{"id":139,"date":"2016-09-10T21:34:51","date_gmt":"2016-09-10T19:34:51","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=139"},"modified":"2017-12-20T12:43:12","modified_gmt":"2017-12-20T11:43:12","slug":"2-die-neuordnung-der-wirtschaft-und-das-kapita","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=139","title":{"rendered":"2. Die Neuordnung der Wirtschaft und das Kapital"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>&#8222;Die nationalsozialistische Umw\u00e4lzung stellte keinen anderen Berufsstand vor eine so vielfach neue, mitunter gl\u00fcckhaft best\u00fcrzende neue Lage, wie den Unternehmer.&#8220; (Alfred Krupp)[51]<\/p>\n<h3>Der Aufbau der Wirtschaft<\/h3>\n<p>In der Wirtschaftspolitik hatten die Nationalsozialisten feste programmatische Vorstellungen. Hitler legte Ende der 20er Jahre dar, da\u00df die Verstaatlichungsforderungen des 25-Punkte-Programms f\u00fcr ihn keine Bedeutung mehr h\u00e4tten. Die Verabschiedung von diesem Konzept bedeutete aber nicht die \u00dcbernahme des Wirtschaftsliberalismus des B\u00fcrgertums. Hitler sprach schon 1931 die Einschr\u00e4nkungen offen aus, mit denen die Unternehmer zu rechnen hatten. &#8222;Ich will Autorit\u00e4t, ich will Pers\u00f6nlichkeit, ich will, da\u00df jeder den Besitz, den er sich erobert hat, behalten soll&#8220;. Neben dem Bekenntnis zum Recht auf Privateigentum sollte aber der Staat ein &#8222;Kontrollrecht \u00fcber die Besitzenden&#8220; [52] erhalten. Der Staat griff demnach in die Wirtschaft ein, wenn die Unternehmer nicht im &#8222;Interesse des Staates (&#8230;) und seiner Volksgenossen&#8220; handelten. In der Vorstellung der Nazis war der Staat das Instrument, Arbeit und Kapital in &#8222;Arbeitsbeauftragte des ganzen Volkes&#8220; zu verwandeln und durch eine Politik des Ausgleichs den sozialen Frieden zu sichern.<\/p>\n<p>Nicht die Klassen selber, wie in Form der Sozial- und Tarifpartnerschaft in der BRD, schlossen einen Klassenkompromi\u00df, sondern der Staat setzte ihn autorit\u00e4r durch. &#8222;Die nationalsozialistische Staatsf\u00fchrung ist eine souver\u00e4ne und eine so \u00fcber allen wirtschaftlichen Bedingungen stehende, da\u00df in ihren Augen die Kennzeichnung &#8222;Arbeitnehmer und Arbeitgeber&#8220; belanglose Begriffe sind. Es gibt keinen Arbeitgeber und es gibt keinen Arbeitnehmer vor den h\u00f6chsten Interessen der Nation, sondern nur Arbeitsbeauftragte des ganzen Volkes. Der soziale Frieden schafft allein die Voraussetzungen, um die gro\u00dfen Aufgaben unserer nationalsozialistischen Lage zu erf\u00fcllen&#8220;, sagte Hitler auf dem Reichsparteitag 1936. Kapitalisten, die gegen dieses Interesse handelten, sollten enteignet werden. So f\u00fchrte Hitler gegen\u00fcber Goebbels aus, &#8222;da\u00df die Unternehmer, die sich den von uns gegebenen Richtlinien nicht f\u00fcgen wollen, ihre Betriebe zu verlieren haben, ohne R\u00fccksicht darauf, ob sie dabei wirtschaftlich zugrunde gehen.