{"id":1442,"date":"2018-10-14T15:51:25","date_gmt":"2018-10-14T13:51:25","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1442"},"modified":"2018-10-14T16:20:29","modified_gmt":"2018-10-14T14:20:29","slug":"i-der-innere-widerspruch-des-deutschen-reichs","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1442","title":{"rendered":"I. Der innere Widerspruch des Deutschen Reichs"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Dass der Kriegsausbruch 1914 haupts\u00e4chlich von Deutschland zu verantworten war, folgte nicht aus den Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der \u00d6konomie des Kapitals, sondern war durch die Konstellation der Klassen im Kaiserreich bedingt. Die Politik, die in Deutschland zum Krieg f\u00fchrte und seinen Verlauf pr\u00e4gte, beruhte letztlich auf dem Klassenverh\u00e4ltnis, dessen Grundlage in den deutschen Einigungskriegen 1864 bis 1870\/71 gelegt worden war und das im Ganzen bis 1918 bestehen blieb, in erheblichen Teilen sogar bis 1945.<\/p>\n<h2>1. Ein aufgen\u00f6tigter &#8222;contrat social&#8220;<\/h2>\n<p>In der Revolution von 1848 noch ein hartleibiger Verfechter der junkerlichen Reaktion, f\u00fcr den die Einigung Deutschlands nur ein &#8222;Nationalschwindel&#8220; war, begriff Bismarck wahrscheinlich in den Jahren als Berliner Gesandter beim Bundestag in Frankfurt von 1851 bis 1859, dass Preu\u00dfen keine Zukunft h\u00e4tte, wenn es sich weiter gegen die deutsche Nationalbewegung stellte, und dass mit Preu\u00dfen seine staatstragende Klasse, das Junkertum, untergehen w\u00fcrde. Begabt mit einem ausgepr\u00e4gten Gesp\u00fcr f\u00fcr die Interessen und die Bewegung der Klassen und das politisch Notwendige, sah er, &#8222;dass die Macht Preu\u00dfens wirkungsvoll und dauerhaft letztlich nur im Zusammenwirken mit der kleindeutschen Nationalbewegung und insbesondere mit den durch den Zollverein mehr und mehr auf Kleindeutschland fixierten Wirtschaftsinteressen im Land selber und in den Nachbarstaaten vergr\u00f6\u00dfert werden k\u00f6nne.&#8220; (Gall, S. 382)<\/p>\n<p>Zum preu\u00dfischen Ministerpr\u00e4sidenten 1862 auf dem H\u00f6hepunkt des Verfassungskonflikts berufen (die Regierung t\u00e4tigte die Ausgaben f\u00fcr das Heer ohne einen vom Landtag verabschiedeten Haushalt), ging Bismarck in den folgenden Jahren daran, der Politik des Junkerstaats eine andere Richtung zu geben. Nach dem ihm zugeschriebenen Satz: &#8222;Soll Revolution sein, so wollen wir sie lieber machen, als erleiden&#8220; stellte er Preu\u00dfen an die Spitze der Nationalbewegung und lie\u00df das preu\u00dfische Heer den deutschen Nationalstaat in drei Kriegen erk\u00e4mpfen. 1866, nachdem Preu\u00dfen durch den Sieg von K\u00f6niggr\u00e4tz bewiesen hatte, dass es auf die Einigung Deutschlands in &#8222;kleindeutscher&#8220; Form, also unter Ausschlu\u00df \u00d6sterreichs, zusteuerte, stimmte das Berliner Parlament mit der Mehrheit der Liberalen f\u00fcr das &#8222;Indemnit\u00e4tsgesetz&#8220;, das die ungesetzliche Ausgabenpolitik der Regierung nachtr\u00e4glich billigte. Damit machte die Bourgeoisie ihren Frieden mit Preu\u00dfen, und das B\u00fcndnis zwischen &#8222;Landwirtschaft und Industrie&#8220; wurde zur Grundlage des neuen Reichs. Als Bismarck Ende der 70er Jahre mit seiner &#8222;antiliberalen&#8220; Wendung die Gefahr eines Bruchs mit der Bourgeoisie (den er nicht wollte) heraufbeschwor, beschuldigte ihn der Vorsitzende der Zentrumspartei Lasker, den historischen Kompromi\u00df von 1866 zwischen Adel und B\u00fcrgertum aufzuk\u00fcndigen. Sofort wies der Kanzler vor dem Reichstag den Vorwurf zur\u00fcck, er habe den &#8222;Krieg zwischen Landwirtschaft und Industrie&#8220; er\u00f6ffnet, und appellierte an die &#8222;Vertreter von Land und Stadt&#8220;, sie sollten doch begreifen, dass es weiterhin &#8222;ihr Interesse ist, zusammenzugehen&#8220;. (nach: Gall, S. 581)<\/p>\n<p>Der Klassenkompromi\u00df, zu dem beide Klassen mehr von Bismarck gen\u00f6tigt werden mu\u00dften, als dass sie ihn freiwillig eingingen, verlangte von beiden Seiten Zugest\u00e4ndnisse, brachte aber jeder von ihnen mehr Vor- als Nachteile. Die Junker mu\u00dften sich mit der Gr\u00fcndung des deutschen Nationalstaats abfinden, aber daf\u00fcr wurde ihre bisherige Machtstellung gesichert, die in blo\u00dfer Frontstellung gegen die Anspr\u00fcche der Bourgeoisie dauerhaft nicht zu halten war. Die Bourgeoisie mu\u00dfte auf den Weg zur Macht verzichten, erhielt aber daf\u00fcr den gemeinsamen Staat und freie Bahn f\u00fcr die Entfaltung des Kapitals; der Staat sorgte durch seine Regelungen daf\u00fcr, dass sich die Wirtschaft in Deutschland schneller und kr\u00e4ftiger als in den anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern entfalten konnte.<\/p>\n<p>Dieses Deutschland war alles andere als ein &#8222;b\u00fcrgerlicher&#8220; Staat. Nach den urspr\u00fcnglichen \u00dcberlegungen von Marx war die demokratische, parlamentarische Republik die dem Kapitalverh\u00e4ltnis angemessene politische Form f\u00fcr die Herrschaft der Bourgeoisie, wie er 1850 schrieb: &#8222;Die Bourgeoisie hat keinen K\u00f6nig, die wahre Form ihrer Herrschaft ist die Republik.