{"id":145,"date":"2016-09-10T21:41:46","date_gmt":"2016-09-10T19:41:46","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=145"},"modified":"2016-09-11T11:09:39","modified_gmt":"2016-09-11T09:09:39","slug":"3-die-arbeiterklasse-unterm-hakenkreuz","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=145","title":{"rendered":"3. Die Arbeiterklasse unterm Hakenkreuz"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>&#8222;Adolf, gib uns Arbeit, gib uns Brot &#8211; sonst werden wir rot.&#8220; (Fl\u00fcsterspruch bei NSBO-Gruppen in Hitlers erstem Regierungsjahr)<\/p>\n<h3>Zuckerbrot und Peitsche<\/h3>\n<p>Von zentraler Bedeutung war f\u00fcr den Nationalsozialismus nach der Macht\u00fcbernahme das Verh\u00e4ltnis zur Arbeiterklasse. Die Mehrheit der Arbeiter f\u00fchlte sich weiterhin SPD und KPD zugeh\u00f6rig. Der Nationalsozialismus stellte sich eine doppelte Aufgabe. Auf der einen Seite wollte man die marxistische Arbeiterbewegung restlos zerschlagen. Auf der anderen Seite war Hitler sich v\u00f6llig im klaren dar\u00fcber, da\u00df ohne Unterst\u00fctzung oder wenigstens Duldung der Arbeiterklasse kein Krieg zu f\u00fchren war. Um ein neues 1918 zu verhindern und eine stabile gesellschaftliche Ordnung zu finden, mu\u00dfte die NSDAP sozialpolitische Kompromi\u00dfpolitik machen. &#8222;In privaten Gespr\u00e4chen lie\u00df Hitler oft durchblicken, da\u00df man nach der Erfahrung von 1918 nicht vorsichtig genug sein k\u00f6nne&#8220;, [83] berichtete Albert Speer. Wie ein Damoklesschwert hingen die Erfahrungen des Arbeiteraufstandes im 1.Weltkrieg \u00fcber dem &#8222;Dritten Reich&#8220;. 1936 legte Robert Ley in einer sozialpolitischen Diskussion \u00fcber die Belastbarkeit des Volkes im Krieg die Lehren der Novemberrevolution dar: &#8222;Da gibt es eine Grenze, und wenn diese Belastungsgrenze erreicht ist, dann bricht das eben. Und die war bei uns eben da 1918 am 9. November, da\u00df die regierenden M\u00e4nner verga\u00dfen, dem Volk die ungeheure Belastung dieser viereinhalb Jahre auf der anderen Seite neue Kr\u00e4fte einzugeben und immer wieder hinein zu pumpen.&#8220; [84] Nur mit Terror lie\u00df sich der Klassenkampf nicht durch einen Klassenkompromi\u00df ersetzen. Die Mischung aus Terror und sozialen Zugest\u00e4ndnissen war w\u00e4hrend der gesamten 12 Jahre der Ausdruck der Doppelaufgabe. Neben der notwendigen Zufriedenstellung wollten die Nationalsozialisten die Arbeiterklasse als festen Bestandteil in die deutsche &#8222;Volksgemeinschaft&#8220; einbinden.<\/p>\n<p>Um die Arbeiterklasse beeinflussen zu k\u00f6nnen, mu\u00dften die Nazis erst einmal die sozialdemokratische und kommunistische Bewegung brutal zerschlagen. Die KPD wurde schon im Februar 1933 nach dem wahrscheinlich von G\u00f6ring inszenierten Reichstagsbrand verboten und hunderte Arbeiterfunktion\u00e4re verhaftet. Massenwiderstand gegen diese Verfolgungen blieben aus, da die KPD auf diesen Terror kaum vorbereitet war und ihre treuen Anh\u00e4nger gegen die gewaltige Massenbasis der NSDAP nichts ausrichten konnten. Au\u00dferdem besa\u00df die KPD kein Programm, um den Kampf mit der NSDAP um die kleinb\u00fcrgerlichen Massen aufzunehmen.<\/p>\n<p>Mit der Einf\u00fchrung des 1. Mai als bezahltem Feiertag wurde dann aber eine uralte Forderung der Arbeiterbewegung erf\u00fcllt. Das war ein gro\u00dfes Zugest\u00e4ndnis und eine gesellschaftliche Aufwertung der Arbeiterklasse. Am 1.Mai 1933 demonstrierten ADGB und NSBO gemeinsam. Doch der Tag bekam eine v\u00f6llig neue Bedeutung. Anstelle &#8222;internationaler Kampftag der Arbeiterklasse&#8220; hie\u00df er nun &#8222;Tag der nationalen Arbeit&#8220; und stand f\u00fcr die Integration des deutschen Arbeiters in die &#8222;Volksgemeinschaft&#8220;. So war im Aufruf von Goebbels zum 1. Mai folgendes zu lesen: &#8222;Die Schranken von Klassenha\u00df und Standesd\u00fcnkel wurden niedergerissen, auf da\u00df Volk wieder zu Volk zur\u00fcckfand. Nun stehen wir vor der schweren und verantwortungsvollen Aufgabe, nicht nur das deutsche Arbeitertum zum sozialen Frieden zur\u00fcckzuf\u00fchren, sondern es als vollberechtigtes Glied in den Staat und in die Volksgemeinschaft mit einzuf\u00fcgen. (&#8230;) Ehret die Arbeit und achtet die Arbeiter!