{"id":1391,"date":"2018-09-03T12:36:50","date_gmt":"2018-09-03T10:36:50","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1391"},"modified":"2018-09-03T12:44:12","modified_gmt":"2018-09-03T10:44:12","slug":"betrachtungen-zum-verhaeltnis-zwischen-der-revolution-der-produktivkraefte-und-der-politischen-revolution","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1391","title":{"rendered":"Betrachtungen zum Verh\u00e4ltnis zwischen der Revolution der Produktivkr\u00e4fte und der politischen Revolution"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die im vorangegangenen Kapitel vorgestellten Studien \u00fcber m\u00f6gliche Folgen der derzeitigen industriellen Revolution auf den Arbeitsmarkt haben ergeben, dass sie einen Sprengsatz f\u00fcr ein reibungsloses Weiterbestehen der kapitalistischen Produktionsweise in sich bergen. Daher soll abschlie\u00dfend die Frage er\u00f6rtert werden, ob die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte ein Stadium erreichen kann, das ihre Weiterentwicklung im Kapitalismus unm\u00f6glich macht. Ein Wissenschaftler, der diese Position vertrat, war J\u00fcrgen Kuczynski. Da Auffassungen, dass der Kapitalismus aufgrund seiner inneren Widerspr\u00fcchlichkeit zusammenbrechen muss nicht selten waren, soll diese Frage stellvertretend anhand seiner Ausf\u00fchrungen diskutiert werden. J\u00fcrgen Kuczynski war ein bedeutender Historiker und Wirtschaftswissenschaftler. Eines seiner Hauptwerke ist die 40 B\u00e4nde umfassende \u201eGeschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus\u201c. In ([68]) untersucht er die Wechselwirkung von Produktivkr\u00e4ften und Produktionsverh\u00e4ltnissen. Der Band enth\u00e4lt auch kritische Bemerkungen und Erg\u00e4nzungen von Wolfgang Jonas zu seinen Ausf\u00fchrungen. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Auf Seite 90 zitiert J\u00fcrgen Kuczynski aus MEW Band 13: \u201eAuf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkr\u00e4fte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverh\u00e4ltnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck davon ist, mit den Eigentumsverh\u00e4ltnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Ver\u00e4nderung der \u00f6konomischen Grundlage w\u00e4lzt sich der gesamte \u00dcberbau langsamer oder rascher um.\u201c <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die von J\u00fcrgen Kuczynski thematisierte Frage lautet zugespitzt, ob die Produktionskr\u00e4fte ab einem gewissen Entwicklungsstand zu ihrer Weiterentwicklung eine politische Revolution gegen das bestehende System erfordern, was einen Automatismus von Produktivkraftentwicklung und politischer Revolution bedeuten w\u00fcrde. In dieser Zuspitzung w\u00fcrde das vermutlich kein Marxist vertreten, jedoch waren solche Vorstellungen verbreitet. J\u00fcrgen Kuczynski legt eine solche Automatik durch seine Argumentation und Zitatauswahl nahe. Es ist anerkennenswert, dass er seine Thesen derart zugespitzt hat, dass sie zur Diskussion herausfordern, die Klarheit seiner Positionen erleichtert die Formulierung von Gegenpositionen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Marx und Engels haben immer wieder eine Gleichrangigkeit des sogenannten subjektiven und objektiven Faktors betont, das hei\u00dft, dass die \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse entwickelt genug sein m\u00fcssen, dass ihre weitere Entwicklung durch die gesellschaftlichen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse dauerhaft behindert wird und dass es politische Kr\u00e4fte gibt, die die vorhandene Gesellschaft als Ganzes \u00fcberwinden wollen. Ein Zitat soll zeigen, dass