&#8220; (Klassenk\u00e4mpfe in Frankreich, MEW 7, S. 40) Tats\u00e4chlich aber stand das B\u00fcrgertum in ganz Europa, auch und gerade in den entwickelteren L\u00e4ndern Gro\u00dfbritannien, Frankreich und Deutschland, vor \u00e4hnlichen Schwierigkeiten, n\u00e4mlich dass es keine stabile gesellschaftliche Basis f\u00fcr den b\u00fcrgerlichen Parlamentarismus gab. Neben dem Proletariat, das auf dem Boden der modernen Produktionsverh\u00e4ltnisse gegen die Bourgeoisie k\u00e4mpfte, wehrte sich die Masse der Bev\u00f6lkerung auf dem Boden der \u00fcberkommenen Produktionsverh\u00e4ltnisse gegen die Unterwerfung ihrer kleinen Warenproduktion unter das Kapitalverh\u00e4ltnis. Dar\u00fcber hinaus waren die Gegens\u00e4tze zwischen dem alten, st\u00e4dtisch-st\u00e4ndischen Handelsb\u00fcrgertum und der modernen Industriebourgeoisie noch l\u00e4ngst nicht \u00fcberwunden. Die Staatsform der Republik war auch in den Reihen der Bourgeoisie umstritten; \u00fcberall in Europa fanden sich &#8222;bonapartistische&#8220;, von den Klassen relativ unabh\u00e4ngige Herrschaftsformen.<\/p>\n<p>Angesichts der Erfahrungen mit der zwanzigj\u00e4hrigen Herrschaft Napoleon III. notierte Marx im zweiten Entwurf zum &#8222;B\u00fcrgerkrieg in Frankreich&#8220;, dass das bonapartistische Kaisertum nicht &#8222;einfach eine der politischen Formen der Bourgeoisgesellschaft (ist), es ist zugleich ihre prostituierteste, ihre vollendetste und ihre schlie\u00dfliche politische Form. Es ist die Staatsmacht der modernen Klassengesellschaft, zumindestens auf dem europ\u00e4ischen Kontinent.&#8220; (MEW 17, S. 610; Hervorhebung durch Marx) Dagegen schrieb er einige Jahre sp\u00e4ter, nachdem sich die 1870 ausgerufene Dritte Republik in Frankreich wider Erwarten gehalten hatte, in der Kritik des Gothaer Vereinigungsprogramms der deutschen Sozialdemokratie von 1875, dass die &#8222;demokratische Republik &#8230; die letzte Staatsform der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft&#8220; sei, in der &#8222;der Klassenkampf definitiv auszufechten ist&#8220;. (MEW 19, S. 29). Ebenso meinte Engels noch einmal neun Jahre sp\u00e4ter, dass die demokratische Republik die &#8222;h\u00f6chste Staatsform&#8220; sei, &#8222;die in unseren modernen Gesellschaftsverh\u00e4ltnissen mehr und mehr unvermeidliche Notwendigkeit wird&#8220;. (Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, 1884, MEW 21, S. 167) Aber auch da war es bei weitem zu fr\u00fch f\u00fcr einen gefestigten b\u00fcrgerlichen Parlamentarismus. Es bedurfte noch mehr als eines halben Jahrhunderts, darunter zweier Weltkriege, bevor zumindest im entwickelten Teil Europas die parlamentarische Demokratie endg\u00fcltig siegte.<\/p>\n<p>Dabei war der grundlegende Unterschied zwischen England und Frankreich auf der einen, Preu\u00dfen-Deutschland auf der anderen Seite, dass dort die alten herrschenden M\u00e4chte in einer Revolution geschlagen worden waren, w\u00e4hrend sie hier ihre Macht behalten hatten. W\u00e4hrend der Parlamentarismus in England und Frankreich trotz aller R\u00fcckschl\u00e4ge und Einschr\u00e4nkungen entwicklungsf\u00e4hig war, stand er in Deutschland in einer Sackgasse. Dessen ungeachtet f\u00fchrte die Reichseinigungspolitik Bismarcks zun\u00e4chst zum Bruch mit seiner eigenen Klasse. Die Junker wollten nicht wahrhaben, dass das Vorgehen des &#8222;k\u00f6niglich-preu\u00dfischen Revolution\u00e4rs&#8220; in ihrem eigenen Interesse lag, und fanden sich weder mit dem deutschen Nationalstaat noch mit der blo\u00dfen Existenz des Reichstags ab. Zwar erkl\u00e4rte sich die Mitte der 70er Jahre neu gegr\u00fcndete ostelbisch-agrarische Interessenpartei der Gro\u00dfgrundbesitzer, die &#8222;Deutschkonservative Partei&#8220;, mit der Reichseinigung einverstanden, aber ein harter Kern der Junker verzieh Bismarck bis zuletzt weder den Verrat an Preu\u00dfen, den er durch die Schaffung des Reichs, noch den Verrat an seiner Klasse, den er durch die Konzessionen an die Bourgeoisie beging.<\/p>\n<p>So hatte die Klassenkonstellation, aus welcher der deutsche Nationalstaat hervorging, langfristig verh\u00e4ngnisvolle Auswirkungen. Die junkerlich-preu\u00dfische Armee hatte den Nationalstaat auf dem Schlachtfeld erk\u00e4mpft, aber die Junker selber begriffen sich nicht als Teil der deutschen Nation, sondern blieben preu\u00dfisch und f\u00fchlten sich f\u00fcr den neuen Staat nicht verantwortlich. Sie herrschten nicht selber, sondern lie\u00dfen herrschen &#8211; in den von ihnen gesteckten Grenzen. Umgekehrt mu\u00dfte die Bourgeoisie sich damit zufriedengeben, dass ihre nationalen und wirtschaftlichen Ziele realisiert wurden, sie aber keinen substantiellen Anteil an der Macht erhielt. Das hei\u00dft, keine der beiden Klassen, aus deren Zusammenwirken unter der F\u00fchrung Bismarcks das deutsche Reich hervorging, wurde zu dessen Tr\u00e4gerin. Daraus resultierte die relative Selbst\u00e4ndigkeit des &#8222;Staats&#8220; in dem neuen Reich, verk\u00f6rpert in der ebenso machtvollen wie bodenlosen Stellung der vom Kaiser ernannten Reichskanzler.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung f\u00fchrte auch zur Trennung von &#8222;Demokratie&#8220; und &#8222;Nation&#8220; in Deutschland. Bis dahin waren der Sturz der adeligen Gewalten und die Zusammenfassung der aus der Vergangenheit \u00fcberkommenen Territorialherrschaften in einer einheitlichen, demokratischen Republik in eins gefallen. Im subjektiven Verst\u00e4ndnis der Liberalen war die Herstellung des Nationalstaats weiterhin nur der erste Schritt, dem bald der zweite, die Verantwortlichkeit des Parlaments, folgen mu\u00dfte. Objektiv erfolgte 1866\/70 jedoch eine Z\u00e4sur, die weit in die Zukunft hinein wirkte. 