{"id":1459,"date":"2018-10-14T16:08:17","date_gmt":"2018-10-14T14:08:17","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1459"},"modified":"2018-10-14T16:20:04","modified_gmt":"2018-10-14T14:20:04","slug":"schluss-geschichte-und-klassenpolitik","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1459","title":{"rendered":"Schlu\u00df: Geschichte und Klassenpolitik"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Nachdem das Proletariat beim Kampf um die sozialistische Revolution im Westen die erste Niederlagenserie eingesteckt hatte, nahm Lenin im April 1920 in der Schrift Der &#8218;linke Radikalismus&#8216;. Die Kinderkrankheit im Kommunismus f\u00fcr den 2.Weltkongre\u00df der neuen Internationale eine erste Auswertung der vergangenen Klassenk\u00e4mpfe vor. Wie in der Imperialismusbrosch\u00fcre befa\u00dfte er sich vor allem mit Deutschland. Dabei nahm er eine treffende Abrechnung mit den &#8222;linken&#8220; Fehlern, Illusionen und Phrasen der kommunistischen Bewegung vor. Ausgehend von der Feststellung, wie schwer es f\u00fcr Westeuropa sei, &#8222;die sozialistische Revolution zu beginnen&#8220;, (Der Linke Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus, S. 55; LW 31, S. 49) forderte er, eine \u00e4u\u00dferst elastische Taktik an den Tag zu legen und keinen Umweg oder Kompromi\u00df zu scheuen, um an sie heranzukommen. Der sozialistische Sieg war jedoch keine Frage einer wie immer gearteten Taktik, denn dort, wo die Ersch\u00fctterung der Gesellschaft dem revolution\u00e4ren Proletariat \u00fcberhaupt die Chance bot, an die Macht zu gelangen, war dies nur als Hegemon einer b\u00fcrgerlichen Revolution m\u00f6glich. Der tiefste Grund der praktischen Niederlagen lag in der Aufgabenstellung der sozialistischen Revolution selber. Die fehlerhafte Etappenbestimmung rief die kritisierten &#8222;linken&#8220; Fehler mit Notwendigkeit hervor. Die sozialistische Revolutionsstrategie war eine Niederlagenstrategie.<\/p>\n<p>In Deutschland setzte nach der Kriegsniederlage eine heftige Auseinandersetzung \u00fcber die Ursachen ein. Die Herrschaftskontinuit\u00e4t des junkerlich-bourgeoisen Klassenb\u00fcndnisses spiegelte sich geschichtswissenschaftlich in der Auffassung vom &#8222;Primat der Au\u00dfenpolitik&#8220;, die jeden Zusammenhang zwischen inneren Verh\u00e4ltnissen und \u00e4u\u00dferer Politik leugnete. Nach dieser v\u00f6llig dominierenden Sichtweise war die &#8222;Einkreisung&#8220; Deutschlands durch die Gegnerschaft der anderen M\u00e4chte aufgezwungen und h\u00e4tte allenfalls durch einen genialen Politiker wie Bismarck verhindert werden k\u00f6nnen. Diese Auffassung erg\u00e4nzte sich vortrefflich durch die &#8222;Dolchsto\u00dflegende&#8220;.<\/p>\n<p>Auf b\u00fcrgerlicher Seite geh\u00f6rte der 1933 gestorbene Historiker Eckart Kehr zu den Wenigen, die nicht der staatsoffiziellen Lesart der Ereignisse folgten. In dem 1930 ver\u00f6ffentlichten Werk Schlachtflottenbau und Parteipolitik 1894 bis 1901. Versuch eines Querschnitts durch die innenpolitischen, sozialen und ideologischen Voraussetzungen des deutschen Imperialismus, seiner \u00fcberarbeiteten Doktorarbeit, untersuchte er die au\u00dfenpolitischen Entscheidungen der Vorkriegszeit im Zusammenhang mit den innenpolitischen Entwicklungen. Er begriff sie als Resultat der nicht ausgefochtenen inneren Gegens\u00e4tze zwischen Junkertum und Bourgeoisie, die angesichts der anwachsenden Arbeiterbewegung nach au\u00dfen gewendet wurden und in Form der wilhelminischen &#8222;Weltpolitik&#8220; den deutschen Imperialismus hervorbrachten: &#8222;Die deutsche Au\u00dfenpolitik der Vorkriegszeit hatte keine Wahl zwischen englischer und russischer Orientierung. Solange in Deutschland die Konservativen politischen Einflu\u00df hatten und solange die ganze Wirtschaftspolitik prim\u00e4r auf die staatliche Subventionierung der agrarkapitalistischen Getreideproduktion durch Z\u00f6lle eingestellt war, h\u00e4tte eine au\u00dfenpolitische Entscheidung f\u00fcr