Marx nicht von einem solchen Determinismus ausgeht ([3], Seite 38): \u201eDiese vorgefundenen Lebensbedingungen der verschiedenen Generationen entscheiden auch, ob die periodisch in der Geschichte wiederkehrende revolution\u00e4re Ersch\u00fctterung stark genug sein wird oder nicht, die Basis alles Bestehenden umzuwerfen, und wenn diese materiellen Elemente einer totalen Umw\u00e4lzung, n\u00e4mlich einerseits die vorhandenen Produktivkr\u00e4fte, andererseits die Bildung einer revolution\u00e4ren Masse, die nicht nur gegen einzelne Bedingungen der bisherigen Gesellschaft, sondern gegen die bisherige \u201eLebensproduktion\u201c selbst, die \u201eGesamtt\u00e4tigkeit\u201c, worauf sie basierte revolutioniert \u2013 nicht vorhanden sind, so ist es ganz gleichg\u00fcltig f\u00fcr die praktische Entwicklung, ob die <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Idee<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> dieser Umw\u00e4lzung schon hundertmal ausgesprochen ist \u2013 wie die Geschichte des Kommunismus dies beweist.\u201c Diese Gegen\u00fcberstellung soll nicht besagen, dass Marx und Engels keine widerspr\u00fcchlichen Ansichten vertreten h\u00e4tten. Dennoch wird ihr grunds\u00e4tzlicher Zweifel an einem mechanischen Determinismus zwischen Produktivkraftentwicklung und sozialer Revolution deutlich.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Bevor ich die Argumentation J\u00fcrgen Kuczynskis n\u00e4her behandle, will ich kurz auf den Begriff der Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit eingehen. Dieser hat je nach Untersuchungsgegenstand einen unterschiedlichen Grad von Verbindlichkeit. Am striktesten sind Gesetze in Teilen der klassischen Physik, wie der Mechanik. Ein Gegenstand bewegt sich bei Vorhandensein von Schwerkraft immer in die Richtung des Gravitationszentrums und nicht einmal zu ihm hin und ein anderes Mal von ihm weg. Es gilt ein Ursache-Wirkungsprinzip, ein Determinismus, der bei gleicher Ausgangssituation immer zu denselben Ereignissen f\u00fchrt. Schon bei der Vorhersage des Wetters, das ebenfalls physikalischen Gesetzen folgt, gibt es diese Form der Zwangsl\u00e4ufigkeit nicht mehr und erst recht nicht in allen Bereichen, die sich mit lebendigen Objekten besch\u00e4ftigen. Insbesondere f\u00fcr Menschen gilt die Notwendigkeit einer bestimmten Reaktion auf eine Situation nicht. Marx spricht daher bei gesellschaftlichen Entwicklungen von Tendenzen. Er meint damit, dass es eine innere Logik f\u00fcr eine bestimmte Entwicklungsrichtung gibt, sie aber nur eintritt, wenn sie durch bewusstes gesellschaftliches Handeln durchgesetzt wird.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Stellen wir die Argumentationskette von J\u00fcrgen Kuczynski dar. Er benennt vier Revolutionen der Produktivkr\u00e4fte bis zu den 1970er Jahren. Die erste Etappe setzt er von 1540\u20131640 an, die zweite von 1760\u20131860, die dritte, die elektrotechnische Revolution, ab 1860, die vierte in der Jetztzeit von dem Jahr 1970 an. J\u00fcrgen Kuczinskys zweite Etappe ist die, die normalerweise als 1. industrielle Revolution bezeichnet wird. J\u00fcrgen Kuczynski charakterisiert die einzelnen Etappen so ([68], Seite 97): \u201eDie erste Revolution erzwingt die Erschaffung kapitalistischer Verh\u00e4ltnisse und einer kapitalistischen Gesellschaft. Die dritte Revolution erzwingt die Schaffung sozialistischer Produktionsverh\u00e4ltnisse und einer sozialistischen Gesellschaft. Die zweite Revolution ersetzt die Hand bei der F\u00fchrung der Werkzeuge durch die Maschine. [&#8230;] Die vierte Revolution ersetzt die Hand bei der F\u00fchrung der Maschine durch elektronische Steuerung.