1918\/19 erhielt die Bourgeoisie die Republik als Geschenk aus den H\u00e4nden der Arbeiterbewegung, aber ihre Mehrheit wollte diese Republik auf dem Boden des allgemeinen Wahlrechts aus Angst vor den Anspr\u00fcchen der Arbeiterklasse gar nicht haben. Und noch einmal 30 Jahre sp\u00e4ter wurde ihr die Republik ein weiteres Mal geschenkt, diesmal von den westlichen Weltkriegs-Siegerm\u00e4chten unter Preisgabe der Nation.<\/p>\n<p>Die nicht durch eine Nationalversammlung verabschiedete, sondern von den F\u00fcrsten und freien Reichsst\u00e4dten gestiftete Verfassung des Deutschen Reichs spiegelte das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis der beiden ma\u00dfgeblichen Klassen wider. Zwar gab es ein Parlament, den Reichstag, der alle Gesetze verabschieden und vor allem den Staatshaushalt bewilligen mu\u00dfte, d.h. der vom Kaiser ernannte Reichskanzler konnte nicht gegen das Parlament regieren. Aber dieser Reichstag war nicht &#8222;verantwortlich&#8220;. Er hatte nicht das Recht zur eigenen Aufl\u00f6sung und Ausschreibung von Neuwahlen, sondern dieses Recht stand nur dem kaiserlichen Staatsoberhaupt zu. Ebensowenig hatte er das Gesetzes-Initiativrecht, konnte also von sich aus keine neuen Gesetze einbringen und verabschieden, sondern hatte sich mit den Gesetzentw\u00fcrfen zu befassen, welche die Regierung einbrachte, und diese entweder im Ganzen anzunehmen oder abzulehnen. Die Regierung war nicht dem Reichstag, sondern dem Kaiser verantwortlich, der den Reichskanzler ernannte und auch die Frage von Krieg und Frieden entschied. Als Gegengewicht gegen den ohnehin halblahmen Reichstag fungierte als zweite Kammer der Bundesrat, der sich aus den Vertretern der 25 deutschen Einzelstaaten zusammensetzte und alle vom Reichstag verabschiedeten Gesetze billigen mu\u00dfte. In ihm verf\u00fcgte Preu\u00dfen \u00fcber eine verfassungsm\u00e4\u00dfig festgelegte Vetostellung, konnte also jedes vom Reichstag verabschiedete Gesetz auch gegen den Willen der Mehrheit zu Fall bringen.<\/p>\n<p>Das Reich war kein Einheitsstaat wie Frankreich, sondern nach wie vor ein Flickenteppich aus gro\u00dfen und kleinen Einzelstaaten, in dem der Hohenzollernstaat mit zwei Dritteln des Reichsgebiets und der Bev\u00f6lkerung die Vorherrschaft aus\u00fcbte. Statt Preu\u00dfen im Deutschland aufgehen zu lassen, \u00e4hnelte das Deutsche Reich eher Gro\u00dfpreu\u00dfen. Um \u00fcberhaupt regieren zu k\u00f6nnen, war ungeschriebenes Gesetz, dass der Reichskanzler zugleich preu\u00dfischer Ministerpr\u00e4sident war und umgekehrt. Preu\u00dfen selber verk\u00f6rperte den Dualismus des Reichs in sich: die uneingeschr\u00e4nkte Macht im agrarischen, ostelbischen Altpreu\u00dfen hatten die Junker inne, ca. 20.000 Familien mit weniger als 100.000 K\u00f6pfen. (Wehler 1995, S. 811) Sie herrschten auch \u00fcber das sogenannte &#8222;Rheinpreu\u00dfen&#8220;, in dem mit der Industrie die Bourgeoisie dominierte. Im Unterschied zu den Reichstagswahlen wurde der preu\u00dfische Landtag nach einem Dreiklassenwahlrecht gew\u00e4hlt, das allein 50 % der Mandate f\u00fcr den Grund- und Hausbesitz reservierte. Zudem mu\u00dften alle vom Landtag verabschiedeten Gesetze durch das von Adeligen bestimmte Berliner &#8222;Herrenhaus&#8220; gebilligt werden.<\/p>\n<p>Eine einheitliche Armee des Reichs existierte nicht. Die Truppen der Bundesstaaten blieben als Kontingente des Gesamtheeres mit getrennter Milit\u00e4rverwaltung bestehen; sie waren entweder &#8222;preu\u00dfisch&#8220; oder &#8222;bayrisch&#8220; oder &#8222;w\u00fcrttembergisch&#8220; etc., weil die Junker um keinen Preis bereit waren, das von ihnen gef\u00fchrte preu\u00dfische Heer in einer deutschen Armee aufgehen zu lassen. Folgerichtig gab es auch keinen Kriegsminister des Reichs; im Kriegsfall \u00fcbernahm der preu\u00dfische Kriegsminister im Namen des Kaisers den Oberbefehl \u00fcber die Streitkr\u00e4fte der Bundesstaaten. Nur die Marine war &#8222;reichsunmittelbar&#8220;, sie war als &#8222;kaiserliche&#8220; Marine die einzige Waffengattung, welche den deutschen Nationalstaat verk\u00f6rperte. Ihre Angeh\u00f6rigen kamen aus allen Teilen Deutschlands. In den Worten von Tirpitz wurde die Marine &#8222;ein Schmelztiegel des Deutschtums (&#8230;) Wir waren die einzige Reichseinrichtung, die Hunderttausende aus landsmannschaftlicher Sehweise hinweg in einen gemeinsamen Horizont zog&#8220;. (nach: Steltzer, S. 217)<\/p>\n<p>Die schweren Geburtsfehler des Reiches waren nicht die Folge einer &#8222;zu sp\u00e4t gekommenen Nation&#8220;, wie eine inhaltsleere Geschichtsschreibung meint, sondern das Resultat des ungeschriebenen Gesellschaftsvertrags zwischen Junkern und Bourgeoisie. Die ganze Reichsverfasssung war eine k\u00fcnstliche, Bismarck auf den Leib geschnittene Konstruktion, wobei der innerste Kern der Macht bei den Junkern verblieb. In seiner Kritik des Gothaer Vereinigungsprogramms der deutschen Sozialdemokratie schrieb Marx, dass das Deutsche Reich ein &#8222;mit parlamentarischen Formen verbr\u00e4mter, mit feudalem Beisatz vermischter und zugleich schon von der Bourgeoisie beeinflu\u00dfter, b\u00fcrokratisch gezimmerter, polizeilich geh\u00fcteter Milit\u00e4rdespotismus&#8220; sei. (MEW 19, S. 29) Bei aller \u00f6konomischen wie milit\u00e4rischen St\u00e4rke war die gesellschaftliche Grundlage des Deutschen Reichs faul; sie stellte eine Einheit von Gegens\u00e4tzen dar, die im Kern unvers\u00f6hnlich waren.