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Kriegsfragen


Unter diesem Titel werden mehrere Beiträge veröffentlicht, die zuvor an unterschiedlicher Stelle erschienen sind:


1. Weltkrieg und bürgerliche Revolutionsepoche (Thesen)
2. Die zerbrochene Hegemonie. Der Weltkrieg als Kampf um die Herrschaft in Deutschland
3. Bebel und die Strategie der Kriegsverhütung
4. Kriegsfragen. Warum der 1.Weltkrieg nicht mit Lenins Imperialismustheorie zu erklären ist



1. Weltkrieg und bürgerliche Revolutionsepoche (Thesen)
(Zuerst erschienen in: Aufsätze zur Diskussion Nr. 82, Dezember 2014)

1. Das deutsche Kaiserreich war kein bürgerlicher Staat. Es wurde beherrscht von einem Klassenbündnis zwischen der herrschenden Klasse Preußens, den Junkern, und der deutschen Bourgeoisie. Auf dem Boden dieses Bündnisses konnten die bürgerlichen Kräfte bis zu einem bestimmten Punkt die Politik des Staats bestimmen, aber durch die Hegemonialstellung Preußens im Reich sowie die Herrschaft über das Heer behielt der junkerliche Militäradel den Kern der Macht in der Hand.

2. 1909 zerbrach dieses Bündnis in einem Steuerstreit zwischen der konservativen Junkerpartei und den Liberalen. In diesem Zusammenhang verlor die Schwerindustrie, bis dahin der Hegemon der Bourgeoisie, die Vorherrschaft über die nationalliberale Führungspartei des Bürgertums und über das bürgerliche Lager insgesamt. Das Ende des Klassenkompromisses und der darauf gestützten hegemonialen Ordnung stürzte Gesellschaft und Staat in eine sich vertiefende Krise mit der Folge, dass der Staat unregierbar wurde.

3. Auf dem Boden dieser Krise geriet die außerparlamentarische Stellung der Armee und somit die Vorherrschaft der preußischen Aristokratie in Gefahr. Der Zugriff auf die Staatsmacht war für die Großagrarier aber essentiell, denn nur mit Hilfe des Staats konnten ihre unproduktiven, halb patriarchalisch und halb kapitalistisch betriebenen Gutswirtschaften östlich der Elbe überleben. D.h. für sie ging es nicht nur um die Macht, sondern auch um die Existenz.

4. Die Reichstagswahl 1912 ließ die Staatskrise offen ausbrechen. Während die SPD einen großen Wahlsieg davon trug, zeichnete sich zugleich eine perspektivische Annäherung von Liberalen und SPD ab, d.h. ein Bündnis von Bürgertum und Arbeiterbewegung gegen die Junker. Daraufhin versuchte der Militäradel zunächst, zusammen mit der Montanbourgeoisie das allgemeine Wahlrecht abzuschaffen und die SPD zu zerschlagen. Als der beabsichtigte Staatsstreich am Widerstand von Kanzler und Kaiser scheiterte, trieb das Lager der Reaktion die Regierung in einen Krieg, um die alte Ordnung zu retten.

5. Mit dem Krieg lebte die 1909 aufgelöste Allianz von Junkertum und Bourgeoisie als Kriegsbündnis wieder auf, so dass sich zwei Kriegskonzepte mit unterschiedlichen Kriegszielen miteinander vermischten. Das eine war ein Herrschaftskrieg des Militäradels mit dem Ziel der innenpolitischen Machtsicherung. Das andere war ein Weltmachtkrieg der Bourgeoisie mit dem Ziel, Belgien und die französische Atlantikküste zu annektieren, um von hier aus mit Blick auf ein Kolonialreich den Kampf gegen England um eine Weltmachtstellung aufzunehmen. Die Verschlingung dieser beiden Konzepte stellt mit die Hauptschwierigkeit dar, das innere Gesetz des Kriegsgeschehens zu begreifen.

6. Die kriegführenden Bündnispartner hatten unterschiedliches Gewicht. Die bürgerliche Schlachtflotte spielte zu keinem Zeitpunkt eine entscheidende Rolle; der Krieg wurde durch das von den Junkern befehligte Landheer getragen. Da der Militäradel seine Machtstellung nur durch einen Sieg sichern konnte, führte er den Krieg trotz der sich verschlechternden Lage bis zum bitteren Ende weiter. Als der Kanzler 1917 versuchte, einen Verständigungsfrieden herbei zu führen, stürzte ihn die junkerliche Oberste Heeresleitung, errichtete eine verbrämte Militärdiktatur und diktierte zuletzt noch den Friedensschluss von Brest-Litowsk im März 1918.

7. Die SPD war auch unabhängig von ihrer Verbürgerlichung nicht in der Lage, eine Antwort auf den Krieg zu finden, geschweige denn die Staatskrise zur Machtergreifung zu nutzen. Weil die bürgerliche Revolution in Deutschland noch nicht vollendet war, hätte sie auf dem Weg zum Sozialismus die Politik einer demokratischen Umwälzung einschlagen müssen, um im Bündnis mit dem städtischen Kleinbürgertum sowie der Bauernschaft als erstes den Militäradel sowie die mit ihm verbündete Schwerindustrie zu stürzen. Die stattdessen von ihr verfolgte sozialistische Revolutionsstrategie isolierte die Arbeiterbewegung von der Mehrheit der Bevölkerung, machte sie zum Spielball der gegnerischen Klassenkräfte und leistete der Zustimmung zur Vaterlandsverteidigung Vorschub.

8. Historisch betrachtet, war der Erste Weltkrieg kein Ausdruck des höchsten Stadiums eines sterbenden Kapitalismus, wie Lenin in seiner Imperialismusschrift von 1917 meinte. Vielmehr ordnet er sich ein in das Auf und Ab einer langdauernden bürgerlichen Revolutionsepoche, die 1848 unvollendet geblieben war. Sie machte mit dem Kriegsende und der Novemberrevolution 1918 in Deutschland einen Schritt voran, ohne jedoch die Kräfte der alten Ordnung zu zerschlagen. Deshalb kam sie hier erst nach einem weiteren Krieg endgültig zum Abschluss.

November 2014



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Dass ich erkenne, was die Welt
im Innersten zusammenhält

2. Die zerbrochene Hegemonie
Der Weltkrieg als Kampf um die Herrschaft in Deutschland

(Zuerst erschienen in: Karuscheit/Wernecke/Wollenberg/Wegner: "Macht und Krieg. Hegemonialkonstellationen und Erster Weltkrieg"; VSA, Hamburg 2014; leicht überarbeitet)



Vorbemerkung

Wer den Krieg 1914-18 als "Urkatastrophe" Europas im 20.Jahrhundert betrachtet, versteht ihn meist als Auftakt zu einer Art 30jährigem Krieg, der den alten Kontinent umwälzte und erst nach einer weiteren Kriegskatastrophe zu einem neuen Gleichgewicht finden ließ, das im Westen unter US-Hegemonie stand. Verfolgt man diesen Ansatz weiter, erkennt man, dass im Zentrum des Geschehens der 1871 gegründete deutsche Nationalstaat stand. Von ihm aus nahmen die beiden Weltkriege ihren Ausgang, zugleich änderte er wie kein anderes Land die Staatsformen.

Doch was war die Triebfeder dieser Ereignisse? Gingen die wechselnden Regierungssysteme aus den Kriegen hervor oder waren innere Konflikte verantwortlich für den zweimaligen Weg in den Krieg? Wenn man weiß, dass in Deutschland wenige Jahre vor 1914 eine Krise von Gesellschaft und Staat einsetzte, die über Jahrzehnte anhielt, drängt sich der Gedanke auf, dass hierin möglicherweise die Ursache sowohl für die Kriege als auch für den Wandel der Staatsformen zu suchen ist. Das aber heißt, dass sich hinter der Erzählung vom 30jährigen Krieg eine andere Geschichte verbirgt, nämlich die Geschichte einer 1909 zerbrochenen Hegemonie, die letztlich erst nach 1945 unter anderen Vorzeichen neu begründet werden konnte.

Dieses Geschehen kann hier nur bis zur Entstehung der Weimarer Republik erzählt werden. In seinem Zentrum steht der große Krieg, der so viel und gleichzeitig so wenig änderte. Er beherrschte mehr als vier Jahre lang die Bühne der Geschichte, doch sein Ausgang wurde nicht auf den Schlachtfeldern entschieden, sondern hinter den Kulissen des Kriegstheaters in einem erbitterten Kampf um die Herrschaft in Deutschland. Auf den folgenden Seiten soll das innere Gesetz dieses Kriegs nachgezeichnet werden.1



I. Anfang und Ende der Bismarckschen Hegemonialordnung

Als Bismarck 1871 den deutschen Nationalstaat aus der Taufe hob, handelte er nicht aus nationalen Gründen, sondern um das alte Preußen gegen den Strom der Zeit zu bewahren. Alle fortschrittlichen Kräfte, Liberale wie Sozialisten, waren bis dahin davon ausgegangen, dass der natürliche – um nicht zu sagen "gesetzmäßige" – Gang der Geschichte darauf hinauslief, dass die deutsche Einheit mit dem Ende des reaktionären Preußentums sowie einer parlamentarischen Herrschaft zusammen fallen würde. Nicht zuletzt entsprach dies den Erwartungen von Marx und Engels über den Zusammenhang von kapitalistischer Entwicklung, bürgerlicher Demokratie und nationaler Einheit.

1. Sammlungspolitik gegen die Demokratie

Doch indem die preußischen Truppen in drei Kriegen einen deutschen Nationalstaat erkämpften, spalteten sich die bürgerlichen Kräfte und wurde die Machtstellung des dem Untergang geweihten ostelbischen Junkertums für weitere Jahrzehnte bewahrt. Durch die Etablierung eines in seinen Rechten beschränkten Reichstags wurde die Bourgeoisie an der Herrschaft beteiligt und konnte die Politik des Reichs bis zu einem bestimmten Punkt gestalten, doch mit der Befehlsgewalt über die außerhalb der Verfassung stehende Armee behielt der Gutsadel das letzte Wort. Außerdem blieb der deutsche Hegemonialstaat Preußen, der zwei Drittel des Reichsgebiets und der Bevölkerung umfasste, mit Hilfe des hier fort geltenden Dreiklassenwahlrechts in der Hand der Aristokratie.

Die institutionelle Zementierung der Machtverteilung war indes nur die eine Seite. Bedeutsamer war, dass die Lösung der nationalen Frage das seit der 48er Revolution verhasste Preußentum wieder in der Gesellschaft verankert hatte. Darauf aufbauend betrieb Bismarck mit Hilfe des von ihm zur Schwächung des Bürgertums eingeführten allgemeinen Reichstagswahlrechts eine von ihm selber so genannte "Sammlungs-", sprich Hegemonialpolitik. Mit Hilfe sozialer Zugeständnisse und einer geschickten Bündnisstrategie sammelte sie Kleinbürgertum und Bauernschaft um das Herrschaftsbündnis von Junkertum und Schwerindustrie herum und stütze die alte Ordnung so auch massenpolitisch ab. Auf dieser Grundlage kam es zu der für Deutschland charakteristischen Kombination von ökonomischer Entwicklung, preußischem Militarismus und innenpolitischer Stabilität.

Bei der fortgesetzten Fernhaltung der bürgerlichen Kräfte vom Zentrum der Macht kam dem ersten Reichskanzler die sich formierende Arbeiterbewegung zu Hilfe. Bei der Verabschiedung des Sozialistengesetzes 1878 noch künstlich von ihm hochgespielt, um die Liberalen zu spalten, wurde die von der Sozialdemokratie ausgehende Umsturzgefahr mit deren Entwicklung zu einer proletarischen Massenpartei zur Realität. Angesichts der Revolutionsdrohung zog die Mehrheit des Bürgertums, politisch repräsentiert durch die nationalliberale Partei mit der Montanbourgeoisie als Kern, es jetzt vor, freiwillig an dem Bündnis mit dem Militäradel festzuhalten und von dem Versuch einer Demokratisierung des Kaiserreichs Abstand zu nehmen. Lediglich der linke, auf Reichsebene einflusslose Flügel der Liberalen, der sich auf verschiedene Parteien aufteilte und das kleine und mittlere Bürgertum repräsentierte, trat weiter für eine volle Parlamentsherrschaft ein.

Die vorzugsweise von der Geschichtsschreibung der DDR unterstellte Verschmelzung von Junkertum und Bourgeoisie zu einer einzigen herrschenden (bürgerlichen) Klasse ist eine Chimäre. Weder konnte sich die kapitalistische, auf freier Lohnarbeit basierende Produktionsweise in den ostelbischen Gutswirtschaften durchsetzen, noch gelang es den bürgerlichen Kräften, Zugriff auf das innenpolitisch entscheidende Machtinstrument zu erhalten, das von den Gutsadeligen geführte Heer.

Auch außenpolitisch ging das von Bismarck verfolgte Konzept auf. Musste Preußen vorher als kleinste europäische Großmacht befürchten, gegenüber England, Frankreich, Russland und Österreich-Ungarn ins Hintertreffen zu geraten, nahm Preußen-Deutschland nach 1870 eine von allen Seiten anerkannte Stellung in der Mitte Europas ein. Mehr wollte Bismarck nicht. Mit der Begründung, dass Deutschland "saturiert" sei, betrieb er in den 20 Jahren seiner Kanzlerschaft eine konservative, kontinental ausgerichtete und im letzten Grund junkerlich-preußisch fundierte Außenpolitik mit Russland als Angelpunkt.

2. Weltpolitik als bürgerliches Machtprogramm

Von Bismarck immer wieder zurück geschlagen, unternahm das bürgerlich-liberale Lager erst nach dessen Abdankung einen neuen Anlauf, um den Gutsadel von der Macht zu verdrängen. Das Instrument dafür war die Weltpolitik, zu der das Kaiserreich Ende des Jahrhunderts überging; sie verband innen- und außenpolitische Zielsetzungen zu einem umfassenden Machtprogramm.

Gestützt auf den Bau einer neuen Schlachtflotte, zielte sie zum einen auf die Erringung einer deutschen Weltmachtstellung mitsamt einem Kolonialreich. Darüber hinaus war sie ein inneres Hegemonialprogramm, das den bürgerlichen Kräften das politisch-gesellschaftliche Übergewicht über die Aristokratie verschaffen sollte, ohne die Frage der Demokratie aufzuwerfen. Sie signalisierte den Aufbruch von Handel und Industrie in die Welt, sollte den Wandel von einem Agrar-Industriestaat zu einem Industrie-Agrarstaat befördern, die militärischen Gewichte vom junkerlichen Landheer zur bürgerlichen Marine verschieben und über die Massen des Kleinbürgertums hinaus die Arbeiterschaft für den Imperialismus gewinnen.

Nicht zuletzt wurde sie von Wilhelm II mitgetragen, dem die Marine in seiner Funktion als Deutscher Kaiser direkt zugeordnet war (im Unterschied zum Heer). Ihr Architekt war der den Nationalliberalen nahestehende Bernhard von Bülow, seit 1897 Außenstaatssekretär und seit 1900 Kanzler des Reichs. Das von ihm entworfene Konzept vereinte bald das gesamte bürgerliche Lager einschließlich der linken Liberalen und (mit Abstrichen) der katholischen Zentrumspartei im Zeichen des Imperialismus.

Die Großagrarier, von Natur aus Gegner der maritimen Weltpolitik, ließen sich die Zustimmung zum kostenträchtigen Flottenbau durch eine Verfünffachung der Getreidezölle abkaufen, um so ihre niedergehenden Gutswirtschaften vor der Konkurrenz durch das billigere ausländische Getreide zu schützen. Der zur Jahrhundertwende durch Bülow vermittelte Flottenbau-Zollkompromiss zwischen Nationalliberalen und Konservativen erneuerte den von Bismarck etablierten Klassenkompromiss zwischen Junkertum und Bourgeoisie und bekräftigte den Anschein einer einzigen herrschenden (bürgerlichen) Klasse, die lediglich verschiedene Abteilungen aufwies.