&#8220; [85]<\/p>\n<p>Am 2. Mai war der ADGB an der Reihe. Die Gewerkschaftsf\u00fchrung hatte sich bis dahin bei den Nazis angebiedert und wiederholt versprochen, im &#8222;Dritten Reich&#8220; eine &#8222;loyale Opposition&#8220; zu sein. Das half ihnen aber nichts. Nach dem 1.Mai 1933 wurden die Gewerkschaften zerschlagen. Bis zum Verbot der SPD sollte es nicht mehr lange dauern. Die SPD-F\u00fchrung, die auch nach dem Erm\u00e4chtigungsgesetz weiter den Legalit\u00e4tskurs predigte, mu\u00dfte in die Emigration gehen. Teil Eins von Hitlers Plan war erf\u00fcllt: Die Arbeiterbewegung war zertr\u00fcmmert. Jetzt stand er vor der viel schwereren Aufgabe, die Arbeiterklasse f\u00fcr den Nationalsozialismus zu gewinnen.<\/p>\n<p>Das zentrale soziale Problem war 1933 die Arbeitslosigkeit. \u00dcber 40\u00a0% der m\u00e4nnlichen Industriearbeiter hatte keine Arbeit. [86] Gerade die jungen Arbeiter lernten in den letzten Jahren der Weimarer Republik die Stempelstellen besser kennen als die Industrie. Hitler versprach in seiner ersten Regierungserkl\u00e4rung, die Arbeitslosigkeit binnen 4 Jahren zu beseitigen. An diesem Versprechen wurde die Vertrauensw\u00fcrdigkeit der neuen Regierung gemessen.<\/p>\n<p>In den zwei ersten Jahren blieben trotz viel statistischer Kosmetik die gro\u00dfen Erfolge aus. Bis 1936 gelang es der Regierung, die Arbeitslosigkeit fast restlos zu beseitigen. Wie gelang Hitler dieses Unternehmen, an dem alle seine Vorg\u00e4nger kl\u00e4glich gescheitert waren? Auf diese Frage gibt es nicht nur eine Antwort. Der Wirtschaftsaufschwung durch die forcierte Aufr\u00fcstung trug sicherlich einen bedeutenden Teil dazu bei. Am 8. Februar 1933 erkl\u00e4rte Hitler im Reichskabinett: &#8222;Jede \u00f6ffentlich gef\u00f6rderte Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahme m\u00fcsse unter dem Gesichtspunkt beurteilt werden, ob sei notwendig sei vom Gesichtspunkt der Wiederwehrhaftmachung des deutschen Volkes.&#8220; [87] Neben der Aufr\u00fcstung investierte der Staat aber auch gro\u00dfe Summen f\u00fcr die Arbeitsbeschaffung. Am 1. Juni 1933 wurden mit dem &#8222;Gesetz zur Verminderung der Arbeitslosigkeit&#8220; 1 Milliarde Reichsmark und am 1. September 500 Millionen RM f\u00fcr Instandsetzungsarbeiten investiert. [88] Hauptnutznie\u00dfer dieser Ma\u00dfnahmen war die Bauindustrie. Insgesamt betrugen die Ausgaben f\u00fcr zivile Arbeitsbeschaffung von 1932 bis 1939 ca. 7 bis 8 Milliarden RM. Zum Vergleich, f\u00fcr R\u00fcstung waren es 60 Milliarden. [89]<\/p>\n<p>Neben dieser keynesianischen Investitionspolitik wurden auch Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr M\u00e4nner frei, indem ein Teil der Frauen wieder an den Herd geschickt wurde. Das Gesetz \u00fcber das Ehestandsdarlehen schaffte dazu den notwendigen sozialen Anreiz: 1000 RM bekamen junge Familien zinslos. Pro Kind mu\u00dfte das Ehepaar 200 RM weniger zur\u00fcckzahlen. Bedingung war allerdings bis 1937, da\u00df die Frau aufh\u00f6ren mu\u00dfte zu arbeiten und \u00e4rztliche Untersuchungen der Ehepaare auf sogenannte Erbkrankheiten aller Art durchgef\u00fchrt wurden. Viele Familien nahmen die 1000 Mark trotz des &#8222;Ariernachweises&#8220; gerne an. In einigen Bereichen stoppte die NSDAP die Maschinisierung, um Arbeitspl\u00e4tze zu schaffen. Im Tiefbau durfte die Arbeit sogar nur noch in Handarbeit ausgef\u00fchrt werden und die Neuaufstellung von Maschinen in der Tabakindustrie wurde verboten. [90]<\/p>\n<p>Durch die erfolgreiche Arbeitsbeschaffung trat bald ein Mangel an Facharbeitern ein, und durch Bevorzugung fanden auch viele &#8222;alte K\u00e4mpfer&#8220; von der SA und Partei wieder Arbeit. Viele Legenden gibt es bis heute um den Bau der Reichsautobahn. In Wirklichkeit besch\u00e4ftigte dieses Projekt nur 5\u00a0% der Arbeitslosen. Zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit trug auch die Einf\u00fchrung der allgemeinen Wehrpflicht 1936 und das &#8222;hauswirtschaftliche Jahr&#8220; f\u00fcr M\u00e4dchen 1938 bei.