<\/p>\n<h2>2. Das allgemeine Wahlrecht<\/h2>\n<p>Zu diesen Widerspr\u00fcchen geh\u00f6rte das Wahlrecht. Zu einem Zeitpunkt, wo dies in der Mehrheit der europ\u00e4ischen Staaten noch l\u00e4ngst nicht der Fall war, wurde der Reichstag nach allgemeinem, gleichem und geheimem (M\u00e4nner-) Wahlrecht gew\u00e4hlt. Die Erkl\u00e4rung daf\u00fcr fand die damalige Sozialdemokratie in der Kampfst\u00e4rke der Arbeiterklasse, und die marxistische Geschichtsschreibung folgte ihr. So hei\u00dft es in der in der DDR herausgegebenen &#8222;Deutschen Geschichte&#8220; \u00fcber die Arbeiterbewegung: &#8222;Das Ergebnis ihres Kampfes fand bereits in der politischen Verfassung des Deutschen Reiches seinen Niederschlag.&#8220; (Deutsche Geschichte, Band 2, S. 499) Dabei berufen sich die Autoren auf Lenin, der 1913 \u00fcber die Einigung Deutschlands bemerkte: &#8222;Deutschland hatte Freiheiten erhalten, trotz Bismarck, trotz der preu\u00dfischen Liberalen, nur dank dem nachdr\u00fccklichen und hartn\u00e4ckigen Streben der Arbeiterklasse &#8230; nach weitestgehender Demokratisierung.&#8220; (&#8222;Lehrreiche Reden&#8220; vom Juli 1913; in: Lenin, \u00dcber Deutschland und die deutsche Arbeiterbewegung, S. 81)<\/p>\n<p>In Wirklichkeit war das allgemeine Wahlrecht nichts weniger als ein Kampferfolg der Arbeiterklasse. Im Zuge der Auseinandersetzungen um den Milit\u00e4retat hatte Bismarck mehrfach Unterredungen mit Ferdinand Lassalle gef\u00fchrt, um herauszufinden, ob er in ihm einen Verb\u00fcndeten gegen die Liberalen finden konnte. Dass daraus nichts wurde, lag nicht an dem F\u00fchrer der sich entwickelnden Sozialdemokratie, der zu jedem Schacher mit der Krone auf Kosten der Bourgeoisie bereit war. Es lag auch nicht an der Furcht des preu\u00dfischen Ministerpr\u00e4sidenten, die Sozialdemokratie k\u00f6nne ihm \u00fcber den Kopf wachsen, sondern an seiner Einsch\u00e4tzung, dass sie bedeutungslos sei. &#8222;Bismarck hat sehr bald erkannt, dass mit der Lassalleschen Arbeiterbewegung auf absehbare Zeit kein wirklich nennenswertes und in seinem Sinne brauchbares Potential zur Verf\u00fcgung stehen w\u00fcrde&#8220;. (Gall, S. 277) Wie irref\u00fchrend der Glaube an die St\u00e4rke der Arbeiterbewegung war, beweist das Dreiklassenwahlrecht, das bis 1918 in Preu\u00dfen Bestand hatte.<\/p>\n<p>Der eigentliche Grund f\u00fcr die Einf\u00fchrung des allgemeinen Wahlrechts hatte mit der Bourgeoisie zu tun. Diese trat f\u00fcr ein verantwortliches Parlament ein, aber mehrheitlich nur f\u00fcr ein Parlament der Besitzenden, das aufgrund eines Zensuswahlrechts gew\u00e4hlt werden sollte. Auch in Gro\u00dfbritannien und Frankreich fielen die Zugangsschranken zum allgemeinen Wahlrecht endg\u00fcltig erst nach langem Hin und Her. &#8222;Mit dem allgemeinen Wahlrecht, das wu\u00dfte er (Bismarck; H. K.) sehr genau, verband die Mehrheit der Liberalen seit 1848, seit der Zuspitzung der sozialen Gegens\u00e4tze im Verlauf der Revolution, die gr\u00f6\u00dften Sorgen.&#8220; (Gall, S. 352) Schon im Norddeutschen Bund hatte Bismarck das Wahlrecht gegen die Liberalen eingesetzt, weil er davon ausging: &#8222;In einem Lande mit monarchischen Traditionen und loyaler Gesinnung wird das allgemeine Stimmrecht, indem es die Einfl\u00fcsse der liberalen Bourgeoisklassen beseitigt, auch zu monarchischen Wahlen f\u00fchren.&#8220; (Brief vom April 1861 an den preu\u00dfischen Botschafter in London, Graf Bernstorff; nach: Gall, S. 352) Die Massendemokratie war auf dem Boden der Existenz sowohl alter als auch moderner Klassen kein Garant f\u00fcr den gesellschaftlichen Fortschritt, sondern konnte ebensogut das Gegenteil bewirken. Im Unterschied zu vielen Marxisten begriff Bismarck dies und setzte das gleiche Stimmrecht als politisches Instrument ein, um das Parlament ohnm\u00e4chtig zu halten.<\/p>\n<p>Sofern der Reichstag nicht vorzeitig aufgel\u00f6st wurde, fanden die Reichstagswahlen zun\u00e4chst alle drei und sp\u00e4ter alle vier Jahre statt. Ablesbar an der steigenden Wahlteilnahme, bef\u00f6rderten sie die Politisierung der Gesellschaft und die Formierung der Klassen, die durch jeweils eigene Parteien repr\u00e4sentiert wurden. Dabei spiegelte sich der \u00dcbergangscharakter der Gesellschaft auch in der Fl\u00fcgelbildung der Klassen wider.<\/p>\n<p>Die Konservativen vertraten im preu\u00dfischen Landtag wie dann im deutschen Reichstag die Junker. Wegen Bismarcks unerwarteter deutscher Einigungspolitik hatte sich ihre Mehrheit 1866 von ihm abgewandt. Nur eine Minderheit, organisiert in der Freikonservativen Partei (FKP), unterst\u00fctzte ihn weiterhin. Die freien Konservativen hatten ihre Schwerpunkte in Schlesien und Rheinpreu\u00dfen und umfa\u00dften neben agrarfreundlichen Schwerindustriellen und hohen Beamten vor allem die Minderzahl der &#8222;modernen&#8220; Gutsbesitzer, die f\u00fcr eine b\u00fcrgerliche Entwicklung aufgeschlossen waren.