3. Ein hegemoniales Vakuum

Währenddessen löste sich die Grundvoraussetzung dieses Bündnisses, die gemeinsame Bedrohung durch eine revolutionsbereite Arbeiterbewegung, langsam auf, denn mit den Gewerkschaften als Vorreiter gewann der Reformismus in der Sozialdemokratie immer mehr an Boden. Auch wenn der linke Flügel an revolutionären Positionen festhielt, hörte die SPD als Ganzes auf, eine revolutionäre Partei zu sein, und damit reiften die Bedingungen für ein innenpolitisches renversement des alliances heran.

Zum Durchbruch gelangte diese Entwicklung im Jahre 1909 infolge eines heftigen Steuerstreits. Da eine von der Regierung geplante Erbschaftssteuer zum Ausgleich des durch den Flottenbau überstrapazierten Staatshaushalts auch den Großgrundbesitz erfassen sollte, verließen die Konservativen das "Kartell der staatstragenden Kräfte" mit den Liberalen und stürzten den Kanzler. Angesichts der mittlerweile unübersehbaren Verbürgerlichung der Sozialdemokratie waren die Nationalliberalen anschließend nicht mehr bereit, in das alte Bündnis zurück zu kehren. Ihr mächtiger schwerindustrieller Flügel, der Garant des Zusammengehens mit den Konservativen, geriet in die Minderheit und verlor die Herrschaft über die Führungspartei des Bürgertums.

Der Steuerstreit war deshalb von solch fundamentaler Tragweite, weil er das Hegemonialgefüge zerstörte, das 40 Jahre lang die innere Stabilität des Kaiserreichs garantiert hatte. Als der Reichsgründungskompromiss zerbrach und die bisherigen Träger des Reichs einander gegenübertraten, war Bismarcks Werk am Endenicht seiner staatlichen Form, wohl aber seiner gesellschaftlichen Basis nach.

Die Alternative zu dem aufgelösten Herrschaftspakt wäre ein Bündnis von Bürgertum und Arbeiterbewegung gewesen, das unter dem Schlagwort "von Bassermann bis Bebel" (die Vorsitzenden der Nationalliberalen und der SPD) auch gefordert wurde. Über demokratische und soziale Zugeständnisse hinaus hätte das von dem bürgerlich-liberalen Lager allerdings den Verzicht auf die Weltpolitik verlangt, denn so konzessionsbereit die sozialdemokratische Führung auch sein mochte, in der Frage des Imperialismus hatte sie wegen der Haltung der Arbeitermassen wenig Handlungsspielraum.

Die Nationalliberalen hätten also ihr bisheriges Machtkonzept aufgeben müssen, um das Risiko eines Zusammengehens mit der SPD einzugehen, das viele Unwägbarkeiten enthielt und zur Abspaltung ihres schwerindustriellen Flügels geführt hätte. Dazu war die Parteiführung nicht bereit; sie verharrte auf Distanz zu den Konservativen, wahrte aber die gleiche Distanz zur Sozialdemokratie. Mit den einen nicht mehr, war sie mit den anderen noch nicht koalitionsbereit. Anstelle eines neuen Bündnisses entstand daher ein hegemoniales Vakuum mit der Folge, dass im Reichstag keine verlässlichen Mehrheiten für die Gesetzgebung mehr zustande kamen und das Land unregierbar wurde – ein Zustand, der das kommende Vierteljahrhundert anhalten sollte. Deutschland geriet 1909 in eine Staatskrise in Permanenz.

II. Das innere Gesetz des Kriegs

Der erste Kanzler, der mit dieser Situation konfrontiert war, war Bülows Nachfolger Bethmann Hollweg, in dessen Politik sich die inneren wie äußeren Widersprüche des Reichs bündelten.2 Um überhaupt regieren zu können, musste er eine Politik der "Diagonale" betreiben, d.h. sich auf wechselnde Parlamentsmehrheiten von Konservativen, Liberalen und Zentrum stützen. In den entscheidenden Fragen der Innen- und Außenpolitik war er handlungsunfähig.

1. Ein Krieg als Ausweg aus der Sackgasse

Als Kompromisskandidat zum Kanzler geworden, waren die Konservativen mit seiner Ernennung einverstanden gewesen, weil er ein Gegner der Welt- und Schlachtflottenpolitik war und von ihm kein neues Steuergesetz zur Flottenfinanzierung zu erwarten stand. Für die Mehrheit der Nationalliberalen auf der anderen Seite war ausschlaggebend, dass er nicht als innenpolitischer Scharfmacher galt (er war vorher preußischer Innenminister) und einer weiteren Annäherung an die SPD nicht im Wege stehen würde. Doch aus eben diesen Gründen wandte sich das jeweils andere Lager gegen seine Politik.

Außenpolitisch blockierte ihn das bürgerlich-liberale Lager, weil er im Verhältnis zu Großbritannien eine Entspannungs- und Abrüstungspolitik verfolgte, während die Nationalliberalen Front gegen London machten, das Deutschland den "Platz an der Sonne" verwehrte, und in der Marokkokrise 1911 sogar nach einem Krieg gegen das "perfide Albion" riefen.

Innenpolitisch blockierten ihn die Konservativen mit Unterstützung des rechten Minderheitsflügels der Nationalliberalen, weil er eine vorsichtige Reformpolitik betrieb, um die Arbeiterbewegung an den Staat heran zu ziehen. Dagegen verlangte das Rechtsbündnis die Beseitigung des allgemeinen Wahlrechts und ein Verbot der SPD. Stürzen konnte ihn keines der beiden Lager, weil jedes alleine dafür zu schwach war und ihre Gegensätze ein gemeinsames Vorgehen verhinderten. Deshalb reichte der Rückhalt durch Wilhelm II aus, um im Amt zu bleiben, mehr aber nicht.

Die Wahl 1912 trieb die innere Krise weiter voran. Während der Anstieg der SPD auf mehr als ein Drittel der Wählerstimmen bei Bethmann die Überzeugung festigte, dass ein Ausgleich mit der Arbeiterpartei unumgänglich sei, versuchten Gutsadelige und Schwerindustrielle gemeinsam, einen Staatsstreich in Gang zu bringen, um die SPD zu zerschlagen und das allgemeine Wahlrecht zu beseitigen. Als Kanzler und Kaiser sich dem widersetzten, schwenkte das Rechtsbündnis auf einen Kriegskurs ein, denn es hatte keine andere Möglichkeit mehr, um die alte Ordnung zu retten.

Zwar versuchte der Kanzler weiterhin, seine Politik der Entspannung nach außen und des Ausgleichs nach innen fortzuführen. Aber gegen die geballte Macht der zur Kriegspartei gewordenen preußisch-schwerindustriellen Reaktion mit ihren Parteigängern in Politik, Verwaltung und Wirtschaft kam er nicht an, zumal die Nationalliberalen die Kriegspartei mit ihrer Konfrontationspolitik gegen Großbritannien unterstützten. Innen- wie außenpolitisch stand ihm faktisch die SPD am nächsten, doch zu dieser Partei konnte er als kaiserlicher Kanzler keine offiziellen Beziehungen aufnehmen, sondern musste sich im Gegenteil in der Öffentlichkeit von ihr distanzieren.

Angesichts des wachsenden Drucks entschloss sich Bethmann in der Julikrise 1914 zu einem außenpolitischen Vabanquespiel, das durch Zurückdrängung Russlands die äußere Lage des Reichs verbessern und seiner Regierung im Innern neue Spielräume verschaffen sollte. Dabei war er sich der damit verbundenen Kriegsgefahr bewusst, nahm das Risiko aber in Kauf und löste auf diese Weise den Krieg aus, den er eigentlich nicht wollte.

2. Weiterführung der inneren Gegensätze

Allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz hatte Deutschland bei Kriegsbeginn keine Kriegsziele, das unterscheidet 1914 grundsätzlich von 1870 und 1939. Weil der Krieg seinem Wesen nach eine Fortführung der inneren Gegensätze mit anderen Mitteln war, bezogen sich die entscheidenden Kriegsziele auf die Machtverhältnisse im Innern und fielen gemäß der unterschiedlichen gesellschaftlichen Kräfte höchst unterschiedlich aus.

Die Allianz von Junkertum und Schwerindustrie zielte in Weiterführung ihrer bisherigen Politik auf die Niederhaltung der Arbeiterbewegung und der Demokratie. Da nur ein Sieg die dafür notwendige Autorität verschaffen würde, führte der Militäradel den Krieg trotz der sich im Lauf der Zeit verschlechternden Lage kompromisslos bis zum Ende fort und unterband jeden Versuch eines Friedensschlusses, der die Gefahr der Demokratisierung in sich barg.

Die Arbeiterbewegung verfolgte diametral entgegengesetzte Ziele. Die Arbeitermassen nahmen an dem Krieg teil, weil sie der Überzeugung waren, dass Deutschland sich gegen einen Angriff verteidigen müsse. Aber wenn sie schon ihr Leben für den Staat einsetzten, erwarteten sie, dass dieser sie nicht länger als Staatsbürger zweiter Klasse behandelte. Der rechte Sozialdemokrat Eduard David brachte diese Erwartungen mit dem Satz auf den Punkt, dass die SPD statt des Generalstreiks einen Krieg für die Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechts führen würde. Allerdings brachte die Parteiführung noch nicht einmal den Mut auf, diese Forderung öffentlich mit der Bewilligung der Kriegskredite zu verbinden.

Das bürgerliche Lager war innenpolitisch wie seit 1909 gespalten und gelähmt. Während der rechte Flügel der Nationalliberalen gemeinsam mit den Konservativen gegen die Demokratie kämpfte, hielt die Parteiführung ihre Orientierung weiter in der Schwebe. Sie schwenkte nicht zurück auf die Positionen der Montanbourgeoisie, näherte sich aber andererseits auch nicht der SPD an. Gustav Stresemann, seit 1917 Parteivorsitzender, befürwortete in Reden eine Parlamentarisierung des Reichs, unternahm aber bis zum Ende des Kriegs keine praktischen Schritte dorthin.
Stattdessen überspielte die Parteiführung ihre innenpolitische Zerrissenheit wie in der Vorkriegszeit durch die imperialistische Wendung nach außen. Keine andere Kraft vertrat ein derart weitreichendes Annexionsprogramm wie die Nationalliberalen mit Stresemann an der Spitze.

Eine aussichtslose Konstellation

Die Linksliberalen der Fortschrittlichen Volkspartei (FVP) stellten ihre Forderung nach Parlamentarisierung des Reichs angesichts des Kriegs zunächst zurück. Erst in der zweiten Kriegshälfte, als die Hoffnungen auf einen "Siegfrieden" schwanden, kamen sie darauf zurück und vertieften mit dieser Zielsetzung die Kooperation mit der SPD. Ähnlich verhielt sich die Zentrumspartei.

In allen kriegführenden Staaten hatte die lange Kriegsdauer eine zunehmende Machtkonzentration an der Spitze zur Folge. Aber während dies in Großbritannien mit Lloyd George und Frankreich mit Poincaré die bürgerliche Staatsführung war, konzentrierte sich die Macht in Deutschland immer mehr bei der junkerlichen Militärführung. Demgegenüber versuchte der Kanzler auch im Krieg, eine eigenständige Politik zu betreiben, darin eingeschlossen die vorsichtige weitere Öffnung zur SPD, und ging 1917 sogar so weit, die Vormachtstellung des Militäradels anzugreifen – mit dem Ergebnis, dass die Oberste Heeresleitung ihn stürzte und anschließend eine kaschierte Militärdiktatur ausübte.

Diese innere Konstellation war von Anfang bis Ende des Kriegs desolat. Welchen Ausgang auch immer der Waffengang nehmen würde - wie sollten die Beziehungen zwischen den Klassen auf dieser Grundlage gestaltet werden, damit eine neue gesellschaftliche Stabilität zustande kam?

Kriegsfinanzierung durch das Kleinbürgertum

Auch in der Frage der Kriegsfinanzierung setzte sich das innenpolitische Dilemma der Vorkriegszeit fort. Während in Großbritannien neue Steuern zur Deckung der Kriegskosten erhoben wurden, war das im Kaiserreich politisch nicht möglich. Eine Besteuerung von Einkommen oder Besitz hätte wie bei der 1909 gescheiterten Erbschaftssteuer die Gutswirtschaften einbeziehen müssen, und das war zu einem Zeitpunkt, wo das Heer unter Führung der Junker im Feld stand, undenkbar. Umgekehrt hätte eine Erhöhung der Massenverbrauchssteuern ohne gleichzeitige Besitzbesteuerung den Burgfrieden mit der Arbeiterschaft gefährdet, so dass auch diese Alternative ausfiel. Deshalb wurden in Deutschland nur 14 % der Kriegsausgaben über Steuern finanziert, wogegen es in Großbritannien 30 % waren.3

Den Ausweg aus dieser Sackgasse boten Kriegsanleihen bei der eigenen Bevölkerung, die nach dem erwarteten Sieg aus den Kriegsentschädigungen der Gegner zurück gezahlt werden sollten. Sie wurden großenteils von kriegsbegeisterten Kleinbürgern gezeichnet, von Geschäftsinhabern, Handwerkern, Lehrern, Professoren und Angestellten, die dafür häufig auf ihre Ersparnisse für die Altersversorgung zurückgriffen. Als der Krieg verloren ging, entledigte sich die Republik von Weimar der Verbindlichkeiten durch eine Hyperinflation, ohne den Anleihegebern wenigstens einen Mindestbetrag zurück zu zahlen. So entwickelten die kleinbürgerlichen Massen einen Hass auf die Republik, der ebenso groß war wie der Hass auf den Versailler Vertrag, der Deutschland immense Reparationszahlungen auferlegte.

3. Die äußeren Kriegsziele

Unabhängig von den innergesellschaftlichen Triebkräften war natürlich die Frage zu beantworten, welche äußeren Kriegsziele Deutschland verfolgen sollte. Eine öffentliche Erörterung darüber untersagte der Kanzler mit Hilfe des Kriegsrechts, um nach außen die Legitimierung als Verteidigungskrieg nicht zu gefährden und Spielraum für die Friedensverhandlungen nach dem erwarteten Sieg zu haben. Gleichzeitig entwarf er ein internes Kriegszielprogramm, das sog. "Septemberprogramm", das als Orientierung für die Friedensverhandlungen dienen sollte.4 Parallel dazu stellten die verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte Kriegsziele auf, die wie in der Innenpolitik ihren unterschiedlichen Interessen entsprachen und sich entsprechend der geographischen Gegebenheiten entweder im Osten oder im Westen des Reichs konzentrierten.

Die Vertreter des Militäradels forderten im Hinblick auf die Landkriegführung im Westen die Annexion militärstrategisch wichtiger Orte (Lüttich in Belgien und Belfort in Frankreich). Ihre hauptsächlichen Kriegsziele aber lagen im Osten und bezogen sich auf die Stärkung Preußens, um dessen Stellung innerhalb Deutschlands auszubauen. Über die Schaffung von Pufferstaaten zur Zurückdrängung Russlands hinaus sollten die baltischen Länder, in denen der deutschstämmige Gutsadel stark war, als selbständige Monarchien durch Personalunion mit Preußen verbunden werden, um so die borussische Macht zu erweitern. Außerdem wurde die Aneignung eines polnischen Grenzstreifens vorgeschlagen, der unter Aussiedlung der ansässigen Bevölkerung als Bollwerk gegen Russland von Kriegsveteranen besiedelt werden sollte.