&#8220;[53]<\/p>\n<p>Mit dem 4-Jahresplan erweiterte sich die Rolle des Staates. Die nationalsozialistische F\u00fchrung hielt das Primat der Politik angesichts der Kriegsvorbereitungen f\u00fcr unabdingbar. Goebbels vertrat am 17. Juni 1935 dazu die Ansicht: &#8222;Es wird nie ein Minister versuchen, der Wirtschaft vorzuschreiben, wie sie den Betrieb einzurichten habe. Aber was sie produziert und wie sie es produziert und welche Methoden sie dabei anwendet und welche L\u00f6hne sie zahlt und wieviel Freizeit sie gibt und welchen Geist sie im Betriebe hochz\u00fcchtet, &#8211; dar\u00fcber zu bestimmen, das ist das Vorrecht der politischen F\u00fchrung eines Landes.&#8220;[54] Den Unternehmern blieb damit nur noch das Eigentum, der Profit und die Betriebsf\u00fchrung. \u00dcber alles andere sollte der Staat entscheiden.<\/p>\n<p>Nach der Macht\u00fcbernahme mu\u00dften die Nazis die Verwirklichung ihrer wirtschaftlichen Ziele um einige Jahre aufschieben. Die b\u00fcrgerlichen B\u00fcndnispartner hatten den Aufstieg der Partei finanziert und verlangten deshalb gro\u00dfe Einflu\u00dfm\u00f6glichkeiten in Regierung und Wirtschaft. So wurde das Programm noch nicht einmal im Ansatz umgesetzt. Die erste Phase der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik umfa\u00dfte die drei Jahre von der Macht\u00fcbertragung bis zum Sturz des Wirtschaftsministers Schacht. Diese Zeit ist vom B\u00fcndnis der NSDAP mit den Banken und der Gro\u00dfindustrie gepr\u00e4gt. Erst in der zweiten Phase, die mit der Entmachtung des Bankenvertreters Schacht und der Schwerindustrie begann, ordnete sich der Staat die Industrie unter.<\/p>\n<p>Die ersten Monate des Regimes pr\u00e4gte der Kampf zwischen verschiedenen Kapitalfraktionen und den Mittelstandsvertretern der NSDAP. Grundlegende Entscheidungen \u00fcber den Aufbau der Wirtschaft konnten w\u00e4hrend dieser Grabengefechte kaum getroffen werden. Ausdruck f\u00fcr diesen Zustand war der h\u00e4ufige Wechsel der Wirtschaftsminister. Der erste Wirtschafts- und gleichzeitig Landwirtschaftsminister wurde der ehemalige Generalrat von Krupp, Alfred Hugenberg. Auf Grund der st\u00e4ndigen Angriffe der NS-Presse mu\u00dfte er bald gehen. Hinzu kam der Skandal auf der internationalen Konferenz in London, wo Hugenberg seine Expansionsabsichten etwas zu offen dargelegt hatte. Hugenberg forderte dort die R\u00fcckgabe der deutschen Kolonien und Siedlungsland f\u00fcr Bauern in der Ukraine.<\/p>\n<p>Auch der n\u00e4chste Wirtschaftsminister blieb nicht lange im Amt. Schmitt von den Allianz-Versicherungen \u00fcbernahm Ende Juni 1933 das Wirtschaftsministerium. Er baute die Macht des RWM aus. Gottfried Feder wurde zur Beschwichtigung des radikalen Fl\u00fcgels Staatssekret\u00e4r von Schmitt. [55] Am 15. Juni 1933 berief Hitler den &#8222;Generalrat der deutschen Wirtschaft&#8220; ein. Er war eine von vielen Institutionen, die eigentlich keine Aufgaben hatten. Zu ihm geh\u00f6rten u.a. Krupp, Thyssen, V\u00f6gler, Bosch, Siemens; also vor allem Vertreter der Schwerindustrie.[56] Der Generalrat trat allerdings nur ein einziges Mal zusammen. Hitler und Ley hielten zwei kurze Reden \u00fcber Arbeitsbeschaffung.[57] Geradezu l\u00e4cherlich machte sich die SED in diesem Zusammenhang, die sp\u00e4ter behauptete, der Generalrat w\u00e4re ein Machtinstrument des Monopolkapitals zur Beherrschung des Staates gewesen.