\u201c Und weiter auf Seite 99: \u201eMan versteht die ungeheuerliche Bedeutung der zweiten und der vierten Revolution. Die zweite legt die Grundlage daf\u00fcr, da\u00df zum ersten Male in der Geschichte der Menschheit infolge der Steigerung der Produktivit\u00e4t die Werkt\u00e4tigen die Gesellschaft in die Hand nehmen k\u00f6nnen \u2013 die erste Voraussetzung f\u00fcr den Sozialismus als erster Phase des Kommunismus. Die vierte schafft den Kommunismus, in dem der Reichtum an Zeit, die nicht f\u00fcr die \u201eNotwendigkeiten\u201c gearbeitet wird, gemessen wird. Beide Revolutionen k\u00f6nnen nur stattfinden in Gesellschaftsordnungen, die durch die erste und dritte Revolution geschaffen wurden [&#8230;].\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Es w\u00fcrde zu weit f\u00fchren, J\u00fcrgen Kuczynskis Aussage zu untersuchen, ob sich die kapitalistische Gesellschaft in Gro\u00dfbritannien bereits vor der industriellen Revolution herausgebildet hat. Sicher gab es dort bereits im Feudalismus Produktionsverh\u00e4ltnisse, wie sie f\u00fcr den Kapitalismus typisch sind, wie etwa die Lohnarbeit in der Manufaktur, der Heimarbeit und der Landwirtschaft. Ich bin der Meinung, dass die Lohnarbeit erst mit der breiten Durchsetzung der industriellen Revolution vorherrschend wurde und zu einer neuen Gesellschaftsordnung f\u00fchrten. Die Elemente einer neuen Produktionsweise und Gesellschaftsordnung entstehen immer im Scho\u00df der alten Gesellschaft, wie dies Marx im Zitat des n\u00e4chsten Abschnitts darstellt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">J\u00fcrgen Kuczynskis Standpunkt ist, dass Revolutionen der Produktivkr\u00e4fte erst nach einer gesellschaftlichen Revolution m\u00f6glich sind, und diese bei einem gewissen Stand der Produktivkr\u00e4fte unvermeidlich ist. Dazu zitiert er auf Seite 107 Lenin: \u201eDie Technik des Kapitalismus <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>w\u00e4chst<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> mit jedem Tag mehr und mehr \u00fcber die gesellschaftlichen Bedingungen <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>hinaus<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">, die die Werkt\u00e4tigen zur Lohnsklaverei verdammt.\u201c Und J\u00fcrgen Kuczynski merkt dazu an: \u201eJa, diese Produktivkraft w\u00e4chst \u00fcber die gesellschaftlichen Bedingungen hinaus, emp\u00f6rt sich gegen seine Produktionsverh\u00e4ltnisse und erzwingt ihre revolution\u00e4re Umwandlung!\u201c Diese Aussage steht im Gegensatz zu der Aussage von Marx zu diesem Thema: \u201eEine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkr\u00e4fte entwickelt sind, f\u00fcr die sie weit genug entwickelt ist, und neue h\u00f6here Produktionsverh\u00e4ltnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Scho\u00df der alten Gesellschaft ausgebr\u00fctet sind.\u201c ([17], Seite 9). Wir wissen inzwischen, dass automatisierte Produktion mit elektronischer Steuerung durchaus unter kapitalistischen Verh\u00e4ltnissen m\u00f6glich ist, und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sich das grunds\u00e4tzlich \u00e4ndert. Der Kapitalismus besitzt offensichtlich ein gr\u00f6\u00dferes Krisen- und Konfliktl\u00f6sungspotential, als sich mancher Marxist erhofft. Dies kann auch f\u00fcr die gesellschaftlichen Folgen der Automatisierung m\u00f6glich sein. In der Geschichte des Marxismus hat es immer wieder Phasen gegeben, in denen die Marxisten den \u00f6konomischen und gesellschaftlichen Entwicklungsgrad der vorhandenen Gesellschaft \u00fcbersch\u00e4tzten, was sich auch in den Diskussionen \u00fcber