<\/p>\n<p>Die Beseitigung der Arbeitslosigkeit war kein zuf\u00e4lliges Nebenprodukt der Kriegsvorbereitung, sondern ein durch verschiedene Ma\u00dfnahmen herbeigef\u00fchrtes Ergebnis, das die Arbeiterklasse f\u00fcr den Krieg neutralisieren sollte. Als jedenfalls 1936 die 6 Millionen wieder Arbeit hatten, war in den Augen von Millionen Deutschen Hitler der Mann, der zu seinem Wort stand, w\u00e4hrend die Sozialdemokraten und Kommunisten, die Woche f\u00fcr Woche Hitlers Wahlversprechen als L\u00fcge bezeichnet hatten, unglaubw\u00fcrdig erschienen.<\/p>\n<h3>L\u00f6hne und Arbeitszeiten<\/h3>\n<p>Bis zu den Ver\u00e4nderungen nach 1936 war das Lohnniveau durchschnittlich eingefroren worden. Nach dem Arbeitsordnungsgesetz vom 1. Mai 1933 sollten die g\u00fcltigen Tarifvertr\u00e4ge durch von den Unternehmen erlassene Tarifvertr\u00e4ge abgel\u00f6st werden. [91] Diese Regelung verst\u00e4rkte aber die Unzufriedenheit in den Betrieben. So mu\u00dfte selbst Hitler in seiner Rede am 21. M\u00e4rz 1934 eingestehen, da\u00df der deutsche Arbeiter &#8222;zum Teil geradezu unm\u00f6gliche Lohns\u00e4tze&#8220; erhalte. [92] Am 28. M\u00e4rz 1934 ordnete der Reichsarbeitsminister schlie\u00dflich die unbefristete Weitergeltung der noch laufenden Tarifvertr\u00e4ge an. [93] Die Lohnpolitik lief in den ersten 2 Jahren nur darauf hinaus, eine offene Rebellion zu verhindern. Hitler wandte sich 1934 energisch gegen einen Anstieg der Lebensmittelpreise, da die Entwicklung sonst zu einer &#8222;revolution\u00e4ren Situation&#8220; f\u00fchren k\u00f6nnte. [94] Die Lebensmittelpreise stiegen von 1933 bis 1936 trotzdem um 10\u00a0%. [95]<\/p>\n<p>Das Lohnniveau war in den einzelnen Industriezweigen sehr verschieden. Die Schere ging im Zuge der Aufr\u00fcstung noch weiter auseinander. Die Industrien, die vom R\u00fcstungs- und Bauboom profitierten und so unter Facharbeitermangel litten, mu\u00dften die L\u00f6hne schnell erh\u00f6hen. Die Betriebe zahlten &#8222;Lockl\u00f6hne&#8220;, um die n\u00f6tigen Arbeitskr\u00e4fte anzuwerben. Au\u00dferdem entstand ein starkes Ost- Westgef\u00e4lle. Ein Arbeiter verdiente in Hamburg doppelt so viel wie in Ostpreu\u00dfen und an der Ruhr 20\u00a0% mehr als in Oberschlesien. [96] Zwischen Dezember 1935 und Juni 1939 stieg der Stundenlohn in der Industrie insgesamt um 10,9\u00a0%. Die Wochenl\u00f6hne fielen auf Grund der l\u00e4ngeren Arbeitszeit 17,4\u00a0% h\u00f6her aus. Durch den Lohnanstieg in der Industrie erh\u00f6hte sich die Konsumkraft der Arbeiter um 85 Millionen Reichsmark pro Woche. [97] Die st\u00e4rkere Kaufkraft kam so auch der Konsumg\u00fcterindustrie zugute. Wegen der hohen \u00dcberstunden vor dem Krieg gab es in der Industrie die bis dahin h\u00f6chsten L\u00f6hne. [98]<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur Industrie sanken die L\u00f6hne der Landarbeiter und auch in vielen Handwerksbetrieben. Von dieser Entwicklung waren gerade die Frauen betroffen, die fast 50\u00a0% der Arbeitskr\u00e4fte in der Landwirtschaft stellten. Um die Abwanderung der Landarbeiter und Handwerker in die besser zahlende R\u00fcstungsindustrie zu stoppen, wurde 1935 die freie Arbeitsplatzwahl untersagt. Die Unterschiede in der Konsumg\u00fcter- und Schwerindustrie glichen sich aber im Laufe der Zeit an. &#8222;Die Unf\u00e4higkeit von Arbeitern in vielen Zweigen der Konsumg\u00fcterindustrie, eine Erh\u00f6hung ihrer ohnehin sehr niedrigen Verdienste in den Jahren 1933 bis 1936\/37 durchzusetzen, Jahre in denen die gelernten Maschinenbau- und Bauarbeiter betr\u00e4chtliche Lohnerh\u00f6hungen erzielten, war vor allem Resultat einer zunehmend ungleichen Verteilung der Arbeitslosigkeit. Die Unterschiede zwischen den Verdiensten wuchsen nur, weil (und solange wie) Arbeiter in der Konsumg\u00fcterindustrie auf ihre Arbeitgeber keinen effektiven Druck aus\u00fcben konnten &#8211; aber ab 1937 waren sie dazu in der Lage, und die L\u00fccke schlo\u00df sich wieder ein wenig.