England oder f\u00fcr Ru\u00dfland sozial in der Luft geschwebt. Mit dem sozialen Aufbau des Bismarckschen Reichs harmonierte, seitdem es in Deutschland eine Krisis des politisch m\u00e4chtigen, verschuldeten Grundbesitzes \u00f6stlich der Elbe gab, nur die Entscheidung der Au\u00dfenpolitik gegen England und gegen Ru\u00dfland. (&#8230;) Denn Zollpolitik und Flottengesetze sind im Reichstag nicht aus dem Motiv der Sorge um die Wohlfahrt des Nationalstaates durchgekommen, sondern als Kampfmittel des Klassengegensatzes, der in die Au\u00dfenpolitik \u00fcbersprang und der mit au\u00dfenpolitischen Mitteln ausgefochten werden sollte, weil er mit innenpolitischen nicht zu bew\u00e4ltigen war.&#8220; (Kehr, S. 156, 160)<\/p>\n<p>Kehr blieb seinerzeit isoliert. Erst lange nach dem 2.Weltkrieg, als die Bindung der Bourgeoisie an die junkerlich-reaktion\u00e4ren Kr\u00e4fte der Vergangenheit aufh\u00f6rte, weil mit Preu\u00dfen die Junker untergegangen waren, wurde sein Werk wiederentdeckt.<\/p>\n<p>In der Sowjetunion wurde Kehrs Buch \u00fcber &#8222;Schlachtflottenbau und Parteipolitik&#8220; 1932 in der Zeitschrift &#8222;Istorik Marksist&#8220; vorgestellt. Der Rezensent V. M. Chvostow nannte es &#8222;eine der bedeutendsten Leistungen&#8220; der neueren historischen Forschung, warf ihm jedoch im gleichen Atemzug eine &#8222;antimarxistische&#8220; Tendenz und sogar eine &#8222;Apologie des Imperialismus&#8220; vor, weil der Autor den Imperialismus nicht als &#8222;einheitlichen Proze\u00df&#8220; aufgefa\u00dft habe, der den Kapitalismus gem\u00e4\u00df der Leninschen Theorie zwangsl\u00e4ufig in sein letztes, imperialistisches Stadium f\u00fchren m\u00fcsse. (nach: Wehler, Einleitung zu Kehr, S. 10)<\/p>\n<p>In der KPD wurden keine Lehren aus der Niederlage in der Novemberrevolution gezogen, so dass man 1933 in eine noch viel schwerere Niederlage marschierte. (vgl. H. Karuscheit: Zur Geschichte der KPD in der Weimarer Republik; in: AzD 21 vom April 1983, sowie Die Ungleichzeitigkeit der Republik. Weimarer Republik und Programm der KPD; in: AzD 32, Juni 1985) Aus Anla\u00df des 40.Jahrestags der Novemberrevolution verabschiedete das ZK der SED 1958 dann Thesen, in denen es u.a. hie\u00df, dass &#8222;die Novemberrevolution von 1918 ihrem Charakter nach eine b\u00fcrgerlich-demokratische Revolution (blieb), die in gewissen Umfange mit proletarischen Mitteln und Methoden durchgef\u00fchrt wurde.&#8220; (Die Novemberrevolution 1918 in Deutschland. Thesen des ZK der SED zum 40.Jahrestag der Novemberrevolution; in: Einheit 1958 (Heft 10), S. 1397) Aber kaum ausgesprochen, wurde diese Erkenntnis sogleich wieder versch\u00fcttet, indem es in den gleichen Thesen hie\u00df, dass im November 1918 eine sozialistische Revolution anstand. Eine vertiefende Forschung und Diskussion fand schon deswegen nicht statt, weil dem die Staatsr\u00e4son der DDR entgegenstand, die nur als sozialistischer Staat gegen die Bundesrepublik existieren konnte.<\/p>\n<p>Mittlerweile ist die DDR ebenso wie die Sowjetunion untergegangen. Es gibt f\u00fcr die Marxisten keinen Grund und keine Entschuldigung mehr, die historischen Niederlagen der Arbeiterbewegung zu bem\u00e4nteln. Zu den Schlu\u00dffolgerungen aus ihrer Aufarbeitung geh\u00f6rt auch die Abschiednahme von der Leninschen Imperialismustheorie. Sie ist kein &#8222;Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis der Welt von heute&#8220;, sondern versperrt im Gegenteil den Zugang dorthin. Vor allem geh\u00f6rt dazu die Abschiednahme von einem Marxismusverst\u00e4ndnis, das die gesellschaftliche Entwicklung nicht als variables Produkt der Auseinandersetzung sozialer Kr\u00e4fte begreift, sondern als vorgegebene Folge der Entwicklung des Kapitals, als Ergebnis nicht von Klassenk\u00e4mpfen, sondern von \u00f6konomischen Gesetzen.