den Charakter von durchzuf\u00fchrenden politischen Revolutionen und der daf\u00fcr erforderlichen B\u00fcndnispartner niederschlug. Umgekehrt stellt sich aber auch die Frege, wie Revolutionen, die eine alte Gesellschaftsordnung trotz gering entwickelter Produktivkr\u00e4fte st\u00fcrzen konnten, einen Weg zum Sozialismus beschreiten k\u00f6nnen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die von J\u00fcrgen Kuczynski aufgeworfene Frage ist von gro\u00dfer Bedeutung, denn durch die Automatisierung spitzen sich tats\u00e4chlich die Verh\u00e4ltnisse zwischen den Produktivkr\u00e4ften und den Produktionsverh\u00e4ltnissen zu. Folgt man einem simplifizierten Gedankenmodell, so ist in einer fl\u00e4chendeckenden vollautomatisierten Produktion so gut wie kein Arbeiter mehr besch\u00e4ftigt. F\u00fcr das Kapital verringert sich damit die M\u00f6glichkeit, sich Mehrwert anzueignen, was jedoch Zweck und Grundlage der kapitalistischen Produktion ist. Falls keine Ersatzarbeitspl\u00e4tze geschaffen werden k\u00f6nnen, sinkt die zahlungsf\u00e4hige Nachfrage und dem Staat fehlen Steuereink\u00fcnfte. Auch wenn eine solcherma\u00dfen vereinfachte Situation nicht eintreten wird, so zeigt das Gedankenmodell doch, dass die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr einen ewigen Fortbestand der kapitalistischen Produktionsweise beschr\u00e4nkt sind, so wie das bei fr\u00fcheren Produktionsweisen auch der Fall war. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Marx sagt dazu ([69], Seite 593): \u201e<\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch [dadurch], da\u00df es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren strebt, w\u00e4hrend es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Ma\u00df und Quelle des Reichtums setzt. Es vermindert<\/span><\/span><\/span><b> <\/b><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">die Arbeitszeit daher in der Form der notwendigen, um sie zu vermehren in der Form der \u00fcberfl\u00fcssigen; setzt daher die \u00fcberfl\u00fcssige in wachsendem Ma\u00df als Bedingung \u2013 question de vie et de mort \u2013 f\u00fcr die notwendige. Nach der einen Seite hin ruft es also alle M\u00e4chte der Wissenschaft und der Natur wie der gesellschaftlichen Kombination und des gesellschaftlichen Verkehrs ins Leben, um die Sch\u00f6pfung des Reichtums unabh\u00e4ngig (relativ) zu machen von der auf sie angewandten Arbeitszeit. Nach der andren Seite will es diese so geschaffnen riesigen Gesellschaftskr\u00e4fte messen an der Arbeitszeit und sie einbannen in die Grenzen, die erheischt sind, um den schon geschaffnen Wert als Wert zu erhalten. Die Produktivkr\u00e4fte und gesellschaftlichen Beziehungen \u2013 beides verschiedne Seiten der Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums \u2013 erscheinen dem Kapital nur als Mittel und sind f\u00fcr es nur Mittel, um von seiner bornierten Grundlage aus zu produzieren. In fact aber sind sie die materiellen Bedingungen, um sie in die Luft zu sprengen. [&#8230;]. Wealth [&#8230;] ist disposable time au\u00dfer der in der unmittelbaren Produktion gebrauchten f\u00fcr jedes Individuum und die ganze Gesellschaft\u201c. F\u00fcr Marx ist also die Entwicklung der Widerspr\u00fcche eine materielle Bedingung, um die kapitalistische Herrschaft in die Luft zu sprengen, erzwingt den Wechsel aber nicht. Dazu ist eine Revolutionierung der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung erforderlich, die die gesamten bisherigen Lebensbedingungen in Frage stellt.