Ein weltpolitisches Annexionsprogramm

Auf Seiten des bürgerlichen Lagers verlangte die Schwerindustrie die Aneignung des rohstoffreichen Beckens von Longwy/Briey im französischen Lothringen, während ein anderer Flügel der Industrie auf eine Konzeption von "Mitteleuropa" als deutsch-österreichischem Wirtschafts- und Herrschaftsraum setzte. Jenseits dieser wirtschaftlich bedingten Interessenunterschiede verfolgte das bürgerliche Lager übergreifende, aus der Weltpolitik resultierende Kriegsziele, die von den Nationalliberalen vorgegeben wurden und dort die internen Konflikte aus der Demokratiepolitik zurück treten ließen. "In den Kriegszieldiskussionen kam es zur Annäherung und Zusammenarbeit zwischen der Parteimitte und dem rechten Parteiflügel."5

Neben einem Kolonialreich in Mittelafrika stand im Zentrum dieser Ziele die Annexion der belgisch-französischen Atlantikküste, deren Häfen als Stützpunkte für den geplanten Entscheidungskampf gegen Großbritannien zur Erlangung einer Weltmachtstellung dienen sollten. Belgien vor allem galt als unverzichtbare Kriegsbeute, und das französische Calais sollte nach den Vorstellungen Stresemanns zu einem "deutschen Gibraltar" ausgebaut werden, um von hier aus England zu bedrohen.6 Weil der Kanzler als Gegner der Schlachtflottenpolitik die belgischen Häfen nicht als unverrückbares Kriegsziel betrachtete und frühzeitig erkennen ließ, dass er darauf zugunsten eines Ausgleichs mit Großbritannien verzichten würde, attackierten ihn die Nationalliberalen fortlaufend bis zu seinem Sturz.

Die anderen bürgerlichen Parteien (FVP und Zentrum) teilten zunächst die Kriegsziele der Nationalliberalen, ebenso wie sie die Weltpolitik mitgetragen hatten. Erst als sie Mitte 1917 realisierten, dass ein deutscher Sieg immer fraglicher wurde, schwenkten sie auf die Forderung nach einem Verständigungs- bzw. Remisfrieden ohne Annexionen ein und verstärkten in diesem Zusammenhang den Ruf nach Demokratisierung.

Jenseits aller fortbestehenden Differenzen bedeutete der Kriegsbeginn, dass das 1909 aufgelöste Herrschaftsbündnis von Junkertum und Bourgeoisie als Kriegsbündnis wieder auflebte. Im Prinzip ließ das liberale Annexionsprogramm den Militäradel ebenso kalt wie die Weltpolitik insgesamt. Aber immer wenn die Gefahr bestand, dass die Nationalliberalen innenpolitisch auf einen Demokratisierungskurs einschwenken könnten, spielte die Oberste Heeresleitung (OHL) die belgische Frage hoch, um sie erneut an sich zu binden.

Die Sozialdemokratie verfocht offiziell keine Eroberungsziele. "Die verschiedenen Interpellationen und Protesterklärungen der SPD während des Krieges haben die Mehrheitssozialdemokraten in den Ruf grundsätzlicher Annexionsgegner gebracht. Das ist für ihre offiziellen Äußerungen nach außen hin richtig; aber intern hat eine erhebliche Zahl ihrer führenden Köpfe 'maßvolle Kriegsziele' zumindest stillschweigend hingenommen, manche haben sie auch bejaht, um so stärker, je weiter rechts sie standen."7

Das Septemberprogramm des Reichskanzlers schließlich basierte auf wirtschaftlicher Vorherrschaft und hatte zum Kern "die Mitteleuropa-Idee mit ihrem hegemonialen Anspruch Deutschlands".8 Frankreich sollte unter seinen bisherigen Großmachtstatus gedrückt und Russland durch den Verlust der Herrschaft über die nichtrussischen Völker von der deutschen Grenze abgedrängt werden. In der Konkretisierung dieser Ziele wurde von Frankreich die Abtretung militärisch wichtiger Gebiete in Grenznähe sowie des Erzbeckens von Briey erwartet. Belgien sollte nach den Vorstellungen Bethmanns als formal selbständiger Staat erhalten bleiben, aber seine Küste militärisch zur Verfügung stellen.

Gegenüber der Annexionswelle, die nach Kriegsbeginn die führenden bürgerlichen Schichten ergriff, verstand Bethmann seine Zusammenstellung von Kriegszielen als "ein Programm der Mäßigung",9 wobei er regelmäßig betonte, dass selbst die Verwirklichung gemäßigter Kriegsziele einen vollständigen Sieg voraussetzte. Realistisch denkend, glaubte er ohnehin bald nicht mehr an einen Sieg und bemühte sich um einen Verständigungsfrieden mit den Entente-Mächten.

III. Kriegsverlauf und Herrschaftskämpfe

In den ersten beiden Jahren dominierte zunächst das Kriegsgeschehen als solches, doch als der erwartete Sieg ausblieb, schoben sich seit Mitte 1916 die innerpolitischen Widersprüche wieder in den Vordergrund und bestimmten letztendlich die Wendepunkte der Kriegführung.

1. Marne, Verdun, Skagerrak: der Fehlschlag der Kriegspläne

Nachdem der deutsche Meisterplan für einen raschen Sieg über Frankreich (Schlieffenplan) im Herbst 1914 an der Marne fehlgeschlagen war, verharrten die Fronten 1915 in Erstarrung. Im Frühjahr 1916 versuchte die Heeresführung dann, Frankreich in Verdun niederzuwerfen. Der Ort war militärstrategisch ohne großen Wert, aber weil hier die Teilung des Karolingerreichs im Jahr 843 stattgefunden hatte, galt er als Geburtsort Frankreichs von höchster symbolischer Bedeutung und war anzunehmen, dass der Gegner ihn mit allen Mitteln verteidigen würde. Da Frankreich eine geringere Geburtenrate als Deutschland aufwies, basierte der Plan darauf, dass die Abschlachtung einer ganzen Generation junger Männer im Kampf um Verdun das französische Heer ausbluten und Frankreichs Willen zur Fortführung des Kriegs brechen würde.10 Aber als das Frühjahr zu Ende ging und das französische Heer trotz ungeheurer Opfer standgehalten hatte, war nach dem Schlieffenplan auch der Verdun-Plan gescheitert.

Nunmehr kam die Schlachtflotte zum Einsatz. Bis dahin hatte Wilhelm II ihr Auslaufen verweigert, weil ihm das Risiko angesichts der Überlegenheit der Navy zu hoch erschien. Doch angesichts der sich abzeichnenden Niederlage vor Verdun stieg der Druck, ihre Existenzberechtigung nachzuweisen, so dass er schließlich seine Genehmigung gab. Am 31.Mai 1916 trafen die beiden Flotten im Skagerrak aufeinander. Die deutschen Kampfschiffe konnten sich nach der Seeschlacht wieder in ihre Häfen zurück ziehen, aber mehr auch nicht. So wenig wie das deutsche Heer Frankreich zu Lande schlagen konnte, konnte die deutsche Schlachtflotte Großbritannien auf hoher See schlagen.

Damit stand fest, dass der erwartete Sieg nicht zu erringen war. Erich von Falkenhayn, seit September 1914 Chef der Obersten Heeresleitung, hatte bereits nach dem Fehlschlag des Schlieffenplans bezweifelt, dass der Krieg mit militärischen Mitteln zu gewinnen sei und dem Kanzler geraten, einen Ausweg mit politischen Mitteln zu suchen. Nach dem Scheitern vor Verdun glaubte er endgültig nicht mehr an einen Sieg.

Wie der Heeresoberbefehlshaber sah auch der Kanzler keine Chance mehr, den Krieg zu gewinnen. Deshalb wollte er versuchen, einen Friedensschluss zustande zu bringen, und dazu brauchte er das Einverständnis des Militäradels. Das war zwar in Gestalt Falkenhayns gegeben, doch dieser hatte nach Verdun keinen Rückhalt im eigenen Lager mehr. Um sein geplantes Friedensangebot innenpolitisch abzusichern, sorgte Bethmann daher dafür, dass die im Ostkrieg gegen Russland erfolgreichen und im Volk populären Heerführer Hindenburg und Ludendorff im August 1916 vom Kaiser zur 3.OHL ernannt wurden. "Sowohl für eine Zeit, in der es bis zu Friedenschancen durchzuhalten galt, wie für die Phase von Friedensverhandlungen wollte er Hindenburg als Rückendeckung benutzen. (...) Mit Hindenburg im Rücken wollte er den sonst übermächtigen Annexionisten trotzen, einen bescheidenen Frieden durchsetzen und diesen Sicherheitsfrieden als Erfolg verkaufen."11

2. Der U-Boot-Krieg als innenpolitisches Kampfmittel

Als Friedensvermittler sollte der us-amerikanische Präsident Wilson dienen. Die USA hatten kein Interesse an dem Sieg einer Seite, da dieser die von ihnen betriebene Festsetzung in Europa behindern würde.12 Sie wollten ihren Einfluss als Schiedsrichter eines Friedensschlusses vergrößern und waren daher aus deutscher Sicht für die Vermittlungsrolle prädestiniert.

Nach vorherigen Sondierungen bei der US-Regierung schlugen Deutschland und Österreich/Ungarn Anfang Dezember 1916 öffentlich Friedensverhandlungen ohne Vorbedingungen vor. Die Kriegsgegner wiesen den Friedensappell unverzüglich zurück, doch erwartungsgemäß reagierte nun der amerikanische Präsident. Er bot sich als Vermittler an und signalisierte gleichzeitig, dass er bereit sei, Druckmittel gegen die (finanziell von den USA abhängigen) Ententemächte anzuwenden, um einen Friedensschluss herbei zu führen.

Angesichts der militärischen Lage wäre ein Frieden zu diesem Zeitpunkt das Beste gewesen, was die Mittelmächte hätten erreichen können. Allerdings verknüpfte Wilson sein Angebot mit der Forderung, dass die neue Friedensordnung den Grundsätzen der Demokratie entsprechen und zwischen demokratisch regierten Ländern geschlossen werden müsse. Damit ging es auf deutscher Seite nicht mehr nur um den Frieden, sondern um die Vormachtstellung des Junkertums, und das bedeutete, dass der Militäradel das Vermittlungsangebot aus der Welt schaffen musste. Zu diesem Zweck bediente er sich der U-Boot-Waffe.

1915/16 waren die deutschen U-Boote bereits zum Einsatz gekommen und hatten den britischen Nachschub aus Übersee mit einigem Erfolg gestört. Doch als Washington nach der Versenkung us-amerikanischer Schiffe im April 1916 ein Ultimatum an Berlin richtete, hatte Bethmann ihren Einsatz trotz der Proteste der Marineführung und der bürgerlichen Parteien, die ihm Feigheit und Englandfreundschaft vorwarfen, eingeschränkt. Da mittlerweile einige Boote mehr in Dienst gestellt worden waren, rechnete die Marineführung nun vor, dass die bei einem unbeschränkten U-Booteinsatz zu erwartenden Versenkungsraten Großbritannien binnen kurzem vom Nachschub abschneiden und in die Knie zwingen würden. Der drohende Kriegseintritt der USA wurde erstens bezweifelt und zweitens als unerheblich abgetan, denn die aus Übersee heran zu bringenden US-Truppen würden an den U-Booten nicht vorbei kommen.13

Obwohl sämtliche Liberalen ebenso wie die Zentrumspartei die Position der Marineleitung unterstützten, blieb Bethmann bei seinem Veto. Er war skeptisch gegenüber den vorgelegten Berechnungen und hielt einen Kriegseintritt der USA aus politischen wie militärischen Gründen für eine Katastrophe, zumal der U-Boot-Einsatz als erstes seinen Friedensplan torpedieren würde.

Ursprünglich war auch die OHL gegen die Fortsetzung der U-Boot-Angriffe gewesen, doch schon die ersten Sondierungen der Regierung gegenüber der US-Regierung hatten sie hellhörig gemacht. Jetzt forderte sie ultimativ die Erteilung eines unbeschränkten Angriffsbefehls, denn ein besseres Mittel, um das us-amerikanische Vermittlungsangebot und damit die Demokratisierungsgefahr zu Fall zu bringen, gab es nicht. Dem ohnmächtigen Kanzler ließ sie durch den Kaiser mitteilen, dass der Einsatz der Unterseeboote keine politische, sondern eine rein militärische Entscheidung sei, und am 1.Februar 1917 wurde der unbeschränkte U-Boot-Krieg aufgenommen. Daraufhin brachen die Vereinigten Staaten die diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich ab und erklärten ihm Anfang April den Krieg.14 Die Konservativen konnten beruhigt sein. "Je eindeutiger man vor allem den neuen Kriegsgegner USA dem Lager der Feinde zuordnen konnte, desto sicherer glaubten die Deutschkonservativen, die Gefahr eines durch Wilson vermittelten Verständigungsfriedens mit allen seinen innenpolitischen Konsequenzen bannen zu können."15

3. Ein Kampf um die Herrschaft

Nach dieser Demonstration der Machtverteilung hätte der Kanzler eigentlich zurücktreten müssen. Doch er nahm die Niederlage in Kauf in der Hoffnung, dass ein Scheitern des U-Bootkriegs die OHL schwächen würde. Er war seit längerem zu der Überzeugung gelangt, dass die Vorherrschaft des Junkertums im Interesse der Zukunft Deutschlands beseitigt werden müsse. Im Juni 1916 hatte er einem Vertrauten gegenüber in aller Offenheit von der "Unmöglichkeit, Ostelbien zu ändern", gesprochen; es "muss gebrochen werden, untergehen". Später äußerte er, dass seiner Meinung nach "eine wirklich entschiedene Politik mit einer vernünftigen auswärtigen Linie nur mit der Linken … machbar" sei, und klagte, "wenn er nur stärker wäre", würde er an die Spitze der Sozialdemokratie treten und das gleiche Wahlrecht einführen; der geballten konservativen Opposition sei er jedoch nicht gewachsen.16 Bald schien die Entwicklung ihm die Gelegenheit zur Entmachtung der Gutsbesitzer zu geben.

Kaisertum und Demokratie

Während die U-Boote noch zu ihren ersten Einsätzen ausliefen, brach die russische Februarrevolution aus und stürzte die Zarenherrschaft. Zwar führte die an die Macht gelangte Kerenski-Regierung den Krieg fort, aber der jetzt aus Russland ertönende Ruf nach einem Frieden "ohne Annexionen und Kontributionen" fand in Deutschland großen Widerhall. Der Protest in der Arbeiterschaft gegen die Kriegspolitik der eigenen Partei wuchs an und in der SPD bahnte sich eine Spaltung an, die kurz darauf mit der Gründung der "Unabhängigen" Sozialdemokratie (USPD) erfolgte.

Angesichts der Gefährdung des Burgfriedens gelang es Bethmann nunmehr, den Kaiser von der Notwendigkeit eines Entgegenkommens gegen die Arbeiterbewegung zu überzeugen, so dass dieser in seiner (vom Kanzler verfassten) Osterbotschaft 1917 zwar nicht die Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts ankündigte, wie Bethmann das vorgezogen hätte, aber eine grundlegende Reform versprach. Als Programm von "Kaisertum und Demokratie" bekannt geworden, bestand das mit der Osterbotschaft verfolgte Konzept des Kanzlers darin, gestützt auf die Monarchie die Demokratisierung des Kaiserreichs sozusagen "von oben" durchzuführen und auf diese Weise einerseits die Monarchie zu bewahren und gleichzeitig die Macht des Junkertums zu brechen.

Nachdem der Militäradel gerade erst Wilsons Initiative zu Frieden und Demokratie abgewehrt hatte, wurde er jetzt durch die Osterbotschaft herausgefordert. Die Konservativen waren "durch die Initiative Bethmann Hollwegs auf das höchste alarmiert (…) Sie mussten bei der drohenden Demokratisierung ihres letzten Bollwerks Preußen für ihre eigene Machtstellung in Staat und Gesellschaft fürchten".17 Da sich das Rechtsbündnis nicht offen gegen das Demokratieversprechen wenden konnte, mobilisierte es stattdessen eine Kriegszielbewegung. "In der öffentlichen Diskussion in Deutschland um die Kriegsziele, die seit dem Frühjahr 1917 ... heftiger denn je entbrannte, trat immer deutlicher auch die innenpolitische Bedingtheit der deutschen Kriegszielpolitik hervor. Die OHL und die gesamte politische Rechte in Deutschland begründeten die Notwendigkeit 'positiver' Kriegsziele wiederholt mit dem Argument, ein Abschluss des Krieges ohne Annexionen und Kriegsentschädigungen würde das monarchische System bedrohen."18

Unter dem auf ihn ausgeübten Druck musste Bethmann gegenüber der OHL erneut nachgeben, aber bald darauf, im Juli 1917, trieben die Dinge auf eine Entscheidung zu. Mittlerweile hatten sich die anfangs hohen Versenkungszahlen der Unterseeboote schlagartig reduziert, nachdem die Alliierten zur Bildung von Geleitzügen übergegangen waren. Somit war nach dem Schlieffen-Plan und der Niederlage vor Verdun auch der nächste Plan zur Gewinnung des Kriegs fehlgeschlagen. Darüber hinaus begann jetzt ein unaufhörlicher Strom von Truppen und Waffen aus den USA nach Europa zu fließen. Gleichzeitig wusste jedermann, dass nicht der Kanzler, sondern die OHL den gescheiterten U-Bootkrieg zu verantworten hatte.