[58]<\/p>\n<p>Unter dem st\u00e4ndischen Aufbau der Wirtschaft verstand jede Interessengruppe etwas anderes. Anh\u00e4nger der St\u00e4ndetheorie war auch Fritz Thyssen. Er trat f\u00fcr das St\u00e4ndewesen ein, um durch eine autonome Selbstverwaltung der Wirtschaft \u00dcbergriffe der Partei zu verhindern. Thyssen traute dem neuen Staat nicht, da auch hochrangige Parteivertreter wie Feder immer wieder von Sozialisierung sprachen. Schon im Fr\u00fchjahr 1933 hatte Thyssen das &#8222;Institut f\u00fcr St\u00e4ndewesen&#8220; gegr\u00fcndet. Hitler legte aus den genannten Gr\u00fcnden Einspruch gegen das Bestehen von Thyssens Institut ein.[59] Noch ein Gestapo-Bericht von 1936 warnte davor, da\u00df &#8222;die St\u00e4ndelehre Spanns heute in erster Linie von denen vorgetragen (wird), die ihr Einflu\u00dfgebiet durch die nationalsozialistische Partei und die nationalsozialistische Weltanschauung bedroht sehen. Das gilt vor allem f\u00fcr die Gro\u00dfindustrie&#8220;.[60]<\/p>\n<p>Mit dem &#8222;Gesetz zur Vorbereitung des organischen Aufbaus der deutschen Wirtschaft&#8220; im Februar 1934 legte man eine neue Ordnung fest, die mit einem st\u00e4ndischen Aufbau allerdings nichts mehr zu tun hatte. Man bildete Reichsst\u00e4nde (sp\u00e4ter Reichsgruppen genannt) f\u00fcr Industrie, Handwerk, Handel, Banken, Versicherungen und Energiewirtschaft. Der RDI (Reichsverband der Deutschen Industrie) blieb zun\u00e4chst mit dem Pr\u00e4sidenten Krupp trotzdem weiter bestehen. Alle Unternehmer waren obligatorische Mitglieder der Gruppen (\u00a7 3). Die Macht dieser Gruppen blieb sehr beschr\u00e4nkt. Die Leiter der Gruppen konnten Mitglieder beraten und unterst\u00fctzen. Au\u00dferdem fielen Marktanalysen, Vereinheitlichung und Standardisierung von Produkten in ihren Aufgabenbereich. Markt- und Preisbeeinflussung waren hingegen untersagt. Der Leiter hatte das Recht, Strafen bis zu 1000 RM zu verh\u00e4ngen,[61] was im Vergleich zu den Bestrafungsm\u00f6glichkeiten des Reichsn\u00e4hrstandes nat\u00fcrlich wenig war.<\/p>\n<p>An der Spitze der Gruppe standen Vertreter des Gro\u00dfkapitals. Erst &#8222;f\u00fchrte&#8220; Krupp die Reichsgruppe Industrie, dann Tengelmann von Thyssen, Dierig von der Deutschen Bank und schlie\u00dflich Zangen, der Generaldirektor von Mannesmann. Die Reichsgruppen unterstanden dem RWM und der Minister ernannte die Leiter.[62] Auch wenn Walter Humbert, ein langj\u00e4hriger Industriemanager, im nachhinein zu dem Res\u00fcmee kam , da\u00df &#8222;den Verb\u00e4nden durch die staatliche Beauftragung und Erm\u00e4chtigung, durch die Sicherung und St\u00e4rkung ihrer Stellung und durch die auch wirtschaftlich entscheidenden Kompetenzen eine Bedeutung&#8220; zukam, &#8222;welche sie fr\u00fcher nicht besa\u00dfen&#8220;,[63] sollte man die Macht der Wirtschaftsgruppen nicht \u00fcbersch\u00e4tzen. Die Reichsgruppen waren keine st\u00e4ndischen Vereinigungen, da die Arbeiter und Angestellten in ihnen nicht organisiert waren. Ihr Zust\u00e4ndigkeitsbereich war begrenzt, sie hatten weder Einflu\u00df auf Lohnfragen, noch entscheidende gesetzliche Durchsetzungsm\u00f6glichkeiten.<b> <\/b>Letztlich waren die Reichsgruppen Instrumente des Staates.