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">J\u00fcrgen Kuczynski konstatiert demgegen\u00fcber einen Determinismus zwischen der Revolution der Produktivkr\u00e4fte und einer politischen Revolution \u2013 das eine nicht ohne das andere. Dieser Determinismus widerspricht auch den historischen Erfahrungen. Die erste Revolution unter F\u00fchrung einer kommunistischen Partei fand nicht in einem der am weitesten entwickelten kapitalistischen L\u00e4nder statt, sondern im r\u00fcckst\u00e4ndigen Russland. F\u00fcr Russland und die nachfolgenden Revolutionen unter der F\u00fchrung von kommunistischen Parteien sind zwei historische Gegebenheiten besonders auff\u00e4llig:<\/span><\/span><\/p>\n<ol>\n<li><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Sie fanden als Folge von Kriegen bei einer durch den Krieg geschw\u00e4chten Zentralgewalt der alten Ordnung statt. Die Revolutionierung der Massen erfolgte weitgehend aufgrund von kriegsbedingtem Hunger und der Forderung nach Frieden. <\/span><\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Sie fanden in gering entwickelten L\u00e4ndern mit zahlenm\u00e4\u00dfig dominierender Bauernschaft bei weitgehend fehlendem Eigentum der kleinen Bauern an Grundbesitz statt. So waren auch die Forderungen der Bauern ein wesentlicher Bestandteil der revolution\u00e4ren Programme. Bourgeoisie und Proletariat waren schwach entwickelt.<\/span><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Zum ersten Punkt schreibt Eric Hobsbawm ([70], Seite 78\/79): \u201eRevolution war das Kriegskind des 20. Jahrhunderts. [&#8230;] Nur die USA tauchten aus den Weltkriegen in beinahe dem gleichen Zustand auf, in dem sie in sie eingetreten waren \u2013 nur etwas gest\u00e4rkt. F\u00fcr alle anderen Staaten bedeutete das Ende der Kriege: Umsturz.\u201c Nach dem ersten Weltkrieg verschwanden in allen besiegten L\u00e4ndern die Monarchien, auch in den Siegerl\u00e4ndern entstanden soziale Unruhen. Das Kriegselend war eine wesentliche Triebkraft f\u00fcr die Revolutionierung der Massen. Es war das Verdienst der kommunistischen Partei unter der F\u00fchrung Lenins, dass sie unter der Parole \u201eBrot, Frieden, Land\u201c Arbeiter und Bauern zum Sturz der alten Ordnung gewinnen konnte und die Macht trotz Diktatfrieden, Konterrevolution und ausl\u00e4ndischer Intervention behaupten konnte. Das Beispiel der russischen Revolution zeigt, dass es keinen Automatismus zwischen dem Entwicklungsstand der Produktivkr\u00e4fte und einer erfolgreichen Revolution unter F\u00fchrung einer kommunistischen Partei gegen die bisherige Ordnung gibt. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Zum zweiten Punkt: Nach den g\u00e4ngigen Vorstellungen der kommunistischen Bewegung gab es aufgrund der R\u00fcckst\u00e4ndigkeit Russlands keine Grundlage f\u00fcr eine sozialistische Revolution. Im Unterschied zu J\u00fcrgen Kuczynskis Ausf\u00fchrungen wurde sie also nicht dadurch erzwungen, dass die Produktivkr\u00e4fte \u00fcber die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse hinausgewachsen waren. Dies bedeutet aber auch, dass der Versuch unter diesen Bedingungen den Sozialismus aufzubauen sehr schwierig oder sogar kaum m\u00f6glich ist<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Auch Lenin war sich \u00fcber die Einsch\u00e4tzung des Charakters der russischen Oktoberrevolution von 1917 nicht sicher und ging lange davon aus, dass sie nur erfolgreich sein k\u00f6nne, wenn sie von einer sozialistischen Revolution in einem weiter entwickelten kapitalistischen Staat wie etwa Deutschland unterst\u00fctzt w\u00fcrde. Der Charakter der russischen Revolution wird im Buch von Alfred Schr\u00f6der und Heiner Karuscheit untersucht ([71]).