&#8220; [99]<\/p>\n<p>Beim Urlaub konnten schon von Anfang an einige Verbesserungen erzielt werden. Nachdem der 1. Mai bezahlter Feiertag wurde ( im Krieg 1942 wurde er wieder abgeschafft), erh\u00f6hte die Regierung den Mindesturlaub f\u00fcr Industriearbeiter von 3 auf 6 Tage [100]. Ab 1937 wurden auch die anderen gesetzlichen Feiertage bezahlt. Gerade die jungen Arbeiter bildeten eine feste Basis der NSDAP in der Arbeiterklasse. Um diese Folgsamkeit zu festigen, schuf man unter dem Stichwort &#8222;Jugendschutz ist Volksschutz&#8220; ein besonderes Urlaubsgesetz. Das &#8222;Gesetz \u00fcber Kinderarbeit und \u00fcber die Arbeitszeit von Jugendlichen&#8220; vom 30. April 1938 hatte folgendes zu bieten: Ausdehnung des Jugendschutzes von 16 auf 18 Jahre und bezahlten Mindesturlaub f\u00fcr Jugendliche unter 16: 15 Werktage und \u00fcber 16: 12 Werktage, der bei Teilnahme an HJ- Fahrten auf 18 Tage erh\u00f6ht werden konnte. [101] Ein solches Urlaubsgesetz f\u00fcr Jugendliche hatte es bisher in Deutschland noch nicht gegeben.<\/p>\n<p>Besonders an die Arbeiterjugend richtete sich auch die &#8222;Olympiade der deutschen Arbeit&#8220;, zu der die HJ und DAF aufriefen. Alle Jugendlichen sollten sich an diesem &#8222;Leistungskampf&#8220; beteiligen. Die Sopade-Berichte meldeten dazu: &#8222;Zwar interessierte die Jugendlichen nicht so sehr die Erh\u00f6hung ihrer Qualifikation, aber neben den verschiedenen \u2018wirtschaftlichen Anreizmitteln\u2019 wie Abk\u00fcrzung der Lehrzeit, Gratifikation, Sonderurlaub usw. seien es vor allem der \u2018Kampf selbst und die allgemeine Betriebsamkeit\u2019, die sie mitrissen.&#8220; [102] Der Wettbewerb f\u00fchrte aber zum Nachteil der Jugendlichen zur erheblichen Steigerung des Leistungsdrucks, was wohl auch das Ziel der sogenannten Olympiade war.<\/p>\n<p>Die Unternehmer brachten Einw\u00e4nde gegen den Wettbewerb vor. Schacht hatte am 5. August 1937 allen Betrieben verboten, am Leistungskampf teilzunehmen, solange G\u00f6ring nicht die Mitsprache der gewerblichen Wirtschaft bei der Auszeichnung gew\u00e4hrleistete. [103] Das Reichswirtschaftsministerium wollte eine Aussetzung des Wettbewerbs mit der Begr\u00fcndung erreichen, da\u00df Kapital fehlgeleitet werden k\u00f6nnte und die Einf\u00fchrung der Sozialleistungen eine indirekte Lohnerh\u00f6hung darstelle. [104]<\/p>\n<h3>Aufstieg der DAF<\/h3>\n<p>In der Arbeits- und Sozialpolitik spielte die Deutsche Arbeitsfront im &#8222;Dritten Reich&#8220; eine zentrale Rolle. Nachdem ihre Rolle in den ersten Jahren sehr beschr\u00e4nkt blieb, stieg sie zur m\u00e4chtigen Organisation auf, die durch die Zwangsmitgliedschaft und \u00dcbernahme des Gewerkschaftseigentums die mitgliederst\u00e4rkste Organisation des NS- Staates wurde. Die DAF stellte dabei weder eine Handlangerorganisation der Unternehmer, noch eine &#8222;Quasi-Gewerkschaft&#8220; dar. Sie war die Organisation, die durch Sozialpolitik und Propaganda die Arbeiterklasse in den NS- Staat integrieren sollte. Die Unternehmer traten ihr nur widerwillig bei und spielten in der Organisation keine gro\u00dfe Rolle.<\/p>\n<p>Nachdem die Verordnung \u00fcber die DAF vom Oktober 1934 ihr nur eine Erziehungsrolle zugedacht hatte, versuchte Ley, den Einflu\u00df seiner Organisation durch Vertretung von Forderungen der Arbeiter zu vergr\u00f6\u00dfern. So griff 1934 die DAF auf Seiten der Arbeiterklasse ein. Im April 1934 legten die Unternehmer des Bergbauvereins und der Arbeitsminister die K\u00fcrzung des Urlaubsgeldes auf 70\u00a0% fest. Ley sprach vor den Kumpels: &#8222;Euch M\u00e4nnern der Kohle will man die hundertprozentige Bezahlung eures Urlaubs nicht bewilligen, euch, die ihr ihn am allernotwendigsten h\u00e4ttet, denn eure Arbeit ist mit Geld gar nicht zu bezahlen. (&#8230;) Eins aber sage ich euch schon heute, und (&#8230;) auch euren anderen Kameraden an der Ruhr: Ihr bekommt euren Urlaub bezahlt, und zwar mit 100 Prozent.