<\/p>\n<h1>Literatur<\/h1>\n<ul type=\"square\">\n<li>Berghahn, Volker R.: Sarajevo, 28.Juni 1914. Der Untergang des alten Europa, dtv, M\u00fcnchen 1997<\/li>\n<li>Bracher, Karl Dietrich \/ Funke, Manfred \/ Jacobsen, Hans-Adolf: Die Weimarer Republik 1918 &#8211; 1933. Wirtschaft &#8211; Politik &#8211; Gesellschaft; Bonn 1987<\/li>\n<li>Fischer, Fritz: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914-1918; Droste, D\u00fcsseldorf 2000<\/li>\n<li>Gall, Lothar: Bismarck, der wei\u00dfe Revolution\u00e4r; Ullstein, Frankfurt-Berlin 1990<\/li>\n<li>Gerloff, Wilhelm: Der Staatshaushalt und das Finanzsystem Deutschlands, in: Handbuch der Finanzwissenschaft, Verlag J. C. B. Mohr, T\u00fcbingen 1929<\/li>\n<li>Helga Grebing, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, M\u00fcnchen 1966<\/li>\n<li>Hildebrand, Klaus: Das vergangene Reich. Deutsche Au\u00dfenpolitik von Bismarck bis Hitler; Ullstein, Berlin 1999<\/li>\n<li>Kehr, Eckart: Der Primat der Innenpolitik. Gesammelte Aufs\u00e4tze zur preu\u00dfisch-deutschen Sozialgeschichte im 19. und 20.Jahrhundert, hrsg. und eingeleitet von Hans-Ulrich Wehler; Ullstein, Frankfurt-Berlin-Wien 1970<\/li>\n<li>Lenin: Der Imperialismus als h\u00f6chstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverst\u00e4ndlicher Abriss, Dietz-Verlag, Berlin 1946<\/li>\n<li>Lenin: \u00dcber Deutschland und die deutsche Arbeiterbewegung, Dietz-Verlag, Berlin (Ost) 1957<\/li>\n<li>LW = Lenin, Werke, Dietz-Verlag, Berlin (Ost) 1961 ff<\/li>\n<li>MEW = Marx-Engels-Werke, Dietz-Verlag, Berlin (Ost) 1956 ff<\/li>\n<li>Mayer, Arno J.: Adelsmacht und B\u00fcrgertum. Die Krise der europ\u00e4ischen Gesellschaft 1848 &#8211; 1914; Beck, M\u00fcnchen 1984<\/li>\n<li>Michalka, Wolfgang: Der Erste Weltkrieg. Wirkung, Wahrnehmung, Analyse; herausgegeben im Auftrag des Milit\u00e4rgeschichtlichen Forschungsamtes, Piper, M\u00fcnchen-Z\u00fcrich 1994<\/li>\n<li>Rosenberg, Arthur: Entstehung und Geschichte der Weimarer Republik (in einem Band: Teil I = Entstehung der Weimarer Republik; Teil II = Geschichte der Weimarer Republik); Europ\u00e4ische Verlagsanstalt, Frankfurt 1983. Da die Seitenz\u00e4hlung beider Teile selbst\u00e4ndig ist, werden sie zitiert als: Rosenberg I und Rosenberg II<\/li>\n<li>Schieder, Wolfgang (Hrsg.): Erster Weltkrieg. Ursachen, Entstehung und Kriegsziele; Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln-Berlin 1969<\/li>\n<li>Steltzer, Hans Georg: Die deutsche Flotte. Ein historischer \u00dcberblick von 1640 bis 1918; Societ\u00e4ts-Verlag, Frankfurt 1989<\/li>\n<li>St\u00fcrmer, Michael (Hrsg.): Das kaiserliche Deutschland. Politik und Gesellschaft 1870 &#8211; 1918, D\u00fcsseldorf 1970<\/li>\n<li>Tenfelde, Sch\u00f6nhoven, Schneider, Peukert: Geschichte der Deutschen Gewerkschaftsbewegung, K\u00f6ln 1987<\/li>\n<li>Tirpitz, Alfred von: Deutsche Ohnmachtspolitik im Weltkriege; Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg und Berlin 1926<\/li>\n<li>Tormin, Walter: Geschichte der deutschen Parteien seit 1848; Kohlhammer, Stuttgart 1968<\/li>\n<li>Wehler, Hans-Ulrich: Das Deutsche Kaiserreich 1871 &#8211; 1918; Vandenhoeck u. Ruprecht, G\u00f6ttingen 1973<\/li>\n<li>Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Band 3. Von der &#8222;Deutschen Doppelrevolution&#8220; bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges (1849 bis 1914); Beck, M\u00fcnchen 1995<\/li>\n<li>Winkler, Heinrich August: Der lange Weg nach Westen, Erster Band: Vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik; C. H. Beck, M\u00fcnchen 2000<\/li>\n<li>Witt, Peter-Christian: Die Finanzpolitik des Deutschen Reiches von 1903 bis 1913, Dissertation, Hamburg 1970<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: right;\">[<a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1432&amp;preview=true\">Zur\u00fcck<\/a>]<\/p>\n<\/div>\n<div align=\"right\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem das Proletariat beim Kampf um die sozialistische Revolution im Westen die erste Niederlagenserie eingesteckt hatte, nahm Lenin im April 1920 in der Schrift Der &#8218;linke Radikalismus&#8216;. 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