Mehrheitswechsel im Reichstag

Der Fehlschlag der U-Boote und der an ihren Einsatz geknüpften Hoffnungen bewirkte eine zunehmende Unzufriedenheit in den Massen, zumal die Wirtschaftslage immer elender wurde. Während die inzwischen gegründete USPD sprunghaft anwuchs, verbreitete sich die Forderung nach einem baldigen Friedensschluss auch in den anderen Parteien. "Diese Stimmung erfasste alle Volksschichten, die sich wirtschaftlich und sozial gedrückt fühlten. Sie ging von den sozialdemokratischen zu den christlichen Arbeitern, zu den Bauern und zum Mittelstand. Die Explosion erfolgte beim Zentrum."19

Wenige Monate zuvor hatte die Führung der Zentrumspartei die Forderung nach dem unbeschränkten U-Boot-Krieg lautstark unterstützt, jetzt realisierte ihr Vorsitzender Matthias Erzberger als erster die neue Lage. Er gewann die Überzeugung, dass Deutschland den Krieg möglichst schnell beenden müsse, bevor es zu spät war. Am 6.Juli hielt er im Hauptausschuss des Reichstags eine große Rede, in der er den Fehlschlag des U-Bootkriegs feststellte und einen Ausgleichsfrieden sobald wie möglich forderte. Denselben Schwenk vollzog die linksliberale FVP, und somit gab es zum ersten Mal im Krieg eine Reichstagsmehrheit für einen Verständigungsfrieden. "Das Zentrum ging zusammen mit den Sozialdemokraten in Opposition gegen die in Deutschland herrschenden Schichten, und als dritte Gruppe schloss sich die Fortschrittspartei, als Vertreterin der Kaufmannschaft und überhaupt des mittleren Bürgertums, der neuen Reichstagsmehrheit an."

Rosenberg, der dies schreibt, bezeichnet das Ereignis als "eine revolutionäre Tat, und an jenem 6.Juli 1917 ist der Grundstein zur deutschen bürgerlichen Republik gelegt worden."20 Tatsächlich bildeten SPD, FVP und Zentrum anderthalb Jahre später die sog. Weimarer Koalition, die die Republik aus der Taufe hob. Doch wie "revolutionär" war die Tat vom 6.Juli in Wirklichkeit, und wie stabil war der damit gelegte "Grundstein" der Republik? Die Antwort darauf gaben die kommenden Tage.

Die Stellung der Machtfrage

Am Tag nach Erzbergers Auftritt nahm Stresemann als Sprecher der Nationalliberalen zu der neuen Situation Stellung. "In einer sehr geschickten Rede", die er "im Einverständnis mit Ludendorff", Hindenburgs Stellvertreter in der OHL, hielt, forderte er "viel entschiedener als das Zentrum und die Sozialdemokraten die Parlamentarisierung Deutschlands. Im Zusammenhang damit richtete er die schärfsten Angriffe gegen die völlig verfehlte Innen- und Außenpolitik Bethmann-Hollwegs."21 Für die verbal angemahnte Parlamentarisierung rührte die nationalliberale Parteiführung anschließend keine Hand mehr. Umso tatkräftiger ergriff sie die Gelegenheit, den verhassten Reichskanzler los zu werden und das Kriegsbündnis mit der Junkerpartei zu erneuern.

Ob der Kanzler die Schwächung der OHL überschätzte, die Politik der Nationalliberalen falsch beurteilte oder eine Reichstagsmehrheit hinter sich glaubte – jedenfalls ging er nach dem Linienschwenk des Zentrums zum Angriff über und stellte die Machtfrage. Am 10.Juli brachte er den Kaiser dazu, über die Osterbotschaft hinaus einer grundlegenden innen- wie außenpolitischen Wende zuzustimmen. "Bethmanns Kerngedanken der gesamten Kriegszeit wurden zu einem innen- und außenpolitischen Programm gebündelt, das ... Deutschland zur parlamentarischen, auf einen Remisfrieden bedachten Monarchie umformen sollte."22 Ein Kernpunkt war die definitive Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechts, die Wilhelm II zu einer Entscheidung zwang, deren Alternativen er selber so formulierte: "Nach Ansicht der einen Seite bedeutet Proklamierung des gleichen Wahlrechts (den) Untergang Preußens, nach Ansicht der anderen Seite (die) Unterlassung der Proklamierung wahrscheinlich (den) Verlust des Krieges und damit (den) Untergang Deutschlands und Preußens".23 Inzwischen von der Unvermeidbarkeit dieses Schritts überzeugt, unterzeichnete er am 11.Juli 1917 eine "Allerhöchste Ordre", die für die nächsten Landtagswahlen in Preußen die Geltung des Reichstagswahlrechts ankündigte.

Übergang zur Militärherrschaftr

Damit hatte er das politische Todesurteil für seinen Kanzler und sich selber ausgefertigt. Am Tag darauf lud der auf Seiten der OHL stehende Kronprinz ohne jede Legitimation die Vertreter der Reichstagsparteien zu sich, um die Notwendigkeit eines Kanzlerwechsels zu besprechen. Während SPD und FVP auf dem Treffen ein laues Bekenntnis zu Bethmann ablegten, plädierten Konservative und Nationalliberale entschieden für die Absetzung des Kanzlers – und Erzberger als Vertreter des Zentrum schloss sich ihnen an.24 Als somit geklärt war, dass das Parlament folgsam blieb, zwangen Hindenburg und Ludendorff den Kanzler am 13.Juli zum Rücktritt und ließen an seine Stelle sie einen Verwaltungsbeamten namens Michaelis treten, dessen Qualifikation aus dem Versprechen bestand, dass er sein Amt "in steter Übereinstimmung mit der OHL führen" wolle. Den Kaiser schoben sie auf ein Abstellgleis.

Hätte Bethmanns Vorstoß Erfolg gehabt, wäre die Herrschaft der Gutsbesitzer gebrochen worden. Doch die Nationalliberalen, gefolgt vom Zentrum, verhinderten dies. Klassenpolitisch formuliert entschied sich die große Bourgeoisie, vom Militäradel vor die Wahl zwischen Imperialismus und Demokratie gestellt, für den Imperialismus und das Kriegsbündnis mit dem Junkertum, um ihre weltpolitischen Annexionsziele zu realisieren. Damit war die Machtfrage beantwortet – und die Kriegsniederlage des Kaiserreichs besiegelt.

Bis Kriegsende herrschte der Militäradel in Gestalt der OHL unangefochten. Er musste nicht einmal den Reichstag auseinander jagen, weil dieser nichts tat, um das Militär zu entmachten, sondern weiterhin die beantragten Kriegskredite bewilligte. Also konnte man ihn ruhig Friedensresolutionen verabschieden lassen – sie blieben ebenso folgenlos wie die Ausschusssitzungen, in denen über eine Parlamentarisierung beraten wurde. Obwohl die Parteien, die für eine Demokratisierung eintraten, über eine Mehrheit verfügten, unternahm das Parlament bis zum Schluss nichts, um die politische Entscheidungsgewalt an sich zu ziehen.



IV. Eine Republik ohne Hegemonie

Die Oktoberrevolution 1917 in Russland und damit das Ausscheiden Russlands aus dem Krieg brachte die Dinge noch einmal in Bewegung. Um die Regierung zu einem baldigen Friedensschluss nicht nur im Osten, sondern auch im Westen zu zwingen, traten Ende Januar 1918 Hunderttausende von Arbeitern in den Streik und verlangten einen annexionslosen Frieden sowie die durchgreifende Demokratisierung Deutschlands.25 Doch indem führende SPD-Mitglieder, u.a. der Parteivorsitzende Ebert, in die Streikleitung eintraten und gleichzeitig Kriegsrecht angewandt wurde, gelang es der Militärführung, die Massenerhebung teils abzuwürgen, teils niederzuschlagen.

Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk, den das Reich schließlich im März 1918 der von den Bolschewiki geführten russischen Regierung aufzwang, diente vor allem der dynastischen Stärkung und dem Ausbau der Macht Preußens, aber schuf solche Unruheherde, dass über eine Million deutscher Soldaten im Osten stationiert bleiben mussten, die für die geplante Entscheidungsschlacht im Westen fehlten. Einen Versuch des Außenstaatssekretärs Kühlmann, einen zurückhaltenden, politisch klügeren Frieden zu schließen, wischten die Militärs beiseite. "Die Oberste Heeresleitung setzte ihren Willen auch in Brest-Litowsk durch."26 Und als Kühlmann im Juni vor dem Reichstag gegen den Protest von Nationalliberalen und Konservativen für eine diplomatische Lösung des Kriegs im Westen plädierte, ließ die OHL ihn ablösen.

Demokratisierung auf Befehl

Ende September 1918 musste die Militärführung anerkennen, dass der Krieg verloren war. Vier Jahre zuvor angetreten, um die alte Ordnung mit Hilfe eines großen Siegs auf den Schlachtfeldern Europas für weitere Jahrzehnte zu sichern, waren die Junker jetzt genötigt zu realisieren, dass die unausweichliche Niederlage ihre Stellung aufs schwerste erschüttern musste. Deshalb war ihnen daran gelegen, die Verantwortung für den Friedensschluss an den Reichstag abzugeben und so viel wie möglich der alten Verhältnisse zu retten.

Anderthalb Jahre zuvor hatte die OHL Wilsons Friedensinitiative und Demokratieforderung mit Hilfe der U-Boote durchkreuzt. Jetzt ergriff sie selber die Initiative zur Demokratisierung, um die Vereinigten Staaten, von denen mildere Friedensbedingungen als von den europäischen Gegnern zu erwarten waren, zum Schiedsrichter des Friedensschlusses zu machen. Sie sorgte dafür, dass der Reichstag mit Zustimmung des Kaisers die notwendigen Beschlüsse fasste und ließ am 28.Oktober 1918 das Gesetz zur Änderung der Bismarckschen Reichsverfassung in Kraft treten. Es übertrug dem Reichstag die fünfzig Jahre lang verweigerte Verantwortlichkeit und wandelte Deutschland in eine konstitutionelle, parlamentarisch fundierte Monarchie um. Gleichzeitig ließ die OHL vermelden, dass nunmehr auch "das gleiche Wahlrecht in Preußen aus militärischen und nationalen Gründen notwendig" sei.27 Daraufhin fasste der preußische Landtag, der sich bis dahin jedem Reformversuch verweigert hatte, den einstimmigen Beschluss zur Einführung des Reichstagswahlrechts.

Laut Verfassung war Deutschland damit zu einer parlamentarischen Demokratie geworden. "Schon vor der Revolution wurde so das parlamentarisch-parteienstaatliche Regime in Deutschland etabliert; zwar weniger aus eigener politischer Kraft als durch einen Anstoß von außen – die in den Noten des USA-Präsidenten als Bedingung für Friedensverhandlungen mit dem Deutschen Reich enthaltene Forderung nach vorheriger 'Parlamentarisierung' der Regierung".28 Oder um es deutlicher zu sagen: "Die Parlamentarisierung Deutschlands ist nicht vom Reichstag erkämpft, sondern von Ludendorff angeordnet worden."29

Eine verpuffte Revolution

Kurz darauf warf die Novemberrevolution das alte System binnen weniger Tage über den Haufen. Doch nicht Arbeiter- und Soldatenräte übernahmen die Staatsgewalt, sondern die Sozialdemokratie, die in der entscheidenden Phase des Umsturzes die Neugestaltung der Herrschaftsverhältnisse bestimmte. Dabei war das Entscheidende an ihrer Politik nicht, dass sie eine sozialistische Revolution hintertrieb, was ihr von Linken bis heute vorgehalten wird, sondern vielmehr, dass sie sich der anstehenden bürgerlichen Revolution in den Weg stellte.

1848 war das Bürgertum aus Angst vor dem sozialen Umsturz in die Arme der preußischen Krone und ihrer Truppen geflüchtet. Dasselbe taten jetzt die Sozialdemokraten aus Furcht vor den revolutionären Arbeitermassen, deren Zorn auf die "Arbeiterverräter" nach jahrelangen Opfern und Entbehrungen grenzenlos war. Anstatt den adeligen Großgrundbesitz zu enteignen und an Landarbeiter und Kleinbauern zu verteilen, um die Agrarbevölkerung für die demokratische Republik zu gewinnen, verbündete sich die SPD-Führung im Ebert-Groener-Pakt mit dem Militäradel, um diesen zur Anerkennung ihrer Regierungsübernahme zu bewegen. Damit rettete sie die eigene Haut – und garantierte die soziale Basis und Fortexistenz des reaktionären Preußentums.

Gleichzeitig verständigte sich die Gewerkschaftsführung im Stinnes-Legien-Abkommen mit der Montanbourgeoisie, um als Tarifpartner anerkannt zu werden, und unterlief so die Verstaatlichung der Schwerindustrie, die nicht nur von der eigenen Partei, sondern sogar von Liberalen gefordert wurde.

Währenddessen führte die revolutionäre Linke, zunächst als Spartakusgruppe und später als KPD, einen aussichtslosen Kampf für eine sofortige sozialistische Revolution. Sie erkannte so wenig wie vorher die Sozialdemokratie der Kaiserzeit, dass auf dem Weg dorthin zunächst die bürgerliche Revolution vollendet werden musste. Ihr Sozialismuskonzept richtete sich gegen die Mehrheit des Volkes und war 1918/19 ebenso zum Scheitern verurteilt war wie in den Jahren davor und danach.

Ohne Führung durch eine Partei mit einem tauglichen politischen Programm erging es der Novemberrevolution von 1918 wie ihrem Vorläufer, der Revolution von 1848: sie überrannte die alten Gewalten, aber zerschlug sie nicht. Die Träger der alten Ordnung inklusive Justiz und Beamtenapparat blieben unbehelligt, und selbst die nach dem Versailler Friedensvertrag auf 100.000 Mann reduzierte Reichswehr verblieb als Staat im Staate in der Hand des Militäradels. Der einzige Erfolg des Novembers über die schon zuvor erfolgte Parlamentarisierung hinaus war die Abschaffung der Monarchie.

Die Konsequenz war, dass sich die 1909 begonnene Krise von Staat und Gesellschaft in der Republik fortsetzte. Nicht die Wahlen richteten Weimar zugrunde – die Hegemonielosigkeit brachte die Wahlergebnisse hervor, welche die Republik parlamentarisch unregierbar machten. Und nicht der schwarze Freitag führte Deutschland in die Katastrophe von 1933 – die Wirtschaftskrise von 1929 beschleunigte nur den Einsturz eines von Beginn an morschen Staatsbaus.