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dften Ver\u00e4nderungen in der Industrie brachte das Gesetz zur &#8222;Ordnung der nationalen Arbeit&#8220; vom 20.Januar 1934. Mit der Einf\u00fchrung des F\u00fchrerprinzips in den Unternehmen wurden die Unternehmer zu &#8222;F\u00fchrern&#8220; und die Arbeiter zur &#8222;Gefolgschaft&#8220;. Die letzten Mitbestimmungsrechte des Weimarer Betriebsverfassungsgesetzes beseitigte das Gesetz vollst\u00e4ndig. Man beabsichtigte aber nicht nur eine Schw\u00e4chung der Arbeiterbewegung, sondern auch eine St\u00e4rkung der Rolle des Staates. Die Reichstreuh\u00e4nder der Arbeit, die dem RWM unterstanden, hatten uneingeschr\u00e4nkte Vollmachten in Lohnfragen. Gegen\u00fcber der Belegschaft sollten sie auch &#8222;f\u00fcr die Erhaltung des Arbeitsfriedens&#8220; sorgen.[64] Ein Vertrauensrat, gew\u00e4hlt von der &#8222;Gefolgschaft&#8220;, blieb ohne gr\u00f6\u00dfere Befugnisse. Er konnte nur vom &#8222;F\u00fchrer des Betriebes&#8220; einberufen werden. Als Kontrollinstanz gegen Klassenkampftendenzen bei den Arbeitern und allzu gro\u00dfe Willk\u00fcr bei den Unternehmern f\u00fchrte das Gesetz Ehrengerichte ein.<\/p>\n<p>Der erste Streit um das Gesetz entbrannte zwischen Regierung und einzelnen Unternehmern bei der Frage um die Treuh\u00e4nder der Arbeit. Die DAF und einige Gauleiter protestierten gegen die ernannten Treuh\u00e4nder, da nur sieben &#8222;alte Parteigenossen&#8220; auf der Liste standen und ihnen die anderen zu eng mit der Industrie liiert waren. Am 24. M\u00e4rz 1934 legte Reichsarbeitsminister Seldte Hitler eine neue Liste mit &#8222;alten Parteigenossen&#8220; vor, die die DAF und NSBO unterst\u00fctzte. Auf der neuen Liste fehlten unter anderem der Vertraute Thyssens, der Vorsitzender des &#8222;Instituts f\u00fcr St\u00e4ndewesen&#8220; Dr. Josef Klein. Alle Proteste bei Hitler halfen nicht, die Absetzung von Thyssens Vertreter wieder r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen.[65]<\/p>\n<p>Auch die Ehrengerichte waren keine Vollstreckungsorgane des Kapitals. Sie konnten Geldbu\u00dfen in der H\u00f6he von 10.000 RM und Verlust der Betriebsf\u00fchrung anordnen. &#8222;Die Ehrengerichte sahen z.\u00a0B. eine &#8222;Ausnutzung der Arbeitskraft&#8220;, wenn Besch\u00e4ftigte l\u00e4nger als gesetzlich zul\u00e4ssig arbeiten mu\u00dften oder wenn Arbeitsleistungen unter Mi\u00dfachtung der vorgeschriebenen Sicherheitsbestimmungen verlangt wurden. Stellte der Unternehmer schmutzige oder gesundheitssch\u00e4dliche Arbeitsr\u00e4ume zur Verf\u00fcgung, so konnte darin ebenso ein Versto\u00df gegen die ihm obliegenden sozialen Pflichten liegen wie in der Bereitstellung unzureichender Wohn- und Aufenthaltsr\u00e4ume oder schlechter Kost. Eine &#8222;Ausnutzung der Arbeitskraft&#8220; war auch die Verweigerung des \u00dcberstundenzuschlags oder des in der Tarifordnung vorgeschriebenen Lohns sowie die Nichtabf\u00fchrung von Sozialversicherungsbeitr\u00e4gen.&#8220;[66] Der Blick auf die Zahlen zeigt, da\u00df sich die Ehrengerichte haupts\u00e4chlich gegen die Unternehmer richteten. Allerdings war die Zahl der Verfahren nicht hoch und betraf eher Klein- als Gro\u00dfbetriebe.