&#8220; [105] Nach dieser Aktion intervenierte Thyssen emp\u00f6rt bei Hitler. Doch Ley konnte sich durchsetzen. Das Urlaubsgeld wurde nicht gek\u00fcrzt. Im August 1933 setzte sich die DAF vergeblich f\u00fcr die Erh\u00f6hung der L\u00f6hne in der Bauindustrie ein und 1934 f\u00fcr die Erh\u00f6hung der L\u00f6hne im Bergbau. [106] Der Treuh\u00e4nder der Arbeit Sachsens meldete: &#8222;In den Versammlungen der DAF sind Lohnfragen das beherrschende Thema. In vielen F\u00e4llen nehmen Versammlungen einen st\u00fcrmischen Verlauf. Einige mu\u00dften wegen Unruhen abgebrochen werden.&#8220; [107]<\/p>\n<p>Da der Nationalsozialismus in den ersten drei Jahren die L\u00f6hne einfror und au\u00dfer den Erfolgen bei der Beseitigung der Arbeitslosigkeit der Arbeiterklasse nicht viel zu bieten hatte, war sowohl Ley als auch Hitler klar, da\u00df eine Wende herbeigef\u00fchrt werden mu\u00dfte. Auf Grundlage der Vollbesch\u00e4ftigung 1936 begann der Aufstieg der DAF und der Ausbau der Sozial- und Lohnpolitik. Das Reichskriegsministerium stellte im Februar 1936 fest: &#8222;Die Betriebsverwalter k\u00f6nnen dem Druck der Gefolgschaftsmitglieder nicht mehr standhalten.&#8220; [108] Durch den Facharbeitermangel und die Beseitigung des Schreckgespenstes Arbeitslosigkeit wurden die Forderungen in den Betrieben nach Lohnerh\u00f6hungen lauter. Dieser Druck steigerte sich noch, da 1938 schon 1 Million Arbeitskr\u00e4fte fehlten. So schrieb der Autor T. Mason richtig: &#8222;Im Namen einer ideologisch verstandenen \u00dcberwindung der Klassengegens\u00e4tze und einer vermeintlichen Steigerung der Produktivit\u00e4t war die DAF zum Verfechter der Lebens- und Arbeitsbedingungen des Arbeitnehmers in der Industrie geworden.&#8220; [109]<\/p>\n<p>Im Sommer 1936 machte sich die DAF zum Sprachrohr der Forderung der Arbeiter im Kohlebergbau und verlangte k\u00fcrzere Arbeitszeiten und mehr Kindergeld. Die alte Forderung nach der Gewinnbeteiligung von Arbeitern an den Betrieben wurde wieder aufgegriffen. Dabei unterst\u00fctzte sie auch der HJ-F\u00fchrer Arthur Axman, der ein Verbot von Kinderarbeit, die Verk\u00fcrzung der Arbeitszeit und Gew\u00e4hrung eines dreiw\u00f6chigen bezahlten Urlaubs verlangte. [110] Die DAF rief nun regionale Arbeitsaussch\u00fcsse ins Leben, die immer m\u00e4chtiger wurden und als Konkurrenz zu den Treuh\u00e4ndern der Arbeit und den Unternehmern auftraten. Robert Ley wollte den &#8222;Totalit\u00e4tsanspruch der Deutschen Arbeitsfront durchsetzen&#8220; [111] und das gesamte Sozialsystem \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Um eine leichte Verbesserung der Arbeitsverh\u00e4ltnisse zu erzielen, ohne in Konfrontation mit den Unternehmern zu geraten, startete die DAF die Aktion &#8222;Sch\u00f6nheit der Arbeit&#8220;. Im Rahmen dieser Aktion wurden Kampagnen, wie &#8222;La\u00dft den Fr\u00fchling in die Betriebe&#8220;, &#8222;Gutes Licht &#8211; Gute Arbeit&#8220;, &#8222;Warmes Essen im Betrieb&#8220;, &#8222;Gesunde Luft im Arbeitsraum&#8220;, &#8222;Saubere Menschen im sauberen Betrieb&#8220; durchgef\u00fchrt. Es konnten so in angeblich \u00fcber 70.000 Betrieben K\u00fcchen, Sportanlagen, Gr\u00fcnanlagen usw. geschaffen werden. [112] Im Zusammenhang mit dem &#8222;Leistungskampf&#8220; der deutschen Betriebe erhielten ab 1937 die besten Betriebe, die die Leistung steigerten und &#8222;Sch\u00f6nheit der Arbeit&#8220; durchf\u00fchrten, die Auszeichnung als &#8222;nationalsozialistische Musterbetriebe&#8220; und wurden bei \u00f6ffentlichen Auftr\u00e4gen bevorzugt behandelt.<\/p>\n<h3>Kraft durch Freude [113]<\/h3>\n<p>Um die ideologische Beeinflussung der Arbeiterklasse zu erh\u00f6hen, schuf die Deutsche Arbeitsfront die Organisation &#8222;Kraft durch Freude&#8220; nach dem Vorbild der von den italienischen Faschisten gegr\u00fcndeten Freizeitorganisation &#8222;Opera Nazionale Dopolavoro&#8220; (Nach der Arbeit). Erkl\u00e4rtes Ziel von KdF war die alte Gewerkschaftsforderung, den deutschen Arbeitern einen billigen Urlaub zu bieten. So konnte man z.