Literatur

John P.Birkelund: Gustav Stresemann. Patriot und Staatsmann; Hamburg 2003

- Joachim Bohlmann: Die deutschkonservative Partei am Ende des Kaiserreichs: Stillstand und Wandel einer untergehenden Organisation; Südwestdeutscher Verlag für Hochschulschriften 2012; Internet: http://d-nb.info/1023612798/34

Carl Dietrich Bracher, Manfred Funke, Hans-Adolf Jacobsen (Hrsg): Die Weimarer Republik 1918-1933; Bonn 1987

Gordon A.Craig: Deutsche Geschichte 1866 – 1945. Vom Norddeutschen Bund bis zum Ende des Dritten Reiches; München 1985

Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18; Düsseldorf 1967

Heiner Karuscheit: Deutschland 1914. Vom Klassenkompromiss zum Krieg; Hamburg 2014

Wolfgang Michalka (Hrsg): Der Erste Weltkrieg. Wirkung-Wahrnehmung-Analyse; im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes; München 1994

Arthur Rosenberg: Entstehung und Geschichte der Weimarer Republik (2 Bücher in 1 Band), hrsg. und eingeleitet von Kurt Kersten; Frankfurt 1983

Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914-1949; München 2003

Günter Wollscheid: Theobald von Bethmann Hollweg. Letzter Erbe Bismarcks, erstes Opfer der Dolchstoßlegende; Göttingen-Zürich 1995



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3. Bebel und die Strategie der Kriegsverhütung

(zuerst erschienen in: Sozialismus 1-2015)

Vier Jahre lang, vom September 1910 bis zu seinem Tod im August 1913, stand der SPD-Parteivorsitzende August Bebel in geheimer Verbindung mit der britischen Regierung, um diese vor einem bevorstehenden Angriff der deutschen Schlachtflotte zu warnen. Soeben ist eine Studie zu diesen Kontakten unter dem Titel "Bebel und die Strategie der Kriegsverhütung 1904-1913" in erweiterter Neuauflage erschienen. Neben ergänzenden Schriftstücken enthält der dokumentarische Hauptteil die Unterredungen Bebels mit dem britischen Generalkonsul in der Schweiz, Heinrich Angst, durch den er seine Warnungen dem Foreign Office in London zukommen ließ.

Der Herausgeber Helmut Bley hat das Werk mit einem ausführlichen neuen Vorwort versehen, das die Dokumente in die aktuelle Debatte um den Ursprung des Ersten Weltkriegs einordnet und sich gegen die insbesondere von Clark und Münkler vertretene Auffassung eines schlafwandlerischen Hineinschlitterns aller europäischen Mächte in den Krieg wendet.

Über die Kriegsfrage hinaus berühren die Gespräche sowie der begleitende Briefwechsel Bebels auch die Herrschaftsverhältnisse in Deutschland und geben wie in einem Blitzlicht Einblick in die politische Gedankenwelt der SPD-Führung. Ihre Lektüre ist vor allem deswegen aufschlussreich, weil damit die nach wie vor drängende Fragestellung erhellt wird, wie es dazu kommen konnte, dass die SPD im August 1914 die Vaterlandsverteidigung befürwortete, ohne sich zu spalten.

Der befürchtete Schlachtflottenkrieg gegen Großbritannien

Gleich in seinem ersten Gespräch mit dem britischen Generalkonsul in Zürich Ende September 1910 sagte Bebel einen Krieg voraus: "Die Katastrophe wird, glaube ich, 1912 kommen, wenn nicht früher. Preußen kann nicht hoffen, jemals in einer besseren Position für einen plötzlichen Angriff auf England zu sein, als dann, wenn die Seestreitkräfte in den modernsten Kampfeinheiten fast gleichwertig sind, während sich Englands Verteidigung zu Lande noch in chaotischem Zustand befindet." (Bericht Angst vom 4.Oktober 1910 an den britischen Außenminister Edward Grey über ein Gespräch mit Bebel eine Woche zuvor) In diesem Zusammenhang äußerte der SPD-Parteivorsitzende zugleich sein Unverständnis darüber, "was sich die Britischen Regierungen und das Volk dabei denken, Deutschland so nah mit seiner Flottenrüstung an sich heranschleichen zu lassen."

Die Warnung vor einem deutschen Überfall auf Großbritannien wiederholte Bebel im Lauf der kommenden Jahre regelmäßig. Sie erwuchs nicht allein der Sorge vor einem Krieg als solchem, sondern war genauso den befürchteten innenpolitischen Rückwirkungen eines deutschen Siegs geschuldet. So prophezeite er am 2.Januar 1912, "dass die englische Flotte gleich zu Beginn geschlagen werden würde, und dann wäre das Unheil für Deutschland ebenso groß wie für England. Alle liberalen und demokratischen Institutionen in Deutschland wären für eine Generation erledigt und unsere Partei eine Zeitlang ruiniert." (Gespräch vom 2.Januar 1912)

Um den nach seiner Auffassung unmittelbar bevorstehenden Krieg zu verhindern, beließ er es nicht bei bloßen Warnungen, sondern forderte die britische Regierung zur Aufrüstung auf, wie sein Gewährsmann nach London übermittelte: "Herr Bebel ist der Meinung, dass es nur einen Weg gibt, aber nur einen, den ruinösen Flottenwettlauf zwischen England und Deutschland zu beenden, nämlich die Aufnahme einer überwältigenden Sonderanleihe für die Flotte durch die Regierung seiner Majestät." (Brief Angst an Tyrell, 1.Mai 1911) Bebel selber äußerte: "Deutschland kann einfach nicht mehr Geld als jetzt für seine Flotte ausgeben ... Eine letzte, entschlossene Anstrengung von Seiten Englands, die eindeutige Vorherrschaft zur See wiederzugewinnen, wird Deutschland dazu bringen, das Handtuch zu werfen." (Gespräch mit Angst am 17.März 1912) Diesen Gedanken betonte er bis zum Schluss: "Wenn die britische Regierung eine Sonderanleihe von sagen wir 40 Millionen Pfund für die Marine aufnähme, würden und könnten die Deutschen dem Beispiel nicht folgen." (Brief Angst an Tyrell, 18.März 1913)

Die Furcht des SPD-Vorsitzenden vor der deutschen Schlachtflotte ging so weit, dass er sogar die Forderung nach einer allgemeinen Abrüstung ablehnte, weil dies dem Kaiserreich in die Hände spielen würde. (Bericht Angst an Grey, 4.Oktober 1912)

Die Reaktion der britischen Regierung

Bebels Entschluss, es nicht bei der öffentlichen Antikriegspolitik der SPD zu belassen, sondern den auswärtigen Klassenfeind insgeheim zur Aufrüstung aufzufordern, um den heimischen Klassenfeind zu bekämpfen, war zweifellos ungewöhnlich. Das Bekanntwerden dieser Verbindung nach dem 2.Weltkrieg führte bei einigen Historikern sogar zum posthumen Vorwurf des Landesverrats, obwohl die Mitteilungen nichts Geheimes enthalten, sondern wesentlich die politische Ideenwelt Bebels wiedergeben. Doch inwieweit waren sie geeignet, einen Krieg zu verhindern? Wie realistisch war überhaupt die Annahme Bebels von der unzureichenden Rüstung der Navy?

Diese Frage beantwortete die britische Regierung selber. In einem Brief an Bebel erläuterte Angst dem deutschen Arbeiterführer "losgelöst von allen Mätzchen und Phrasen" die beiden Axiome der britischen Außen- und Militärpolitik, nämlich: "1) Die Übermacht der britischen Flotte, 2) Bewahrung des politischen und militärischen Gleichgewichts auf dem Kontinent." (Brief Angst an Bebel, 14.April 1913) Unabhängig davon, welche Partei die Regierung stellte, bestimmten diese Postulate das Handeln des Inselstaats.

Hierzu bemerkte der britische Außenminister Edward Grey in einem Schreiben an Angst gleich nach der ersten Kontaktaufnahme, dass in dem gerade geführten Wahlkampf die Marinerüstung "mit einer gewissen parteipolitischen Erregung diskutiert" worden sei. Dann fuhr er trocken fort: das "hat im Ausland dazu geführt, ihre Stärke ebenso zu unterschätzen wie das Ausmaß dessen, was getan wird, um ihre Überlegenheit zu erhalten." (Brief Grey an Angst, 13.10.1910) Er ließ also keinen Zweifel daran, dass London trotz zeitweise heftiger interner Differenzen an der Überlegenheit zur See festhielt und wies dezent darauf hin, dass Bebel das Wahlkampfgetöse offenbar für bare Münze genommen habe. Durch die Auswertung der inzwischen frei gegebenen Akten weiß man mittlerweile auch definitiv, dass die britische Admiralität zu jeder Zeit über den Stand der deutschen Marinerüstung informiert war und die Dominanz der eigenen Schlachtflotte nie in Zweifel stellte. (Andreas Rose: Zwischen Empire und Kontinent. Britische Außenpolitik vor dem Ersten Weltkrieg; München 2011)

Zu ergänzen ist, dass England nicht nur seine Schlachtflotte auf Stand hielt, sondern auch die zweite von Angst konstatierte Maxime seiner Außenpolitik realisierte, nämlich die Vorherrschaft eines Staates auf dem Kontinent zu verhindern. Um das Kaiserreich einzudämmen, schloss es 1904 ein Bündnis mit Frankreich und 1907 eines mit Russland.

Bley als Herausgeber der Dokumente sieht in dem Vorgehen des SPD-Vorsitzenden "kein durchdachtes Konzept eines international orientierten Sozialisten". Er weist darauf hin, dass Bebel, der politisch aus dem Handwerkerflügel der liberalen Bewegung kam, offenbar nach wie vor dem Klischee des liberalen England anhing, das zu den außenpolitischen Grundannahmen des deutschen Liberalismus der Reichsgründungszeit gehörte.

Interne Machtkämpfe

Nun muss zu seiner Ehrenrettung gesagt werden, dass er seine Warnungen nicht aus den Fingern saugte. Auf deutscher Seite gab es in der Marineleitung ebenso wie in der tonangebenden bürgerlichen Partei, den Nationalliberalen, ernst zu nehmende Forderungen nach einem Krieg mit Großbritannien, um eine Weltmachtstellung mitsamt einem Kolonialreich in Mittelafrika zu erobern Doch wie realistisch waren diese Tendenzen? Inwieweit waren die deutschen liberalen Imperialisten in der Lage, den gewünschten Krieg intern durchzusetzen, d.h. die politische und vor allem militärische Führung des Reichs hinter sich zu bringen?

Die Weltpolitik mit den Schlachtschiffen im Zentrum war ein bürgerlich-liberales, vom Kaiser unterstütztes Projekt. Das in Preußen herrschende Junkertum, dem das Landheer unterstand, hatte daran kein Interesse. Insbesondere die kostenträchtige Schlachtflotte war für die Großagrarier stets die "grässliche, hässliche Flotte", deren Bau sie nur deswegen zugestimmt hatten, weil im Gegenzug die Getreidezölle um das Fünffache erhöht wurden. Die Untersuchungen Eckart Kehrs, insbesondere sein Werk "Schlachtflottenbau und Parteipolitik", haben diesen Zusammenhang gründlich herausgearbeitet.

Doch die Tolerierung des Flottenbaus bedeutete nicht, dass die Großgrundbesitzer mit einem Krieg gegen Großbritannien einverstanden waren. Den geographisch-politischen Gegebenheiten entsprechend war ein solcher Seekrieg nicht isoliert zu führen, sondern musste durch einen Landkrieg gegen das seit 1904 mit London verbündete Frankreich flankiert werden, gegebenenfalls auch gegen Russland. Oder klassenspezifisch ausgedrückt: die Bourgeoisie konnte ihren Schlachtflottenkrieg gegen das "perfide Albion" nicht ohne das Landheer der Junker führen – während umgekehrt der Militäradel sehr wohl einen Kontinentalkrieg ohne die Schlachtflotte führen konnte – was er 1914 auch praktizierte.

Bebel selber betonte in den Besprechungen mit Angst regelmäßig die Macht des Junkertums: "Preußen zu reformieren ist unmöglich; es wird der Junkerstaat bleiben, der es zur Zeit ist". (Gespräch vom 4.10.1910) Aber was sollte den mächtigen Militäradel dazu bewegen, mit seinem Heer kontinentalen Flankenschutz für einen weltpolitischen Seekrieg zu geben, der allein im Interesse der Bourgeoisie lag?

Der unrealistische Krieg: die Marokko-Krise 1911

Auf dieser Basis erklärt sich der Ablauf der Marokko-Krise 1911, die der Kriegsfurcht Nahrung gab und Bebel eine bis heute bekannte Antikriegsrede im Reichstag halten ließ.

Ihr Ursprung war der Versuch des deutschen Außenministers Kiderlen-Wächter, aus Anlass eines Vorfalls in Marokko Frankreich zur Übertragung seiner mittelafrikanischen Kolonien an das Kaiserreich zu zwingen; im Gegenzug würden die Deutschen auf ihre Interessen in Nordafrika verzichten. Zur Unterstreichung des Vorhabens ließ er das Kanonenboot Panther nach Agadir auslaufen. Da das mit Frankreich verbündete Russland durchblicken ließ, dass es einen Kolonialstreit nicht als Bündnisfall für einen Krieg betrachten würde, machte die französische Regierung bereits Anstalten, dem deutschen Druck nachzugeben. Doch dann trat Großbritannien auf den Plan, erklärte, dass es eine Schwächung Frankreichs nicht hinnehmen würde, und ließ zur Bekräftigung seiner Entschlossenheit seine Schlachtschiffe auslaufen.

Wenn die deutsche Regierung unter Bethmann Hollweg, wie vielfach behauptet, von Anfang an auf einen Weltmachtkrieg abgezielt hätte, dann war jetzt die Gelegenheit dazu, denn die Kriegskonstellation war ideal: man musste keinen Zweifrontenkrieg führen und das preußisch-deutsche Heer hatte gegen Frankreich größte Siegeschancen. Doch kaum stellte London sich auf die Seite von Paris, trat der Kanzler den Rückzug an und signalisierte Kompromissbereitschaft.

Der Rückzieher erklärt sich politisch und nicht aus Angst vor dem Krieg. Selbst wenn Bethmann-Hollweg gewollt hätte – wie hätte er die Entscheidung für einen solchen Krieg durchsetzen können? Aus den eben genannten Gründen hatte der preußische Militäradel keinerlei Interesse daran, das Heer in einen Landkrieg gegen Frankreich zu schicken, um Schützenhilfe für einen weltpolitischen Seekrieg gegen Großbritannien zu leisten. Und angesichts seiner politisch-militärischen Schlüsselstellung war es undenkbar, ihm einen Krieg gegen seinen Willen aufzuzwingen. Davon abgesehen entsprach ein solcher Krieg auch nicht dem Konzept des Kanzlers. Er war ein Gegner der Schlachtflotte und verfolgte eine Politik der Entspannung und Abrüstung mit London. Deshalb gab er nach dem britischen Auftreten sofort nach, trotz der wütenden Proteste der Liberalen, die ihm Feigheit und Englandfreundschaft vorwarfen und ihm bis zu seiner Entlassung 1917 nicht verziehen, dass er die Kriegsgelegenheit 1911 nicht wahrgenommen hatte.

Im Zusammenhang mit dieser Krise hielt Bebel am 11.November 1911 seine viel zitierte Rede, in welcher er vor der Katastrophe eines Weltkriegs warnte und prophezeite, dass nach "dem großen Generalmarsch der große Kladderadatsch" kommen würde. Nur führte der britisch-deutsche Gegensatz weder 1911 in Marokko noch zu einem anderen Zeitpunkt in den Krieg. Anstelle eines Schlachtflottenkriegs mit Großbritannien begann 1914 ein ganz anderer Krieg, nämlich ein Kontinentalkrieg mit Russland und Frankreich, in dem britische Landtruppen an der Seite des französischen Heeres fochten. Die Vorgeschichte dieses Kriegs erlebte Bebel noch mit und berichtete seinem Schweizer Gewährsmann darüber.

