrhundert, &gt;<\/span><\/span><a href=\"http:\/\/www.1000dokumente.de\/index.html?c=dokument_de&amp;dokument=0002_ddp&amp;object=translation&amp;st=&amp;l=de\"><span style=\"color: #00000a;\"><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\">http:\/\/www.1000dokumente.de\/index.html?c=dokument_de&amp;dokument=0002_ddp&amp;object=translation&amp;st=&amp;l=de<\/span><\/span><\/span><\/a><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\">&lt;; Zugriff am 13.4.2018<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote9\">\n<p lang=\"en-GB\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote9anc\" name=\"sdfootnote9sym\">9<\/a><sup><span style=\"font-size: small;\">\u0002<\/span><\/sup><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"> Das Vorgehen der SPD-F\u00fchrung l\u00e4sst sich nicht mit einem innerparteilichen Sieg des (b\u00fcrgerlichen) Reformismus erkl\u00e4ren, denn eine <\/span><\/span><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><i>b\u00fcrgerlich<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"> gewordene Arbeiterpartei h\u00e4tte die angesprochenen Ma\u00dfnahmen zumindest teilweise verwirklicht, wie das ja auch die DDP forderte. Vielmehr hatte sich die Sozialdemokratie nach dem Ende des Sozialistengesetzes in eine Richtung entwickelt, die am besten als &#8222;Verpreu\u00dfung&#8220; zu charakterisieren ist und das allm\u00e4hliche Hineinwachsen in den vorb\u00fcrgerlichen, preu\u00dfisch-deutschen Obrigkeitsstaat bedeutete. (Siehe hierzu den Artikel &#8222;Die SPD und der &gt;Junkerstaat&lt;. Die Politik der Sozialdemokratie in der Novemberrevolution&#8220;, der demn\u00e4chst in einem Supplement zur Novemberrevolution der Zeitschrift <\/span><\/span><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><i>Sozialismus<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"> erscheint)<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote10\">\n<p lang=\"en-GB\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote10anc\" name=\"sdfootnote10sym\">10<\/a><sup><span style=\"font-size: small;\">\u0002<\/span><\/sup><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"> Das Oktoberprogramm ist a<\/span><\/span><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\">bgedruckt in: Revolution\u00e4re Deutsche Parteiprogramme, hrsg. und eingeleitet von L.\u00a0Berthold und E.\u00a0Diehl; Berlin (Ost) 1967, S.\u00a0105\u00a0ff<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote11\">\n<p lang=\"en-GB\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote11anc\" name=\"sdfootnote11sym\">11<\/a><sup><span style=\"font-size: small;\">\u0002<\/span><\/sup><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"> Mit der Gutsverteilung an Landarbeiter und kleine Bauern ging sie \u00fcber die Empfehlungen von Marx aus dem Jahr 1875\/76 hinaus.<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote12\">\n<p class=\"western\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote12anc\" name=\"sdfootnote12sym\">12<\/a><sup><span style=\"font-size: small;\">\u0002<\/span><\/sup><span style=\"font-size: small;\"> Au\u00dfer der antifaschistisch-demokratischen Umw\u00e4lzung in der DDR gab\/gibt es auch andere \u2013 h\u00e4ufig als neudemokratisch o.\u00e4. bezeichnete \u2013 b\u00fcrgerliche Revolutionen unter nicht-b\u00fcrgerlicher F\u00fchrung. Das Thema ist von grunds\u00e4tzlicher Bedeutung und verdient eine n\u00e4here Besch\u00e4ftigung, die hier nicht geleistet werden kann.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote13\">\n<p lang=\"en-GB\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote13anc\" name=\"sdfootnote13sym\">13<\/a><sup><span style=\"font-size: small;\">\u0002<\/span><\/sup><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"> Eine sachkundige Darstellung der Debatte findet sich in Wolfgang Niess: Die Revolution von 1918\/19 in der deutschen Geschichtsschreibung. Deutungen von der Weimarer Republik bis ins 21.\u00a0Jahrhundert; Berlin 2013, S.\u00a0329\u00a0ff<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote14\">\n<p lang=\"en-GB\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote14anc\" name=\"sdfootnote14sym\">14<\/a><sup>\u0002<\/sup> <span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\">Die <\/span><\/span><em><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\">Einheit<\/span><\/span><\/em> <span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"><i>\u2013 <\/i><\/span><\/span><em><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\">Zeitschrift<\/span><\/span><\/em><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\"> f\u00fcr Theorie und Praxis des Wissenschaftlichen Sozialismus, Nr.\u00a0<\/span><\/span><span style=\"font-size: small;\"><span lang=\"de-DE\">10\/1958<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Artikel ist zuerst erschienen in: Marxistische Bl\u00e4tter 4\/2018, S.\u00a098-105 Heiner Karuscheit \u00dcber den historischen Ort der Novemberrevolution Der hundertste Jahrestag der Novemberrevolution konfrontiert die Marxisten mit der Erinnerung an eine schwere Niederlage der Arbeiterbewegung. Was war das f\u00fcr eine Revolution? War sie eine erfolgreiche b\u00fcrgerliche Revolution? Eine gescheiterte proletarisch-sozialistische Revolution? 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