\u00a0B. 3 Tage zum Bodensee f\u00fcr 7,90 RM, einen 14-t\u00e4gigen Sommerurlaub am Tegernsee f\u00fcr 54 RM machen oder f\u00fcr ein paar Mark zum Oktoberfest nach M\u00fcnchen fahren. Ebenfalls wurde ein Theater- und Kulturprogramm angeboten, in dem nicht nur NS- Propagandast\u00fccke dargeboten wurden. An diesen Angeboten konnte die Masse der Arbeiter teilnehmen. An den propagandistisch am meisten ausgeschlachteten KdF-Seereisen mit der &#8222;Robert Ley&#8220; nach Teneriffa nahmen hingegen nur wenige Arbeiter teil. Unter 20\u00a0% der Seereisenden waren Arbeiter. Nur 1\u00a0% aller Arbeiter konnten auf den Luxusdampfern mitfahren. Im Kern waren es &#8222;Seereisen f\u00fcr den Mittelstand&#8220;. Trotzdem ri\u00df &#8222;Kraft durch Freude&#8220; Standesschranken nicht nur scheinbar, sondern real ein. Nur einige Jahre zuvor w\u00e4re ein solcher Urlaub f\u00fcr einen kleinen Kaufmann oder Arbeiter undenkbar gewesen. Auf R\u00fcgen wurde mit dem Bau eines neuen Seebades mit einer Jahreskapazit\u00e4t von ca. 350.000 Urlaubern begonnen. Mit dem Krieg wurde das Projekt allerdings nicht mehr weitergef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die DAF drang auch in den Sport ein. Unter dem Stichwort KdF-Sport wurden Hunderte von Turnhallen und Sportpl\u00e4tzen gebaut. &#8222;Kampf den Vorurteilen, es gibt keine feudalen Sportarten mehr&#8220;, hie\u00df die Parole, die es auch einigen Arbeitern m\u00f6glich machte, Tennis oder Golf zu spielen. Nicht zu vergessen ist allerdings, da\u00df gerade der Sport stark von der Rassenideologie und dem faschistischen K\u00f6rperkult gepr\u00e4gt war. Nach der gewaltsamen Zerschlagung der Arbeitersportvereine wurde so der Sport dem Nationalsozialismus dienstbar gemacht.<\/p>\n<p>Mit dem Krieg wurde das Ende von &#8222;Kraft durch Freude&#8220; eingeleitet. Aber auch die Nazigr\u00f6\u00dfen waren mit ihrer Organisation nicht mehr zufrieden. Starke, der Pressereferent der DAF, legte die Ziele von KdF offen dar: &#8222;Wir schickten unsere Arbeiter nicht auf eigenen Schiffen auf Urlaub oder bauten gewaltige Seeb\u00e4der, weil uns das Spa\u00df machte&#8230; Wir taten das nur, um die Arbeitskraft des einzelnen zu erhalten und um ihn gest\u00e4rkt und neu ausgerichtet an seinen Arbeitsplatz zur\u00fcckkehren zu lassen.&#8220; [114] Dieses Ziel erreichte man anscheinend nicht. G\u00f6ring stellte bereits im Juli 1938 ver\u00e4rgert fest, &#8222;die Arbeitsfront solle weniger Freude, daf\u00fcr aber mehr Kraft machen.&#8220; [115] Auch Goebbels bedauerte 1941, KdF degradiere zur &#8222;Rummelbewegung&#8220;. Der DAF- Kriegsorganisationsplan vom 26.1.1942 hob KdF schlie\u00dflich faktisch auf. [116] Die KdF-Schiffe wurden jetzt f\u00fcr Truppentransporte oder als schwimmende Lazarette eingesetzt.<\/p>\n<p>Richtig betrogen wurde die Arbeiterklasse durch die Volkswagenaktion, die auch ein Teil von KdF war. 1938 begann sie mit gro\u00dfem propagandistischen Aufwand. Der &#8222;Sozialismus der Tat&#8220; versprach dem Arbeiter ein eigenes Auto. Durch langfristiges Sparen sollte man zum billigen Volkswagen kommen. 336.668 Sparer zahlten bis Kriegsausbruch 236 Millionen RM ein. [117] Kein einziger Wagen wurde ausgeliefert. Selbst als klar war, da\u00df an Stelle von Autos in Wolfsburg Kriegsfahrzeuge hergestellt wurden, warb die DAF noch f\u00fcr den VW.<\/p>\n<h3>Das Verh\u00e4ltnis der Arbeiterklasse zum NS-Staat<\/h3>\n<p>Bekanntlich blieb die proletarische Revolution, selbst ein Massenwiderstand der Arbeiterklasse gegen den nationalsozialistischen Staat aus. Der Terror ist jedoch keine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, da\u00df Millionen Arbeiter \u00fcberzeugte Hitleranh\u00e4nger wurden, andere Millionen das System freiwillig mit trugen und zwar bis in die letzten Kriegsmonate. Durch die praktischen sozialen Erfahrungen eroberte die NSDAP bis zum Krieg die gro\u00dfe Mehrheit der deutschen Arbeiterklasse. Diese Erfahrungen reichten aus, um den Raubkrieg des Verbrecherregimes als Krieg f\u00fcr die eigenen Interessen zu betrachten und den Nationalsozialismus bis zur letzten Kugel zu verteidigen. Bis die Nazis die Masse der Arbeiter gewonnen hatten, dauerte es aber Jahre.