[67]<\/p>\n<p>Als Fazit ist zu sagen, da\u00df die Ma\u00dfnahmen der NSDAP die Rolle des Staates in den Betrieben st\u00e4rkten. Die Lohnfrage nahm der Staat den beiden ehemaligen Tarifpartnern aus der Hand. Die Macht des Kapitals erh\u00f6hte sich vor Ort durch die v\u00f6llige Ausschaltung der betrieblichen Mitbestimmung der Weimarer Republik, wurde aber durch die Treuh\u00e4nder und die Ehrengerichte nur leicht beschnitten. Von einer Verschmelzung von Staat und &#8222;Monopolkapital&#8220; zu sprechen, besteht dennoch kein Anla\u00df. Staatliche Funktionen konnten die Wirtschaftsgruppen und der Generalrat der Wirtschaft nicht \u00fcbernehmen.<\/p>\n<h3>Schacht und Hitler &#8211; Die Achse des B\u00fcndnisses<\/h3>\n<p>Im Sommer 1934 \u00fcbernahm Hjalmar Schacht das RWM. Dieser hatte schon an der Macht\u00fcbernahme<b> <\/b>der Faschisten einen wesentlichen Anteil gehabt, indem er Hitler in verschiedenen Finanzkreisen bekannt machte. Schachts Unterschrift stand au\u00dferdem im November 1932 unter dem Brief, der Reichspr\u00e4sident Hindenburg aufforderte, Hitler endlich zum Reichskanzler zu machen. Mit dem ehemaligen Reichsbankpr\u00e4sidenten ernannte Hitler einen der renommiertesten Wirtschaftsvertreter im In- und Ausland zum Minister, obwohl viele Parteimitglieder ihn als &#8222;Exponenten der internationalen j\u00fcdischen Geldwirtschaft&#8220; sahen. [68]<\/p>\n<p>In der Beziehung zwischen Schacht und Hitler kam das zeitweilige B\u00fcndnis zwischen der NSDAP und den Banken deutlich zum Ausdruck. Schacht versuchte als Minister, das Privateigentum und den freien Markt zu verteidigen. Ihm wurde die Aufgabe \u00fcbertragen, die Wirtschaft wieder anzukurbeln und das Devisen- und Arbeitslosenproblem zu l\u00f6sen; in diesem Rahmen lie\u00dfen die Nazis Schacht freie Hand. Schacht begann mit der Sanierung des deutschen Bankwesens und stellte \u00fcber den sogenannten Mefo-Wechsel Devisenstabilit\u00e4t her. Durch die vom Wirtschaftsministerium eingeleiteten Ma\u00dfnahmen stabilisierte sich die W\u00e4hrung im Laufe der Zeit. So wurden mehr Gelder f\u00fcr die R\u00fcstung frei. Schacht berichtete \u00fcber seine Arbeit nach dem 2. Weltkrieg: &#8222;Solange ich im Amt war (&#8230;) hat sich Hitler niemals in meine T\u00e4tigkeit eingemischt. Auch hat er niemals versucht, mir eine Direktive zu geben, sondern hat mich meine Ideen ohne sie zu kritisieren, selbst\u00e4ndig und unabh\u00e4ngig ausf\u00fchren lassen. Er verstand von Wirtschaftspolitik nichts, und gar das Geldwesen ist ihm immer ein versiegeltes Buch geblieben. (&#8230;) Als jedoch meine ma\u00dfvolle Wirtschaftspolitik seinen ma\u00dflosen Pl\u00e4nen zuwiderlief, hat er mit Hilfe G\u00f6rings heimlich und hinterr\u00fccks versucht, meine T\u00e4tigkeit zu konterkarieren.&#8220; [69] Die Aussage \u00fcber die Wirtschaftskenntnisse untersch\u00e4tzt wohl Hitlers F\u00e4higkeiten, und Schachts &#8222;ma\u00dfvolle&#8220; Wirtschaftspolitik diente genauso der Aufr\u00fcstung wie sp\u00e4ter G\u00f6rings Politik; die Aussagen \u00fcber seinen Freiraum waren aber richtig. &#8222;Die ganze, alle bisherigen Au\u00dfenhandelstheorien \u00fcber Bord werfende Handelspolitik des &#8222;neuen Plans&#8220; wurde von mir durchgef\u00fchrt, ohne da\u00df Hitler auch nur ein einziges Mal dazu Stellung genommen h\u00e4tte. Er lie\u00df mir v\u00f6llig freie Hand (&#8230;). Er ging seinen au\u00dfenpolitischen Ideen nach und betrieb die Ausgestaltung der Wehrmacht.