<\/p>\n<p>Die Mehrheit der Konservativen konstituierte sich nach einer zwischenzeitlichen Krise 1876 als Deutsche Konservative Partei (DKP) neu. Sie anerkannten jetzt die nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig zu machende Reichsgr\u00fcndung, um auf dem neuen Boden weiter f\u00fcr die alten Verh\u00e4ltnisse, d.h. f\u00fcr patriarchalische Zust\u00e4nde, die Sicherung der Ausnahmestellung Preu\u00dfens und au\u00dferdem f\u00fcr Steuerprivilegien, staatliche Subventionen und agrarische Schutzz\u00f6lle zu k\u00e4mpfen. Bei Beendigung der liberalen \u00c4ra 1878 wurden sie zur parlamentarischen Hauptst\u00fctze der Regierung.<\/p>\n<p>Die Partei der Bourgeoisie waren die Liberalen, in Preu\u00dfen zun\u00e4chst als &#8222;Fortschrittspartei&#8220; zusammengeschlossen, bis eine &#8222;nationalliberale&#8220; Mehrheit der Landtagsfraktion 1866 entgegen der bis dahin verfolgten Politik dem &#8222;Indemnit\u00e4tsgesetz&#8220; zustimmte und damit den von Bismarck angebotenen Klassenkompromi\u00df akzeptierte. Im Zuge der Reichsgr\u00fcndung, die ihr ureigenes Projekt war, und in den ersten Jahren danach hatten die Nationalliberalen als st\u00e4rkste Partei zeitweise eine Hegemonialstellung inne und kamen zu dieser Zeit dem Charakter einer &#8222;Volkspartei&#8220; am n\u00e4chsten, besa\u00dfen aber keine tiefergehende soziale Verankerung in den Massen. Nach der Abspaltung eines &#8222;linken&#8220; Fl\u00fcgels 1880 in der Sozialisten- und Schutzzollfrage dominierte bei ihnen die Schwerindustrie; sie repr\u00e4sentierten insoweit das Gros der industriellen Bourgeoisie. Bis zum Ende des Kaiserreichs (und als DVP auch in der Weimarer Republik) standen sie f\u00fcr das Zusammengehen mit den Junkern, gegen das allgemeine Wahlrecht und f\u00fcr einen &#8222;antisozialistischen&#8220; Konfrontationskurs gegen die Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p>Auf dem anderen Fl\u00fcgel der Bourgeoisie agierten die Linksliberalen, zumeist gespalten in verschiedene Parteien. Als Anh\u00e4nger des Freihandels fanden sie vor allem in den Seehandelsst\u00e4dten des Norden, im S\u00fcden Deutschlands und in der weiterverarbeitenden Industrie Resonanz. Politisch traten sie f\u00fcr die Demokratisierung Deutschlands ein, zum Teil auch f\u00fcr ein Zusammengehen mit der Arbeiterschaft, besa\u00dfen aber kein Konzept f\u00fcr den Klassenkompromi\u00df, denn alle Ans\u00e4tze des Sozialstaats lehnten sie als &#8222;Staatssozialismus&#8220; ab.<\/p>\n<p>Bauern und st\u00e4dtisches Kleinb\u00fcrgertum, die zahlenm\u00e4\u00dfig st\u00e4rksten Klassen der alten Gesellschaft und auch nach der Jahrhundertwende noch st\u00e4rker als das moderne Proletariat, spielten noch kaum eine eigenst\u00e4ndige Rolle. Dabei nahmen die alten Klassen auf dem Boden der Massendemokratie, durch Reichstagswahlen und allgemeine Wehrpflicht, eine Schl\u00fcsselstellung ein, denn je nachdem, wohin sie sich wandten, entschieden sie \u00fcber die Richtung der gesellschaftlichen Entwicklung. In der Regel waren sie kaisertreu und w\u00e4hlten konservativ oder liberal oder Zentrum. Daneben gab es aber Tendenzen zu einer selbst\u00e4ndigen Politik. Auf dem Land entwickelten sich Bauernb\u00fcnde und -vereine, welche die Interessen der Agrarbev\u00f6lkerung unabh\u00e4ngig vom &#8222;Bund der Landwirte&#8220; verfochten und z.T. regional gro\u00dfen Einflu\u00df hatten. Au\u00dferdem entstanden neben den &#8222;linken&#8220; Liberalen, die vor allem im S\u00fcden Deutschlands kleinb\u00fcrgerlich gepr\u00e4gt waren, seit Ende der 70er Jahre verschiedene Antisemitenparteien, die auf Basis rassistischer Theorien &#8222;den&#8220; Juden als Verk\u00f6rperung des Kapitals f\u00fcr alle Krankheitserscheinungen der Moderne, im Kern f\u00fcr die Untergrabung der ehrw\u00fcrdigen Verh\u00e4ltnisse der kleinen Warenproduktion verantwortlich machten, aber vorerst Sekten blieben. Erst als sich die traditionellen Bindungen im Verlauf des Weltkriegs lockerten, die alte Ordnung 1918 zerbrach und die Republik den kleinb\u00fcrgerlichen Massen keine Perspektive bot, schlug ihre Stunde.<\/p>\n<p>Das Zentrum repr\u00e4sentierte den katholischen Teil Deutschlands, etwas \u00fcber ein Drittel (36 %) der Bev\u00f6lkerung, und war unter konfessionellem Vorzeichen die einzige klassen\u00fcbergreifende Partei. Sie hatte ihren R\u00fcckhalt haupts\u00e4chlich im agrarischen und kleinst\u00e4dtischen Milieu, war aber auch in Adel und B\u00fcrgertum sowie mit der katholischen Arbeiterbewegung (1906 hatten die Christlichen Gewerkschaften Deutschlands 350.000 Mitglieder) in Teilen des Proletariats verankert. Durch seinen festen W\u00e4hlerstamm verf\u00fcgte es \u00fcber eine bei anderen Parteien ungekannte Stabilit\u00e4t und hatte dauerhaft ca. 20-25 % der Reichstagsmandate inne. Insbesondere seit die adelige Vorherrschaft in der Partei in den 90er Jahren beendet wurde, war das Zentrum nach allen Seiten offen. Seine eigentliche Stunde schlug allerdings erst nach dem 2.Weltkrieg, als es durch die Weiterentwicklung zur CDU endg\u00fcltig zur &#8222;Volkspartei&#8220; wurde und in Gestalt der &#8222;sozialen Marktwirtschaft&#8220; den Klassenkompromi\u00df zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse organisierte, auf den die Bundesrepublik sich gr\u00fcndete.