Der Umschlag 1912/13

Ausgangspunkt war die Wahl 1912. Drei Jahre zuvor, im Jahr 1909, hatte ein Steuerstreit das jahrzehntelange Bündnis von Konservativen und Nationalliberalen zerstört, so dass der Klassenkompromiss von Junkertum und Bourgeoisie, der das Reich jahrzehntelang getragen hatte, an sein Ende gelangte. Bis dahin hatten Konservative und (National-)Liberale durch ihre Wahlabsprachen stets dafür gesorgt, dass die SPD bei den Reichstagswahlen weniger Sitze erhielt als ihrem Stimmenanteil entsprach. Das unterstellte Bebel auch jetzt. Er war der Meinung, dass wie üblich eine "Verschwörung der andern Parteien gegen uns" stattfinden würde, "weil die bürgerlichen Parteien sich immer gegen die 'Sozis' zusammenschlössen." (Brief Bebel an Angst vom 14.Januar und Gespräch vom 22.Januar 1912; die Konservativen zählte er hier zu den "bürgerlichen" Parteien)

Doch tatsächlich gab es keine "Verschwörung" der anderen Parteien "gegen die Sozis" mehr, weil das Zerwürfnis zwischen ihnen zu tief ging. Die Konservativen blieben auf sich allein gestellt und erlitten große Mandatsverluste, während die SPD mehr als ein Drittel der Reichstagssitze eroberte. Das heißt, Bebel war sich der Tragweite des Bruchs von 1909 gar nicht bewusst, sonst wäre ihm klar gewesen, dass die Zusammenarbeit der Reichsgründungsparteien der Vergangenheit angehörte.

Nach ihrer Wahlniederlage versuchte die Junkerpartei zunächst, im Bündnis mit der Schwerindustrie die Verfassung außer Kraft setzen zu lassen, um das allgemeine Wahlrecht zu beseitigen. Als der Reichskanzler sich diesem Ansinnen verweigerte und kein anderes Mittel zur Rettung der alten Ordnung mehr übrig war, schwenkte sie auf einen Kriegskurs ein, in dessen Zuge 1913 eine umfangreiche Heeresvermehrung beschlossen wurde. Die damit im Zusammenhang stehenden Äußerungen Bebels gehören zu den letzten, die in der Studie Bleys dokumentiert sind.

Bis dahin hatten die Rüstungsvorhaben der kaiserlichen Regierung stets sowohl das Heer als auch die Marine berücksichtigt. Demgemäß forderten die liberalen Imperialisten auch jetzt, neben dem Heer die Schlachtflotte zu verstärken, liefen jedoch mitsamt dem Kaiser gegen eine Wand. An der Sitzung der Etatkommission des Reichstags, auf der die Rüstungsvorlage beraten wurde, nahm auch Bebel teil und informierte Angst anschließend darüber. Er berichtete, dass Großadmiral Tirpitz, der Schöpfer der Schlachtflotte, in der Sitzung "mit der größten Erregung" hatte offenbaren müssen, dass die Marine leer ausgehen würde. Die Haushaltsberatung demonstrierte, so Bebel, dass "die Militärkaste, d.h. die preußischen Junker, wieder einmal ihre ungeheure Macht bewiesen haben, indem sie gleichzeitig die Flotten- und Kolonialenthusiasten und den Kaiser selbst besiegten." Das heißt, an dieser Stelle machte sich das Kräfteverhältnis zwischen den beiden maßgeblichen politischen Blöcken – letztlich den führenden Klassen des Kaiserreichs – schlaglichtartig bemerkbar, ohne dass Bebel aus seiner eigenen Wahrnehmung weitergehende Schlussfolgerungen zog.

Für den SPD-Vorsitzenden stand nach der Sitzung fest: "Für die Flottenanhänger ist das Spiel völlig aus, und England sollte sich dessen bewusst sein. (…) Wir können nicht länger mit England um die Flottenherrschaft konkurrieren." (Gespräch mit Angst am 18.März 1913) Worauf er jahrelang gehofft und durch seine Kontakte mit London hingearbeitet hatte, war endlich Wirklichkeit geworden: Deutschland hatte das maritime Wettrüsten verloren und die Gefahr eines imperialistischen Kriegs zwischen Großbritannien und Deutschland war vorüber. Noch auf ihrem Friedenskongress in Basel Ende 1912 hatte die Sozialistische Internationale vor der "Gegnerschaft zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich" als "größte Gefahr für den Frieden Europas" gewarnt. Jetzt stand fest, dass die kaiserliche Marine nicht weiter aufgerüstet wurde, und damit schien die Kriegsgefahr vorüber zu sein.

Der reale Kurs auf einen Kontinentalkrieg

Worüber Bebel seinem Verbindungsmann in Zürich nicht mehr berichtete, weil es den Schlachtflottenkrieg nicht betraf, war eine vertrauliche Sitzung am 24.April 1913 im Reichstag mit Vertrauensleuten aller Parteien, auf der die Heeresverstärkung von Vertretern des Militärs erläutert wurde. Von Seiten der SPD nahmen außer Bebel noch zwei weitere Reichstagsabgeordnete daran teil (Ledebour und Frank). Über diese Sitzung, in der faktisch die Weichen von einem unrealistischen Seekrieg gegen Großbritannien zu einem realen Kontinentalkrieg gegen Russland und Frankreich gestellt wurden, sind wir aus den internen Berichten der bayrischen und württembergischen Militärbevollmächtigten informiert. (abgedruckt als Dokument 82 a, S.258 ff

Die Vertreter des Militärs begründeten die Notwendigkeit einer Nachrüstung mit den Rüstungsprogrammen Frankreichs und Russlands, die zeigen würden, dass diese Staaten einen Krieg gegen das Kaiserreich planten. Zugleich legten sie dar, dass im Kriegsfall Deutschland gemäß den Vorgaben des Schlieffen-Plans zuerst Frankreich angreifen müsse (inkl. Durchmarsch durch das neutrale Belgien), um sich nach dem in Bälde erwarteten Sieg Russland zuzuwenden. Die anwesenden Führungsmitglieder der SPD nahmen die Ausführungen der Militärs ohne Widerspruch entgegen. Obwohl mittlerweile die Forderung der Rechtskräfte nach einem Krieg als Ausweg aus der inneren Krise des Reichs unüberhörbar geworden war, brachten sie dies nicht in Zusammenhang mit den Kriegsvorbereitungen des preußischen Militärs.

Im Anschluss an die Sitzung erarbeitete Bebel eine Stellungnahme, die im Mai 1913 vom Parteivorstand der SPD unter dem Titel "Ein ernstes Wort in ernster Zeit. Militärvorlage und internationale Rüstungsindustrie" als Flugschrift herausgegeben wurde. Darin hieß es, dass "wir in Deutschland mit der Möglichkeit eines Angriffskrieges von außen einstweilen noch rechnen (müssen), namentlich von Osten her." Ein solcher Krieg würde wegen der vorhandenen Staatenbündnisse zum Weltkrieg werden und "unser Vaterland vielleicht vor die Frage von Sein oder Nichtsein stellen", woraus folgerte, "dass die geographische und politische Lage des Reiches die Vorbereitung einer starken Schutzwehr notwendig macht". (Dokument 82 b, S.272)

Das war eine vollständig andere Stellung als zuvor bei dem drohenden Schlachtflottenkrieg gegen Großbritannien und öffnete den Weg zur Bewilligung der Kriegskredite im August 1914 scheunentorweit. Der Umschlag lässt sich nicht mit "Verrat", aber auch nicht hinreichend mit der Verbürgerlichung der SPD erklären. Das Vordringen des Reformismus bereitete den Boden dafür, dass die SPD auf den Boden des bestehenden Staats trat. Doch damit ist nicht zu begründen, wieso die Stellung zur Kriegsfrage dermaßen bruchlos wechseln konnte.

Maritimer Angriffskrieg und kontinentaler Verteidigungskrieg ?

Als Begründung für dieses Verhalten arbeitet Bley in seiner Vorbemerkung heraus, dass Bebel zwar die Flottenrüstung als expansiv, aber die kontinentale Militärpolitik als defensiv beurteilte. (S.121) Bley teilt dieses Urteil nicht, doch in diesem Punkt hatte Bebel recht – allerdings nur bis 1912. Die Kontinentalpolitik der preußischen Militärs war im Grundsatz defensiv, denn was sollten die ostelbischen Gutsbesitzer mit territorialen Eroberungen anfangen? Sie hatten genug mit ihren Gutswirtschaften zu tun und brauchten keine neuen Ländereien. Wenn Bismarck wiederholt erklärt hatte, das geeinte Deutschland sei "saturiert" und der ganze Balkan nicht die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert, so galt diese Aussage, was den Militäradel betrifft, über die Abdankung des Reichsgründers hinaus; sie dokumentierte sich zuletzt in dem Nicht-Krieg 1911. Erst nach dem Wahlsieg der SPD und dem erfolglosen Staatsstreichversuch 1912 schlug die Position des Junkertums um, und da geschah es nicht aus außenpolitischen Erwägungen, sondern aus Angst vor dem innenpolitischen Machtverlust.

Ein Schlachtflottenkrieg gegen England war für Bebel wegen der kolonialen Forderungen des Kaiserreichs ein Angriffskrieg gewesen, und davor hatte er die britische Regierung unablässig gewarnt. Aber warum sollte Deutschland einen Angriffskrieg gegen Russland/Frankreich führen? Wirtschaftliche Gründe dafür waren auf deutscher Seite nicht erkennbar, und damit hatte das Reich nach dem vorherrschenden Marxismusverständnis keinen Kriegsgrund. Auf der anderen Seite war Bebel die innenpolitische Brisanz des Hegemonialbruchs 1909 nicht klar; erst recht nicht erkannte er dessen Umschlag in eine Kriegspolitik. Zwar benannte er die "ungeheure Macht der preußischen Militärkaste", aber dahinter steckte kein tieferes Verständnis der Klassenverhältnisse im Kaiserreich und deshalb konnte er nicht begreifen, dass es bei der 1913 einsetzenden Kriegsvorbereitung nicht um die Existenz Deutschlands ging, sondern um den Existenzkampf des Junkertums.

Unter diesen Umständen schien klar zu sein, dass bei einem kriegerischen Konflikt der russische Zarismus der Angreifer sein musste, der seine inneren Schwierigkeiten nach außen ablenken wollte. Für diesen Fall aber galt die Position, die Friedrich Engels 1891 begründet und Bebel mehrfach wiederholt hatte: dann mussten die deutschen Arbeiter die Zivilisation und die Errungenschaften der Arbeiterbewegung gegen die russische Barbarei verteidigen.

Da der zeitliche Übergang vom Szenario eines Schlachtflottenkriegs gegen Großbritannien zum Kontinentalkrieg gegen Russland/Frankreich innerhalb einer so kurzen Zeitspanne erfolgte und denkbar fließend war, ist der sozialdemokratische Positionswechsel bis heute schwer nachvollziehbar. Umso verdienstvoller ist es, dass die vorliegende Veröffentlichung ein Stück weit Licht in das Dunkel bringt.

Schluss: Ohne Kompass

In seiner Bewertung des SPD-Parteivorsitzenden konstatiert Bley kopfschüttelnd Bebels "Widersprüchlichkeit und unpolitische Naivität in wichtigen Fragen". Wer die dokumentierten Materialien nachliest, kann sich diesem Urteil nur anschließen. Bebel benannte einzelne Momente der Politik in Deutschland richtig, besaß jedoch keine weitergehende Klarheit über die klassenpolitische Gemengelage des Kaiserreichs.

In dem Jahr nach seinem Tod im August 1913 spitzte sich die Krise von Staat und Gesellschaft weiter zu und geriet die außerparlamentarische Stellung des preußisch-deutschen Militärs mehr und mehr ins Wanken. In dem Maße, wie das geschah, wurden die Rufe nach einem Krieg zur Wiederbefestigung der patriarchalischen Ordnung lauter. Insoweit ist nicht vorher zu sagen, wie Bebel sich letztlich zu dem Großen Krieg gestellt hätte. Aber eines lässt sich zweifelsfrei festhalten: seine bis dahin erfolgten Einschätzungen trugen nicht dazu bei, die innere Triebfeder des Wegs in diesen Krieg aufzudecken und im August 1914 eine richtige Stellung einzunehmen.

Helmut Bley: Bebel und die Strategie der Kriegsverhütung 1904-1913, Offizin-Verlag, Hannover 2014; 299 Seiten, Preis 19,80 €

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4. Kriegsfragen

Warum der 1.Weltkrieg nicht mit Lenins Imperialismustheorie zu erklären ist

(Zuerst erschienen in: Karuscheit/Wernecke/Wollenberg/Wegner: "Macht und Krieg. Hegemonialkonstellationen und Erster Weltkrieg"; VSA, Hamburg 2014; umgearbeitet und erweitert)



Die gegenwärtig populäre Behauptung vom schlafwandlerischen Hineinstolpern der europäischen Mächte in den Ersten Weltkrieg weisen viele Marxisten mit dem Hinweis auf dessen imperialistischen Charakter zurück. Ausgesprochen oder nicht stützen sie sich dabei auf die Imperialismustheorie, die Lenin 1915-16 im Schweizer Exil ausarbeitete. So gängig diese Theorie jedoch immer noch ist – sie ermöglicht weder eine zutreffende Einschätzung des Kriegs noch der Fehler der Sozialisten.

1. Die Frage nach dem Wesen des Kriegs

Mit dem von ihm geführten Mehrheitsflügel der russischen Sozialdemokratie gehörte Lenin zu den wenigen Sozialisten, die den Anfang August 1914 begonnenen Krieg der europäischen Großmächte von Anfang an als reaktionär betrachteten und die Vaterlandsverteidigung in jedem beteiligten Land als Verrat an den Interessen des Proletariats verurteilten.

Im Gegensatz dazu rief die führende Partei der Sozialistischen Internationale, die deutsche Sozialdemokratie, zur Vaterlandsverteidigung auf. Die Kriegsentscheidung vollendete eine seit Jahren im Gang befindliche Entwicklung, die jetzt zum Durchbruch kam: die SPD war zu einer bürgerlichen Arbeiterpartei geworden. Allerdings war die Burgfriedenspolitik intern umstritten und nahmen mit der Dauer des Kriegs die Gegenstimmen zu. Im Brennpunkt der Kontroversen stand Karl Kautsky, als führender Theoretiker der SPD eine internationale Autorität des Marxismus und Schlüsselfigur des sogenannten "Parteizentrums". Kautsky schwankte in seiner Stellung zum Krieg. Einerseits kritisierte er die Vaterlandsverteidigung, andererseits vermied er eine klare Verurteilung der Parteiführung und sorgte dafür, dass die Linken innerhalb der SPD blieben.

Wenn sich eine neue, revolutionäre Internationale gründen wollte, kam es in erster Linie auf die deutsche Arbeiterbewegung an, und dazu musste sich der linke Parteiflügel von Kautsky und der SPD trennen. Um diesen Prozess voran zu treiben, beschäftigte Lenin sich seit Ende 1914 intensiv mit der Imperialismusfrage und verfasste 1916 die Schrift "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus". 1917 in Russland erschienen, wurde sie nach der Oktoberrevolution zu einem Schlüsselwerk des mittlerweile selbständig organisierten kommunistischen Flügels der Arbeiterbewegung.

2. Das Versagen der Imperialismuserklärungen

Bis dahin galt als "Imperialismus" die koloniale Aufteilung der Erde, zu der die Großmächte im letzten Viertel des 19.Jahrhunderts übergegangen waren.30 Die von den Marxisten dafür entwickelten Erklärungen knüpften meist an bürgerliche Theorien an und stellten darauf ab, dass die Kolonien wegen der dort vorhandenen Rohstoffe, vor allem aber als Absatzmärkte für die eigenen Industriewaren benötigt würden.31 Ohne zusätzliche äußere Märkte würde der Kapitalismus in eine dauerhafte Überproduktionskrise geraten und zusammenbrechen, das war nach dem gegebenen politökonomischen Verständnis die einhellige Meinung der Marxisten.

Als dieser Prozess Ende des Jahrhunderts im wesentlichen abgeschlossen war, Großbritannien 1898 mit Frankreich in Faschoda wegen des Sudans zusammen stieß, Deutschland zur selben Zeit den Anspruch auf einen "Platz an der Sonne" erhob und zur Durchsetzung dieses Anspruchs eine gewaltige Schlachtflotte aufbaute, schloss man daraus, dass ein Kampf um die Neuverteilung des Kolonialbesitzes begonnen hätte, der die Gefahr eines großen Krieges in sich barg. Die Marokkokrisen von 1905 und 1911, in denen das Kaiserreich versuchte, auf Kosten Frankreichs ein zusammenhängendes Kolonialreich in Afrika zu erwerben, bestätigten diese Auffassung.