&#8220; [70] 1935 wurde Schacht auf dem H\u00f6hepunkt seiner Macht schlie\u00dflich zum &#8222;Generalbevollm\u00e4chtigten f\u00fcr Kriegswirtschaft&#8220; ernannt.<\/p>\n<p>In der &#8222;\u00c4ra Schacht&#8220; stand auch die Frage der Verstaatlichung des Bankwesens an. Auch hier mu\u00dfte Hitler von seiner Zielvorstellung, die Macht des Finanzkapitals zu brechen, aus b\u00fcndnispolitischen Gr\u00fcnden abr\u00fccken, obwohl sich eine Chance f\u00fcr die Verstaatlichung des gesamten Bankwesens bot. In der Krise der Weimarer Republik hatte der Staat n\u00e4mlich schon gro\u00dfe Anteile an den Banken \u00fcbernommen, um diese vor dem Zusammenbruch zu retten. Der radikale Nationalsozialist Gottfried Feder erkl\u00e4rte auf dem Reichsparteitag am 2. September 1933: &#8222;Wir fordern die Verstaatlichung aller bereits vergesellschafteten Betriebe&#8220;[71] und bezog sich damit auf das Grundsatzprogramm. Um die Frage der Stellung der Banken zu kl\u00e4ren, wurde vom RWM eine Kommission aus Fachleuten, Bankiers und Parteivertretern eingesetzt. Feder und Keppler hielten sich in der Kommission allerdings mit ihren Vorstellungen zur\u00fcck. Die Kommission sprach sich schlie\u00dflich nach monatelangen Beratungen f\u00fcr die Beibehaltung des bisherigen Bankwesens[72] und Reprivatisierungen aus. Das Bankengesetz trat am 1.Januar 1935 in Kraft und lehnte staatliche Eingriffe, auch der Reichsbank, in das Bankwesen ab.[73] Bis 1937 wurden Mischbanken reprivatisiert. Zus\u00e4tzlich privatisierte die Regierung auch Binnen- und Seeschiffahrtsgesellschaften und Kohlengruben.[74] Das \u00f6ffentliche Eigentum machte 1938 nur 5\u00a0% des &#8222;Nationalverm\u00f6gens&#8220; aus.[75]<\/p>\n<p>Neben der Sicherung des Privateigentums vor sozialistischen Angriffen bot der deutsche Faschismus der Mehrheit der Gro\u00dfindustrie auch hohe Gewinne. Von 1933 bis 1935\/1936 verf\u00fcnffachte sich der Gewinn der Aktiengesellschaften und verdoppelte sich die Dividendenaussch\u00fcttung.[76] Insgesamt hatten die Gewinne von 1933 bis 1939 eine j\u00e4hrliche Wachstumsrate von durchschnittlich 36,5\u00a0%.[77] F\u00fcr die deutsche Industrie brachen nach der Weltwirtschaftskrise wieder rosige Zeiten an. Die gro\u00dfen Konzerne profitierten auch von der zunehmenden Konzentration der Wirtschaft. Die Zahl der Betriebe mit \u00fcber 200 Besch\u00e4ftigten verdoppelte sich von 1933 bis 1939.[78] Die staatliche Zwangskartellierung nahm ebenfalls zu. Zwischen 1933 und 1936 wurden 16.000 Kartellvereinbarungen getroffen.[79] Die Zwangskartellierung half aber vor allem kleinen und mittleren Unternehmen, da sich die Gro\u00dfkonzerne auch ohne staatliche Hilfe monopolisieren konnten.<\/p>\n<p>Andere Teile der Wirtschaft profitierten weniger vom Aufschwung. Die Warenh\u00e4user litten unter den mittelstandsfreundlichen Ma\u00dfnahmen nach der Macht\u00fcbernahme. Als Ha\u00dfobjekte des Mittelstandes gingen die Nazis sie als einzige nicht j\u00fcdische Kapitalisten hart an. Der Umsatz der Warenh\u00e4user betrug 1936 nur noch 86\u00a0% des Umsatzes von 1932.