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt spielte die Monarchie eine eigene Rolle. Als preu\u00dfisches Herrscherhaus hatten die Hohenzollern geschichtlich immer schon im Gegensatz zum niederen Adel gestanden. Unter den Bedingungen des Heraufkommens der modernen Gesellschaft hatte die Krone prinzipiell die M\u00f6glichkeit, sich auf andere Klassen als den Adel (bzw. zus\u00e4tzlich dazu) zu st\u00fctzen, wie schon Bismarck in Gespr\u00e4chen mit Lassalle \u00fcber ein &#8222;soziales K\u00f6nigtum&#8220; im Hinblick auf die Arbeiterbewegung eruiert hatte. Die Herrschaftszeit Wilhelms II., der sich im Gegensatz zu seinem Gro\u00dfvater wesentlich als deutscher Kaiser statt als K\u00f6nig von Preu\u00dfen begriff, war durchg\u00e4ngig durch den Versuch gekennzeichnet, die soziale Basis der Monarchie zu erweitern, wenn nicht gar zu Lasten der Junker zu wechseln.<\/p>\n<p>Die Arbeiterbewegung wurde dominiert von Handwerker-Facharbeitern, die bis zum ersten Weltkrieg das Gesicht der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften bestimmten. &#8222;Der Befund, dass die deutsche Arbeiterbewegung nie eine Bewegung der aller\u00e4rmsten, sondern vor allem bis 1914 eine Bewegung der qualifizierten, besser gestellten Arbeiter war, verdient besonders hervorgehoben zu werden.&#8220; (Tenfelde, S. 173) W\u00e4hrend die Industriearbeiter der Gro\u00dfbetriebe aus den Bereichen Textil, Kohle und Stahl, die Frauen und die ungelernten Arbeiter sowohl jenseits der Sozialdemokratie als auch der Gewerkschaften standen, fanden sich die &#8222;qualifizierten, bessergestellten Arbeiter&#8220;, die das Fundament der sozialistischen Organisationen bildeten, insbesondere in handwerklich gepr\u00e4gten Berufen in Klein- und Mittelbetrieben.<\/p>\n<p>Die W\u00fcnsche dieser Arbeiter kreisten, wie Helga Grebing nachweist, &#8222;immer wieder um die gleichen Dinge: mehr verdienen, weiterbilden, unabh\u00e4ngig sein, ein H\u00e4uschen auf dem Land, eine Wohnung, am liebsten eine kleine Wirtschaft mit etwas Acker und Obstgarten, einen kleinen Bauernhof kaufen oder frei ein Handwerk aus\u00fcben. Der restaurative Zug in der sozialen Orientierung &#8211; Bauer, Handwerker, aber nicht Fabrikarbeiter sein wollen&#8220; &#8211; verlieh ihrer Frontstellung gegen das industrielle Kapital einen deutlichen Zug zur\u00fcck zur vormodernen Standesgesellschaft (Grebing, S. 96,97). Aus sich selbst heraus entwickelte diese Arbeiterschaft keinerlei politische Vorstellung von einer b\u00fcrgerlich-demokratischen Gesellschaft, sie hatte kein Verh\u00e4ltnis zu den K\u00e4mpfen des B\u00fcrgertums um die Ausweitung der Rechte des Parlaments und konnte &#8222;sich einen Staat ohne Obrigkeit nicht vorstellen&#8220; (Grebing, ebenda). Oder wie August Bebel es auf dem Parteitag in Magdeburg 1910 formulierte: &#8222;Es gibt keinen zweiten, dem preu\u00dfischen \u00e4hnlichen Staat, aber wenn wir einmal diesen Staat in der Gewalt haben, haben wir alles (&#8230;) Im S\u00fcden versteht man nicht diesen Junkerstaat in seiner ganzen Sch\u00f6nheit.&#8220; (Protokoll S. 250)<\/p>\n<p>Statt diese Arbeiterbewegung politisch zu formen, war die deutsche Sozialdemokratie umgekehrt wenig mehr als der organisatorische Ausdruck ihres handwerklich-r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Charakters. Lassalles Verhandlungen mit Bismarck waren kein einmaliger Ausrutscher einer einzelnen Person, sondern Ausdruck einer grundlegenden Orientierung. Der Marxismus, der sich bis zum Ende des 19.Jahrhunderts in der SPD durchgesetzt haben soll, war kaum mehr als ein ideologischer Firnis, der nicht einmal die Parteif\u00fchrung durchdrang, geschweige denn die Mitgliedermassen. Das sozialdemokratische Staats- und Gesellschaftsideal war der preu\u00dfische Sozialismus, und der preu\u00dfisch-junkerliche Staat blieb der Ansprechpartner zur Besserung der sozialen und politischen Lage der Massen. Erst durch den Weltkrieg wurden die entscheidenden Bataillone der entstehenden modernen Industriearbeiterschaft aus den Gro\u00dfbetrieben, die bis dahin weitgehend au\u00dferhalb der politischen und gewerkschaftlichen Organisationen geblieben waren, politisiert, und ihr Eintritt in die Politik ver\u00e4nderte das Gesicht der Arbeiterbewegung grundlegend.<\/p>\n<p>Mehr als zehn Jahre nach Marx&#8216; Worten \u00fcber den preu\u00dfisch-deutschen &#8222;Milit\u00e4rdespotismus&#8220; bemerkte Engels, dass es die historische Aufgabe sei, Deutschland &#8222;bewu\u00dft und endg\u00fcltig auf die Bahn der modernen Entwicklung zu leiten, seine politischen Zust\u00e4nde seinen industriellen Zust\u00e4nden anzupassen&#8220; (Engels, Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, 1887\/88, MEW 21, S. 454) Die vorhandene parlamentarische Form mu\u00dfte also den ihr gem\u00e4\u00dfen Inhalt bekommen, der Reichstag zum Zentrum der politischen Macht werden. Aber wie sollte das ohne Revolution geschehen?<\/p>\n<h2>3. Das untergehende Junkertum<\/h2>\n<p>Die entschiedensten Gegner der Parlamentarisierung waren die Junker, die durch jeden Machtzuwachs des Reichstags ihre privilegierte Existenz als Herrschaftsklasse bedroht sahen. \u00dcber ihrer unverkennbaren gesellschaftlichen Sonderstellung wird regelm\u00e4\u00dfig \u00fcbersehen, dass sich damit ein \u00f6konomischer Sonderstatus der gro\u00dfen Landwirtschaftsg\u00fcter Ostelbiens verkn\u00fcpfte, der den besonderen Charakter des Junkertums pr\u00e4gte und ihm sein spezifisches Beharrungsverm\u00f6gen verlieh.