Während die parallel laufende Debatte um einen friedlichen oder gewaltsamen Übergang zum Sozialismus heftige Auseinandersetzungen hervorrief, gab es zur Frage des Imperialismus und der daraus resultierenden Kriegsgefahr keine nennenswerten Kontroversen. Der Kongress der sozialistischen Parteien Ende 1912 in Basel, der letzte vor dem großen Krieg, bezeichnete in diesem Sinn den Gegensatz "zwischen Deutschland auf der einen, Frankreich und England auf der anderen Seite", der in der Marokkokrise ein Jahr zuvor an den Rand eines Kriegs geführt hatte, einhellig als "die größte Gefahr für den Weltfrieden".

Ein politisches und theoretisches Fiasko

Vor diesem Hintergrund bedeutete der zwei Jahre später ausgebrochene Krieg ein vollständiges Fiasko für die Sozialisten. Nicht nur kämpften die Mitgliedsparteien der sozialistischen Internationale auf entgegengesetzten Seiten der Front, darüber hinaus war er eine Bankrotterklärung für die marxistische Theorie (bzw. ihre gegebene Fassung), denn sie konnte das Geschehen nicht erklären.

Zum einen waren keine wirtschaftlichen Gründe für den Krieg erkennbar. Es gab keine Wirtschaftskrise; im Gegenteil verlief der Akkumulationsprozess des Kapitals ungestört. Ebenso wenig gab es größere wirtschaftliche Konflikte zwischen den kapitalistischen Großmächten, die einen Krieg gerechtfertigt hätten. Am wenigsten Grund, aus ökonomischen Motiven in den Krieg zu gehen, hatte Deutschland, das aufgrund der überlegenen Produktivität seines Nationalkapitals Frankreich und Großbritannien hinter sich gelassen hatte und weiter auf dem Vormarsch war. Vor allem aber resultierte der Krieg nicht aus einem Kolonialstreit der imperialistischen Mächte, wie man das immer angenommen hatte. Weder bei Kriegsausbruch noch im Verlauf des Kriegs spielte die Kolonialfrage eine besondere Rolle.

Das aber hieß nach dem gegebenen Imperialismusverständnis, dass der Konflikt nicht als "imperialistisch" einzustufen war. Schließlich ging er ja auch aus einem Zusammenstoß des industriell fortgeschrittenen Deutschland (an der Seite der Habsburgermonarchie) mit dem zurückgebliebenen zaristischen Russland hervor. Das verschaffte der SPD die Legitimation zur Vaterlandsverteidigung und machte es umgekehrt den Linken in der SPD so schwer, ihren Widerstand dagegen zu begründen. Schließlich hatte Engels noch 1891 vertreten, dass die deutschen Arbeiter bei einem Überfall Russlands die Zivilisation und die Errungenschaften der Arbeiterbewegung an der Seite der Regierung verteidigen müssten, und Bebel hatte dies bis zu seinem Tod 1913 wiederholt.

Politik statt Ökonomie

Die Erkenntnis, dass das Deutsche Reich als der Hauptverursacher des Geschehens aufgrund innergesellschaftlicher Konflikte in den Krieg gegangen war, lag außerhalb des Horizonts der führenden Marxisten. Man sah zwar, dass heftige innenpolitische Auseinandersetzungen das Kaiserreich erschütterten und die schwerindustriellen Bündnispartner des junkerlichen Militäradels ihre Führungsstellung in der maßgeblichen bürgerlichen Partei verloren. Doch begriff man die Ereignisse nicht als Klassenkampf um die Macht zwischen preußischem Junkertum und einer gespaltenen Bourgeoisie, sondern interpretierte sie als Streitereien zwischen verschiedenen Abteilungen einer einzigen herrschenden (bürgerlichen) Klasse.

Da der Krieg also weder aus der Ökonomie noch aus gesellschaftlichen Widersprüchen herzuleiten war, blieb nur die Politik übrig, und diese Position verfocht Karl Kautsky. Zuvor hatte er selber jeden außenpolitischen Kurswechsel mit einer Wirtschaftskrise oder Prosperitätsphase begründet, doch jetzt war er ebenso wie die anderen Marxisten außerstande, ökonomischen Ursachen für das Geschehen dingfest zu machen. Deshalb charakterisierte er den Imperialismus nunmehr als "eine besondere Art kapitalistischer Politik", als "die vom Finanzkapital bevorzugte Politik". Damit war der Krieg keine Folge wirtschaftlicher Gesetzmäßigkeit, sondern entsprang einer autonom betriebenen Außenpolitik – man war sozusagen aufgrund von Fehlentscheidungen der verantwortlichen Politiker dort hineingeschlittert.

Wenn die Kriegsentscheidung aber lediglich aus einer vom Kapital "bevorzugten" Politik resultierte, war sie revidierbar, und dasselbe betraf die Entscheidung der SPD zur Vaterlandsverteidigung. Es gab demzufolge keinen Grund, die Partei zu verlassen und eine neue revolutionäre Partei zu gründen.

3. Die Abgrenzung von Kautsky

Die Auseinandersetzung mit diesem Standpunkt bildet den roten Faden der Leninschen Imperialismusschrift. "Aber streiten muss man über die Definition des Imperialismus vor allem mit dem führenden marxistischen Theoretiker der Epoche der sogenannten zweiten Internationale, d.h. des Vierteljahrhunderts von 1889-1914, mit K.Kautsky."32 Ins Zentrum des Streits rückte der Führer der Bolschewiki Kautskys Theorie, "dass unter Imperialismus nicht eine 'Phase' oder Stufe der Wirtschaft, sondern eine Politik, nämlich eine bestimmte, vom Finanzkapital 'bevorzugte' Politik zu verstehen sei, dass der Imperialismus nicht mit dem 'modernen Kapitalismus' 'gleichgesetzt' werden könne". In dieser nur-politischen Erklärung von Imperialismus und Krieg erblickte Lenin eine "Vertuschung der tiefsten Widersprüche" und formulierte demgegenüber die Aufgabe, "sich in der ökonomischen Grundfrage zurechtzufinden, ohne deren Studium man nicht im geringsten verstehen kann, wie der jetzige Krieg und die jetzige Politik einzuschätzen sind, nämlich in der Frage nach dem ökonomischen Wesen des Imperialismus."

Monopol- und Finanzkapital als Grundlage des Imperialismus

Um diese "ökonomische Grundfrage" zu beantworten, machte er sich die Monopoltheorie des deutsch-österreichischen Marxisten Rudolf Hilferding zu eigen, die dieser in seinem 1910 erschienenen Werk "Das Finanzkapital" ausgearbeitet hatte. In dieser "Studie über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus" vertrat Hilferding, ein Weggefährte Kautskys und in der Weimarer Republik Reichsfinanzminister, dass das Zeitalter der freien Konkurrenz vorüber sei. Durch Ausschaltung der Konkurrenz werde das Kapital zum Monopol und gleichzeitig würden Industrie-, Handels- und Bankkapital zu einem einzigen Kapital unter Herrschaft der Banken verschmelzen, zum "Finanzkapital".

Der Monopolkapitalismus, der auf diese Weise an die Stelle des Konkurrenzkapitalismus trat, war seiner Auffassung nach kein Kapitalismus im eigentlichen Sinne mehr, sondern eine Übergangsformation hin zum Sozialismus. Dementsprechend konnten die von Marx im "Kapital" entwickelten Gesetzmäßigkeiten keine Gültigkeit mehr beanspruchen; sie wurden aufgehoben durch Hilferdings Theorie des Finanzkapitals.

Wenn man das Werk des Wiener Wirtschaftswissenschaftlers im konkreten historischen Zusammenhang betrachtet, erkennt man dessen empirischen Hintergrund. Es verallgemeinerte einerseits damalige Kartellierungstendenzen hauptsächlich in der deutschen Schwerindustrie, andererseits das in Deutschland vorherrschende Universalbankensystems, dessen Verabsolutierung Hilferding zur Annahme einer Unterordnung des Industrie- und Handelskapitals unter die Banken brachte.

Die fehlerhafte Interpretation dieser Erscheinungen in Richtung auf eine neue Entwicklungsstufe des zu Ende gehenden Kapitalismus war nur auf Basis des unzureichenden Verständnisses der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie möglich, das in der Zweiten Internationale vorherrschte. Der dritte Band des "Kapitals" war erst 1894 erschienen, die "Theorien über den Mehrwert" kamen 1905-1910 heraus, die "Grundrisse" der Kritik der politischen Ökonomie 1939-1941, und eine grundlegende Rezeption der von Marx gegebenen Darstellung des Gesamtzusammenhangs der kapitalistischen Produktion hatte bis dahin nicht stattgefunden. Deshalb stand Hilferding mit seinem irrigen Verständnis von Kapital und Konkurrenz nicht alleine und konnte seine Monopoltheorie ohne Widerspruch vertreten.

Lenin betrachtete das Werk Hilferdings als "höchst wertvolle Studie". Ein näherer Vergleich seiner Imperialismusschrift mit dem "Finanzkapital" zeigt, dass er in allen wesentlichen Punkten die Auffassungen Hilferdings wiedergibt.33 Auf dieser Linie schrieb er: "Ökonomisch ist das Grundlegende in diesem Prozess die Ablösung der kapitalistischen freien Konkurrenz durch die kapitalistischen Monopole"; seit Beginn des 20.Jahrhunderts hätten diese "in den fortgeschrittenen Ländern das völlige Übergewicht" gewonnen, so dass an die Stelle des freien Spiels der Kräfte durch miteinander konkurrierende Kapitale das "Herrschaftsverhältnis und die damit verbundene Gewalt" getreten sei. In Kurzform hieß dies, "dass der Imperialismus das monopolistische Stadium des Kapitalismus ist".

Lenins Imperialismusbegriff

Die Übernahme der ökonomischen Theorie Hilferdings war indessen nur der erste Schritt. Im Zusammenhang mit dem Übergang zum Monopol unterstellte Lenin weitreichende gesellschaftspolitische Veränderungen, die ihn dazu brachten, die Auffassungen von Marx auch auf diesem Gebiet für überholt zu halten.

Die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus hatten einen allgemeinen Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Kapitalismus und der Durchsetzung der (bürgerlichen) Demokratie angenommen. Diesen Zusammenhang sah Lenin nunmehr durch das Monopol aufgelöst. Entsprach dem freien Spiel der Kräfte im Konkurrenzkapitalismus die Demokratie, so entsprach dem Monopolkapitalismus die Reaktion nach innen und die Aggression nach außen: "Der Imperialismus ist die Epoche des Finanzkapitals und der Monopole, die überallhin den Drang nach Herrschaft und nicht nach Freiheit tragen. Reaktion auf der ganzen Linie ... – das ist das Ergebnis dieser Tendenzen." Oder in einem Satz komprimiert: "politisch ist Imperialismus überhaupt Drang nach Gewalt und Reaktion." Nach innen korrespondierte die ökonomische Herrschaft der Monopole demzufolge mit der Tendenz zum Abbau der Demokratie, nach außen mit der Gewalt der Kriege, die die entwickelten Staaten unvermeidlich miteinander führten: "Die Epoche der imperialistischen Kriege hat begonnen".

Gleichzeitig beschränkte sich der Imperialismus nicht länger auf den Kampf um (nichtindustrialisierte) Kolonien als Absatzmärkte für die eigenen Industrieprodukte, wovon die bisherige Imperialismuserklärung ausging. Vielmehr meinte Lenin: "Für den Imperialismus ist gerade das Bestreben charakteristisch, nicht nur agrarische, sondern sogar höchst entwickelte Industriegebiete zu annektieren (Deutschlands Gelüste auf Belgien, Frankreichs auf Lothringen)".

Schließlich bot die Monopoltheorie auch eine Antwort auf die Frage nach der Ausbreitung des Reformismus in der Arbeiterbewegung. Die "ökonomischen Wurzeln dieser Erscheinung" sah Lenin in den Extraprofiten, die das Monopolkapital sich aneignete und von denen es einen Teil dazu verwendete, eine obere Schicht der Arbeiter zu bestechen und eine verbürgerlichte Arbeiteraristokratie heran zu ziehen.

Ein neuer Imperialismusbegriff

Zusammen genommen unterschied sich der neue Imperialismusbegriff grundlegend von den vorherigen Erklärungen:

Das Problem, auf das die Theoretiker der Zweiten Internationale, vorweg Kautsky, keine Antwort gefunden hatten, schien somit gelöst: Lenin hatte die wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten aufgedeckt, aus denen der Krieg resultierte; er hatte die "ökonomischen Grundfrage" beantwortet, "ohne deren Studium man nicht im geringsten verstehen kann, wie der jetzige Krieg und die jetzige Politik einzuschätzen sind, nämlich (die) Frage nach dem ökonomischen Wesen des Imperialismus."

Daraus folgte, dass der jetzige Krieg imperialistisch war, auch wenn er nicht aus einem Kolonialkonflikt hervorging. Mehr sagte Lenin in seiner Schrift nicht zu dem gerade stattfindenden Zusammenprall der Großmächte.

4. Mängel der neuen Theorie

Folgte man der hier in Kurzform vorgestellten Erklärung, stand fest, dass die Politik der Vaterlandsverteidigung in Deutschland genauso verfehlt war wie in Russland. Aber auch wenn diese Schlussfolgerung richtig war – die dafür zugrunde gelegte Monopoltheorie ist es nicht.

Doch wie sieht es mit der weitergehenden These der Durchsetzung eines allgemeinen Gewaltverhältnisses seit der Jahrhundertwende aus? Inwieweit entspricht die Behauptung von einer "Reaktion auf der ganzen Linie" der gesellschaftlichen Realität in den kapitalistisch entwickelten Staaten? Um das zu überprüfen, ist es angebracht, einen Blick auf die innenpolitische Entwicklung in Frankreich, Großbritannien und Deutschland, d.h. in den wichtigsten "fortgeschrittenen" Staaten Europas, zu werfen.

Reaktion auf der ganzen Linie?

In Frankreich versuchten mächtige konservativ-restaurative Kräfte seit Gründung der Dritten Republik, diese zu stürzen und einen autoritären Staat in Form einer neuen Monarchie zu errichten. Gestützt auf große Teile des Kleinbürgertums, konzentrierten sich diese Kräfte im Adel und im Offizierskorps der Armee; ihr politisches und ideologisches Zentrum bildete die katholische Kirche. Anfang des 20.Jahrhunderts gelangten die Widersprüche anlässlich der Dreyfus-Affäre zur Austragung – und endeten mit einer schweren Niederlage für die Partei der Restauration. Die kirchlichen Schulen wurden geschlossen, ein einheitliches staatliches Schulsystem eingeführt, die staatliche Besoldung der Bischöfe eingestellt und die katholischen Ordensgemeinschaften aufgelöst. 1905 machte das Gesetz über die Trennung von Staat und Kirche den Laizismus zur Staatsräson und besiegelte den Sieg der demokratischen Kräfte über die Reaktion. Nach dem Fall des bonapartistischen Kaisertums 1870 war dies für Frankreich ein erheblicher gesellschaftlicher Fortschritt, der künftig nicht mehr rückgängig zu machen war.

In Großbritannien spielte sich wenige Jahre darauf ein ähnlich gelagerter Kampf zwischen bürgerlichen und adelig-konservativen Kräften ab, der hier zwischen Unterhaus und Oberhaus, zwischen dem bürgerlich bestimmten "House of Commons" und dem "House of Lords" ausgetragen wurde. Im Prinzip war das Unterhaus schon seit langem das Herrschaftszentrum Großbritanniens, aber die Aristokratie verfügte nach wie vor über starke Machtpositionen, politisch konzentriert in der Stellung des Oberhauses, das die Arbeit des Parlaments durch sein Veto lahm legen konnte. Nachdem die Lords wichtige Gesetzesvorhaben des Unterhauses immer wieder blockiert hatten, kam es nach dem Jahrhundertwechsel zu einem offenen Kampf der Klassen, der wie in Frankreich mit einer Niederlage des Adels endete. Die Parlamentsakte von 1911 legte fest, dass ein Veto der Adelskammer das Inkrafttreten der vom Unterhaus verabschiedeten Gesetze nur noch zeitlich aufschieben, aber nicht mehr verhindern konnte.