<\/p>\n<p>Bei den letzten Wahlen im M\u00e4rz 1933 zeigten sich die Arbeiter von dem neuen Regime wenig beeindruckt. Trotz Terror stimmten 12,3\u00a0% der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr die KPD und 18,3\u00a0% f\u00fcr die SPD. Noch gr\u00f6\u00dferen Widerspruch erntete die NSDAP bei den Betriebsratswahlen im M\u00e4rz 1933. Die Vertreter der NSDAP und der anderen Rechtsparteien kamen auf etwa 25\u00a0%. Mit dem Gesetz vom 4.April wurden die Betriebsratswahlen deshalb abgeschafft. [118] Am 1. Mai 1933 kam es zu Gegendemonstrationen in vielen gro\u00dfen St\u00e4dten. Noch traute man sich, der Regierung offen entgegenzutreten. Als nach der Zerschlagung des ADGB die Zwangsmitgliedschaft in der DAF eingef\u00fchrt wurde, verweigerten viele Arbeiter aus Protest die Beitragszahlungen. Die monatlichen Beitragsleistungen sanken im Laufe des Sommer 1933 von 17 auf 8 Millionen. [119]<\/p>\n<p>Mit dem Gesetz zur &#8222;Ordnung der nationalen Arbeit&#8220; konnten in den Betrieben Vertrauensr\u00e4te gew\u00e4hlt werden, die nat\u00fcrlich nicht die Klasseninteressen vertraten, sondern den &#8222;Betriebsfrieden&#8220; sichern sollten. Bei den Vertrauensratswahlen 1934 blieben 60 \u00a0% der Wahlberechtigten der Abstimmung fern. Die Ergebnisse wurden nie ver\u00f6ffentlicht. Bei den Vertrauenswahlen 1935 stimmten angeblich 83\u00a0% f\u00fcr Betriebsf\u00fchrer und Obleute der NSDAP. Parteiinterne Berichterstatter f\u00fcrchteten, sich mit diesen Zahlen vor &#8222;der gesamten Arbeiterschaft l\u00e4cherlich&#8220; zu machen, [120] woraus man auf eine immense Wahlf\u00e4lschung schlie\u00dfen kann. Die Wahlen fanden nie wieder statt. Sie zeigten eindeutig, da\u00df die gro\u00dfe Mehrheit der Arbeiter die Vertreter der NSDAP in ihrem eigenen Betrieb ablehnte. Da es nach 1935 in den Betrieben \u00fcberhaupt keine Wahlen mehr gab, ist das Ma\u00df der Zustimmung oder Ablehnung schwer einzusch\u00e4tzen. Die Ablehnung Hitlers und des NS-Staates im allgemeinen konnte daraus nicht automatisch geschlossen werden. Viele trauten aus betrieblichen Erfahrungen den Parteivertretern nicht, hatten aber trotzdem Vertrauen zu Hitler. Den F\u00fchrer-Mythos sollte man nicht untersch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Da\u00df es trotzdem noch weiter Unzufriedenheit in der Arbeiterklasse gab, zeigten einige Treuh\u00e4nderberichte. Aus einem Bericht des Treuh\u00e4nders der Arbeit in Hessen von 1936 geht hervor: &#8222;Die scheinbare Ruhe in der Arbeiterschaft stellte seiner Ansicht nach keine &#8222;wahrhafte Befriedung&#8220; dar; viel eher sei sie durch &#8222;Resignation und Verzicht&#8220; gekennzeichnet. Bei den Arbeitern bestehe vielmehr die Auffassung, da\u00df die Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahmen nur dem Unternehmer Erholung von seinem wirtschaftlichen Niedergang gebracht habe&#8220;. [121]<\/p>\n<p>In vielen Betrieben wurde der Kampf f\u00fcr h\u00f6here L\u00f6hne mit neuen Mitteln fortgef\u00fchrt. Streiks gab es zwar hin und wieder, aber damit setzte man schlie\u00dflich sein Leben aufs Spiel. Die Funktion\u00e4re der DAF z\u00e4hlten von Februar 1936 bis Juni 1937 192 Streiks. Allerdings waren die Streiks begrenzt und kurz, in nur 6 F\u00e4llen waren mehr als 80 Leute beteiligt. [122] Die neuen Lohnkampfmethoden waren individuell. Die Arbeiter wechselten in Betriebe mit h\u00f6heren L\u00f6hnen, da sie bis 1938 die Freiheit hatten, den Arbeitsplatz zu wechseln. Auch noch 1938\/1939 wechselten alle Besch\u00e4ftigten den Arbeitsplatz durchschnittlich einmal im Jahr, da das Gesetz nicht durchgesetzt wurde. [123] Die Unternehmer setzten weiterhin Lockl\u00f6hne und zus\u00e4tzliche Krankenversicherungen und Urlaubsgelder ein, um Arbeiter abzuwerben. [^124] 1938 wurde die zivile Dienstpflicht eingef\u00fchrt, um den Arbeitswechsel zu unterbinden. Der Treuh\u00e4nder der Arbeit berichtete 1937 \u00fcber die Stimmung in den Betrieben, da\u00df die steigenden L\u00f6hne &#8222;die Stimmung der Arbeiter nicht verbessert&#8220; h\u00e4tten. &#8222;Es hat sogar den Anschein, als ob der Arbeiter unzufriedener geworden ist.&#8220; [125] Diese Berichte stimmten allerdings mit den Ereignissen um den Anschlu\u00df des Saarlandes und \u00d6sterreichs nicht \u00fcberein.