<\/p>\n<p>Es war eine verkehrte Schlu\u00dffolgerung, dass der &#8222;preu\u00dfische&#8220; Weg in der Landwirtschaft zum Agrarkapitalismus gef\u00fchrt h\u00e4tte, wie Lenin dachte. In der Ende 1907 verfa\u00dften Arbeit \u00fcber &#8222;Das Agrarprogramm der Sozialdemokratie in der ersten russischen Revolution von 1905 bis 1907&#8220; (LW 13, S. 211 &#8211; 437) und anderen Artikeln entwickelte er die Theorie von &#8222;zwei Wegen&#8220; zum Agrarkapitalismus, dem &#8222;amerikanischen&#8220; und dem &#8222;preu\u00dfischen&#8220; Weg. Sie w\u00fcrden entweder auf &#8222;gutsherrlich-b\u00fcrgerliche&#8220; oder auf &#8222;b\u00e4uerlich-b\u00fcrgerliche&#8220; Art die kapitalistische Umw\u00e4lzung der Agrarwirtschaft vollbringen. (LW 13, S. 275). Den amerikanischen Weg sah Lenin charakterisiert durch die meist gewaltsame Aufteilung des Gro\u00dfgrundbesitzes auf viele b\u00e4uerliche Kleineigent\u00fcmer, die anschlie\u00dfend als &#8222;Farmer&#8220; auf dem Boden b\u00fcrgerlicher Produktionsverh\u00e4ltnisse wirtschaften w\u00fcrden. Auf dem preu\u00dfischen Weg hingegen, so Lenin, &#8222;w\u00e4chst die fronherrliche Gutsbesitzerwirtschaft langsam in eine b\u00fcrgerliche, in eine Junkerwirtschaft hin\u00fcber&#8220;. (LW 13, S. 236) Er hatte keine Zweifel, dass die Gutswirtschaften der Junker &#8222;in ihrem Wesen kapitalistisch&#8220; seien (LW 15, S. 132). Das war falsch. (Dazu im einzelnen Michael Vogt = Heiner Karuscheit: \u00dcber die patriarchalischen Gutswirtschaften der Junker, AzD 51\/1990)<\/p>\n<p>Die Arbeitsverh\u00e4ltnisse auf den ostelbischen Ritterg\u00fctern trugen bis zuletzt alle Merkmale pers\u00f6nlicher Abh\u00e4ngigkeit. Weder die Gewerbeordnung von 1867\/71, die das Koalitions- und Streikrecht einr\u00e4umte, noch die arbeitsrechtlichen Regelungen des B\u00fcrgerlichen Gesetzbuchs von 1900 galten f\u00fcr die l\u00e4ndlichen Arbeitskr\u00e4fte. Sie waren einer Vielzahl regionaler &#8222;Gesindeordnungen&#8220; unterworfen, im \u00fcberwiegenden Teil Preu\u00dfens der &#8222;Preu\u00dfischen Gesindeordnung&#8220;, die der Herrschaft u.a. das Z\u00fcchtigungsrecht gew\u00e4hrte, indem sie &#8222;geringe T\u00e4tlichkeiten&#8220; gegen das Gesinde f\u00fcr straffrei erkl\u00e4rte. Arbeitsvertr\u00e4ge mit festen Arbeitszeiten gab es nicht, sondern als Gegenleistung gegen die zeitlich unbeschr\u00e4nkte Verpflichtung zum &#8222;Dienst&#8220; bei der &#8222;Herrschaft&#8220; oblag dem Gutsherrn die umfassende F\u00fcrsorgepflicht gegen\u00fcber dem Arbeiter und seiner Familie. Der &#8222;Lohn&#8220; wurde nur zum geringeren Teil als Barlohn ausgezahlt, zum \u00fcberwiegenden Teil in Naturalien, teils auch durch Zuteilung eines St\u00fccks Land.<\/p>\n<p>Als Bismarck 1872 eine neue Kreisordnung f\u00fcr das l\u00e4ndliche Preu\u00dfen durchsetzte, kn\u00fcpfte Engels daran die Hoffnung, dass der einzelne Junker damit &#8222;die Ausnahmestellung (verliert), die er als Feudalherr hatte. Er sinkt herab zum einfachen modernen Gutsbesitzer &#8211; und damit h\u00f6rt er auf, Junker zu sein.&#8220; (Engels: Die Krisis in Preu\u00dfen, 1873, MEW 18, S. 293 f) In Wirklichkeit blieb in neuen Formen das alte Herrschaftsverh\u00e4ltnis erhalten: der Gutsbezirk blieb &#8222;Amtsbezirk&#8220; und der Gutsherr &#8222;Gemeindevorsteher&#8220;, nur dass er jetzt vom Landrat zu best\u00e4tigen war. Die rund 16.000 Gutsbezirke blieben bis 1928 als selbst\u00e4ndige Gemeindebezirke erhalten. Als Reserveoffizier war der Junker der milit\u00e4rische Vorgesetzte seiner Knechte, die als &#8222;Gediente&#8220; der Reserve angeh\u00f6rten. Und weil die Gutskirche in der Regel von seiner Familie gestiftet war, hatte er das Kirchenpatronat inne und w\u00e4hlte den Pastor aus, so dass dieser gar nicht in Versuchung kam, aufr\u00fchrerische Ideen von der Kanzel zu verbreiten.<\/p>\n<p>Solange die Volksschulen der geistlichen Aufsicht unterstanden, sorgte dieser Pastor daf\u00fcr, dass auch den Kindern der Landarbeiter die Furcht vor Gott und dem Herrn eingebleut wurde. Und als die geistliche Aufsicht in den 70er Jahren im Kulturkampf abgeschafft wurde, \u00fcbte der Gutsherr die an ihre Stelle tretende weltliche Aufsicht als Amtsvorsteher selber aus. Sonntags f\u00fchrten er oder sein Gutsverwalter die Familien der Landarbeiter in die Patronatskirche, und am Wahlsonntag der Reichstagswahlen f\u00fchrten sie die M\u00e4nner zu den Wahlurnen. Wie Engels in seinem Manuskript von 1888\/89 \u00fcber &#8222;die Rolle der Gewalt in der Geschichte&#8220; polemisch bemerkte, waren &#8222;die l\u00e4ndlichen Arbeiter jener Landstriche &#8211; Gesinde wie Tagel\u00f6hner -, in ihrer bisherigen tats\u00e4chlichen Leibeigenschaft, zugelassen nur f\u00fcr zwei \u00f6ffentliche Funktionen: Soldat zu werden und den Junkern bei den Reichstagswahlen als Stimmvieh zu dienen.