Bei zwei wichtigen kapitalistischen Staaten muss man also feststellen, dass die These von einer "Reaktion auf der ganzen Linie" nicht zutrifft.

Imperialismus, Adelsmacht und Demokratie

Anders scheint es hingegen in Deutschland zu sein. Hier waren nicht nur große Teile der Schwerindustrie kartelliert, bildeten also im Sinne Hilferdings und Lenins ein Monopol, sondern agierte die politisch mächtige Montanbourgeoisie auch als Trägerin der Reaktion. Gemeinsam mit dem herrschenden preußischen Gutsadel wandte sie sich gegen alle Bestrebungen zur Demokratisierung des Staats, verlangte die Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts und wollte die Sozialdemokratie verbieten lassen. Nachdem ein versuchter Staatsstreich zur Realisierung dieser Ziele 1912 fehlgeschlagen war, wurde das Rechtsbündnis zur Kriegspartei und vermochte es schließlich, die Regierung in den gewünschten Krieg hinein zu treiben. Insoweit kann man davon ausgehen, dass Deutschland nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch die Blaupause für die von Lenin gezogenen Schlussfolgerungen bildete.

Sieht man indes genauer hin, muss man feststellen, dass dem Entschluss zum Krieg eine Kette von Rückschlägen für das junkerlich-schwerindustrielle Rechtsbündnis voranging: Die Montanindustriellen verloren die Herrschaft über die maßgebliche bürgerliche Partei der Nationalliberalen, die außerparlamentarische Stellung der Armee kam ins Wanken, die konservative Junkerpartei geriet im Parlament in die Isolierung und der Kanzler stellte sich ihrem Staatsstreichvorhaben in den Weg. Nicht ihre Siege, ihre Niederlagen führten das Lager der Reaktion in den Krieg.

Setzt man die drei genannten Länder in Beziehung, drängt sich daher eine andere Schlussfolgerung auf, als Lenin sie gezogen hat. Richtig ist, dass sich überall starke reaktionäre Kräfte gegen die Demokratie stemmten. Jedoch war nicht das neuartige Kapital, sprich das Monopol- oder Finanzkapital, der Hauptträger dieser Reaktion, sondern der nach wie vor mächtige Adel. Er kämpfte in unterschiedlichen Konstellationen um die Aufrechterhaltung seiner Machtstellung, je nach Gegebenheit im Bündnis mit Teilen des Bürgertums, der Kirche und dem Militär. Das führte in den Jahren vor dem Krieg in allen Staaten zu heftigen Auseinandersetzungen, die jeweils mit Niederlagen für die rückwärts gerichteten Kräfte endeten. Die Partei der Reaktion war nicht in der Lage, das Rad der Geschichte zurück zu drehen.

Die deutsche Gegenläufigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft

Im Prinzip traf dies auch auf Deutschland zu. Doch infolge der durch Bismarck vollzogenen Reichseinigung unter Führung Preußens war die Machtstellung des Militäradels hier stärker als in Frankreich und Großbritannien. Zwar geriet seine Vorherrschaft ins Wanken, doch zusammen mit dem rechten Flügel der Bourgeoisie war er in der Lage, den Kampf nach außen zu tragen und Deutschland einen Krieg zur Wiederbefestigung der instabil gewordenen alten Ordnung aufzuzwingen.

Für eine solche Beurteilung der Geschehnisse in den entwickelten Ländern ließ die Imperialismustheorie keinen Raum, im Gegenteil meinte Lenin, dass der gemeinsame Monopolcharakter der Ökonomie die imperialistischen Staaten innenpolitisch einander annähern würde. "Andererseits zeigt ein Vergleich, sagen wir, der republikanischen amerikanischen Bourgeoisie mit der monarchistischen japanischen oder deutschen, dass auch der stärkste politische Unterschied in der Epoche des Imperialismus in hohem Grade abgeschwächt wird – nicht etwa, weil er überhaupt unwichtig wäre, sondern weil es sich in allen diesen Fällen um eine Bourgeoisie mit ausgesprochen parasitären Zügen handelt." Demzufolge würde es zwischen den USA und Japan, Großbritannien, Frankreich und Deutschland keine wesentlichen politischen Unterscheidungen mehr geben, gleich ob sie als Monarchie oder parlamentarische Republik organisiert waren, denn maßgeblich sei der identische ökonomische Inhalt, nämlich das Monopolkapital und eine parasitäre Bourgeoisie. Die neue Epoche hätte also fertiggebracht, was die Revolution im 19.Jahrhundert versäumt hatte: mit der übergreifenden Durchsetzung des Monopol- und Gewaltverhältnisses hätten sich die Unterschiede zwischen den Staaten der bürgerlichen Revolution und dem Deutschen Kaiserreich eingeebnet.

Das aber hieß, dass die deutsche Gegenläufigkeit von wirtschaftlicher Entwicklung und gesellschaftlicher Rückständigkeit sich quasi umkehrte, denn in der Logik der Imperialismustheorie resultierten die demokratischen Defizite des Kaiserreichs jetzt nicht mehr aus der steckengebliebenen bürgerlichen Revolution, sondern aus dem besonders entwickelten Monopolverhältnis. Als das am weitestgehenden monopolistische Land schien Deutschland auch politisch am weitesten zur "Reaktion nach innen und Aggression nach außen" vorangeschritten zu sein.

5. Höchstes Stadium des Kapitalismus?

Gleich zu Beginn des Kriegs, noch vor Erarbeitung seiner Imperialismusschrift, hatte Lenin eine bemerkenswerte Stellungnahme zum Krieg abgegeben, die die Probleme bei dessen Einschätzung offenbart. Im August 1914 verabschiedete eine Gruppe führender Bolschewiki eine von ihm verfasste Resolution, in der es hieß: "Der Europa und die ganze Welt erfassende Krieg trägt den klar ausgeprägten Charakter eines bürgerlichen, imperialistischen, dynastischen Krieges." Der Krieg wird hier mit gegensätzlichen Merkmalen beschrieben – einerseits "bürgerlich" bzw. "imperialistisch", andererseits "dynastisch". Insoweit kann von einem "klar ausgeprägten" Charakter keine Rede sein. Im Gegenteil spiegelt sich hierin die Schwierigkeit wider, das widersprüchliche Wesen des Kriegs zu fassen.

Der Doppelcharakter des Kriegs

In demselben Sinn schrieb Lenin kurz darauf: "die äußerste Zuspitzung des Kampfes um die Märkte in der Epoche des jüngsten, des imperialistischen Entwicklungsstadiums des Kapitalismus in den fortgeschrittenen Ländern, die dynastischen Interessen der rückständigsten, der osteuropäischen Monarchien mussten unvermeidlich zu diesem Krieg führen und haben zu ihm geführt." Das benennt die Tatsache, dass Staaten unterschiedlicher gesellschaftlicher Entwicklungsstufen an dem Waffengang teilnahmen: auf der einen Seite fortgeschrittene bürgerliche Staaten wie Großbritannien und Frankreich, auf der anderen Seite rückständige osteuropäische Dynastien wie vorweg das zaristische Russland, aber auch das österreichisch-ungarische Habsburgerreich.

Dementsprechend trug der Krieg politisch zwei verschiedene Gesichter. Großbritannien und Frankreichs verteidigten im Kampf um die Märkte ihre koloniale Weltstellung (wobei für Frankreich die Rückeroberung Elsass-Lothringens wichtiger war), sie führten also einen bürgerlich-imperialistischen Krieg. Anders dagegen das rückständige Zarenreich, bei dem von einem Kampf um die Märkte keine Rede sein konnte; hier waren innenpolitische Gründe maßgeblich: die Angst vor der Revolution und das Streben nach Aufrechterhaltung der "dynastischen", sprich zaristischen Herrschaft.

Das aber heißt, dass wir auf gesamteuropäischer Ebene dieselbe Problematik antreffen wie im Deutschen Kaiserreich, nämlich die Kombination zweier Arten von Krieg: einmal für bürgerlich-imperialistische Ziele, ein andermal für die Aufrechterhaltung der alten Ordnung. Beide Arten bzw. Seiten des Kriegs waren reaktionär und verdienten keine Unterstützung, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen. Doch wie war angesichts dieser widersprüchlichen Aspekte der Gesamtcharakter des Kriegs zu beurteilen?

Diese Frage wurde durch Deutschland entschieden, das im Zentrum des Kriegsgeschehens stand, und hier lag die Antwort auf der Hand. Lenin hielt das deutsche Kaiserreich ebenso wie die gesamte Zweite Internationale (bis auf wenige Ausnahmen) für einen bürgerlichen Staat wie Frankreich oder England. Zwar konstatierte er ab und zu das Vorhandensein junkerlicher Relikte, aber diese Relikte waren für ihn untergeordnet. Ausschlaggebend war, dass Deutschland der ökonomisch entwickeltste Staat Europas war, derjenige Staat, der am weitesten zum Monopolkapitalismus-Imperialismus vorangeschritten war.

Daher schien es keine Frage, dass in Deutschland ebenso wie in Großbritannien oder Frankreich die Bourgeoisie herrschte, und das bedeutete, dass seiner Auffassung nach die Sicherung der alten Ordnung lediglich für Russland kriegsbestimmend war, nicht aber für Deutschland und die anderen Länder, so dass der bürgerlich-imperialistische Charakter des Weltkriegs insgesamt überwog.

Eine Epoche der bürgerlichen Revolution

Dem entsprach das von Lenin befürwortete Revolutionsprogramm. In Russland, "das seine bürgerliche Revolution noch nicht vollendet hat", sah er die Aufgabe "einer konsequenten demokratischen Umwälzung" anstehen; "in allen fortgeschrittenen Ländern dagegen stellt der Krieg die Losung der sozialistischen Revolution auf die Tagesordnung".34 Diese Losung wurde durch die Monopoltheorie untermauert, der zufolge der Imperialismus "charakterisiert werden muss als Übergangskapitalismus oder, richtiger, als sterbender Kapitalismus", der "auf der ganzen Linie die Züge einer Übergangsperiode vom Kapitalismus zu einer höheren ökonomischen Gesellschaftsformation" trägt.

In dieser Schlussfolgerung einer historisch anstehenden sozialistischen Revolution kulminierte der fehlerhafte Ansatz der Imperialismusschrift, denn die bürgerliche Revolution war nicht nur in Russland noch nicht vollendet, sondern auch in Deutschland. Der Weltkrieg war kein Ausdruck des "höchsten Stadiums des Kapitalismus", wie Lenin meinte; er ordnet sich vielmehr ein in das Auf und Ab einer langdauernden Epoche der bürgerlichen Revolution, in deren Zentrum nach der großen französischen Revolution und den Napoleonischen Kriegen Deutschland stand.

Durch die deutschen Einigungskriege 1864-1870 war es Bismarck gelungen, den Lauf dieser Revolution zu unterbrechen und den preußischen Gutsadel für weitere Jahrzehnte an der Macht zu halten. Doch unter dem unaufhaltsamen Druck der ökonomisch-gesellschaftlichen Entwicklung gerieten die Junker seit der Jahrhundertwende erneut in Bedrängnis, bis sie keinen anderen Ausweg mehr als die Flucht in den Krieg sahen, um dem Voranschreiten der Demokratie zu begegnen. Indes bewirkte dieser Versuch, das Rad der Geschichte aufzuhalten, das Gegenteil, denn unter den Belastungen des vierjährigen Waffengangs brach die alte Ordnung nicht nur im zaristischen Russland zusammen, sondern auch im Deutschen Kaiserreich.

Der "größte Mangel des revolutionären Marxismus in Deutschland"

Das Programm einer sozialistischen Revolution gab darauf keine geeignete Antwort, denn vorher musste die bürgerliche Revolution vollendet werden, und das hieß, dass die Arbeiterbewegung in einem demokratischen Bündnis mit dem ländlichen und städtischen Kleinbürgertum das Junkertum und die mit ihm liierte Montanbourgeoisie stürzen musste. Nicht "das Fehlen einer festgefügten illegalen Organisation" war der "größte Mangel des gesamten revolutionären Marxismus in Deutschland", wie Lenin 1916 in seiner Kritik an Rosa Luxemburg meinte35es war das Fehlen einer realitätstauglichen politischen Strategie der demokratischen Umwälzung.

Der am Ausgang des Kriegs unternommene Versuch, im Alleingang des Proletariats den Sozialismus zu erkämpfen, scheiterte mit Notwendigkeit. Anstelle der halben Revolution von 1918 kam es 1933 zu einer ganzen Konterrevolution, und in der Folge gelangte die Epoche der bürgerlichen Revolution in Deutschland erst nach einem weiteren Krieg unter gänzlich veränderten Bedingungen zum Abschluss.

Auf dem Boden einer Theorie, die mit der Wende zum 20. Jahrhundert das höchste Stadium eines sterbenden Kapitalismus angebrochen sieht, ist der Verlauf der deutschen Gesellschaftsgeschichte nicht nachvollziehbar.



1Zur Entstehung des Kriegs Karuscheit: Deutschland 1914 – Vom Klassenkompromiss zum Krieg, Hamburg 2014

2Zu Bethmanns politischem Konzept: Wollscheid

3Wehler, S.66

4Zu den deutschen Kriegszielen insgesamt Fischer, S.87 ff

5Fischer, S.146

6Zu Stresemanns durchgängigem Annexionsprogramm Birkelund, S. 99-104

7Fischer, S.149

8Fischer, S.90

9Fischer, S.95

10Holger Afflerbach: Die militärische Planung des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg; in Michalka, S.296 f

11Wollstein, S. 130, 132

12Hans-Jürgen Schröder: Demokratie und Hegemonie. Woodrow Wilsons Konzept einer Neuen Weltordnung; in: Michalka, S. 158 ff

13Werner Rahn: Strategische Probleme der deutschen Seekriegführung; in: Michalka, S.356 f

14Ragnhild Fiebig-von Hase: Der Anfang vom Ende des Krieges: Deutschland, die USA und die Hintergründe des amerikanischen Kriegseintritts am 6.April 1917; in: Michalka, S.125 ff

15Bohlmann, S. 266

16Tagebuch Riezler, zit. in: Wehler, S.174, 166, 171

17Fischer, S.279

18Fischer, S.271

19Rosenberg 1, S.141

20Rosenberg 1, S.147

21Rosenberg 1, S.151

22Wollscheid, S.152

23Zit. in Fischer, S.339

24Rosenberg 1, S.152

25Rosenberg 1, S.184 ff

26Craig, S.341

27Rosenberg 1, S.197

28Ernst-Wolfgang Böckenförde: Der Zusammenbruch der Monarchie und die Entstehung der Weimarer Republik; in: Bracher u.a., S.24

29Rosenberg 1, S. 212

30Eric J.Hobsbawm: Das imperiale Zeitalter 1875-1914; Frankfurt/M 1995; Gregor Schöllgen: Das Zeitalter des Imperialismus; München 2000

31Hans-Christoph Schröder: Sozialistische Imperialismusdeutung, Göttingen 1973; Wolfgang J.Mommsen: Imperialismustheorien, Göttingen 1977

32Dieses und die weiteren Zitate Lenins, soweit nicht anders vermerkt, aus: "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus", LW 22, S. 189-309

33hierzu die Aufsätze zur Diskussion (AzD) 39/1987 "Kapital und Monopol. Zur Kritik der Monopoltheorie bei Hilferding und Lenin" = www.kommunistische-debatte.de/imperialismus/monopol1987_1.html

34Der Krieg und die russische Sozialdemokratie (September 1914); Lenin Werke 21, S. 19 f

35Lenin: Über die Junius-Broschüre (Juli 1916); Lenin Werke 22, S. 312