<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Aufgrund anderer historischer Bedingungen stellt sich die Frage des Wegs zur Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft heute anders als zur Zeit der russischen Oktoberrevolution. Zum einen spielt die Bauernschaft in den kapitalistischen L\u00e4ndern keine Rolle mehr, zum anderen war die Schw\u00e4chung der alten Ordnung durch einen Krieg eine besondere historische Situation. Diese Form der Schw\u00e4chung einer Gesellschaftsordnung kann nat\u00fcrlich keine notwendige Voraussetzung f\u00fcr den \u00dcbergang zu einer sozialistischen Gesellschaft sein. Der Zerfall der meisten \u201arealsozialistischen\u2018 Staaten hat dar\u00fcber hinaus die Frage aufgeworfen, ob die dort praktizierte Planwirtschaft der kapitalistischen Produktionsweise \u00fcberlegen ist. Als \u201arealsozialistische\u2018 Staaten werden die bisher nach einer Revolution unter F\u00fchrung einer kommunistischen Partei entstandenen Staaten bezeichnet. Dass eine staatlich gelenkte Wirtschaft und Gesellschaft sehr erfolgreich sein kann, zeigt das Beispiel der Volksrepublik China. Historisch gesehen, waren Planwirtschaften erfolgreicher Bestandteil bei der Industrialisierung vorindustrieller Gesellschaften. Bez\u00fcglich China wird kontrovers diskutiert, ob China ein sozialistischer oder ein kapitalistischer Staat ist, da dort auf der einen Seite kapitalistische Betriebe vorhanden sind und andererseits die Wirtschaft stark staatlich reguliert wird, was nach einer Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln im Sozialismus der Fall sein wird. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">In diesem Aufsatz habe ich vor allem versucht, den technologischen Inhalt der gegenw\u00e4rtigen Revolution der Produktivkr\u00e4fte zu beschreiben. Als politische Schlussfolgerung ergibt sich, dass der Entwicklungsstand der Produktivkr\u00e4fte eine neue Gesellschaftsform erm\u00f6glicht und erforderlich werden l\u00e4sst. Erm\u00f6glicht, weil er erlaubt, dass der Mensch immer mehr aus dem Produktionsprozess heraustreten kann. Da dieser Prozess bei kapitalistischer Produktionsweise zu einer systematischen Arbeitslosigkeit f\u00fchren muss, die bei den gegebenen Herrschaftsverh\u00e4ltnissen auch bei einer R\u00fcckkehr zu einer beschleunigten Akkumulation schwer zu kompensieren ist, werden die Diskussionen \u00fcber die Zukunft des kapitalistischen Wirtschaftssystems zunehmen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">In diesem abschlie\u00dfenden Kapitel wurde ansatzweise die Frage diskutiert, ob die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte im Kapitalismus irgendwann zu einem Stillstand kommen muss, wenn sich keine h\u00f6here Gesellschaftsform entwickelt. Daf\u00fcr gibt es meiner Meinung nach keine stichhaltigen Belege. Zusammenfassend bleibt: Die Widerspr\u00fcche des Kapitalismus behindern die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte, der \u00dcbergang zum Sozialismus kann aber nur durch eine politische Revolution erfolgen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><em>Fortsetzung:<\/em><\/p>\n<p align=\"left\"><a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1394&amp;preview=true\"><strong><span style=\"font-family: Times New Roman, serif; font-size: 14pt;\">-&gt; Literatur<\/span><\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die im vorangegangenen Kapitel vorgestellten Studien \u00fcber m\u00f6gliche Folgen der derzeitigen industriellen Revolution auf den Arbeitsmarkt haben ergeben, dass sie einen Sprengsatz f\u00fcr ein reibungsloses Weiterbestehen der kapitalistischen Produktionsweise in sich bergen. 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