&#8220; (MEW 32, S. 460) Das hielt ihn 1894 allerdings nicht davon ab, den Gro\u00dfgrundbesitz in Deutschland wie in Frankreich als &#8222;unverh\u00fcllten kapitalistischen Betrieb&#8220; zu bezeichnen. (Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland, MEW 22, S. 503)<\/p>\n<p>Nicht zu vergessen ist, dass ein erheblicher Teil des adeligen Grundbesitzes als &#8222;Fideikommis&#8220; dem marktwirtschaftlicher Bodenverkehr entzogen war. Die betreffenden G\u00fcter waren nur innerhalb der Adelsfamilie vererblich. Mit der Fideikommisgesetzgebung, die bis 1917 auf immer mehr G\u00fcter ausgedehnt wurde, sicherte das Junkertum seine Stellung als Klasse gegen seine einzelnen Mitglieder, die durchaus ein Interesse am freien Verkauf von Land hatten. Die Weimarer Reichsverfassung enthielt dann eine Bestimmung zur Aufl\u00f6sung der Fideikommisse. Durchgesetzt wurde sie aber nicht von der SPD, obwohl diese bis 1932 in Preu\u00dfen die Regierung stellte, sondern erst von den Nationalsozialisten.<\/p>\n<p>Zwar gab es eine &#8222;gesetzm\u00e4\u00dfige&#8220; Entwicklung zum Kapitalismus. Der Barlohn f\u00fcr die auf dem Gut Besch\u00e4ftigten stieg allm\u00e4hlich zu Lasten der Naturalentlohnung; der Maschineneinsatz nahm zu und verlangte andere Arbeitskr\u00e4fte als stumpfe Gutsknechte; au\u00dferdem war allm\u00e4hlich gr\u00f6\u00dfere Zur\u00fcckhaltung gegen\u00fcber den Landarbeitern geboten, weil sonst die Gefahr bestand, dass sie in die Industrien des Westens abwanderten. Viele G\u00fcter richteten auch eigene Zucker-, Holz- und Schnapsfabriken ein, um ihre Produkte weiterzuverarbeiten &#8211; wobei die Konservativen gleichzeitig im Reichstag f\u00fcr ihre Steuerprivilegierung sorgten. (k\u00f6stlich dazu: Engels, Preu\u00dfischer Schnaps im Deutschen Reichstag, 1876, MEW 19, S. 37). In allen Poren begann sich der Kapitalismus also einzunisten. Die Entwicklung erreichte jedoch nie den Punkt, ab dem eine Mehrheit der Gutswirtschaften als agrarkapitalistisch zu betrachten ist. Trotz aller Neuerungen blieb die alte, patriarchalische Produktionsweise der Gutswirtschaft erhalten. Die Herren der G\u00fcter gewannen nie ein sachliches Verh\u00e4ltnis weder zu den Produktionsbedingungen, dem Boden, noch zu den Produzenten, ihren Landarbeitern. Triebkraft der Produktion wurde nicht die Verwertung des Werts, sondern blieb die Sicherung einer standesgem\u00e4\u00dfen Stellung. Das Junkertum wurde nicht zu einer (grundbesitzenden) Abteilung der Bourgeoisie.<\/p>\n<p>Im Gegenteil setzten die Junker ihre privilegierte Stellung im Staat dazu ein, um sich einer solchen Entwicklung entgegenzustemmen. &#8222;Der Konservatismus benutzt seit seinem Entstehen in der vorm\u00e4rzlichen Zeit die Staatsmacht mit Vorliebe als Mittel seiner eigenen Konservierung, und zwar zur Konservierung einer dem B\u00fcrgertum gegen\u00fcber r\u00fcckst\u00e4ndigen Sozial- und Wirtschaftsform.&#8220; (Kehr S. 151; &#8222;vorm\u00e4rzlich&#8220; meint die Zeit unmittelbar vor der Revolution von 1848). Insbesondere seit die in den 70er Jahren langsam einsetzende Agrarkrise die Getreidepreise fallen lie\u00df und die gro\u00dfen G\u00fcter bedrohte, klammerten sich die Rittergutsbesitzer um so w\u00fctender an die hergebrachten Verh\u00e4ltnisse. Wer daran r\u00fcttelte, zog sich ihre Todfeindschaft zu. Mehrere der vom Kaiser ernannten Reichskanzler st\u00fcrzten bei dem Versuch, das Dreiklassenwahlrecht oder die preu\u00dfische Gemeindeordnung, diese Eckpfeiler der spezifisch junkerlichen Zust\u00e4nde, im Sinne b\u00fcrgerlichen Fortschritts anzukratzen. Es war ein Teufelskreis: einerseits pr\u00e4gte der agrarische Hintergrund der preu\u00dfischen Adelsfamilien ihr obrigkeitliches Auftreten in Milit\u00e4r und Verwaltung. Umgekehrt sorgte ihr politischer Einflu\u00df daf\u00fcr, dass der Staat die patriarchalischen Junkerg\u00fcter gegen das b\u00fcrgerliche Rad der Zeit sch\u00fctzte. Der &#8222;preu\u00dfische&#8220; Weg f\u00fchrte also nicht in die b\u00fcrgerliche Gesellschaft; sein Wesen bestand vielmehr darin, diesen \u00dcbergang zu verhindern.<\/p>\n<p>Was die gesetzlichen Bestimmungen anbelangt, \u00e4nderten sich die Verh\u00e4ltnisse auf den Gutswirtschaften erst nach 1918, und dann eher auf dem Papier als in der Realit\u00e4t. Nicht erst f\u00fcr die heute Lebenden, sondern auch schon f\u00fcr die damalige Stadtbev\u00f6lkerung war Ostelbien eine fremde Welt. Zwar gab es Ausnahmen, gebildete Junkerspr\u00f6\u00dflinge mit weitem Horizont, welche die engen Schranken ihrer Klasse durchbrachen. Die Regel bildete aber der preu\u00dfische Stockjunker, dessen Horizont nicht weiter als vom Gutshof bis zum Offizierskasino reichte. Diese untergehende Klasse hatte das letzte Wort in Deutschland &#8211; bis ihr nur der Krieg \u00fcbrigblieb, um die patriarchalische Ordnung vor dem Untergang zu retten.<\/p>\n<\/div>\n<div align=\"right\">\n<p>[<a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1438&amp;preview=true\">Weiter<\/a>]<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass der Kriegsausbruch 1914 haupts\u00e4chlich von Deutschland zu verantworten war, folgte nicht aus den Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der \u00d6konomie des Kapitals, sondern war durch die Konstellation der Klassen im Kaiserreich bedingt. Die Politik, die in Deutschland zum Krieg f\u00fchrte und seinen Verlauf pr\u00e4gte, beruhte letztlich auf dem Klassenverh\u00e4ltnis, dessen Grundlage in den deutschen Einigungskriegen 1864 bis 1870\/71 &hellip; <a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1442\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">I. 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