[80] Auch die K\u00f6rperschaftssteuer stieg von 20\u00a0% im Jahr 1934 auf 40\u00a0% in den Jahren 1939\/1940.[81] Die Banken wurden durch die Macht\u00fcbernahme des Nationalsozialismus zwar gerettet, aber riesige Gewinne, wie im Kaiserreich oder in den ersten Jahren der Weimarer Republik, konnten sie zumindest vor dem Krieg nicht erwirtschaften. Sie hatten einen deutlichen Gesch\u00e4ftsr\u00fcckgang zu verbuchen. Die Bilanzsumme der Gro\u00df- und Regionalbanken belief sich 1929 noch auf 16,7 Milliarden. Danach sank sie kontinuierlich ab.[82]<\/p>\n<p>Hitler hatte bis 1936 alle Versprechen gegen\u00fcber der Gro\u00dfindustrie erf\u00fcllt. Die Nationalsozialisten brauchten die Gro\u00dfindustrie, um den Krieg zu f\u00fchren. Sie konnten, ohne die politische Stabilit\u00e4t ihrer Herrschaft zu gef\u00e4hrden, in den ersten Jahren keinen Angriff auf die Dominanz der Gro\u00dfindustrie und den politischen Einflu\u00df ihrer Vertreter starten. Im Rahmen der Regierung war die Einbindung der Nazis total gescheitert. Die NSDAP hatte ihren konservativen Koalitionspartner entmachtet und die F\u00fchrerdiktatur errichtet. Als Klassenb\u00fcndnis war die Einbindung aber gelungen. Hitler hatte den &#8222;Vertrag&#8220; erf\u00fcllt. Die Arbeiterbewegung war zerschlagen, der Versailler Vertrag wurde Schritt f\u00fcr Schritt gesprengt und den Konzernen war das Eigentum garantiert. Die Landwirtschaft hatte die NSDAP von der kapitalistischen Industrie abgekoppelt, aber den freien Markt in der Industrie, wenn auch eingeschr\u00e4nkt, erhalten. Mit Schacht hatten die Banken einen ihrer wichtigsten Vertreter in der Regierung, der im Rahmen von Hitlers Kriegsprogramm gro\u00dfe Freir\u00e4ume hatte. F\u00fcr die Schwerindustrie, die Hitlers Machtantritt fast geschlossen unterst\u00fctzt hatte, lohnte es sich auch.<\/p>\n<p>Was Hitlers industrielle G\u00f6nner aber deutlich untersch\u00e4tzten, war die ungeheure staatliche Macht, die schon in den ersten Jahren entstand. Dieser m\u00e4chtige Staatsapparat war stark genug, in vielen tagespolitischen Konflikten auch gegen die gro\u00dfkapitalistischen Interessen zu agieren. Der Nationalsozialismus hatte vor, den sozialen Bed\u00fcrfnissen aller Klassen entgegenzukommen. Das konnte langfristig nur zu Lasten der M\u00e4chtigen und Reichen der Weimarer Republik geschehen. Hitler f\u00fchrte die B\u00fcndnispolitik mit dem Kapital weiter fort, bereitete aber im Stillen schon die entscheidenden Schritte zur politischen Entmachtung der Industrie vor, die sich nach den Vorstellungen des &#8222;F\u00fchrers&#8220; nach dem Krieg dem b\u00e4uerlichen Massenstaat genauso unterzuordnen hatte wie die anderen Klassen auch.<\/p>\n<\/div>\n<div align=\"right\">\n<p><a href=\"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=145\">[Weiter]<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die nationalsozialistische Umw\u00e4lzung stellte keinen anderen Berufsstand vor eine so vielfach neue, mitunter gl\u00fcckhaft best\u00fcrzende neue Lage, wie den Unternehmer.&#8220; (Alfred Krupp)[51] Der Aufbau der Wirtschaft In der Wirtschaftspolitik hatten die Nationalsozialisten feste programmatische Vorstellungen. 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