<\/p>\n<p>Im Saarland, das 1918 unter die Verwaltung des V\u00f6lkerbundes fiel, zeigte sich die gro\u00dfe Bedeutung der nationalen Frage und die Haltung der Arbeiter zum NS-Staat. Die Beseitigung des Versailler Vertrages war wohl der breiteste Konsens in der deutschen Bev\u00f6lkerung. Auch die SPD und KPD hatten die Pariser Vorortvertr\u00e4ge immer prinzipiell abgelehnt. Allerdings waren die Arbeiterparteien und die b\u00fcrgerliche Mitte f\u00fcr die friedliche Beseitigung der franz\u00f6sischen Nachkriegsordnung eingetreten.<\/p>\n<p>Wie im Vertrag von Versailles festgelegt, wurde hier 1936 eine Volksabstimmung durchgef\u00fchrt, ob der Status quo beibehalten oder das Saarland an Deutschland oder Frankreich angegliedert werden sollte. Da die Wahlen vom V\u00f6lkerbund \u00fcberwacht wurden, sahen SPD und KPD die gro\u00dfe Chance gekommen, die Wahl zu einer antifaschistischen Machtdemonstration zu machen.<b> <\/b>SPD und KPD wollten die Angliederung an das &#8222;faschistische Reich&#8220; verhindern und riefen auf, f\u00fcr den Status quo zu stimmen. Noch bei der Wahl 1932 kamen SPD und KPD zusammen auf 32\u00a0% der Stimmen, linke Splittergruppen auf 6\u00a0%. Der Sozialdemokrat Otto Braun rechnete mit 60\u00a0% der Stimmen f\u00fcr den Status quo. Doch es sollte ganz anders kommen. 90,8\u00a0% der W\u00e4hler votierten f\u00fcr den Anschlu\u00df, nur 8,9\u00a0% f\u00fcr den Status quo und 0,4\u00a0% f\u00fcr den Anschlu\u00df an Frankreich.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Mehrheit der Arbeiter des industriell gepr\u00e4gten Saarlands hatte damit f\u00fcr den Anschlu\u00df an Hitler-Deutschland gestimmt. Die widersinnige Abtrennung des Saarlandes von Deutschland zu beenden, hatte vor der \u00dcberlegung \u00fcberwogen, die nationalsozialistische Herrschaft nicht noch mehr auszuweiten. Bei dieser Wahl spielte aber auch die soziale Frage eine Rolle. Zumindest die 24\u00a0% Erwerbslosen werden aus diesem Blickwinkel auf das Deutschland der Vollbesch\u00e4ftigung geguckt haben. Die saarl\u00e4ndische Arbeiterklasse hatte trotz der Zerschlagung ihrer Organisation im Reichsgebiet die Angst vor Hitler verloren. Bei der Anschlu\u00dffrage spielten auch die konfessionellen Unterschiede keine Rolle. Im katholischen Saarland war das Zentrum die st\u00e4rkste Partei gewesen. Die Katholiken stimmten ebenfalls f\u00fcr den Anschlu\u00df an Deutschland.<\/p>\n<p>Dasselbe Bild zeichnete sich beim Anschlu\u00df \u00d6sterreichs 1938 ab. Trotz Betrug und Terror der Nazis bei der Volksabstimmung bestreitet heute kein Historiker die gro\u00dfe Zustimmung in allen Teilen der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr die Herstellung Gro\u00dfdeutschlands. Der Parole &#8222;rot, wei\u00df, rot &#8211; bis in den Tod&#8220;, die f\u00fcr die \u00f6sterreichischen Antifaschisten blutige Wahrheit werden sollte, folgten nur wenige. Die Auffassung, \u00d6sterreich und Deutschland geh\u00f6ren zusammen, die auch in der Arbeiterbewegung beider Staaten Traditionen hatte, \u00fcberwog. [126] Au\u00dferdem traf \u00d6sterreich die Weltwirtschaftskrise besonders hart. Weder die Republik noch das Dollfu\u00df-Regime waren in der Lage, die sozialen Probleme wie die Arbeitslosigkeit zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Die einzige richtige Position war in beiden Abstimmungen, gegen den Anschlu\u00df zu stimmen, um den Nationalsozialismus zu schw\u00e4chen und Tausenden Menschen Tod und Elend zu ersparen. Die gro\u00dfe Mehrheit der Arbeiterklasse entschied sich in diesen Jahren aber f\u00fcr Hitler.<\/p>\n<\/div>\n<div align=\"right\">\n<p><a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=150&amp;preview=true\">[Weiter]<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Adolf, gib uns Arbeit, gib uns Brot &#8211; sonst werden wir rot.&#8220; (Fl\u00fcsterspruch bei NSBO-Gruppen in Hitlers erstem Regierungsjahr) Zuckerbrot und Peitsche Von zentraler Bedeutung war f\u00fcr den Nationalsozialismus nach der Macht\u00fcbernahme das Verh\u00e4ltnis zur Arbeiterklasse. 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