{"id":1154,"date":"2018-01-10T08:14:12","date_gmt":"2018-01-10T07:14:12","guid":{"rendered":"http:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1154"},"modified":"2018-01-10T08:14:12","modified_gmt":"2018-01-10T07:14:12","slug":"leserbrief-zum-aufsatz-von-martin-schlegel-aufstieg-und-fall-der-profitrate-azd-80","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kommunistische-debatte.de\/?page_id=1154","title":{"rendered":"Leserbrief zum Aufsatz von Martin Schlegel &#8222;Aufstieg und Fall der Profitrate&#8220; (AzD 80)"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">So wichtig und aufschlussreich Untersuchungen zur historischen Entwicklung der Profitrate sein m\u00f6gen &#8211; einen generellen Fall der Profitrate nachzuweisen oder zu widerlegen &#8211; und damit gar das ganze Gesetz &#8211; zeugt unter anderem von einem erstaunlichen Fehlverst\u00e4ndnis des Adjektivs &#8222;tendenziell&#8220;. Marx hat diesen relativierenden Begriff ja nicht ohne Grund genutzt und entgegenwirkende Ursachen betrachtet: &#8222;Es m\u00fcssen gegenwirkende Einfl\u00fcsse im Spiel sein, welche die Wirkung des allgemeinen Gesetzes durchkreuzen und aufheben&#8230;.&#8220; (MEW 25, S. 242). <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Abgesehen davon bedeutet die Marxsche Methode, Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten unter bestimmten Voraussetzungen zu entwickeln, unter Verweis auf weitere Kapitel oder Zusammenh\u00e4nge, &#8222;die nicht hierher geh\u00f6ren&#8220;, und &#8222;dass man sie (die Begriffe) nicht in starre Definitionen einkapselt, sondern in ihrem historischen resp. logischen Bildungsprozess entwickelt&#8220; (Engels, Vorwort zu Bd. 3). Es w\u00e4ren also durchaus weitere, \u00fcber den Abschnitt des 3. Bandes hinausgehende, auch &#8222;gegenwirkende&#8220;, \u00f6konomische, politische, historische Einfl\u00fcsse auf die Entwicklung der Profitrate zu analysieren, nicht zuletzt das Klassenbewusstsein und die Kampfkraft des Proletariats.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Um ein viel einfacheres Beispiel zu bem\u00fchen: das &#8222;allgemeine Gesetz&#8220; der Gravitation bewirkt z.B. den &#8222;tendenziellen Fall&#8220; der Planeten in Richtung Sonne. Die entgegenwirkende Ursache ist die Zentrifugalkraft, die die Gravitation &#8222;aufhebt&#8220; und das Planetensystem f\u00fcr Jahrmilliarden bislang ziemlich stabil gehalten hat. Der Fall ihrer Trabanten in Richtung Sonne l\u00e4sst sich also buchhalterisch auch mit redlichster M\u00fche f\u00fcr historische Zeitspannen kaum nachweisen. Nur selten vorkommende Narren aber w\u00fcrden damit das Gravitationsgesetz als &#8222;nicht best\u00e4tigt&#8220; bzw. als &#8222;widerlegt&#8220; ansehen.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Im Gegensatz zur ewig station\u00e4r erscheinenden Planetenmechanik ist die Entwicklung des Kapitalismus (mit mal fallender, mal auch steigender Profitrate) etwas schnelllebiger und chaotischer. Mit dem Abschnitt vom tendenziellen Fall der Profirate und den entgegenwirkenden Ursachen, mit der &#8222;Entfaltung der innern Widerspr\u00fcche des Gesetzes&#8220; ist eines der wichtigsten Bewegungsgesetze der kapitalistischen Produktionsweise dargestellt. Marx (Engels) schlie\u00dft den Abschnitt nicht zuf\u00e4llig mit &#8222;Drei Haupttatsachen der kapitalistischen Produktion &#8230;&#8220; und dem k\u00fcrzestm\u00f6glichen Fazit: &#8222;Daher die Krisen.&#8220; (MEW 25, S. 277).<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Der Neoliberalismus erscheint geradezu als das ideologische Destillat entgegenwirkender Ursachen, eines &#8222;Aufb\u00e4umens&#8220; des sterbenden Kapitalismus mit dem denkbaren Effekt einer mit wachsender Verelendung vor\u00fcbergehend steigenden Profitrate (vielleicht auch mit metaphysischen Autoren, f\u00fcr die das Gesetz dann endg\u00fcltig &#8222;widerlegt&#8220; ist). Es gibt aber keinen schlagenderen Beweis f\u00fcr das anhaltende Wirken des Gesetzes als die derzeitige Krisenlandschaft mit einem Wertberichtigungsbedarf von Weltkriegsausma\u00df.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Mit solidarischen Gr\u00fc\u00dfen<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">khg, 16. Juli 2012<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\">&#160;<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\">&#160;<\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Antwort<\/b><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\"> von Martin Schlegel<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Lieber Herr G,<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">herzlichen Dank f\u00fcr die Kritik an meinem Artikel zum tendenziellen Fall der Profitrate.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Zun\u00e4chst noch mal zur Zielsetzung des Artikels. Ausgangspunkt war die theoretische Debatte zu diesem Thema in den Marxistischen Bl\u00e4ttern, die die empirischen Untersuchungen zu diesem Thema ausblendete. Meine Absicht war es, diese L\u00fccke mit einer Literatur\u00fcbersicht zu f\u00fcllen und die teilweise unabh\u00e4ngig voneinander entstandenen und mit unterschiedlichen Methoden erstellten empirischen Ergebnisse zu vergleichen. Generell halte ich Debatten ohne Bezug und Bem\u00fchen um Fakten f\u00fcr wenig zielf\u00fchrend. Auch bei der Darstellung des Gesetzes ging es mir vor allem um die Begrifflichkeit, nicht um eine Teilnahme an der theoretischen Debatte \u00fcber den Charakter und die abstrakten Folgerungen des Gesetzes. Das w\u00e4re dann eine andere Arbeit geworden und h\u00e4tte meiner Meinung nach auch den Blick von der auch f\u00fcr mich \u00fcberraschenden \u00dcbereinstimmung der mit unterschiedlichen Methoden ermittelten Profitratenverl\u00e4ufe abgelenkt.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Insbesondere wird aus allen empirischen Untersuchungen deutlich, dass sich im Gefolge der Krise 1974\/75 eine neue Situation in der kapitalistischen Akkumulation entwickelte, die in den B\u00fcchern von Kr\u00fcger und Roth genauer untersucht wird (strukturelle \u00dcberakkumulation). Nach dieser Krise hat das Kapital, wie aus allen Profitratenverl\u00e4ufen hervorgeht, offensichtlich Mittel und Wege gefunden, den weiteren Verfall der Profitrate zu stoppen. Auch wenn ich es bezweifele, so w\u00fcrde ich doch generell nicht von vornherein ausschlie\u00dfen wollen, dass es dem Kapital sogar gelingen k\u00f6nnte, wieder die H\u00f6he der Profitraten der 1960er Jahre zu erreichen. Wie der Verlauf der Profitraten weiter geht, wird die Zukunft zeigen und l\u00e4sst sich sicher nicht aus theoretischen \u00dcberlegungen ableiten.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Den Vergleich mit der Gravitation finde ich interessant. Meiner Meinung nach gibt es in Teilbereichen der Physik eine Reihe \u201eeherner\u201c Gesetze, die eine andere, strengere Art von G\u00fcltigkeit haben (keine Tendenzen sind) als das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate. Dies ist vor allem in der Mechanik der Fall, wo Dinge untersucht werden, die keine Entscheidungsfreiheit haben, und das ist der Grund f\u00fcr ihre strengere G\u00fcltigkeit. Betrachtet man andere Gebiete der Wissenschaft, wie zum Beispiel die Biologie, die sich mit lebenden, sich entwickelnden Objekten besch\u00e4ftigt, so k\u00e4me niemand auf die Idee, nach Gesetzen \u00e4hnlich wie in der Physik zu suchen. Erst recht nicht erwartet man das f\u00fcr die Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen. Umso bemerkenswerter finde ich, dass Marx es dennoch geschafft hat, auch f\u00fcr diesen Bereich gewisse Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten (eine Art historischer Logik) zu formulieren, wohl wissend, dass sich daraus keine Zukunft vorhersagen lassen kann. Denn da gesellschaftliche Entwicklung sich immer im Kampf von Widerspr\u00fcchen vollzieht, gibt es immer verschiedene M\u00f6glichkeiten der Entwicklung.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Abschlie\u00dfend m\u00f6chte ich nochmals betonen, dass meiner Meinung nach die isolierte Betrachtung der Entwicklung der Profitrate nur begrenzte Erkenntnisse \u00fcber die Entwicklung der kapitalistischen Akkumulation zu liefern vermag. F\u00fcr ein besseres Verst\u00e4ndnis m\u00fcssen zus\u00e4tzliche Einflussfaktoren auf die kapitalistische Akkumulation untersucht werden, wie das vor allem Stephan Kr\u00fcger in seinen B\u00fcchern gemacht hat. Ich hoffe damit, meinen Standpunkt zu den wesentlichen Kritikpunkten erl\u00e4utert zu haben.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\">&#160;<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Mit solidarischen Gr\u00fc\u00dfen<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Martin Schlegel, September 2012<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\">&#160;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So wichtig und aufschlussreich Untersuchungen zur historischen Entwicklung der Profitrate sein m\u00f6gen &#8211; einen generellen Fall der Profitrate nachzuweisen oder zu widerlegen &#8211; und damit gar das ganze Gesetz &#8211; zeugt unter anderem von einem erstaunlichen Fehlverst\u00e4ndnis des Adjektivs &#8222;tendenziell&#8220;. 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